Mädels, aufgepasst: Die „Brigitte“ will ALLES haben!

Am vergangenen Freitag um 11:19 Uhr alarmierte die App der Frauenzeitschrift „Brigitte“ ihre Nutzerinnen mit einer Eil-Nachricht aufs Handy:

Auch auf der „Brigitte“-Internetseite wurden Besucher angemessen aufgeregt über die Nachricht informiert:

Auf der Artikelseite selbst wurde aus „allen“, die die Produkte haben wollen, „wir“. An der Begeisterung änderte sich nichts.

Aber, kein Zweifel, ja, die Gerüchte sind wahr: Beim Kaffee-Röster und Alles-Händler Tchibo gibt es gerade Sportmode zu kaufen.

Ja, wirklich! Sportmode! Bei Tchibo! IST DAS ZU FASSEN?!

Unsere beste Freundin „Brigitte“ verkauft es uns im Plauderton:

Tchibo ist nicht nur für den Kaffee, sondern auch für Mode allseits bekannt. Und diese geniale Sportmode-Kollektion müssen wir euch einfach vorstellen.

Du bist noch immer dabei, deine Pfunde von Weihnachten loszuwerden? Keine Sorge, ich auch. Da eignet sich die Fastenzeit ja eigentlich perfekt, um seine Ernährung nochmal zu überdenken und auch ein bisschen mehr Sport zu machen.

Aber was ist wohl das Schönste am Sport? Das Shoppen davor! Denn erstmal muss sich Frau neue Sportswear zulegen, damit es auch richtig Spaß macht, stimmt’s?

Tchibo hat gerade eine hübsche und preiswerte Kollektion, die ihr nicht außer Acht lassen solltet. In neon-koralle, grau und schwarz gehalten ist wirklich für jeden etwas dabei:

Im Text ist ein Link, der direkt zur 306-teiligen Sportmode-Abteilung im Online-Shop von „Tchibo“ führt. Ein paar Modelle hat die „Brigitte“ aber auch gleich hinter dem Doppelpunkt aufgezählt und abgebildet.

Wir waren von dieser Begeisterung so begeistert, dass wir sofort zwei von diesen trendigen und super-hautsympathischen Sport-Bustiers gekau bei „Brigitte“ nachgefragt haben, was eine solche Werbung auf Brigitte.de kostet.

Die Pressestelle sagt aber, man könne das – im Gegensatz zu den fantastischen Sportmodesachen von Tchibo – gar nicht kaufen. Eine Sprecherin des Verlages Gruner+Jahr teilt mit, dass es sich um ein „rein redaktionelles Angebot“ handele, das „nicht in Zusammenarbeit mit Tchibo“ entstanden sei; „das Unternehmen hat dafür nicht bezahlt.“ Kooperationen mit Werbekunden seien „selbstverständlich auch bei Brigitte Digital immer gekennzeichnet mit dem Hinweis ‚Anzeige‘ oder ‚präsentiert von …'“. Und weiter:

Die Userinnen von Brigitte Digital haben ein hohes Interesse an aktuellen Mode-, Beauty-, Food-, und Fitness-/Gesundheitstrends sowie an der Verfügbarkeit von Produkten bei großen Handels- und Modeketten. Insbesondere dann, wenn diese Trendangebote zeitlich oder anderweitig in ihrer Verfügbarkeit begrenzt sind. Daher ist eine Berichterstattung über Trendangebote, die zur Themenwelt von Brigitte Digital passen, Teil der redaktionellen Arbeit und wird von den Userinnen erwartet.

Das bedeutet wohl: Verfügbarkeitsberichterstattung ist ein Bestandteil von Brigitte.de, auf den Brigitte.de nicht verzichten kann, weil die Leserinnen sonst enttäuscht wären. Und wie besser könnte man als Medium ohne journalistischen Anspruch über die Verfügbarkeit bestimmter Produkte bei bestimmten Anbietern berichten, als in der Form von hysterischen Jubelschreien wie: „Diese coole Sportmode wollen wir jetzt haben“?

Entsprechend verbirgt sich die Brigitte.de-Verbraucherinformation, dass es ab kommenden Donnerstag bestimmte BH-Modelle bei Aldi Nord zu kaufen gibt, unter der Überschrift: „Geiles Teil! Alle sind heiß auf dieses Aldi-Produkt“.

Als Service zählt Brigitte.de auf, warum diese Teile „so toll“ sind:

  • Die BHs haben nahtlos vorgeformte Cups – Für den Push-up-Effekt, der auf unauffällige Weise mogelt
  • Sie sind schlicht: in off white, silbergrau oder schwarz – perfekt für transparente Tops im Sommer
  • Ein Magnetverschluss in der vorderen Mitte sorgt für das gewisse Extra
  • Der unschlagbare Preis von 6,99 Euro macht den BH besonders attraktiv

In knapp zehn Tagen stellt H&M übrigens seine erste Unisex-Kollektion vor. „Nice!“, schwärmen die Verfügbarkeitsberichterstatter von Gruner+Jahr schon mal: „Wie cool ist das denn!“ Das Jeanshemd sei ein „MUST-HAVE“ (Fettdruck, Großbuchstaben, Ausrufezeichen). Klar, denn H&M ist für „Brigitte“ nicht irgendein Modeunternehmen, sondern: „der Schwede unseres Vertrauens“.

Fortsetzung hier: Warum es sich für „Brigitte“ ausgezahlt hat, für Tchibo zu jubeln.

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40 Kommentare

  1. Irgendwie verstehe ich ja deine Empörung, aber wo besteht jetzt (außer in der übertriebenen Begeisterung, die vielleicht auch ein Mädelsding ist) der Unterschied zu den regelmäßig erscheinenden Aufzählungen der Prospektangebote von Mediamarkt und Saturn auf chip.de, computerbild.de und anderen, die oft nur halbherzig (wenn überhaupt) auf Vergleichsprodukte eingehen?

  2. @Blueko:

    Exakt das gleiche kam mir auch direkt beim Lesen des Artikels in den Sinn. Die ganzen Tech-Magazine waren doch Vorreiter dieser „Verfügbarkeitsberichterstattung“.

    Oder waren es doch die Automagazine?

  3. Ich hab gerade mehr an so Magazine gedacht wird dieses Uhrenpornoheft, das Michalis Pantelouris hier vor einer Weile besprochen hat.
    Muss natürlich einerseits zugeben, dass der Tonfall ein anderer ist. Hab mich nur noch nicht entschieden, wie wesentlich ich ihn finde.
    Aber jedenfalls schon putzig.

  4. Ist das nicht einfach nur Ökonomie?
    Zielgruppe klickt diese Art Überschriften am liebsten, also hau‘ ich ’se öfter raus?
    Außerdem überrascht es ja wohl niemanden mehr, wenn langjährige Werbekunden ab und zu mal redaktionell gebauchpinselt werden.

  5. Was für ein handfester Skandal! Natürlich werde ich mein langjähriges Brigitte-Abo sofort kündigen. Schade, die Rezepte habe ich immer gerne nachgekocht! Na ja, lese ich halt in Zukunft „Das goldene Blatt“, die haben sowieso die besseren Backrezepte.

  6. „Es geht um Produkte, deshalb brauchen die Redakteure einen engen Draht zu den Herstellern. Genau wie Politikredakteure engen Kontakt zu Politikern pflegen.“

    (Stephan Schäfer, Geschäftsführung Gruner+Jahr und einer der wichtigsten Akteure im publizistischen Selbstzerstörungsprozess der Julia Jäkel)

    http://www.zeit.de/2013/38/verlag-gruner-und-jahr-stephan-schaefer/komplettansicht

    Mehr Infos dazu auch hier:

    https://mmm.verdi.de/medienwirtschaft/wechseljahre-im-haus-der-inhalte-2452

  7. @ 5 (Hendrik): Habe als Suche auf Brigite mal Tchibo eingegeben und tatsächlich war das auch der erste Artikel, der mir angezeigt wurde. Für eine Werbepartnerschaft ist das zumindest mal ungewöhnlich.

  8. Man sollte dabei beachten, dass Tchibo vielleicht nicht direkt an Brigitte zahlt, sondern der Weg zu Tchibo über einen Dienst namens „Skimlinks“ (https://skimlinks.com/) führt. Da der Link durch ein onClick-Event verschleiert wird, findet man im Seitenquelltext nur die direkte Tchibo-URL, beim Klick wird man allerdings über skimresources.com zum Ziel geleitet.
    Das erklärt auch den reißerischen Text, der zum Klicken animieren soll.

  9. Schlimm. Früher war die Brigitte ein anspruchsvolles und seriöses Magazin, das ich gern gekauft habe. Inzwischen ist leider auch die Druckausgabe im Niveau gesunken und mit Schleichwerbung durchsetzt. Ich finde keine Frauenzeitschrift mehr, die mir gefällt.

  10. Ärgerlich ist das nur dann, wenn man das als Journalismus (im weitesten Sinne) verstehen würde. Das loslassen, dann wird es einfacher.
    #6 Danke für den Tipp mit den Backrezepten. Backen ist sowieso das neue kochen.

  11. „Die BHs haben nahtlos vorgeformte Cups – Für den Push-up-Effekt, der auf unauffällige Weise mogelt“

    Überall wird man beschissen.

  12. Abseits von der offensichtlichen Werbung, ich finde es irgendwie befremdlich dass erwachsene Frauen angesprochen werden wie 13 jährige Mädchen. So reden doch irgendwie nur Medien und nicht Menschen, oder?

  13. Ich verstehe deine Aufregung auch nicht. Jeder sucht doch seine News und wenn die Leser interessiert? Ich habe auch mal auf Brigitte.de nach Tchibo und Co gesucht und finde auch ziemlich viele Produktrückrufe – auch nicht förderlich für Unternehmen.

  14. @ BLUEKO Nr13

    Super!

    Danke für den Tipp!

    Nun habe ich endlich wieder beide Hände frei ;)

  15. Ich weiß von einer Zeitschrift für PC-Händler, dass dort (relativ regelmäßig) über Aldi-Aktionen im IT-Bereich berichtet wurde. Start war zu der Zeit, als der Discounter neu in dieses Geschäft einstieg und als „branchenfremder Preisbrecher“ für erheblichen Wirbel im PC-Handel sorgte. Aldi hat nie auch nur einen Cent an Werbemitteln bei dem Magazin gelassen. Hintergrund der Berichterstattung war, dass Aldi mit riesigem Marketing-Aufwand – ich meine, es war von Prospekten mit einer Auflage von 5 Mio die Rede – zu den Lesern in Wettbewerb getreten ist und das Blatt es als guten Service angesehen hatte, die Leser darüber zu informieren, was ihnen in den kommenden Tagen blüht. Die haben unterschiedlich darauf reagiert, z.B. mit Werbeaktionen, in denen sie Einrichtungs-, Reparatur- und Schulungsservices beworben haben. Oder indem sie für Rechner „besser als beim Discounter“ zusammengestellt und warben. Manche dankten der Redaktion, andere kritisierten sie dafür, dass diese Werbung dadurch noch weiter verbreitet würde. Letztlich haben natürlich auch hohe Klickzahlen dazu beigetragen, dass diese Berichterstattung behalten wurde. Allerdings war sie auf diesen „Branchenfremden Preisbrecher“ beschränkt. Andere Offerten wie die von Mediamarkt & Co. in ähnlicher Weise aufzugreifen hat das Magazin abgelehnt, obwohl es entsprechende Anfragen gab.

  16. @Bluko: Als ehemaliges Mädel kann ich Dir sagen, dass die übermäßige Begeisterung kein „Mädelsding“ ist. Wenn, dann ist sie ein Meeedchending aus dem Heidi-Klum-Kosmos.

  17. Ich verstehe ja diese Leute nicht, die die Aufregung nicht verstehen. Wer ist denn aufgeregt? Ist das da oben ein aufgeregter Post? Ist der Verfasser irgendwo verbal entgleist, hat abwegige Forderungen gestellt, etwas einseitig geschildert, irgendwelche Anzeichen von Aufregung gegeben?
    Leute. Chillt mal eure Base.

  18. Tja, das ist aber nicht nur bei der Onlineseite der Fall, dazu habe ich der Brigitte vor rund zweieinhalb Jahre zwei Leserinnenbriefe geschrieben. Da wurden Produkte, für die eine Anzeige im Blatt war, in den Kochrezepten verwendet. Es gab einen Beitrag über Lebensmittelunverträglichkeiten und ein dort mehrfach erwähntes Produkt wurde auf der gegenüberliegenden Seite beworben. Auf diesen Schleichwerbungsvorwurf bekam ich von der Leserbriefredakteurin die Antwort, mein Brief sei an die Chefredaktion weitergeleitet worden. Bei meiner Nachfrage einige Monate später, wann ich denn mit einer Antwort rechnen könne, bekam ich die unfreundliche Antwort, man habe die Mail an die Anzeigenabteilung (sic!) weitergeleitet. Heute würde ich den Presserat einschalten, damals habe ich mich von der Brigitte nach über 20 Jahren als Leserin verabschiedet. Ich fühlte mich nicht ernst genommen. Habe seither kein Heft mehr gekauft und das bleibt die nächsten 20 Jahre so.

  19. @9: also ich finde Ihren Kommentar höchst interessant. Wäre es möglich, dass der Verlag am Ende mitverdient, wenn jemand über den Link im Shop von Aldi/H&M oder Tschibo landet und dort bestellt? Ähnlich der Verlinkung von Amazon auf anderen Seiten?

  20. Meine Lieblingsseite „Edition F“ verpackt auch gerne Werbung als redaktionellen Teil. Das sieht man vor allem im Teaser auf FB nicht.
    Sad.

  21. Irgendwie fühle ich mich einerseits natürlich abgestoßen und fremdgeschämt, andrerseits will ich jetzt SOFORT so einen Push-Up-BH tragen.
    Gibt’s die auch in jungensblau? Pink stinkt…

  22. Hat sich schonmal die mili-Tante Frau Schwarzer mit der Brigitte dahingehend befasst, daß man dort ein Klieschee Frauenbild propagiert ?
    Von wegen Shoppen ist das Allerhöchste und danach kommt lange nix mehr ? Oder arbeitet die sich noch immer an Herrn Kachelmann ab.

  23. Im Gegensatz zu Computer/Tech/Automagazinen ist die Brigitte ja keine Zeitung im Bereich „Special Interest“ – vielleicht sollte man hier am Kiosk eine eigene Kategorie für diese Bezahlwerbung einführen und das ganze mit „gesammelte Prospekte“ versehen. Ich würde mir ja wünschen, das alle auf diesen Zug aufspringen – und dafür meinen Briefkasten nicht mehr mit Altpapier fluten.

  24. @Onkel Hotte Man kann Frau Schwarzer vieles vorwerfen, aber mit Frauenklischees in Medien und Werbung hat sie sich schon befasst, als die meisten Kommentator(in)en hier noch rosa und hellblaue Strampelhöschen trugen.

  25. @32.

    Nur leider ist die Schusterin nicht bei ihren Leisten gebleiben, sondern hat sich jetzt der Rassenhygiene zugewandt.

  26. Naja, bei BILDblog sind die immer mehr werdenden Verlinkungen zu Übermedien.de auch nicht als Werbung für einen „Bezahlblog“ gekennzeichnet. Wird hier künstlich eine „Empörungskultur“ hochgehalten? Denke die Welt hat andere Probleme.

  27. Die Userinnen von BildBlog haben aber auch ein hohes Interesse an aktuellen Zeitungs-, Fernseh-, Magazin- sowie Niggemeier/Kuttnertrends sowie an der Verfügbarkeit von Tippfehlern in der BILD-Zeitung. Eine Berichterstattung über diese Themen wird da einfach erwartet.

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