Das Kopierwerk am Ende des Regenbogens

In Berlin war am Donnerstagmorgen mal wieder die Hölle los. In Lichtenrade überfielen Unbekannte ein Spielcasino, in Kreuzberg verunglückte ein Krankenwagen, und in Charlottenburg wurden eine Seniorin und ihr Rollator von einem Auto angefahren. Außerdem war viel Verkehr auf der Stadtautobahn, das Wetter neigte zur Besserung und irgendwas mit Fußball war auch noch.

Moment: Berlin? War das nicht diese Hauptstadt mit der Tendenz zu vier Millionen Einwohnern, einer zerrütteten Verwaltung und Politikern im Vorwahlkampf? Mit solchem Ballast werden die Leser von „Berlin Live“ nicht behelligt. Das Mitte Juni gestartete Portal der Funke Mediengruppe gibt zwar vor, „alle Themen der Stadt“ zu behandeln, „aus Politik, Wirtschaft, aber auch Polizeimeldungen, Klatsch und Verkehrsservice“. Doch präsentiert wird der jungen Zielgruppe vorrangig das „aber auch“.

Das fließt auf der Seite in einen chronologischen Newsstream, den man auf dem Smartphone schnell durchscrollen kann. Hashtags in den Überschriften sowie in die Nachrichtenleiste eingebettete Facebook- und Instagram-Posts sollen zeigen, wie modern und lässig dieses Nachrichtenangebot ist. Dabei ist „Berlin Live“ eigentlich die Website der altehrwürdigen „Berliner Morgenpost“ nach Abzug allzu komplexer Themen. Das ist wörtlich zu nehmen: Die Texte sind größtenteils dieselben, ebenso wie die Redakteure, die die neue Seite bespielen.

Als Bonus informiert die „Berlin live“-Redaktion die Leser allerdings darüber, wenn sie von ihren Redaktionsräumen aus Wetter sehen kann.

Die zugehörigen Artikel lauten dann etwa:

Wolkenbruch am Kurfürstendamm: Eben ging starker Regen nieder, die Autos pflügten durch große Pfützen.

So sah es vor wenigen Minuten am Kurfürstendamm aus: Es regnete so stark, dass sich das Wasser auf der Straße sammelte. Inzwischen ist das Gewitter weitergezogen.

Oder auch:

Ein heftiger Regenschauer fing [sic!] über dem Kudamm nieder. Gleichzeitig zeigte sich die Sonne. Das Ergebnis: dieser Regenbogen.

Die schönsten Regenbögen Berlins gibt es am Himmel über der City West. Der Turm der Gedächtniskirche erstrahlte, als sich über dem Gotteshaus dieses Kunstwerk der Natur zeigte.

Am vergangenen Freitag veröffentlichte „Berlin live“ 64 Artikel. Davon waren:

  • 20 Artikelkopien der „Berliner Morgenpost“
  • 19 Meldungen der Nachrichtenagentur dpa
  • 9 eingebettete Tweets oder Facebook-Einträge
  • 2 Pressemeldungen

Rund ein Drittel der Artikel waren Meldungen aus Blaulicht, Kriminalität und Justiz.

Es gab aber auch 7 eigene journalistische Leistungen von „Berlin live“ an diesem Tag. Es handelte sich um zwei der oben gezeigten Regen- bzw. Regenbogen-am-Kudamm-Meldungen, einen Artikel samt Bildergalerie über einen Großeinsatz der Feuerwehr sowie ein, zwei, drei Updates, die ein Reporter vom Rammstein-Konzert schickte:

Vervielfältigung als Zukunftskonzept

Die Funke Mediengruppe sieht in der Vervielfältigung immer gleicher Inhalte ihre Digitalstrategie der Zukunft. Mit ihren zwölf über Deutschland verteilten Lokalzeitungen verfährt sie bereits ähnlich. Zentrale Desks beliefern sie mit denselben Texten. Was die Zentralredaktion in Berlin über die Bundespolitik schreibt, erscheint bei „WAZ“, „Braunschweiger Zeitung“ und „Thüringer Allgemeinen“. Das spart Personal und täuscht gleichzeitig eine große Medienvielfalt vor. Nun breitet sie dieses Kopier-Imperium im Internet weiter aus.

Denn „Berlin Live“ ist nicht alleine. Bereits im Mai ging „News38“ für die Region Braunschweig online, deren Postleitzahlen mit 38 beginnen und die schon daran gewöhnt ist, unter „News“ Nachrichten aus Braunschweig zu erwarten. Schließlich betrieb die „Braunschweiger Zeitung“ ihre Internetaktivitäten lange unter dem Namen „Newsclick“ (because why the hell not?).

Im Juni folgte für das Erscheinungsgebiet der drei Thüringer Funke-Titel „Thüringen24“.

Die neuen Portale verbergen ihre Verwandtschaft zu den gedruckten Titeln, als wären diese der peinliche Großonkel, der gerade in den USA für die Präsidentschaft kandidiert. Das ist Absicht. „Jeder hat sich seine Gedanken gemacht, wie er mit einer Marke in der eigenen Region, auch in einer teilweise neuen Zielgruppe punkten kann“, erklärt Funke-Digital-Geschäftsführer Jochen Herrlich in einem Interview mit turi2. Da man eine neue, jüngere Leser ansprechen wolle, sei es „sicherlich kein Fehler, auch eine neue Marke aufzusetzen“.

Als läsen junge Menschen nur keine Lokalzeitungen mehr, weil ihnen die Marke zu bieder wäre. Doch sich einzugestehen, dass es auch an bräsigen Themen, üblen Fotos und uninspirierten Texten liegen könnte, würde bedeuten, die jahrelang so mühevoll ausgedünnten Redaktionen wieder besser besetzen zu müssen. An einer dafür nötigen Investition in Qualität zeigt Funke seit Jahren kein Interesse. Dafür setzt man auf Quantität.

Zwar wurden in Braunschweig und Thüringen, im Gegensatz zu Berlin, sogar eine Handvoll überwiegend junger Redakteure eingestellt, die auch mal selbst ein Stück schreiben dürfen. Doch ihre Hauptaufgabe besteht darin, Polizeimeldungen und Texte anderer zu veröffentlichen und sie in die sozialen Netzwerke zu streuen.

Schon die Stellenausschreibung vermittelte ihnen, dass sie nicht zu viel Journalistisches erwarten dürften. Als Aufgaben waren dort „Telefon-Interviews sowie die onlinegerechte Auf- und Nachbereitung von Nachrichten, Berichten, Bildergalerien und eventuell Bewegtbildmaterial der Außenredaktion sowie von Presseverteilern“ aufgezählt. Von Recherche vor Ort, die Lokaljournalismus ausmacht, war nicht die Rede.

So darf der journalistische Nachwuchs nun Reißerisches auf eine neue Internetseite kippen, damit es dort von jungen Lesern gefunden wird. Eigene Recherchen machen einen verschwindend geringen Anteil aus; am vergangenen Donnerstag bildeten bei „Thüringen24“ dpa-Meldungen knapp zwei Drittel der veröffentlichten Artikel.

Der Zielgruppe wird dabei die Aufmerksamkeitsspanne einer Stubenfliege zugestanden und unterstellt, dass man sie nur mit angefahrenen Omas und Staumeldungen vom Snapchat-Stream lösen kann. Anders sei die Jugend von heute nicht zu erreichen, ist das Argument dahinter. Doch das ist vorgeschoben. Hier geht es nicht darum, junge Menschen für Zeitungsinhalte zu gewinnen. Hier geht es lediglich um die Vergrößerung der Werbeflächen.

Digital-Chef Herrlich erklärt hingegen: „Für uns steht Qualität im Mittelpunkt, und das ist das Wichtigste.“

Das ist so falsch, dass man es fast auf einen Bus drucken und damit Boris Johnson auf Tour schicken könnte. Es ist aber nur ein Teil des Problems. Zum anderen haben die Funke-Medien in den Regionen bereits Online-Seiten, die auf Krawall und Klicks ausgerichtet sind: die ihrer örtlichen Zeitungen.

In Thüringen bestehen mit den Websites der Thüringer Allgemeinen, der Thüringischen Landeszeitung und der Ostthüringer Zeitung bereits drei, bis auf lokale Fenster inhaltlich identische Angebote mit hohem Blaulichtanteil. Mit „Thüringen24“ ist nur ein viertes hinzugekommen.

Zwei-Säulen-Strategie

Allerdings haben Funkes bei den etablierten Seiten Bewegung angekündigt. Aktuell arbeiteten die Redaktionen „intensiv an der Weiterentwicklung der Markenplattformen“, erklärt Stephan Thurm, ein weiterer Digitalchef der Funke Mediengruppe, auf Anfrage. Er spricht von einer Zwei-Säulen-Strategie: Auf der einen Seite die „neuen Reichweitenportale“, auf der anderen die „kostenpflichtigen, auf exklusive Hintergrundinformationen ausgerichtete Premiuminhalte auf den bestehenden Markenplattformen“.

Was genau sich bei Letzteren ändern soll, mag Thurm noch nicht verraten. Ein Blick auf die Premium-Inhalte, die derzeit hinter Bezahlschranken verborgen auf den Websites stehen, lässt aber keine allzu großen Hoffnungen aufkommen. Aktuell darf man dort für Knallerinformationen bezahlen über Freiwillige, die im Freibad von Groß Denkte den Rasen mähen, oder über die Kollision zweier Laster in Ringleben. Denkbar wäre, sich in Zukunft auf diese Texte zu konzentrieren, die aus den gedruckten Lokalteilen stammen, und die Polizeimeldungen den neuen Angeboten zu überlassen.

Damit hätte die Funke Mediengruppe tatsächlich zwei sich unterscheidende Säulen. Leider hießen sie „Quatsch umsonst“ und „Langeweile für Geld“. Rein finanziell mag sich das noch eine Weile rechnen. Journalistisch ist es eine Kapitulation.

Offenlegung: Ich habe 2009 bei der Braunschweiger Zeitung volontiert und im Rahmen dessen bei Newsclick gearbeitet.

 
Medien besser kritisieren.

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