Stiftung Warentext

Wer in zweiter Generation als Migrantenkind aufgewachsen ist, für den haben ein paar deutsche Institutionen einen geradezu magischen Klang, weil unsere Väter ihre Namen wie die von Heiligen ausgesprochen haben. Es sind Wunder, von Gott geschenkte, unfehlbare und aus tiefstem Herzen parareligiös verehrte Einrichtungen, die mit ihrer höheren Intelligenz und Güte dem einfachen Sünder dienen: der ADAC und die Stiftung Warentest.

Bevor wir vier Tage lang über den Autoput nach Griechenland geschottert sind, haben wir einen halben Tag in der ADAC-Geschäftsstelle gestanden, wo uns ein freundlicher Mitarbeiter mit bunten Textmarkern unsere Fahrstrecke in einen Stapel Straßenkarten zeichnete. Und natürlich hätte es bei uns zuhause niemals ein technisches Gerät gegeben, das nicht in der Zeitschrift „Test“, dem Organ der Stiftung Warentest, gut bewertet worden wäre. Das wäre ja verrückt! Ungefähr so, als würde man in ein Land auswandern, in dem man nicht „an der Pannenstelle Mitglied werden“ kann und an dem keine unabhängige, quasi offizielle Stelle im Dienste der Verbraucher Produkte testet*.

Die Hingabe wurde nicht vererbt; ich habe, seitdem ich zuhause ausgezogen bin, nie wieder ein „Test“-Heft gelesen. Also zumindest bis gestern. Geblieben ist nur die Ehrfurcht vor den Testergebnissen auf Produktverpackungen, soll heißen, ein tiefer Glaube an die Seriosität der Unternehmung.

Und diese Seriosität hat sich das Magazin bewahrt, was bedeuten soll: Es liest sich rein unterhaltungstechnisch nicht umwerfend komisch oder ähnliches, obwohl sich eine mir zumindest von früher nicht mehr erinnerliche menschliche Dimension eingeschlichen hat: Es berichtet zum Beispiel eine Autorin über ihre Selbstversuche mit sechs Staubsaugrobotern, die sie aus der Redaktion mit nach Hause genommen hat (ihr Mann war wegen des ständigen Summens genervt).

Als Offenlegung: Ich habe das Heft auch deswegen gekauft, weil das Titelthema der aktuellen Ausgabe ein Olivenöl-Test ist, und gutes Olivenöl ist mein Lieblingsthema**. Der Test ist gut und ausführlich beschrieben, und falls noch irgendjemand glauben sollte, bei Discountern gäbe es doch ordentliches Olivenöl, der soll bitte unbedingt in diese Ausgabe gucken. Von 24 getesteten Supermarkt-Ölen erfüllen hier 10 nicht einmal die nicht besonders hohen Hürden für „extra natives“ Olivenöl. Sie gehören aus dem Verkehr gezogen und ihre Produzenten wegen Betrugs bestraft. Außerdem sind etliche mit Schweröl belastet, gut schmecken tut sowieso keins, nicht einmal nach den wirklich bescheidenen Anforderungen dieses Tests. Haken wir das hier ab, ich komme sonst in Fahrt und hör vier Stunden lang nicht auf zu meckern. [🙄, Anmerkung der Redaktion.]

Es ist eine lange, wirklich lange, lange Liste von Themen, die in einer Ausgabe von „Test“ abgehandelt werden, von Bürostühlen über Unmengen von Ausrüstung im Zusammenhang mit der Umstellung von Antennenfernsehen von einem Buchstaben-Abkürzungssalat auf einen neuen, Matratzen, Mobilitäts-Apps rund um ÖPNV und Car-Sharing bis zu Briefmarkensammeln als Geldanlage***.

Und die gschaftlhuberische Humorlosigkeit, mit der die Tester völlig unbeeindruckt alles in seine tatsächliche Funktion zerlegen, übt einen echten Sog aus. Ich war immer der Meinung, gutes Schreiben ist in der Regel konkret, und das hier ist auf bizarre Art der Beweis: Je näher man an die technischen Feinheiten eines Hausstaubsaugroboters herangeführt wird, umso öfter sieht man vor seinem inneren Auge das Modell mit der Kameranavigation im eigenen, unregelmäßig ausgeleuchteten Wohnzimmer verrecken, während der Testsieger lasergesteuert seine Ivan-Drago-artigen Bahnen zieht.

Der allersympathischste Hausstaubbodensaugroboter hat übrigens nur die Navigation eines Betrunkenen Sonntagmorgens auf der Reeperbahn: Er geht so lange vorwärts, bis er irgendwo gegen stößt, ändert dann die Richtung und wiederholt das ganze bis ihm die Energie ausgeht. Bis Montagmorgen war er so überall mal, an manchen Stellen halt öfter.

Das Layout, überhaupt alles an „Test“, unterstreicht die Ernsthaftigkeit des Unterfangens „Seriösestes Testmagazin aller Zeiten“ durch ausgeprägte Unlockerheit. Es ist sehr viel Text in dieser Zeitschrift, und er sieht auch immer nach sehr viel Text aus. Das ist im Prinzip ein Feature, weil Seriosität ja das Grundkapital von dat Janze ist, aber es hat auch einen großen Nachteil, es sieht nämlich altmodisch aus, nicht wirklich aktuell, und so kommt es echt als Überraschung, dass in dieser wahrscheinlich noch deutlich vor Weihnachten produzierten Ausgabe bereits ein kleiner, schneller aber feiner Test über diese Boxen wie „Alexa“ ist, mit denen Amazon uns Bestellungen dadurch aufgeben lassen will, dass wir nur laut nachdenken****. Das Layout wirkt so aus der Zeit gefallen, dass man auf den Gedanken kommt, das müsste so eine Art Filmfehler sein, wie das Auto vor der Tür vom Diner in „The Big Lebowski“: Das gab es doch damals noch gar nicht!

Und natürlich gibt es auch bei Produkten wie den Bürostühlen kein Fitzelchen Bewertung für die Ästhetik, das Design. Nun sind Bürostühle, wie sie hier getestet werden, ziemlich genau die hässlichsten denkbaren Möbel, aber gerade deshalb weckt es in mir eine perverse Freude, Zeile um Zeile über „gesundheitsschädliche Armlehnen“ und „Brüche im Dauertest“ zu lesen, ohne dass da jemals ein Aufschrei kommt wie „und hässlich sind die Dinger wie die Nacht! Ich möchte da tot nicht drauf gesehen werden!“

Die Warentester arbeiten sich stoisch an ihren Objekten ab, und diese unaufhaltsame Quantifizierung der nützlichen Qualitäten von Dingen strahlt eine nüchterne Ruhe aus, für die zu viel Ästhetik wahrscheinlich geradezu schädlich wäre. Insofern ist das Layout vielleicht auch einfach brillant. Seriös eben. Ist ja nicht der ADAC, wo die Ranglisten aus dem Bauch raus entschieden werden.

Wobei ich natürlich nie was gegen den ADAC sagen würde. Wenn die das so machen, dann muss das bestimmt so sein.

Test
Stiftung Warentest
5,70 Euro

*) Die dritte Lobpreisung Deutschlands hat sich inzwischen leider außerhalb Stuttgarts ein bisschen erledigt, das war nämlich „alle Taxis sind Mercedes!“

**) Ich habe knapp anderthalb Jahre hauptberuflich für eine Firma gearbeitet, die mit Produzenten in Spanien, Italien und Griechenland Olivenöle produziert und vermarktet. Die haben allerdings absolut nichts mehr mit der Art Plörre zu tun, die hier von der Stiftung Warentest geprüft wurde (und man findet sie unter artefakten.net).

***) Ergebnis: Lass es!

****) Ergebnis: Lass das auch!

18 Kommentare

  1. Jetzt wollte ich mir die „Schnellstarter Box nativer Olivenöle“ kaufen und dann ist die nicht lieferbar.

    Schön, dass ansonsten eine Instanz wie die Stiftung Warentest auch in der Kritik noch gut davon kommt! Die sind schon wegen ihrer unerschütterlichen Konstanz bewundernswert.

  2. oh je, wenn ein Grieche ein Testheft über Olivenöl liest :-)

    Und dann fast nur italienische und spanische Öle

  3. Ich lese die Zeitschriften-Besprechungen hier ja immer gerne, danke dafür :)

    Einen kleinen Verbesserungsvorschlag hätte ich aber doch:
    es ist ein wenig mühsam (und eigentlich im digitalen Medium völlig überflüssig) zum Lesen der Fußnoten immer zum Ende des Textes zu scrollen und dann wieder zurück zur gerade gelesenen Stelle zu finden.

    Wäre hier nicht eine Art mouse-over-popup nützlich welches den Inhalt der Fußnoten direkt im Text, quasi auf Anfrage, anzeigen kann? Wenn mouse-over zu aufdringlich ist, vielleicht dann einfach per Klick eine kleine Fußnotenbox einblenden?

    Das würde den Lesespaß auf jeden Fall erhöhen.

    Ansonsten: danke, weiter so!

  4. @Christian
    Mit diesem „mouse-over-popup“braucht es ja gar keine Fußnoten mehr, sondern er könnte sie direkt in den Text einbauen. Diese Fußnoten sind anscheinend sein Spleen oder eine persönliche Note, um es milder zu formulieren. Der Lesespaß soll ja schließlich auch nicht zu hoch sein, oder?

  5. Was heißt „gschaftlhuberisch“? Habs versucht zu ergoogeln, ist mir dabei dann aber stets nur als beschreibendes Wort für die Bedeutung anderer Wörter, die ich nicht kenne, untergekommen. (Mein Tipp ist: rechthaberisch)

    War wieder eine herrliche Zeitschriften-Rezension. Freu mich immer wieder drauf!

  6. Juhu! Bei uns lag in meiner Kindheit auch immer „der test“ rum. Der war natürlich und wie selbstverständlich über jeden Zweifel erhaben. Toll beschrieben :- ))

  7. Ich freue mich sehr, daß Michalis Pantelouris nicht auch für einen Kaviar- & Champagnerversand tätig war. Auf jeden Fall bin ich nun Eigentümer einer erstaunlichen Vielzahl verschiedener Olivenöle.

  8. Vielen Dank für all die Hilfen!

    Das ist ja ein super-Wort! Ich würde es gern unheimlich häufig in meinem Alltag verwenden! Es beschreibt etwas, das ich häufig wahrnehme, doch noch nie hätte so einfach in einem Wort ausdrücken können.

    Leider kann ich es nicht ausprechen. Habs schon sieben mal versucht. Geht einfach nicht.

  9. Hallo Herr Pantelouris,

    die Zeitschrift heißt ‚Stiftung Warentest‘ nicht ‚.. Warentext“ ;-). War hoffentlich kein Freudscher Versprecher.

    Grüsse aus Hannover!

  10. Ich kann die Stiftung ja nicht ernst nehmen. Wann immer (selten) ich Gelegenheit habe, mit deren Testergebnissen eigene Erfahrungen zu machen, ist das Ergebnis, dass sie Quatsch sind, oder vielleicht bescheidener: nicht auf mich anwendbar. Ich hab hier akut in der Küche einen Mikrowellenkombidings, der damit prahlt, von denen in der Bedienung mit 1,3 die beste Note im Test abbekommen zu haben, und der Features aufweist, die meines Erachtens nur jemand entwickelt haben kann, der seine Nutzer vorsätzlich ärgern wollte.
    Aber ich empfinde für den Laden immerhin nicht die leidenschaftliche Verachtung, die der ADAC bei mir aufruft. Nur so leicht amüsierte Gleichgültigkeit.
    Und wenn ich schon dabei bin: Ich komm übrigens gut klar mit billigem Olivenöl und frag mich immer, wenn ich besseres kaufe, ob ich noch ganz dicht bin, weil ich’s eh nicht merke.
    Mein Testergebnis.

  11. @ Muriel

    Das tolle an dem Heft selber ist, das sie Ihre Ergebnisse begründen. Man kann u.a. auch mit Produkten glücklich werden, die ein schlechtes Testergebnis haben. Kommt halt auf die persönlichen Bedürfnisse an.

    Außerdem sind es sehr objektive Tests.

    So freut es mich für Sie, dass sie mit billigen Olivenölen gut klar kommen, aber das ist eben etwas sehr subjektives. Oder?
    Außerdem bin ich recht froh zu wissen, wo Schweröl zu finden ist, selbst wenn ich mit dem Öl sensorisch gut klar komme.

    MfG

  12. @M.J. Groenewold: „Das tolle an dem Heft selber ist, das sie Ihre Ergebnisse begründen.“
    Wenn das gut gemacht ist, ist es natürlich in der Tat nützlich. Also, so wie ich Sie verstehe wie Sie es meinen.

    „Außerdem sind es sehr objektive Tests.“ Sie sagen das so, und es mag ja sein, ich hab das Heft noch nie gelesen. Aber ist das was Gutes?

    „So freut es mich für Sie, dass sie mit billigen Olivenölen gut klar kommen, aber das ist eben etwas sehr subjektives. Oder?“
    Kann ja gar nicht anders, klar.

    „Außerdem bin ich recht froh zu wissen, wo Schweröl zu finden ist, selbst wenn ich mit dem Öl sensorisch gut klar komme.“
    Das freut mich doch für Sie. Froh zu sein, bedarf es ja bekanntlich wenig, aber wer froh ist… Sie wissen ja.

  13. Nachdem ich erst die Olivenölseite besucht und dann die Kommentare gelesen habe war ich doch erstaunt, dass das offenbar viele andere Leser ganz genauso gemacht haben.

    Der Verdacht drängt sich auf, dass Herr Pantelouris mit seinen unbestechlichen, von Unvoreingenommenheit und kritischer Distanz geprägten, leider stark textlastigen und somit layouttechnisch komplett aus der Zeit gefallenen, aber vielleicht gerade dadurch umso vertrauenswürdigeren Zeitschriftentests zu nicht weniger als einer Instanz geworden ist, der man über die Jahrzehnte blind zu vertrauen gelernt hat – egal ob es um Heavy-Metal-Postillen, Landlebenverklärungsillustrierte oder bizarre, nur an vereinzelten Metropolenbahnhofskiosken anzutreffende Obernerdtitel handelt.

    Auch ich hätte jedenfalls sofort blind eines der bei artefakten.net offerierten Öle bestellt, war dann allerdings in der Vorratskammer und habe glücklicherweise noch einige Liter höchstpersönlich aus Kreta eingeschleppten Öls gefunden, mir aber die Seite vorsichtshalber mal gebookmarked.

    Cheers, danke, weitermachen!

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