Wieso hat RTL Gil Ofarim so leicht davonkommen lassen?
Der Musiker spricht im „Dschungelcamp“ über den vermeintlichen Antisemitismus-Skandal und verbreitet Dinge, die nicht stimmen. RTL hält sich mit einer Einordnung in der Sendung fein zurück. Über den Schaden, den das anrichtet, spricht Holger Klein mit der TV-Kritikerin Anja Rützel.
Er hat also tatsächlich gewonnen: Der Musiker Gil Ofarim wurde am Wochenende vom Publikum der RTL-Sendung „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ zum „Dschungelkönig“ gekürt. Sein Fans jubeln. Andere lässt es verstört und entsetzt zurück.
Vor fünf Jahren hatte Ofarim einen Hotelmitarbeiter des Antisemitismus bezichtigt – zu Unrecht, wie sich herausstellte. Ofarim wurde unter anderem wegen Verleumdung und falscher Verdächtigung angeklagt, die Beweislage war erdrückend. Doch zu einem Urteil kam es nicht. Weil Ofarim überraschend einräumte, gelogen zu haben und sich knapp bei dem Hotelmitarbeiter entschuldigte, wurde das Verfahren eingestellt.
Dass RTL Ofarim für das Dschungelcamp verpflichtete und ihm offenbar viel Geld dafür zahlte, sorgte schon vor dem Start der Staffel für reichlich Kritik. Es sei ein „Aufmerksamkeitsknaller“ gewesen, sagt die TV-Kritikerin Anja Rützel im Übermedien-Podcast – und kritisiert RTL für den Umgang mit der ganze Sache, vor allem in der Sendung selbst. Zwar präsentierte RTL einen kurzen „Faktencheck“, aber nur online.
Sie sei entsetzt gewesen von der Moderation, sagt Rützel. Das Format, von ihr eigentlich geschätzt, habe sich stellenweise selbst verraten. Wie viele andere sei auch sie „komplett irritiert, dass man Ofarim so hat davonkommen lassen.“ Der Musiker hatte in Bezug auf den vermeintlichen Antisemitismus-Skandal Dinge behauptet, die nicht stimmen. „Wie kann man das einfach so stehenlassen?“, fragt Rützel. Dem Fernsehpublikum seien Fakten vorenthalten worden. Sie vergleicht es damit, einfach AfD-Politiker in Talkshows zu setzen und dann zu sagen: Die entlarven sich schon selbst – und die Zuschauer können ja mal im Internet nachsehen, was von dem Gesagten wirklich stimmt.
Was genau sie an dieser „Dschungelsamp“-Staffel kritisiert, weshalb der Umgang mit Ofarim ihre Freude an dieser Art Trash-TV und das Format an sich beschädigt hat – und wer am Ende die Gewinner und Verlierer sind, darüber spricht Anja Rützel mit Holger Klein im Übermedien-Podcast „Holger ruft an …“.
Die Gesprächspartnerin
Anja Rützel ist freie Journalistin und schreibt vor allem für den „Spiegel“ über Trash-TV und Pop. Im Podcast „Verbrechen am Fernsehen“ urteilt sie mit Gästen über schlechtes Fernsehen. Sie hat Bücher über Einsamkeit, Take That, Trash-TV und die Hunde berühmter Menschen geschrieben und lebt in Berlin.
Leider höre ich eure Podcasts nicht. Aber ich habe ja Frau Rützels Beiträge dazu im Spiegel gelesen und denke, dass ich ihre Position gut einschätzen kann. Für mich hat sie da zu sehr ihre eigene berufliche Brille auf. Sie schreibt eben über Trash und Reality TV mit überhöhter Perspektive, was dann in diesem Fall zu einer Unwucht führt.
Gil Ofarim hat mit seiner wahrscheinlich falschen Anschuldigung großen Schaden angerichtet: er hat den Mitarbeiter des Hotels brutalen Kampagnen ausgesetzt, er hat Tausende von Menschen belogen und manipuliert, er hat der jüdischen Gemeinde einen Bärendienst erwiesen. Die Instanzen, die das bestrafen, sind im ersten Fall Gerichte und im zweiten die Öffentlichkeit.
Das Dschungelcamp ist eine Resterampe für alternde Stars und ein Karriereziel für Skandalnudeln. Dort wird auch Samenraub, Sexismus, sogar womöglich eine vergangene Beziehungstat zur Verhandlungsmasse für Aufmerksamkeit. Gil hat sich dem einerseits verweigert, weil er nicht die erwartete Entschuldigung abgeliefert hat. Er hat aber auch alles bedient, weil er im Camp gearbeitet und geholfen hat. Zielscheibe diverser Angriffe zu sein, selbst aber nur wackerer Arbeiter – das hat ihm zum Sieg verholfen. In einer Realitysendung.
Das ist, als ob er im Mensch ärgere dich nicht gewonnen hat. Das sagt nichts aus, außer dass er gut gewürfelt hat. Hier mit einer moralischen Ebene zu kommen ist einfach falsch. Zumal das Camp ja voller Selbstdarsteller und Narzissten ist und Gil nicht etwa ein differenziertes Gespräch mit Roger Willemsen über Facetten von Schuld und Verantwortung geführt hat.
Und das gilt auch für die Sendung. Man kann Maybritt Illner oder Marcus Söder kritisieren, wenn sie in einem Gespräch die AfD nicht inhaltlich kritisieren. Aber Sabine Wontorra kann man das nicht vorwerfen. Das Dschungelcamp ist kein journalistisches Format.
Jeder Versuch der Einordnung wäre falsch gewesen: zu oberflächlich, zu juristisch, zu moralisch, zu komplex – egal, dafür ist das Format und dafür sind seine Macher nicht geeignet. Auf Einordnung anderswo zu verweisen finde ich nur folgerichtig. Mit der Entscheidung für einen Gast im Dschungelcamp ist eben auch die Entscheidung getroffen, deren Vergangenheit nur zur Verhandlungsmasse für Konflikte am Lagerfeuer zu machen.
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Leider höre ich eure Podcasts nicht. Aber ich habe ja Frau Rützels Beiträge dazu im Spiegel gelesen und denke, dass ich ihre Position gut einschätzen kann. Für mich hat sie da zu sehr ihre eigene berufliche Brille auf. Sie schreibt eben über Trash und Reality TV mit überhöhter Perspektive, was dann in diesem Fall zu einer Unwucht führt.
Gil Ofarim hat mit seiner wahrscheinlich falschen Anschuldigung großen Schaden angerichtet: er hat den Mitarbeiter des Hotels brutalen Kampagnen ausgesetzt, er hat Tausende von Menschen belogen und manipuliert, er hat der jüdischen Gemeinde einen Bärendienst erwiesen. Die Instanzen, die das bestrafen, sind im ersten Fall Gerichte und im zweiten die Öffentlichkeit.
Das Dschungelcamp ist eine Resterampe für alternde Stars und ein Karriereziel für Skandalnudeln. Dort wird auch Samenraub, Sexismus, sogar womöglich eine vergangene Beziehungstat zur Verhandlungsmasse für Aufmerksamkeit. Gil hat sich dem einerseits verweigert, weil er nicht die erwartete Entschuldigung abgeliefert hat. Er hat aber auch alles bedient, weil er im Camp gearbeitet und geholfen hat. Zielscheibe diverser Angriffe zu sein, selbst aber nur wackerer Arbeiter – das hat ihm zum Sieg verholfen. In einer Realitysendung.
Das ist, als ob er im Mensch ärgere dich nicht gewonnen hat. Das sagt nichts aus, außer dass er gut gewürfelt hat. Hier mit einer moralischen Ebene zu kommen ist einfach falsch. Zumal das Camp ja voller Selbstdarsteller und Narzissten ist und Gil nicht etwa ein differenziertes Gespräch mit Roger Willemsen über Facetten von Schuld und Verantwortung geführt hat.
Und das gilt auch für die Sendung. Man kann Maybritt Illner oder Marcus Söder kritisieren, wenn sie in einem Gespräch die AfD nicht inhaltlich kritisieren. Aber Sabine Wontorra kann man das nicht vorwerfen. Das Dschungelcamp ist kein journalistisches Format.
Jeder Versuch der Einordnung wäre falsch gewesen: zu oberflächlich, zu juristisch, zu moralisch, zu komplex – egal, dafür ist das Format und dafür sind seine Macher nicht geeignet. Auf Einordnung anderswo zu verweisen finde ich nur folgerichtig. Mit der Entscheidung für einen Gast im Dschungelcamp ist eben auch die Entscheidung getroffen, deren Vergangenheit nur zur Verhandlungsmasse für Konflikte am Lagerfeuer zu machen.
Alles andere ist Wunschdenken.