Die Automatisierung des Journalismus

Eine Untersuchung der Ludwig-Maximilians-Universität München hat ergeben, dass Menschen lieber Texte von Menschen als von Robotern lesen. Oder, nein: lieber Texte lesen, von denen sie denken, dass ein Mensch sie geschrieben hat. Die Probanden gaben den als „menschlich“ gekennzeichneten Artikeln nämlich auch dann bessere Noten, wenn sie eigentlich automatisch generiert waren.

Der Deutsche Journalistenverband fordert jetzt eine Kennzeichnung für Roboterjournalismus, also Artikeln, die von Software generiert wurden. „Quellentransparenz stärkt die Glaubwürdigkeit journalistischer Medien. Deshalb: Ja, es muss klar erkennbar sein, wenn ein Text automatisiert generiert wurde,“ meint die stellvertretende Bundesvorsitzende Kathrin Konyen in der aktuellen Ausgabe des Branchenmagazins „Journalist“. Der Leser selbst kann den Unterschied heute schon kaum erkennen. Aber wo werden solche Robotexte schon eingesetzt und was bedeutet das für den Journalismus? Wir haben da mal ganz altmodisch von Hand ein paar Infos zusammengeklöppelt.

Foto: icons8.com

Wer nutzt Roboterjournalismus wofür?

Laut einer Studie der Universität Oxford nutzen fast alle großen Nachrichtenagenturen in Europa Robotertexte. Darunter angeblich auch die dpa, die aber auf Anfrage entschieden dementiert, derzeit automatisch generierte Texte zu veröffentlichen oder zu produzieren. Der deutsche Anbieter AX Semantics zählt die „Augsburger Allgemeine“ und die „Nordwest-Zeitung“ zu seinen Kunden, auch der Sport-Informationsdienst SID erhält automatisierte Texte, die dann redaktionell weiterverarbeitet werden.

Thematisch bietet sich alles an, was ausführliche Daten liefert und sich in ein Schema pressen lässt. Also nicht nur Spielberichte beim Fußball, sondern auch Wetterberichte oder Börsennachrichten. Laut AX-Sprecher Philipp Renger sind deutsche Verlagshäuser aber bisher eher skeptisch: „Wir sind in Deutschland noch weit von dem entfernt, was beispielsweise die ‚Washington Post‘ macht. Es geht da nur sehr träge und mühsam voran“. Die „Washington Post“ hatte zum Beispiel am Wahltag 2016 mithilfe ihrer Software „Heliograf“ in Echtzeit über knapp 500 verschiedene Abstimmungen berichtet.

Auch AX Semantics hat bereits mit Wahlberichterstattung experimentiert, im Rahmen eines Projektes mit der LMU München und der Deutschen Welle wurden Texte anhand von Prognosedaten zur US-Wahl generiert. Im professionellen Journalismus wurden diese Texte aber noch nicht genutzt.

Wie sieht’s mit der Qualität aus?

Leser können die automatisch generierten Texte nur schlecht von Menschen geschriebenen unterscheiden. Fußballphrasen können die Robos schon wie die Großen dreschen, das kann man ihnen schnell beibringen. Saim Alkan, dessen Firma Aexea auch computergenerierte Texte anbietet, behauptet in der „Zeit“: „Menschen, die arbeiten, machen Fehler. Automatisierung steigert die Qualität.“

Aber auch die Software macht noch Fehler. Die „Los Angeles Times“ meldete im Juni ein starkes Erdbeben vor der kalifornischen Küste. Das vermeldete Beben hatte aber bereits 1925 stattgefunden. Ein Mitarbeiter des California Institute of Technology hatte den Datensatz bearbeitet und so versehentlich den sogenannten Quakebot aktiviert, der seit 2014 bei der „Times“ für Erdbebenmeldungen zuständig ist.

Wohin geht der Trend?

Die Automatisierung wird weiter voranschreiten, Der Datenjournalist und Blogger Lorenz Matzat kann sich gut vorstellen, dass bald auch Radiobeiträge und sogar Videos vollautomatisiert produziert werden können. Auch die Personalisierung von Inhalten wird durch Roboterjournalismus möglich. Der Moderator und Journalismusprofessor Michael Steinbrecher sagte der „Stuttgarter Zeitung“: „Es wird die individualisierte Massenproduktion geben“. Medien könnten Nutzerdaten auswerten und dem Leser dann die Lesart einer Geschichte vorsetzen, die ihm gefällt. Beim Fußball mag das noch harmlos sein, was aber, wenn Wahlprognosen und Umfrageergebnisse dem Leser so präsentiert werden, dass sie zu seiner politischen Meinung passen? Philipp Renger findet das unproblematisch. Es gebe ja jetzt schon unterschiedliche Artikel zum selben Thema, durch die Personalisierung bringe man die nur effizienter zur Zielgruppe. „Damit wird die Filterbubble vielleicht noch mehr aufgeblasen, aber man deckt ja nur ein Bedürfnis ab.“

Ersetzt der Roboter den Journalisten?

Es ist die Frage, die sich bei jeder Art von Automatisierung stellt: Wird hier der Mensch durch die Maschine ersetzt? Aus Rengers Sicht ist diese Angst unberechtigt. Die Software werde Journalisten nervige Routinearbeiten abnehmen, damit die sich auf die spannenderen und wichtigeren Aufgaben konzentrieren können und damit bessere Arbeit abliefern. Ähnlich äußert sich der Computerlinguist Ulrich Schade in der FAZ: „Journalisten werden nicht massenhaft ersetzt, es geht um eher stupide Arbeiten, die Computer übernehmen können“. Klingt toll: Kollege Roboter übernimmt die Drecksarbeit, und der Journalist kann sich voller Eifer einer tiefgehenden Recherche nach der anderen widmen. Fraglich nur, ob Medienhäuser das in Zeiten hohen wirtschaftlichen Drucks wirklich zur Qualitätssteigerung nutzen – oder ob sie nicht doch die Möglichkeit nutzen, durch die hinzugewonnene Arbeitskraft menschliche Arbeitskräfte einzusparen.

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8 Kommentare

  1. Schaue ich mir die Qualität des aktuellen Journalismus so an – zuletzt zum Beispiel das Totalversagen in der Berichterstattung über das Googlememo – dann kann es durch Roboter eigentlich auch nicht schlechter werden. Also ruhig mal den Versuch wagen. Mit dem positiven Nebeneffekt, dass vile heutige Journalisten beim Taxi fahren sicher deutlich weniger Schaden anrichten werden.

  2. #1 Es ist wirklich erstaunlich, wie rasch Kommentatoren, die selbst nichts als leere Behauptungen aufstellen (können), dabei sind, der Presse pauschal Totalversagen zu unterstellen. Wenn Sie, TS66, einfach mal die Begriffe Google und Monopolstellung in die Suchmaschine Ihrer Wahl eingeben, stellen Sie fest, dass es darüber sehr wohl eine ausführliche Berichterstattung gab und gibt. Oder vielleicht trägt Google einfach nur Ihrer Filterblase Rechnung? Und das wird, so meinen Sie, durch Roboterjournalismus nicht schlechter?

  3. @Kokoro

    Ich beziehe mich auf das Googlememo von James Damore. Darüber wurde unter anderem bei Spon, Welt, Süddeutsche, Zeit oder taz „berichtet“. Keine Ahnung was das mit einem Monopol oder einer Filterblase zu tun hat. Der Gedankengang würde mich aber interessieren.

  4. Wenn es der eigenen Meinung widerspricht ist es „berichtet“, ansonsten berichtet. Wenn das mal keine Filterblase ist.
    Aber schön wenn Springers alte DDR-Gänsefüßchen endlich einen dankbaren Abnehmer gefunden haben.

  5. Gerne. In dem Google-Memo geht es darum, dass ein Google-Mitarbeiter den Geschlechtern mehrheitlich bestimmte Fähigkeiten oder Eigenschaften zu- bzw. abschreibt. Und irgendjemand dachte dann, es sei eine gute Idee, dieses der Presse zuzuspielen. Dass die Presse dann darauf anspringt und die Aussage zuspitzt, ist jetzt weder verwerflich noch ein Totalversagen. Wie Sie selbst sagen, gab es darüber auch ein breite Berichterstattung, und die war auch durchaus differenziert, wenn man jenseits der Überschrift weitergelesen hat.

    Wenn man natürlich nur die Überschriften liest, und von denen auf ein Totalversagen des Journalismus schließt (oder worin ist Ihrer Ansicht nach sonst das Totalversagen begründet?), sitzt man schon in einer Filterblase, und bekommt nur das bestätigt, was man schon vorher angenommen hatte (nämlich dass Journalisten ebenso gut Taxi fahren, und Roboter die Texte schreiben könnten). Und genau so waren die Reaktionen all derer, die dieses Memo und die Berichterstattung darüber skandalisiert hatten. Das ist dann doch eher ein Totalversagen der Leser, meinen Sie nicht?

  6. Der erste „Mehr zum Thema“-Link verlinkt sich bei mir „im Kreis“ auf den aktuellen Beitrag.

    Wo gibt es robotergenerierte Beispieltexte zu lesen?

  7. @6 Schantalle: Danke für den Hinweis! Ist geändert. Klicken Sie jetzt mal auf den Link. Da gibt es auch Beispiele.

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