„Top-Cover“ Aids: Ein bisschen Klitter für die „Spiegel“-Geschichte

Bei „Spiegel Online“ sind immer noch „Spiegel“-Festwochen. Weil das Nachrichtenmagazin nicht bis zu seinem 75. Geburtstag warten wollte, begeht es in diesem Jahr ausdauernd seinen 70. – mit immer neuen Fotostrecken und Artikeln und Rätseln in seinem Internet-Auftritt.

Aktuell gibt es dort die „Top-Cover des vierten Jahrzehnts“, und wer sich in die entsprechende Bildergalerie verirrt, steht irgendwann vor diesem Exemplar:

Im Text dazu heißt es:

Auch bei der Aids-Berichterstattung war der SPIEGEL sehr früh dran. Bereits im Sommer 1983 erschien die erste Titelgeschichte, es folgten viele weitere. Der zum Teil alarmistische Ton – Aids wurde als „Seuche“ in einer Reihe genannt mit Pest, Cholera und Pocken – verstörte viele Aktivisten. Andere argumentierten, dass der Wissenschaftsredakteur und ausgebildete Arzt Martin Halter mit seinen frühen Warnungen vor der gefährlichen Krankheit im SPIEGEL möglicherweise mehr Menschen das Leben gerettet hat als in seiner Zeit als Mediziner.

Ja, hurra.

Der Mann, den „Spiegel Online“ hier „Martin Halter“ nennt, heißt Hans Halter, und für seine Berichterstattung über Aids im „Spiegel“ müsste sich das Nachrichtenmagazin schämen.

Vor dreieinhalb Jahren gab es kurz einen Moment, als es aussah, als sei jemandem in der Redaktion das auch bewusst. Der „Spiegel“-Redakteur Markus Verbeet sagte damals über die Aids-Berichterstattung des Magazins in den achtziger Jahren:

„Ich kann nur ahnen, was für Verletzungen wir hervorgerufen haben. Ohne es zu wollen, ohne jede Absicht. Aber wir haben diese Verletzungen hervorgerufen. Und ich will Ihnen sagen: Das bedauere ich zutiefst.“

Der Anlass für diese Worte war eine Auszeichnung: Das Schwule Netzwerk NRW hatte die heute angeblich vorbildliche Berichterstattung von „Spiegel“ und „Spiegel Online“ mit seiner „Kompassnadel“ gewürdigt.

Die Wahl löste wegen der Art, wie der „Spiegel“ in den achtziger Jahren nicht nur Aids, sondern auch Schwule bekämpfte, Kritik und Wut aus. Die deutsche Aids-Hilfe nannte die damalige Berichterstattung „unsäglich“ und „an die Grenze zur Hetze reichend“. Martin Dannecker sprach von „einer regelrechten antihomosexuellen Kampagne“, die „niedrige Affekte bediente“. Für den Blogger Marcel Dams, der die Laudatio hielt, war sie „menschenverachtend“ und „homophob“. Die Berichterstattung war hysterisch, apokalyptisch, infam – und teilweise sachlich falsch.

Schon die Art, wie der gedruckte „Spiegel“ in der Folge die Kritik an der Auszeichnung verharmloste, deutete an, dass er sie sich nicht zu Herzen genommen hatte. Eine tatsächliche Aufarbeitung dessen, was er in den achtziger Jahren berichtet und was er damit angerichtet hatte, fand nie statt.

Und nun, 2017, taucht das Thema in einer Übersicht über die „Top-Cover [sic!] des vierten Jahrzehnts“ auf. Schon die Formulierung, dass der „zum Teil alarmistische Ton“ irgendwelche „Aktivisten verstörte“, ist eine Schönfärberei. Dem aber noch entgegenzustellen, dass unbekannte andere „argumentierten“, dass Halter damit mehr Leben gerettet hätte als als Arzt (wie viele auch immer er als Arzt gerettet haben mag), ist schamlos.

Es ist aber natürlich das, was passiert, wenn man sich seiner Geschichte – auch den dunklen Passagen – nicht stellt, sondern sie alle fünf Jahre nur belobhudelt. Zum 50. Geburtstag hatte der „Spiegel“ sogar Halter selbst noch einmal seine eigene Berichterstattung und ihre vermeintliche „Hellsichtigkeit“ feiern lassen. Er fügte ihr Sätze hinzu wie: „Hoffnung gibt es nicht. Nur der Tod heilt Aids. Erst stirbt der Mensch, dann sterben auch die Viren in ihm.“

Der „Spiegel“ wirbt für sich mit dem Satz: „Keine Angst vor der Wahrheit“. Ja, nee.

Nachtrag, 15:50 Uhr. Ich muss mich in einem entscheidenden Punkt korrigieren: Der „Spiegel“ hat seine Aids-Berichterstattung und die Kritik daran thematisiert, im aktuellen Heft, in Form eines kurzen Interviews mit Bernd Aretz, einem langjährigen Aktivisten der Aidshilfe.

SPIEGEL: (…) Der SPIEGEL hat früh darüber berichtet, weil ein Wissenschaftsreporter, ein ausgebildeter Arzt, davon erfahren hatte, dass unter Schwulen eine gefährliche neue Krankheit umgeht. Was ist schlecht daran?

Aretz: Es kommt doch darauf an, wie man darüber berichtet! Ich habe ein Titelbild noch vor Augen, es war, glaube ich, 1985: „Die großen Seuchen: Aids, Syphilis, Pest, Cholera“.

SPIEGEL: Was stört Sie daran?

Aretz: Es waren diese düsteren Bilder, es war diese Katastrophenberichterstattung, die eine Untergangsstimmung schuf. Panik.

SPIEGEL: Aber vielleicht hat der Kollege mit seiner Berichterstattung ja mehr Menschen gerettet als zu seiner Zeit als Arzt? Weil er die Menschen sensibilisiert hat für die Gefahren?

Aretz: Das ist Humbug. Diese Stimmung förderte nicht die Aufklärung, sondern Angst. (…)

Daher stammt also die merkwürdige Aussage, dass Hans Halter womöglich viele Menschenleben gerettet hätte – der „Spiegel“ spekuliert das einfach selbst.

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12 Kommentare

  1. Deshalb stirbt das Zeitungslager immer weiter aus: Weil sie nicht erkennen wollen, wo das Problem liegt. An ihnen selbst natürlich nicht, und so suchen sie weiter bzw schiessen sich weiter nur auf Google ein.

  2. die damalige „Fehlberichterstattung“ kann man entschuldigen. Damals war man nicht gut aufgeklärt und AIDS-Kranke hatten keine Lobby.
    Das hatte sich frühestens mit Rock Hudson geändert.

    Aber die Selbstgratulation über 30 Jahre später ist sehr engstirnig – das geht mit offener Selbskritik besser.

  3. Der Spiegel müsste sich nur ein Beispiel an dem CSUler Gauweiler nehmen.
    Der hatte damals gefordert, HIV-Infizierte und AIDS-Kranke geografisch zu isolieren.

    30 Jahre später im TV – mit Altersweiheit – hatte er selbst längst erkannt, dass er damals übertriebene und hysterische Pläne hatte.

  4. Es fehlt anscheinend selbst das Eingeständnis, dass es gar nicht so schlimm war, wie getan wurde.
    Aber „hat mehr Menschen mit seiner Pressearbeit gerettet als als Arzt“ klingt ja besser als „zum Glück ist die Übertragungsrate deutlich kleiner gewesen, als gedacht“.

  5. Lieber Stefan Niggemeier,

    zunächst vielen Dank für den Hinweis auf den falschen Vornamen: Natürlich war es der SPIEGEL-Wissenschaftsredakteur Hans (und nicht Martin) Halter, eine dieser ärgerlichen Pannen, die nicht passieren dürfen und trotzdem passieren.

    In der Fotostrecke geht es um starke SPIEGEL-Titel: also nicht allein um gestalterisch ansprechende, „schöne“ Cover, ebenso um die relevantesten Themen eines Jahrzehnts. Zweifellos zählte Aids in den Achtzigerjahren dazu, das Magazin hat sehr früh berichtet. Art und Tonalität der Beiträge waren damals in der Redaktion bereits umstritten und sind es im Rückblick heute erst recht. Genau deshalb lässt der SPIEGEL im aktuellen Heft Bernd Aretz zu Wort kommen. Seine Kritik an der Berichterstattung ist sehr nachvollziehbar, das Interview mit ihm haben wir inzwischen in der Fotostrecke verlinkt: http://www.spiegel.de/spiegel/kritik-an-aids-berichterstattung-im-spiegel-untergangsstimmung-panik-a-1131559.html.

    Mit besten Grüßen aus der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion

    Jochen Leffers

  6. Als dieser Spiegel-Titel mit den zwei seltsam angeleuchteten Männern herauskam, war ich gerade 14. Ich erinnere mich, daß in einer der nächsten Ausgaben ein Leserbrief abgedruckt war, in dem jemand schrieb, daß dieses Titelbild deutlich zeige, wo man bei einem Mann auf keinen Fall anfassen dürfe, denn dort lauerten Viren und Bakterien, kurzum: Krankheit und Tod.

    Ich habe mich damals gefragt, was das denn für das Sexualleben der Menschen bedeutet, wenn es tatsächlich Menschen gibt, die mit der Meinung Gehör finden, daß im Intimbereich von Männern grundsätzlich Krankheit und Tod lauern – und warum das nicht genauso für den Intimbereich von Frauen gelten sollte. Jedenfalls ist dieser Leserbrief bei mir im Gedächtnis geblieben.

    Nun hat mich dieser Online-Artikel hier daran erinnert, und ich wollte den Leserbrief gerne noch einmal nachlesen. Der Spiegel hat ja sämtliche alten Ausgaben online publiziert, und so habe ich die Ausgaben 24/1983 und 25/1983 aufgerufen. Aber ich finde die Seiten mit den Leserbriefen nicht. Fehlen die Leserbriefe im Spiegel-Archiv?

  7. Lieber Stefan Niggemeier,
    als ich heute morgen besagten Titel in der Gallerie der „stärksten SPIEGEL-Titel“ sah, konnte ich es kaum fassen! Ich war stinkwütend und wünschte mir, dass jemand dazu Stellung nähme – was Sie glücklicherweise getan haben. Vielen Dank dafür!

    @Jochen Leffers
    Als der Titel erschien, war ich 14 Jahre alt. Mitten im inneren Coming-out und auf der Suche nach allem, was mir Hinweise darauf geben könnte, wer ich bin und zu welchen Menschen ich gehöre, zählte der Leitartikel zu den erschütterndste und beschämendste Erfahrungen meiner gesamten Jugend. Das ist keine Übertreibung. Die Schwulenwitze meiner Klassenkameraden waren tatsächlich ein Witz dagegen. Die pauschalierende und reduzierende Darstellung von Schwulen in dem Artikel (und noch mehr in jenem von 1987 über den angeblichen „Patient Null“) war – auch für damalige gesellschaftliche Verhältnisse und gemessen an dem, was man hätte recherchieren und wissen können – eine abstoßende Art von Paukenschlag-Journalismus. Vor allem fehlte eine differenzierte Darstellung von dem, was Schwulsein außerhalb von Sauna und Darkroom bedeutet. Daran ändert auch der Verweis auf die Promiskuität der Opfer wenig. Schwulsein = den Penis in fremde Ani stecken – die meisten möglichst oft, manche auch seltener. Das ist die implikierte Botschaft. Die apokalyptische Überhöhung der Krankheit tat ein Übriges.
    Für Jahre hatte ich die Ausgabe in meinem Schrank versteckt. Sie lag dort wie ein stilles Memento mori: Schwulsein = Tod. Meine schwulen Mitmenschen = Todbringer.
    Sehe ich dieses Bild heute, schauert es mich noch immer – und ich verspüre den Impuls in mir, den dafür Verantwortlichen die Fresse zu polieren (gerne übrigens auch dem Graphiker). Damit sie wenigstens ein wenig das Leid verstehen lernen, das sie anderen in ihrer unreflektierten Katastrophengeilheit zugefügt haben. Aber als der pazifistische Mensch, der ich nunmal bin, bescheide ich mich darauf, das deutsche Wort „stark“ gegen Ihre Vereinnahmung in „stärkste SPIEGEL-Titel“ in Schutz zu nehmen: Auch eine „frühe Berichterstattung“ wäre, mit derselben aufklärerend präventiven Wirkung, anders möglich gewesen. Sie hätte stärkend sein können. Dann wäre sie auch stark gewesen.
    Diese aber war es nicht. Sie war für viele Menschen – und so auch für mich in einer ziemlich schwierigen Phase meines Lebens – schwächend.

    Viele Grüße
    mats

  8. @Jochen Leffers: Ja, es wird zaghaft darauf hingewiesen, dass es Kritik gab und gibt. Immerhin. Trotzdem ist der oben zitierte Text zu diesem Titel nicht gerade das, was ich als kritische Vergangenheitsbewältigung bezeichnen würde.

    Es waren eben nicht nur „Aktivisten“, die sich kritisch äußerten („verstört“ empfinde ich hier übrigens als eine sehr unpassende Vokabel, sie macht die Kritiker klein und hilflos und wertet die Kritik damit ab), sondern, wie Sie auch hier an den Kommentaren von Mats und Daniel Rehbein sehen können, hatte die Berichterstattung einschneidende Auswirkungen auf ganz normale Menschen auch ohne politischen Hintergrund.

    Und sehr, mit Verlaub, peinlich finde ich auch die Spekulation über die mutmaßlich geretteten Menschenleben, die ominösen „anderen“ in den Mund gelegt wird, obwohl sie anscheinend von einem Spiegelredakteuer selbst kam. Mal ganz abgesehen davon, dass das schon eine selten dürftige Verteidigungsrede ist, da nicht im entferntesten belegbar. Die Argumentation ist ja vermutlich, da die Leute in Panik versetzt wurden, haben sie beim Sex besser aufgepasst oder gleich enthaltsam gelebt. Ich kann aber mit gleicher Berechtigung sagen, durch die Panikmache und die Angst vor Stigmatisierung haben sich Leute nicht testen lassen und so ungewollt weitere Menschen angesteckt.

    Die Stigmatisierung setzt sich ja bis heute fort. Kaum jemand weiß, dass die Gefahr, sich anzustecken, bei erfolgreicher Medikation nahezu bei Null liegt. Es gibt immer noch Leute, die ihr Kind nicht aus demselben Glas trinken lassen würden wie ein HIV positives Kind im Kindergarten. Viele würden ihr Kind sogar vermutlich aus dem Kindergarten herausnehmen.

    Der Spiegel hat an dieser Situation sehr eifrig mitgewirkt und feiert sich nun dafür, „als einer der ersten“ das Thema auf diese groteske und fatale Weise behandelt zu haben. Sorry, aber daran ist gar nichts „stark“.

  9. @Danie Rehbein: In den älteren Ausgaben (ich glaub vor 2010) fehlen alle Leserbriefe, da bis zu diesem Zeitpunkt bei Einsendung eines Leserbriefes noch keine implizite Zustimmung zur Veröffentlichung im Internet gegeben wurde (die meiste Zeit mangels des Internets). Seit dem steht auf der Leserbriefseite eine entsprechende Klausel, dass Leserbriefe auch digital und im Internet veröffentlicht werden können.

  10. Ich zitiere mal aus Stefan Niggemeiers verlinkten Beitrag aus dem Jahr 2013. Da wird auch auf eine Spiegel-Ausgabe aus den 80ern- hingewiesen, in der es bereits heißt:

    „Mancher, der damals schon für sich Konsequenzen zog, entging der tödlichen Infektion. Einige haben sich inzwischen dafür bedankt. Sie leben, anderen graut vor dem Morgen.“

    Schon damals wurde auf irgendwelche Unbekannten verwiesen. Scheint also im Spiegel kein neues Phänomen bei der Aids-Berichterstattung zu sein.

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