Macht Sie Betulichkeit auch immer so nostalgisch?

Auf Buzzfeed1 gibt es immer wieder Listen wie „21 Dinge, die man nur versteht, wenn man in den 90ern aufgewachsen ist“, und ich kann mich da stundenlang drüber freuen. Das sind dann Bilder zum Beispiel von einer Audiokassette und einem Bleistift mit der Bildunterschrift „Verstehst du, wie die beiden zusammenhängen?“2

Nostalgie ist ein starkes, warmes Gefühl. Und jetzt gibt es ein neues Magazin dazu: „neunzehn100 – Magazin der Erinnerungsanlässe“ versucht, aus Nostalgie ein Magazinkonzept zu machen, was schon allein deshalb mutig ist, weil für vergangene Dinge heute niemand Anzeigen schaltet.

Es gibt ganz erfolgreiche Nostalgie-Magazine. Mir fällt auf Anhieb das Gimmick-Magazin „YPS“ ein. Die machen heute einfach wieder ein Magazin für ihre Leser von damals, was bedeutet: ein mehr oder weniger gleiches Magazin, nur dass die Leser jetzt alt sind.

Nostalgie hat aber auch Fallen. Die wichtigsten wären meiner Meinung nach:

  1. Man sollte kein Magazin über Nostalgie machen, sondern eins, das nostalgisch macht3.
  2. Man sollte aufpassen, dass man keinen Post-Manufactum-Katalog macht, also keine Sammlung von alten Sachen mit der gedachten Headline „Es gibt einfach nicht mehr so gute Dinge“.
  3. Nicht alles, was alt ist, weckt deshalb Nostalgie. Manche alten Sachen sind bloß das, und man muss aufpassen, dass man sich nicht einfach verkleidet, wenn man sie sich anzieht.
  4. Nie bloß alte Leute von früher reden lassen.4

„neunzehn100“ macht das alles. Das ist die schlechte Nachricht.

Die gute Nachricht ist, dass „neunzehn100“ mit liebevoller Betulichkeit zu Werke geht, so betulich, dass sie Formulierungen gebrauchen wie „zu Werke gehen“. Ich möchte das kurz demonstrieren anhand einer Geschichte, in der ein Ausflug spontan in eine Fahrt auf einem mehr als hundert Jahre alten Dampfeisbrecher umgeleitet wird. Der Text beginnt so:

Eigentlich wollten wir „nur“ die Lauenburger Altstadt besichtigen. Wir planen unsere Ausflüge, aber wir planen sie nicht komplett durch, lassen dem Zufall eine Chance. Unverhofftes macht sie nicht selten zu einem erinnerungswürdigen Erlebnis. So auch diesmal. Bei einer spontanen Einkehr kommen wir (wie immer gern) mit den Wirtsleuten ins Gespräch. So erfahren wir, dass just an diesem Abend ein mehr als hundert Jahre alter Dampfeisbrecher mit dem Namen „Elbe“ zu einem abendlichen dreistündigen Törn einlädt – die Elbe hinab bis Geesthacht und retour.

Daran ist natürlich alles falsch. Die Geschichte ist schon falsch im Heft, denn für wen ist die Fahrt auf einem Dampfeisbrecher ein „Erinnerungsanlass“?5 Wer sich an eine Fahrt in einem Dampfeisbrecher erinnert, ist wahrscheinlich verstorben, als Twix noch Raider hieß6.

Und in die Geschichte damit einzusteigen, die merkwürdig figelinschen Familienausflugsplanungsprinzipien auszubreiten, ist selbst da schon schlecht, wo man noch nicht weiß, dass die dem Zufall gelassene Chance wahrscheinlich schon durch die „spontane Einkehr“ in das Etablissement von „Wirtsleuten“ (immer gern!) angemessen genutzt gewesen wäre – „Ich hab jetzt echt Durst, so ein Zufall!“ Und just an diesem Abend wird dann daraus mittelbar ein erinnerungswürdiges Erlebnis – das kann man sich echt nicht ausdenken, zum Glück sind das Menschen, die zwar alles planen, aber nicht alles von allem, sondern im Ablaufplan noch Zeiteinheiten vorhalten, in denen nur „spontan“, „Zufall“ oder „Unverhofftes“ steht.

Über das in Anführungszeichen gesetzte „nur“ im ersten Satz sage ich jetzt mal gar nichts.7

Aber ich möchte eine Regel einführen: Wenn du versuchst, in einem Text, in dem du als Ich-Erzähler eigentlich nichts verloren hast, gut rüberzukommen, endet das regelmäßig im Gegenteil. Es ist klassischer Narzissmus: Wer will, dass ihn alle mögen, wird das so lange übertreiben, bis ihn niemand mehr mag.

Gleichzeitig ist es natürlich zauberhaft: Ich sehe nach dem Lesen ein irgendwie mittelaltes Pärchen vor mir, das Freude daran hat, sich die Welt anzugucken, und es regelmäßig als das Schönste empfindet, mit den Einheimischen zu kommunizieren (immer gern!).

Vielleicht merkt man das: Ich halte „neunzehn100“ nicht für ein wirklich gelungenes Magazin. Das Konzept ist aus meiner Sicht noch nicht ganz schlüssig, und an den Inhalten könnte man auch nochmal was tun, aber was eindeutig stimmt, ist die Liebe, mit der es gemacht wird. Und das ist schonmal eine Menge. Es ist außerdem das einzige, woran man nicht arbeiten könnte, wenn es nicht da wäre. Alles andere kann man verbessern.

Ich quäle mich ein bisschen rum mit der Frage, was ich denn als erstes und wichtigstes anpacken würde, wenn ich den Auftrag hätte. Das ist schon deshalb nicht leicht, weil die Macher von „neunzehn100“ für diese erste Ausgabe ungeheuer fleißig waren. Da ist zum Beispiel jemand, der sein Fotoalbum öffnet und über seine Klassenreise 1962 nach Finnland spricht. Oder niedliche Ömchens, die alte Kleider anziehen. Es gibt eine lange, lexikalisch anmutende Geschichte über „Tonträger“, und ein Interview mit Herrn Verpoorten darüber, dass jeder sofort „ei, ei, ei“ singt, wenn er seinen Namen sagt.

Aber wen macht was davon nostalgisch? Oder, im Sprech des Heftes: Was davon ist ein Erinnerungsanlass?

Ich glaube – und ich habe nicht genug Zeit dafür aufgewendet, um das allzu überzeugt zu verteidigen, also bitte ich, das als Arbeitshypothese zu verstehen –, dass „neunzehn100“ an vielen Stellen daran leidet, dass es sich an physischen, sicht- oder zumindest – „Ei, ei, ei … Verpoorten“ – hörbaren Dingen entlang hangeln muss, während die echte, schöne Nostalgie an Erlebnisse geknüpft ist. Ein Walkman, den man in einer Kiste im Keller findet, ist aber in diesem Kontext kein Ding, sondern ein Erinnerungsanlass an den verregneten Urlaub mit den Eltern 1988, in dem man tagelang im Zelt saß und immer wieder dieses eine Lied gehört hat, während man an Sandra aus der Ostlandstraße gedacht hat, die man sechs Wochen lang nicht sehen würde. So wie das längst durchlöcherte T-Shirt der Schulmannschaft nur ein Ticket ist für eine Reise zurück zu der Party in dem Schrebergarten von Klemmys Eltern, von der ich stundenlang mit einem Mädchen nachhause laufen musste, weil mein Fahrrad geklaut war. Und wir immer wieder stehen bleiben mussten, um zu knutschen. Und falls du das liest: Ich denke da immer noch manchmal dran.

Ich glaube, „neunzehn100“ müsste seine Chance nutzen und Geschichten machen über das, wonach wir wirklich nostalgisch sind, wenn wir alt werden: nach Verliebtsein und Abenteuer, nach der Art, wie Musik uns glücklich machen konnte, wie der „Braune Bär“ von Langnese geschmeckt hat und wie Sand sich zwischen den Zehen anfühlt, wenn man das erste Mal im Jahr barfuß über den Strand läuft.

Denn früher war sicher nicht alles besser. Aber wir selbst waren es wahrscheinlich doch.

neunzehn100
Verlag Bettina Schaefer KG
4,80 Euro

18 Kommentare

  1. „Heute ist die gute, alte Zeit von morgen“
    Solch ein Heft musste ja eigentlich mal erscheinen. Aber bei aller Nostalgie-Liebe ist’s wie mit der FB Gruppe „Wisst ihr noch….die 90er“, die man mal geliked hat, weil der eine Artikel so lustig war: Seitdem wird man zugebombt mit 90er-Dingen, und das fängt dann recht schnell an zu nerven. Vor allen Dingen dann, wenn man auch wieder daran erinnert wird, was man damals alles auch scheiße fand.
    „Aus der Ferne besehen, ist alles schön“
    Man ist wohl alt, wenn man öfters an das Gestern denkt als an das Morgen.
    Kein Wunder, daß die CxU wieder stärkste Kraft wurde, deren Seele will ja unbedingt zurück in die 50er und auch dort bleiben.

  2. Etwas verwirrt bin ich über den Wechsel von Sternchen zu Fußnoten(?)-Verweisen:
    Vorher gab es die geballte Erklärung zu den Sternchen am Ende,
    jetzt gibt es gar keine Erklärung mehr?
    Oder sind das gar keine Fußnotenverweise, sondern Textdekorationen?

  3. Die Erklärungen der Fußnoten erscheinen, wenn man mit der Maus über denselben verweilt.
    Die Idee kam mir aber auch erst beim zweiten Lesen.

  4. Ich habe auch erst gesucht; und war dann ganz glücklich, denn so habe ich die Fußnoten so wie früher (in der guten alten Zeit, als es noch Sternchen gab) alle wieder gesammelt gelesen.

  5. Da wird man ganz nostalgisch beim Gedanken an die gute alte Zeit, als man für Fußnoten noch nach unten scrollen musste.

  6. Ah, „Fuß“noten deluxe – früher war doch nicht alles besser!

    Ich bin sogar schon vor den 90ern groß geworden, also relativ, deshalb konnte ich den Kassetten-Buntstift-Zusammenhang herstellen.

  7. Ich sitze während des Lesens im Zug kurz vor Lauenburg! Ich würde jetzt gerne spontan aussteigen. Aber ich bin zu spät dran, so wie junge Leute für diese Zeitschrift.

  8. Ist das nicht so ne Art ‚Landlust‘ mit anderen, schwächeren Mitteln?

    Also selbst nach einer perfekt vorgetragenen Knutscherinnerungsgeschichte, die damit endet, dass die Protagonisten Handinhand in den Sonnenuntergang spazieren, die Köpfe gaanz eng beisammen, weil sie gemeinsam an diesem (wir wagen kaum es) Kopfhörer (zu nennen) lauschen (man muss den nach außen drehen, dann geht das):

    Was bleibt dann?
    (nur eine Vermutung: nach Genuss obengenannten Magazins, fertigt manfrau einen Toast Hawaii, natürlich mit Schinken vom Durocschwein etc. und erzählt. Auf der selbstverfertigten Gartenbank. Das verstehe ich.)

    Ich verstehe Schachspieler, Bogenschützen und verrückte Heiratsantragsopfer.

    Ich frag mich aber ernsthaft, wie die Zielgruppe für das Produkt Neunzehn100 aussieht. Ernsthaft.

    Mich würde wirklich interessieren mit welchem Anspruch man an so Projekt rangeht, das kann ich mir null vorstellen.
    (wäre ein Vorschlag zur rein technischen Unterfütterung weiterer Artikel)
    Denn mir ist immer noch völlig unbegreiflich, welches Geschäftsmodell….

    Angesichts:
    A.
    Dem ständigen medialen Gemecker über Uh, so voll blöd, das Internetz und keine Anzeigenkunden und Gatekeeper leider auch nichmehr ( Nostalgihihiiie) und alles geht eh den digitalen Bach (das so vollverpixelter Bach, der weiß rauscht) runter verflixt. Und!

    Zweitens :
    Der Tatsache, dass ich, als mein Busenkumpel und seine Frau es nach gefühlten achtunddreißig Jahren endlich schafften, das HAUS soweit zu haben, dass sie dort einziehen konnten (Dach war dicht) und ich, als böses Gastgeschenk… dachte
    mal so eine sog. WOHNZEITSCHRIFT mitzubringen.
    AN EINER VERSCHISSENEN TANKSTELLE DIE AUSWAHL AUS MINDESTENS 5 SOLCHER FRAGWÜRDIGEN ERZEUGNISSE HATTE!

    Also.
    Vorliegt.

  9. Oh, Tooltips. Und man kann die Verweise sogar anklicken und fixieren, falls man auf einem Schrumpf-Display liest. Es gibt quasi gar keinen Grund mehr zu jammern und zu lamentieren. Irgendwie fühle ich mich jetzt alt und bequem. Toll!

    In ein paar Jahren werden wir zurückgucken und sagen: „Weißt du noch, damals, als man die Sternchen sehen konnte. Heute ist da nur noch Smog und Lichtverschmutzung.“

  10. Ich habs übrigens gleich gemerkt, muss doch nen Grund haben das die Sternchen plötzlich Nummern sind.
    Trotzdem: Wie wärs wenn man die Fußnoten auch weiterhin nochmal unten am Text anhängt? Mouse-Over im Webdesign ist etwas problematisch: Nicht gerade intuitiv und leicht zu übersehen.

    Extraservice für die Gernescroller – meine Kommentare zu den Fußnoten:
    1) Youtube. Aber Vorsicht! Wer einmal in den Hasenbau gestiegen ist kommt da, dank moderner Algorithmen, nur schwer wieder raus.
    2) Bandsalat. ;)
    3) Hm. Sind sie „mit“ oder „für“?
    4) Im Gespräch führt das ja dazu das man seine eigenen Geschichten zum Besten gibt, bei einem Magazin macht sich das nicht so gut…
    5) Dabei weiß doch jeder das man für richtig gute pyroklastische Ströme Eier braucht!
    6) „…sonst ändert sich nix!“
    7) „Toll“, wegen der Porno-Fußnote hab ich jetzt Kopfkino…

  11. Zum Thema „Yps“ und „erfolgreich“ eine kleine Anmerkung: Yps macht gerade eine „kreative Pause“ auf unbestimmte Zeit (die im Oktober erschienene Ausgabe ist die vorläufig letzte). „Nostalgie“ scheint ein doch nicht so ganz einfaches Erfolgsrezept zu sein.

  12. Im Videospielbereich klappt es noch ganz gut, es gibt eine Handvoll Retrogame-Zeitschriften. Die haben aber auch Vorteile gegeüber anderen Themen, da die geteilten Erinnerungen sich tatsächlich oft auf das Geschehen im Spiel direkt beziehen und auch auf technischer Seite viele tolle Anekdotem gibt.
    Das Problem sind hier eher lieblos aus dem britischen übersetzte me too-Produkte.

  13. Vielen Dank für die Umsetzung meines sehnlichsten Wunsches, jetzt gibt es die Fußnoten endlich an Ort und Stelle.

  14. @ 14: Zu YPS: Leider! War eine interessante Mischung aus Nostalgie und dem Versuch, an das Ursprungsheft anzuknüpfen. Ich habe es sehr gemocht. (Bei den „Yinni und Yan“-Comics hat man sogar ganz raffiniert an Nostalgie angeknüpft: Man hat die Originalcomics von damals genommen und sie einfach eine Nummer größer abgedruckt, was dazu führte, daß ausnahmslos alle Comics sehr grob gerastert und total verpixelt waren. Das nenne ich Humor.)

    Unabhängig davon gefällt mir die Idee von Jörg (Nr. 2) sehr gut, daß Michalis Pantelouris mit kleinen Zahlen als Textdekoration arbeiten könnte. Ich musste aber auch erstmal in den Kommentaren nachlesen, wie die Fußnoten zu aktivieren sind.

  15. Hach, was freu ich mich, dass mir beim Lesen von Herrn Pantelouris Texten nicht mehr schwindlig wird :-) Bin ein Fan der sofort lesbaren Textnoten (Fußnoten sind es ja nicht mehr, weil man ja eben nicht mehr zum Fuß scrollen muss). Erst in der letzten Ausgabe des „Bahnhofskiosk“ habe ich mir gedacht, dass ich das als Stilmittel ja sehr witzig finde, aber dass die Scrollerei schon nervt. War also ein echter Sympathiebeweis an den Autoren, dass ich da dranblieb. Bitte beibehalten!

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