Doku über „Aktenzeichen XY“

Wem wollte Eduard Zimmermann Angst machen und warum?

Eduard Zimmermann 1986 mit Peter Nidetzky (Wien) und Konrad Toenz (Zürich)
Eduard Zimmermann 1986 mit Peter Nidetzky (Wien) und Konrad Toenz (Zürich) Foto: Imago / United Archives

Wenn man den Film von Regina Schilling über „Aktenzeichen XY ungelöst“ beim Wort nimmt, war die legendäre ZDF-Sendung womöglich ein groß angelegtes Propagandaprojekt, mit dem Eduard Zimmermann die Frauen dazu bringen wollte, „brav zuhause zu bleiben“ – die jüngeren bei ihren Eltern, die älteren bei ihren Ehemännern und Kindern. Sie sollten davon abgeschreckt werden, einen Ausbruch aus der bürgerlichen Enge zu versuchen und irgendeine Art von Freiheit zu wagen. Sie sollten sich stattdessen um ihre Familie kümmern …

… und einmal im Monat an einem Freitagabend mit ihnen vor dem Fernseher sitzen und sich von Zimmermann erzählen lassen, wie gefährlich die Welt da draußen ist, insbesondere für Frauen, die nicht brav zuhause bleiben, auch wenn das gar nicht stimmte.

Regina Schilling formuliert das nur als Frage, aber es ist eine Unterstellung, die sich durch ihren Film zieht. Es ist ein sehr guter Film, der vom ZDF selbst in Auftrag gegeben wurde, brillant komponiert, voller unglaublicher Sendungsszenen vor allem aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, die die Autorin mit den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in der Bundesrepublik kontrastiert und mit persönlichen Anmerkungen versieht.

Er hat nur einen Haken: Er überzeugt mich nicht.

Die Angstmaschine

Eduard Zimmermann mit einer Pistole
Zimmermann in der ersten Sendung am 20.10.1967 Foto: ZDF

Die Fahndungssendung wurde 1967 von Zimmermann erfunden und war womöglich das erste True-Crime-Format der Welt. „Diese Sendung ist kein Spiel – die unheimliche Welt des Eduard Zimmermann“ zeigt „XY“ als große Angstmaschine. Alles wurde damals, vor allem für jüngere Zuschauerinnen, wie es Regina Schilling (Jahrgang 1962) war, von dieser Angst kontaminiert: der Wald, der Schulweg, all die alltäglichen Gegenstände, die plötzlich in Verbindung mit einem schrecklichen Verbrechen gezeigt wurden: „Die Dinge, die uns umgaben, wurden uns unheimlich.“

„XY“ war ohne Zweifel eine solche Angstmaschine. Im 3sat-Film „Aktenzeichen XY … ungelöst – Ein Klassiker verfolgt seine Zuschauer“ haben Stefan Eckel und Rolf S. Wolkenstein schon 1999 eindrucksvoll dokumentiert, wie Zimmermanns Sendung „der Bilderfundus eines namenlosen Grauens“ wurde: „Niemand, der nach einer Sendung nicht einmal unters Bett geschaut hätte oder plötzlich eine luftabschnürende Angst bekam, wenn das Treppenhauslicht erlosch.“

Regina Schilling zeigt, dass „XY“ den Zuschauerinnen und Zuschauern einerseits das Gefühl gab, dass man nirgends sicher war. Das Böse war zwar draußen, aber es drang auch immer wieder in das Zuhause der Guten ein. Andererseits gab es Orte und Tätigkeiten, die ganz besonders unsicher waren, vor allem, nein: eigentlich ausschließlich für Frauen. Ganz vorne: Das Einsteigen in ein fremdes Auto. „Welches Mädchen wollte noch trampen, nachdem es ‚XY‘ gesehen hatte?“

Immer und immer wieder warnte Zimmermann in seinen Sendungen davor, eindringlich, pädagogisch, mit drastischen Spielszenen, mahnenden Worten, raunenden Sprechersätzen und der immer gleichen Erzählung, die Schilling so zusammenfasst:

„Es war mal ein Mädchen. Das hatte ein schönes Zuhause. Es zog aus in die Welt und wollte Spaß. Das Mädchen ließ sich verführen. Es kam vom Weg ab und verirrte sich im Wald.“

Das Trampen, vor dem Zimmermann so warnte, es war nicht nur irgendeine Art der Fortbewegung für Schilling. Es stand sehr symbolisch und ganz praktisch für: Freiheit.

„Per Anhalter fahren, bedeutet für uns: endlich raus aus dem spießigen Elternhaus. Ausgehen. Quer durch Europa reisen. Die Welt sehen. Unabhängig sein. Hielten wir an der Autobahn den Daumen raus, ließen wir alles hinter uns.

Sollten das alles nur die Männer dürfen?“

Das ist eine sehr berechtigte Frage, aber lag das wirklich an Eduard Zimmermann?

Quoten- und Fahndungserfolg

Eduard Zimmermann im XY-Studio neben einer Kamera
Zimmermann 1972 Foto: ZDF

Vieles an „XY“ war problematisch. Schon die Grundidee, „den Bildschirm zur Verbrechensbekämpfung einzusetzen“, wie Zimmermann es formulierte. Die Sendung war zwar sofort ein Erfolg: sowohl an Zuschauerzahlen gemessen, als auch an Festnahmen von Tätern und Verdächtigen. Aber diese Erfolge hatten einen Preis, wie Schilling zeigt.

Umstritten war auch die Darstellung der Gewalttaten: teilweise außerordentlich brutal, schonungslos im vermeintlichen Dienst der guten Sache; teilweise gerade durch die Leerstellen, die sie ließ, furchtbar suggestiv.

Es ist faszinierend und eindrucksvoll in der Dokumentation zu sehen, wie „XY“ Normalität und Andersartigkeit inszeniert, Gut und Böse, Ordnung und Chaos. Kein Zweifel, dass diese Inszenierungen eine Wirkung hatten, dass Zimmermanns Sendung eine konservativ-bürgerliche Weltsicht zugrunde lag. Und dennoch habe ich immer wieder das Gefühl, dass Regina Schilling diesen Szenen mit Kommentaren und Schnitten eine Eindeutigkeit zuschreibt, die sie nicht haben.

Zum Beispiel der Fall eines homosexuellen Mannes, der jahrelang in die Szene nach Amsterdam reiste und dort 1969 auf besonders brutale Art umgebracht wurde. „Ein Mann, der durch seine Lebensführung erhöhten Risiken ausgesetzt war“, hören wir Eduard Zimmermann sagen. „Ohne dass er selbst viel daran ändern konnte.“

Regina Schilling kommentiert das mit den Worten: „Sie können sich nicht ändern und müssen ihrer Lust folgen. Waren die Männer am Ende selbst schuld, wenn sie umgebracht wurden?“

Hat Zimmermann das wirklich suggeriert, wie Schilling suggeriert?

Morde dieser Art

Zimmermann spricht nach diesem Filmfall mit einem Beamten im Studio darüber, dass „Morde dieser Art“ für die Polizei besonders schwer zu lösen seien. „Das liegt daran, dass die persönlichen Beziehungen der Opfer nicht so durchsichtig sind wie bei anderen Menschen in geordneten, bürgerlichen Bahnen.“

Das ist wohl wahr und klingt gleichwohl stigmatisierend. Aber vermitteln solche Formulierungen wirklich das Gefühl, dass die Opfer selbst schuld daran sind, zu Opfern geworden zu sein?

Kann Zimmermanns Satz „Ohne dass er selbst viel daran ändern konnte“ nicht auch ein Hinweis darauf sein, dass es nicht nur um eine riskante selbst gewählte „Lebensführung“ geht, sondern um ein elementares Bedürfnis, das die Bundesrepublik vielen Menschen nicht zugestand, weil sie homosexuelle Handlungen noch bis 1969 und teilweise darüber hinaus unter Strafe stellte?

Die von Schilling ausgewählten Beispiele haben manchmal eine Mehrdeutigkeit, die sie ihnen mit ihren Kommentaren zu nehmen versucht – was zu dem merkwürdigen Effekt führt, dass ich mich dabei ertappe, plötzlich auf Seiten Zimmermanns zu stehen und ihn gegen die Filmemacherin in Schutz nehmen zu wollen.

Einerseits geben Schillings Kommentare den Szenen einen großen Resonanzraum. Sie machen aus einem pointierten, clever geschnittenen Rückblick auf eine legendäre Sendung ein besonderes Fernsehereignis, ähnlich wie es ihr außerordentlicher Film „Kulenkampffs Schuhe“ war. Andererseits wirken gerade diese Kommentare manchmal wie Überinterpretationen des Gezeigten, notdürftig in Fragen gekleidete Behauptungen.

„Was faszinierte unsere Eltern damals so“, fragt sie, nachdem sie beschrieben hat, wie schnell „XY“ Ende der 60er Jahre zum Erfolg wurde. „War es die Lust an der Angst? Die Belohnungen? Fühlten sie sich selbst noch als Opfer, nachdem sie den Krieg verloren hatten und vor der Welt als Täter dastanden? Es scheint, als hätte das Land auf Zimmermann gewartet.“

Ja, vielleicht. Vielleicht gibt es diese volkspsychologische Verbindung zum Zweiten Weltkrieg. Vielleicht ist das auch völliger Unsinn. Es ist ein möglicherweise reizvoller, mir aber sehr abwegig erscheinender Gedanke. (Er lässt auch außer acht, wie schnell sich „XY“-Varianten in anderen Ländern durchsetzten.)

Gut und Böse

Eduard Zimmermann mit einem Gewehr
Foto: ZDF

„Die Welt, die Eduard Zimmermann inszeniert, ist einfach“, sagt Schilling. „Es gibt die Opfer, die gesetzestreuen Bürger. Durch Fleiß und Anstand zu Wohlstand gekommen. Sie sind die Guten. Die Täter haben es auf Leib, Leben und Geld abgesehen. Sie haben keine Geschichte. Sie stehen immer außen. Sie sind böse.“

Das stimmt – aber es bedarf dafür keines besonderen Willens. Diese Inszenierung ergibt sich aus der Logik einer solchen Fahndungssendung: Die Täter sind in aller Regel unbekannt. Die Geschichten werden aus der Sicht der Opfer erzählt.

Dass die daraus resultierende Schieflage in der Natur der Sache liegt, macht sie nicht unproblematisch. Aber dadurch wirkt es mindestens unnötig, immer wieder Eduard Zimmermann persönlich eine bewusste, manipulative Ideologisierung zu unterstellen, wie es der Film tut.

Gelegentlich wirkt das fast perfide, wenn Schilling nach dem Terrorismus der RAF, vor dem Zimmermann warnte und der auch ihn bedrohte, formuliert: „Der deutsche Herbst hat das ganze Land in Angst und Paranoia versetzt. Damit kennt Zimmermann sich aus.“

Und als wir in der Chronologie beim Regierungswechsel 1982 angekommen sind, heißt es: „Nicht nur Helmut Kohl triumphiert. Auch für Eduard Zimmermann ist das ein großer Tag. Verkündet Kohl doch die geistig-moralische Wende, an der Zimmerman schon seit Jahren arbeitet. Sicher nicht in seinem Sinne: Dass nun auch die Grünen in den Bundestag ziehen.“ Es mag sein, dass das so war. Doch Belege für diese Unterstellungen bleibt der Film schuldig.

Es ist aber auch kein Beleg-Film. Er ist ein Assoziations-Film. Er zeigt, wie eine Fernsehsendung Stimmung gemacht hat. Und er macht seinerseits auf geschickte Art Stimmung dagegen – durch die Art der Komposition, durch ein filmisches Raunen, durch subjektive Kommentare. Es ist über größere Strecken keine analytische Dekonstruktion, sondern eine emotionale, und das spricht gar nicht gegen den Film, sondern macht seinen Reiz aus.

Plötzlicher Faktencheck

Das ändert sich sehr unvermittelt nach 75 Minuten. Wir sehen Eduard Zimmermann in der „XY“-Sendung vom 29. Oktober 1982 mit einem dicken Berichtsband in der Hand. Er blättert eine bestimmte Seite auf und sagt:

„Meine Damen und Herren, bei der Auswertung der Kriminalstatistik des letzten Jahres ist mir ein Satz aufgefallen, den man jungen Frauen und Mädchen eigntlich nicht oft genug ans Herz legen kann. Er lautet: ,Bei Vergewaltigungen und sexuellen Nötigungen ist festzustellen, dass der überwiegende Teil der Delikte entweder an Anhalterinnen oder im Anschluss an Gaststättenbesuche ausgeführt wird.‘ Das bedeutet, dass hier in der Bundesrepublik von den knapp 11.000 Verbrechen dieser Art, Sexualmord eingeschlossen, mehr als die Hälfte an Frauen und Mädchen verübt wird, die per Anhalter fahren oder auch zu Fuß von nächtlichen Veranstaltungen kommen.“

Hier friert das Bild ein, und die Off-Sprecherin widerspricht: Der von Zimmermann zitierte Satz lasse sich in der Kriminalstatistik nicht finden, auch nicht in den Vorjahren. In einer Studie des Bundeskriminalamtes über die Gefahren des Trampens heiße es dagegen, dass das Risiko, Opfer eines Sexualverbrechens, beim Trampen nicht größer sei als beim abendlichen Heimweg oder beim Warten auf den Bus. „Die größte Gefahr beim Trampen besteht darin, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden.“

Wenn das stimmt, ist es ein Hammer, und der Schlag ist umso wuchtiger, als Regina Schillings Film hier zum ersten Mal in diesen Faktencheck-Modus wechselt. Bis dahin konnte man als Zuschauer Zimmermanns Fixierung aufs Trampen vielleicht als Merkwürdigkeit abtun – aber man konnte ihr auch entgegenhalten, dass die konkrete Angst, die „XY“ damit produzierte, ja einer realen Gefahr entsprach.

Dieses Gegenargument entreißt Schilling an dieser Stelle dem Zuschauer. Das ist auch die Stelle, an der sie die Frage aufwirft, ob Zimmermann „uns 30 Jahre lang ein Märchen erzählt“ hat, „damit wir Frauen brav zuhause bleiben“.

Zuhause sind wir auch nicht sicher

„Haben wir nicht ein grundsätzliches Problem?“, fragt Schilling gegen Ende der Sendung und führt dann aus:

„Jede vierte Frau in Deutschland wird Opfer häuslicher Gewalt. Die Mehrzahl aller getöteten Frauen kannte die Täter. Meist waren es ihre Ehemänner, Partner, Ex-Partner oder Verwandte. Kindesmissbrauch findet am häufigsten in der Familie statt. Zuhause sind wir auch nicht sicher.“

Für die meisten dieser Fälle ist kein Platz in „XY“, und das liegt weniger an einer manipulativen Absicht als am Konzept und der der thematischen Begrenztheit einer solchen Fahndungsshow: Sie produziert und reproduziert blinde Flecken. Das eigentliche Problem der Sendung ist, so gesehen, nicht die Angst, die sie schafft, sondern eine falsche Sicherheit, in der sie uns wiegt.

In den Sendungsvorspännen, die nach Eduard Zimmermanns Zeit entstanden sind, mit Rudi Cerne als Moderator, sind übrigens neben Rudi Cerne, Rudi Cerne und Rudi Cerne zu sehen: ein kleines Mädchen im Wald, eine Frau im Minirock als Anhalterin am Straßenrand, eine Frau im kurzen Rock in einer Tiefgarage.

Klassiker im modernen Gewand: Anhalterin, Kind im Wald Screnshot: „XY“-Intro von 2002

Aber das ist kein Thema mehr für diesen Film.

Ruhestörung

„Diese Sendung ist kein Spiel“ ist eine sehr sehenswerte Dokumentation, auch dann, wenn man Regina Schillings These, die sie durchzieht, nicht zustimmt. Sie ist erhellend und unterhaltsam und ein guter Anlass für viele Diskussionen. Und sie zeigt Fernsehen nicht nur, was häufiger vorkommt, als Spiegel der Zeit. Sondern auch, was selten ist, als Medium, das die Zeit prägt, das eine gesellschaftliche Wirkung hat.

Das Besondere der Dokumentation macht nicht zuletzt die Stimme von Maria Schrader aus, die den Off-Kommentaren – wie schon in „Kulenkampffs Schuhe“ – einen außergewöhnlich privaten, nahen, lakonischen Ton gibt. Und die Musik von Ulrike Haage, die die alten Originalspielszenen in ihrer Wirkung mal verstärkt und mal konterkariert – und sie dadurch, dass sie hörbar aus einer anderen Zeit stammt, faszinierend verfremdet.

Geschickt ist auch, wie Regina Schilling Szenen, die offensichtlich aus den „XY“-Filmen stammen, losgelöst von ihren Fällen benutzt, um den Alltag in der Bundesrepublik in den Sechziger- und Siebzigerjahren zu bebildern. Gleich am Anfang behauptet sie so, das Leben in Deutschland am Tag der „XY“-Premiere zu zeigen, am 20. Oktober 1967: Menschen, die entspannt in ihren Betten liegen, Frühstück machen, zur Arbeit gehen (Männer), sich um den Haushalt kümmern (Frauen).

„Ihr Leben verläuft in friedlichen Bahnen, ihre Welt, so scheint es, ist in Ordnung“, kommentiert sie das. „Alle freuen sich auf das nahende Wochenende und einen gemütlichen Fernsehabend. Noch ahnen die Fernsehzuschauer nicht, dass sie von nun an viel schlechter schlafen werden als bisher.“ Die Formulierung spiegelt den „XY“-Satz-Klassiker, den Wolfgang Grönebaum mit seiner markanten Knarzstimme in vielen Varianten sprach: „Noch ahnen sie nicht …“

Die Art, wie Regina Schilling Eduard Zimmermann damit in den ersten Minuten als Ruhestörer inszeniert, hat eine bemerkenswerte Ironie: Denn die betonschwere, enge Ruhe der Sechzigerjahre, die sie hier zeigt, wollte sie nun wirklich nicht bewahrt wissen.


„Diese Sendung ist kein Spiel – Die unheimliche Welt des Eduard Zimmermann“ ist von 10 Uhr an in der ZDF-Mediathek zu sehen und läuft heute um 23 Uhr im ZDF.

Lesetipp: In einem „WikiXY“ haben Nerds unfassbar viele Details zu allen „XY“-Sendungen zusammengetragen.

19 Kommentare

  1. Schöne, differenzierte Analyse. Kindheitserinnerung (80er): Meine Eltern schauten „Ganoven-Ede“ immer mit einer Mischung aus ironischem Grusel und politischer Ablehnung. Ich habe schlecht gespielte Verbrechen, steif moderierte Telefonschalten und Fragen a lá „Erkennen Sie diese Kettensäge?“ im Kopf. Beängstigender als „Der Alte“ oder „Ein Fall für zwei“ fand ich das, glaube ich, nicht.

    „Die von Schilling ausgewählten Beispiele haben manchmal eine Mehrdeutigkeit, die sie ihnen mit ihren Kommentaren zu nehmen versucht.“

    Das ist ein weit verbreitetes Phänomen, nicht nur bei Schilling über Zimmermann.

    „… die betonschwere, enge Ruhe der Sechzigerjahre, die sie hier zeigt, wollte sie nun wirklich nicht bewahrt wissen.“

    Was allerdings für den Herbst 1967 ein Anachronismus ist: Am 2. Juni war Benno Ohnesorg ermordet worden, die Studentenrevolte befand sich auf dem Höhepunkt. In den Medien tobten Debatten über Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den Alt-Nazi im Kanzleramt. Ulrike Meinhof saß in Talkshows und der Spiegel druckte Rudi Dutschke auf dem Titel ab.

    Mir scheint, Frau Schilling verlängert hier die spießige Ära Adenauer in eine Zeit, in der sich Republik rasant veränderte.

  2. @Kritischer Kritiker: Regina Schilling spricht das selbst im Film ausdrücklich und sehr früh an, dass das Jahr 1967 ein besonderes ist, in dem ohnehin vieles ins Kippen gerät. Nur diese Idylle, sie sie am Anfang zeigt, ist halt noch die private (Schein-)Idylle davor.

  3. „Wenn das stimmt, ist es ein Hammer …“ evtl. ein Anlass für einen Faktencheck des Faktenchecks?

  4. Zitat:
    „Was faszinierte unsere Eltern damals so“, fragt sie, nachdem sie beschrieben hat, wie schnell „XY“ Ende der 60er Jahre zum Erfolg wurde.

    Die Frage ergibt insofern ja auch wenig Sinn, als dass alle nachfolgenden Generationen ebenfalls sehr viel „True Crime“-Formate schauen und hören.

  5. @Vannay (#3):

    Die Kriminalstatistik von 1981 kann man beim BKA herunterladen. Habe nachgeschaut: Da steht tatsächlich nichts in dieser Richtung. Aber in dem Zitat ist ja von einer „Auswertung“ die Rede, und die findet man (auf Anhieb zumindest) nicht.

    @Stefan Niggemeier (#2):

    Stimmt. Habe mir die Doku jetzt angeschaut. Die zeitliche Einordnung passt (kommt ja sogar ein Talkshow-Auftritt von Ulrike Meinhof vor). Filmisch finde ich das gut gemacht, aber auch dezent manipulativ – zuviel „wir“ und „unser“, zu viele Suggestivfragen. „Wir Kinder“ haben von XY geträumt? Echt, alle? Was hat „unsere Eltern“ an XY fasziniert? Wirklich Schuldabwehr? Oder doch, banaler, dasselbe Gruselbedürfnis, was heute die True-Crime-Podcasts befeuert und Romane wie „Der goldene Handschuh“ zu Bestsellern macht?

    Interessant finde ich, wie sich die politische Einordnung von Tätern und Opfern verschoben hat: Zimmermann und sein „Weißer Ring“ wurden damals von links kritisiert, weil sie sich auf die Opfer versteiften und den Täter als gesichtsloses Böses erscheinen ließen – Kontext war die sozialkritische Position, wonach Kriminalität Ausdruck von Klassenverhältnissen sei (siehe etwa Dutschkes Brief an seinen Attentäter). Schilling greift diese Kritik für ihren Film auf.

    Heute hat sich das Verhältnis (zumindest was bio-deutsche Verbrecher betrifft) gedreht: Eher wird beklagt, dass es zu sehr um die Täter gehe und die Opfer aus dem Blickfeld gerieten.* Bei Übermedien hat, ich meine, Lisa Kräher an verschiedenen Stellen Journalisten für die Suche nach Hintergründen kritisiert, weil schon diese Frage nach Verständnis für die Tat heische. Wäre mal ein interessantes Thema für eine sozial-historische Studie…

    *Es gibt auch Ausnahmen, wie Ronen Steinkes Buch über Klassenjustiz.

  6. @kk
    „bio-deutsche Verbrecher“
    Echt jetzt?

    Wann werden wir von einem Volk der Schäferhundzüchter und Blutlinienveredler endlich zu einem echten Staatsvolk?

    Und „die Linke“ hat mal wieder …wahrscheinlich alle zusammen und im Gleichschritt. Was ist bloß aus den Diskursen in diesem Land geworden?

  7. @Frank Gemein:

    Wenn Sie aus böswilligem Missverstehen eine Kunstform machen wollen, sei Ihnen das vergönnt. Nur üben Sie bitte nicht jedes Mal an mir.

  8. @KK:

    Was ist denn bitte ein „Bio-Deutscher“? Ein Grüner?

    https://www.spiegel.de/panorama/biodeutsch-wer-benutzt-den-begriff-und-was-bedeutet-er-a-00000000-0003-0001-0000-000001410970

    „[…]
    Aber wieso gilt die in Kanada geborene Anke Engelke als „biodeutsch“, nicht aber Noah Becker, der in München geborene Sohn von zwei Baden-Württembergern? Was ist mit dem personifizierten Klischeebild einer Biodeutschen Helene Fischer? Die Schlagersängerin ist 1984 in Sibirien geboren.

    Als durch und durch „biodeutsch“ müsste hingegen der 1925 in Berlin geborene schwarze Schriftsteller Theodor Michael gelten. Wer sein Buch „Deutsch sein und schwarz dazu“ gelesen hat, weiß allerdings, dass er dies Zeit seines Lebens ganz anders erfahren hat.
    […]“

    Ich würde es vorziehen, wenn solche Begriffe nicht einfach weiter getragen würden. Denn wenn irgendwo das Wort „Framing“ paßt, dann darauf.

  9. @Stefan Niggermeier:
    Also sollen Kommentare nicht kommentiert werden, auch wenn Begriffe auftauchen, die von einem als hochproblematisch gewertet werden können. Hatte ich so nicht erwartet. A long way to go.

    @KK:
    ich kann keine Beispiele finden, wo der Weisse Ring von „links“ angegangen wurde, weil die Täterperspektive zu kurz käme.

    Können Sie mir da weiterhelfen?

  10. @Frank Gemein (#12):

    „ich kann keine Beispiele finden, wo der Weisse Ring von „links“ angegangen wurde, weil die Täterperspektive zu kurz käme.“

    Beispiele habe ich nicht – wir reden von den 70er- und 80er-Jahren. Aber das Thema kommt auch im Film vor. Der „Weiße Ring“ war damals (bis Mitte der 90er) das konservative Sprachrohr seines Gründers und Vorsitzenden Herrn Zimmermann und propagierte ein tradiertes Bild von Kriminalität: Der Kriminelle als moralisch verkommenes (Unterklassen-)Subjekt, dem mit mehr Repression und härteren Strafen zu begegnen sei. Da schwang lange noch das NS-Bild des „Berufsverbrechers“ mit.

    Gegen diese Vorstellung richtete sich in Folge von 68 eine linke Denkschule, die Kriminalität mit Marx als Folge kapitalistischer Klassengegensätze beschrieb, Polizei und Justiz als Mittel des Klassenkampfes von oben betrachtete und als Lösung der Probleme die Behebung sozialer Missstände empfahl. Häftlinge wurden damals manchmal „soziale Gefangene“ genannt – analog zu den „politischen Gefangenen“ aus RAF & Co.

    Konkret gestritten wurde häufig über den Umgang des Staates mit linker Militanz (auch das klingt im Film an) oder über Drogenpolitik. Ich erinnere mich an eine Broschüre, die der Weiße Ring um 1990 an meiner Schule verteilen ließ – sie käute das Märchen von THC als Einstiegsdroge wieder und erzählte Schauergeschichten von Dealern, die brave Kinder süchtig machen, indem sie ihnen Teufelsdrogen ins Getränk schütten. (Ich setzte mich als Mitglied des Schülerrats für eine Gegenveranstaltung ein, die unser Direktor aber verboten hat.)

    Zum Bio-Deutschen: Ich benutze den Begriff seit 20 Jahren in der Weise, in der man heute „Kartoffel“ sagt. Lesen Sie den Wikipedia-Eintrag, dann wissen Sie, woher das Wort damals kam: Von Kanak Attack.

  11. @KK:
    In der 2. Spanischen Republik sollen Bauarbeiter in Barcelona den Bau eines neuen Gefängnisses bestreikt haben, weil sie im Anschluss ja selber dort eingesperrt würden.
    Das zumindest erzählten mir Freunde aus Spanien. Weiterstadt und die RAF sind eine andere Episode der Geschichte.
    Also ja, es ist sicher auch etwas dran, dass Gefängnisse der Disziplinierung auch der (noch)Nichtinsassen dienen sollen. Die hohe Zahl an Insassen wegen Softdrugs oder Schwarzfahren spricht Bände.

    Ich kenne aber nur Vorwürfe gegen den weißen Ring, die die Behandlung von Opfern angehen. Um an Hilfen zu gelangen, mussten (müßen?) Befragungen absolviert werden, die teilweise mehr als grenzwertig gewesen sein sollen. Queeren Opfern wurde kaum verklausuliert Mitschuld unterstellt, Frauen auf ihren Lebenswandel abgeklopft. Teilweise sollen solche „Verhöre“ auch ungefragt für Studien ausgewertet, ohne die Personen um Erlaubnis zu fragen oder sie auch nur zu informieren. Später gab es auch noch zumindest einen Fall von sexueller Belästigung.
    Bei allem Guten , was der weiße Ring sicher auch geleistet hat, muss das eben auch erzählt werden können. Die profiliertesten Kritiker sähen die Hilfe, die er gibt, halt lieber in Händen öffentlicher Stellen.

    Aber nun mal zur jüngeren Vergangenheit und Gegenwart:
    Wenn Autorinnen hier darauf hinweisen, dass über die Pflegerin in einer Pflegeeinrichtung, die Patienten ermordete, sehr viel Erklärendes berichtet wird ( „wolle die armen Menschen erlösen“) während niemand auch nur die Namen oder gar Bilder der Opfer kenne, dann bedeutet das nicht, dass über Täter:innen nicht mehr- oder kaum noch berichtet werden dürfte. Was für eine Logik soll das denn sein?
    Was auch immer das mit deren Erscheinungsbild und/oder „bio-deutsch“igkeit zu tun haben soll, erschliesst sich mir schon überhaupt nicht mehr.
    Können wir uns darauf einigen, dass mehr möglich ist als entweder oder?
    ( zum 1000. Male: Ambiguitätstoleranz)

    Die Kriminologie sagt, dass soziale Herkunft und sozialer Status die stärksten Prädispositionen dafür sind, später mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Das sagt nicht die „linke“, sondern die Wissenschaft, die Empirie und nebenbei der Menschenverstand.
    Auch deshalb, weil die Überwachung dieser Klientel und der ihr zugerechneten Kriminalitätsschwerpunkte eine ganz andere ist.
    Selbsterfüllende Prophezeiungen tun ein übriges.

    Rudi Dutschke hat dem Attentäter nicht geschrieben, weil er irgendeine Vermutung hatte, dass dieser benutzt worden sein könnte. Daran kann es tatsächlich wohl kaum einen Zweifel geben und die Haupttäter waren Teil des Springer Verlags.
    Muß mensch sich blöd stellen, um nicht der reinen Ideologie verdächtig zu sein?

    Was ich persönlich Aktenzeichen XY und dem folgenden True crime boom anlaste ist, dass im Ergebnis keine Aufklärung der Rezipienten erfolgt, sondern eine Einschüchterung.
    Die Angst vor Kriminalität ist heute vielfach größer, während die Kriminalitätsraten seit Jahren meist sinken.
    Es haben die erwiesen am meisten Angst davor Opfer zu werden, die am sichersten sind.
    2001 hat die BILD hier in Hamburg mittels Panikmache Barnabas Schill ins Amt geputscht. Ein einziger Vorgang von Netzkriminalität mit zigtausenden Opfern hat die Eckdaten dermaßen in die Höhe schnellen lassen und bei Springer wurde daraus ein Endzeitszenario.

    Kriminalitätsberichterstattung ist lukrativ und mächtig.

    Dabei sollte sie besonders verantwortungsbewußt und vorsichtig geschehen. Das Gegenteil ist offensichtlich der Fall.

    Ja, Herr Niggermeier, ich laß es nun.

  12. „Was ich persönlich Aktenzeichen XY und dem folgenden True crime boom anlaste ist, dass im Ergebnis keine Aufklärung der Rezipienten erfolgt, sondern eine Einschüchterung.“
    Ich würde da schon differenzieren wollen, auch wenn ich kein regelmäßiger Zuschauer von Aktenzeichen XY war und den hier besprochenen Film auch nicht gesehen habe: Nach meiner Erinnerung kam in den Sendungen, die ich von „Aktenzeichen“ gesehen habe, doch durchaus deutlich rüber, dass es nicht um das Zeigen von Kriminalität / einzelnen Verbrechen an sich (und deren Aufklärung) ging, sondern um Fälle, bei denen die Ermittlungsmöglichkeiten ausgeschöpft waren und man sich deshalb an die Öffentlichkeit wandte … also eine „Fahndungssendung“ nach Hinweisen/möglichen Tätern.

    Wenn das das Sendungskonzept ist – nunja, was sollen sie dann anderes machen, als die unaufgeklärten Verbrechen möglichst detailreich nachzustellen? Und nunja, es verwundert mich auch nicht, dass gerade Verbrechen gegenüber Tramperinnen mit den sonstigen, damals noch sehr viel eingeschränkteren Ermittlungsmethoden häufig nicht weiter aufgeklärt werden konnten und so vielleicht überproportional häufig auch bei „Aktenzeichen“ landeten auf der Suche nach Hinweisen, die vielleicht doch noch weiterführen könnten.

    Die berichtete These des aktuellen Films erscheint mir angesichts dessen dann doch schon seeeeehr bemüht. Dass Zimmermann nun mit Bedacht/Vorsatz/System/aus gesellschaftspolitischen Gründen gegen das Trampen angehen wollte … nochmal nunja. Vielleicht hat sich ja ob der Vielzahl an Fällen, die gezeigt wurden, bei ihm auch einfach ein gewisser Tunnelblick eingestellt.

    Jedenfalls: Wenn man die Darstellung von Verbrechen in „Aktenzeichen“ kritisieren will, dann muss man, anders als bei im Nachhinein „berichtenden“ True-Crime-Formaten, meines Erachtens die ganze Sendung in Frage stellen. Natürlich macht es Angst und schüchtert ein, reale Verbrechen recht detailreich dargestellt zu sehen. Wenn aber das Sendungsziel ist, weitere Hinweise in genau diesem Fall zu erhalten, wie sollte ich es dann anders machen?

  13. @Vannay (#15):

    Na, der Herr Zimmermann war schon ein sehr konservativer Knochen, die Sendung zu ihrer Zeit hart umstritten und die Verbrechen oft klischeehaft gewählt. Den ganzen Abgrund an häuslicher Gewalt gab es bei ihm nicht (klar, denn da sind ja die Täter bekannt – und dennoch verzerrt es das Gesamtbild).

    Aber es stimmt, dass der Film sehr einseitig interpretiert. Was ist ein Doku-Beitrag über eine reale Frau, die Opfer einer Vergewaltigung wird? A) Aufklärung über sexistische Gewalt, oder B) der sexistische Versuch, Frauen an den heimischen Herd zu fesseln? Kann man drüber streiten, aber wenn man sich bei XY-ungelöst für B entscheidet, darf man ähnlich gelagerte True-Crime-Fälle nicht zu A erklären. C wäre quotenträchtiges Wecken von Sensationslust, und das erscheint mir in beiden Fällen am plausibelsten.

    Andere Szene aus dem Film, die ich wirklich schlimm fand:

    Ein Journalist konfrontiert Zimmermann mit Folgen, die seine Sendung (vermeintlich oder real) auf den Alltag hat – eine Ärztin kommt zu Wort, die von einem Nachbarn spätabends nicht zu ihrem Patienten gelassen wurde, weil der sie für eine Betrügerin hielt. Zimmermann liest nun eine Aussage des Nachbarn vor: Dieser sei Jude und habe Angst vor antisemitischem Terror gehabt. Zimmermann erwähnt explizit den Mord an der israelischen Olympiamannschaft 1972 in München und einen Brandanschlag auf ein jüdisches Altersheim zwei Jahre zuvor – der übrigens sieben Tote forderte, ebenfalls in München, und bis heute nicht aufgeklärt ist.

    Der Interviewer tut das als Geschmacklosigkeit ab, und vielleicht war es seitens Zimmermanns wirklich eine Schutzbehauptung – aber der Nachbar war echt, und er hatte es zu Protokoll gegeben. Das hätte Schilling einordnen _müssen_. Aber sie lässt den Satz mit der Geschmacklosigkeit stehen, und so erscheint ein Jude, der keine 30 Jahre nach Auschwitz Angst hat in Deutschland, wie ein verblendeter Spinner, der nach zuviel XY-Konsum Gespenster sieht. Und das geht gar nicht.

    @Frank Gemein (#14):

    Sie können leider eine Beschreibung nicht von einer Anklage unterscheiden. Also stürzen Sie sich voller Furor in die Verteidigung einer Position, die ich mit keinem Wort kritisiert habe. Ich würde mir die Haare raufen, wenn ich denn noch welche hätte.

  14. @KK:
    Sie behaupten bspw.:
    „[…]„Weißer Ring“ wurden damals von links kritisiert, weil sie sich auf die Opfer versteiften und den Täter als gesichtsloses Böses erscheinen ließen“
    Belege dafür bleiben Sie schuldig.
    Sie behaupten weiter:
    „Bei Übermedien hat, ich meine, Lisa Kräher an verschiedenen Stellen Journalisten für die Suche nach Hintergründen kritisiert, weil schon diese Frage nach Verständnis für die Tat heische.“

    Es ging dabei um EINEN konkreten Fall. Den habe ich beschrieben. Sie konstruieren daraus einen Kontrast Gestern/Heute. Dafür simplifizieren Sie die Realität so lange, bis diese in Ihre Schablonen passt.
    Das ist es, was mich stört.

    Was glauben Sie, was die forensische Psychologie den ganzen Tag lang macht?
    Die Frage war, ob es vertretbar sein kann, praktizierte Euthanasie zu verharmlosen, während die Opfer gesichtslos bleiben.
    Das ist ein ganz anderer Schnack.
    In Teilen der Linken gab und gibt es die Einordnung, dass Gefängnisse vor allem der Disziplinierung derer dienen, die sich sonst der Ausbeutung widersetzen würden. So wie die Arbeitslosen dazu dienen, die Arbeiter nicht zu sehr für ihre Rechte einstehen zu lassen.
    Das gilt für diese gestern wie heute.

    @Vannay:
    Auch vorwiegend gute Dinge können üble ( nicht intendierte ) Effekte haben. Mehr wollte ich nicht sagen. Ich weiß aber auch gar nicht, wie erfolgreich die Sendung tatsächlich war.

  15. „Das eigentliche Problem der Sendung ist, so gesehen, nicht die Angst, die sie schafft, sondern eine falsche Sicherheit, in der sie uns wiegt.“
    Das ist ein Artefakt der Aufgabenstellung, mMn, nicht irgendeiner Agenda, die Zimmermann verfolgte: es sollen _ungelöste_ Fälle dargestellt werden, und dabei sind überproportional Anhaltermorde oder allg. Morde auf dem Heimweg oder an der Bushaltestelle betroffen als häusliche Gewalt.
    Es sterben mWn auch mehr Menschen an den Bissen von Haushunden als an Schlangenbissen. Dass Haushunde trotzdem beliebtere Haustiere sind als Schlangen, kann also nur an der perfiden Lobbyarbeit der Schlangenhasser liegen…

  16. Dank der Mediathek konnte ich nun die Dokumentation schauen, von der ich gar nichts wusste – nur die vielen Kritiken und Texte dazu haben mein Interesse geweckt. Danke auf jeden Fall für die ausführliche Kritik, mir geht es ähnlich: ich habe sehr selten einen Film gesehen, den ich gleichzeitig eindrücklich, faszinierend und sehenswert UND eher ungelungen und zu suggestiv / manipulativ empfand. Ich selbst bin Jg. 71 und kenne noch zu genau, dass man nach der Sendung als Kind immer lieber noch mal im Haus alles zugemacht hat, bevor man ins Bett ging, die Sendung machte definitiv Angst.
    Auch finde ich die Inszenierung der Opfer angesichts der damaligen Zeit sehr krass – das sind schon harte Bilder, vor allem von Frauen. Mich würden hier die Erinnerungen / Einschätzungen der Schauspielerinnen interessieren, das erinnert ja teilweise an Sexploitation Filme.
    Gelungen finde ich am Film die meisterhaften Montagen von XY- und zeitgenössischem Material. So gelingt sehr gut eine Verbindung zwischen Sendung und dem entsprechenden gesellschaftlichen Hintergrund mit den jeweils aktuellen Debatten. Was mir weniger gut gefällt, ist die bisweilen recht nebulös in ihrer Evidenz bleibende und manipulativ stark überzeichnete Hauptthese, dass Zimmermann das bürgerlich-ideale Weltbild gegenüber dem Freiheitsdrang von Frauen, nicht heterosexuellen Menschen, oder Jugendlichen verteidigen wollte. Und am Ende, dass zwar oft Sexualverbrechen an Frauen gezeigt wurden, die dahinter stehende patriarchale Macht, um der es den Männern laut Autorin oft viel mehr ginge, ausgeblendet wurde. Die „Wir“-Form in der Moderation vereinnahmt die Zuschauer dann entsprechend. So fand ich z.B. eine Aussage merkwürdig, dass das Trampen damals für „uns junge Frauen“ eine Möglichkeit war, Freiheiten auszuleben und dies sozusagen durch xy vermiest wurde. Ich kann mir aber nicht vorstellen , dass damals junge Frauen nicht viel eher auch mit Fahrrad, Bus, Zug unterwegs waren. Und bemerkenswert aus der heutigen Sicht finde ich es gerade, dass damals noch gesellschaftlich geächtete Gruppen, wie beim Fall mit dem homosexuellen Mann oder der Prostituierten, eben nicht ignoriert, sondern überhaupt als Fälle gezeigt wurden. Und eine banale empirische Tatsache, dass Morde an Menschen, die außerhalb der bürgerlichen Lebenswelt zur damaligen Zeit lebten, und mit welchselnden Beziehungen und Bekanntschaften eben kein kleines Netzwerk an Bekannten und Freunden hatten, schwieriger aufzuklären sind, wird umgedeutet zur Stigmatisierung dieser Menschen. Bemerkenswert finde ich für die damalige Fernsehwelt auch, dass es eine XY-kritische Sendung in der ARD gab, in der mit Zimmermann diskutiert wurde. Heute so gut wie unvorstellbar, wenn sogar ZAPP nur noch im Internet ansehbar ist – hier würde ich mir z.B. zu Markus Lanz Sendungen oder zu Hart aber Fair eine solche Auseinandersetzung in diesem Medium selbst wünschen. So könnte ich noch einige Probleme dieser Dokumentation aufzählen. Ich will aber noch auf etwas ganz anderes hinweisen: Bemerkenswert ist, dass die Autorin nur , wenn es um die Kriminalstatistik 1981 geht, Statistiken kritisch einflechtet. Interessant wäre zu erfahren, wie hoch der Anteil von Morden und Sexualverbrechen an Frauen an den gesamten Fällen der Sendung war, um die Validität der These besser überprüfen zu können. Auch wäre interessant gewesen, etwas über die Aufklärungsquote zu erfahren – wie viele Fälle konnten denn gelöst werden dank XY? Auch hätte ich mir bei einer solchen Sendung Stimmen von Experten, Schauspielern, die damals in den Fällen gespielt haben, oder Recherchen zu den Opfern und ihren Familien gwünscht. Gerade das Mädchen aus der Nähe von Freiburg könnte heute noch leben und es wäre sicher interessant gewesen zu erfahren, was sie und ihre Familie nach dieser schrecklichen Tat später gemacht haben. Es muss doch auch für diese Frau schrecklich sein, in der Doku ihren eigenen Fall noch einmal so zu sehen. Insgesamt also sehr sehenswert, aber eben aus meiner Sicht sehr stark so zusammengeschnitten und montiert, so dass die Ausgangsthese eben gestützt wird.

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