„Die Aktuelle“ ließ Prinz Philip sterben, weil ihr das nicht unplausibel erschien

Im August hat „Die Aktuelle“ Prinz Philip sterben lassen. Sie zeigte ältere, teilweise manipulierte Fotos, und erzählte ein Schauermärchen, wie sich der Ehemann der englischen Königin bei einem Termin plötzlich an die Brust fasste, bevor er erst ins Krankenhaus gebracht wurde und dann, offenkundig zum Sterben, nach Hause. „Prinz Philip – es geht zu Ende“ schrieb „Die Aktuelle“ auf ihrem Titel.

Der Deutsche Presserat hat auf unsere Beschwerde hin Mitte Dezember eine Rüge gegen das Blatt ausgesprochen. Es habe mit der falschen Geschichte gegen die Ziffern 1 („Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde“) und 2 („Sorgfalt“) des Pressekodex verstoßen.

Interessant ist, wie die Zeitschrift ihre in weiten Teilen erfundene Berichterstattung rechtfertigt. „Die Aktuelle“ hatte damit Rechtsanwalt Prof. Dr. Himmelsbach beauftragt. Der teilte laut Presserat mit, dass das Blatt den Beitrag von einem Zulieferer aus Großbritannien abgekauft habe:

Der Beitrag sei der Chefredaktion nicht unplausibel erschienen, zumal Prinz Philip bereits im Mai des Jahres einen wichtigen Repräsentationsoptionstermin aus Krankheitsgründen abgesagt habe. (…) Es sei ebenfalls allgemein bekannt, dass der 95-jährige Prinz Philip im Jahr 2011 einen Stent erhalten habe. Die Nachricht, Prinz Philip habe anlässlich eines Repräsentationstermins einen Zusammenbruch erlitten, sei durchaus plausibel gewesen. Die Chefredaktion habe sich allerdings entschieden, mit dem britischen Zulieferer künftig nicht mehr zusammenzuarbeiten.

Ja gut, der Prinz Philip ist schon 95 und war schon mal krank und hat einen Stent – da kann der doch jeden Tag sterben, warum nicht an dem, den sich „Die Aktuelle“ ausgedacht hat? Es wäre zumindest nicht unplausibel, sagt der „Die Aktuelle“-Chefredakteur, sagt der „Die Aktuelle“-Anwalt.

(Dem Chefredakteur kam anscheinend auch nicht unplausibel vor, dass die Queen sich ins Krankenhaus zu ihrem Mann fahren ließ und ihr niemand sagte, dass der sich längst ausgecheckt und in den Palast hatte fahren lassen. Ach, Details.)

„Die Aktuelle“ hatte auf einem Foto die Farbe des Jacketts von Prinz Philip verändert, um den Eindruck zu erwecken, die Aufnahme sei am selben Tag wie eine andere entstanden, die ebenfalls den Zusammenbruch darstellen soll. Der Beschwerdeausschuss des Presserates hingegen sah in dieser Retusche „eine bewusst unwahrhaftige und irreführende Manipulation der Tatsachen“. Auch für die Darstellung im Text, nach der der Prinz „dramatische Minuten“ erlebte, bestehe „keinerlei tatsächliche Grundlage“.

Die Erklärung der Zeitschrift, dass sie das Material angekauft habe, änderte für den Presserat nichts an seinem Urteil:

Für die Übernahme von Material, das von Dritten zugekauft wurde, tragen die Redaktionen die Verantwortung. Ihrer Pflicht, den Wahrheitsgehalt des Beitrages mit der gebotenen Sorgfalt zu überprüfen, ist die Redaktion nicht nachgekommen.

„Die Aktuelle“ erscheint in der Funke-Mediengruppe und ist somit ein Schwesterblatt von „Berliner Morgenpost“, „Hamburger Abendblatt“ und WAZ. Wir haben den Sprecher des Verlages gefragt, ob er uns sagen kann, um welchen britischen „Zulieferer“ es sich handelte. Er wollte uns darauf keine Antwort geben.

Wir haben uns auch nach dem Titelfoto erkundigt, das die Queen mit der Zeile „Sie weint am Bett ihres Mannes“ zeigt: Stammt das auch von diesem ominösen Zulieferer? Oder handelt es sich dabei um ein von der Redaktion ausgewähltes Symbolfoto – und der „Aktuellen“ war durchaus bewusst, dass das Foto nicht die Queen am Bett ihres sterbenden Mannes zeigt?

Die Antwort des Sprechers der Funke-Mediengruppe lautet:

Bitte haben Sie Verständnis, dass wir dazu keinen Kommentar abgeben.

Einer der Gesellschafter der Funke-Mediengruppe, Stephan Holthoff-Pförtner, ist übrigens seit einigen Monaten Präsident des Zeitschriftenverlegerverbandes VDZ. Der oberste Repräsentant der Zeitschriftenverleger kommt also von einem Unternehmen, das eine Zeitschrift heraus gibt, zu der es keine Nachfragen beantworten kann, weil jede Antwort zu peinlich wäre.

12 Kommentare

  1. Als ich Schüler war haben die älteren Lehrer bei Fehlverhalten auch noch gerne Rügen erteilt. Hat mich das in irgendeiner Form tangiert? Nö! Gelacht haben wir über dieses altväterliche Gehabe!

  2. Was ist denn altväterliches Gehabe? Kommt das aus dem Altvatergebirge? Nun ja, sei es, wie es sei: Bin ja kein Experte, aber greift sich Prinz Philipp auf dem einen Foto nicht an die falsche Seite, dieser alte Simulant? Falls das Bild nicht spiegelverkehrt ist.

    Vielleicht ist der Funke-Mediengruppe auch einfach langweilig. Fährt ja nicht alle Tage ein Amok-Lkw in Sichtweite der Berliner Morgenpost vorbei.

  3. Bei der „Aktuellen“ entstehen die Geschichten so: Die Bildredakteurin schaut sich auf dem Leuchttisch die hereingekommenen Fotos der Agenturen an, sucht sich die dramatisch/“schönen“ aus, ruft den Adels-und Promi-Redakteur zu sich und sagt: „Norbert, die Bilder sind toll, lass Dir dazu etwas einfallen!“. Tja, Norbert ist halt erfindungsreich, dafür wird er bezahlt.

    M.G.
    Ex-Aktuelle-Fotoreporter

  4. Würde eine Zeitschrift solchen Unsinn über mich verbreiten, sähe ich auch aus wie die Queen auf dem letzten Cover.

  5. Nicht nur bei der Aktuellen werden die Geschichten so gemacht. Ob es die FREIZEIT REVUE ,ECHO DER FRAU; DAS GOLDENE BLATT – oder wie sie alle heißen -ist. Die „wahren“ Schicksalsgeschichten sind nie wahr, die Horoskope werden von Redakteuren ausgedacht und die Medizingeschichten sind in der Regel von der Pharmaindustrie finanziert. (Pressemeldungen, Pressereisen etc). ABER: Es wird gelesen. Und solange es Leser gibt wird sich das auch nicht ändern. UND: Geschichten werden immer wieder gerne gelesen, sie tun niemandem weh und bringen den Menschen die sie lesen, Freude. Nur Journalismus darf man das nicht nennen. Und glauben darf man es nicht.
    Journalistin und ehemalige leitende Redakteurin verschiedener bunter Blätter

  6. @Nina Janda

    „Geschichten werden immer wieder gerne gelesen, sie tun niemandem weh und bringen den Menschen die sie lesen, Freude. “

    Welche Geschichten meinen Sie?
    Zu den Promi-Geschichten: Woher wissen Sie, dass solche erlogenen Geschichten nicht weh tun? Als Klatschblatt-Redakteurin haben oder hatten Sie doch kein Intimwissen über die Promis. Es sind immer noch Menschen, über die so ein Mumpitz verbreitet wird.

    Und so etwas mit der „Freude“ der Leser an solchen Stories zu rechtfertigen, ist – pardon – ekelhaft.

  7. Wenn es darum geht, den Lesern „Freude zu bringen“: würden wahre Geschichten das etwa nicht schaffen?
    Zumal eine Todesnachricht wohl nur sehr perversen Menschen Freude macht. Sollte „Freude“ das Ziel sein, müssten doch positive Nachrichten erlogen werden.

    Nein, das ist einfach nur ekelhafter Clickbait, für den Macher wie Leser sich schämen sollten.

  8. Clickbait in einer Zeitschrift, die nur als Print-Ausgabe erscheint? Das ist nicht nur ekelhaft, sondern ganz besonders abgefeimt, niederträchtig, bösartig, hinterlistig und sehr sehr gemein!

  9. 5 / Nina Janda

    die Horoskope werden von Redakteuren ausgedacht

    Das ist ja ein Skandal!!!elf

    Ich verlange, dass sich Astrologen die Horoskope ausdenken!

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