Autor enthüllt Anti-Woke-Wahnsinn in deutschen Medien
Kennt man einen, kennt man alle. Texte über die angeblichen Gefahren von „Political Correctness“ oder „Wokeness“ klingen seit über 30 Jahren gleich: maximal alarmierende Thesen, kaum Belege. Und jetzt sollen die „Woken“ auch noch am Rechtsruck schuld sein. Höchste Zeit also für eine grundsätzliche Kritik an einem ewig jungen Trendgenre.
US-amerikanische Universitäten (im Bild Harvard) gelten den Anti-Woke-Kämpfern als Hort allen Übels. Foto: Canva; Screenshots: SZ/Berliner Zeitung/Cicero/Welt
Wer sich derzeit vielleicht fragt, wo die Gründe für den globalen Rechtsruck liegen könnten, findet in deutschen Medien immer wieder eine verlockend griffige Antwort: „die Woken“ sind schuld! So titelt etwa die „Berliner Zeitung“: „Das woke Berlin hat eine Mitschuld am Erfolg der AfD im Osten.“ Die „Süddeutsche Zeitung“ wiederum schreibt: „Die woke Bewegung ist gescheitert. Daran ist sie auch selbst schuld“ – wobei dieses angeblich selbstverschuldete Scheitern den Rechten gleichsam als Steigbügel gedient habe. In die gleiche Kerbe schlägt das „Handelsblatt“: „An dem starken ‚Anti-Woke‘-Kurs sind die Woken selbst mit schuld“.
Wie geht da vor sich? Was führen diese „Woken“ auf, dass die Rechten so von ihnen profitieren? Und wer sind sie überhaupt?
„Woke“ leitet sich vom englischen „awake“ (wach sein) ab und beschreibt ein erhöhtes Bewusstsein für Diskriminierung von Minderheiten und soziale Ungleichheit. Die Geschichte des Begriffes lässt sich in den USA bis in die 1920er zurückverfolgen, in den 2010er Jahren wurde „stay woke“ zum zentralen Warnruf von „Black Lives Matter“. Wer sich heute antirassistisch oder feministisch engagiert, ist dem allgemeinen Verständnis nach „woke“. Das gleiche gilt für LGBTQI+-Aktivisten oder Klimaschützer.
Wichtig dabei: In der deutschen Debatte existiert „woke“ vor allem als negativ konnotierter Kampfbegriff, nicht als Selbstbeschreibung. Und „den Woken“ wurde dabei schon alles Mögliche vorgeworfen: mal bedrohten sie die Meinungsfreiheit, mal trugen sie zur Spaltung der Gesellschaft bei. Nun sollen sie also offenbar den Rechtsruck befeuern.
Ein ziemlich alter Hut
Der Autor
René Rusch ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Bildregisseur beim Österreichischen Rundfunk. Als freier Journalist veröffentlicht er unter anderem bei „Die Presse“, „Der Standard“ und der „taz“. Er schreibt zudem den Newsletter „Konfliktstoff deluxe“.
Neu ist diese Erzählung allerdings nicht: Über eine von der „Political Correctness“ (PC) genervte weiße Mittelschicht in den USA war in der F.A.Z. schon im Dezember 1991 zu lesen:
„Im Extremfall kann dies, wie zuletzt in Louisiana, sogar dazu führen, dass ein […] ehemaliges Mitglied des Ku-Klux-Klans […] nach dem Gouverneursposten greift.“
Tatsächlich ist der Anti-Woke-Diskurs auf erstaunlich einfallslose Weise nahezu deckungsgleich mit den Warnungen vor der „Political Correctness“ und ihren angeblichen Gefahren, die seit den Neunzigern veröffentlicht wurden. Vor dieser bedrohlichen Strömung, welche angeblich an US-Universitäten um sich greife, war in deutschen Medien erstmals im März 1991 zu lesen – ebenfalls in der F.A.Z.
Es folgten zahlreiche Artikel, die von einem „Klima der Intoleranz“ (F.A.Z., 12.6.1991), „McCarthyismus von links“ (F.A.Z., 19.2.1992) und „Gedankenpolizisten“ („Spiegel“, 19.5.1991) berichteten. Political Correctness bedeute, „überall Rassismus und Sexismus zu wittern und mit Beschwerden, Klagen, Demos, Redeverboten, Denkgeboten dagegen einzuschreiten“ („Die Zeit“, 22.10.1993). Zentrale Botschaft dieser Texte: Der „PC-Virus“ (F.A.Z., 19.2.1992) „bedroht die akademische Freiheit“ (F.A.Z., 12.6.1991) und erzeuge eine „Hexenjagd auf dem Campus“ (Spiegel, 15.05.1994).
Über das Scheitern eines Phantoms
Heute erscheinen die gleichen Texte unter neuer Überschrift. Die „Bild“ berichtet von „Woke-Wahnsinn an deutschen Unis“. Vor allem an geisteswissenschaftlichen Fakultäten herrsche eine „alles durchdringende Wokeness“, schreibt „Cicero“.
Klassische Überschrift im Anti-Woke-Genre. Screenshot: Bild
Spätestens seit 2022 waren dann allerdings nicht mehr allein die Unis in Gefahr: Nun hieß es, Wokeness sei „eine Gefahr für unsere Demokratie“ (Welt), bedrohe „unsere Freiheit“ (Welt) und „die Grundlagen unseres Zusammenlebens“ (NZZ). Umso überraschender wurde dann ab etwa 2024 das Ende der Wokeness ausgerufen. Also hagelte es Beiträge über das Scheitern eines Phantoms – und wie es den Rechten angeblich zum Aufstieg verholfen habe.
All diese Texte ähneln sich in ihrer argumentativen Schlichtheit und ihren rhetorischen Taschenspielertricks. Weil aber ein Ende ihrer Produktion in deutschen Redaktionen leider nicht absehbar ist, lohnt sich ein grundsätzlicher Blick auf dieses ewig junge Trendgenre und seine Schwächen. Stellen Sie die folgenden Fragen einfach an jeden Text, der sich Ihnen als aufklärerisches Anti-Woke-Pamphlet präsentiert – die Antworten werden sich erschreckend ähnlich sein.
1. Wie groß ist das geheuchelte Bedauern?
Der großmütige Hinweis, dass die Anliegen prinzipiell berechtigt seien, darf seit 35 Jahren in keinem Text fehlen. Doch leider, leider hätten es ihre „Vertreter“ dann „übertrieben“, beklagt etwa das „Handelsblatt“. Auch Jörg von Uthmann schrieb schon 1991 in der F.A.Z.: „So nobel die Absicht ist, so bedenklich sind häufig die Folgen.“ Bei einem Bestseller der Anti-Woke-Literatur hat es diese Masche sogar in den Buchtitel geschafft: „Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört.“
Der grundlegende Widerspruch all dieser Texte besteht daher darin, dass aus einem gerechtfertigten Anliegen eine existenzielle Bedrohung für Meinungsfreiheit und Demokratie konstruiert werden muss.
2. Wer sind eigentlich diese Woken?
Schon das Objekt der Kritik bleibt prinzipiell nebulös. Stattdessen wird jede Gruppe, Institution oder Einzelperson kurzerhand als woke bezeichnet, wenn es für die eigene Argumentation geeignet scheint.
In Ihrem SZ-Kommentar mit dem Titel „Die woke Bewegung ist gescheitert. Daran ist sie auch selbst schuld“ schreibt etwa Sara Maria Behbehani allein achtmal von der woken „Bewegung“, mehrfach von „Woken“, „Aktivisten“ und „Linken“, einmal von „Vertretern linker Identitätspolitik“. Anhand der genannten Beispiele können der linke Flügel der Grünen, Teile der Berliner SPD, Klimaaktivisten und der Norddeutsche Rundfunk als irgendwie woke ausgemacht werden. Kurz gesagt: Wer „die Woken“ sein sollen, ist reichlich grob umrissen. Insbesondere erscheint es rätselhaft, wie dieses diffuse Durcheinander eine „Bewegung“ ergeben soll.
Im aktuellen Reader der Konrad Adenauer Stiftung untersucht die Psychologin Esther Bockwyt „die Psychologie des woken Weltbildes“. Darin bringt sie es zustande, eine ganze „Bewegung“ zu pathologisieren, ohne auch nur den kleinsten Versuch zu unternehmen, diese einzugrenzen oder zu definieren.
Das wird auch nicht besser, wenn man jene Anti-Wokeness-Kommentare heranzieht, die auf Buchlänge aufgeblasen wurden: Sei es „WOKE – Wie eine moralisierende Minderheit unsere Demokratie bedroht“ von Zana Ramadani und Peter Köpf oder „Links ist nicht woke“ von Susan Neiman: Wer „die Woken“ im Sinne einer Bewegung oder Allianz mehrerer Minderheiten sein sollen, bleibt ein gut gehütetes Geheimnis.
Die Frage, die sich angesichts dieser klaffenden Lücke stellt: Wie glaubwürdig kann eine Argumentation sein, die das Ziel ihrer Kritik nicht einmal klar benennen kann – oder will?
3. (Wie) wird die Hypothese begründet?
Das zentrale Element anti-woker Kommentare ist die Konstruktion eines dramatischen Bedrohungsszenarios: Darin droht mindestens das Ende der Meinungsfreiheit, wenn nicht gleich der Demokratie an sich. Vom eigenen Schreckgespenst ergriffen, lassen es die Autor*innen in aller Regel an konkreten Belegen fehlen. Stattdessen werden die eigenen Thesen und Vermutungen einfach postuliert und herbeigeschrieben.
Zum Beispiel eben die These, dass die derzeitigen Erfolge der extremen Rechten eine Reaktion auf die Wokeness sei. Behbehani schreibt dazu in der SZ, vor allem „die belehrende Art“ habe einen „gewaltigen Backlash“ ausgelöst.
Glaubt man Anti-Woke-Texten, sind sie mit schuld am Rechtsruck: Demonstranten der „Fridays For Future“-Bewegung.Foto: IMAGO / IPON
Das ist eine Hypothese, über die man vielleicht diskutieren kann. Aber ist das auch eine Hypothese, die leicht nachvollziehbar ist – und deswegen keiner weiteren Erklärung oder Belegen bedarf? Ist es schlüssig, dass sich Wähler*innen von sämtlichen Parteien abwenden und in Scharen ihre Stimme der extremen Rechten geben, nur weil sie sich von den Grünen oder ein paar Klimaaktivist*innen genervt fühlen? Womit haben „die Woken“ die Mitte so schlimm „unter Feuer genommen“ – wie die Autorin schreibt –, dass sich diese zwangsläufig der Rechten zuwenden musste? In Behbehanis Text erfährt man es nicht.
Stattdessen werden vorhandene Erkenntnisse dazu einfach ignoriert. Vielfach belegt ist nämlich, dass rechtsextreme Parteien nicht bloß aus Protest gewählt werden. Laut Bertelsmann-Stiftung waren 2021 fast sechs von zehn aller Wähler*innen der AfD manifest oder latent rechtsextrem eingestellt. Eine Infratest-dimap-Umfrage im Auftrag der ARD kam 2023 zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der AfD-Anhänger*innen ein ausgeprägt rechtes bis rechtsextremes Weltbild hat. Zuletzt wurde in der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung festgehalten: „Die Entscheidung, die AfD zu wählen, spiegelt zunehmend die Einstellungen der Wählerschaft wider.“ Und: „Wer die AfD wählt, tut dies oft aus rechtsextremer Überzeugung.“
4. Wird vereinzelte Kritik zur massiven Bedrohung aufgeblasen?
Die folgende Passage in Behbehanis Text bringt das ganze argumentative Elend schön auf den Punkt:
„Das Problem der woken Bewegung ist: Aus Achtsamkeit wurde Empfindlichkeit, aus Bewusstsein wurde Moralismus. Diversitätspolitik verkam zur Symbolpolitik. Statt kulturelle Vielfalt zu fördern, wurden die Augen vor Clankriminalität, Islamismus und Parallelgesellschaften verschlossen, die in Deutschland nun einmal Teil der Wirklichkeit sind.“
Zunächst einmal gibt es hier wieder das Akteursproblem: Wer hat denn jetzt angeblich die Augen vor Clankriminalität und Islamismus verschlossen? Würde so ein Vorwurf sich nicht gegen die Politik richten müssen? Und wenn ja, gehören dann die Ampelkoalition oder die aktuelle Regierung etwa auch zur „woken Bewegung“? Und wenn nein, welchen Einfluss soll es auf Politik und Gesellschaft haben, wenn ein paar Klimaaktivist*innen oder linke Aktivisten Clankriminalität vielleicht nicht als dringendes Problem erachten?
Zusätzlich bleibt das Belegproblem: Dass vor Clankriminalität und Islamismus in Deutschland die Augen verschlossen wurden (von wem auch immer), bleibt eine reine Behauptung. Mit viel gutem Willen könnte man Behbehanis oberflächliche Erwähnung einer Episode aus der Berliner Kommunalpolitik für einen zaghaften Beleg halten. Dort habe der Neuköllner Bezirksbürgermeister von der SPD „den Rückhalt seiner Partei verloren, weil er zu hart gegen Clankriminalität vorging“.
Blöd nur, dass im ebenfalls in der SZ erschienenen Text zu der Angelegenheit das ganze Bild gezeichnet wird. Tatsächlich hatte der Politiker für seinen Kurs zwar Kritik aus der eigenen Partei erhalten, wurde aber dennoch mit rund 70 Prozent erneut zum Bürgermeisterkandidaten gewählt. Das sei für Neukölln „ganz in Ordnung“ und kein Grund, gleich auf eine Kandidatur zu verzichten, heißt es dazu in dem Text. Wenn das dem Politiker nun trotzdem zu wenig war und er einen Rückzieher machte, ist das sein gutes Recht – der Beleg für eine angeblich woke Dominanz, die ihn zur Aufgabe zwang, ist es aber ganz sicher nicht.
5. Wie viele Strohmänner finden Sie?
Der wohl wichtigste Winkelzug der Anti-PC-Agitation ist auch aus der Wokeness-Kritik nicht wegzudenken: der Strohmann, also die verzerrte Darstellung der Position des Gegenübers, damit diese leichter kritisiert werden kann.
Das zeigt sich erneut am Beispiel des SZ-Kommentars: Um das Bild einer abgehobenen, militanten, spalterischen „Bewegung“ zeichnen zu können, unterstellt Behbehani „den Woken“ Positionen, die gleichsam niemand vertritt: Denn nein, „die Linken“ bezeichnen es nicht als „Rassismus, wenn jemand Probleme bei der Integration sachlich anspricht“. Nein, die Frau, „die Angst bekommt, wenn nachts vor dem Bahnhof eine bestimmte Gruppe junger Migranten steht“, wird nicht „verurteilt“. Und nein, „die Woken“ machen auch „den Mann, dem sein Steak schmeckt“ nicht „verächtlich“. Kein Wunder, dass auch zu diesen Behauptungen keine konkreten Belege oder wenigstens überzeugende Fallbeispiele geliefert werden.
So erscheint es auch beim tausendsten Kommentar dieser Sorte rätselhaft, wie Autor*innen annehmen können, dass aus solchen herbeifantasierten Unterstellungen ein gültiges Argument entstehen könnte. Oder handelt es sich vielleicht einfach nur um Ragebait?
Geradezu rekordverdächtig viele Strohmänner bringt Bockwyt im Reader der Konrad-Adenauer-Stiftung unter. Hier nur eine kleine Auswahl: Im „woken Menschenbild“ würden „biologische Einflüsse auf menschliches Verhalten meist vollständig geleugnet“. Wokeness stehe für eine „Geringschätzung bis Ablehnung von Individualität und Universalismus und damit letztlich auch der universellen Menschenrechte“. Ebenso verpönt: Eine „möglichst objektive, wissenschaftliche Erkenntnissuche“. Und – Obacht! – „in mancher Analyse [weist Wokeness] auch faschistoide Züge auf“. Streicht man aus Bockwyts Text die Strohmänner, bleibt von ihrem Text nicht viel übrig.
Nun ist es bekannt, dass sich für so gut wie jeden absurden Standpunkt in den Weiten des (Online-)Diskurses ein Beispiel finden lässt. Anti-woke Autor*innen nutzen das für ihre Methode: Sie verallgemeinern einzelne Extrempositionen und erklären sie zum Normalfall. Diesen billigen Trick sollte man ihnen nicht abkaufen.
6. Ist Wokeness eine „Ideologie“?
Political Correctness wurde in den Medien von Anfang an zu einer gefährlichen, ja „rabiaten“ Ideologie (F.A.Z., 13.12.1991) aufgeblasen. „Spiegel“-Autor Matthias Matussek schrieb von einer „Ideologie der gesellschaftlichen Fragmentierung“.
Folgerichtig wird auch Wokeness gerne als „Ideologie“ bezeichnet. Dieser Tradition gehorchend behauptet Behbehani in der SZ prototypisch und ohne jegliche Erläuterung oder Beleg: „Der Versuch, auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen, wurde zur Ideologie.“
Diese Leerstelle in der Argumentation kommt notwendigerweise daher, dass Wokeness nun mal kein geschlossenes System von Überzeugungen darstellt, welches eine bestimmte Gruppe anleitet. Es gibt kein „wokes Manifest“, auch keine zentralen Schriften, in denen die Grundsätze festgeschrieben wären. Es gibt keine Anhängerschaft, die sich offen bekennt, woke zu sein.
7. Was ist so schlimm an der Moral?
Für Autor*innen, die Political Correctness oder Wokeness kritisieren – und damit im Grunde emanzipatorische Bemühungen – ist die Moral so etwas wie der Endgegner. Dementsprechend strotzen ihre Texte vor Begriffen, welche diese abwerten oder lächerlich machen.
Bockwyt unterstellt „den Woken“ beispielsweise „moralisierenden Narzissmus“ sowie eine „intellektualisierte Fixierung auf Schuld und Moralismus“ – was immer das heißen mag. Behbehani bringt in ihrem Kommentar gleich acht Formulierungen unter, welche Moral diffamieren: „die Linke moralisiert“, schaut „moralinsauer“ auf die Menschen herab, nervt mit dem „moralischen Zeigefinger“ usw.
Es mag zutreffen, dass Menschen, die moralische Standpunkte lautstark vertreten, von anderen als nervig empfunden werden können. Aber macht ein „erhobener Zeigefinger“ ein valides Argument weniger gültig? Und noch wichtiger: Wie häufig trifft man auf Zeitgenoss*innen, die dem Klischee vom Moralapostel entsprechen? Handelt es sich dabei wirklich um ein Massenphänomen? Oder wird die Karikatur vom moralisierenden Besserwisser nur bemüht, weil es ungleich schwerer ist, Moral an sich zu attackieren?
Wer über Moral nur schreibt, indem er Menschen lächerlich macht, die moralische Standpunkte vertreten, stellt sich ganz von selbst ins Abseits.
8. Ist das noch ausgewogen oder schon „false balance“?
Typisch für die Autor*innen ist, dass sie sich selbst als neutrale Stimme der Vernunft inszenieren. Auch Behbehani schreibt aus der Perspektive einer vermeintlichen gesellschaftlichen Mitte, die über „die Idiotie von rechts wie von links die Augen verdreht“. Die Woken/Linken und die Rechte werden dabei nicht explizit gleichgesetzt, ihre Gemeinsamkeiten werden aber stets betont. Beide seien intolerant und autoritär, beide setzten auf Identitätspolitik, beide seien an den Rändern des politischen Spektrums zuhause.
Behbehani liefert ein gleichsam perfektes Beispiel für eine solche „false balance“: „Die Rechten sprechen dämonisierend von ‚Umvolkung‘. Die Linken wittern Rassismus im ganzen Land. Beides stimmt nicht.“
Nun ist es eine Tatsache, dass die Rechte auf breiter Ebene von „Umvolkung“, „Bevölkerungsaustausch“ oder dem „großen Austausch“ spricht. Bereits 2017 verkündete der damalige AfD-Chef Alexander Gauland, dass „der Bevölkerungsaustausch in Deutschland auf Hochtouren [läuft]!“. Seine Parteifreundin Beatrix von Storch tweetete: „Die Pläne für einen Massenaustausch sind längst geschrieben.“ „Asylstopp und Remigration statt Großem Austausch“, forderte Gunnar Beck, der von 2019 bis 2024 für die AfD im Europaparlament saß.
Das rassistische Narrativ vom „Austausch“ befeuert sehr konkrete politische Forderungen. Dieser realen, rechten Bedrohung (siehe Trumps Massenabschiebungen) stellt Behbehani die wacklige Behauptung gegenüber, die Linken vermuteten überall Rassismus. Nun mag es unter ihnen sicher ein verbreitetes Bewusstsein für rassistische Diskriminierungen bestehen – das ist jedoch etwas anderes als eine zwanghafte Suche nach Rassismus.
Und selbst wenn man annehmen wollte, dass die Linken überall Rassismus sehen: die Implikationen daraus wären nicht annähernd so bedrohlich, wie es die Rede vom „Bevölkerungsaustausch“ ist. Die Gegenüberstellung suggeriert also Symmetrie, wo keine ist, sie deutet Gefahr von beiden Seiten an. Die ungleich größere Bedrohung von rechts außen wird relativiert.
Was bleibt: Fast immer zerfallen die steilen Thesen
Seit über drei Jahrzehnten verbreiten Medien also die hysterischen Warnungen vor politisch korrekten oder woken Minderheiten in Dauerschleife. Die Kampfbegriffe mögen wechseln, doch die Inhalte sind die gleichen. So oft, wie die immer gleiche Erzählung wiederholt wird, könnte man fast meinen, da wäre etwas dran.
Doch fast immer zerfallen die steilen Thesen, wenn man nach Belegen sucht, die über einen extremen Einzelfall hinausgehen. Im Fall der angeblichen Verantwortung der „Woken“ für den Rechtsruck ist das besonders fatal. Denn Parteien wie die AfD werden nicht gewählt, weil das Wahlvolk von antirassistischen Aktivisten oder kämpferischen Klimaschützern genervt ist – sie werden gewählt, weil ihre Positionen von ihren Wähler*innen geteilt werden.
18 Kommentare
Grandios. Der Text hätte ruhig selbstbewusst mit einem „Mic Drop“ enden dürfen.
Vielen Dank dafür.
ich bin woke, aber nicht politisch korrekt. (sind 2 ähnliche, aber verschieden arten, menschenrechten, emanzipation, selbestimmung, selbstvertretung, etc. gehör zu verschaffen.) ich hätte gerne die mir unterstellte macht.
#2 Wie definiert sich denn der Unterschied?
#3: Nehmen wir z.B. Jan Böhmermann. Der passt vielleicht in die „Woke“ – Schublade, ist aber ganz sicher nicht politisch korrekt.
Die Leute, die sich immer laut über PC aufregen, setzen gerne beides gleich, sehen PC also nur von einer Seite.
Wenn dann aber mal ein Christian Ehring satirisch Alice Weidel als „Nazi-Schlampe“ bezeichnet, dann schreien dieselben Leute plötzlich selbst nach political correctness, nennen das aber nicht so.
Toller Text. Danke dafür. 🥳
In einem Punkt ist der Mensch in der Steinzeit stehengeblieben: Sobald das Neue, Unbekannte um die Ecke lugt (und dazu zählt »woke« allemal), flattert und krakeelt er hilflos wie ein nervös Huhn. Es könnte sich ja um einen Säbelzahntiger handeln.
Aber seien wir froh, dass wir es wenigstens von den Bäumen runtergeschafft haben und uns nicht mehr den nackten Hintern als Kommunikationstool ins Gesicht halten müssen. Frohes Neues allerseits!
Klar — hier ist dein Text korrigiert (Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung, ein paar kleine Glättungen), ohne den Ton zu verändern:
Ich habe ehrlich gesagt noch keine Person kennengelernt, die von sich gesagt hätte, woke/PC zu sein. Ich kenne das nur als Zuschreibung von außen – oder in dem einen Fall („woke“) als Selbstbezeichnung von PoC zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung oder des BLM-Movements.
Es ist imho auch sehr unglücklich, diese Zuschreibungen anzunehmen, da der nächste Schritt immer eine Täter/Opfer-Umkehr ist, oder zumindest ein eklatantes False Balancing.
Ja, wir zünden Asylheime an, aber schließlich macht ihr uns auch ein schlechtes Gewissen, wenn wir Schnitzel essen.
Es gibt keinen Grund, sich freiwillig in eine Schublade zu begeben – zumal die resultierende Beschreibung dieser Zuordnung in der Öffentlichkeit hanebüchen überzogen und beliebig ist.
In meinen jungen Jahren haben mich die Straight-Edge-HC-Punker immer sehr eingeschüchtert – mit ihrem nonkonformistischen Kanon: what to do and what not. Bis ich welche kennenlernte. Und auch bei denen war es kein Katechismus von unbedingt zu befolgenden Tugenden.
Und da ist dann noch diese linke Hybris: Ganz egal, wie ungleich die Gewichte bei den Gegenpositionen verteilt sind, auf der eigenen Seite wird 100% Tadellosigkeit erwartet.
„Die Woken haben das erneute Erstarken des Faschismus verschuldet.“ Sicher, Digger — was habe ich dich da bloß wieder tun lassen?
Peinlich! Aber ich hatte ja schon gesagt, wie ich chatgpt benutze und finde das so auch legitim.
Wir sind die Wham, Differenzierung ist zwecklos.
„Woke“ ist einfach ein Rubbelbegriff, der sich in eine bestimmte Zielgruppe verkauft. Die Konsumenten wissen, was sie hören wollen und bekommen es dann von Wham-Autoren aufgeschrieben und verkauft.
Wichtig ist, das in Berlin (politisch korrekt) als „Linksterrorismus“ zu bezeichnen, nicht als „Linksextremismus“. Das löst dann auch irgendwelche Probleme oder stellt den Strom wieder her.
Ich frage mich, wie viele Linke sich mit dieser Aktion solidarisieren würden? Ich jedenfalls nicht.
Es geht alles nur noch um Wörter, nicht um Inhalte.
Ich lese solche Kommentare eher als sarkastisch:
„Wer ständig gegen rechts kämpft, sieht überall plötzlich Rechte, und das kommt ihm (oder ihr) wie ein Rechtsruck vor.“
Aber ja, niemand sieht sich selbst als „woke“, also gibt es keine „woke“ Bewegung, und die Rechten sind am Rechtsruck eben selber schuld. Sind sie ja auch.
Es ist offensichtlich, dass „woke“ ein politischer Kampfbegriff und ein Medienphänomen ist. In der „Offline-Realität“ existiert das alles doch so gut wie nicht.
Früher galt es ein wichtiges Ziel, Minderheiten zu schützen, heute ist es angeblich ein Problem. Aha.
Schlimm ist, dass die gesamte CxU diesen rechtspopulistischen Scheiß ad nauseam wiederkäut seit der Ampelzeit und sich mit billiger Feinbildrhetorik in Ämter lügt. Und viele es halt gut finden.
Es ist eben auch so ein cognitive bias der Menschen ihren Frust, ihre Angst oder ihre kognitiven Dissonanzen (weil sie spüren, dass sie selbst an negativen Entwicklungen beteiligt sind) auf eine Gruppe projizieren zu wollen, und sie abzuwerten, um damit die eigene intrapsychische Homöstase wieder herzustellen.
Überhaupt hab ich den Eindruck, viele glauben, dass sie „rationale“ Menschen sind und die Realität adäquat wahrnehmen können. Das könnte nicht falscher sein.
Vielleicht sollte man einfach mal Neurowissenschaften und Psychologie ins Menschenbild integrieren. Da würde einiges klarer werden…
In der „Offline-Realität“ existiert das alles doch so gut wie nicht
Das betrifft aber nur die Woken. Die gibt es nicht. Sagen sogar die Woken. Und dann ist das auch so.
Alle anderen Halluzinationen gibt es sehr wohl in der „Offline-Realität“. Sagen sogar Verfassungsschutz, Opferverbände, Professoren, Medien, NGOs und alle anderen, die sich am Nazi-, Klima-, Gewaltgegenfrauen- und Transphobie-Geschäft gesundstoßen. Und dann ist das auch so.
@#10/Diskursdruide:
Es ist offensichtlich, dass „woke“ ein politischer Kampfbegriff und ein Medienphänomen ist. In der „Offline-Realität“ existiert das alles doch so gut wie nicht.
Ersterem, also „woke als Kampfbegriff“ kann ich zustimmen. Beim Rest sehe ich das anders. Leider begegnet mir das „offline“ häufiger. Zudem ist „online“ natürlich auch Realität. Auch wenn einzelne Kanäle stark verzerrt sein mögen, so tauchen doch auch viele Debatten dazu in Foren, Blogs, etc. auf. Von daher kann ich das nicht als überwiegendes Medienphänomen sehen.
@FrankD: Trad-Wifes zumindest kommen nur online vor, wie wir jetzt gelernt haben.
Eine Sammlung der gängigen rechten Verschwörungstheorien aus Siff-twitter vom Troll ist auch schon da.
Na denn.
Vielen Dank für den tollen Artikel!
Das Leitmotiv ist altbekannt und taucht regelmäßig und von Generation zu Generation unter wechselnden Bezeichnungen wieder auf. Dennoch hat es nach meinem Empfinden eine Beschleunigung erfahren, seit die Grünen im Sog von Fridays for Future in den Umfragen und bei Wahlen zugelegt hatten (man erinnere sich daran, dass Baerbock für kurze Zeit vor der Bundestagswahl sogar vorne gesehen wurde). Man konnte den Eindruck gewinnen, dass die Grünen von SPD und FDP für die Koalitionsarithmetik zwar gebraucht, gleichzeitig aber spätestens jetzt auch als Hauptgegner im Kampf um die Wählerstimmen gesehen wurden. Dementsprechend gab es in der Folge zunehmend Attacken auf vermeintlich „grüne“ Positionen, um nicht direkt die Partei und ihre Vertreter angreifen zu müssen (was letztlich dann auch zum „Ampel-Aus“ führte). Wenn man diese Absicht zugrundelegt, dann hatte diese Strategie Erfolg. Gleichzeitig spielte sie aber auch rechten Meinungsmachern in die Hände – mit dem bekannten Ausgang.
Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen und mich für das gelungene Sezieren der Meinungsstücke bedanken. Allerdings glaube ich nicht, dass es den zitierten Autoren überhaupt um eine inhaltliche Auseinandersetzung gegangen sein dürfte. Dann hätte man, wie beschrieben, stichhaltige Argumente erwarten können, die die aufgestellten Thesen untermauern würden. Und so lautet auch hier die (neunte) Frage: Cui bono?
Im Zeit online Portal ist dazu aktuell ein interessanter Beitrag zu lesen [Paywall] https://www.zeit.de/kultur/2026-01/demokratie-usa-faschismus-donald-trump-robert-paxton
Es geht nicht mehr darum, ob Trump ein Faschist ist. Diese Frage ist für Paxton und viele Faschismusforscher längst eindeutig positiv beantwortet. Der Faschismus aber braucht einen mächtigen inneren Feind zur Legitimation der Härte gegen die innere Ordnung und letztlich die Demokratie und das eigene Volk. Für diesen vermeintlich übermächtig gewordenen linken Widersacher steht der ang. „Wokeism“. Das ewige Gejammer und Rumgeopfer der Faschisten ist ein geheuchelter Verteidigungskampf, um eine absurde Notwehrlage herbeizujammern.
Und, was dort noch steht: Der Faschismus obsiegt eigentlich nie aus sich heraus. Es sind immer konservative / rechte Eliten, die der Idee erliegen, sie könnten den Tiger reiten und so für sich nutzen.
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Grandios. Der Text hätte ruhig selbstbewusst mit einem „Mic Drop“ enden dürfen.
Vielen Dank dafür.
ich bin woke, aber nicht politisch korrekt. (sind 2 ähnliche, aber verschieden arten, menschenrechten, emanzipation, selbestimmung, selbstvertretung, etc. gehör zu verschaffen.) ich hätte gerne die mir unterstellte macht.
#2 Wie definiert sich denn der Unterschied?
#3: Nehmen wir z.B. Jan Böhmermann. Der passt vielleicht in die „Woke“ – Schublade, ist aber ganz sicher nicht politisch korrekt.
Die Leute, die sich immer laut über PC aufregen, setzen gerne beides gleich, sehen PC also nur von einer Seite.
Wenn dann aber mal ein Christian Ehring satirisch Alice Weidel als „Nazi-Schlampe“ bezeichnet, dann schreien dieselben Leute plötzlich selbst nach political correctness, nennen das aber nicht so.
Toller Text. Danke dafür. 🥳
In einem Punkt ist der Mensch in der Steinzeit stehengeblieben: Sobald das Neue, Unbekannte um die Ecke lugt (und dazu zählt »woke« allemal), flattert und krakeelt er hilflos wie ein nervös Huhn. Es könnte sich ja um einen Säbelzahntiger handeln.
Aber seien wir froh, dass wir es wenigstens von den Bäumen runtergeschafft haben und uns nicht mehr den nackten Hintern als Kommunikationstool ins Gesicht halten müssen. Frohes Neues allerseits!
Klar — hier ist dein Text korrigiert (Rechtschreibung, Grammatik, Zeichensetzung, ein paar kleine Glättungen), ohne den Ton zu verändern:
Ich habe ehrlich gesagt noch keine Person kennengelernt, die von sich gesagt hätte, woke/PC zu sein. Ich kenne das nur als Zuschreibung von außen – oder in dem einen Fall („woke“) als Selbstbezeichnung von PoC zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung oder des BLM-Movements.
Es ist imho auch sehr unglücklich, diese Zuschreibungen anzunehmen, da der nächste Schritt immer eine Täter/Opfer-Umkehr ist, oder zumindest ein eklatantes False Balancing.
Ja, wir zünden Asylheime an, aber schließlich macht ihr uns auch ein schlechtes Gewissen, wenn wir Schnitzel essen.
Es gibt keinen Grund, sich freiwillig in eine Schublade zu begeben – zumal die resultierende Beschreibung dieser Zuordnung in der Öffentlichkeit hanebüchen überzogen und beliebig ist.
In meinen jungen Jahren haben mich die Straight-Edge-HC-Punker immer sehr eingeschüchtert – mit ihrem nonkonformistischen Kanon: what to do and what not. Bis ich welche kennenlernte. Und auch bei denen war es kein Katechismus von unbedingt zu befolgenden Tugenden.
Und da ist dann noch diese linke Hybris: Ganz egal, wie ungleich die Gewichte bei den Gegenpositionen verteilt sind, auf der eigenen Seite wird 100% Tadellosigkeit erwartet.
„Die Woken haben das erneute Erstarken des Faschismus verschuldet.“ Sicher, Digger — was habe ich dich da bloß wieder tun lassen?
Der Kulturkampf ist kein Zufall.
https://www.instagram.com/reel/DTD3wWZD20q/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=NTc4MTIwNjQ2YQ==
Peinlich! Aber ich hatte ja schon gesagt, wie ich chatgpt benutze und finde das so auch legitim.
Wir sind die Wham, Differenzierung ist zwecklos.
„Woke“ ist einfach ein Rubbelbegriff, der sich in eine bestimmte Zielgruppe verkauft. Die Konsumenten wissen, was sie hören wollen und bekommen es dann von Wham-Autoren aufgeschrieben und verkauft.
Wichtig ist, das in Berlin (politisch korrekt) als „Linksterrorismus“ zu bezeichnen, nicht als „Linksextremismus“. Das löst dann auch irgendwelche Probleme oder stellt den Strom wieder her.
Ich frage mich, wie viele Linke sich mit dieser Aktion solidarisieren würden? Ich jedenfalls nicht.
Es geht alles nur noch um Wörter, nicht um Inhalte.
Ich lese solche Kommentare eher als sarkastisch:
„Wer ständig gegen rechts kämpft, sieht überall plötzlich Rechte, und das kommt ihm (oder ihr) wie ein Rechtsruck vor.“
Aber ja, niemand sieht sich selbst als „woke“, also gibt es keine „woke“ Bewegung, und die Rechten sind am Rechtsruck eben selber schuld. Sind sie ja auch.
Es ist offensichtlich, dass „woke“ ein politischer Kampfbegriff und ein Medienphänomen ist. In der „Offline-Realität“ existiert das alles doch so gut wie nicht.
Früher galt es ein wichtiges Ziel, Minderheiten zu schützen, heute ist es angeblich ein Problem. Aha.
Schlimm ist, dass die gesamte CxU diesen rechtspopulistischen Scheiß ad nauseam wiederkäut seit der Ampelzeit und sich mit billiger Feinbildrhetorik in Ämter lügt. Und viele es halt gut finden.
Es ist eben auch so ein cognitive bias der Menschen ihren Frust, ihre Angst oder ihre kognitiven Dissonanzen (weil sie spüren, dass sie selbst an negativen Entwicklungen beteiligt sind) auf eine Gruppe projizieren zu wollen, und sie abzuwerten, um damit die eigene intrapsychische Homöstase wieder herzustellen.
Überhaupt hab ich den Eindruck, viele glauben, dass sie „rationale“ Menschen sind und die Realität adäquat wahrnehmen können. Das könnte nicht falscher sein.
Vielleicht sollte man einfach mal Neurowissenschaften und Psychologie ins Menschenbild integrieren. Da würde einiges klarer werden…
Das betrifft aber nur die Woken. Die gibt es nicht. Sagen sogar die Woken. Und dann ist das auch so.
Alle anderen Halluzinationen gibt es sehr wohl in der „Offline-Realität“. Sagen sogar Verfassungsschutz, Opferverbände, Professoren, Medien, NGOs und alle anderen, die sich am Nazi-, Klima-, Gewaltgegenfrauen- und Transphobie-Geschäft gesundstoßen. Und dann ist das auch so.
@#10/Diskursdruide:
Ersterem, also „woke als Kampfbegriff“ kann ich zustimmen. Beim Rest sehe ich das anders. Leider begegnet mir das „offline“ häufiger. Zudem ist „online“ natürlich auch Realität. Auch wenn einzelne Kanäle stark verzerrt sein mögen, so tauchen doch auch viele Debatten dazu in Foren, Blogs, etc. auf. Von daher kann ich das nicht als überwiegendes Medienphänomen sehen.
@FrankD: Trad-Wifes zumindest kommen nur online vor, wie wir jetzt gelernt haben.
Es gab hier auch mal einen guten Podcast zum Thema https://uebermedien.de/84017/wie-funktioniert-der-mediale-kulturkampf/
Eine Sammlung der gängigen rechten Verschwörungstheorien aus Siff-twitter vom Troll ist auch schon da.
Na denn.
Vielen Dank für den tollen Artikel!
Das Leitmotiv ist altbekannt und taucht regelmäßig und von Generation zu Generation unter wechselnden Bezeichnungen wieder auf. Dennoch hat es nach meinem Empfinden eine Beschleunigung erfahren, seit die Grünen im Sog von Fridays for Future in den Umfragen und bei Wahlen zugelegt hatten (man erinnere sich daran, dass Baerbock für kurze Zeit vor der Bundestagswahl sogar vorne gesehen wurde). Man konnte den Eindruck gewinnen, dass die Grünen von SPD und FDP für die Koalitionsarithmetik zwar gebraucht, gleichzeitig aber spätestens jetzt auch als Hauptgegner im Kampf um die Wählerstimmen gesehen wurden. Dementsprechend gab es in der Folge zunehmend Attacken auf vermeintlich „grüne“ Positionen, um nicht direkt die Partei und ihre Vertreter angreifen zu müssen (was letztlich dann auch zum „Ampel-Aus“ führte). Wenn man diese Absicht zugrundelegt, dann hatte diese Strategie Erfolg. Gleichzeitig spielte sie aber auch rechten Meinungsmachern in die Hände – mit dem bekannten Ausgang.
Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen und mich für das gelungene Sezieren der Meinungsstücke bedanken. Allerdings glaube ich nicht, dass es den zitierten Autoren überhaupt um eine inhaltliche Auseinandersetzung gegangen sein dürfte. Dann hätte man, wie beschrieben, stichhaltige Argumente erwarten können, die die aufgestellten Thesen untermauern würden. Und so lautet auch hier die (neunte) Frage: Cui bono?
Im Zeit online Portal ist dazu aktuell ein interessanter Beitrag zu lesen [Paywall] https://www.zeit.de/kultur/2026-01/demokratie-usa-faschismus-donald-trump-robert-paxton
Es geht nicht mehr darum, ob Trump ein Faschist ist. Diese Frage ist für Paxton und viele Faschismusforscher längst eindeutig positiv beantwortet. Der Faschismus aber braucht einen mächtigen inneren Feind zur Legitimation der Härte gegen die innere Ordnung und letztlich die Demokratie und das eigene Volk. Für diesen vermeintlich übermächtig gewordenen linken Widersacher steht der ang. „Wokeism“. Das ewige Gejammer und Rumgeopfer der Faschisten ist ein geheuchelter Verteidigungskampf, um eine absurde Notwehrlage herbeizujammern.
Und, was dort noch steht: Der Faschismus obsiegt eigentlich nie aus sich heraus. Es sind immer konservative / rechte Eliten, die der Idee erliegen, sie könnten den Tiger reiten und so für sich nutzen.