Bilderbuch-Journalismus

Dass die Leser einer Zeitung lesen können, das kann man heutzutage nicht mehr erwarten. Zumindest nicht, wenn sie ihre Artikel über ein Smartphone beziehen. So scheint sich das die Online-Redaktion der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) zu denken.

Mehrmals täglich verschickt diese über den Messenger-Dienst WhatsApp Hinweise auf neue Artikel auf ihrer Seite. Da WhatsApp die Anwendung mit den Emojis ist und man jung und cool und kanaladäquat kommunizieren möchte, sieht das manchmal aus wie im Bilderbuch:

Und das sind noch die harmlosen Beispiele, weil die Emojis nicht etwa den Mord mit einer Machete bebildern:

Oder den Hitzetod eines Kindes:

Oder Verbindungen des Attentäters von Ansbach zum sogenannten Islamischen Staat:

Denn was könnte die Ankunft des islamistischen Terrors in Mittelfranken besser einordnen als ein trauriger Smiley?

„Unser Social-Media-Dienst ist zu Emojis angehalten. Die sind schließlich üblich in der WhatsApp-Welt“, erklärt Anne Krum, Online-Chefin der NOZ. Auch, wenn damit Macheten-Morde bebildert werden? „Manchmal sind sie unpassend, und diesen speziellen Fall sehe ich auch problematisch.“ Das werde in der Redaktion besprochen, kündigt sie an. Am fragwürdigen Einsatz der lustigen Bildchen ändert sich in den folgenden Tagen aber nichts.

Seit eineinhalb Jahren betreibt die NOZ ihren WhatsApp-Kanal. Als Leser muss man nur die auf der Internetseite angegebene Telefonnummer als Kontakt speichern und eine kurze Nachricht an ihn schicken. Dann schickt einem die Redaktion mehrmals am Tag kostenlos aktuelle Meldungen aufs Telefon. „Für uns hat das den Vorteil, dass wir die Leser sehr direkt erreichen“, sagt Krum. Die wiederum schrieben zurück, um auf Themen hinzuweisen, aktuelle Fotos zu schicken oder sich auch einfach für den Service zu bedanken. „Die Hemmschwelle ist dort sehr gering. Man ist unter Freunden.“

Knapp 6000 Leser nutzen dieses Angebot. Im Vergleich zu den 60.000 Facebook-Fans von noz.de oder den 266.000 verkauften Exemplaren der zur Zeitungsgruppe gehörenden Lokaltitel erscheint das wenig. Doch wer sich die Nachrichten aus der Region freiwillig zwischen die von Freunden und Familie hole, sei ein besonders treuer Fan, meint Krum. „WhatsApp ist eine sehr gute Art der Leser-Bindung.“

Die kann nicht nur die NOZ gut gebrauchen. Laut der aktuellen Media-Analyse Tageszeitungen erreichen regionale Abo-Zeitungen derzeit 41 Prozent der 30- bis 49-Jährigen und 63 Prozent der über 50-Jährigen. Vor fünf Jahren waren das noch jeweils zehn Prozentpunkte mehr. Bei den 14- bis 29-Jährigen ging der Wert seit 2011 von 33 auf 23 Prozent runter. Den Zeitungen geht der Nachwuchs verloren. Über WhatsApp versuchen die Verlage diejenigen wieder einzufangen, die den Tag über ständig ihr Handy in der Hand haben, aber immer seltener eine gedruckte Zeitung.

Ob Saarbrücker Zeitung oder Neue Westfälische, ob Ostsee-Zeitung oder die Münchner Lokalausgabe der Süddeutschen Zeitung – mittlerweile haben die meisten den Messenger-Dienst im Repertoire. Das ist ein Fortschritt, nachdem viele Regionalblätter über Jahre das Internet ignoriert und weiter die Sieger des örtlichen Schweinepreisschießens ausgedruckt haben. Doch auch die neue Technik braucht gute Inhalte. Das haben die Zeitungen nicht auf dem Zettel.

In Westfalen teilt man die Osnabrücker Begeisterung für Emojis:

Screenshot: @hundibundi147

Im Saarland lässt man sich auf beunruhigende Art und Weise die Laune nie verderben:

Und das Abonnement von Nachrichten der Mediengruppe Oberfranken empfiehlt sich nur für Leute, die an einer zu positiven Weltsicht leiden. Was die Redaktion von Infranken.de aufs Telefon schickt, steigert mit jedem Nachrichtenton das Bedürfnis, sich unter dem Bett zu verkriechen:

Und sei es nur wegen der Geschmacklosigkeit, mit der die Cliffhanger gestrickt sind:

(Ja, das ist die Ankündigung für die Gedenkminute nach dem Münchner Amoklauf.)

Unter den deutschen Lokalzeitungen war Infranken.de der Vorreiter bei den WhatsApp-Angeboten. Am 1. Dezember 2014 ging der Service auf Anregung einer Volontärin online. Nach einigen technischen Problemen und dem Wechsel zu Whatsbroadcast, einem Programm zur Verwaltung von Nachrichten-Chats, lassen sich heute etwa 5.000 Menschen aus der Region über den Messenger informieren mit dem versorgen, was die Redaktion für wichtige Informationen hält.

Im Juli verschickte sie 104 Nachrichten. Ein Viertel davon waren klassische Polizeimeldungen; wenn man die Berichte über die Anschläge in Würzburg, München und Ansbach hinzuzieht, liegt der Wert bei 40 Prozent. Jeweils zwölf Meldungen widmeten sich dem Wetter und Vermischtem, elf Veranstaltungen in der Region. Auf je sechs bis sieben Nachrichten brachten es die Fußball-EM, Pokémon Go, Überregionales wie der Putsch in der Türkei und Hinweise auf Verlosungen. Der Rest waren Blitzer und Sport. Keine einzige Nachricht beschäftigte sich mit lokaler Politik.

Eine solche Mischung würde sich nicht einmal „Focus Online“ erlauben. Doch Falk Zimmermann, Geschäftsführer von Infranken.de, hat eine einfache Erklärung: „Die Leute verlangen danach. Wenn es funktionierte, würden wir andere Dinge anbieten.“ Eine Ansage, besonders viele Katastrophen-Meldungen in den Kanal zu spülen, gebe es nicht. „Aber die Kollegen wissen, was Reichweite bringt.“

Für Zimmermann ist WhatsApp eine Möglichkeit, die Marke „In Franken“ unter jungen Menschen bekannt zu machen. Eine Umfrage unter den Nutzern hat ergeben, dass ein Drittel zwischen 14 und 29 Jahren alt ist und jeder Zweite kein Print-Abonnent ist. Damit sind die Angesprochenen noch einmal zehn Jahre Jünger als die meisten der 127.000 Facebook-Freunde von Infranken.de, denen durchaus mal ein politisches Thema zugemutet wird. „Wir interessieren die Jüngeren für uns – mit den Inhalten, die sie nachfragen“, sagt Zimmermann. Harte Politikstücke und lange Reportagen stünden auf der Seite eh hinter einer Paywall, und große Illusionen über die Zahlungsbereitschaft online macht er sich nicht.

Zur Maximierung der Klicks mag diese Strategie helfen. Der Preis dafür ist die Aufgabe des journalistischen Anspruchs einer Tageszeitung. Warum jüngeren Lesern umfassende Informationen nicht zuzumuten sein sollten, ist schwer zu verstehen. Sollten Franken unter 30 wirklich alle so Banane sein, wie der Geschäftsführer von Infranken.de sie darstellt?

Vielmehr wird aus der Art ihrer Ansprache bei WhatsApp deutlich, dass die Verlage sie gar nicht für voll nehmen. Komplexer als ein Autounfall oder ein sich ohne Emoji erklärender Text? Undenkbar. Dabei nervt es Jüngere besonders, permanent unterschätzt zu werden.

„Es geht um Glaubwürdigkeit. Das Internet ist für uns kein Neuland. Wir wollen das Thema besetzen“, erklärt Falk Zimmermann den Einsatz der Nachrichten-Anwendung. Von überzeugenden Inhalten ist keine Rede.

13 Kommentare

  1. Ich bin jetzt unsicher, ob ihr den Emoji-Einsatz auch in Fällen wie den drei ersten Beispielen kritisiert, oder nur da, wo es unpassend ist, wie in den Beispielen danach.
    Falls auch ersteres, verstehe ich nicht, warum.

  2. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die komplette erste Hälfte des Artikels (die, in der es tatsächlich um die Präsentation und nicht die Auswahl der Nachrichten geht), auf der meiner Meinung nach falschen Annahme beruhen, Emojis wären ausnahmslos „lustige Bildchen“.

  3. Gibt es eigentlich schon den „Verein Deutscher Emojis“ als Wächter des Emoji-Einsatzes? „Emoji–Denken–Politik“ [wegduck]

  4. Mir (60+) hat sich der Sinn von Emojis bisher noch nicht erschlossen. Gibt es eine Internetseite (möglichst ohne Emojis und nicht mehr als 600 Zeichen) auf der man sich informieren kann ?

  5. Zeichen der Zeit: Redaktion wird selbst zur Vertriebsabteilung, das Sekundäre wird primär. Das ist generell der Trend.
    Ansonsten sind es vielleicht alles Beispiele, wie man Whatsapp nicht nutzen sollte, nämlich als Zentralsendemast. So wird lediglich der optimale Schnittpunt von blödestem Niveau und größter Reichweite ausgelotet, und der liegt offenbar zahlenmäßig ziemlich tief.
    Die Reichweite könnte viel größer sein, wenn man sich nicht unbedingt auf das Blödeste festlegen wollte. Das Minimum wären Rubriken-Kanäle anzulegen, das Beste wäre eine gewisse automatisierte Individualisierung mit Checkboxen. Die Emojis bremsen da natürlich nur, weil Emojis zu automatisieren nicht ganz so banal ist – präzise Sentimentanalyse ist schwierig. Gewaltige Peinlichkeiten sind vermutlich garantiert, wenn man das die Maschine machen lassen wollte.
    So betrachtet, sind die Emojis eine klassische Jargon-Falle: Die Presse denkt: Reden wir diesen aktuellen Jargon, kriegen wir mehr Nutzer. Tatsächlich liegt im Jargon die Begrenzung. Weg mit den Emojis, her mit Kanälen oder Individualisierungen – dann könnte Whatsapp viel mehr Trraffic bringen.

  6. Rinaldo Rinaldini: Eine Webseite kann ich dir nicht nennen, aber ganz kurz umrissen: Emojis werden häufig eingesetzt, um in der Schriftsprache Informationen in kurzer Form umzusetzen, die in der gesprochenen Sprache non- oder ggf. paraverbal ausgedrückt würden (hier z.B. in Meldung 5: Weinendes Emoji als Ausdruck der Trauer). Auch andere Botschaften können mit ihrer Hilfe verkürzt dargestellt werden (z. B. Daumen-hoch-Emoji statt „Find ich gut“). Ansonsten können sie noch dazu dienen, Aussagen zu unterstreichen oder einfach nur zur Auflockerung des Textes (hier in den ersten drei Meldungen, da finde ich sie persönlich aber auch ziemlich sinnfrei).

  7. Ich find die ersten Beispiele ja noch drollig, aber wozu bitte eine Wort-Bild-Kopplung? Viel lustiger ist es doch, wenn z. B. Auffahrunfall, Feuerwehr und Herrenausstatter komplett durch Emojis ersetzt werden. :-D

    Ansonsten stimme ich der These bzgl. einer Jargon-Falle zu: Whatsapp wurde bislang wohl eher für launige Kurzmitteilungen im Freundeskreis benutzt. Da kann’s ja gerne mal kunterbunt zugehen. Aber wenn ich das Medium für Nachrichten nutzen will, muss ich dann im Umkehrschluss wirklich krampfhaft dafür sorgen, dass alle Infos wie Geburtstaggrüße formatiert werden?

    Erinnert mich ein bisschen die Leute auf Facebook, die ihre Postings durch massig Hashtags unleserlich machen, weil sie das von Twitter her gewohnt sind – wo es tatsächlich irgendwie Sinn macht, weil man sie bei nur 140 Zeichen nicht immer hintendranhängen kann, während dies auf FB kein Problem darstellt.

  8. @2, K:
    Nennen Sie mich ignorant, aber mE sind Emoji, als Nachfolger von Smilies ;D , mit „lustige Bildchen“ in der Tat gut umschrieben. Ich höre mir aber gerne an, was es darüber hinaus damit auf sich hat, und inwiefern es einen Mehrwert hat, Nachrichten mit Emojis garniert anzuteasern.

    Die zweite Frage darf auch gerne Muriel @1 beantworten, ich bin da nicht wählerisch. ;)

  9. Ein journalistischer Grundsatz ist doch wohl, einen Bericht und einen Kommentar zu trennen und letzteren zu kennzeichnen. Emojis sind meist Kommentare und haben somit in Meldungen nichts zu suchen.

  10. Ich nehme mal an, die Autorin hat bei ihrer Recherche den Befragten gesagt, worüber sie schreibt und was der Tenor des Artikels ist. Oder hat sie etwa einen ganz anderen Grund für ihre Fragen angegeben und die Antworten dann einfach in den gewünschten Kontext gesetzt? Nein! Das wird so eine hochkarätige Top-Journalistin sicherlich nicht gemacht haben…

  11. @Karla: Welche Fragen mag die Autorin gestellt haben? Aus welchem Kontext mögen die Antworten gerissen sein?

    Das Thema ist, wie Lokalzeitungen WhatsApp einsetzen. Die Befragten sind von Lokalzeitungen und äußern sich darüber, wie sie WhatsApp einsetzen.

    Übersehe ich was? Möchten Sie konkreter werden?

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