„Die Aktuelle“ lässt Prinz Philip sterben

Der Duke of Edinburgh liegt im Sterben. Seine Frau, Queen Elizabeth, weint an seinem Bett. „Prinz Philip – es geht zu Ende“, titelt „Die Aktuelle“.

„Die Aktuelle“ ist eine Schwesterzeitschrift von „Hamburger Abendblatt“, „Berliner Morgenpost“ und „WAZ“ aus der großen Funke-Familie. Und wer sie ein bisschen kennt, kann sich denken, dass die Geschichte auf dem Weg von der Titelseite ins Heftinnere entscheidend an Brisanz verliert. Vermutlich geht es zu Ende bloß mit der Lieblingsmatratze des Prinzen, und Elizabeth weint auch eigentlich nicht am Bett, sondern ums Bett.

Richtig?

Nein.

Diesmal meint „Die Aktuelle“ das auch im Inneren so, wie es außen draufsteht: Prinz Philip liegt im Sterben. Er hat sich überarbeitet.

Es passierte bei einem Schul-Besuch, zu dem sie ihn begleitete.

Tief gebeugt schleppt er sich die Treppe hoch. Sie sieht es nicht, er muss ja hinter ihr gehen. Dann stehen sie nebeneinander. Kalter Schweiß steht ihm auf der Stirn, als er sich leise stöhnend an die Brust fasst. Plötzlich geht alles ganz schnell… Diskret bringen Bodyguards den Mann der Königin zum Auto, rasen mit ihm zum Hospital. Mit unbewegter Miene bringt Elizabeth den Termin zu Ende. Pflichtbewusst. Wie ihr Mann. Danach fährt sie in die Klinik. Um zu erfahren, dass Philip sich weigerte dort zu bleiben.

UND KEINER HAT ES DER KÖNIGIN GESAGT!

Er ist zuhause. Der königliche Leibarzt ist bei ihm. Totenstille im Schloss. Irgendwie sickert die Schreckens-Nachricht trotzdem nach draußen: „Mit Prinz Philip geht es zu Ende. Die Queen betet für ihren Mann.“

„Die Aktuelle“ malt sich lustvoll-mitleidig aus, wie unvorstellbar und unerträglich es für die Königin ist, ohne ihren Mann weiterleben zu müssen.

Sie schaut auf sein wachsweißes, eingefallenes Gesicht. Und sieht wieder den jungen, schönen Offizier, in den sie sich als 13-Jährige verliebte. Ihre erste und einzige Liebe. Der Einzige, der sie wirklich kennt. Und versteht. Sie sind ein Herz und eine Seele. Wie kann man weiterleben, wenn dieses eine Herz nicht mehr schlägt?

Schnief.

„Die Aktuelle“ hat zu dieser herzzerreißenden Geschichte Fotos drapiert. Zum Beispiel von Prinz William, Kate und Prinz Harry, die jetzt „mit Oma Queen beten“. Die Zeitschrift fragt: „Endet jetzt ihr sorgloses Leben?“ (Was wohl bedeutet: Müssen sie, keine zwanzig Jahre nach ihrer Mutter, nun auch noch den Verlust des Großvaters verkraften? Bleibt ihnen denn wirklich nichts erspart?)

Okay, das könnte immer noch alles ausgedacht sein. Aber die „Aktuelle“ hat Fotos. Zwei Fotos. Sie zeigen „die dramatischen Minuten“, in denen das Sterben von Prince Philip begann:

Unter dem ersten steht:

Alarmzeichen! Kraftlos schleppt sich Prinz Philip die Treppe hoch. Das Pflichtgefühl trieb ihn.

Und unter dem zweiten:

Der Schock: Philip greift sich an die Brust. Erst jetzt erkennt die Königin den Ernst der Lage.

Klitzekleines Problem mit den beiden Fotos: Sie sind nicht aktuell. Das erste entstand vor einem guten halben Jahr, am 7. Februar 2016. Die Queen und der Prinz besuchten damals die Sonntagsmesse in der Kirche St. Peter und Paul in Sandringham. (Um die linke Hand trug Prinz Philip damals ein Pflaster, an dem er seitdem aber nicht gestorben ist.)

Das zweite Foto ist noch älter. Es entstand vor knapp einem Jahr bei den Highland-Spielen im schottischen Braemar, die die königliche Familie jedes Jahr besucht. Im Original ist das Jackett, das der Duke of Edinburgh trägt, zwar grau und nicht grün. Aber wenn man es, wie „Die Aktuelle“, grün aussehen lässt, ist es natürlich leichter, den Eindruck zu erwecken, beide Fotos seien innerhalb von Minuten bei derselben Gelegenheit entstanden.

Jedenfalls ist er also schon ein bisschen länger her, der Moment, als Philip sich an die Brust greift. Und die Königin mit einem Mal den Ernst der Lage erkennt:

(Bildergalerie zum Durchklicken)

„Die Aktuelle“ bringt „spannende und seriöse Reportagen über Showstars, VIPs und Königshäuser, ohne Sensationslust, sondern mit viel Gefühl“. Schreibt „Die Aktuelle“. Und dann muss das ja stimmen.

[mit Dank an @doetrei!]

21 Kommentare

  1. An diesen … Journalisten? sind ja echte Groschenromanschreiber verloren gegangen.

    Wenn man für so ein Blatt arbeitet, hat man dann ein Gewissen, mit dem man das vereinbaren muss?

  2. Wahnsinn! Jetzt werden auch noch Jacketts umgefärbt…

    Kann nicht Günther Jauch mal wieder eine Einstweilige Verfügung gegen solche Schmierenblätter erwirken?

  3. Wunderbar auch, wie das Programmheft von der karierten Decke weggephotoshopt wurde. Zack, mutiert des Prinzen interessierter Blick auf eine Anzeige für Corgi-Aufzuchtfutter zum Kreislaufkollaps. Nur die Haltung der Queen wird dadurch rätselhaft. Prüft sie die Qualität des Deckengewebes, während ihr Mann neben ihr stirbt? Diese Herzlosigkeit verdient doch noch eine weitere Titelseite.

  4. Übrigens: ich weiss ja nicht ob das bei Blaublütern anders ist. Aber Prinz Philip greift sich auf dem zweiten Foto rechts an die Brust. Sollte es wirklich „das Herz sein“ würde er sich an die linke Seite greifen.

    Da hätte man in Photopshop nochmal spiegeln sollen…

  5. Diese Teaser auf der Titelseite, die im Inneren nicht einmal im Ansatz halten was sie versprechen, die ist man ja gewöhnt und kann es noch irgendwo als Eigenverantwortung abtun, wenn Käufer darauf hereinfallen.
    Hier geht die aktuelle aber einfach mal einen Schritt weiter und erfindet eine Geschichte, welche mit in Täuschungsabsicht bearbeiteten Bildern untermalt wird. Eigentlich müsste hier schon die Grenze zum Betrug überschritten worden sein: Vorspiegelung falscher Tatsachen zwecks materieller Vorteile. Unfassbar.

  6. Und … äh: Das darf man? Einfach so? In Deutschland? Einem Land, wo Journalisten schon mal Besuch vom Staatsschutz bekommen, wenn sie die Wahrheit schreiben?

  7. Und wenn der Blaublüter einfach nur die Brille suchte, um das Kleingedruckte zu lesen? Die ist meist in der Innentasche. Und so nestelt er ganz schlicht nach dieser im Jacket?

    Immer wieder! Da werden Fotos bewußt manipuliert für erfundenen Quatsch, um Omas das Geld aus der Tasche zu ziehen. Der Chefredakteur von dem Käseblatt ist letztlich verantwortlich! Berufsethos & Pressekodex kennt der leider nicht. Das gibt mal wieder Dampf auf die Begrifflichkeit „Lügenpresse“. Beschämend und nur peinlich für die WAZ-Gruppe!

  8. …und wen, bei allem Respekt, interessiert dieser Stuss?
    Übermedien? Na klasse…
    Habe es meinem Frisör gezeigt. Der meinte nur: „Die spinnen…“
    Wen oder was er gemeint hat habe ich nicht mehr hinterfragen wollen.

  9. @Ekkehard
    Ja, übermedien interessiert das. Weil, sie schreiben über Medien *hach*
    Dir mag es überflüssig erscheinen, aber da draußen gibt es tatsächlich immer noch (und immer wieder neue) Menschen, denen diese Tricks noch nicht bekannt sind. Zum einen kann der Neffe nun der alten Tante mal zeigen, wie getrickst wird. Zum anderen werden diese Tricks nicht nur bei den Schmonzettblättern angewandt.

    @all
    Waaas? Jetzt gehen sie auch noch unseren Prinzgemahl an? So geht’s nicht! Jetzt ist genug! Es langt! Ich setze mich in den nächsten Flieger und komm euch da hin!
    (Naja, eigentlich besuche ich die Mama.)
    :)

  10. Viel schwerwiegender als die offensichtliche Falschinformation finde ich die Tatsache (wie schon von anderen angesprochen), dass das zweite Bild ganz klar bearbeitet wurde, um zur Story zu passen. Damit verspielt man Glaubwürdigkeit. Ok, ich gebe zu, dieses Medium sollte wahrscheinlich eh keine große besitzen…

    Allerdings zeigt es auf, was geht und was man alles verändern kann ohne das es auf den ersten Blick erkenntlich ist. Für viele Verschwörungstheoretiker sicher ein gefundes Fressen… Wobei ich auch hier wieder bezweifle, dass diese solch ein Medium konsumieren.
    Nichtsdestotrotz: Diese Blättchen erweisen den übrigen Medien oftmals Bärendienste.

  11. @ earonn: Und die steigen dann in ihren Bielefelder Keller, hamstern Vorräte und ein bischen Dingsbums-Lektüre und nach vierzehn Tagen gehen alle an die frische Luft.
    Die „aktuelle“ kaufen…
    Im übrigen bezweifele ich, dass Omi Hedwig, eine ganz liebe Frau übrigens, nach der ihr gewohnten Lektüre anschliessend sich bei „Übermedien“ per Smartphone kundig macht.
    Insofern ist das hier doch ein sich-im eigenen-Saft-drehen-und-toll-finden-Blog.
    Nein?

  12. Dem Artikel fehlt etwas selbstkritische Reflektion. Jemand, der einige Jahre lang mit seiner Leserschaft “ aktuelle bingo“ gespielt hat, hat womöglich eine Aktie daran, dass man dort nun bemüht ist hinter der „starken“ Headline auch eine „starke“ Story zu haben.

  13. @14:
    „Insofern ist das hier doch ein sich-im eigenen-Saft-drehen-und-toll-finden-Blog.“

    Ja, klar … bei dem Wetter ist man schnell im eigenen Saft.

    Nein, ersnthaft: Wer einen eigenen Blog hat, sollte ihn gut finden, meinen sie nicht?
    Oder anders: Wer Medienkritik veröffentlicht sollte von der Korrektheit seiner Artikel überzeugt sein, denn Medienkritik ist ja selbst ein äääh mediales Erzeugnis (?), was wiederum von anderen Medienkritikern zerpflückt werden kann.

    Was Sie meinen ist wohl eher das Zielgruppenproblem.
    Hat SN auch schon öfter adressiert, dass dies ein großes Problem der Medienkritik im Allgemeinen ist.
    Da gibt es 2 Aspekte: Ort und Zeitpunkt.
    Medienkritik wird in anderen Medien und immer weit später als das ursprüngliche Presseerzeuis veröffentlicht. Das bedeutet zwangsläufig, dass ein Großteil der Leserschaft des Ursprungsartikels (Ihre Oma Hedwig) die Medienkritik niemals zu sehen bekommt und somit auch nie die falschen Fakten ausmisten kann.
    Lediglich die Korrekturen, zu denen die Verlage seitens des Presserats gezwungen werden können, müssen ja in gleicher Größe und mit ähnlicher Platzierung im gleichen Medium abgedruckt werden. Leider meist viel zu spät.

  14. Bekanntlich ist im Vereinten Königreiche alles falsch herum: Die Leute fahren auf der falschen Straßenseite, die Leute fassen sich an die falsche Seite, wenn sie sich ans Herzl fassen. Passt schon.

  15. Zwecks Gewinnerzielungsabsicht wird dem Käufer eine erfundene und grob manipulierte Geschichte als Information verkauft. Das sollte Anlass sein, den Verdacht des organisierten Betruges im strafrechtlichen Sinne zu prüfen. Oder was würde man sagen, wenn außen auf der Packung „Röstkaffee“ steht und im Inneren nur Malzkaffee ist.

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