Holger ruft an (225)

Wieso hat RTL Gil Ofarim so leicht davonkommen lassen?

Der Musiker spricht im „Dschungelcamp“ über den vermeintlichen Antisemitismus-Skandal und verbreitet Dinge, die nicht stimmen. RTL hält sich mit einer Einordnung in der Sendung fein zurück. Über den Schaden, den das anrichtet, spricht Holger Klein mit der TV-Kritikerin Anja Rützel.
Die Journalistin und Autorin Anja Rützel.
Anja RützelFoto: privat

Er hat also tatsächlich gewonnen: Der Musiker Gil Ofarim wurde am Wochenende vom Publikum der RTL-Sendung „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ zum „Dschungelkönig“ gekürt. Sein Fans jubeln. Andere lässt es verstört und entsetzt zurück.

Vor fünf Jahren hatte Ofarim einen Hotelmitarbeiter des Antisemitismus bezichtigt – zu Unrecht, wie sich herausstellte. Ofarim wurde unter anderem wegen Verleumdung und falscher Verdächtigung angeklagt, die Beweislage war erdrückend. Doch zu einem Urteil kam es nicht. Weil Ofarim überraschend einräumte, gelogen zu haben und sich knapp bei dem Hotelmitarbeiter entschuldigte, wurde das Verfahren eingestellt.

Dass RTL Ofarim für das Dschungelcamp verpflichtete und ihm offenbar viel Geld dafür zahlte, sorgte schon vor dem Start der Staffel für reichlich Kritik. Es sei ein „Aufmerksamkeitsknaller“ gewesen, sagt die TV-Kritikerin Anja Rützel im Übermedien-Podcast – und kritisiert RTL für den Umgang mit der ganze Sache, vor allem in der Sendung selbst. Zwar präsentierte RTL einen kurzen „Faktencheck“, aber nur online.

Sie sei entsetzt gewesen von der Moderation, sagt Rützel. Das Format, von ihr eigentlich geschätzt, habe sich stellenweise selbst verraten. Wie viele andere sei auch sie „komplett irritiert, dass man Ofarim so hat davonkommen lassen.“ Der Musiker hatte in Bezug auf den vermeintlichen Antisemitismus-Skandal Dinge behauptet, die nicht stimmen. „Wie kann man das einfach so stehenlassen?“, fragt Rützel. Dem Fernsehpublikum seien Fakten vorenthalten worden. Sie vergleicht es damit, einfach AfD-Politiker in Talkshows zu setzen und dann zu sagen: Die entlarven sich schon selbst – und die Zuschauer können ja mal im Internet nachsehen, was von dem Gesagten wirklich stimmt.

Was genau sie an dieser „Dschungelcamp“-Staffel kritisiert, weshalb der Umgang mit Ofarim ihre Freude an dieser Art Trash-TV und das Format an sich beschädigt hat – und wer am Ende die Gewinner und Verlierer sind, darüber spricht Anja Rützel mit Holger Klein im Übermedien-Podcast „Holger ruft an …“.

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6 Kommentare

  1. Leider höre ich eure Podcasts nicht. Aber ich habe ja Frau Rützels Beiträge dazu im Spiegel gelesen und denke, dass ich ihre Position gut einschätzen kann. Für mich hat sie da zu sehr ihre eigene berufliche Brille auf. Sie schreibt eben über Trash und Reality TV mit überhöhter Perspektive, was dann in diesem Fall zu einer Unwucht führt.

    Gil Ofarim hat mit seiner wahrscheinlich falschen Anschuldigung großen Schaden angerichtet: er hat den Mitarbeiter des Hotels brutalen Kampagnen ausgesetzt, er hat Tausende von Menschen belogen und manipuliert, er hat der jüdischen Gemeinde einen Bärendienst erwiesen. Die Instanzen, die das bestrafen, sind im ersten Fall Gerichte und im zweiten die Öffentlichkeit.

    Das Dschungelcamp ist eine Resterampe für alternde Stars und ein Karriereziel für Skandalnudeln. Dort wird auch Samenraub, Sexismus, sogar womöglich eine vergangene Beziehungstat zur Verhandlungsmasse für Aufmerksamkeit. Gil hat sich dem einerseits verweigert, weil er nicht die erwartete Entschuldigung abgeliefert hat. Er hat aber auch alles bedient, weil er im Camp gearbeitet und geholfen hat. Zielscheibe diverser Angriffe zu sein, selbst aber nur wackerer Arbeiter – das hat ihm zum Sieg verholfen. In einer Realitysendung.

    Das ist, als ob er im Mensch ärgere dich nicht gewonnen hat. Das sagt nichts aus, außer dass er gut gewürfelt hat. Hier mit einer moralischen Ebene zu kommen ist einfach falsch. Zumal das Camp ja voller Selbstdarsteller und Narzissten ist und Gil nicht etwa ein differenziertes Gespräch mit Roger Willemsen über Facetten von Schuld und Verantwortung geführt hat.

    Und das gilt auch für die Sendung. Man kann Maybritt Illner oder Marcus Söder kritisieren, wenn sie in einem Gespräch die AfD nicht inhaltlich kritisieren. Aber Sabine Wontorra kann man das nicht vorwerfen. Das Dschungelcamp ist kein journalistisches Format.

    Jeder Versuch der Einordnung wäre falsch gewesen: zu oberflächlich, zu juristisch, zu moralisch, zu komplex – egal, dafür ist das Format und dafür sind seine Macher nicht geeignet. Auf Einordnung anderswo zu verweisen finde ich nur folgerichtig. Mit der Entscheidung für einen Gast im Dschungelcamp ist eben auch die Entscheidung getroffen, deren Vergangenheit nur zur Verhandlungsmasse für Konflikte am Lagerfeuer zu machen.

    Alles andere ist Wunschdenken.

  2. @1:

    Was Sie hier völlig außer Acht lassen, sind die realen Auswirkungen, die das Ganze hat. Schon wird das Hotel wieder angegriffen und bei Google mit Ein-Stern-Bewertungen überzogen (Standard-Begründung: scheint doch was dran zu sein, an dem, was Ofarim gesagt hat) und auch der betroffene Mitarbeiter wird schon wieder in den Dreck gezogen.

    Auch wundert mich die Wahrnehmung mancher Zeitgenossen, die Verteidiger sagen: Er hat sich doch entschuldigt, jetzt ist auch gut. Nein, nichts ist gut: Zwar hat er einen Entschuldigungsversuch ausgesprochen, jedoch schon kurz danach in Interviews immer das Narrativ bedient, er habe „die Schuld auf sich genommen“ (klingt nach Jesus-Komplex), das gleiche hat er im Camp auch gemacht. Zusammen mit anderen im Flüsterton geraunten Dingen hat er etwas Widerwärtiges und zugleich Raffiniertes gemacht: Die gerichtliche Vereinbarung verbietet ihm, weiter zu behaupten, der Hotelmitarbeiter habe ihn antisemtisch beleidigt. Das tut er auch gar nicht, stattdessen streut er Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Verfahrens. Den Schluss, dass er eventuell doch antisemtisch beleidigt worden sei, überlässt er dem willfährigen Publikum. Und das spielt mit – und zwar ganz übel. Darüber müssen wir reden, dass es Menschen in der Gesellschaft gibt, die aus einem Gefühl heraus einen abgehalfterten Möchtegern-Promi mehr glauben, als den Dingen, die nachgewiesen werden konnten (ich führe die jetzt nicht alle nochmal auf).

    Und an alle, die sich um Ofarims berufliche Zukunft machen: Dann muss er wohl was anderes machen. Das ist im „Nicht-Promi-Berufsleben“ auch so: Man kann dort, wenn man sich nicht angemessen verhält, den Berufsabschluss, den man gemacht hat, aberkannt bekommen (z. B. können Ärzte ihre Aprobation verlieren, Lehrer können Berufsverbot bekommen). Da interessiert es niemand, dass diese Personen dann in ihrem Beruf nicht mehr arbeiten können. Es wird auch nie so sein, dass sie wieder in ihrem Beruf arbeiten, weil eine Blase aus Fans sie so sympathisch finden und das im Telefonvoting und in Social Media ausdrücken. Ofarim hätte hier genau das machen sollen, das jeder normale Mensch in der Situation auch tun muss: etwas anderes finden. Das ist natürlich nicht schön, aber er hat sich schließlich selbst in die Situation gebracht. ER SELBST!
    Das Signal, das hier ausgesendet wird, ist fatal: Sei einfach sympathisch und Dir wird alles verziehen, selbst wenn Du keine Reue zeigst. An die echten Opfer denkt keiner, Hauptsache, der Lieblings-Promi ist reingewaschen. Und das ist keine Petitesse, auch wenn es sich um so ein Drecksformat wie das Dschungelcamp handelt.

  3. Interessant finde ich auch die beschriebenen Dynamiken. Das erinnert mich ein wenig an die „Fan-Armeen“ in der Causa Depp/Heard: weniger Diskussion als Lagerbildung, weniger Argumente als Zugehörigkeit.

    Es gibt heute keine wirklichen „Straßenfeger“ mehr wie damals, als es nur eine niedrige einstellige Zahl an TV-Kanälen gab. In dieser fragmentierten Medienwelt sind 5–6 Millionen Zuschauer trotzdem eine Hausnummer – zumal, wenn sie teils aus lukrativen demografischen Gruppen kommen. Genau das macht es so unerquicklich: Inhalte werden nicht danach beurteilt, was sie gesellschaftlich wert sind, sondern danach, was sie skaliert.

    Medien sollten nicht gezwungen sein, auf Marktwirksamkeit optimiert zu werden. Und bei den neuen Medien sind die Anpassungsmechanismen längst entgrenzt: Algorithmen sind Marktlogik auf Steroiden. Sie belohnen Zuspitzung, Empörung und Tribalismus – und schieben uns, Klick für Klick, weiter ins Postfaktische.

    Ich habe in meinem Leben keine einzige Dschungelcamp-Folge geschaut und inzwischen auch das Streamen von TV und Filmen aufgehört. Meine Zeit wird mir zunehmend zu kostbar, um sie ferngesteuert zu verbringen.

  4. Wer glaubt, dass IBES jetzt wirklich der optimale Ort sei (oder jedenfalls dafür gedacht wäre), irgendwelche juristischen oder auch nur ethischen Fragestellungen zu lösen, hat schon ein bisschen die Kontrolle über sein Leben verloren, sorry.
    Andererseits ist schon die Frage berechtigt, wieviel Unwahrheit man auch in einem Quatschformat unkommentiert stehen lassen sollte – „Online steht die Wahrheit“ ist kein Argument.

    Es ist aber klar, dass jede Entschuldigung spätestens dann wertlos wird, wenn sie im Nachgang relativiert wird. Offenbar hat er das nur gemacht, um eine verdiente höhere Strafe zu vermeiden.

  5. So ganz stimmt das nicht, dass RTL das alles vollkommen unkommentiert hat stehen lassen, was Gil gesagt hat. In der Montagabend-alle-sitzen-gewaschen-im-Baumhaus-Show hat Gil auf Nachfrage selbst gesagt, dass er nicht im juristischen freigesprochen wurde. Das ist so wie der Unterschied von Mord und Totschlag, Raub und Diebstahl, Steuern und Gebühren. Das ist juristisch nicht dasselbe, im Volksmund leider zu oft. RTL hat auch nicht gerügt, dass Gil ein Verbrecher sei, wie von Ariel behauptet. Und das wiederum hat Anja Rützel nicht gerügt. Jedenfalls ist das das große Problem, bei Einstellung des Verfahrens gegen Geldauflage, dass der Täter nicht verurteilt wird. Ich kenne auch Menschen, die meiner Kenntnis nach wirklich unschuldig sind, die Verfahren gegen sich so beendet haben. Weil die Sache so zu einem Ende kommt. Ich glaube Gil kein Wort, aber das ist egal. Er ist nicht verurteilt, kann Unterlassungserklärungen zu Verschwiegenheitserklärungen umfabulieren, muss nichts zu den Vorwürfen sagen, sich nicht öffentlich entschuldigen und ist niemandem Rechenschaft schuldig, weder den Mitcampenden, den freiwilligen Zuschauenden oder den professionellen.

    Ich bin IBES-Fan der ersten Stunde und habe das im ersten Jahr unfreiwillig kennengelernt. Wir waren bei Freunden mit unserem Erstgeborenen Kind in deren Ferienhaus und konnten abends nicht groß ausgehen, und sie haben das immer geschaut und dann haben wir mitgeschaut. Seit dem habe ich ca. 80% der Folgen gesehen und war davon in der Regel sehr angetan. Fernsehen gemacht von Menschen, die das Medium lieben.

    Dieses Jahr war speziell, weil ich von den meisten der Teilnehmenden zuvor noch nichts gehört und gesehen hatte, außer Gil, Hardy Krüger jr., Hubert Fella und Mirja Dumont (in aufsteigender Reihenfolge ihrer mir-Bekanntheit). Die anderen waren weiße Blätter, von denen ich dann hin und wieder Wikipedia konsultierte, um hinter die Kulissen zu schauen. Die meisten blieben blaß, Samira hat mal wieder gezeigt, dass hinter dem Reality-Busenwunder-Make-Up-Artist-Cliché emphatische, bodenständige, versöhnende, praktische, ehrlich-wirkende und sympathische Menschen verborgen sein können. Eine Heldinnenreise, vom bedruckten Kissen über Kontrahentinnenbeschimpfung und versöhnliche Schlangen bis zur Ermächtigung durch Vergebung.

    Auch Steffen Dürr und Hubert Fella gehen als Gewinner aus diesem Jahrgang hervor.

    RTL hat sich verkalkuliert, Gil Ofarim hat nicht geliefert, Ariel hat den Bogen dermaßen überspannt, dass er am Ende gewinnen musste. Ich bin nicht sicher, ob RTL sich darüber freut, weil er mit seinen geflüstert-geraunten absurden Einlassungen alles mit dem Hintern umgestoßen hat, was er mit den Händen durch Fleiß, Engagement, Abliefern, Freundlichkeit, stoische Ruhe gegenüber Ariels Beschimpfungen aufgebaut hatte. Ich kann mir keine mediale Vermarktung vorstellen, weder von Gil, noch von Ariel.

    Es ist bloß Unterhaltungsfernsehen, da hat Holger recht. Und Anja Rützels Gejammer, das fand ich ein bisschen sehr selbstverliebt. Andere Leute müssen richtig arbeiten.

  6. @5 SvenR

    „Und Anja Rützels Gejammer, das fand ich ein bisschen sehr selbstverliebt. Andere Leute müssen richtig arbeiten.“

    Die Arbeit anderer Menschen so herabzusetzen ist schon ganz schön schlechter Stil.
    Und nur zur Info. Für mich gibt es kaum schlimmere Arbeit als das was sie macht. So stelle ich mir eher den Vorhof zur Hölle vor. Sich durch jede Folge dieses trashigen voyeuristischen Schundes zu arbeiten ist Selbstgeiselung in ganz großem Stil.

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