Wie Kabel Eins seinen Politik-Anteil 2016 verdreifachte

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten! Zum Beispiel werden die Privatsender ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stärker gerecht und senden in ihren Programmen mehr politische Informationen. Viel mehr politische Informationen! 2016 hat ProSieben den Umfang gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt, Kabel Eins sogar verdreifacht.

Die Landesmedienanstalten, deren Aufgabe die Aufsicht über die Privatsender ist, haben das ermittelt und waren davon so beeindruckt, dass sie daraus zusammen mit ein paar weiteren Zahlen gleich ein Plakat gemacht haben, das man „kostenlos mitnehmen und einfach aufhängen“ kann. Es gehört zum aktuellen „Content-Bericht“, der auf einer regelmäßigen Auswertung der Inhalte beruht, die die Fernsehsender ausstrahlen. (Bis zum vergangenen Jahr hieß er Programm-Bericht.)

Nun gut: Die Verdoppelung und Verdreifachung geschieht auf niedrigstem Niveau. ProSieben kommt auf 7 Minuten politische Information täglich, das entspricht nicht einmal einem halben Prozent. Bei Kabel Eins sind es immerhin 15 Minuten – im Vorjahr waren es nur 4 Minuten. Die Landesmedienanstalten freuen sich:

Kabel Eins ist damit nach RTL (46 Minuten, 3 Prozent) und Sat.1 (29 Minuten, 2 Prozent) auf den dritten Platz der Rangreihe für politische Informationnen im privaten Fernsehen aufgerückt.

Glückwunsch!

Nicht nur öffentlich-rechtliche Sender, auch bundesweit verbreitete Vollprogramme sollen laut Rundfunkstaatsvertrag „zur Darstellung der Vielfalt im deutschsprachigen und europäischen Raum mit einem angemessenen Anteil an Information, Kultur und Bildung beitragen“. Dabei gilt „Politik in engerem Sinne“, wie es im Content-Bericht heißt, „als höchste Informationsstufe und wichtigstes Segment der journalistischen Berichterstattung“.

Der Anteil politischer Informationen ist also nicht unwichtig. Woher aber kommt der dramatische Zuwachs 2016 bei Kabel Eins?

Zunächst muss man wissen, dass für den Bericht nicht das komplette Fernsehjahr untersucht, sondern nur jeweils eine Woche im Frühjahr und Herbst als Stichprobe betrachtet wird. (Hier geht es nur um die Frühjahrs-Stichprobe.)

In der Stichproben-Woche 2016 fanden die Forscher in den „kabel eins news“ etwas mehr politische Informationen als 2015: Insgesamt eine Dreiviertelstunde statt einer halben Stunde.

Kabel Eins muss Nachrichten ausstrahlen, um die Kriterien eines „Vollprogrammes“ zu erfüllen, als das der Sender lizensiert ist. Er hat sie aber sicherheitshalber aus der Hauptsendezeit weiträumig entfernt: Die zehnminütige Hauptnachrichtensendung läuft um 16 Uhr, manchmal finden sich sehr spät in der Nacht zwei, drei Minuten für Spätnachrichten. Diese „kabel eins late news“ laufen gerne gegen 4 Uhr morgens.

Aber die Nachrichten erklären ja ohnehin nur einen kleinen Teil des angeblichen Wandels von Kabel Eins zum drittpolitischsten Privatsender Deutschlands. Woran liegt es? Den Unterschied macht genau eine Sendung. Sie heißt: „Die größten Skandale“.

Im Frühling 2016 strahlte Kabel Eins eine siebenteilige Reihe „Die größten …“ aus. Es ging um die größten Katastrophen, Tragödien, Pleiten und „Promi-Dramen“, und am 17. April lief eine Ausgabe, die sich mit den größten Skandalen beschäftigte. Es ging um das Plagiat von Karl-Theodor zu Guttenberg, die Affäre von Bill Clinton, die Drogen von Christoph Daum, den Sturz von Christian Wulff und die Steuern von Ulli Hoeneß. Archivschnipsel wurden von Experten wie Barbara Eligmann, Vanessa Blumhagen, Sibylle Weischenberg, Hans Meiser, Hans-Ulrich Jörges und Hajo Schumacher kompetent eingeordnet.

Zu Karl-Theodor zu Guttenberg etwa sagte Hans Meiser:

Adelig, Schloss, reich, ’ne tolle Frau, ’ne tolle Familie, ein Glamourpaar … na, was willste denn mehr von einem erfolgreichen Politiker?

Vanessa Blumhagen kommentierte Christoph Daums überraschendes Angebot, mithilfe einer Haarprobe die Vorwürfe des Kokain-Konsums zu widerlegen:

Ich meine, er ist Fußball-Trainer, okay, er ist Fußball-Trainer. Aber auch dafür müsste es doch ein Quentchen an Intelligenz geben, um dieses Ursache-Wirkung-Ding irgendwie für sich klarzukriegen.

Sibylle Weischenberg analysierte im Zusammenhang mit Christian Wulffs Anruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann:

Ich kann immer nur allen Menschen sagen, wenn ihr irgendwie sauer seid oder was ganz Schwieriges auf dem Herzen habt – bloß nicht auf’n AB sprechen. Nie-mals.

Diese Sendung, in der es ausnahmsweise – auf ’ne Art – auch um Politik ging, lief zufällig in der Woche, die die Autoren des „Content-Berichtes“ als Stichprobe für ihre Untersuchung genommen hatten. (Nach Angaben der GöfaK Medienforschung wissen die Sender vorher nicht, welche Woche als Stichprobe dienen wird.) Die Skandal-Sendung dauerte, inklusive Werbung, zwei Stunden. Gut 56 Minuten zählten die Forscher als „politische Informationen“. Das entspricht, auf die Woche umgerechnet, 8 Minuten politischer Informationen täglich, …

… und die ergeben zusammen mit den 7 Minuten in den Nachrichten das sensationelle Gesamtvolumen von 15 Minuten.

So konnte Kabel Eins seinen Politik-Anteil innerhalb eines Jahres mehr als verdreifachen.

 
Medien besser kritisieren.

6 Kommentare

  1. Und dann bauen sie diese „Information“ ganz beeindruckt auch noch mit Pfeilen in ihr Plakat ein. Danke für die Einordnung. Hätte mich auch gewundert, wenn ProSieben oder KabelEins plötzlich (mehr) sinnvolle Nachrichten gezeigt hätten. Überhaupt ist das Prahlen mit der Vervielfachung kleiner Zahlen in Statistiken immer lustig anzusehen, doch immerhin zeigen sie hier die absoluten Werte überhaupt.

  2. „Archivschnipsel wurden von (…) Sibylle Weischenberg (…) kompetent eingeordnet.“ :-D

    Ist aber schon schön zu sehen, wie absolut unnütz und nichtsaussagend diese „Untersuchung“ ist. Es ist vermutlich nichtmal böse Absicht dahinter, aber daß diese Meldung nun aus bloßer Dummheit oder Ignoranz so zustande kommt, macht es ja auch nicht besser.

  3. Worunter fällt den „Abenteuer frittieren“ unter Information , Bildung oder Kultur?

  4. Irgendwo müssen sie ja hinfließen, die jährlich 24 Millionen Euro für die Landesmedienanstalten, finanziert durch Rundfunkgebühren. Wenn man derart wenig zu tun hat, macht man halt ein paar nette nichtssagende Statistiken.

  5. @ Anderer Thomas: Kommt immer drauf an – wenn man ein Plätzchen in Merkel-Form frittiert, ist es anscheinend Politik.

  6. Hahahahahaha, was ’ne geile Augenwischerei – einfach ein super Artikel!

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