Jede Zukunft braucht einen, der gut und gerne lebt

Am Dienstag präsentierte die SPD ihre Plakatkampagne, mit der sie in die Endphase des Wahlkampfs einsteigt. Geschäftsführerin Juliane Seifert und Generalsekretär Hubertus Heil zurrten vor der geladenen Presse ein glänzendes Synthetiktuch von einem Großflächenplakat und enthüllten einen spitzbübisch lächelnden Martin Schulz, der auf ein rotes Quadrat blickt. Darin steht: „Die Zukunft braucht neue Ideen. Und einen, der sie durchsetzt“.

Mann mit Brille, Bart, Halbglatze, Anzug und Krawatte schaut jemanden an, vor dem ein rotes Quadrat zu sehen ist mit der Inschrift: "Die Zukunft braucht neue Ideen. Und einen, der sie durchsetzt."
Guckt auf ein Quadrat: Martin Schulz Plakat: SPD

Diese Textschere mit zwei kurzen Sätzen, von denen der zweite den ersten beantwortet, ist ein alter Hut. So alt, dass sogar „Bild“-Oberchef Julian Reichelt auf Twitter eine Ähnlichkeit zur bekannten „Bild“-Kampagne der CDU-Agentur Jung von Matt sah. Da posierten Promis unter der Headline „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“

Tatsächlich kommen die Worte „braucht“, „einen“, „der“ und „sie“ auf dem Hauptplakat der SPD und der „Bild“-Kampagne in gleicher Reihenfolge vor. Allerdings sind da die Grünen mit ihrem Claim „Zukunft wird aus Mut gemacht“ noch viel näher am Plagiat: an Nenas Zeile „Liebe wird aus Mut gemacht“, geschrieben Mitte der Achtziger. Aber irgendwie, irgendwo, irgendwann gibt es vielleicht auch mal etwas wirklich Neues im Wahlkampf.

Nun hat die SPD-Kampagne zwar noch mehr Motive, aber die changieren optisch und inhaltlich zwischen Deutscher Bahn und Sparkasse. Ein lieblos ausgesuchtes Foto und die immerselbe gegenläufige Textmechanik im Quadrat:

Rente darf nicht klein > wenn Kinder groß.

Frau mit 100 % Stelle > darf nicht 21 % weniger verdienen.

Das ist nicht richtig schlecht, aber der Reflex ist nur selbstverständliche Zustimmung, keine Aufbruchstimmung.


Dabei wäre die Kampagne der CDU, die einen Monat zuvor präsentiert wurde, leicht zu toppen gewesen. Die Union hatte sich schon im Winter für Jung von Matt entschieden, die „Bild“-Agentur, siehe oben, die nicht unbedingt für leise Töne steht. Das versprach mindestens einen Aufreger – und tatsächlich hat Jung von Matt wirklich alle überrascht:

Angela Merkel schaut lächelnd in die Kamera, hinter ihr schwarz-rot-goldenen Balken und daneben der Claim: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben"
Powerpoint-Merkel: Plakatmotiv von Jung von Matt Plakat: CDU

Die schwarz-rot-goldenen Plakate sehen aus wie die Powerpoint-Vorlagen einer Deutschlandfahnen-Fabrik und das Leitmotiv lautet: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“ Der Hashtag #fedidwgugl, mit dem die Partei die Kampagne im Netz vorstellte, wurde sogar zu einem kurzlebigen Internet-Trend. Auf niedrigstem Covfefe-Niveau.

Der „Zeit“ sagte Jean-Remy von Matt: „Ich durfte in meiner Laufbahn die besten Biermarken und schnellsten Sportwagen betreuen, aber noch nie ein dem Wettbewerb so überlegenes Produkt wie Frau Merkel.“ Stellt man sich das überlegene Produkt beim Lesen dieses Satzes vor, ahnt man ein spöttisches und zugleich verlegenes Zucken in den Mundwinkeln.


Die Dramaturgie eines Films, sagte Woody Allen einmal, müsse in der letzten halben Stunde immer schneller werden: „Man muss das Tempo ständig erhöhen und aufhören wie ein Haus, das lichterloh brennt“.

Die SPD erreichte ihre gefühlte Höchsttemperatur am 29. Januar 2017 mit der Nominierung des Kanzlerkandidaten Martin Schulz durch den Parteivorstand, entflammte einige Wochen lang sogar die Wähler und die Umfragewerte, um dann nach dem 26. März Stück für Stück kokelnd zu verpuffen.

Am 26. März wurde im Saarland gewählt – einem Bundesland, das bisher vor allem als Flächenmaß bekannt ist. Zwar war nach der Nominierung von Martin Schulz der Vorsprung der CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer zusammengeschmolzen. Trotzdem lag sie stets vorne. Nach ihrem vorhersehbaren Sieg wendete sich der von allen Medien mitproduzierte Schulz-Effekt gegen den noch frischen Kanzlerkandidaten.

Eigentlich kann Martin Schulz Catchphrases, also zitierbare Sätze, die in einen Kontext eingestreut werden, wissend, dass Medien sie aufgreifen. Sein Traum vom Profifußball, seine Herkunft aus Würselen, das Europa-Ding. Das lief zunächst gut. In der Endphase des Wahlkampfs laufen ihm die Zeit, Themen und Gegnerin weg. Die ist nämlich im Urlaub.

Schulz‘ Vorschusslorbeeren der Anfangstage verdankte er klassischen sozialdemokratischen Themen: Bildungspolitik, Lohngerechtigkeit und Rentensicherheit – und das sind auch die Schwerpunkte seiner Kampagne. Angesichts sinkender Umfragewerte verlässt er diesen Kurs und setzt hektisch auf alles, was schnellen Erfolg verspricht:

2016 war er noch überzeugt davon, dass Europa die Migration gemeinsam lösen kann, im Sommer 2017 sagt er der „Bild am Sonntag“: „2015 kamen über eine Million Flüchtlinge nach Deutschland – weitgehend unkontrolliert“.

Was nicht stimmt.

Und in den Tagesthemen vom 23. Juli 2017 wirft er Angela Merkel vor: „Ich mache auf einen Umstand aufmerksam, der uns noch große Probleme bereiten könnte. Die einen fahren in Urlaub, die anderen kümmern sich um Probleme des Landes.“

Immerhin, das ist ein zitierfähiger Satz. Er klingt leider wahlweise verzweifelt, vermessen oder einfach nur sehr unsympathisch.

Korrektur: In einer ersten Version stand im Text „Frau mit 100 % Stelle > darf nicht 21 % verdienen.“ Da fehlte natürlich ein „weniger“ zwischen „21 %“ und „verdienen“.

19 Kommentare

  1. Hallo Übermedien,

    Frau mit 100 % Stelle > darf nicht 21 % weniger verdienen.

    Das ist nicht richtig schlecht,

    Diese implizite Falschbehauptung, dass Frauen die „100% leisten“, angeblich 21% weniger verdienen, ist Euch keine Thematisierung wert?

  2. Bei der CDU habe ich den Eindruck, dass die lieber auf die Fehler der anderen warten, anstatt etwas zu tun, bei dem sie selber Fehler machen könnte.
    Übrigens, wenn man einfach per Gesetz oder Tarifvertrag festlegen würde, dass Männer immer ein Viertel mehr verdienen müssen als Frauen bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit, würden sehr schnell alle freien Stellen mit Frauen besetzt werden. Und männliche Mitarbeiter würden schnellstmöglich mit weiblichen ausgetauscht werden. Und ZACK ist die Frauenquote durch.
    (Soll heißen, den Gender-Pay-Gap kriegt man schnell kleiner, wenn man an der Regierung ist und instant aufhört, alle Berufe, Jobs und Branchen in einen Topf zu hauen.)

  3. Mit „einfach“ meinte ich, dass es ja scheinbar schon so ist, wenn man sich die Berichterstattung und Wahlkampfdiskussionen dazu anhört, und man genau gar nichts dazu machen müsste.
    Andernfalls hätte der Gender-Pay-Gap Gründe, die nicht in Gesetzen oder Tarifverträgen begründet sind und daher nur schwierig durch andere Gesetze oder Tarifverträge geändert werden können.

  4. „Übrigens, wenn man einfach per Gesetz oder Tarifvertrag festlegen würde, dass Männer immer ein Viertel mehr verdienen müssen als Frauen bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit, würden sehr schnell alle freien Stellen mit Frauen besetzt werden. Und männliche Mitarbeiter würden schnellstmöglich mit weiblichen ausgetauscht werden. Und ZACK ist die Frauenquote durch.“

    Nur als Denkanstoß: Programmiererinnen waren bis in die Achtziger in der Überzahl. Der Beruf ist erst besserbezahlt worden, als Männer in der Überzahl waren. Kurz gesagt: Männer verdienen oft mehr, weil sie Männer sind. Das ist einer der Gründe, warum ein „der Markt regelt das schon“ hier irgendwie nicht funktioniert.

  5. Ist der Beruf besser bezahlt worden, weil Männer in der Überzahl waren, oder lag es evt. daran, dass der Beruf immer wichtiger wurde? Und die Männerquote erhöhte sich dann prompt, weil Männer bekanntlich nur das eine wollen? *sing: Geld, Geld, Geheld.

    Ok, ich will nicht sarkastischer sein als nötig: Wenn eine Frau 20% weniger verdient als ein Mann, dann verdient ein Mann eben ein Viertel mehr als die Frau. Wenn es so dargestellt wird, dass ein Mann _bei gleicher Qualifikation und gleicher Tätigkeit_ einfach mal ein Viertel mehr Geld kriegt, so gibt es sicher Fälle, wo das genau so ist, sie sind aber nicht die Regel. Beweis? Das würde gegen einschlägige Tarifverträge verstoßen, das würde ohne Ende vor Arbeitsgerichten landen, und das wäre kaufmännischer Unsinn (kommt sicher auch vor, ja). Und weil das nicht die Regel ist, ist es unredlich, so zu tun, als wäre sie es: „Frau mit 100-%-Stelle darf nicht 21% weniger verdienen.“ Muss sie nämlich nicht.

    Die Erklärung ist, dass es zwei Gender-Pay-Gaps (GPG) gibt, einen bereinigten und einen unbereinigten. Beim unbereinigten GPG werden einfach alle Männer in einen Topf geworfen, alle Frauen in einen anderen, und dann kommt heraus, dass Männer im Durchschnitt ein Viertel mehr verdienen als Frauen, aber nicht für gleiche Arbeit bei gleicher Qualifikation, sondern eben bei unterschiedlicher Arbeit.
    Das muss man nicht toll finden, klar, aber das hat sehr viele Ursachen, die nicht alle oder nur begrenzt von der SPD verändert werden können.
    Der bereinigte GPG vergleicht dann tatsächlich gleichqualifizierte Männer und Frauen bei gleicher Tätigkeit, und da kommen je nach Quelle 2-7% raus, oder es geht gegen Null, wenn man Frauen ohne Kinder mit Männern vergleicht (was jetzt mit Möglichkeiten zur Kinderbetreuung zu tun hat, was wiederum von der SPD zu beeinflussen wäre, aber KiTas sind schon ein anderer Programmpunkt). Und man müsste auch nach Branchen differenzieren, im Profifußball z.B. kriegen Männer ein bis zwei Stellen mehr vorm Komma als Frauen.

    Also ja, man sollte vllt. nicht alles dem Markt überlassen, aber an der Stelle sehe ich schon folgendes Szenario: erst mit dem unbereinigten GPG das Narrativ von ausgebeuteten Frauen bedienen, und im Falle eines Wahlsieges hinterher mit dem bereinigten GPG „beweisen“, dass sich die Ungleichbehandlung von Frauen von 22% zu wenig auf 5% (oder was) zu wenig reduziert hat. Hurra für uns!

    Und das nervt.

  6. Es gibt sogar drei GPG. Und die sind alle richtig, sie sagen halt unterschiedliche Sachen aus. Der eine vergleicht alle Männer mit allen Frauen. Da liegen Frauen deutlich zurück und die SPD kann etwas dran ändern. Zum Beispiel, indem sie Kinderbetreuung verbessert, den Einstieg in den Beruf nach Babypause erleichtert oder bestimmt, das Gehälter offengelegt werden. Dann gibt es einen, bei dem nur Gleichqualifizierte verglichen werden. Also Adakemider mit Akademikerinmen. Da liegen Frauen deutlich hinten. Auch da kann die SPD was ändern. Siehe oben. Und dann gibt es das, was Sie den bereinigten GPG nennen. Wo all die Benachteiligungen von Frauen – werden öfter zu den Kindern geschickt, kümmern sich häufiger um Angehörige etc. – rausgerechnet werden (bereinigt, WTF?) da liegen Frauen noch immer hinten. Also selbst wenn Frauen Qualifikationszwillinge der Männer sind, kriegen sie etwa 7% weniger als Männer.
    Und jetzt stellen wir uns das vor: Die Zwillinge, Jamie und Cersei, kommen nach der Uni zum Personaler. Der sagt: Jamie bekommt 100.000 im Jahr und Cersei das gleiche, 93.000. Das macht der Personaler, weil der Markt eben nicht nur nach Geld funktioniert, sondern Jamie – weil Mann – bestimmte Attribute zuweist, die Cersei sich erst erarbeiten muss (Durchsetzungsstark, Rational, Unschwängerbar) und die Geld wert sind. Und weil der Personaler häufig ein Mann ist der Männer bevorzugt (True story) obwohl die Theorie eigentlich was anderes sagt … (Ist das Humes? Kann gerade nicht Google fragen).
    Ach ja, Programmierer wurden besser bezahlt, als man anfing, es für ein Männerding zu halten (Nicht mehr Linguistik sondern Mathe) und deswegen Jungs Computers als Spielzeug verkaufte).

  7. Ok, dann gibt es drei GPGs.
    Noch mehr Möglichkeiten, die Torpfosten zu verrücken. *g

    Wer oder was hält Cersei davon ab, sich zu erkundigen, was Jamie bekommt? Bzw., was hält sie davon ab, das Durchschnittsgehalt in ihrem Job zu googeln und ihre Gehaltsverhandlungen darauf abzustimmen? Oder wieso ist Jamie in einer anderen Gewerkschaft als Cersei? Wer „schickt“ Cersei zu den Kindern? Wer „zwingt“ sie, Kinder zu kriegen? Wer – falls das der Grund ist – hat ihr beigebracht, bei Gehaltsverhandlungen bescheidener zu sein als ihr Bruder? Weder der Personaler noch die SPD, würde ich sagen.
    Aber wie auch immer, auf dem SPD-Plakat werden offenbar gleich Qualifizierte verglichen, und dann müssten da 7% stehen statt 21, oder ich fühle mich vergageimert.

    Dass jemand Programmierer besser bezahlt, nur weil *er* es für ein Männerding hält, und nicht etwa, weil die Programmierer a) mehr Geld wollen, und b) ihre Arbeit wirtschaftlich so wichtig ist, dass sich das finanzieren lässt, hätte ich übrigens gerne belegt.

    Niemand _zwingt_ eine Frau, lieber ein Linguistikfach zu studieren als ein MINT-Fach. Wenn eine Frau in einem Linguistikfach 21% weniger verdient als ein Mann mit gleich viel Semestern in einem MINT-Fach, dann liegt das jetzt wirklich am Markt. Gleiches Geld für _gleiche_ Arbeit und so. Unterschiedliche Arbeit: mehr oder weniger oder zufällig gleich viel Geld.
    (Diskläimer: ich behaupte weder, dass Männer grundsätzlich bessere MINT-ler sind, noch Frauen bessere Linguistiker. Ich behaupte, dass in D. freie Berufswahl herrscht, und wenn viele Männer lieber MINT-Fächer studieren wollen und viele Frauen lieber Linguistik, dann ist das halt so.)

  8. Es kann mit dem zweiten Topf auch gemeint sein, dass Frauen bei gleichem Studium andere Jobs suchen und/oder bekommen und deshalb weniger verdienen. Da müsste jetzt in der Statistik stehen, ob Akademikerin mit Akademiker oder Ingenieurin mit Ingenieur verglichen wurde.

    Man kann als nächstes ja auch fragen, wieso denn weniger Frauen in MINT-Fächern sind oder sein wollen und an den Ursachen arbeiten. Ich denke zum Beispiel, es gibt immer noch gesellschaftliche Vorurteile, dass Frauen sozialer und emotionaler seien und dass deshalb die kalten und rationalen MINT-Fächer weniger ihrem Charakter entsprächen.

  9. @Mycroft, #8

    Ob bei der SPD die gleich Qualifizierten gemeint sind, ist mir nicht so klar. Der Original Wortlaut ist „Wer 100% leistet, darf nicht 21% weniger verdienen.“ Was genau Leistung ist, darüber könnten wir jetzt debattieren, aber wenn wir jetzt mal davon ausgehen, dass Frauen nicht weniger intensiv ihre Arbeit verrichten und nicht öfter Pause oder Urlaub machen, dann sehe ich es als legitim an, alle Frauen und alle Männer in einen Topf zu werfen und das ganze mit 21% weniger Verdienst bei gleicher Leistung zu betiteln.

  10. Sehr geehrter Herr Erwinzk,
    meine Mutter bekam mal von ihrer Grundschullehrerin den Spruch gedrückt, sie sei ja immer gut in Mathe gewesen. „Für ein Mädchen“. Sie hat dann Architektur studiert.
    Ich will ganz sicher nicht behauptet, dass die Berufsentscheidungen von Frauen _und_ Männern nichts mit internalisierten Vorurteilen zu tun hätten.
    Es hat aber auch mit ewig gleichbleibenden Narrativen zu tun wie dem, dass man als Frau ja eh nur unterdrückt wird, welches durch solche Plakate eher reproduziert als abgebaut wird.

    Was Arbeit und Leistung außerhalb ihrer physikalischen Definition bedeutet, kann man gerne diskutieren, aber die 21% kommen z.T. durch geschlechtsspezifisch unterschiedliche Berufswahlen zustande. Mal anders, nämlich geschlechtsneutral: mein Vater fand es ungerecht, dass Maurer mehr verdienen als Gärtner. Ob man eine gemörtelte Wand hochzieht (Maurer) oder eine Trockenmauer (Gärtner), ob man 50 kg Zement oder 50 kg Torf trägt, es ist offenbar dieselbe Leistung. Müsste die SPD dann nicht erklären, dass entweder Gärtner benachteiligt oder Maurer bevorzugt werden? (Der Frauenanteil ist bei beiden ähnlich „hoch“.)
    Oder müsste man nicht feststellen, dass Angebot und Nachfrage hier offenbar am Walten sind, und man unterschiedliche Berufe _nicht_ einfach in einen Topf werfen kann?

  11. @Mycroft: Ich bin bei Ihnen, wenn Sie die 21%-Aussage unglücklich finden und lieber die differenziertere und „härtere“, weil von weniger Faktoren abhängende bereinigte Gap von 7% da stehen haben möchten.
    Was ich ja immer ein bisschen seltsam finde: ständig wird in Diskussionen darauf hingewiesen, dass die 21% ja nicht stimmen und eine bösartige Interpretation der Feministinnen sind und dass ja in Wirklichkeit der bereinigte Gap bei 7% liegt. Und damit ist dann alles gesagt, die „Lügenpresse“ ist entlarvt und die Feministinnen stehen blöd da. Kapiere ich nicht. WIESO sind eigentlich 7% „Wurscht“? Das ist weniger als 21%, aber es ist doch nicht „nix“?! Wenn wir also einen bereinigten, echten Gap bei gleicher Qualifikation und Branche usw. haben, warum zm Henker stört es Niemanden, wenn Frauen in großer Zahl und systematisch 7% (oder auch 5% oder 3%) weniger verdienen als Männer? Gerade weil es eben systematisch passiert, weil es eben nicht „ein Ausreißer“ in einer bestimmten Branche ist und an anderer Stelle sich das umdreht und so im Mittel am Ende alles bei 50:50 rauskommt, ist das doch ein Fakt, der uns beschäftigen sollte? Wieso ist das so, wieso ändert sich das nicht, wieso stört das Keinen?

  12. @Mycroft, #11

    Es ist mir durchaus bewusst, dass die 21% durch die Berufswahl kommen, das sieht man ja daran, dass daraus dann nur noch 0-7% werden, wenn die gleiche Position verglichen wird. Aber ist die Erklärung dafür jetzt, dass frau sich unterdrückt fühlt und deshalb einen Beruf wählt, wo sie mit Sicherheit weniger verdient?

    Bei den unterschiedlich bezahlten Berufen ist es entweder nicht die gleiche „Leistung“, oder es wird nicht nach „Leistung“ bezahlt. Ich denke, der Begriff ist einfach nicht definiert, so dass man ihn je nach Bedarf einfach subjektiv verwendet. So wie mit dem Wahlkampfspruch „Leistung muss sich wieder lohnen“ und jeder denkt, er selbst sei gemeint.

  13. Man könnte das auch so interpretieren: „Frauen suchen im Beruf Selbstverwirklichung, Männer einen Lebensunterhalt.“

    Es ist sicher komplizierter als das.

    Umso weniger gefällt mir dieser Spruch; wohlgemerkt, „Gleiches Geld für gleiche Arbeit“ ist ein klassisches SPD-Thema, für das sie meine Unterstützung hat; nur die Präsentation kritisiere ich.

  14. @Helena

    dass ja in Wirklichkeit der bereinigte Gap bei 7% liegt

    Das ist so nicht ganz richtig. Man kommt auf 7%, wenn man die Faktoren, die einem eingefallen sind, nimmt und damit bereinigt. Damit ist aber nicht ausgeschlossen, dass es noch weitere Faktoren gibt (die einem nicht eingefallen sind), und deren Berücksichtigung die Lücke noch weiter senken würde.

    Dem DIW sind beispielsweise weitere Faktoren eingefallen und sie kommen damit auf 2% Rest-Unterschied.

    Richtig wäre also folgende Aussage:

    dass ja in Wirklichkeit der bereinigte Gap bei maximal 2% liegt

  15. Ich möchte nochmal betonen, dass ich Helena (die ich vorher nicht gelesen habe), Recht gebe, dass auch zwei Prozent weniger nicht „wurscht“ sind. Bzw. wäre da meine Vermutung, dass das ein gemittelter Wert wäre, d.h., in einigen Firmen wird fair bezahlt und befördert, und in einigen kriegen Frauen z.B. 4% weniger, was dann zu einem durchschnittlichen GPG von 2% führt. Natürlich ist das nicht wurscht. Natürlich stört das jemanden. Die Feministinnen und die SPD aber offenbar so sehr, dass sie das Problem übertreiben.

    Die 21% kommen nämlich daher, dass unterschiedliche Berufe mit unterschiedlichen Männeranteilen in unterschiedlichen Branchen und mit unterschiedlichen Arbeitsverhältnissen verglichen werden. Welchen Sinn sollte das haben? Warum sollte sich der Verdienst von z.B. Grundschullehrerinnen (und gelegentlichen Grundschullehrern) an dem von Maschinenbauingenieuren (und gelegentlichen Maschinenbauingenieurinnen) orientieren? Oder umgekehrt? Und vor allem, selbst wenn jede Maschinenbauerin exakt so gut bezahlt und befördert wird wie ihre männlichen Kollegen, und jede Grundschullehrerin auch, hätte man immer noch einen GPG, weil Maschinenbau und Grundschule unterschiedlich bezahlt wird.
    Jetzt wird man feministischerseits einwenden, dass die Geschlechterungleichverteilung ja ihrerseits ebenfalls auf Sexismus basiert, weil Männer ja nicht von Natur aus bessere Maschinenbauer sind (logisch irgendwie) und Frauen nicht von Natur aus besser Kinder erziehen können (oder vllt. gibt’s Feministinnen, die letzteres behaupten, aber egal), sondern hier verinnerlichte Vorurteile wirken.
    Aber das hieße in der Konsequenz, dass man nicht nur für gerechte Entlohnung, Beförderung und dergleichen innerhalb einer Branche oder Firma arbeiten muss, sondern für jeden Beruf eine Frauen/Männerquote von 50/50 einführen muss.

    Und da komme ich zu meinen Ausgangsargument zurück, wir schmeißen Tarifautonomie, Vertragsfreiheit und ein Stück weit die Berufsfreiheit über den Haufen und zwingen Arbeitgeber, dem jeweils häufigeren Geschlecht mehr Geld zu zahlen als dem selteneren, um diese so dazu zu bringen, bevorzugt das seltenere Geschlecht einzustellen, bis sich die Verhältnisse angleichen.
    Hallo, Profifußball.

    Achja, zum Thema: „Männerberufe“ kriegen deshalb mehr Geld, weil da mehr Männer arbeiten. Wieso verdienen Architekten dann mehr Geld aus Bauingenieure? Oder sonstwer in einem Bauberuf?

  16. Danke für diesen letzten Kommentar, @Mycroft.
    Ob Georgs vom DIW ermittelte 2% stimmen oder 4% geschätzt, oder 7% in anderen Studien – mir ist das egal, denn es geht nicht um die Zahl. Es geht darum, dass alle Studien, die wir dazu haben, zeigen, dass es IMMER eine (bilanzierte, gemittelte) SYSTEMATISCHE Lohn-Lücke zwischen Männern und Frauen gibt, die zu Ungunsten der Frauen ausfällt. Und ich finde, das sollte uns alle interessieren.
    Welche Faktoren davon jetzt auf Erziehung und daraus folgender veränderter Berufswahl sowie verinnerlichter Verhaltensweisen von Frauen zurückzuführen sind und welche Faktoren eher mit Strukturen innerhalb von Unternehmen und Personalabteilungen zusammenhängen, darüber kann man streiten. Man kann auch über die Lösungsvorschläge streiten – macht eine Quote Sinn? Wieviel wollen wir in individuelle Berufswünsche eingreifen, wieviel Mühe in Förderprogramme oder Erziehung investieren? Wie viel Einfluss hat die Geschlechterverteilung innerhalb einer Branche auf die Gesamt-Lohnentwicklung (s. Beispiele, wo Berufe besser bezahlt wurden, sobald ihn Männer ergriffen, aber eben auch Gegenbeispiele, wo klassische Männerberufe bis heute keineswegs gut bezahlt werden)? Wie sehen wir als Gesellschaft überhaupt unsere Haltung zu sogenannter „Care-Arbeit“ (klassisches Frauen-Feld, häufig ehrenamtlich geleistet) und inwiefern schätzen und benötigen wir sie und wie entlohnen wir sie künftig?
    Ich finde, das sind alles sehr wichtige, auch große und natürlich nicht „mal schnell eben zu lösende“ Probleme. Aber so zu tun, als ob sich die blöden Feministinnen bloß anstellen und Wind um was machen, das ja gar nicht existiert, das ärgert mich echt total. Es existiert. Und es ist ein Problem. Und wenn wir uns darüber endlich mal einig werden könnten, könnten wir die ganzen Schattengefechte sein lassen und gemeinsam überlegen, welche Aspekte daran uns wie genau stören und was wir ändern wollen. Aber diese ewige Grundlagendiskussion, dass wir doch erstmal nachweisen sollen, dass das Problem überhaupt existiert und dass es ja schließlich reichlich dringendere Fragestellungen gibt, das macht so müde und auch so wütend. Weil man das Gefühl hat, man redet an die Wand. Dabei könnten wir längst an Lösungen stricken, konstruktiv. Stattdessen müssen wir zum hundertsten Mal erklären, worin das Problem überhaupt besteht, um dann wieder von Jemandem erklärt zu kriegen, dass es ja „in Wirklichkeit“ bloß 2% oder 7% oder whatever sind und deshalb das Problem ja gar nicht echt ist.

  17. @Helena:
    Im Kontext mit den Pflegeberufen: Das wäre in der Tat ein SPD-Thema. Bzw., es ist zunächst einmal ein Thema für Frauen und gelegentliche Männer in der Pflege, sich für besser Bezahlung einzusetzen, oder überhaupt für Bezahlung, aber weil Pflege eine gesellschaftliche Aufgabe ist und außerdem, weil Arbeitnehmerinteressen eigentlich Sinn und Zweck der SPD sind, ist es auch ein SPD-Thema.
    Es ist aber ein anderes Thema als „sexistische Personaler ziehen Maschinenbauerinnen bei Gehaltsverhandlungen ab“. Die SPD würde sich rein gar nichts vergeben, wenn sie das trennen würde. Eigentlich würde ihr das sogar helfen: „Wir kämpfen gegen sexistische Arbeitgeber UND für gerechte Entlohnung in Pflegeberufen!“

    Und es gibt sicher genug Leute, die die GPG-Diskussion als Schattendiskussion führen, da haben Sie Recht, aber andrerseits, wenn mir jemand sagt, dass er oder hier sie um 21.000 Euro jährlich betrogen werde, und es sind „nur“ 7.000, dann fühle _ich_ mich schon etwas gekränkt. U.a., weil damit ja unterstellt wird, es wäre mir egal, wenn „bloß“ 7.000 Euro geklaut werden. Ist es nicht.
    Und bei allen berufsübergreifenden Vergleichen kommt immer ein Einwand hinzu: „Wenn jemand sich ärgert, dass z.B. Architekten mehr Geld als z.B. Bauingenieure verdienen, ist sie oder er selber schuld, wenn sie oder er nicht Architektur studiert hat, sondern Bauingenieurwesen.“
    Soll heißen, die Feministinnen bauen ihre Argumente in diesem Fall sehr schlecht auf. Und wenn jemand sagt, dass sie oder in diesem Fall er diese Argumentation nicht plausibel findet, wird das häufig (nicht hier, wohlgemerkt) als Derailing o.ä. abgetan. Wenn ich das Thema derailen wollte, fiele mir was besseres ein.

  18. Ob Georgs vom DIW ermittelte 2% stimmen oder 4% geschätzt, oder 7% in anderen Studien – mir ist das egal, denn es geht nicht um die Zahl. Es geht darum, dass alle Studien, die wir dazu haben, zeigen, dass es IMMER eine (bilanzierte, gemittelte) SYSTEMATISCHE Lohn-Lücke zwischen Männern und Frauen gibt, die zu Ungunsten der Frauen ausfällt.

    Nein, das ist nicht immer so:

    men and women who were never married and never had a child. In this case, the unadjusted gender gap is actually positive—women earn about 8% more than their male counterparts.

    (Quelle)

    Im Übrigen scheint der Kern meines Arguments nicht klar geworden zu sein. Wenn eine Studie versucht, mit der Einbeziehung von Faktoren zu klären, wie hoch der „wirkliche“ Gap ist, dann macht sie das ja trivialerweise nur mit den Faktoren, die den Wissenschaftlern einfallen. Sie denken sich: „Schauen wir mal, ob es an der unterschiedl. Ausbildung liegt.“ Oder: „Schauen wir mal, ob es an der Bereitschaft liegt, Überstunden zu machen.“

    So kommt man dann nach und nach zu kleineren Lücken. Der Punkt ist aber: Man weiß NIE, ob man schon an alle Faktoren gedacht hat. Wenn man zB bei 2% ankommt, heißt das nicht, dass es nun sicher 2% sind, die an Diskriminierung liegen. Es kann auch sein, dass in einem Jahr ein anderen Wissenschaftler um die Ecke kommt, der noch Faktor X gefunden hat und damit dann auch 0% (oder gar eine negative Lücke kommt).

    Daher sollte man solche 2% immer beschreiben mit: Die Lohnlücke liegt bei maximal 2%, sie könnte sogar noch niedriger sein.

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