Vermisstenfall

Wie vorverurteilend „Bild“ über den Schwager von Rebecca Reusch berichtet

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Vor etwas mehr als einer Woche jährte sich zum fünften Mal einer der wohl bekanntesten Vermisstenfälle Deutschlands: Am 18. Februar 2019 verschwand Rebecca Reusch, ein damals 15-jähriges Mädchen aus Berlin. Und der Grund, weshalb dieser Fall so ausführlich und ausdauernd von Medien begleitet wird, ist nicht, dass er einige Rätsel aufgibt, das tun ja alle Vermisstenfälle. Es liegt vor allem an dem Foto, mit dem nach Rebecca zunächst gesucht wurde.

Foto von Rebecca Reusch in der Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" im ZDF.
Öffentliche Fahndung bei „Aktenzeichen XY ungelöst, 2019“ Screenshot: ZDF

Über das Bild wurde viel diskutiert, weil es offensichtlich mit einem Instagram-Filter bearbeitet worden ist: Es zeigt Rebecca mit vollen Lippen, sehr blauen, scheinbar geschminkten Augen, und insgesamt sehr weichgezeichnet. Medien ergötzten sich am „Lolita-Look“ des Mädchens, das Foto illustrierte alle Artikel zu dem Fall. Die „Welt“ schrieb damals, das „schöne Äußere von Rebecca“ fließe immer wieder in Berichte ein, es scheine den Fall „umso tragischer zu machen“.

(Es verschwinden immer wieder Kinder, aber nicht alle bekommen so viel Aufmerksamkeit von Medien: Laut BKA wurden im Jahr 2023 „rund 16.500 Kinder“ vermisst, „rund 15.800“ dieser Fälle hätten sich im Jahresverlauf dann wieder erledigt. Etwa 700 Schicksale (!) blieben demnach ungeklärt. Kann man ja mal überlegen, wie viele davon man so mitbekommen hat.)

Für Medien war das Foto, zynisch gesagt: ein Geschenk. Damit generiert man Klicks. Für die Fahndung aber war es denkbar ungeeignet. Auf anderen Bildern, die später öffentlich wurden, sieht Rebecca natürlicher aus. Doch das Foto von Instagram dominierte und wurde zu einer Art Ikone.

Staatsanwaltschaft: „Nicht Neues“

Zum fünften Jahrestag haben wieder etliche Medien über den ungeklärten Fall berichtet. Sebastian Büchner, Sprecher der Staatsanwaltschaft in Berlin, erzählt am Telefon, dass er sehr viele Anfragen bekommen habe. Journalisten wollten immer wieder wissen, ob es denn etwas Neues gebe. Gibt es aber nicht. Das hat Büchner dann immer wieder gesagt, auch in Fernsehkameras.

In der „Bild“-Zeitung klingt das ganz anders: „Neues Video aufgetaucht“, titelt das Blatt am Montag. „Bild“ liege „jetzt“ ein Video vor, man habe es der Polizei überreicht. Online schreibt „Bild“:

„Die Bilder sind unscharf, aber sie bringen Bewegung in den Fall des verschwundenen Teenagers.“

Hört sich an wie eine brisante Neuigkeit. Andere Medien berichten sie gleich nach: Neues Video aufgetaucht! So steht es vorige Woche überall.
Das Video stammt aus einer Überwachungskamera. Laut „Bild“ zeigt es, wie das Auto, das Rebeccas Schwester und ihrem Mann gehörte, am Morgen, als das Mädchen verschwand, wegfährt und „nach 46 Minuten“ wieder zurückkommt. Der Mann von Rebeccas Schwester, Rebeccas Schwager also, gilt seit jeher als Hauptverdächtiger in diesem Fall. Bei ihm und seiner Frau hatte Rebecca in der Nacht, bevor sie verschwand, geschlafen.

Die Ermittler gehen davon aus, dass sie das Haus nicht lebend verlassen hat, aber: Dem Schwager war bisher nichts nachzuweisen. Zweimal wurde er verhaftet, zweimal wieder freigelassen. Es gilt also die Unschuldsvermutung. Und wenn auch wenig Hoffnung besteht, das Rebecca noch lebt: Eine Leiche wurde bis dato auch nicht gefunden.

Ändert das angeblich neue Video an all dem nun etwas? Nein:

„Wir kennen das Video, wir haben es ausgewertet und es ergeben sich keine neuen Erkenntnisse daraus“, sagte ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur.

Dieses dpa-Zitat findet sich auch in einem Online-Text bei „Bild“, aber erst in einem zweiten Artikel, der dazu veröffentlicht wurde, und eher versteckt. In der Druckausgabe steht nicht, dass die Ermittler keine neuen Erkenntnisse aus dem Video ziehen. Und auch nicht, dass „Bild“ es schon im Herbst der Polizei übergab. Das steht wieder nur versteckt in dem zweiten Online-Artikel.

Die Redaktion habe es aus einer Facebook-Gruppe bekommen, die sich die Suche nach Rebecca zur Aufgabe gemacht hat, sagt Staatsanwalts-Sprecher Büchner. Die Person, die in Besitz des Videos war, wendete sich also nicht an die Polizei, sondern lieber an die „Bild“-Zeitung, und die machte es erst jetzt öffentlich. Büchner sagt, dass den Ermittlern das Video aber auch nicht erst seit Herbst 2023 bekannt sei, sondern „seit Februar/März 2019“. Insofern sei die Zeitung auch nicht die Quelle. Eine Neuheit ist es also nicht. Ist es doch, findet „Bild“ und schreibt auf Anfrage: „Das Video ist für die Öffentlichkeit neu.“

Ausriss aus der "Bild"-Zeitung vom 19. Februar mit einem Foto von Rebecca Reusch und der Überschrift: "Fährt hier REBECCAS Schwager IHRE LEICHE weg?"
„Bild“ vom 19.2.2024 Ausriss: Bild

„Bild“ findet es „belastend“ für den Schwager, titelt reißerisch:

„Fährt hier REBECCAS Schwager IHRE LEICHE weg?“

Und online:

„Beging Rebeccas Schwager in 24 Minuten den perfekten Mord?“

So lange soll der Schwager, nach „Bild“-Rechnung, mit Rebecca alleine im Haus gewesen sein, bevor das Auto wegfuhr. Ob der Schwager es fuhr: Spekulation.

Es gebe „dringende Fragen“, die die Polizei „jetzt“ klären wolle, schreibt „Bild“ ursprünglich. Vielleicht sind es eher die Fragen, die „Bild“ mal stellen wollte:

„Wer fuhr den Twingo an diesem Morgen? Und: Könnte es sein, dass das Heck des Wagens bei der Abfahrt tiefer lag als bei der Rückkehr? Wenn ja: War das so, weil der Schwager die Leiche von Rebecca wegfuhr und mit leerem Kofferraum zurückkam?“

Nach unserer Anfrage hat „Bild“ die Stelle geändert. Dort steht nun nicht mehr, dass die Polizei diese Fragen klären wolle, dort stehen nur noch die Fragen und unter dem Text der Hinweis:

In einer früheren Fassung des Artikels hieß es, dass die Polizei jetzt dringende Fragen klären wolle. Diese Information basierte auf Auskünften aus Polizeikreisen und wird offiziell nicht bestätigt. Wir haben die Passage aktualisiert.

Und noch etwas ist fraglich: Wann das Video aufgenommen wurde. Büchner schreibt:

„Da der Zeitstempel des Videos bereits damals [2019] als unzutreffend festgestellt wurde, ist auch die Aussagekraft – entgegen der Auffassung von ,Bild‘ und ,B.Z.‘ – mindestens eingeschränkt.“

„Bild“ (und die Schwesterzeitung „B.Z.“) aber nutzen den Zeitstempel für ihre Theorien, schreiben etwa, dass die Zeit zwischen Abfahrt und Rückkehr des Autos gereicht haben könnten, „um zu einem nahen Sumpfgebiet zu fahren und Rebeccas Leiche zu verstecken“. Eine „konkrete Spur“ gebe es nicht. Also alles nur mal so überlegt – von einem anonymen „privaten Ermittler“.

„Bild“: Wurden „nicht aktiv in Kenntnis gesetzt“

Auf unsere Anfrage verteidigt sich „Bild“: Die Staatsanwaltschaft habe sie „nicht aktiv“ in Kenntnis gesetzt, dass sie das Video bereits seit 2019 kenne, und auch nicht darüber, dass der Zeitstempel nicht stimme. Staatsanwaltschafts-Sprecher Büchner bestätigt das. Ihm wurde selbst erst jetzt bekannt, dass die Ermittler annehmen, dass der Zeitstempel falsch ist – und wie lange die Polizei das Video schon kennt. Er hatte „Bild“ lediglich allgemein mitgeteilt, dass das, was sie da im Herbst überreicht hatte, keine neuen Erkenntnisse bringe.

Man kann das für eine lückenhafte Kommunikation der Behörden halten. Oder für Ermittlungstaktik; dass also Ermittler nicht alles gleich preisgeben, was sie so herausgefunden haben. Sicher aber ist: „Bild“ wusste, dass das Video in den Augen der Ermittler nichts Neues bringt. Was das Blatt nicht davon abhielt, das Video als brandheißes, belastendes Indiz aufzubauschen – in einer ganzen Serie von Artikeln rund um den Jahrestag von Rebeccas Verschwinden.

Jetzt wurde dann jedenfalls mal recherchiert: Durch unsere Nachfragen erfuhr „Bild“, dass es Zweifel am Zeitstempel gibt. Die Staatsanwaltschaft schreibt uns (und „Bild“), dass die Systemzeit der Überwachungskamera „falsch eingestellt“ gewesen sei, „so dass sich das auf der Aufnahme zu sehende Geschehen wohl nicht schon ab 7.24 Uhr abgespielt hat, sondern erst ab 8.36 Uhr“. Was das heißt? Klar, das heißt, dass es nun einen weiteren Artikel dazu bei „Bild“ gibt.

„Neue Details belasten den Schwager“, titelt das Blatt am Freitagabend. Und schreibt: „Beging Rebeccas Schwager Florian R. (32) gar nicht in 24 Minuten den perfekten Mord, sondern hatte er viel mehr Zeit?“

Als wäre sicher, dass der Schwager Rebecca umgebracht hat. Es ist eine perfide, vorverurteilende Art, das so auszudrücken – trotz absicherndem Fragezeichen.

Ein Kommentar

  1. Confirmation Bias:
    Bildete das Video einen Zeitabschnitt ab, der fast ausschließt, dass der Schwager der Täter ist – „Perfekter Mord?“
    Bildete das Video einen Zeitabschnitt ab, der zu anderen Daten und Aussagen passen würde – „War der Mord halt doch nicht perfekt…“

    Das mit dem Insta-Foto ist allerdings auch sehr das Versagen der Polizei.

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