Der problematische Wut-Witz der „heute show“

Die „heute show“ im ZDF hat einen Witz gemacht, den ich problematisch finde. Und bevor jetzt jemand Kurt Tucholsky exhumiert und „Satire darf alles!“ brüllt, könnten wir vielleicht kurz drüber reden, auch wenn das eher schwierig ist, ich weiß. Humordiskussionen. Immer heikel. Und beim ZDF fand sich auch niemand, der sich darüber unterhalten wollte, trotz mehrmaliger Nachfrage. Aber immerhin kamen dann noch ein paar Antworten per Mail.

Es geht um ein Video, das vor ein paar Tagen auf der Facebook-Seite der „heute show“ erschienen ist und seither mehr als 5,5 Millionen Mal abgerufen wurde. Viele tausend Menschen haben es geteilt und kommentiert.

Screenshot: facebook.com/heuteshow

Das Video zeigt Angela Merkel in der Wahl-Sendung „Klartext“, die kürzlich im ZDF lief. Zu sehen ist, wie die Kanzlerin von einer Wählerin kritisch zum Thema Rente befragt wird, worauf Merkel antwortet, dass sie – nicht so gern Schokolade esse. Auf den Einwurf der Wählerin, dass dies keine Antwort auf ihre Frage sei, entgegnet Merkel: Ich ess dann mehr ein Stück Salami, woraufhin sich eine andere Zuschauerin empört, es sei „unverschämt, die Frau“, also die andere Zuschauerin, „mit so einer Antwort zu bescheiden“.

Das ist natürlich kein realer Dialog, sondern ein Zusammenschnitt, der real wirkt, weil er ganz gut gemacht ist. An Antworten zu kommen auf die Fragen, die ich dazu hatte, war ganz schön schwierig. Drei Mitarbeiter der Redaktion verwiesen mich jeweils weiter. Eine, die sich eigentlich melden wollte, hatte plötzlich viel zu tun, als sie erfuhr, worum es geht. Und am Ende landete die Sache in der Pressestelle des ZDF, die bat, die Fragen per Mail zu schicken.

Auf die Frage, was denn der tiefere Sinn des Zusammenschnitts sei und was die „heute show“ damit zeigen wolle, antwortete die Pressestelle schließlich, dass das „ausweichende Verhalten der Kanzlerin auf eine Publikumsfrage satirisch überhöht werden“ sollte. Die Intention sei gewesen, dieses Ausweichen „mit dem gängigen Stilmittel der Übertreibung zu verdeutlichen“ – was natürlich stimmt: Die „heute show“ überhöht. Aber sie macht noch mehr.

Das Video trägt die Überschrift:

„Eidbrecherin Mekrel zeigt ihr wares Gesicht. 😡😡😡“

Und die Facebook-Zeile lautet:

„Teil den Betrag, wenn du auhc stinkesauer bnist!“

Die Rechtschreibfehler sind Absicht. Die „heute show“ persifliert damit ganz offensichtlich das oft fehlerhafte Wutgebrüll in Sozialen Netzwerken. Es ist ein akademischer Spaß. Und „Eidbrecherin“ ist ein Ausdruck, den die AfD für Angela Merkel salonfähig gemacht hat, um die Stimmung anzuheizen.

Das Video ist also mehr als nur die Überhöhung einer ausweichenden Antwort. Um nur das zu zeigen, hätte es der Sätze drumherum ja gar nicht bedurft. So verpackt aber („Eidbrecherin“! „Stinkesauer“! „Teilen“!) zielt der Clip, kurz vor der Wahl, mitten in ein angespanntes gesellschaftliches Klima, und er lockt genau jene, die voller Wut sind auf Merkel, das System, auf alles. Das Video gibt ihnen einen scheinbar weiteren Grund zu schimpfen.

Und genau hier liegt das Problem.

Was wollte die „heute show“ damit zeigen? Dass so genannte Wutbürger auf einen Fake hereinfallen, weil sie sich ihr Weltbild ohnehin zusammenschneiden? Dass sie so etwas teilen, als wäre es echt? Dass sie mit einem Fake weiter Stimmung machen? Abgesehen davon, dass das alles wirklich keine neue Erkenntnis wäre – die Frage ist ja: Rechtfertigt diese Erkenntnis den Kollateralschaden, den der Clip anrichtet?

Unter dem Facebook-Post werfen Kommentatoren der „heute show“ vor, „Öl ins Feuer“ zu schütten und dass es falsch sei, so etwas zu posten, gerade jetzt. Ein Kommentator schreibt: „Dieser Beitrag ist komplett daneben und wird garantiert von sehr vielen Wutbürgern für bare Münze genommen.“

Das wird er. Und so klingt das dann in den Kommentaren:

Oha…..so ne blöde Antwort ist unverschämt

Unsere Frau Kanzlerin nimmt uns als Bürger mit einer gerechtfertigte Frage nicht ernst und macht sich lustig.
Ich finde es genug mit Merkel.

Eine bodenlose Frechheit was diese Alte sich erlaubt!
Die gehört lebenslänglich weggesperrt!

Armes Deutschland , wenn man so eine Kanzlerin hat
Gehört schon lange verurteilt und eingesperrt

Aufgrund Merkels Abschweifung ;sie isst Schokolade ;sollte man sie des Amtes entheben ,wenn sie nicht willens ist Fragen richtig zu beantworten

Also dreister geht es wohl nicht mehr. Bei so einer Aussage müsste man Sie sofort Ihres Amts entmächtigen.

Sie zeigt ihr wahres Gesicht und verhöhnt arme Menschen…😡😡😡

Das sind nur wenige Beispiele dafür, dass es eben Menschen gibt, die Fiktion und Realität nicht unterscheiden können. Oder denen es, falls sie es können, schlicht egal ist, dass es sich um einen Satire-Fake handelt, ganz so, wie es einmal Christian Lüth gesagt hat, der Pressesprecher der AfD: „Wenn die Message stimmt, ist uns eigentlich egal, woher das Ganze kommt oder wie es erstellt wurde. Dann ist es auch nicht so tragisch, dass es Fake ist.“

Für solche Leute ist dieses Video wie gemacht.

„Satire kann nicht sämtliche Interpretationsmöglichkeiten von Nutzern bedenken“, schreibt das ZDF, was zweifellos stimmt. Aber eine Redaktion, die Satire produziert, kann natürlich trotzdem deren mögliche Wirkung antizipieren und überlegen, ob sie gerade diese erzielen will oder eben als Begleiterscheinung im Kauf nehmen. Irgendwas wird sich die Redaktion ja auch dabei gedacht haben, den Clip so zu beschriften.

Auf die Frage, ob es ihr bewusst gewesen oder es gar beabsichtigt gewesen sei, dass das Video genutzt werden könnte, um Stimmung gegen die Regierung zu machen, schreibt das ZDF typisch öffentlich-rechtlich:

Die heute-show hat in den vergangenen Wochen klar erkennbar alle Parteien in gleicher Weise kritisiert.

Und noch etwas bringt das ZDF zur Entschuldigung vor: „Durch die Veröffentlichung auf der ‚heute show‘-Seite und dem Dauerlogo der ‚heute Show‘ auf dem Video wird deutlich, dass es sich um Satire handelt.“ Außerdem zeige „die überwiegende Zahl der Posts“, dass „unsere Kritik weitgehend im richtigen Sinne verstanden wurde.“ Und „viele kritische Kommentare“ seien ja auch „von unseren eigenen Nutzern direkt zurückgewiesen“ worden.

Das mag alles sein, aber es finden sich eben auch viele wütende Kommentare. Und gerade in einer Zeit, in der ohnehin oft „Fake-News“ kursieren und neue Wut erzeugen, sollte sich eine Redaktion schon überlegen, wie viel Fahrt ihr Witz aufnehmen könnte – und in welche Richtung. Dass dieser Witz hier, kurz vor einer bedeutenden Wahl, eher anheizt als klug entlarvt, finde ich gefährlich. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sich in der großen Redaktion der „heute show“ niemand finden wollte, der darüber reden mag.

[Offenlegung: Ich bin freier Autor der NDR-Satiresendung „Extra 3“.]

36 Kommentare

  1. Das ist – freundlich ausgedrückt – ziemlicher Blödsinn. Sollte Ihre Zusammenfassung so zutreffen*, ist doch gerade das eine kluge Entlarvung, ähnlich z.B. dem Vote Buddy. Ich spiele kein Niveaulimbo mit Hetzern und Nachplapperern, nur weil die sich wie früher auf dem Schulhof beleidigt fühlen, wenn sie den Witz nicht verstanden haben. Denn dass es ein Witz sein könnte, wenn es auf der Facebookseite der heute-show erscheint, das müsste man dann schon böswillig ignorieren. Also sind wohl die Hetzer und Nachplapperer die Böswilligen und die Ignoranten. Ich persönlich bin es jedenfalls wirklich nachhaltig satt als perfide und elitär angemacht zu werden, bloß weil ich über so etwas lachen kann. Das unfreundliche Klima ist halt nicht durch die Abgehobenheit des akademischen Witzes entstanden. Wer das glaubt, ist den rechten Scharfmachern schon auf den Leim gegangen.

    Dankbar bin ich aber über Ihre Offenlegung. Nachher kommt sonst noch jemand auf die Idee in einer so aufgehetzten Situation so kurz vor einem nationalen Urnengang** gar einen Popsong über die umstrittene Machthaberin zu schreiben. Das kann sich ja schnell zu einem Gedicht verselbstständigen. Mal nachdenken, was sich auf Schokolade oder Salami reimt…

    *und ich muss hier einmal in Blaue hinein schreiben, da ich Facebooks Armada nicht auf meinen Rechner lasse und den Clip weder auf der heute-show-Seite noch ihren sonstigen Kanälen finde
    **Offenlegung: Ich habe den Herrn Minister Altmaier noch nie getroffen oder mit ihm korrespondiert, sehe es aber als meine vornehme besondere Aufgabe (hihi) darauf hinzuweisen, dass alle die, die den Witz nicht verstanden haben, morgen dringend Türen und Fenster von innen verschlossen halten sollten und auf keinen Fall öffentliche Gebäude aufsuchen sollten. Krankenhäuser sind ausgenommen, aber nur, wenn es wirklich zu doll weh tut.

  2. @vonfernseher: Danke für deinen Kommentar. Du sprichst mir aus der Seele und ich wollte gerade ansetzen und kommentieren aber das hast du zum Glück schon gemacht.

  3. Überspitzt formuliert trägt also die „heute show“ eine Mitschuld, wenn die AFD morgen ein sehr gutes Ergebnis einfährt, weil sie eine Satire gesendet hat, die von sehr dummen Menschen nicht als solche wahrgenommen wurde.

    So ein Schwachsinn. Ein Blick auf den Absender („Ich bin freier Autor der NDR-Satiresendung „Extra 3““) erklärt aber sofort das Dilemma. Da bei den Öffentlich Rechtlichen immer alles politisch korrekt sein muss, fallen die sehr guten Gags halt im Zweifelsfall durchs Raster. Man will ja keinen Ärger provozieren. Deshalb ist das Fernsehen ja auch so dermaßen schlecht, weil sich keiner mehr an gute Formate wie z.B. „jerks“ herantraut. Man könnte ja jemanden auf die Füße treten oder wie in diesem Fall eine Satire abliefern, die ziemlich gut geworden ist. Das ist halt die Aufgabe eine Satire-Sendung. Wer das nicht versteht, hat bei „Extra 3“ wirklich gar nichts verloren.

  4. Ich finde es gut, dass im Disclaimer klargestellt wurde, dass der Autor freier Mitarbeiter für extra3 ist. Ich fand den Zusammenschnitt als erste Reaktion gut gelungen, kann aber die Bedenken des Autors nachvollziehen. Aber eigentlich müsste ihm auch vieles auffallen, was seine „Kollegen“ für extra3 produzieren. Selbstverständlich wird dort auch einiges für eine bestimmte Person oder Partei sehr unvorteilhaft zusammengeschnitten. Traut sich der Autor das auch dort zu kritisieren oder bleibt es bei der Kritik beim anderen Sender ZDF?

  5. Habe Merkel-Teamgespräch mit Koalitionspartner für für Ausführungsarbeiten gesehen. Wahlkampf wurde erst in Abschlußreden eröffnet, etwas spät für freie Meinungsbildung beim Wähler.
    Frau Merkel hat sich die Satire redlich verdient. heute-show gab angemessen schüchternes Beweisanzeichen für eigene Existenzberechtigung ab.
    Zeiten, in denen jegliche Politik zur Realsatire gerät und schließlich die Machteliten Angst vor den eigenen Worten haben sind per se Wechselstimmung. War bei Wende live dabei. Westdeutsche nicht. Lesen daher in Glaskugel, wie Blinde über Farbe sprechen.
    Erlitt BurnOut wegen schwarz-gelber Gesetzgebung. Neuauflage möchte ich nicht erleben. Frau Merkel hat geschworen, Schaden von Deutschland abzuwenden. Trotzdem liegen Gepflegte in eigenen Ausscheidungen und nur unmittelbar vor Wahlen gibt sie sich davon betroffen, um danach gleich weiter so zu machen (weitere Sozialisierung der Risiken der Oberschicht). Und die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächterin selber, etwa eine Rentnerin, die C(cash)-Parteien nicht mag, aber Angela Merkel wählt, als gäbe es in Deutschland schon Präsidentschaftswahlen, wie in Frankreich…
    Nackte Wirklichkeit ist heute-show zu gefährlich. daher Ausweichen auf Satiere, wie zu Franz Kafka’s Zeiten. MfG

  6. Nachtrag: Ich persönlich finde den Facebook-Beitrag auch immer noch gelungen, gefehlt hat im Facebook-Kommentar fast nur noch „!!!11!eins!elf11“ am Schluss. Aber mir ist klar, dass ein Großteil der AfD-Sympathisanten sich dadurch in ihrer Meinung bestätigt sehen werden, und nicht bemerken, dass sie selbst auch persifliert werden.

  7. Ich finde die in diesem Artikel durchscheinende Geisteshaltung gefährlich (f.d. Meinungsfreiheit und Demokratie).
    Zur Sache: Das ist ja wohl ein verhältnismässig harmlose Satire, sie scheinen sich vorwiegend daran zu stossen, dass die Grökaz diesmal Ziel des Spottes ist.

  8. Es gab Zeiten, da konnte ich im Spiegel und auch im Stern lesen, wie die Journalisten respektlos über Kanzler und Minister ihre Meinung ausgossen, da gab es politisches Kabarett, da blieb mir das Lachen im Hals stecken – heute gibt es das nicht mehr.
    Gleichgeschaltete Medien und Comedy ergießen sich über uns ! Vermisst eigentlich keiner sein selbstbestimmtes Denken, was wirklich richtig oder falsch ist? Die Politiker werden fürstlich bezahlt und werden behandelt, als wären sie aus purem Gold.

  9. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Das wird in der heute-show leider häufig vergessen (Artikel 1 des GG gilt übrigens auch für Politiker). Frau Merkels Sätze aus dem Zusammenhang zu reißen ist entwürdigend und damit Geld zu verdienen ist unmoralisch. Im Grunde genommen sind sowohl am rechten Rand (AfD, Trump), als auch am linken Rand (Satiriker, Late Night Talker) unglaublich viele Spinner/Zerstörer am Werk. Einreißen statt Aufbauen scheint hier das Motto zu sein. Ich bin gespannt, wie lange das noch gut geht.

    [Offenlegung: ich selbst bin kein Politiker]

  10. Ich gehe Mal schwer davon aus, dass AFD Wähler erkennen, dass es Satiere und Überspitzung ist. Dennoch werden sie es als Überspitzung einer -wie sie glauben- ignoranten Merkel Merkel sehen, die nicht für das Volk arbeitet. Und das heizt eben die Situation an, auch wenn es nicht so gewollt war.
    Nur die Überschrift weißt darauf hin, dass es in Wirklichkeit eine Satiere über den Wutbürger ist. Zumal die Überschrift der einzige Unterschied zu der üblichen Satiere ist. Die Heute Show bedient sich gerne zusammengeschnittener Clips, die sich aber dann gegen die Hauptperson im Clip richtet und nicht gegen den Adressaten. So gesehen ist das wirklich eine sehr ungelungene Satiere.

  11. Ich muss mich den Vorpostern anschließen. Mag ja sein, dass die Redaktion es tatsächlich angestrebt oder zumindest billigend in Kauf genommen hat, dass Leute dem (m.E. ZDF-untypisch guten) Witz tatsächlich auf den Leim gehen – aber das macht den Witz halt eher besser als schlechter. Und machen wir uns nichts vor: Jeder einzelne von den hier gepavlovten besorgten Bürgern lässt sich täglich von einem Dutzend krasserer Memes dazu anheizen, der Welt sein Wutgebrüll kundzutun, nur sind die dann halt ernst gemeint. Dass der Diskurs jetzt ausgerechnet durch diesen Streich messbar noch unkonstruktiver werden soll, halte ich für völlig abwegig. Und wenn wir wollen, dass Satire sich im Niveau am Bodensatz ihres Publikums orientiert, haben wir in Medien mit größerer Reichweite als der Titanic nur noch zahnloses Staatskabarett für gutsituierte Kritischedenker – ein Zustand, dem wir ja ohnehin nicht so furchtbar fern sind.

  12. O man, wer bei diesem Video nicht erkennt das es ein lustiger Zusammenschnitt ist, dem ist eh nicht zu helfen. Sich über diesen Beitrag des ZDF so zu echauffieren ist einfach nur lächerlich. Denke mal, hier hat ein CDU Wähler Kritik geübt.

  13. ÜberMedien ist in diesem Punkt ÜberKritisch und damit UnterNiveau. Wenn Satire nur noch auf dem Niveau der bildungsresistentesten Zuschauer erlaubt sein soll, dann können wir ganz darauf verzichten. Der heute-show-Beitrag ist vermutlich so intelligent, dann ihn nicht nur „Besorgtbürger“ aus Dunkeldeutschland missverstehen, sondern sogar studierte Redakteure aus den Kultur-Eliten. Schade.

  14. Danke für den Artikel. Den Vorrednern sei hier deutlich widersprochen.

    Satire findet immer in einem Umfeld statt, und der Absender ist immer Teil der Botschaft.
    Die heute show ist schon länger die Mariobardisierung des ör Kabarett zur Comedy.
    Hat man die Sendung in den letzten ein, zwei Jahren verfolgt, dann weiß man: sie ist sich mit den Leuten, die sie behauptet mit dem Clip entlarven zu wollen, schon seit langem einig, dass „das alles gar nicht geht“, die politischen Akteure samt und sonders unfähig sind und jeglichen Anspruch auf Achtung verwirkt haben. Die Warnungen vor Politikverachtung und deren nachhaltigen Folgen für eine Demokratie werden immer deutlicher von der Realität bestätigt, aber die Macher der Show gefallen sich im pupertären „Flinten—Uschi“— Gepöbel. Was glauben die Typen, wer über dieses Niveau lacht und sich in seinen Meinungen bestätigt fühlt?
    Die heute show bedient (auch) ein seit Jahrzehnten von Fernsehen und Internet im Sinne Neil Postmans deliteralisiertes Publikum, dessen Aufmerksamkeitsspanne, Abstraktionsvermögen, Impulskontrolle und Horizont nicht weiter reicht als bis zu ihrem ausgestreckten Mittelfinger.

    Sich hier die Hände in Unschuld zu waschen und sich hinter seinen Tucholsky zurückzuziehen, zeigt, dass man sich gar nicht so sehr von diesem Teil seines Publikums unterscheidet.

  15. Verehrter Herr Autor!

    Sie schreiben wie ein Staatskomödiant sich äußern sollte: Er soll mit seinem „Witz“ helfen, die Regierung zu stabilisieren. Er soll wie ein Komödiant wirken, tatsächlich aber eine Art Pressesprecher sein.

  16. Es gibt Idioten, die wählen eine Partei und andere Idioten, die wählen andere Parteien. In einer Gesellschaft, die Bildung nicht mir den Stellenwert früherer Generationen einräumt und sich durch Medien zum Teil verblöden lässt, wird die parlamentarische Demokratie zunehmend problematischer.

  17. Aufgrund Merkels Abschweifung ;sie isst Schokolade ;sollte man sie des Amtes entheben

    Ich habe herzlich gelacht. Der Kommentar ist noch besser als die Satire.

    Ansonsten sehe auch ich absolut kein Problem in dem Beitrag. Wenn man jedes Mal vom dümmst möglichen Empfänger ausgehen müsste, damit keine Mißverständnisse entstehen und man nicht versehentlich jemand Unliebsamem in die Karten spielt, dann [hier beliebiges Weltuntergangsszenario einsetzen].

    Im Artikel wird das Zitat „Die heute-show hat in den vergangenen Wochen klar erkennbar alle Parteien in gleicher Weise kritisiert.“ als „typisch öffentlich-rechtlich“ charakterisiert. Da frage ich mich, was diese Aussage bezwecken soll. Für mich klingt sie leider etwas sehr nach: „Ich suche einen Fehler darin, finde aber keinen“. Wenn die Aussage zutrifft – und von den Heute Show Sendungen die ich kenne ausgehend tut sie das – ist doch alles in bester Ordnung.

    Ehrlich, ich finde diese Gedanken der vorauseilenden Selbstzensur viel bedenklicher als jeden möglichen Witz.

  18. Die größtenteils wirklich gut gemachte heuteshow hat leider auch solche Aussetzer. Das war ganz und gar sinnfrei. Unter Niveau. Wie sonst nur, wenns um die Grünen geht. Und da geben sich Extra3 und heuteshow leider nichts.

  19. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein AFD-Wähler, der sich aus Wut gegen Merkel für diese Partei entschieden hat und dessen Intellekt derart begrenzt ist, dass er den Dialog für Realität hält, ohne diesen Spot eine gemäßigtere Entscheidung getroffen hätte.
    Ich kann mir auch keine Satire vorstellen, die nur noch Witze abliefert, die auf einen Empfängerhorizont von Sechsjährigen ausgerichtet sind.
    Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, weshalb jemand, der diese Sache kritikwürdig findet, bei einer anderen Satiresendung „wirklich gar nichts“ verloren haben soll.

  20. ich muss gestehen, dass ich das auch gesehen und für real gehalten habe. ich fand das zwar sehr merkwürdig und nicht frau merkels art, hab es aber irgendwie hingenommen. im nachhinein komisch, ich bin ja keine merkel-ausbuherin oder so. ansonsten schließe ich mich den vorpostern an. ich finde an der heute show etwas anderes häufig problematisch. ihr „humor“ arbeitet mir zu oft mit herabwürdigungen von personen, witze darüber das sigmar gabriel dick ist etc. (menschenverachtend und gar nicht lustig) da könnte und sollte mit der kritik mE eher angesetzt werden.

  21. Ich glaube das ist das erste Mal das ich kommentiere wenn ich nicht eurer Meinung bin.

    Ich gehe offen gesagt noch einen Schritt weiter, da ich auch manchmal die Kommentare beim Postillon Kommentare lese glaube ich dass einige der hier als kritikwürdig angesehenen Kommentare selbst satirisch gemeint sind.

    Außerdem: Wie ich mich von einem islamistischen Anschlag nicht abhalten lasse auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen, lasse ich mich von nationalistischen Idioten nicht abhalten Satire zu mögen.

  22. Wieder ein Geniestreich der Heute Show. Das ist keine Überhöhung, denn genau so machen die Wutbürger es. Man darf diese Leute nicht ernst nehmen . Im Gegenteil sie müssen regelmäßig in ihre Schranken gewiesen, weil sie sonst in ihrem beschränkten Weltbild anfangen zu glauben ihre Sicht sei die der Mehrheit. Und dann fangen sie ein so ein Quatsch wie „Wir sind das Volk“ zu rufen. Obwohl sie mit rückständigen Vorstellungen von der Welt und Gesellschaft -zum Glück- klar in der Minderheit sind.

    Liebe Heute Show, macht weiter so!

  23. @ Rosenkranz
    Vielen Dank für diesen Artikel!

    Man wirkt natürlich wie eine bierernste Spaßbremse, wenn man an Satire herumkrittelt, aber deshalb muss die Kritik nicht schlecht sein. Man darf nur nicht den Fehler machen, einen rein satirefremden Maßstab anzulegen, in diesem Fall einen politischen oder moralischen.
    Deshalb bin ich auch für eine Kombination aus einem ästhetischen und moralischem Urteil.

    Satire darf alles – ausser schlecht sein. Der Clip ist schlecht. Er ist schlecht, weil er mit dem rechten Narrativ ‚Eidbrecherin‘ nicht mehr anzufangen weiß, als es ein wenig zu überhöhen und ansonsten darauf zu vertrauen, dass die Satire aus der Spannung zwischen Inhalt und Sender entsteht.
    In meinen Augen macht gute Satire sich ja aus guten Gründen und mit guten Mitteln über einen Sachverhalt lustig und erzeugt damit eine Kritik, die zwar mehrdeutig ist (so ist das mit der Kunst) aber schlecht mit der kritisierten Position verwechselt werden kann.
    Satire bezieht einen Standpunkt. Das muss überhaupt nicht politisch sein, denn in der Darstellung eines Sachverhaltes zeigt sich eine Perspektive auf die Sache. Deshalb ist die schlichte Wiederholung des Sachverhaltes mit einer einleitenden Satiremarkierung keine (gute) Satire. Das hat ungefähr soviel kritisches (d.h. satirisches) Potential wie die Menschen, die sich Bild Zeitung nur aus ironischen Gründen kaufen.

    Bei der ‚heute show‘ genügt leider einiges nicht diesem Anspruch. Ich erinnere nur an die zahllosen ‚Ü‘-Witze wenns um Türken geht (Sendestörüng – haha)

  24. Ich halte diesen Witz für eher harmlos und mittellustig; Leute, die das ernstnehmen oder zumindest so tun, halte ich für recht fragwürdig, jemanden aber nicht zu kritisieren, weil andere Leute sich diese Kritik zu eigen machen können, ist falsch. Entweder, man hält die eigene Kritik für berechtigt, dann darf man sich nicht beschweren, wenn andere (auch die „falschen“) dieser Kritik zustimmen, oder man hält sie für unberechtigt, dann sollte man sie nicht äußern, weder satirisch verpackt noch anderweitig.

    Die Frage ist aber weniger, was Satire darf, sondern, was Satire kann.
    Laut Tucholsky eher gar nichts.

  25. Tuch hin, Olsky her, auch Satire kann kritisiert werden.
    Hier haben wir ein „Fake“-Video, garniert mit typischen Wutbürgersprech samt Rechtschreibfehlern, also zunächst mal Kritik an Dummbratzen, die genau soetwas teilen. Dass sie es teilen und mit realsatirischen Kommentaren („des Amtes entmächtigen“) versehen, kommt spaßverstärkend hinzu.

    Soweit doch gar nicht mal so schlecht. Schon mal zwei Fliegen mit einer Klappe: Sich lustig machen über die Volksfahrräder und sie dabei auch noch reinlegen. Die Gefahr, dass nun gerade dieses Video jemanden vom besonnen Bürger zu einem AfD-Wähler macht, ist doch denkbar gering. Diejenigen, die sowas als real missverstehen, sind alle schon jenseits von gut und gehtnochgradso.

    Dann äußert die ZDF-Pressestelle, dass es da eine weitere Ebene gäbe, nämlich dass an „ausweichendem Verhalten“ der Mutti durchaus was dran sei, was mit einer „Schokosalamitaktik“ satirisch darstellbar sei. Die Kritik richtet sich also auch an die Frau „Mekrel“, die da den Pegidioten Material liefert, an dem durchaus was dran ist. Aber stimmt das denn nicht? Dass die Bundesreg. am Erstarken der AfD ein Quentchen teilhat, ist doch so falsch nicht.

    Diese beiden Seiten der Medaille zusammenzubringen, also mir gefällt diese Doppelbödigkeit des Videos. Aber gut, ich bin leicht zu belustigen.

  26. Bin zwar nicht BR’s Meinung, kann seine geübte Kritik jedoch gut nachvollziehen.
    M. E. ist es absolut richtig, dem „patriotischen“ Volk seine grammatikalischen und orthografischen Schwächen vorzuhalten.
    Denen geht es ja immer darum, ihre stilisiert perfekte Alpen-Sommertag-VaterMutterKind-Inszenierung aufrecht zu erhalten, was wunderbar durch deren schlechtes Deutsch karikiert wird.
    Das Narrativ dabei ist „Je deutscher, desto schlechter das deutsch“ – Und das ist ja nun mal oftmals richtig. Das heißt, nicht die Kritik an sich macht das Ganze provokativ, sondern, dass die Kritik tatsächlich zutrifft. Dass sich Leute tatsächlich auf den Schlips getreten fühlen, weil man ihnen einen Spiegel vorhält. Man könnte es auch so sehen: Die Leute provozieren doch mich, wenn sie falsches Deutsch verwenden, aber andererseits Reindeutsch predigen.

    Wieso sollte ich (oder die heut show) den Spiegel nicht hochhalten dürfen?
    Polemisch: Weil ein Fascho ohne Deutschkenntnis sich beleidigt fühlen könnte?

    Woher die Kritik kommt und wie sie rüberkommt, ist doch auch letztlich egal.
    Ob das nun „bildungsbürgerlich belehrend“ ankommt, na und? Wer sich davon auf die Füße getreten fühlt, hat sich doch bereits selbst entlarvt.
    Es fehlt nur noch der Schritt, auf Basis dieser Erkenntnis eine Konsequenz folgen zu lassen. Oder auch: Wenn ich merke, dass ich falsch liege, dann sollte ich meine Meinung überdenken (oder deutsch lernen).

    Nach Brecht:
    „Wer a sagt muss nicht b sagen. Er kann auch erkennen, dass a falsch war.“

    Nach Lowell:
    „Nur die Toten und die Dummen ändern niemals ihre Meinung.“

  27. Guten Morgen,

    ich habe im Gegensatz zu Peter Hahne keine Angst:
    Keine Angst vor Rechtsradikalen oder Linksradikalen oder religiösmotivierten Radikalen.

    Daher finde ich als selbstbewusster Mensch den Clip der heute-show genial, da er ja dazu dient all die Angsthasen und sogenannten Wutbürger zu entlarven.

    Es ist akademisch, es ist anspruchsvoll, aber es ist gut.
    Wenn sich jemand von solch einem Clip in seiner Wahlentscheidung beeinflussen lässt, hat derjenige keine Medienkompetenz und darf trotzdem in diesem Land mit all seine Freiheiten das Wahlrecht nutzen.
    Daher: Deutschland ist top!

    Was aber wirklich traurig ist, dass das ZDF und die Redaktion so zögerlich reagiert. Sicherlich ist Uebermedien nicht der Benchmark, wenn es darum geht, kritische Fragen zu beantworten, aber trotzdem schade.

    Vielleicht mal bei Herrn Welke persönlich fragen.

  28. Die Satire hat weder einen Standpunkt noch ist sie doppelbödig, sie ist vielmehr widersprüchlich und die beiden Elemente stehen verbindungslos nebeneinander. Ergebis: Jeder kann sich den Teil aus der Satire heraussuchen, der ihn in seiner Filterblase bestätigt. Die Wutbürger sehen das Video und ignorieren den Text, die Gutmenschen lesen den Text und ignorieren das Video, und der Rest fragt sich, welchen Standpunkt der/die Schöpfer*in dieser „Satire“ eigentlich einnimmt, weil Satire als Form der Kritik funktioniert doch nur, wenn der Maßstab, der an das kritisierte Objekt angelegt wird, erkennbar wird. Sonst ist es einfach nur destruktive Polemik.

  29. @martinf
    Es könnte schon auch den Standpunkt geben, dass Merkels Verständniswischiwaschi seit langem so kartoffelsuppenschokosalamig ist, dass das einzig Substantielle daran der Antrieb für die Hetzkampagnen der neuen Rechten ist. Damit wäre es nicht nur den Nachplapperern egal, ob es Fake ist, sondern die Erscheinung ist an sich der Fake einer bürgernahen Politikerin.

    Aber damit wäre ja keine Seite die gute und die Realität mal wieder widersprüchlicher als die Satire – und das passr halt nicht so toll zu Ihrer These.

  30. Ich muss zugeben, ich bin gerade ein bisschen sprachlos, was die meisten der Kommentare hier angeht. Klar zündelt die heute show hier. Und wie. Gruslig.

  31. Satire bedient allzuoft eingeübte intellektuelle Überlegenheitsreflexe („Gut, dass ich sooo viel schlauer bin als ‚die‘ – ha ha ha“). So auch hier. Wobei gerade bei den Facebook-Kommentaren sehr offensichtlich wird, dass dieser Reflex auf sehr vielen Rezeptions-/Verständnisstufen ausgelöst werden kann, Hauptsache, es gibt jemanden ‚unter‘ mir, der es weniger ‚blickt‘ als ich.
    Die Hauptfrage, die sich mir allerdings stellt, ist, ob man sich (gerade in Form eines Facebook-Postings) gleichzeitig einerseits über Frau Merkel und andererseits (im sehr gut imitierten ‚Wutbürger‘-Duktus) über die unreflektierte Übernahme von Informationen im/aus dem Internet lustig machen kann. Spätestens wenn das Posting von jenen geteilt wird, deren schriftsprachlicher Duktus hier sehr gut versucht wurde zu imitieren, ist die Satire weg. Die Intention der Macher (die sich mir tatsächlich nicht wirklich erschließt) ist dann schlicht irrelevant.

    (Sorry für das Zweifach-Posting; hat ein bisschen gedauert, bis ich meine ‚Bauchschmerzen‘ einigermaßen artikulieren konnte.)

  32. Spätestens wenn das Posting von jenen geteilt wird, deren schriftsprachlicher Duktus hier sehr gut versucht wurde zu imitieren, ist die Satire weg.

    Ja, dann ist sie für diejenigen für eine Zeit weg – um dann zu triumphieren, wenn die Nachplapperer von ihren Freunden/Gefolgsleuten auf sie hingewiesen werden. Das ist doch dann ein schöner, entlarvender Moment, erkenntnisökonomisch sozusagen ein Win-Win-Win-Win.

  33. „Ja, dann ist sie für diejenigen für eine Zeit weg – um dann zu triumphieren, wenn die Nachplapperer von ihren Freunden/Gefolgsleuten auf sie hingewiesen werden.“
    Gut, wenn’s so wäre. Ich bezweifle, dass das in der Praxis oft so vorkommt. Außerdem könnte ich mir vorstellen – so die Satire doch auf diese Weise nachträglich ‚triumphiert‘ – dass das in diesem Umfeld eher Ressentiments denn Einsicht hervorruft. Deppen zeigen, dass sie Deppen sind, hat etwas ungeheuer Befriedigendes, führt nur leider selten zu tatsächlichen Lösungen.

  34. @Brennsuppe
    Ihre Interpretation finde ich ziemlich gut. Sie nehmen sich, nach meiner Meinung viel von den Ihnen zustehenden Lorbeeren, in dem Sie alles in der „so ist das“-Form schreiben. Das Wesen von Kunst und Satire ist doch, dass das alles auf vielfältige Arten und Weisen interpretierbar ist. Wie ich politische Satire in ihrer Wirkung interpretiere hängt doch auch von der politischen Haltung ab. Für mich zum Beispiel ist der Clip einfach eine überzogene Darstellung von der tatsächlich vorhandenen „Ausweicheritis“ von Angela Merkel. Das ist für mich eine nicht sonderlich feinsinnige Karikatur. Mein Humor ist das nicht, aber ich finde das völlig okay. Die Tatsache, dass „die falsche Seite“ das für bare Münze nimmt und instrumentalisiert, lässt es für meinen Geschmack Satire bleiben. Die Tatsache als solche den Urhebern vorzuwerfen, bedeutet den Boten haftbar zu machen. Sich überhaupt darüber aufregen kann nur jemand, der das, was die Merkel-Hasser und Konsorten auf social media machen, völlig unterschätzt. Die finden mehr als genug fake-material um ihre Thesen zu belegen, sich da über diesen einen Clip aufzuregen, finde ich gelinde gesagt albern.

    Kritik an der Heute Show würde ich persönlich ganz woanders festmachen: Wie oft machen sie sich da über das Aussehen von Politikern etc. lustig oder stellen Dinge völlig verkürzt da etc. Das finde ich politisch häufig problematisch.

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