„Fake News“ und der blinde Fleck der Medien

Sie ist ein bisschen niedlich, die in Deutschland gerade grassierende Angst, dass Wahlen in Zukunft durch „Fake News“ beeinflusst werden könnten.


Bei der Bundestagswahl 2013 erreichten die Grünen deutlich weniger Stimmen, als ihr noch wenige Monate zuvor prognostiziert wurden. Geschadet hat der Partei nach Ansicht vieler Beobachter nicht zuletzt die Diskussion um den „Veggie Day“. Sechs Wochen vor der Wahl hatte die „Bild“-Zeitung getitelt: „Grüne wollen uns das Fleisch verbieten“ und damit eine gewaltige Empörungswelle ausgelöst.

Dabei war die Nachricht weder neu, noch zutreffend. Seit Jahren hatten die Grünen dafür plädiert, vegane und vegetarische Ernährung sowie „Veggie Days“ zu fördern. Im Wahlprogramm hieß es bloß: „Öffentliche Kantinen sollen Vorreiterfunktionen übernehmen.“ Es war weder von allen Kantinen, noch von konkreten Verboten die Rede. Die ließen sich auf Bundesebene ohnehin nicht umsetzen.

Doch diskutiert wurde darüber auf der Grundlage der Verfälschung und maßlosen Übertreibung von „Bild“. Die Nicht-Neuigkeit wurde von Agenturen und anderen Medien aufgeregt verbreitet. Selbst die vermeintlich seriöse „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ sprach von einem „staatlichen Fleischverbot“.

Man hat das damals nicht „Fake News“ genannt, weil es den Begriff noch nicht gab. Vor allem aber haben die meisten anderen Medien diese „Fake News“ nicht bekämpft, sondern fröhlich weiter verbreitet.


Christian Wulff ist am 17. Februar 2012 vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten, weil die Staatsanwaltschaft Hannover ein Ermittlungsverfahren gegen ihn einleitete. Der öffentliche Druck sowohl auf Wulff als auch die Staatsanwaltschaft war noch einmal erheblich gewachsen, nachdem die „Bild“-Zeitung am 8. Februar berichtet hatte, Wulffs Freund David Groenewold habe versucht, „Beweise aus der Welt zu schaffen“.

Dieser Vorwurf war falsch, wie „Bild“ Monate später juristisch anerkannte. „Bild“ wusste auch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon, dass die Vorgänge anders waren, als sie behauptete.

Der falsche Vertuschungsvorwurf war bei Wulff womöglich der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Man hat das damals nicht „Fake News“ genannt, weil es den Begriff noch nicht gab. Vor allem aber haben die meisten anderen Medien diese „Fake News“ nicht bekämpft, sondern fröhlich weiter verbreitet.

Bei der Nachrichtenagentur dpa ist ein Hinweis darauf, dass Groenewald eine einstweilige Verfügung gegen „Bild“ durchsetzte, unter dubiosen Umständen untergegangen. Die „Bild“-Autoren der Falschmeldung, Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch, wurden später von ihren Kollegen für einen anderen Artikel zum Thema mit einem Preis für ihre „investigative Leistung“ ausgezeichnet.


Jetzt, auf einmal, entdecken die Medien die Gefahr der „Fake News“ und wollen mit großem Einsatz dagegen kämpfen. Was für eine Heuchelei.

Vor gut zwölf Jahren haben wir damit begonnen, im BILDblog die Zumutungen der „Bild“-Berichterstattung zu dokumentieren; die „kleinen Merkwürdigkeiten und das große Schlimme“, wie es damals hieß. Dafür gab es ein bisschen Aufmerksamkeit von den Kollegen, Schulterklopfen und Preise, aber an fast keiner Stelle das Gefühl, dass das doch eigentlich eine gemeinsame Aufgabe des seriösen Journalismus wäre. Wir hätten auf das Alleinstellungsmerkmal, systematisch gegen die Lügen von „Bild“ zu kämpfen, gerne verzichtet.

Wortreich wird jetzt beschrieben, welche ungeheure Reichweite Falschmeldungen dank Facebook erreichen können. Die Reichweite der Falschmeldungen von „Bild“ war ebenfalls ungeheuer – nicht zuletzt deshalb, weil so viele Medien sie auch noch mit ihrer eigenen Reichweite verbreiteten.

Bis heute scheint es kein ausgeprägtes Bedürfnis von Journalisten zu geben, den Lügen von „Bild“ zu widersprechen. Kurz vor Weihnachten behauptete das Blatt, mehrere Beispiele dafür zu nennen, wie „in Deutschland aus Rücksicht auf Muslime die christlichen Wurzeln des Weihnachtsfestes unterschlagen“ werden. Das ist ein Evergreen der Rechten; die wenigsten Fälle, die als Skandal der Unterwerfung unter den Islam präsentiert wurden, halten einer Überprüfung stand.

So war es auch diesmal. Aber soweit ich es sehen kann, fühlte sich kein Medium berufen, den falschen Behauptungen von „Bild“ zu widersprechen, einen Kampf gegen diese „Fake News“ zu führen.


Ein gewaltiger Aktionismus hat sich rund um das Modethema „Fake News“ entwickelt. Welche Bedeutung sie tatsächlich in Deutschland haben, ist unklar; einige Versuche der Bekämpfung sind hysterisch und kontraproduktiv.

Der Begriff „Fake News“ ist längst vollständig unbrauchbar geworden. Als er auftauchte, in der Schlussphase des amerikanischen Wahlkampfs, bezeichnete er vor allem mal über Facebook verbreitete, irre und auf maximale Verbreitung kalkulierte Falschmeldungen, die so taten, als stammten sie aus seriösen Quellen. Dann wurde der Begriff einerseits von den Medien besinnungslos und inflationär benutzt und andererseits von Ideologen aller Art systematisch missbraucht, als Kampfbegriff gegen jede Art von unliebsamer oder angreifbarer Nachricht. Spätestens als Donald Trump einem CNN-Reporter in einer Pressekonferenz zurief: „You are Fake News“, hatte sich jeder sinnvolle Einsatz dieses Wortes erledigt.

In Deutschland scheint der Begriff „Fake News“ vorübergehend sogar „Lügenpresse“ als blindwütige Standard-Journalistenbeschimpfung abgelöst zu haben. Aber in den etablierten Medien selbst ist es zu lesen, wenn es eigentlich nur um eine Eilmeldungspanne geht.

Analog zur Verwirrung darum, was „Fake News“ meint, wird auch der Kampf gegen „Fake News“ von interessierter Seite zu einem Kampf gegen unliebsame Meinungen umgedeutet. In seiner täglich schwierigeren Herausforderung, immer noch lauter zu sein als alle anderen, spricht Henryk M. Broder in diesem Zusammenhang von einem Umsturzversuch, einem „Putsch, wie es ihn in der Geschichte des Landes noch nicht gegeben hat“.


Vor ein paar Wochen schienen alle den prototypischen Fall für die Art „Fake News“ gefunden zu haben, die es nun zu bekämpfen gelte: Einen Bericht des rechten amerikanischen Lautsprecher-Mediums „Breitbart“, dessen Ankunft in Deutschland mit Schrecken erwartet wird, über – Deutschland. Aus einer eher landesüblichen wilden Silvestersituation, bei der das Baugerüst einer Kirche in Dortmund in Brand geriet, machte „Breitbart“ den Angriff eines Mobs von Moslems, die die älteste Kirche des Landes ansteckten.

Die „Breitbart“-Geschichte basierte auf einem wahren Kern. Abgesehen von der Sache mit der ältesten Kirche Deutschlands war wenig eindeutig falsch. Aber die „Breitbart“-Leute gaben den Tatsachen einen Dreh, einen Spin, interpretierten sie vor dem Hintergrund der Vorurteile ihrer Leser, die sie bedienen und schüren.

Das ist exakt das, was „Bild“ mit dem „Veggie Day“ und den Grünen machte.


Ich will die Methoden von „Breitbart“ nicht verteidigen oder die Gefahr relativieren, die von Medien ausgeht, die geschickt mit solchen Methoden arbeiten. Aber wie glaubwürdig ist die Empörung über die „Breitbart“-Methoden, wenn die weitgehend identischen „Bild“-Methoden seit Jahren achselzuckend hingenommen oder gutgeheißen werden?

Von der Ironie, dass sich auch „Bild“ über „Breitbart“ empört, ganz zu schweigen. Dabei hat „Bild“, in demselben Stil und mit identischer Stoßrichtung, die Mär verbreitet, dass das Deutsche Rote Kreuz in Bautzen „aus Angst vor Attacken im Asyl-Hotel“ Schutzwesten angeschafft hätte. Und die Mär, dass Flüchtlinge in Hamburg schwarzfahren dürfen. Und viele weitere ähnliche Schauergeschichten.

Auf welcher Grundlage will diese Zeitung sich über die Methoden von Breitbart und anderen empören?

Und wie überzeugend ist der Aufschrei vieler anderer Medien, wenn sie zu „Bild“ schweigen?


Das Recherchebüro Correctiv will jetzt für Facebook „Fake News“ entlarven und richtigstellen. Die genauen Umstände sind erstaunlich unklar; Correctiv-Macher David Schraven konnte auf Nachfrage noch nicht einmal sagen, wie viele Mitarbeiter damit zu tun haben sollen.

Ich bin gespannt, was passiert, wenn zahlreiche Nutzer dann zu recht eine „Bild“-Meldung als Falschmeldung markieren. Springer und Facebook sind innigst miteinander verbunden. Im vergangenen Jahr belobhudelte Springer den Facebook-Chef Mark Zuckerberg mit einer großen Preissause. Facebook bezahlt „Bild“ dafür, dass „Bild“ Live-Videos auf Facebook veröffentlicht. Vor ein paar Tagen hat Facebook „Bild“ als Partner für ein neues Journalismus-Projekt genannt.

Ist es denkbar, dass ein „Bild“-Artikel in dem zukünftigen Verfahren von Facebook als „Fake News“ markiert wird? Oder ein Artikel von einem anderen klassischen Medium? Schraven sagt, er könne sich das vorstellen. „Aber um ehrlich zu sein, ich glaube, diese Art von Falschmeldungen werden schon effektiv bloßgestellt – unter anderem im BILDblog. Und die meisten Medien haben einen erprobten Umgang mit eigenen Falschmeldungen. In der Regel werden die einfach richtig gestellt und die Verbesserung der eigenen Beiträge wird transparent gemacht. Da sehe ich mehr Vorbilder im Umgang mit Falschmeldungen als Objekte der FakeNews-Entblößung.“

Das ist auch ein bisschen niedlich. Gut, vielleicht ist es nicht mehr ganz so schlimm wie vor zehn Jahren, als ich mit dem Widerwillen der Medien, selbst zu recherchieren und Fehler zu korrigieren, geradezu traumatische Erfahrungen gemacht habe. Seitdem sind manche Medien besser geworden und haben interne Vorgaben, wie sie mit Fehlern umzugehen. Aber „Tagesschau“-Chef Kai Gniffke hatte gerade erst noch ein schönes Beispiel dafür, wie es selbst Medien wie „Spiegel Online“ oder die „taz“ dauerhaft nicht schaffen, eine Falschdarstellung zu korrigieren. Und, nur mal so rausgegriffen, glaubt irgendjemand, dass Alice Schwarzer all das, was in ihrem Artikel über die Kölner Silvesternacht 2016 entweder von Anfang an falsch war oder sich inzwischen als falsch entpuppt hat, je richtigstellen wird?

Als Vorbild im Umgang mit Fehlern taugen viele klassische Medien immer noch nicht, ganz sicher nicht „Bild“, wo die einstige Korrekturspalte längst wieder abgeschafft wurde und man im Zweifel auf die Berichtigung von Fehlern in der gedruckten Zeitung verzichtet.


Der Verband der deutschen Zeitschriftenverleger hat Ende vergangenen Jahres den Gesellschafter der Funke-Mediengruppe zu seinem Präsidenten gewählt. Zu deren Portfolio gehören Titel wie „Die Aktuelle“, deren Geschäftsmodell wesentlich auf dem Verbreiten falscher Schlagzeilen und Nachrichten über Prominente beruht. Das ist eine heikle Ausgangsposition für einen entschlossenen Kampf gegen „Fake News“.

Wohlgemerkt: Es geht mir nicht darum, mich an dem traurigen Kinderspiel zu beteiligen, das die Auseinandersetzung darauf reduziert, den Kämpfern gegen „Fake News“ ein „SELBER FAKE NEWS!“ entgegenzurufen. Es ist notwendig und richtig, Falschmeldungen und Mythen Recherche und Aufklärung entgegenzusetzen. Und durch die besonderen Möglichkeiten von Facebook ist der Kampf gegen gezielte Lügen hier eine neue, besondere Herausforderung. Es ist gut, wenn seriöse Medien – übrigens insbesondere auch öffentlich-rechtliche – es als ihre Aufgabe ansehen, gegen Desinformation anzukämpfen, und sie müssen sich dafür auch ins Getümmel stürzen und dahin gehen, wo es wehtut.

Aber dieser Kampf wird mühsam, und entscheidend wird nicht zuletzt sein, welche Akteure beim Publikum glaubwürdiger sind.

Wenn die etablierten Medien diesen Kampf nicht als einen Kampf gegen Desinformationen aller Art führen, sondern als einen Kampf Wir gegen Die; wenn sie den Eindruck erwecken, dass sich Kollegen untereinander nicht wehtun, aber keine Hemmungen gegenüber dubiosen amerikanischen Seiten, Anti-Mainstream-Medien und Einzelpersonen im Netz haben; wenn es scheint, als sei das Haupt-Problem von „Fake News“ womöglich gar nicht der Inhalt, sondern der Absender – dann haben sie keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen.

67 Kommentare

  1. Wir hätten auf das Alleinstellungsmerkmal, systematisch gegen die Lügen von „Bild“ zu kämpfen, gerne verzichtet.

    Müsste es nicht heißen […] gegen die systematischen Lügen von „Bild“?

  2. Ich denke in der „Fake News“ Diskussion drückte sich lediglich die Furcht aus einiger Chefredakteure, dass sie die Funktion als nachrichtenbildendes Medium verlieren.
    Es ging nicht darum, gegen Unwahrheiten zu kämpfen.
    Denn für jeden Klick, für jedes verkaufte Exemplar braucht es „spannende“ Meldungen.

  3. Ich finde ja nicht nur die großen Lügen/Irrtümer in den großen Medien oft erschütternd, sondern auch die vielen kleinen Wurstigkeiten. Wenn man wieder niemanden interessiert hat, ob es ein Gerichtsurteil war oder ein Vergleich. Wenn dieselbe Organisation in einem Artikel mal eine Behörde ist, und dann wieder was Anderes. Wenn mal wieder ein langer Er-sagt-sie-sagt-Beitrag erscheint, in dem erkennbar niemand auch nur versucht hat, mal zu gucken, wer die Wahrheit sagt.
    Sowas.

  4. Finde den Beitrag hier auch gelungen und habe auf Ähnliches gehofft, da mir Stefan`s Gedanken auch schon gekommen sind. Ich muss als Anwalt aber auch Muriel bepflichten. Da gab es vor Jahrzehnten einen Aufschrei in der Presse als eine Sprortmoderatorin mal versehentlci „Schalke 05“ sagte. Die Presse ist es aber ansonsten egal, ob sie Rechtsbegriffe absolut fehlerhaft benutzt.

  5. Wenn Sie’s tröstet (und auch wenn nicht): Mir hat’s auch gefallen, und sicherlich auch einigen Anderen. In dem Artikel ist einfach nur alles richtig. Danke!

  6. Den „Kampf für die Wahrheit“ zu institutionaliseren … das ich das noch erlebe.

    Ich denke das Problem liegt eher darin, dass viele Menschen eine bestimmte Wahrheit gar nicht hören wollen sondern sich nur in der Wagenburg ihrer emotional fundierten Weltdeutung bestätigt sehen wollen und schlichtweg zu faul, zu dumm und zu bequem sind, ihre Deutung zu hinterfragen oder gar von Dritten oder der vierten Gewalt hinterfragen zu lassen.

  7. Vielen Dank für diesen Kommentar Stefan.

    Vor allem werde ich den Eindruck nicht los, dass sich viele etablierte Medien sich erst seit dem völlig dummen Schlagwort „Lügenpresse“ und Ihren genauso häßlich-dummen Verwandten mit Falschmeldungen auseinandersetzt.

    Mussten also erst Lautsprecher mit eigener Agenda (denn Falschmeldungen, die Ihnen genehm sind, sind ja akzeptabel und werden als Quelle bezeichnet) kommen, damit man auf so etwas eingeht?

    Du hast ja schon einige Beispiele genannt. Bei Bildblog oder auch auf deiner eigenen Homepage kann man ja noch die letzten Jahre durchgehen und noch jede Menge mehr finden. Da war es wohl nicht wichtig genug. Da haben auch viele Menschen Sachen kritisiert und Verbesserungen gewünscht, die nicht erst ein spezielles Thema (Flüchtlinge / Überfremdung) brauchten um auf die „Lügenpresse“-Pauke zu hauen.

    Natürlich gab es auch positive Beispiele in dieser Zeit, dies sollte man auch anerkennen. Aber Transparenz und ein Eingeständnis von Fehlern sollten auch in der Presselandschaft selbstverständlich sein. Dies wird ja von Journalisten ja auch zu Recht von anderen erwartet.

  8. @Jens/8: Da ist dann nur die Frage, wer die Kritik glaubwürdiger rüberbringen kann. Ein Faz-Mitherusgeber oder Stefan Niggemeier.

  9. Wie las ich letztens in einem anderen Kommentarbereich:
    „Früher haben wir Fake News ja einfach Propaganda genannt.“

    Na gut, Propaganda verbindet man eher mit „staatlich“.
    Den Fake News ist der Auftraggeber und dessen Agenda egal.

  10. Aber es ist doch allen bewusst, was im Artikel steht. Wahrscheinlich sogar denen, die täglich Bild kaufen. Wieso also der der zeitgleiche Aufbau von Zensur-Infrastruktur in vielen Ländern? In der EU gibt es seit kurzem das erste Wahrheitsministerium.

    Präsident Zeman warnt: „Wir brauchen keine Zensur, wir brauchen keine Meinungspolizei. Wir brauchen kein neues Amt für Presse und Information, wenn wir weiter in einer freien und demokratischen Gesellschaft leben wollen.“

    > wird auch der Kampf gegen „Fake News“ von interessierter Seite
    > zu einem Kampf gegen unliebsame Meinungen umgedeutet

    wird der Kampf gegen unliebsame Meinungen von interessierter Seite zu einem Kampf gegen „Fake News“ umgedeutet.

  11. Stimme auch völlig zu, dass die ‚Fake News‘ genau so ein aktuelles, neu aufgekommenes Problem sind, wie dass es auf der Domplatte an Silvester schlimm zu geht (gemeint sind die Silvester VOR dem aktuellsten, an denen da auch schon immer Kriminalität massiv ablief, Täterherkunft egal).

    Immer, wenn die großen Medien überrascht sind, dass die Leute jetzt „Postfaktisch“ sind, denke ich daran, dass diese Redakteure auch erst so vor 2 Jahren festgestellt haben, dass man im Internet von Rechts-Typis angepöbelt wird. Jetzt ist das ein Problem, die 10+ Jahre vorher, als das nur gegen die gefühlt 5 braunen Kollegen ging und identisch ablief, war das egal.

    So oft ich auch mit Jung/Schulz im Aufwachen!-Podcast probleme habe, die Sehen die Lage halt einfach in vielen Hinsichten, gerade dieser, sehr klar. Es existiert eben wirklich eine „Lügenpresse“, nur eben nicht so wie die brüllenden Leute das meinen. Die „Lügen“ kommen aus eilmeldungs-geilheit („NPD VERBOTEN!“), aus Unfähigkeit, die eigene perspektive zu reflektieren (Wenn die USA truppen verlegen ist das Sicherheit, wenn Russland truppen verlegen ist das Säbelrasseln), aus Desinteresse am größeren Bild (NPR Podcasts > Deutschlandfunk Hintergrund >>> alle anderen großen deutschen Nachrichten hinsichtlich big picture) und halt auch wegen des blinden Flecks.

    Ich glaube, Leute die in einem Meta-Medien-Blog differenziert dieses Thema diskutieren, sind nicht repräsentativ dafür, warum die Leute aufhören, Zeitung zu lesen. Das hat glaube ich mehr damit zu tun was praktisch ist und wie sich die Gewohnheiten entwickeln. Aber solange sogar ZDF etc. ihren shit nicht together kriegen, und solange die eigene Redaktion gestern eilgemeldet hat, dass die NPD verboten wird, hat einfach keiner von denen das Recht, auf *die* Fake News zu zeigen. Sondern, um’s mit Trumpy zu sagen: YOU are Fake News.

  12. Die Lage hat sich inzwischen verändert. Tatsächlich gab es auch früher schon Berichterstattung wie die von Stefan Niggemeier beschriebene. Allerdings sahen es Journalisten nicht unbedingt als ihre Aufgabe an, die Arbeit von Kollegen zu korrigieren. Nicht, um sich nicht gegenseitig die Augen auszukratzen, sondern, weil es Wichtigeres gab. Sie haben sich auf die eigene Berichterstattung über Ereignisse konzentriert als auf die Arbeit der Kollegen. Es bindet Arbeitskraft, wenn Journalisten nun auch damit anfangen, genau diese Arbeit zu überprüfen. Es wird aber wahrscheinlich nötig sein.

  13. Schön geschrieben.
    Falsche und schlechte Nachrichten nerven einfach nur. Es nerven schon die absichtlich verstümmelten Überschriften, die WeLT ist da ein passendes Beispiel.

  14. Auch von mir nochmal vielen Dank für den Artikel!

    Die Geschichte mit Correctiv und Facebook finde ich auch sehr skurril. Facebook hat einen Umsatz von über 6 Milliarden Dollar und eine kleine Redaktion mit ~20 Mitarbeitern bietet sich an dort unentgeltlich die Klos zu putzen?!

  15. Super Artikel, dem ich sehr zustimmen kann. Zensur und einseitige Einfärbung eines medialen Stromes durch den Staatsapparat kann nicht in meinem Sinne sein, eher ist es der ausgewogene Zugriff auf unterschiedlichste Perspektiven, die mir in der Gesamtheit klarheit verschaffen. Trotzdem stelle ich mir die Frage, ob gewisse Aspekte einen staatlichen oder staatsnahen lenkenden Zugriff auf den Medialen Strom erforderlich machen könnten. Ich bin mir nicht sicher, ob mediale Selbstregulation alleine ausreicht, da neuere Technologien Verzerrungen begünstigen könnten, die bislang vernachlässigbar und kaum relevant waren. Sind heutige Medien tatsächlich intelligent genug, dass sie jedem Akteur auch angemessen begegnen könnten? Wie wahrscheinlich ist es, dass beispielsweise ein Staat in die Gesellschaft eines anderen Staates einwirkt, vielleicht sogar mit geheimdienstlichen Instrumenten, über die klassische Medien nicht verfügen. Neue vernetzende Technologien müssten doch zu einer starken Reduktion des Aufwandes geführt haben, der zur Erzielung wirksamer Reichweiten notwendig wäre. Zudem sind Nachrichten-Kanäle heute so vielfältig und komplex, vor allem die gleichzeitige Bedienung verschiedener Kanäle ermöglicht eine Wirkweise, die im Gegensatz zu früher so viel subtiler durch einen Akteur ausgestaltet sein kann, dass es selbst für große Medienhäuser immer schwieriger bis unmöglich werden dürfte solche subtilen Einwirkungen zu lokalisieren und viel schwieriger noch eine Intention bzw. einen Effekt beim Empfänger zu erkennen. Ich glaube nicht, dass jemand wirklich einen Überblick hat, geeignete Maßnahmen im Sinne der Aufklärung sind meiner Ansicht nach zu schwierig abschließend festzulegen, ich glaube das wird sich auch nicht ändern, solange technologische Entwicklungen so rasant wie heute geschehen.
    Hektik und Aktionismus bringen auf jeden Fall selten etwas, Fakenews gegen Fakenews einzusetzen ist auf jeden Fall extrem bescheuert. Eine wachsame und angstfreie Analyse der Umstände durch den Staat ist aber schon angebracht.

  16. Die ganze Scheiße wurde hoffähig, als die meisten der großen Medien damit begannen, die BLÖD zu zitieren.
    Es wurde eigene Recherche durch Abschreiben (mit Quellenangabe) ersetzt. Lieber BlÖD als Quellenangabe, als gar nichts berichten ist die Devise. Das verschaffte Springer eine unverdiente Anerkennung. Auch die Öffentlich Rechtlichen arbeiteten fleißig am BLÖD Image durch gemeinsame Aktionen, die unter dem Deckmantel von Wohltätigkeitssendungen liefen.

  17. „wenn es scheint, als sei das Haupt-Problem von „Fake News“ womöglich gar nicht der Inhalt, sondern der Absender – dann haben sie keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen.“

    Ein prophetischer Satz, möchte ich jetzt schon mal wetten. Also, ob sie verlieren, wer weiß. Aber der wenig reflektierte Umgang innerhalb des Medien-Mainstreams der letzten Wochen sieht schon sehr danach aus, als hätten die meisten Journalisten bereits verinnerlicht, dass fake news nur die anderen sein können.

  18. @13 Leo Friedrich: „Glaubwürdigkeit“ in dieser Frage würde ich dem Feuilleton-Herausgeber Kaube auch zuschreiben. Auch wenn Niggemeier davon „mehr“ haben sollte (ja, klar), gehören die Artikel von Kaube generell (und in dem von mir verlinkten) intellektuell und sprachlich zum Besten, was der deutschen Journalismus zur Gegenwartsbeschreibung zu bieten hat.

  19. Es wird in Zukunft sehr kompliziert werden. Eine Fake-News wird enttarnt werden, was zwingend dazu führen wird, dass die Fake-News-Enttarnungs-News ihrerseits als Fake-News gebrandmarkt wird, was wiederum die Enttarner von Fake-News-Enttarnungs-News-Fake-News auf den Plan rufen wird.

    Am Ende glaubt jeder eh nur das, was in sein Weltbild passt. Genau wie 1977, als Günter Wallraff bei Bild Hans Esser war. Nur dass die Weltbilder seinerzeit in den Köpfen blieben, auf den Klos oder an den Stammtischen. Da waren sie bei weitem besser aufgehoben als in den sozialen Netzwerken.

    Schönen Gruß von einem AfD-Bot (der sich mit linksgrünversifften Ansichten in den Kommentarbereich schleicht, um später zu behaupten, Höckes Schandmal-Rede sei ein Fake von Anton Hofreiter gewesen, um einen Keil in die Parteiführung zu treiben)

  20. Ja, man sollte schon exakt sein. Es gibt seit kurzem kein „Wahrheitsministerium“, sondern eine Behörde „Abwehrzentrum gegen Fake-News“ in Tschechien. Weitere Länder werden sicherlich folgen. Was deutlich macht, dass die Lage wirklich ernst ist.

    Und selbstverständlich geht es nicht um das Verbot von Meinungen. Das ist nicht möglich bzw würden Texte und Theorien dadurch nur aufgewertet. Sondern um Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Deutung und Einordnung. Bisher werden vor allem die Akteure „eingeordnet“. In Deutschland zum Beispiel:

    RTdeutsch = „Neue Rechte“
    KenFM = „Neue Rechte“
    Nachdenkseiten = „Neue Rechte“

    Bekanntlich beteiligt sich Correctiv an derartig absurden und verlogenen Einordnungen. Wodurch eigentlich jedem einleuten sollte, dass die nicht dem Journalismus verpflichtet sind, sondern eine politische Agenda verfolgen. Der nächste Schritt ist dann offenbar, dass diese Bewertungen kleinteiliger werden. „Fake-News“ ist die neue Stigmatisierung.

    „Falls Freiheit überhaupt irgend etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen.“
    George Orwell

  21. Ich halte den Begriff der Fake News für sehr verwirrend, da Propaganda und Boulevard, sowie Falschmeldungen zusammen in einen Topf geschmissen werden. Dadurch verschwimmen die Unterschiede und gezieltes Bekämpfen wird schwerer.

    Man kann auch gezielte Propaganda nicht mit der „Aktuellen“ vergleichen, die schlicht alles tut um Auflage zu generieren.
    Propaganda versucht gezielt gesellschaftliche Zusammenhänge falsch darzustellen, um Idiologien zu beeinflussen.
    Das ist ein wesentlich größeres Problem als falsche Gerüchte über Prominente zu streuen.
    Wobei auf Facebook gerade diese Unterschiede oft verschwimmen.

    Aber letztendlich kann ich mich dem Autor nur anschliessen und jeden selbst dafür verantwortlich machen, sich Medienkompetenz anzueigenen. Fakten zu checken und nicht jeden Mist zu glauben und weiterverbreiten, der irgendwo geschrieben steht. Das ist eins der ersten Dinge, das mir im Umgang mit dem Internet beigebracht wurde. Und es gehört eigentlich auch zum gesunden Menschenverstand.

  22. Meiner Meinung nach wird allein durch die Schaffung solcher Stellen schon die Wahrnehmung der Leser geschärft und für die Existenz von Fake News sensibilisiert.
    Viel zu viele Leute hielten es doch mit „aber wenn’s in der Zeitung steht, muss es stimmen“ oder „ach, ich lese die BILD doch nur zum Spaß, das nimmt doch keiner ernst“.

    Quasi das Gegenstück dazu, wie Leute lernen mussten, nicht jedem nigerianischen Prinzen ihr Geld zu schicken. Oder nicht zu dem Onkel mit der Schokolade in den Van zu steigen.

    Und ist dieses Bewusstsein erst mal da, dieser Reflex, eine Nachricht nicht automatisch für wahr zu halten, nur weil sie von a) der Tagesschau, b) der Lieblingszeitung oder c) dem Kumpel auf Facebook verbreitet wird, haben auch die Falschmeldungen weniger Chancen.

    Danke für den Beitrag, Stefan.

  23. @Ben Truth: Dass Sie an den Anfang Ihres voreingenommenen, unsachlichen und überheblichen Textes den Satz gestellt haben „Deutsche Medienschaffende sind voreingenommen, unsachlich und überheblich“, ist nicht ohne Ironie.

  24. So sehr ich die Wahrheit als abstraktes Gut schätze, glaubt eigentlich wirklich jemand, daß die Fakten, um die wir hier streiten, *politisch* irgendeinen Unterschied machen?

    Ob ein Mann auf einer Demo dies oder das über Krieg gesagt hat? Ob der Papst Donald Trump unterstützt hat? Ob dieser oder jener Ausländer gewalttätig war?

    Es sind doch alles letztlich beiläufige Details, die man heranzieht, um ein Urteil zu bestätigen, das schon vorher gefallen ist, aufgrund ganz anderer Erwägungen. Für diese Meinungsbildung ist die BILD genauso irrelevant wie das BILDblog, und die Vignetten, die man sich über sie erzählt, sind völlig austauschbar.

  25. @ 1:
    „Gossenreport“ oder „Die Leiden des Axel Casar Springer“. Wallraff u.a.:
    Mit oder ohne :
    Bei Springer grinsen sie sich einen…
    Fatalismus: Gelegentlich eindeutig ja…

  26. Sehr guter, notwendiger Artikel mit allerdings merkwürdiger Auswahl von Beispielen. Hier noch mehr whataboutisms:
    Jede links-ökologische Plattform mit verzerrenden oder schlicht falschen Darstellungen der Gefahren durch [Pharma, konventioneller Landwirtschaft, GMOs, Glyphosat etc pp]. Erinnert sei die oft geteilte fake news von den „20,000 Toten durch Fukushima“.
    Hand in Hand damit die Goutierung von nachweisbar unwirksamen „alternativmedizinischen“ Behandlungsmethoden, bis hin zur offenen Impfgegnerschaft in „gutbürgerlichen“ Kreisen.
    Viele intersektional-feministische Plattformen mit beispielsweise niemals korrigierten oder verzerrenden Meldungen zu Themenkomplexen wie „matrace girl“, „gamergate“, „toxic masculinity“ und ähnlichem.

    Man sieht also: Jede ideologisch motivierte Seite macht sich der Propaganda schuldig. Diese Erweiterung hätte dem Artikel gut getan.

  27. @38: Kann es sein, dass Sie in keinster Weise verstanden haben, worum es in obigem Artikel geht? Es geht doch nicht um ideologisch motivierte Seiten, sondern Böcke, die gesamte Zeitungslandschaften geschossen haben, es aber niemanden interessiert hat, während zB Ihr Impfgegner-Beispiel ja durchaus in der Öffentlichkeit breit getreten wurde (zu Recht natürlich!).

  28. In der frohen Erwartung, dass dieser Artikel weithin verteilt, zitiert, gepingbackt usw. wird, hier zwei Korrekturen zur Güte:

    Nach dem 4. Teiler (oder wie ihr Fachleute das nennt): Entweder Fake News spielen eine Rolle, oder sie haben Bedeutung – Bedeutung spielen ist doof. ;)

    Und ein paar Absätze weiter spricht Broder sicher von eineM Putsch.

    Inhaltlich hab ich nichts beizutragen, bis auf ausdauerndes und eifriges Nicken.

  29. Ein wirklich guter Artikel aber ich fürchte, er hat nicht annähernd die Reichweite wie die zitierten Medien. Somit bleiben die Auswirkungen für die Betroffenen eher überschaubar. Was wir brauchen sind wirklich unabhängige öffentlich rechtliche Medien, die keiner politischen Instanz Rechenschaft schuldig, sondern nur der Wahrheit verpflichtet sind. Es mangelt an mutigen und kritischen Journalisten.

  30. KEEP IT SHORT AND SIMPLE
    Die gute alte Regel wird hier gründlich missachtet. So viel unschlüssige Begründung, nur um dafür zu plädieren, den Begriff „Fake News“ wegzuschmeißen! Warum? – Weil er heuchlerisch, missbräuchlich und ungenau verwendet wird.
    Dann wird es aber eng für die Beschreibung kritikwürdiger Zustände. Welche Begriffe sind denn davor gefeit, unzutreffend gebarucht zu werden? – Genau: gar keine. „Fake News“ hat sich etabliert und beschreibt im Kern (!) nachvollziehbar, wogegen man ist. Es lenkt nur von der Sache ab, jetzt ein neues Fass aufzumachen, wer wann wie den Begriff benutzt hat/benutzen darf. Schluss damit.

  31. @Michael Praschma:

    „Fake News sind Falschmeldungen, und dagegen ist man.“

    Ganz so einfach ist es nicht. Wie der Blogherr ja ganz richtig herausstellt, gibt es das, was man jetzt plötzlich „fake news“ nennt, schon lange. Nur bisher war es innerhalb des Medien-Mainstreams kaum mal Thema. Jedenfalls nicht in der Größenordnung wie jetzt. Und da liegt der Verdacht eben nahe, dass das deshalb der Fall war, weil die fake news vom System selbst ausgingen.

    Erst jetzt, wo über Social Media und co. den großen Medien das Monopol für „fake news“ verloren geht, wo trotz massiver gegenteiliger Parteinahme der Brexit stattfindet und Trump gewählt wird, da ist es plötzlich ein Riesenproblem und taucht überhaupt der Begriff erst auf.

    Das sollte man bei der beurteilung der Frage, was „fake news“ sei, jedenfalls nicht gänzlich unberücksichtigt lassen.

  32. @Luc: Gut & schön. Aber bitte erklären, zu welchem Zweck. Wir führen nämlich jetzt hier genau die Diskussion, von der ich anfangs schon geschrieben habe, dass sie von der Sache „gegen Fake News sein und etwas dagegen unternehmen“ ablenkt. Und darum höre ich hiermit auch auf damit…

  33. @Michael Praschma: Jede Falschmeldung ist aus Ihrer Sicht Fake News? Das ist es, woran die Leute mehrheitlich denken, wenn sie „Fake News“ sagen? Donald Trump meinte, dass CNN eine Falschmeldung ist, als er mit dieser Begründung ablehnte, eine Frage ihrer Reporterin zu beantworten?
    Meine Frage ist ernst gemeint, und ich will darauf hinaus, dass es meines Erachtens ganz und gar nicht klar ist, was der Begriff beschreibt. Sie meinen Mit Fake News Falschmeldungen.
    Trump meint Medienunternehmen, die ihm nicht gefallen (oder so).
    Meine Mutter meint damit diese bösen unseriösen Propagandaposts auf Facebook.
    Was meint Herr de Maiziére, wenn er über eine Stelle zur Bekämpfung von Desinformation nachdenkt?
    Und der Unterschied ist ein sehr wichtiger, wie Stefan Niggemeiers Beitrag oben erläutert. Wenn ich gegen Fake News vorgehen will, bin ich dann fertig, wenn Facebook eine Stelle eingerichtet hat, die von Nutzern gemeldete Posts überprüft, in denen jemand behauptet, dass alleine in Butzbach jeden Tag 50.000 deutsche Frauen von Ausländern vergewaltigt werden?
    Oder ist Fake News auch der Artikel der Bild über „GRÜFRIS“, der Artikel auf Spiegel Online, in dem verschiedene Leute sagen dürfen, wie bescheuert die Forderung der Grünen ist, dass die Krankenkasse Prostituierte für Altenheimbewohner(innen) bezahlen soll? Der Artikel auf Zeit.de, der behauptet, das OCE wäre eine Behörder der US-Regierung?
    Gibt es eine Trennlinie zwischen Fake News und schlechtem Journalismus?
    Sowas. Und ich finde halt nicht, dass das von der Sache ablenkt. Ich finde, dass das die Sache ist.

  34. Hmmm…irgendwie schafft es mein Kommentar mit den BBCode-Tags nicht bis zur Veröffentlichung. Schade, ich dachte, ich könnte so Zitate formatieren.

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    Ein wunderbarer und äußerst wichtiger Artikel, der neben dem schönen, lakonischen Humor

    >>“In seiner täglich schwierigeren Herausforderung, immer noch
    >> lauter zu sein als alle anderen, spricht Henryk M. Broder […]“

    das Kernproblem auf den Punkt bringt:

    >>“Wenn die etablierten Medien diesen Kampf nicht als einen Kampf
    >> gegen Desinformationen aller Art führen, sondern als einen Kampf
    >> Wir gegen Die; (…) wenn es scheint, als sei das Haupt-Problem von
    >> „Fake News“ womöglich gar nicht der Inhalt, sondern der Absender – >> dann haben sie keine Chance, diesen Kampf zu gewinnen.“

    Auf diese Sicht aber läuft es allem Anschein nach hinaus – vor allem wenn man sich einmal anschaut, wie oft es BILDfalschmeldungen immer wieder in die vermeintlich seriösen Tageszeitungen schaffen. Auf mich wirkt diese Fake-News Debatte viel mehr wie ein weiterer Versuch etablierter Nachrichtenredaktionen, ein Stück Deutungshoheit zurückzugewinnen.

    Und daß BILD die Korrekturspalte wieder abgeschafft hat, halte ich für keinen sonderlich großen Verlust, eher für ein bisschen Blendwerk weniger. (Vgl. http://www.bildblog.de/bild-korrekturspalte-ein-voller-erfolg/)

  35. Vorschlag für Bild und Facebook, der technisch möglich ist: Bild postet eine falsche oder eine absurd gespinnte Nachricht. Die wird entlarvt. Aber dann ist sie auch schon in den Newsfeeds ganz weit weg. Jeder, der das entlarvte Posting kommentiert, geliked oder geteilt hat, wird benachrichtigt dass die Meldung falsch war. Das kann keiner ausstellen. Kommt das oft vor, kann man die Bild nur entliken um nicht dauernd Benachrichtigungen zu bekommen die nerven. Die Leser ohne Interaktion erreiche ich so nicht. Aber man erreicht sehr simpel und effiktiv die Leute welche sich mit der Nachricht beschäftigt haben und das besser als über eine Gegendarstellung. Schönster Effekt: Je mehr falsches desto weniger Reichweite und dami Traffic von Facebook und ein Online Sales Team dass die Preise senken muss. Die Daten sind da. Die Technik auch. Allein es wird der Wille fehlen.

  36. Warum wird eigentlich immer auf die BILD eingestochen?

    „Doch diskutiert wurde darüber auf der Grundlage der Verfälschung und maßlosen Übertreibung von „Bild“.“

    Herr Niggemeier, googeln Sie doch mal zu Gender Pay Gap und 21 %!
    Und dann lesen Sie die Überschriften der entsprechenden Artikel.
    Und dann nennen Sie mir eine Zeitung, die nicht die 21% im Titel oder der Titelunterschrift führt und im letzten Absatz der Artikels dann verschämt zugibt, dass die 21% ja eigentlich Murks sind und es eigentlich (auch angezweifelte) 5 bis 7 % wären.
    Oder lesen Sie die Verlautbarungen offizieller Stellen (Ministerium für alles außer Männer).

    Wir sind von Fake News umzingelt, egal ob von staatlicher Stelle oder von „seriösen“ Medien.

  37. Schöner, interessanter Artikel.
    Bei aller beschriebenen Zweifelhaftigkeit, Niedlichkeit und Heuchelei im Kampf um „Fake News“ würde mich aber doch interessieren, wie nun der nächste Schritt konkret aussehen soll, bzw. aussehen könnte.
    Trotz seiner notorischen Lautsprecher-Krawalligkeit hat Broder in der Sache m. E. recht, wenn er vor einer Schaffung von Institutionen warnt, die eine Art offiziell geprüfte „Wahrheit“ feststellen sollen. Auch der sehr gute verlinkte FAZ-Artikel von Kaube beleuchtet schön die Zweifelhaftigkeit eines Kampfes gegen „Fake News“. Und nun?
    Mir scheint, Stefan Niggemeier sieht einen Lösungsansatz darin, dass die etablierten Medien sich selbst und vor allem sich gegenseitig effektiver publizistisch kontrollieren. Sollte also jedes Medium eine Art eigene „Bildblog“-Rubrik einführen und die Tatsachenverdrehungen der anderen als solche anprangern?
    Je länger ich darüber nachdenke – warum eigentlich nicht?
    Realistisch ist das aber wohl kaum. Abgesehen von dem „Eine Kräher hackt der anderen kein Auge aus“-Argument dürfte dem auch im Wege stehen, dass der Nachrichtenwert bzw. die Attraktivität für den Rezipienten in den meisten Fällen überschaubar wäre.
    Anders gesagt: „Sagen, was ist“ ist strukturell und psychologisch etwas sehr anderes als „sagen, was andere gesagt haben, was ist, was aber tatsächlich nicht (gewesen) ist“. Es ist selbst keine Neuigkeit, sondern nur die Korrektur einer früheren (unterstellten) Neuigkeit, kein Agieren sondern immer nur Reagieren. Und eine Entskandalisierung ist nie so attraktiv wie ein (behaupteter) Skandal selbst.
    Demenstprechend unattraktiv ist so etwas auch für eine Redaktion in den etablierten Medienhäusern.

  38. (Edit: Ich dachte ich hätte das (freudsche?) „r“ schon entfernt. Es soll aber natürlich „Krähe“ heißen.)

  39. Gute Nachrichten,
    WDR 5 Radio hat in der Sendung „Politikum“ auf diesen Artikel Niggemeiers Bezug genommen, was die lange Tradition der „fake news“ bei “ BILD“ betrifft.
    Weiter so!

  40. Leicht Off-Topic und doch auch wieder nicht und vielleicht ja ganz interessant, was Jon Stewart am 1.3.2017 in der Late Show von Stephen Colbert der Presse zum Thema Trump und Fake News zu sagen hatte:

    https://youtu.be/cmdFne7LnuA

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