Wie die AfD größer erschien, als sie ist

Am Sonntag wird in drei Bundesländern gewählt, und vielleicht sollten kleinere Orte, so bis 5.000 Einwohner, schon mal ihre Pressesprecher vorwarnen. Könnte sein, dass die am Montag viel zu tun haben und der Ort, für den sie arbeiten, plötzlich deutschlandweit bekannt ist.

So wie: Bad Karlshafen in Nordhessen.

Über den Ort, rund 3.500 Einwohner, in der Nähe von Kassel, haben nach den hessischen Kommunalwahlen vorigen Sonntag so gut wie alle geschrieben. Weil die AfD dort 22,3 Prozent geholt haben sollte. Ein „Rekordergebnis“, schrie die Presse; ein „Traumergebnis“, jubelte die AfD. Weil der Wert so hoch war und als erster bekannt, machte der Name des Dorfs die Runde.

Screenshot Welt.de

Screenshot: welt.de, 6.3.2016

Ein anderer Ort, der für Schlagzeilen bei der Kommunalwahl sorgte, ist Sensbachtal im Odenwaldkreis, rund 1.000 Einwohner. Wieso alle über die Gemeinde schrieben, lässt sich noch in der FAZ nachlesen.

Ausriss FAZ 7.3.2016
Screenshot: faz.de, 7.3.2016

95 Prozent der Stimmen ungültig, das ist natürlich bemerkenswert.

„Nun hat sich Sensbachtal auch überregional den Ruf der seltsamsten Gemeinde Hessens eingehandelt“, sagte der Bürgermeister am Dienstag der „Süddeutschen Zeitung“. Und schnell galt Sensbachtal nicht nur als seltsam, sondern als Protestwähler-Dorf schlechthin. Scheuermann wundert sich, „dass die Journalisten nicht mal nachfragen, was es mit so einer Geschichte auf sich hat“. Denn: Das Ergebnis stimmt gar nicht. Es handelte sich bloß um einen Eingabefehler, so Scheuermann. Die Zahlen wurden falsch übermittelt.

Wir hatten 527 abgegebene Stimmen, bei 813 Wahlberechtigten. 42 Stimmen waren ungültig. Das ist die Wahrheit.

Im Fall von Bad Karlshafen ist es ähnlich: Auch hier stimmt das Ergebnis so nicht. Die verkündeten 22,3 Prozent für die AfD waren ein Trendergebnis, nicht das Endergebnis. Das liegt nun nur noch bei 14 Prozent, was immer noch hoch ist, immer noch zweistellig, aber bei weitem nicht so rekordhaft, wie es verkündet wurde. Dass es sich bei den 22,3 Prozent um einen Trend handelte, stand in den meisten Meldungen auch drin, aber häufig am Rande, anders hätte es auch die Krachermeldung zu sehr abgeschwächt. Manches las sich deshalb endgültig. Die AfD wurde größer gemacht, als sie ist.

Aber so ein kleines Dorf eignet sich eben prima als Beispiel, als kleines Teil eines großen Problems. Journalisten suchen nach so etwas gerne, nach Superlativen, Ausnahmen, dem Besonderen. Sie suchen nach einem Symbol. Wie andere Orte, die neuerdings für etwas stehen, wie Clausnitz oder Heidenau, steht Bad Karlshafen nun dafür, ein Hort von AfD-Wählern zu sein, dabei ist der Ort, wie es sich nun darstellt, nicht mal jener mit den meisten AfD-Stimmen in Hessen. In einem anderen liegt die Partei bei 14,7 Prozent.

Aber das macht ja nichts. Es wurde trotzdem rasch geschrieben. „Focus Online“ interviewte, noch unter dem Eindruck der mehr als 20 Prozent, den Bürgermeister. Und die „Welt“ hat einen Reporter nach Bad Karlshafen geschickt, in die „AfD-Hochburg“, wie es in der Überschrift heißt. Der Ort gelte jetzt als „braunes Dorf“, er habe ein echtes Imageproblem, schreibt der Reporter – was halt daran liegt, dass alle drüber schreiben:

Nach den ersten Ergebnissen hatte die AfD bei den Kommunalwahlen mit 22 Prozent sowohl CDU und SPD deutlich hinter sich gelassen und war plötzlich hinter den regierenden Freien Wählern zweitstärkste Kraft im Kurort.

Die längst überholten 22 Prozent aus dem Trendergebnis – auf ihnen fußt der ganze „Welt“-Text. Es geht um die Flüchtlinge, die heute in Bad Karlshafen leben, um die „griechischen Verhältnisse“ in „Nordhessens Idylle“ und die „Älteren“ des Dorfes, die sich an damals erinnerten, die alte Asylkrise Ende der Neunzigerjahre, und da „an die vielen Einbrüche und die mit Macheten bewaffneten Männer, die auf den Weiden der Umgebung ohne schlechtes Gewissen die Schafe der Bauern schlachteten.“

So soll das also gewesen sein in Bad Karlshafen, damals. Das neue „Imageproblem“ des Kurorts wird dieser Text eher nicht lindern. Und all das wird basierend auf der Annahme erzählt, dass es wirklich schlimm ist mit der AfD in Bad Karlshafen. Erst nach vielen Zeilen, am Ende des Textes, erfährt der Leser, dass von den 22 Prozent „nur noch 14 übrig geblieben sind“.

Das alles ändert nichts an der Tatsache, dass die AfD auf kommunaler Ebene in Hessen aus dem Stand gute Ergebnisse geholt hat; ein Trend, der sich bei den Landtagswahlen am Wochenende fortsetzen dürfte. Sie noch größer zu schreiben, mit lärmenden Superlativen zu adeln, birgt aber eben einen möglichen Effekt, der die AfD wirklich noch größer machen könnte: Hört oder liest jemand, der noch unsicher ist, was er wählen soll, welche vermeintlichen Rekorde die AfD erzielt, schließt er sich diesem Jubel-Trallala vielleicht an. Bei Erfolgen sind Menschen gerne dabei.

Die Frage ist, ob wir nicht zu eifrig nach der neuen AfD-Knallermeldung suchen, weil einen das ja auch so schön gruseln kann, dass diese Partei aufsteigt. Die Suche nach Symbolen, nach Beispielorten, ist verlockend: Weil es scheint, als könnte man dort, im Kleinen, die großen Probleme geradezu mikroskopisch betrachten. Pars pro toto. Runterbrechen, wie man es in Lokalzeitungsredaktionen nennt. Oder einfach, weil die Meldung so lustig klingt. Sensbachtal zum Beispiel ist mittlerweile nicht mehr das Symboldorf für immensen Wählerprotest, sondern:

Screenshot focus.de
Screenshot: focus.de, 8.3.2016

Genau! „Wählen wie im Sozialismus“ –  weil in Sensbachtal nur eine Partei zur Kommunalwahl stand, die „Überparteiliche Wählervereinigung Sensbachtal“. Andere Parteien, CDU oder SPD zum Beispiel, haben dort keinen Ortsverband. Und dass das schon „seit vier Wahlperioden“ so ist, wie der Bürgermeister sagt, also ein sehr alter Hut, hindert ja nicht daran, es trotzdem noch mal mit Sozialismus-Überschrift groß zu berichten.

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14 Kommentare

  1. Im erste Trendergebnis meiner Heimatstadt (2 von 117 Wahlbezirken ausgezählt) hatte die AfD 29 Prozent bekommen. Ich konnte das zwar einordnen (sind ja erstmal nur zwei Bezirke und nur die Listenwahlen) aber das hat dazu geführt, dass ich über die 9,2 Prozent im vorläufigen Endergebnis fast schon erleichtert bin. Und das ist eigentlich schlimm, dass doch so viele in der Bevölkerung bei uns so gewählt haben.

  2. Die Berichterstattung über das AfD-Trendergebnis weist meines Erachtens zwei Defizite auf:
    1. Das hessische Kommunalwahlrecht erlaubt es dem Wähler noch nicht so lange (ich glaube, ein oder zwei Perioden), durch die Vergabe seiner Stimmen an Personen statt an Listen differenzierter Einfluss auf die Zusammensetzung der Stadtverordnetenversammlung zu nehmen. Damit aber am Wahlabend schon Ergebnisse verkündet werden können, werden zunächst nur die Stimmzettel überhaupt gezählt, in denen eine Liste angekreuzt wurde.
    Das Trendergebnis beruhte auf der Auszählung von 35,7% der abgegeben Stimmzettel. Die restlichen Wähler hatten von ihrem Recht Gebrauch gemacht, mehr als nur eine Liste anzukreuzen und die Stadtverordneten ggf. ohne Rücksicht auf die Parteizugehörigkeit einzeln zu wählen. (Ob dies ein Hinweis auf den Bildungsstand der Wähler ist, wie es in http://hessenschau.de/politik/wahlen/kommunalwahlen-2016/kommunalwahlergebnisse-das-schrumpfen-der-afd,kommunalwahlen-afd-ergebnisse-102.html angedeutet wird, vermag ich nicht zu beurteilen)
    2. Dass die AfD in Karlshafen ein verhältnismäßig hohes Ergebnis erziehlt hat, ist und bleibt betrüblich. Es lässt aber nicht notwendigerweise den Schluss darauf zu, die Bürger der Stadt wären mit der Flüchtlingspolitik nicht einverstanden. Ein möglicherweise wichtiger Grund für die Wahlentscheidung mag gewesen sein, dass in der Stadt darüber gestritten wird, ob der historische Hafen wieder für Boote zugänglich gemacht werden soll. Einen entsprechenden Bürgerentscheid hatte der Spitzenkandidat der AfD initiiert und nur knapp verloren (http://www.hna.de/lokales/hofgeismar/bad-karlshafen-ort74607/grosse-beteiligung-abstimmung-ueber-hafenoeffnung-6105107.html, http://www.hna.de/lokales/hofgeismar/bad-karlshafen-ort74607/liveticker-karlshafen-entscheidet-ueber-hafenoeffnung-6098857.html).
    Ein Hinweis darauf wäre in der überregionalen Berichterstattung wünschenswert gewesen, lässt er doch andere als die klassischen Gründe für eine AfD-Wahl erkennen.

  3. Ich habe eine andere Vermutung, warum die AfD bei der Auszählung aller Stimmen (gegenüber dem Trend: nur unveränderte Listen gezählt) überall zurückfiel.
    Die Kandidaten der etablierten Parteien sind in der Regel schon lange am Start und den Wählern persönlich bekannt. Deswegen drücken sie ihre persönlichen Präferenzen durch Verändern der Listen aus.
    Und: AfD wurde aus Protest gewählt. Da ist ein „starkes“ Kreuz für die Liste der deutlichste Ausdruck („keine Stimme für die anderen“)

  4. Kann man nicht unkomplizierter analysieren und es auf die erstaunlich niedrige Wahlbeteiligung schieben? Anhänger bestimmter Parteien sind in der Regel einfacher für die Wahl zu mobilisieren, um ihren Protest auszudrücken. Wo würde die AfD denn hochgerechnet bei einer Wahlbeteiligung von 60-70 % stehen? Da relativiert sich das alles in gewisser Weise.

  5. Aber eins wird doch klar: Wenn denn immer wieder Knalltüten von der Lügenpresse schwadronieren, ist eine Berichterstattung dieser oberflächlichen Art leider keine Gelegenheit, dagegezuhalten. Manchmal möchte ich verzweifeln… Es wäre schön, wenn es eine Art „cooldown“ oder Zwangspause gäbe, der sicherstellt , dass anstelle des Reflexes die Reflexion die Berichterstattung dominiert. *träum*

  6. Betr.: Sensbachtal

    Albrecht Pachl

    Peinliche Ausführungen von Herrn Rosenkranz. Macht sich lustig über die Unfähigkeit der Schreiberlinge von faz.net und dem HR, hat aber selber auch keine Ahnung von nichts.
    Rosenkranz stellt es so dar, als sei für Sensbachtal ein falsches Ergebnis übermittelt worden. Stimmt aber so nicht.
    Die Anzahl der gültigen Stimmen für die einzige angetretene Liste in Sensbachtal wurde von Anfang an korrekt auf der Netzseite von statistik-hessen (der offiziellen Ergebnisseite des Landeswahlleiters) angegeben. 3423 Stimmen, so konnte es jeder, der die Seite aufrief ,lesen. Da gab es nie eine Falschmeldung.
    Lediglich die Anzahl der gültigen und ungültigen Stimmzettel ist zeitweise falsch angegeben worden.
    Aber jedem, der das große Einmaleins beherrscht, ist klar, daß auf 22 Stimmzetteln mit je max. 11 Stimmen keine 3423 Stimmen zusammenkommen können.
    Fazit:
    Die superschlauen Schreiberlingen (incl. Herrn Rosenkranz) sind zu faul oder zu unfähig gewesen, sich die offizielle Zahlen selbst über das Netz zu holen, sondern haben nur die Falschmeldung von dpa (echt seriöse Quelle :-)) abgeschrieben, oder es handelt sich um die typischen mathematischen Dünnbrettbohrer, die in der Klasse 5 (da ist das große Einmaleins dran) immer die Deppen waren, die beim Kopfrechnen bis zum Schluß stehen mußten, weil sie zu dumm waren, zwei zweistellige Zahlen miteinander zu multiplizieren.
    Klar, daß diese Leute dann „irgendwas mit Medien“ machen mußten.

    A. Pachl

  7. „Die superschlauen Schreiberlingen (incl. Herrn Rosenkranz) sind zu faul oder zu unfähig (…) Falschmeldung von dpa (echt seriöse Quelle :-)) abgeschrieben (…) Dünnbrettbohrer (…) immer die Deppen waren (…) weil sie zu dumm waren (…) Klar, daß diese Leute dann „irgendwas mit Medien“ machen mußten.“

    Lieber Wut-, Schimpf- und Hassbürger, wenn Sie nicht in der Lage sind, einen Artikel verstehend zu lesen, ist das erst mal nur Ihr Problem. Wenn Sie dann aber sogleich in Schnappatmung verfallen und Ihren Hass und Ihre Beleidigungen rausplärren, wird es zu einem Problem der anderen – derer, die auf Ihren unflätigen Beitrag Lebenszeit verschwenden.

    Hätten Sie den Artikel gelesen und (!) verstanden, wäre Ihnen aufgefallen, dass der von Ihnen angeblökte Boris Rosenkranz an der Verbreitung falscher Zahlen gar nicht beteiligt war, sondern diese kritisiert. Ihre Ausführungen darüber, dass die Zahlen für Sensbachtal ja korrekt zu beschaffen gewesen wären, tritt nicht Rosenkranz, sondern diejenigen, die Rosenkranz kritisiert. Aber vielleicht ist das auch alles ein bisschen zu hoch für Sie, mögliche Gründe finden Sie in Ihrem eigenen Vokabular …

  8. @Pachl: Man kann ja anderer Meinung sein, aber so ein selbstgerechter, ressentimentbeladener Stuss muss nicht sein, fürchterlich.

  9. Wer interessiert sich schon für Bad Karlshafen?
    Die Schlagzeile der WELT war ganz offensichtlich als Prognose für Sachsen-Anhalt gemeint. Und da kann ja nun von einer Überschätzung gar keine Rede sein.

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