Die Bla-Frage

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat am Sonntag im ARD-„Sommerinterview“ gesagt, dass sie nichts sagt. Auf die Frage, ob sie erneut als Kanzlerkandidatin der CDU antreten wolle, antwortete sie bloß, sich „zum gegebenen Zeitpunkt“ dazu zu äußern. Ende der Ansage. Ende der Geschichte. Eigentlich.

Merkel im ARD-"Sommerinterview"

Angela Merkel beim ARD-„Sommerinterview“ Screenshot: ARD

Doch wenn eine schweigt, und noch dazu so laut, müssen andere eben reden, das ist so Gesetz, vor allem unter Journalisten. Außerdem ist ja auch immer noch etwas Sommerloch übrig, also wird munter drauf los spekuliert.

Der „Spiegel“ nennt das Geraune nun eine „Debatte“ und gibt damit an, diese „ausgelöst“ zu haben. Am Freitag hatte das Magazin rumgetratscht, was es so in „CDU-Kreisen“ aufgeschnappt haben wollte: Dass Angela Merkel sich im kommenden Frühjahr festlegen werde, weil erst dann CSU-Chef Seehofer entscheide, ob er sie unterstützt. Eine kleine Meldung, die aber, zusammen mit dem „Sommerinterview“, einen irren Lärm auslöste.

Die MDR-Moderatorin sagt, Merkels Schweigen gebe „Anlass zur Spekulation“. Die „Berliner Zeitung“ weiß: „Vieles spricht für eine erneute Kandidatur der Kanzlerin“. ARD-Korrespondentin Anna Engelke wettet: „Mein Tipp: Angela Merkel tritt wieder an“. Die „Zeit“ ruft online in die Menge: „‚Angela Merkel ist die Richtige'“, ein Zitat von Anngret Kramp-Karrenbauer (CDU), die auch mal sagen darf, was sie so dazu meint, wie viele andere aus der CDU. Und meistens sagen die dann alle, blabla, dass Merkel schon wisse, was sie wann sage.

Thorsten Denkler hat in der „Süddeutschen Zeitung“ nüchtern analysiert, weshalb Angela Merkel gerade „in der K-Frage alles richtig macht“, und er hat das endlose Geraune um ihre Kandidatur treffend beschrieben:

Es dürfte im Moment weltweit wohl nur eine Person geben, die sicher weiß, ob Angela Merkel 2017 noch einmal als Kanzlerkandidatin der Union antritt. Und das ist – große Überraschung – Angela Merkel selbst. Alles was gerade geschrieben wird, ist also kaum etwas anderes als Spekulation. Manchmal untermauert von Quellen, von denen kaum jemand weiß, welche Interessen sie verfolgen.

Doch viele Journalisten geben sich dem willfährig hin. Dass sich Politiker äußern, liegt ja auch daran, dass sie gefragt werden; und wenn Politiker dieses Spiel der Journalisten dann gerne mitspielen wie Julia Klöckner (CDU), die Weinkönigin aus Rheinland-Pfalz, wird ihnen das wiederum angekreidet, zum Beispiel von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“:

Klöckner machte ihre Bemerkung auch nicht beiläufig im Gespräch mit Journalisten, sondern legte Wert darauf, dass ihre Aussagen für alle gut vernehmlich aufzuzeichnen waren.

Klingt, als hätte sich Klöckner vor der Aufzeichnung nochmal versichert, ob denn auch der Ton läuft. Und am Ende kommt womöglich raus, dass sie die Reporter von ARD, ZDF, RTL und n-tv, Sat.1 und N24 zwingen musste, ihr all die Mikros unter die Nase zu halten.

Bitte sagen Sie jetzt was!

Bitte sagen Sie jetzt was! Screenshot: SWR

Die Phrasen, die Klöckner aufgesagt hat, haben sie dann aber alle gerne gesendet und gedruckt: Angela Merkel werde selbst entscheiden, hat Klöckner gesagt. Alles habe seine Zeit, hat Klöckner gesagt. In der Politik und im Leben sollte man sich auch in Geduld üben, hat Klöckner tatsächlich gesagt. Sie hat also nichts gesagt. Und dass sie sich „keinen anderen als Merkel“ vorstellen könne. Endlich die erhoffte Meldung! Damit wäre die K-Frage ja fast geklärt.

Wen kümmert derzeit eigentlich, in dieser Weltlage, eine Wahl, die in mehr als einem Jahr stattfindet? Okay, außer das so genannte politische Berlin und ein paar Hauptstadt-Journalisten. Aber gewiss nicht „ganz Deutschland“, wie Sat.1 und andere floskeln. Ganz Deutschland ist doch schon genervt, wenn man im September von Weihnachten redet. Ganz Deutschland hat andere Probleme.

Und wieso nochmal sollte jetzt, diese Woche, irgendeine Partei, insbesondere die CDU, irgendwen benennen? Kommenden Sonntag ist Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, Merkels politischer Heimat. 2011 lag die CDU dort bei 23 Prozent; nun könnte sogar die AfD an ihr vorbeiziehen. Und bis Mai 2017 wählen außerdem noch Berlin, das Saarland, Schleswig-Holstein und, mit Blick auf die Bundestagswahl immer wichtig: Nordrhein-Westfalen.

Aber es ist eben eine Art Zwang, dass Journalisten Personalien abfragen und das Gelaber darum selbst befeuern müssen. „Bild“ zum Beispiel hatte schon im Sommer 2015 begonnen, einen Kanzlerkandidaten für Herbst 2017 zu küren – den der SPD. „Sigmar Gabriel: Kann er Kanzler?“ lautete damals die Überschrift. Und obwohl ihm gleich zwei „Bild“-Redakteure (die früher auch mal für die SPD gearbeitet haben) attestierten: „YES, he can“, lässt sich auch der SPD-Chef immer noch bitten, endlich mal zu sagen, was denn jetzt Sache ist. Einige Journalisten macht das sicher ganz kirre.

Das beste Beispiel für den Unsinn der aktuellen „Debatte“ ist der Beginn eines Interviews, das das Fernsehmagazin „17:30 Sat.1 NRW“ dazu führte. Weil man das Thema ja irgendwie runterbrechen muss als Regional-Magazin, hatten sie bei Sat.1 in NRW die blendende Idee, mal den Armin Laschet zu fragen, den NRW-Chef der CDU. Weil der ja auch Vize der Bundes-CDU ist. Und wer, wenn nicht der, muss was wissen und sagen, oder? Wer denn sonst?

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15 Kommentare

  1. Die Bundeskanzlerin muss erst einen Termin finden, um mit ihren wichtigsten Beraterinnen, Frau Mohn und Frau Springer bei Kaffee und Pflaumenkuchen über die nächste Amtszeit zu konferieren. Danach wird durch die entsprechenden Medien die Öffentlichkeit informiert.

  2. Ich hatte ja letztes Jahr, als die Bild eben jene Frage stellte schon den Geruch von Agenda in der Nase:
    Möglichst früh versuchen, die SPD zu einer Aussage zu zwingen.
    Legen sie sich fest, kann man, wie bei Steinmeier, um so früher mit dem Ausgraben der Keller-Leichen beginnen und den Kandidaten so über einen längeren Zeitraum zu Fehlern zwingen.
    Legen sie sich nicht fest, attestiert man der SPD Unentschlossenheit und Regierungsunfähigkeit.
    Es wird auf jeden Fall wieder mal auf viel gespielte Empörung (Netzjagon „Rumtrollen“) seitens der Bild hinauslaufen, so oder so.

    Bei Merkel ist sich Springer noch nicht ganz sicher, ob sie damit nicht zu früh auf ein falsches Pferd setzen.
    Es wäre ja der Supergau, jetzt für Merkel in die Bresche zu spingen und ihre Vorteile gegenüber Klöckner und Anderen hinauszuarbeiten und dann sagt Merkel auf einmal „Neee, die Klöckner macht das schon“.

    Damit würde man sich ja „unglaubwürdig“ machen … Sofern überhaupt noch möglich.

  3. Fernsehmagazin „17:30 Sat.1 NRW“: „Ganz Deutschland diskutiert heute – tritt Angela Merkel noch mal an als Kanzlerkanditatin?“

    Hierzu stelle ich fest: Ich nicht.

  4. Eine wilde Theorie: Kann es sein, dass die K-Frage deswegen so gespielt wird, weil sie im Internet (Facebook) und den Sozialen Medien (Facebook) tatsächlich diskutiert wird? Und man schlicht vergisst, dass sich dort nicht „Das Volk“ herumtreibt, selbst wenn die Menschen dort das von sich behaupten?

  5. @6: „Diskutiert“, der war gut.
    Mehr als „Mein Pudding ist verkocht, DANKE MERKEL!!!“ kommt da doch eh nicht.

    Menschen, die zu viel Zeit haben und grundsätzlich niemals selbst Schuld sind bestätigen sich gegenseitig, dass man etwas nicht sagen darf, indem sie es sagen und fordern das das Schweigen der Gegenrede, die, im Gegensatz zur eigenen Meinung, Meinungsterror ist.

    Oder wie ein Herr „Gerold“ auf mdr.de gestern kommentierte:
    „Prima, wenn man sieht, wie die linksextremistischen Hetzer hier so langsam unter Druck geraten. Die Bundespräsidentenwahl in Österreich ist ja auch schon so gut wie gewonnen. Dann wird auch da angefangen, aufzuräumen. Solche „Berichte“ wie der hier werden dann hoffentlich zur Vergangenheit gehören.“

    Soviel zur Meinungfreiheit, die von deren Seite so gerne vorgeschoben wird.

  6. Frau Merkel will einfach nicht schon im September als Kanzlerkandidatin erscheinen, daran sollten sich Dominosteine, Spekulatius und Christstollen ein Beispiel nehmen. An dem nicht zu frühen Erscheinen.

  7. Netter Artikel, macht mich gegen Ende doch nervös.

    Hätte man nicht besser ein kleines Video unter die Überschrift gesetzt mit Pusteblumen blasen?

  8. Ja,
    das ist die wahrlich dringende Frage, wer Kanzlerkandidat wird – nicht!

    Übrigens auch einen Artikel wert ist, wie im Vorfeld schon wieder diese psychologischen Spielchen mit Blick auf die noch unentschlossenen Wähler getrieben werden, etwa in der Art:
    Koalition im Bund von SPD, Grünen und Linken – UNREGIERBARES Land, Chaos, etc.
    Aber geht es darum, dass CDU/CSU mit jemanden koalieren sollen, da ist natürlich alles eitel Sonnenschein im Basta-Land.

    Gespickt natürlich mit „representativen“ Umfragen.

    Das ist in meinen Augen eine ganz perfide Meinungsmache und kann sich dann wieder mit Ergebnissen auf die Bundestagswahl abfärben, bei der sich dann einige die Augen reiben werden.

  9. Und SPIEGEL ONLINE grade wieder so als Überschrift: „Aufruhr in Merkels Wohnzimmer“. Gibt es eigentlich nur noch Merkel? Nach „Männer machen Geschichte“ jetzt „Frauen machen Geschichten“? Ich hab mich echt erst mal gefragt, was interessiert mich Merkels Wohnzimmer? Wann zeigen sie ihr Sofa?

  10. Hier wird seitens der Journalisten aus der gleichen Mücke ein Elefant gemacht wie dem unleidigen Vorwahlenprocedere in den USA. Jeden Tag neue Meldungen, wer wie wann wo gewählt hat, welcher Kandidat nun bessere Aussichten hat usw. Auch damals hat gemäß der jeweiligen Artikel die ganze Welt diesen umfallenden Sack Reis in China diskutiert …

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