Mehr über Auslandsberichterstattung

Mit der „Weltspiegel“-Ausgabe, die am vergangenen Sonntag in der ARD lief, konnte das Stammpublikum sehr zufrieden sein. Korrespondentin Katharina Willinger gelang es, die Verzweiflung und Wut iranischer Bürger über getötete Protestierende einzufangen („Was ich jetzt sage, dafür könnte man mir Handschellen anlegen“); Sophie von der Tann, die für die ARD aus Israel berichtet, porträtierte auf eindrucksvolle Weise Eli Sharabi, der mehr als ein Jahr in Hamas-Geiselhaft war und dort Hunger litt; und in einem Beitrag aus Syrien würdigte Ramin Sina den – letztlich wohl erfolglosen – Widerstand von Kurdinnen und Kurden in der Region Rojava gegen die islamistische Zentralregierung.
Das alles war gute, notwendige Auslandsberichterstattung. Und man fragte sich: Warum nicht immer so? Und vor allem, angesichts der Weltlage: Warum nicht viel öfter?
Denn dem „Weltspiegel“ fehlt es nicht grundsätzlich an Qualität. Das Problem ist vielmehr: Die Sendung vom 8. Februar war erst die zweite in diesem Jahr – trotz der Massaker des iranischen Regimes an der eigenen Bevölkerung, trotz ICE-Terror in USA, trotz des US-Schlags gegen Venezuela und der Entführung des dortigen Präsidenten, trotz andauernder Angriffe Russlands auf die Ukraine.
Am 7. Dezember hatte sich das 45-minütige Magazin, das NDR, WDR, SWR und BR im Wechsel produzieren, in den Winterschlaf verabschiedet. Die Sendung für den 14. Dezember wurde zwar noch angekündigt, dann aber nicht mehr gesendet. Ein Großteil der fertigen Beiträge war also für die Tonne. Stattdessen übertrug die ARD kurzfristig das Handball-WM-Finale zwischen Deutschland und Norwegen. Erst am 18. Januar kam dann die erste „Weltspiegel“-Ausgabe im neuen Jahr.
Auch der Jahresbeginn sei „durch große Sportereignisse geprägt“ gewesen, daher sei „die reguläre lineare Platzierung des Magazins“ mehrfach „nicht möglich“ gewesen, sagt eine ARD-Sprecherin auf Anfrage von Übermedien. Zu den großen Sportereignissen zählt die Sprecherin auch ein Testspiel der Handball-Nationalmannschaft gegen Kroatien.
Am letzten Januar-Sonntag regierte neun Stunden und 15 Minuten lang der Wintersport im Ersten. Hätten sich die Programmstrategen auf achteinhalb Stunden beschränkt, wäre für den „Weltspiegel“ Platz gewesen. Auch andere Informationsformate der ARD litten: Das „Europamagazin“, das sonntags zur Mittagszeit zu sehen ist, lief im Dezember und Januar wegen Handball und Wintersport ebenfalls nur jeweils ein Mal. Und auch der „Bericht aus Berlin“ war im Januar lediglich ein Mal auf Sendung.
Am 1. Februar kam dem Magazin kein Sport in die Quere, sondern ein Film der Dokutainment-Reihe „Weltspiegel Doku“. Die ist in der ARD-Mediathek stets prominent platziert; Übermedien berichtete im August darüber. Linear laufen die 45-minütigen Dokus in der Regel montags spätabends im Ersten – vereinzelt jedoch auch auf dem Sendeplatz des Magazins. So war es am ersten Sonntag im Februar, als Xenia Böttcher, Korrespondentin in Rio de Janeiro, darüber berichtete, wie selbstverständlich Schönheitsoperationen in Brasilien sind.
Die Welt brennt – und ausgerechnet auf einem Sendeplatz, auf dem Zuschauer*innen Hintergründe dazu erfahren möchten, kann man sehen, wie eine Brasilianerin Hyaluronsäure gespritzt bekommt und wie sich normschöne Körper in Zeitlupe am Strand räkeln? Stellt sich die ARD so die Zukunft des Auslandsjournalismus vor?
In der Zeit, in der weitgehend Magazin-Funkstille herrschte, liefen immerhin vier 15-minütige Sendungen in der Reihe „Weltspiegel Extra“, alle mit Bezug auf die Politik von Donald Trump: „Trump gegen Venezuela – Ist das System Maduro am Ende?“, „USA: Fünf Jahre nach dem Sturm aufs Kapitol“, „Greift Trump nach Grönland?“ und „ICE-Truppen – Abschieben um jeden Preis?“. Aber: „Weltspiegel Extra“, in der Regel nach den „Tagesthemen“ zu sehen, ist ein unregelmäßiges Ergänzungsformat. Es läuft bei Bedarf auch während des „Weltspiegel“-Normalbetriebs. Vier „Weltspiegel Extra“-Sendungen gab es zum Beispiel auch im März 2025.
Nicht nur aus journalistischen und weltpolitischen Gründen ist es kaum nachvollziehbar, dass im Januar nur eine reguläre Ausgabe des „Weltspiegel“-Magazins gab. Sondern auch mit Blick auf das wachsende Zuschauerinteresse.
Anfang 2022, im Zuge einer großen ARD-Programmreform, wurde der Sendetermin von 19.20 auf 18.30 Uhr vorverlegt. Seither verzeichnet der „Weltspiegel“ „eine kontinuierlich positive Marktanteilsentwicklung“, so die ARD-Sprecherin. Im Schnitt kam die Sendung 2022 auf 8,8 Prozent und 2023 auf 9,4 Prozent; 2024 (10,7 Prozent) und 2025 (10,8 Prozent) sieg es weiter an. Der Gesamtmarktanteil des Ersten – in den also auch die Quoten für „Tagesschau“, Unterhaltungsshows und Sport einfließen – lag 2025 bei 12,7 Prozent. Ein Marktanteil von knapp elf Prozent ist für ein Auslandsmagazin also sehr beachtlich.
Das gestiegene Interesse am „Weltspiegel“ lässt sich dadurch erklären, dass internationale Themen wichtiger geworden sind. Die russische Vollinvasion in der Ukraine 2022, das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, Israels Krieg in Gaza, die Innen- und Außenpolitik der US-Regierung seit dem Beginn von Trumps zweiter Amtszeit – in weltpolitisch schlechten Zeiten gewinnt der Auslandsjournalismus an Bedeutung.
Zumindest zu Beginn einer Sendung ist der „Weltspiegel“ daher stets tagesaktuell ausgerichtet und steigt mit Beiträgen ein, die ähnlich in den „Tagesthemen“ laufen könnten – ergänzt durch Schalten zu Korrespondenten. Am 23. November war der erste Beitrag eine Schalte zur Schweiz-Korrespondentin Stefanie Dodt anlässlich der Genfer Verhandlungen über einen Waffenstillstand in der Ukraine. Es folgten ein Beitrag aus der Ukraine, dann wieder eine Schalte. In den „Tagesthemen“ am selben Tag ein ähnlicher Rhythmus: zunächst ein Beitrag von Korrespondentin Dodt, dann eine Schalte zu ihr.
Am 18. Januar ging es im „Weltspiegel“ mit dem Thema Grönland los, im Anschluss war Korrespondentin Tina Hassel aus Brüssel zugeschaltet – anlässlich einer Sitzung von EU-Vertretern, die über Zolldrohungen berieten, mit denen Trump auf die Grönland-Politik europäischer Staaten reagierte. Auch in den „Tagesthemen“ gab es später einen Bericht von Hassel und eine Schalte zu ihr. Solche Schwerpunktsetzungen sind nachvollziehbar. Eine Sendung, die auf außenpolitische Themen spezialisiert ist, kann nicht nur ausgeruhte Geschichten liefern, sondern muss auch auf aktuelle Ereignisse reagieren.
Doch diese Strategie bringt auch ein Problem mit sich: Bekommen tagesaktuelle Themen viel Raum, bleibt weniger für Krisen und Kriege, über die die Zuschauer sonst kaum etwas erfahren, erst recht nicht, wenn die Nachrichten von Breaking News geprägt sind.
Zur Marke „Weltspiegel“ gehört aber eben nicht nur eine Ausspielfläche: Neben den erwähnten Formaten „Weltspiegel Extra“ und „Weltspiegel Doku“ gibt es noch einen Podcast und einen YouTube-Kanal. Dort findet man zum Beispiel eine Fassung eines Beitrags über die weitgehend übersehene Krise im Tschad. Das ist einer der Beiträge, die im linearen Fernsehen wegen des Handballspiels im Dezember ausfielen.
Betrachtet man die Entwicklung medienhistorisch, sind die Spielräume der ARD-Auslandskorrespondenten eher geschrumpft. Zwischen 2005 und 2024 stellten die Landesrundfunkanstalten der ARD in ihren Dritten Programmen sechs Auslandsmagazine ein: „Windrose“ (MDR), „WDR weltweit“ (WDR), „Auslandsreporter“ (SWR), „auswärts“ (HR) sowie „Kompass“ und „Euroblick“ (BR). Ein Grenzfall sind die „Weltbilder“ des NDR. Die letzte Magazin-Sendung mit Moderation im Studio lief Ende 2020. Der Sender führt die Marke seitdem eher lieblos weiter.
Die sich überschlagenden internationalen Ereignisse stellen die Redaktionen vor die Aufgabe, eine Balance zu wahren: Sie müssen einerseits der außenpolitischen Tagesaktualität gerecht werden, andererseits jene Regionen und Themen nicht aus dem Blick verlieren, die selten Beachtung finden. Etwa die Hunderttausenden Flüchtlinge aus dem Sudan, für die ausgerechnet ein fragiler Staat wie Libyen zum Rettungsort geworden ist. Darüber berichtete der „Weltspiegel“ im November. Um eine ausgewogene Mischung zu garantieren, braucht es genügend Sendetermine.
Während der am Freitag gestarteten Olympischen Winterspiele, bei denen sich ARD und ZDF traditionsgemäß mit den Live-Übertragungen abwechseln, müssen sich die „Weltspiegel“-Redaktionen jedoch keine Sorgen machen: An allen Sonntagen überträgt das ZDF.
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Danke für den Artikel
Fairerweise muss man dazu sagen, dass die ARD auch keine separaten Regional-, Kultur- oder Informationssender hat, auf die der Weltspiegel hätte ausweichen können. Oder die Sportübertragungen.
Ne, mal ernsthaft: Das gleiche Problem, wie das, dass Tagesthemen und heute-journal wegen Sport gerne übel zusammengestaucht werden, wenn Sport läuft; obwohl die linearen Programme „Das Erste“ und „ZDF“ heutzutage nur ein Verbreitungsweg sind, und Phoenix, tagesschau24, ZDFinfo und die Mediatheken genauso zur Verfügung stünden.
Am besten wäre es natürlich, man würde es so machen wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen Tschechiens. Dort gibt es neben den beiden ör. Hauptprogrammen ein ör. Nachrichtensender und einen ör. Sportsender. Sport läuft grundsätzlich auf dem Sportkanal, und kommt daher weder den Sendungen des Hauptprogramms noch dem Nachrichtensender in die Quere.
Um mal die Ironie von Freiwild aufzugreifen: Gibt es einen Grund warum der weltspiegel nicht einfach auf einen anderen Sender (Tagesschau 24, phoenix,…) ausweicht, wenn es aus irgendwelchen Gründen auf ARD nicht klappt? Ich mein, irgendwofür muss es die ganzen anderen Sender ja geben….
#3 Ichbinich
Oder auf WDR eine der x-ten Wiederholungen von Wunderschön oder So schön ist NRW ersetzen.
In die Richtung von freiwild & den anderen sind auch meine Gedanken. „Ein Großteil der fertigen Beiträge war also für die Tonne. “
Also man kann am ÖR zu Recht vieles kritisieren (ich erspar jetzt meine Beispiele) aber so Sachen sind doch nochmal extra stossend. Dort arbeiten doch Menschen und sowohl
– Redakteure des Magazins
– Auslandsreporter, wo tagelang für Beitrag X unterwegs waren & interviews führten
– Verantwortliche des Senders
Keiner von denen kommt auf die Idee, in solchen Fällen (ist ja nicht nur der Weltspiegel sicher) fertig produzierte aktuelle Beiträge wo später nicht mehr up2date wären in der ansonsten bei jeder Gelegenheit gepushten Mediathek sowie Youtube zu veröffentlichen?? Was genau spricht dagegen? Ich bin wahrlich kein ÖRR Hasser aber bei so Dingen find ich es schon bedenklich, leben die in einer Bubble getreu dem Motto zB 5.000 Euro Spesen, Personalkosten etc sind doch egal ? Gibts da irgendeinen Grund wo sinn ergäbe, das man es nicht Online ausstrahlt? Internet zu neu? Also allein schon als Korrespodent wo das produzierte, der wird das ja auch vorschlagen und wollen und dann sagt irgendwer „ach egal, Mülleimer“?
Danke das ihr das aufgegriffen habt, und ja – ich sehe es ebenso:
Es gab / gäbe Ausweichmöglichkeiten!