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So, ich habe mir ein Bier aufgemacht, denn das wird jetzt ein ziemlicher Ritt. Ich muss ganz kurz einmal darüber reden, nach welchen Kriterien ich hier eigentlich Magazine beurteile, weil ich mir nicht sicher bin, dass das jedesmal klar wird: Ein Magazin* ist eine gemischte Sammlung von journalistischen Geschichten und Formen. Dabei sind die Inhalte nicht notwendig exklusiv oder aktuell; aber in ihrer konkreten Form wie auch ihrer Kombination erzeugen sie einen eigenen, möglichst einzigartigen Blick auf die Welt, dem man sich als Leser zu- oder abwenden, von dem man sich also bestätigt oder provoziert fühlen kann**.

Um das zu erreichen, haben wir fünf Mittel, die sich qualitativ bewerten lassen***: Die Themenmischung, die Qualität der einzelnen Themen, die Gestaltung, die Textqualität**** und die Bildqualität. Das Ziel des Ganzen ist übrigens die gespannte, zumindest aber interessierte Konsumierbarkeit des Ganzen Dings. Puh.

Und jetzt komme ich zum Punkt: Das „Schachmagazin 64“, das diese Woche Thema dieser Kolumne ist, ist auf vier dieser fünf Felder das wahrscheinlich schlechteste Magazin, das ich je gesehen habe, und beim fünften, der Qualität der einzelnen Themen, bin ich mir einfach nicht sicher, das könnte auch katastrophal sein, aber das kann ich mangels Fachkompetenz nicht bewerten und entscheide im Zweifel für die Redaktion. Aber der Rest ist die Hölle.

Allerdings kommt jetzt eine kleine Einschränkung, die macht, dass ich mir jetzt gleich das zweite Bier hole*****: Vielleicht stoßen auch gerade meine Kriterien an ihre Grenze und brauchen dringend eine Überarbeitung.

Es kann keine Diskussion darüber geben, dass das „Schachmagazin 64“ unfassbar hässlich ist. Auf den Bildern sind blasse Männer, die mit eingefallenen Schultern vor Schachbrettern sitzen, oder Gruppenaufnahmen von Mannschaften, die aussehen wie eine Satire auf Seniorenreisegruppen, die fehlschlägt, weil sie zu genau aussieht wie das Original. Ansonsten ist das Heft voller Schachbrettdiagramme, also, VOLLER Schachbrettdiagramme, es ist praktisch nichts anderes drin.

Es gibt buchstäblich eine einzige gestalterische Idee im Heft, und mit buchstäblich meine ich EINE EINZIGE, nämlich über der aktuellen Folge der „Schachschule“, in der es darum geht, wie man in auswegloser Lage als „Notbremse“ ein Patt erzwingt. Die Geschichte ist mit einem stilisierten Notbremsen-Logo versehen. Das war dann das. Nichtmal das ist schön, aber es ist eine Idee, und der Rest sieht wirklich furchtbar aus, inklusive des Titels, was doppelt nervig ist, weil darauf eine hübsche, junge Schachspielerin zu sehen ist, die ein Turnier gegen lauter Männer gewonnen hat, und man sich unweigerlich vorstellt, wie in der Redaktion des „Schachmagazin 64“ die Korken geknallt haben bei der Aussicht, endlich mal keinen blassen Mann mit eingefallenen Schultern aufs Cover heben zu müssen. Aber das Foto ist leider auch nicht gut.

Für die Texte gilt das so ähnlich, allerdings kann man auf den hässlichen Fotos zumindest erkennen, was darauf abgebildet ist. Die Texte bestehen in tragenden Teilen aus Zahlen- und Buchstabenkombinationen, mit denen Züge in Schachpartien beschrieben werden („Die schwarze Stellung ist schlecht und wird in den restlichen neun Zügen noch schlechter. 15. … De5 16. Dxe5 17. Ld6“, und so weiter), was einerseits zu erwarten ist, es andererseits praktisch sinnlos macht, „Schachmagazin 64“ zu lesen, während man nicht neben einem Schachbrett sitzt und die Partien gleichzeitig mitspielt.

Es ist ein langes Interview mit einem Ex-Spieler-jetzt-Trainer im Heft, das auch interessant ist, aber es gibt kaum Geschichten, aus denen man beim reinen Lesen Gewinn zieht, und die Turniernachberichterstattung hat so unspannende Headlines wie „Im Osten nicht viel Neues“ oder „Schachspieler, wohin das Auge reicht“. Die Headlines für die einzelnen Partien klingen dann zum Beispiel so: „Französisch C11 – A. Brkic (CRO, 2565) – V. Bukal (CRO, 2398)“. Halleluja.

Das Nachspielen wird denn auch bis an den Rand des Skurrilen angemahnt: Die Schachschulserie „Test und Training“ soll man mit einem Blatt Papier über dem Text lesen, das man immer nur je eine Zeile weiter nach unten zieht, damit man sich immer, wenn ein bestimmtes Symbol kommt, den nächsten besten Zug überlegen kann. Die alten Folgen der Schachschule kann man übrigens im Internet nachlesen, wenn man folgende Adresse abtippt: www.schuenemann-verlag.de/schach-magazin/index.php?include=3000. Es ist unfassbar niedlich: Die URL schach-magazin.de gehört nämlich dem „Schachmagazin 64“. Warum sie stattdessen diese unfassbar lange URL nutzen, kann man nur ahnen, und meine Ahnung wäre: Da sitzen ziemlich alte Männer und haben keine Ahnung von diesem Internet, und es ist deutlich einfacher, eine Seite mit Papier abzudecken und das Zeile für Zeile runter zu ziehen, als irgendeinen technischen Quatsch dafür zu erfinden.

Und jetzt kommt’s******: Irgendetwas in mir gibt ihnen recht. Ich hätte Lust, mich jetzt mit einem Brett hinzusetzen und Partien nachzuspielen, und überhaupt so viel über Schach zu lernen, dass ich wenigstens die Headlines verstehe und weiß, ob „Französisch“ im Schach für eine Eröffnung steht, wie ich vermute, und wie die dann aussieht. Und ich habe Lust, dabei Pfeife zu rauchen. Und ganz ehrlich: So viel Lust auf irgendwas gemacht hat mir wahrscheinlich kein Magazin mehr seit den Achtzigern die „Playboy“-Ausgabe mit den Cindy-Crawford-Fotos von Herb Ritts.

Morgen kommt übrigens schon die neue Ausgabe von „Schachmagazin 64“. Hab die Vorschau gesehen. Es ist ein Typ mit eingefallenen Schultern drauf. Aber vielleicht kauf ich das hässliche Ding trotzdem. Prost!

Schachmagazin 64
Carl Ed. Schünemann KG
6 Euro

*) und das gilt im Prinzip für alle Medienformen, auch wenn ich mich hier auf Printmagazine beschränke

**) Ja, das in meiner Definition sinnloseste Magazinformat ist demnach das beliebte „Pro- und Contra“ zu bestimmten Themen, das regelmäßig aus der Angst entsteht, sich als Redaktion zu entscheiden

***) Und ich kann diesen Punkt nicht oft genug erwähnen: Qualität ist nicht zu verwechseln mit Niveau, sie lässt sich auf jedem Niveau erreichen und verfehlen

****) Die man in der Praxis noch einmal unterteilen muss in die Qualität von so genannten „Lauftexten“ und „Ausstattung“, also Headlines, Vorspänne, Bildunterschriften, Seitentitel und all das Gedöns

*****) Ich schränke das übrigens nochmal ein: Ich sitze gerade in der wahrscheinlich hässlichsten Flughafenlounge der Welt und könnte die sowieso ohne das Freibier nicht ertragen

******) Offenlegung: zweites Bier ist auch alle

16 Kommentare

  1. Ich bin kein Fan von Kommentaren ohne neuen Inhalt, möchte aber den meines Vorredners (@Stefan) wörtlich verstärken!
    „Ich habe diese Kolumne wirklich sehr vermisst.“

  2. ich warte gespannt auf die Kolumne mit
    ********************
    und werde sie trotzdem gern lesen, die Anmerkungen immer zum Schluss, ohne Ahnung, worauf sie sich bezogen.

  3. Ich finde man muss das Magazin schon als Fach-Magazin sehen – für den interessierten Laien ist das zu kompliziert, aber auf einem gewissen Niveau versteht ein Schachspieler sowohl die Diagramme (der einfache Teil) als auch kann er die Züge im Kopf nachvollziehen (der schwerere Teil), wobei die Diagramme zwischendurch dann sozusagen als „Speicherpunkt“ dienen. Das mag für Außenstehende vielleicht komisch sein, aber genau diese Form von Partiedarstellung mit Diagrammen der wichtigsten Positionen erwarte ich von einem Schachmagazin, so wie ich vom ADAC Magazin Tests von Autos mit bunten Bildern erwarte. Gute Redaktion erkennt man dann an einer guten Auswahl von Partien und Diagrammen und gut erläuternden Kommentaren für das Leistungsniveau der Zielgruppe.

  4. Aber was macht denn nun das Titelbild schlecht? Also abgesehen davon, dass man die weiße Schrift drauf nicht lesen kann?

  5. Ich wäre bereit 1 Euro mehr im Monat zu bezahlen, wenn ihr dafür jemanden bezahlt der ein Plugin baut, mit dem man sich die Fußnoten durch Klicken direkt im Text anzeigen lassen kann, deal?

  6. @BHL Das wäre ja fast wie die Erfindung von HTML. Ich glaube da mußt du noch ein Jahrzehnt warten, und ob sich dieses Verlinken jemals durchsetzen wird ist zweifelhaft.

  7. Da ich seit nunmehr 33 Jahren Schach im Verein und auf Turnieren spiele, gäbe es zu dieser „Rezension“ einiges anzumerken. Ävver ich han jo nit d’r janzen Daach Zick.

  8. Hier, ich auch: Ich habe diese Kolumne wirklich sehr vermisst.

    @Fußnoten: Der aufmerksame Fan der Kolumne kennt natürlich den Pro-Tipp aus irgendeinem Kommentar unter irgendeiner Rezension hier … Rezension am PC im Browser genießen, Tab duplizieren und gleich zu den Fußnoten scrollen, dann beim Lesen hin- und herswitchen. Dank auf ewig dem Tippgeber :)

    Die eigentlich entscheidende Frage lautet aber doch: Um welche Flughafenlounge handelt es sich? Und was gibt es zu gewinnen, wenn man auf die richtige tippt?

  9. Ich hab diese Kolumne auch wirklich sehr vermisst.

    @Vannay: Wahnsinn! Danke für’s Wiederholen/Weitergeben dieses Tipps.

    Ich tippe auf Frankfurt Hahn.

  10. Gott, ja! So sehr vermisst, dass ich die Rückkehr jetzt erst entdeckt habe.

    (Im übrigen beginne ich jeden Tag mit einem Dankopfer an die Gottheiten, die mich trotz meiner Kurzsichtigkeit, meines schmächtigen Körperbaus und meines Faibles für tote Sprachen ein Interesse an Bier und Heavy Metal entwickeln lassen haben.)

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