Multidimensional faktenarm

Okay, Party People, kommen wir zum Ernst des Lebens. Hier sind die Informanten der gerade noch aktuellen Ausgabe von „OK!“1:

„US-Magazine“, „Nachbarn“, „Kumpels“, „ein Vertrauter“, „Freundinnen“, „ein Freund“, „eine gute Freundin“, „Costa Cordalis“, „ein Insider“, „Insiderkreise“, „Freunde“, „Insider“, „Experten“, „ein Branchenkenner“, „eine anonyme Konkurrentin“ und die „OK!-Wahrsagerin Karen“.

Jetzt kommt eine Meinungsäußerung: Ich bin mir relativ sicher, dass keiner dieser Informanten tatsächlich existiert.

Doppelseite mit Fotos von Lucas Cordalis und Daniela Katzenberger, Überschrift: "Doät-Zoff"

Bei Costa Cordalis war ich mir kurz unsicher, aber was er zum Thema der Geschichte – Nervt es seinen Sohn Lucas Cordalis2, dass dessen Frau Daniela Katzenberger so zugenommen hat, oder stehen Griechen eh mehr so auf üppige Frauen3 – zu sagen hat, ist derart inhaltsleer (Griechen stehen auf Menschen mit Herz, aber Frauen sollen auf ihre Körper achten), dass ich selbst für den Fall, dass es „Costa Cordalis“ tatsächlich gibt, mit absoluter Sicherheit sagen kann, dass ich für diese komplette Ausgabe von „OK!“ ein mindestens ebenbürtig kompetenter Informant gewesen wäre.

Ich habe auch einen griechischen Pass, und meine Trefferquote bei allen anderen Geschichten wäre sicher im Durchschnitt genau so hoch wie die der „Insiderkreise“, „Freunde“ und „Kumpels“. Anders gesagt: Ich würde bei keiner der Geschichten in „OK!“ wetten wollen, dass stimmt, was drinsteht. Für ein journalistische Produkt ist das, nun ja, problematisch.

Ich würde sogar sagen: Für ein journalistisches Produkt ist handwerklich ordentlicher Journalismus konstituierend4, und der Rohstoff des Handwerks Journalismus sind Fakten, was, wenn ich recht hätte mit meiner Vermutung, eigentlich bedeuten würde, bei „OK!“ handelt es sich nicht im eigentlichen Sinn um ein journalistisches Produkt – dafür stehen einfach nicht genug Fakten drin. Nun gibt es in der Realität aber ganze Seitenstränge eines weiter gefassten Begriffes von Journalismus – die Yellow Press –, der tatsächlich von „alternativen Fakten“ getrieben wird, nämlich von Fotos.

Doppelseite mit Fotos von Jennifer Lopez und Begleitern

Fotos sind zunächst einmal ja tatsächlich Fakten, denn sie bilden die Realität ab, zumindest einen Sekundenbruchteil davon. „OK!“ bietet in dieser Ausgabe ein Lehrbuchbeispiel, wie das funktioniert: Eine komplette Geschichte besteht eigentlich aus drei Fotos, auf denen „die Latina“ Jennifer Lopez mit ihrem „Lover“ (und einer dritten Person) an einem Tisch in einem Lokal sitzt und, gemessen an ihrer Gestik und Mimik, angeregt auf ihn einspricht. Zusammen mit dem Zitat der „Mutter seiner Ex-Freundin“, die ihn für dämlich hält, wirft das für „OK!“ die Frage auf:

Ob es sich JLo nach diesem strohtrockenen Mittagessen noch mal überlegt mit der angeblich angedachten Hochzeit im neuen Jahr?

Das ist sehr frei improvisiert. Und es bringt uns zu der Erkenntnis, dass „Fakten, Fakten, Fakten“ allein noch kein journalistisches Konzept ist, sondern dass hier – wie überall im Leben – Kontext wichtig ist.5 „Aus dem Kontext reißen“ ist hier – ebenfalls wie überall – nichts als ein rhetorischer Trick, und „OK!“ besteht aus wenig mehr. Es ist, als würde ich sagen: In Deutschland bestehen heute rund die Hälfte aller Ehen aus Männern. Der Satz mag formal korrekt sein, er sagt aber nichts aus, suggeriert dabei aber eine Bedeutung, die er nicht einlösen kann.

Titelseite mit dem Foto von Jennifer Aniston, Überschrift: "Schon wieder betrogen!"

Was ziemlich großartig ist an „OK!“, wie an vielen Heften dieser speziellen Gattung der Yellows, ist die Gestaltung. Sie lebt zum einen von der plakativen Fotoauswahl, die auch ohne jeden Text schon eine tendenziöse Geschichte erzählen, aber sie haben dabei eine Tiefe, die das Auge wandern lässt und so den guten Seiten eine Art Zeitleiste gibt.

Das Geheimnis ist die Multidimensionalität. Ich erkläre sie nur kurz an einem Beispiel, nämlich dem Logo, aber ich lade dringend dazu ein, sie sich an einem dieser Hefte einmal bewusst anzuschauen, weil sie genial ist: Durch Überlagerungen und Schattenwurf liegt bei „OK!“ links oben über dem „O“ ein blauer Störer (mit dem Text „Mediengruppe Klambt Best Seller“). Das „O“ überlagert das „K“, das wiederum das „!“ und dahinter liegt eine farbige Fläche, ein so genannter Fond.6 Das sind fünf Ebenen. Der Fond liegt halb transparent noch über dem Haar von Jennifer Aniston, die auch noch vor einer Wand steht. Das sind dann insgesamt sieben Ebenen.

Das Auge wandert die ab, und selbst wenn man sie nicht bewusst wahrnimmt, geben sie der Seite eine Tiefe, einen Raum, und das Abwandern eine Reihenfolge. Und eine Reihenfolge hat immer eine zeitliche Dimension. Ganz kurz gesagt: Sie geben der an sich flachen, zweidimensionalen Ebene auf dem Papier also die dritte Dimension Tiefe und die vierte Dimension Zeit.

Das ist schon brillant. Es macht, dass das Blättern sich ein bisschen anfühlt wie Fernsehen. Sehr, sehr brillant ist, wie das auf kleinstem Raum herstellbar ist, und dazu würde ich gern den Fokus auf den Kasten rechts unten auf der Seite lenken: Da steht Mandy Capristo7 in einem Kasten, der ohnehin über der Ebene des Aniston-Fotos liegt, wächst aber durch ihren teilweise freigestellten Kopf über den Kasten hinaus. Das sind drei Ebenen auf engstem Raum. Ganz schön gut. Macht Freude, sich das ganz bewusst aufzudröseln.

Es sind auch noch zwei Sudokus und Kreuzworträtsel im Heft. Aber es geht mir trotzdem einigermaßen auf den Sack.

OK!
OK! Verlag
1,50 Euro

8 Kommentare

  1. Respekt dafür, dass Sie ein solches Heft komplett gelesen haben. Ich musste irgendwann aufhören „Ein Topf voll Gold“ zu lesen, weil ich es nicht mal mehr ertragen haben darüber zu lesen.

  2. hätte mich auch gewundert, wenn dieser inhaltsleere, überflüssige Print-Müll nicht von der Mediengruppe Klambt stammte. Ok, Bauer wäre auch noch möglich. Da wendet man auch ungeheuerliche Energien auf, wertvolles Papier dummdreist mit Banalitäten zu beschmieren.

    Ich glaube, solche Medien sind – im Zusammenspiel mit nervtötenden Radiosendern von Antenne bis BigFM – auch der Grund, warum ich nur zwei Mal im Jahr einen Frisör aufsuche.

  3. @Schmidt123:
    Sie könnten auch versuchen mit dem Dienstleister selbst ins Gespräch zu kommen. Die meisten haben das ganz gut drauf.
    Und soll ja Leute gegen die nur deswegen ihre Haare „machen“ lassen.

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