Die iPhone-iPhone-geil-iPhone-Aktion von MDR-Sputnik

It’s iPhone Time! Rund um die Präsentation der neuesten Modelle in Kalifornien drehen auch deutsche Medien wieder durch und berichten seit Tagen, was die Telefone so alles können und wie toll sie aussehen. Da wird sich das wertvollste Unternehmen der Welt freuen über die kostenfreie Werbung.

Die größten iPhone-Hysteriker sind aber da, wo man sie eher nicht erwarten würde: in einem kleinen Studio in Halle an der Saale. Da sitzt Sputnik, der junge Radiosender des MDR. Bei Sputnik läuft seit Anfang des Monats eine iPhone-Werbekampagne, die noch bis Mitte November dauern soll. Die Aktion läuft unter dem Decknamen „Sputnik ist bei Dir“ und ist ein Gewinnspiel. Mit diesem Schenkelklopfer-Spot bewirbt sie der Sender:

Hörer sollen Fotos, Videos oder Sprachnachrichten von ihrem „Sputnik-Moment“ einsenden. Jeden Morgen um sieben Uhr ziehen die Moderatoren dann eine der Einsendungen und der oder die Glückliche hat vier Songs Zeit, in der Redaktion anzurufen. Wer das schafft, gewinnt – richtig geraten! – ein „nagelneues iPhone, yeah!“. Wenn am Morgen niemand gewinnt, wandert das Telefon in die Nachmittagssendung. Insgesamt 55 iPhones will der Sender so verschenken.

Die zwanzig Minuten von der Verkündung des Kandidaten bis zum Ablauf der Vier-Song-Frist streamt Sputnik auch als Video live bei Facebook. In dieser Zeit scheinen die Moderatoren in eine Art Wettbewerb zu verfallen, möglichst oft den Namen des verlosten Telefons zu nennen, gerne auch mehrmals pro Satz. Dabei lassen die „Sputniker am Morgen“ Kathrin Hammer und Raimund Fichtenberger keine Gelegenheit aus, zu betonen, was für ein „echt geiles Teil“ das iPhone doch sei, so wertvoll. Und genau das, was den Hörern noch zu ihrem Glück fehlt. Zwischendurch wird darüber philosophiert, wer das himmlische Gerät überhaupt verdient.

Kurzer Reminder: Sputnik ist der Jugendsender des MDR, also öffentlich-rechtlich und so. Selbstbeschreibung: „Einfach die beste Musik. Und null Werbung.“

Man muss es gesehen haben, um es zu glauben: Dies ist ein Zusammenschnitt aus fünf je zwanzigminütigen Streams, die zwischen 8. und 13. September gesendet wurden. (Es lohnt sich, bis zum Ende durchzuhalten. Wirklich.)

Der MDR hält das für unproblematisch. Auf Anfrage von Übermedien lässt der Sender wissen, dass die Telefone vom MDR gekauft worden sind, „aus Mitteln, die für die Hörer- bzw. Nutzerbindungsaktionen vorgesehen sind“.

Auf die Frage, wie die auffallend häufigen, lobenden Nennungen des Markennamens bewertet werden, teilt der MDR mit:

Die Aktion „Sputnik ist bei Dir“ möchte deutlich machen, dass MDR Sputnik mit all seinen Produkten nah an den HörerInnen, NutzerInnen und ZuseherInnen ist. Es gibt für die NutzerInnen viele Möglichkeiten, einen Moment zu erleben, in dem MDR Sputnik Teil ihres Lebens bzw. ihrer Lebenswelt ist. Diese Momente möchten wir sammeln und der gesamten Community zugänglich machen. Deshalb fordern wir die NutzerInnen auf, ihren Sputnik-Moment einzusenden.

Unsere ModeratorInnen präsentieren die Aktion hervorragend und mit großem Engagement.

Den Sender scheint es also nicht zu stören, dass Sputnik mit der iPhone-iPhone-geil-iPhone-Aktion gegen die ARD-Richtlinien verstößt. Dort steht:

Bei der Auslobung von Geld- und Sachpreisen ist darauf zu achten, dass Produkte oder ihre Spender nicht einseitig bevorzugt werden […]. Die Darstellung oder Nennung von Produkten oder Spendern ist auf das programmlich Notwendige zu beschränken; jeder über die Information über den Gewinn und/oder seinen Spender hinausgehende Werbeeffekt ist zu vermeiden.

Es lässt sich darüber streiten, wie sinnvoll es ist, dass ein öffentlich-rechtlicher Jugendsender 55 iPhone-7-Modelle einkauft und verlost, bei einem Einzelwert von um die 600 Euro sind das immerhin über 30.000 Euro. Unstrittig ist jedoch, dass die Moderatoren mit ihrer penetranten Lobpreisung des Telefons einen „über die Information über den Gewinn hinausgehenden Werbeeffekt“ erzielen. Größer ist vermutlich nur der Anti-Werbeeffekt für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

10 Kommentare

  1. Eigentlich lässt sich nicht darüber streiten, ob ein öffentlich-rechtlicher Radiosender seine Hörer (zu MA-Zeiten) erkaufen muss, indem er sinnfreie Gewinnspiele veranstaltet. Das können die Privatsender gerne machen, für einen Öffi ist dieses Verhalten eindeutig unangebracht.

    Die sollen verdammt nochmal inhaltsreiches Programm machen und tun es seit Jahren immer weniger.

    Hier im Südwesten sind derzeit auch wieder großflächig die Plakatwände mit dem unoriginellen Kommissar Zufall zugekleistert, weil er für das leider schon ständig stattfindende Reisegewinnspiel von SWR3 werben muss. Klein in der Ecke klebt auch das Logo des Sponsors auf den Plakaten und er wird wohl auch alle 5 Minuten bei den üblichen Hinweisen im „Programm“ genannt.

    Wenn der SWR mit dem Zirkus endlich mal aufhören würde, gäbe es vielleicht sogar wieder einen Einschaltgrund für den Sender. Und beim mdr, dem Privatsender mit Gebühreneinnahmen, ist sowieso Hopfen und Malz verloren. Da ist mit Inhalten in den Programmen eh nicht mehr zu rechnen.

  2. Ja mich nerven die Gewinnspiele beim Swr auch. Warum müssen die Ör sowas in dieser Breite machen? Da geht es nur um Quote.

  3. @ Patrick S

    Vielleicht ist das eine Form der Selbstvergewisserung aus Angst, es würde keiner mehr zuhören. Das könnte ich sogar nachvollziehen, ist aber reine Spekulation.

    Ansonsten ist das ein schönes Beispiel für fehlendes Problembewußtsein und mangelnde Sorgfalt. Eventuell hat den Moderatoren einfach niemand gesagt, dass Produktwerbung gar nicht ihr Job ist. Die Antwort des MDR ließe jedenfalls darauf schließen. Verstärkt werden könnte das zusätzlich dadurch, dass sie (wahrscheinlich nicht nur die Moderatoren) der Meinung sein könnten, etwas Gutes zu tun, indem sie ein paar Mobiltelefone verjubeln.

  4. Ein gewisses Problembewusstsein scheinen die Moderatoren ja zu haben. Siehe die Abdeckung des Logos beim iPad und die Beschwerde ganz am Ende. Nur mit der Selbstreflexion scheint es weiter her zu sein…

  5. @3 Telemachos:
    „Vielleicht ist das eine Form der Selbstvergewisserung aus Angst, es würde keiner mehr zuhören.“

    Ich glaube eher das ist Höhrerbindung durch Interaktivität. Hat man sich früher noch damit begnügt das Hörer zum Thema Nachrichten in die Sendung schicken lockt man sie jetzt halt mit Gewinnen oder Aktionen. Und es ist ziemlich egal ob es dabei um Eis, Reisen oder einen Grillabend geht, es wird schon Wochen im voraus ausgeschlachtet.

    Speziell bei SWR3 störte mich dabei nichtmal die Werbung die da mit über den Äther geht. Mir ist es eigentlich auch recht wenn Reisen und Eis nicht aus den Gebühren finanziert werden. Bin aber auch schon soweit das ich den Sender nicht mehr höre weil mich die dauernde Eigenwerbung für diese oder jene Aktion einfach nur noch nervt.

  6. Es war Roland Koch aus Hessen, der über Einschaltquote Druck auf den ÖR (heute-Nachrichten angeblich weniger beliebt aus RTL aktuell) ausübte.

    Wenn ich zum Beispiel den Hessichen Rundfunk vor Roland Koch und danach anhöre, dann sehe ich, dass der HR im Radio stark auf Quote ausgerichtet wurde.
    Die tollsten Spartensendungen (Volkers Kramladen, Der Ball ist rund, Hard and Heavy usw….) wurden verdrängt und dann mit dem Argument Quote aus dem Programm genommen.

    Ich kann es nicht leiden, aber verstehen, dass der ÖR sich das Publikum holen muss,

  7. Was ich nicht verstehen kann ist, warum zum Beispiel der SWR 6 Radiosender betreibt, 6 Vollprogramme, und die einzigen die sich etwas unterscheiden sind SWR 4 und SWR 2. Bei allen anderen sind es nur Nuancen.

    Ich brauche auch nicht lokale „Spaßmacher“ die dann durch die Gegend hier tingeln können, ich persönlich hätte gerne mehr Reportagen, mehr Hörspiele, mehr ernst zu nehmendes im Radio, nicht Radio Gaga. Es wäre ja schon ein Schritt in die richtige Richtung wenn es mal Sender gäbe die den Pop etwas zurück drehen und mal andere Musik dran kommen lassen.

  8. @8 Daarin:
    „und die einzigen die sich etwas unterscheiden sind SWR 4 und SWR 2. Bei allen anderen sind es nur Nuancen.“

    Kann ich so nicht bestätigen. Das Programm zwischen SWR1 und SWR3 ist schon deutlich anders. Das der Musikschwerpunkt mindestens 1 Jahrzehnt früher liegt muss man sich teilweise bewusst machen, aber auch im übrigen Programm gibt es deutliche Unterschiede.
    So z.B. „Leute“ jeden Wochentag im Vormittagsprogramm, bei SWR3 nix vergleichbares. Wenn Fußball oder andere große Sportveranstaltungen anstehen wird bei SWR1 auch wesentlich ausführlicher berichtet (keine Liveschalten bei SWR3). Und das Sonntagsprogramm (nur früh oder ganztags?) ist religiöser.

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