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Als vor 40 Jahren „Die Schwarzwaldklinik“ auf Sendung ging, fiel das Urteil im „Spiegel“ vernichtend aus. Es gehe bei der „grausigen Mediziner-Saga“ wohl nur noch darum, „das Fernsehvolk möglichst vollzählig vor den Bildschirm zu locken“. 15 Seiten widmete das Magazin der neuen Arztserie in einer eigenen Titelstory, Überschrift: „Operation Kitsch“.
Vom Start weg stand der Ruf der ZDF-Vorabendserie fest: einerseits furchterregend erfolgreich, mit Traumquoten von über 60 Prozent und schon nach wenigen Wochen der höchsten Einschaltquote der deutschen Fernsehunterhaltung („Die Schuldfrage“, 17.11.1985). Andererseits war sie, daran kann angesichts der damaligen Kritik kein Zweifel bestehen, inhaltlich banalstes Heile-Welt-Fernsehen.
„Die Schwarzwaldklinik“ sei restaurativ und volkstümelnd wie der Heimatfilm der 50er-Jahre, vertrete einen „sich gegen alles Neue verzweifelt anstemmende[n] Konservatismus“, mit dem Autorität, Hierarchien, traditionelle Rollen- und Familienbilder unhinterfragt bekräftigt würden. Die Serie sei sentimental, kitschig und vor allem eine Flucht vor der Realität: Unterhaltung ohne Nachdenken, weil von allem viel zu viel passiert, aber nichts Konsequenzen hat.

An dieser Einschätzung hat sich wenig geändert; zu lesen in Artikeln zum Beispiel zum 20. Jubiläum oder zum Verkauf des legendär gewordenen Klinikgebäudes im Glottertal. Es gab zwar auch differenziertere Texte. Aber die massiven Verrisse bei der Erstausstrahlung haben weiterhin Wirkmacht: Noch das Deutschlandfunk-„Kalenderblatt“ zum 25-jährigen Jubiläum 2010 etwa folgt der „Spiegel“-Titelgeschichte fast Punkt für Punkt, wie auch ein öfters zitierter wissenschaftlicher Beitrag von 1993 (Michael Prosser, „Das Phänomen Schwarzwaldklinik“).
„Die Schwarzwaldklinik“ ist für viele der Inbegriff der früheren Ära Helmut Kohls, als dessen Haussender das ZDF galt. (Sicher nicht ganz zu Unrecht, so kam zum Beispiel der „heute-journal“-Moderator und spätere ZDF-Nachrichtenchef Alexander Niemetz 1979 direkt von der hessischen CDU.) Zusammen mit dem „Traumschiff“ sei die Krankenhausserie „das ideale Begleitprogramm für Helmut Kohls ‚geistig-moralische Wende‘“, hieß es beispielsweise 2016 in der „Braunschweiger Zeitung“.
Wer sich die Serie tatsächlich einmal anschaut, stellt allerdings schnell fest: Eskapismus gibt es darin kaum. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Kitschig ist „Die Schwarzwaldklinik“ sicherlich. Die Landschaften, die Bauernhäuser, die folkloristisch angehauchten 80er-Outfits, das Melodrama; das typische Seifenopern-Phänomen, dass es Schicksalsschläge geradezu hagelt. Nach einigen Folgen beißt man aufgrund der vielen schweren Unglücke schon im Reflex die Zähne zusammen, wenn bloß gezeigt wird, wie jemand Auto fährt.
Aber lässt es sich vor der Realität in diese Serie flüchten? Eher nicht. Der Arzt Udo Brinkmann gerät in einem ungenannten afrikanischen Land zwischen die Fronten eines Bürgerkrieges, weswegen „Die Schwarzwaldklinik“ eine der ganz wenigen deutschen Ärzteserien sein dürfte, in der mit automatischen Waffen geschossen wird und ein Hubschrauber explodiert. Die berüchtigte, jahrelang indizierte Folge „Gewalt im Spiel“ zeigt eine alptraumhaft düstere Dorfgemeinschaft: Dort verabreden sich zwei Männer, eine junge Frau, die einen Ruf als „leicht zu haben“ hat, gemeinsam zu vergewaltigen; am Ende kommt es zu blutiger Selbstjustiz, während die Polizei wenig Engagement zugunsten von „so einer“ zeigt.

Doch auch die allwöchentlichen Situationen der Patienten und vor allem Patientinnen haben es in sich. Durch die Serie zieht sich eine lange Reihe von Frauen- und Mutterfiguren, die, wenn man es verallgemeinern will, Opfer des Patriarchats sind. Die Frau, die ihren prügelnden Partner wieder und wieder in Schutz nimmt, weil sie nicht weiß, wo sie sonst hin soll; die depressive Mutter, die zwischen Beruf, Kindern und Pflege ihres krebskranken Mannes medikamentenabhängig geworden ist; die Schülerin, die ihren Kindsvater nicht heiraten, sondern Abitur machen möchte. Frauen wollen ihr Leben leben, mit Ausbildung, mit Beruf, mit einem unehelichen Kind, und auch wenn ihre aktentaschengesichtigen Väter oder Verlobten etwas dagegen haben. Die Inszenierung sympathisiert fast durchweg mit Frauen, die etwas anderes suchen als Hausfrauenehe und Kleinfamilie.
Das scheint aber all die Jahre zugunsten der Deutung der „Schwarzwaldklinik“ als reaktionäres Fernsehen weitgehend ignoriert worden zu sein. Beim Redaktionsnetzwerk Deutschland schrieb Jan Freitag vor Kurzem zum 40. Jubiläum:
„Frauen gibt es hier leider nur als Haushälterinnen, Pflegekräfte, Unfallopfer im Kernschatten handelnder Kerle mit oder ohne Kittel.“
Man braucht nur wenige Folgen zu sehen, um zu erkennen, dass dies völlig falsch ist. Krankenschwester Christa (Gaby Dohm) heiratet im Laufe der Serie eben nicht nur den Professor, sondern studiert – wenn auch unrealistisch schnell – Medizin und treibt erfolgreiche Forschung. Große Präsenz hat zudem die Spitzen-Anästhesistin Katharina Gessner, die zu Anfang alleinerziehende Mutter ist und später zugunsten ihrer Karriere das Kind von Udo Brinkmann abtreibt, was keineswegs als verwerfliche Handlung dargestellt wird.
Diverse andere weibliche Figuren sind ebenfalls erfolgreich berufstätig, und zwar nicht „nur“ als Krankenschwester. Ohnehin will keine Schwester nach dem alten Arztroman-Klischee vor allem geheiratet werden; und die Haushälterinnen und Kindermädchen erhalten ganze Nebenhandlungen, in denen sie klarmachen, dass sie sich von Männern nicht unterbuttern lassen.

Auch die politischen Themen der Bundesrepublik der 80er finden ihren Platz: Im Kampf gegen das Waldsterben kommt es zu Handgreiflichkeiten. Oder es tauchen Vertreter einer ungenannten Partei auf, die nur die Union sein kann. Sie wollen verhindern, dass großangelegter Parteispendenbetrug mit einer gemeinnützigen, kirchennahen Stiftung aufgedeckt wird (die Flick-Affäre ist zu diesem Zeitpunkt ganz aktuell). Und immer wieder fallen Sätze, die so gar nicht auf Linie der Kohl-CDU sind:
„Der Wohlstand ist falsch verteilt.“ („Der Fremde in der Hütte“)
„Ich frag’ mich ernsthaft, warum nicht viel mehr Frauen zusammenleben.“ („Spätes Glück“)
„Warum soll ein Mann kein Baby wickeln?“ („Sturz mit Folgen“)
Es stimmt, dass sich viele Konflikte auflösen, aber gerade nicht in Wohlgefallen und vor allem nicht, indem man sich dauerhaft traditionellen Normen unterwirft. Die Serie endet zwar mit einer Hochzeit, spricht sich aber wieder und wieder für Liberalität und Augenmaß im Umgang mit bürgerlichen Werten aus.
Christa hängt zwar ihre Tätigkeit in der Forschung an den Nagel, weil ihr kleiner Sohn wegen „mangelnder Nestwärme“ psychosomatische Beschwerden entwickelt; als sich eine Stelle mit besserer Work-Life-Balance findet, rät ihr Mann aber ausdrücklich dazu, wieder einzusteigen.
Dieser Übervater der „Schwarzwaldklinik“, Professor Brinkmann, ist zumal gerade deswegen eine Autoritätsperson, weil er nicht autoritär ist. Der Chefarzt wird durchweg als reflektierter Humanist gezeigt, der sich gegen rigide Regeln stellt. Cholerisch und autoritär wird er zwar hin und wieder, aber eigentlich nur dann, wenn seinem Gegenüber die Reflexion und Selbstkontrolle fehlen, die er sich selbst abverlangt. In seiner ganzen Anlage ähnelt Professor Brinkmann sehr einem anderen „Philosophenkönig“ des 80er-Jahre-Fernsehens – nämlich Jean-Luc Picard aus „Star Trek: The Next Generation“.
Aus heutiger Sicht schwer bekömmlich ist weniger das Gesellschaftsbild als die stilistische Inkonsistenz. Manche Handlungsstränge liefern finsteres Sozialdrama in tristen Kulissen, andere dagegen sind ähnlich albern wie Bauernschwank und Heimatfilm. Anders als bei amerikanischen Soaps scheint es keine Regel zu geben, dass jede Folge eine tragische und eine komische Nebenhandlung haben müsse.
Bedeutungsschwere Mono- und Dialoge mit philosophischer Tiefe wechseln sich ab mit „familienfreundlichen“ Späßen mit Kindern und Tieren. Es gibt Einstellungen, die fast Film noir sein könnten, wenn etwa Professor Brinkmann einsam rauchend vor einem Freiburger Hotel auf seine mutmaßlich untreue Frau wartet. Sogar vor weichgezeichneter Softerotik (Anja Kruse im nassen weißen Gewändern; Raimund Harmstorf als halbnackter Beefcake an der Wasserpumpe) schreckt man nicht zurück. Dann wieder gibt es Szenen, die hochstilisiert sind wie Fernsehinszenierungen von Bühnenstücken.

Das Kolorit ihrer Zeit kann die Serie natürlich nicht verleugnen. Die vielen steifen alten Herren mit Krawatte und Einstecktuch zeugen davon ebenso wie die selbstverständliche Rolle von Religion: Vor 40 Jahren waren noch rund 50 Prozent der Westdeutschen gläubige Christen. Und natürlich fehlen Menschen mit Migrationshintergrund, mit einer anderen als heterosexuellen Orientierung und so weiter fast völlig. Das Frauenbild ist zwar längst nicht so reaktionär wie oft behauptet, aber dass die großen komischen Nebenfiguren allesamt weiblich sind (außer dem Verwaltungsdirektor Mühlmann), fällt durchaus auf.
Medizinisch gesehen wird es dort irritierend, wo es um unheilbare Krankheit geht – wir sind in einer Zeit, in der man Patienten die Wahrheit über ihren Zustand noch gerne vorenthielt. Auch vieles, was mit psychischer Krankheit zu tun hat, wirkt antiquiert bis haarsträubend.
Am Ende hält vor allem eines diesen Gemischtwarenladen zusammen: schauspielerische Leistung. Fast alle wichtigen Rollen werden von Menschen mit mindestens 20 Jahren Erfahrung an hochkarätigen Theatern verkörpert und die – häufig nicht mehr ganz jungen – Gastdarsteller, die die wechselnden Patienten spielen, sind gerne ebenfalls Veteranen (zum Beispiel Nadja Tiller, Gustl Bayrhammer, Gert Fröbe, Harald Juhnke).
Erwartungsgemäß spielt dieses Ensemble selbst die banalsten Missverständnisse und aufgesetztesten Kabbeleien, als wäre es Shakespeare oder wenigstens gehobenes Boulevardtheater. Vermutlich ist das ein Hauptgrund dafür, dass die Serie so unfassbar populär ist. Beim Anschauen der 70 Folgen für diesen Beitrag habe ich mich immer wieder dabei ertappt, dass ich den Darstellern über lange Strecken völlig atemlos an den Lippen hing, selbst wenn gerade bloß Triviales passierte. „Die Schwarzwaldklinik“ ist in gewisser Hinsicht ein Triumph der handwerklichen Routiniertheit: Sie ist so gut gemacht, dass einem nicht auffällt, wie wenig Konzept sie oft hat.
Insgesamt repräsentiert „Die Schwarzwaldklinik“ die Bundesrepublik ihrer Zeit erstaunlich gut: Als eine sich liberalisierende Gesellschaft, die ihre traditionellen Institutionen zwar respektiert, aber auch kritisch betrachtet; die keine Hemmungen hat, das Lobenswerte ebenso wie das Verächtliche mit dem dicken Klischeepinsel zu zeichnen.
Trotzdem braucht man den deutschen öffentlichen Funk jener Zeit nicht über den Klee zu loben: In der Serie „Ich heirate eine Familie“, die quasi gleichzeitig und im selben Sender lief, bildet der feierliche Abschied der Protagonistin Angie aus einem erfolgreichen Berufsleben ins Hausfrauendasein das große Serienfinale. Dass aber ausgerechnet „Die Schwarzwaldklinik“ besonders konservativen Zeitgeist verkörpere, schwiemeliges Helmut-Kohl-Fernsehen sei – das lässt sich nicht halten.
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Hochinteressanter Beitrag – danke!
Bemerkenswert, wie sich Urteile halten, anscheinend, ohne erneut überprüft zu werden.
Übrigens ist der Vergleich mit dem westdeutschen Heimatfilm doppelt treffend. Denn auch dieser ist – im Kontext seiner Zeit – weit weniger Heile Welt, harmlos oder gar muffig. Auch der Heimatfilm behandelt damals hochaktuelle Themen einer von Krieg, Diktatur und Vertreibung geprägten Gesellschaft: Integration in eine neue, fremde Heimat, Familienbilder und die Rollen von Frauen und Männern, vaterlose Kinder, tabuisierte Erinnerung.
All das findet man auch in den im Kino erfolgreichen und zum Teil noch heute bekannten Filmen.
Schöner Beitrag, aber:
„…die zu Anfang alleinerziehende Mutter ist und später zugunsten ihrer Karriere das Kind von Udo Brinkmann abtreibt…“ klingt so, als wäre es das Kind von Udo und einer anderen Frau, dass sie abtreibt, um befördert zu werden.
Falls das gemeint sein sollte, bitte ich um Nachsicht, die einzige Storyline, die mir in Erinnerung geblieben ist, ist die mit dem Zivi, der den Offizier versorgen musste.
Habe mal aus Anlass dieses schönen Artikels kurz gescannt, was Matthias Warkus hier noch so geschrieben hat. Ich finde, er ist hier eine echte Bereicherung, sowohl hinsichtlich seiner kreativen Themenauswahl als auch hinsichtlich der teilweise unerwarteten Perspektive, die er einnimmt.
Sehr aufschlußreich, vielen Dank!
@#2: Ich finde das nicht missverständlich formuliert. Es ist natürlich schon so gemeint, dass sie ihr eigenes Kind abtreibt, nachdem Udo Brinkmann sie geschwängert hat. Ohne ihn zu fragen und explizit aus beruflichen Gründen.
Herzlichen Dank für den anregenden Beitrag. Ich möchte gerne einen Aspekt ergänzen: Mit der Figur des Michael Burgmann, gespielt von Jochen Schroeder, hat die Schwarzwaldklinik aus meiner Sicht viel für das Ansehen von Zivildienstleistenden getan. Mitte der 1980er galten diese vielfach noch als „Drückeberger“ und „Verweigerer“, obwohl der Dienst wesentlich länger dauerte als der Grundwehrdienst bei der Bundeswehr, und der Staat nötigte ihnen eine aufwändige Gewissensprüfung ab. Mitten im „kalten Krieg“ (die Pershing II Raketen waren gerade aufgestellt) und fünf Jahre vor dem Fall der Mauer einen rundweg sympatischen „Zivi“ ins Drehbuch zu schreiben war aus meiner Sicht auch eine mutige Entscheidung.
Wenn ich mich recht entsinne, dann ist insbesondere die erste Staffel der Schwarzwaldklinik für die realitätsnähe Darstellung der medizinischen Vorgänge gelobt worden. Man hatte offenbar gute Berater. Und das alles viele viele Jahre vor Serien wie ER.
@#5:
Ok, etwas überspitzt war mein Beitrag vielleicht schon, aber hat sie den Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen, oder hat sie ihn selbst an sich vorgenommen?
Es gab mal die sehr bekannte Schlagzeile „Wir haben abgetrieben!“, aber das war ebenso eine überspitzte Formulierung.