Der „Volkslehrer“ im „ZDF-Spezial“

Es ist nicht egal, wenn es ein bekannter Rechtsextremist in eine ZDF-Umfrage schafft

Am Montagabend ließ das ZDF in seiner Wahl-Sondersendung „ZDF-Spezial“ bei einer Straßenumfrage den wegen Volksverhetzung vorbestraften, rechtsextremen „Volkslehrer“ Nikolai Nerling zu Wort kommen. Es war nur kurz zu sehen, er wurde namentlich nicht benannt und sagte den zweifellos harmlosen Satz: „Ich bin einigermaßen froh, dass es nicht Rot-Rot-Grün geworden ist.“

Nikolai Nerling im "ZDF Spezial"
Nikolai Nerling im „ZDF Spezial“ Screenshot: ZDF

Auf Twitter zeigten sich Journalisten und politische Kommunikatoren dennoch entsetzt. Der web.de-News-Redakteur Marco Fieber kommentierte: „Alter Schwede, wie kann das passieren? Das ZDF lässt den Antisemiten und Holocaustleugner Nikolai Nerling alias ‚Der Volkslehrer‘ das Wahlergebnis zur Primetime kommentieren, völlig ohne Einordnung!“ Der Politikberater Johannes Hillje kritisierte: „Grundkenntnisse über die rechtsextreme Influencer-Szene sollte man im Journalismus heutzutage schon haben.“

Nun kann es immer passieren, dass einem bei Straßenumfragen – sogenannten Vox-Pops – Stimmen vor das Mikrofon (und die Kamera) laufen, die man bei Kenntnis ihrer sonstigen Tätigkeit eher nicht als „normale Bürger“ befragt hätte. Im Radio fällt das kaum auf, im Fernsehen ab und zu eben schon. Nerling konnte keine wirkliche politische Botschaft platzieren, von daher könnte man sagen, Fehler passieren, Schwamm drüber und weitermachen.

Unzureichende Antwort des ZDF

Doch so einfach ist es nicht, vor allem aufgrund der Reaktion des Senders. Als Antwort auf Hillje (und später auch an die Nachrichtenagentur dpa) schrieb das ZDF nämlich:

„Bei der Umfrage wurden Bürger*innen auf der Straße zufällig angesprochen. Dass es sich bei einem von ihnen um einen wegen Volksverhetzung verurteilten Neonazi handelt, konnte die Redaktion nicht erkennen. Seine Äußerung war unauffällig.“

Diese handwerkliche Einstellung halte ich für problematisch: Zunächst einmal sollte es dem ZDF mehr zu denken geben, wenn eine hochkarätig besetzte Nachrichtenredaktion, die für die aktuelle Sonder-Berichterstattung zur Bundestagswahl zuständig ist (also dem politischen Ereignis des Jahres), einen der prominentesten rechtsextremen Influencer nicht erkennt.

Dass halb Polit-Twitter, aber auch zahlreiche andere Journalist:innen offensichtlich sehr wohl in der Lage waren, „Volkslehrer“ Nerling zu erkennen, zeigt bereits, dass es sich das ZDF in seiner Argumentation zu leicht macht. Folglich ist die Tatsache, dass die ZDF-Redaktion den Mann nicht erkenennen „konnte“, weder gottgegeben noch unabänderlich, sondern verweist auf ein Bildungsdefizit im Hinblick auf rechtsradikale Medien, ihre Macher:innen und Methoden. Zu Nerling selbst liefern Google-Recherche und Wikipedia-Eintrag bereits alles, was man wissen muss, vertiefende Informationen finden sich unter anderem bei der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Es gehört seit Jahren zur sogenannten „Wortergreifungsstrategie“ rechtsextremer Medienmacher:innen und Influencer:innen, sich bei Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen und Talkshows als „normale Bürger“ zu melden, um dann ihre politischen Botschaften sowohl offen als auch subtil an die Bevölkerung zu bringen.

Dementsprechend feierten Nerling, der vor dem Reichstag auch ein eigenes Video produziert hatte, und seine Follower:innen den Auftritt im ZDF auf Instagram und Telegram. Ein Erfolg, den ihm das ZDF beschert – und über den der Sender nicht derart nonchalant hinweggehen sollte, nach dem Motto, hier gibt es nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter.

Weitere fragwürdige Stimme

Zumal auch noch ein zweiter Protagonist unter den Vox Pops ist, dessen Outfit und Äußerung zumindest Fragen aufwerfen. Dieser trägt wie Nerling selbst auch einen „Mjölnir“ als Schmuckstück, den Kriegshammer des Gottes Thor der germanischen Mythologie. Dieses Symbol ist keineswegs nur, aber eben auch bei Rechtsextremen sehr beliebt. Der unbekannte Mann sagt den Satz: „Es gibt keinen Gewinner, es gibt keinen Verlierer und eine Dreierkoalition ist für mich eine Katastrophe.“

Daran stimmt nun wenig bis nichts, denn natürlich gibt es Gewinner (SPD und Grüne zum Beispiel) und Verlierer (CDU/CSU), und warum eine Dreierkoalition, die es in diversen Bundesländern und auch anderen europäischen Ländern gibt, eine „Katastrophe“ sein sollte, erschließt sich auch in keiner Weise. Es sei denn, man hält das bestehende politische System bereits für die Katastrophe. Auch hier hätte die Redaktion zumindest stutzig werden können, auch diese Äußerung wird von rechtsradikalen Kommentierern goutiert. So freut man sich auf Nerlings Kanal zum Beispiel über „zwei Männer mit Mjölnir. Wow!“.

Redaktionen können sich fortbilden

Nun kann man kann nie alle Undercover-Influencer:innen erkennen, aber für die deutschen Top 20 sollte es bei Formaten mit Millionenpublikum dann doch reichen, zu diesem Zweck gibt es Trainings zum Thema rechtsextreme Medienstrategien.

Sollte das ZDF dagegen dabei bleiben, dass seine Redaktionen solche Äußerungen und ihre Protagonist:innen einfach nicht erkennen „können“, droht daher weiteres Ungemach: Ich selbst war vor einigen Jahren hinter den Kulissen eines Video-Call-Ins bei einem großen Fernsehformat, das massiv von rechtsextremen Trollen gekapert wurde, bis hin zu gewählten NPD-Abgeordneten, die sich als „normale Bürger“ ausgaben – sich aber vorher zu einer konzertierten Aktion verabredet hatten.

Wer derartiges nicht zu erkennen vermag, wird deshalb spätestens in Live-Gesprächen in Situationen landen, in denen man organisierten Rechtsextremist:innen unter dem Deckmäntelchen der normalen Bürger:innen ein kostenloses Millionen-Forum schenkt, in dem sie dann durchaus auch weniger harmlose Dinge sagen. Letzteres aber entspricht weder dem öffentlich-rechtlichen Auftrag, noch dem Anspruch, den man an seinen Journalismus haben sollte.

16 Kommentare

  1. Als alteingesessener Metaller (nicht der Beruf) stört mich nur die Mjöllnir-Einordnung – Denn außer „auch aber nicht ausschließlich“ steht da nichts.
    Der Mjöllnir und andere Symbole nordischer Mythologien sind in der alternativen Metal / Gothic / etc. Szene völlig normal. Da geht es in den allermeisten Fällen um die demonstrative Abkehr vom Christentum. Nicht meins, aber viele stehen drauf.
    Die (historische) Huldigung von nordischen Symbolen bei den Nationalsozialisten in Kombination mit der Affinität von Neonazis zu härterer Musik macht das Ganze leider zu einer sehr unangenehmen Mischung, die Außenstehende vermutlich gar nicht verstehen können.

    tl;dr: Die Chance, dass ein Mjöllnir-Träger rechtsradikal ist, ist -meine ich- gar nicht so groß. Die Szene ist sich über die Problematik bewusst.

  2. Nun sind wir auf Twitter nicht der Nabel der Welt, auch wenn wir uns manchmal so sehen. :)

    Es gibt genug Publikationen, die man als politischer Mensch lesen sollte, etwa Blick nach Rechts, Belltower, Volksverpetzer. Bei Nerling hätten es seit 2018 die ganz normalen Tageszeitungen in Berlin getan.

    Aber Aufklärung funktioniert nicht. Ich sehe es an meinen Zahlen im Blog. Ich habe Klickzahlen, die einen Boris Reitschuster höhnisch auflachen lassen würden. Sollte ich jemals um die berühmte Tasse Kaffee betteln wollen, würde es nicht mal für ’nen Muckefuck reichen.

    Man muss nicht alle knapp 460 Blogbeiträge kennen, aber es hilft ungemein.
    https://rechtemedieninfo.blogspot.com/

  3. Naja, peinlich ist das schon – aber halt ein Fehler, der im Redaktionsalltag vorkommen kann. Er hat ja wirklich nichts gesagt, was nicht jeder FDP-Wähler unterschreiben würde.

    Davon ab finde ich diese Straßenumfragen nervtötend. Was habe ich davon, wenn mir Anna Normalverbraucherin erzählt, ob sie Laschet gut findet oder wann sie Weihnachten Bescherung feiert? Musste solche Sachen als Praktikant beim Radio selbst mal machen und bin schon beim Fragen vor Scham im Boden versunken.

  4. Ich finde das übertrieben dargestellt. Wenn man es weiß, dann ist es für halb Polit-Twitter sowas von easy jemanden zu erkennen. Aber dieses Wissen hatten die handelnden Personen nicht. Konnten sie auch nicht haben, denn sie hatten keinerlei Grund Argwohn zu hegen. Das war eine Alltagssituation.

    Das ist nicht mal ein Fehler. Nicht mal dumm gelaufen. Das ist das Leben, wie es einfach so vor sich hinlebt.

    Einige Faktoren würden das schlagartig ändern… wenn doch ein inhaltlich verdächtiges Statement abgebend worden wäre, oder er sich vorgestellt hätte, oder offensichtliche Merkmale. Ein davon … dann wäre es brenzlig. Keins davon: Alles entspannt.

  5. @Anderer Max

    Hmm, mich stört dagegen diese Empfindlichkeit, zumal wenn man dann beim Zitieren offenbar weniger genau, aka empfindlich ist. 🧐 Im Artikel steht nicht, „auch, aber nicht ausschließlich“, sondern „keineswegs nur, aber eben auch bei Rechtsextremen“, was den Akzent genau umgekehrt setzt und meiner Meinung nach so vorsichtig wie eben möglich ist. Denn man kann nun einmal auch nicht daran vorbeigucken, dass es eben auch in der Neonazi-Szene ein sehr beliebtes Symbol ist. Davon zeugt u.a., dass wirklich jeder Nazi-Versand eine Vielzahl von Thorhämmern in unterschiedlichsten Varianten im Angebot hat, das heißt, es gibt eine veritable Käufer:innen-Klientel in rechtsradikalen Kreisen. Ob diese wirklich mehrheitlich von Metal- und anderen Subkultur-Träger:innen in den Schatten gestellt wird, sei dahingestellt. Ich war auch schon auf einer sicher 3-stelligen Zahl entsprechender Konzerte und fand die Verbreitung dort bei weitem nicht so stark wie zB bei Nazi-Aufmärschen, aber das ist natürlich anekdotisch und nicht empirisch.

    Wie im Artikel gesagt, kann man natürlich alleine am Symbol nichts festmachen, aber wenn ich am Tag nach der Wahl in einer exponierten Hauptstadt-Lage wie Reichstag oder Brandenburger Tor, die zT seit Monaten regelmäßig von Querdenkern, Reichsbürgern und (anderen) Rechtsextremen belagert werden, neben Nerling (den ich leider schon nicht erkannt habe) auch noch jemanden mit diesem Symbol um den Hals treffe, der ansonsten keine weiteren erkennbaren Metal-Klamotten oder Insignien trägt, und der dann auch noch die gesamte Wahl („keine Gewinner, keine Verlierer, eine Katastrophe“) mehr oder minder als nutzlos darstellt, dann muss ich mich meiner Meinung nach fragen, welche Chiffre da möglicherweise bedient wird. Und das kann ich auch herausfinden, in dem ich gezielt nachfrage, wie das gemeint ist, ob bspw. das Parteiensystem abgelehnt wird, wen er sich denn als Sieger gewünscht hätte usw.

    Was aus meiner Sicht aber eben am Ende nicht passieren darf, ist ein Zusammenschnitt von 8 Leuten, von denen mit Pech 2 Rechtsradikale mit Tarnkappe sind. Das entspricht nämlich in keiner Weise einem zufälligen Stimmungsbild der Durchschnittsbevölkerung.

  6. Grundsätzlich stelle ich fest: Übermedien war auf Zack und hat das ZDF erwischt. Das ist euer Job als Medienkritiker. Dafür bezahlen wir euch. Trotzdem danke, dass ihr so aufmerksam seid.

    Dennoch pflichte ich Malte bei: Die Statements sind nicht rechtsradikal, sondern schwammiges Gerede von Leuten, die die Wahl so mittel fanden. Und ja, wenn man den rechtsextremen Hintergrund der beiden Zitierten kennt, weiß man, dass die nicht nur die Wahl mittelmäßig fanden, sondern das gesamte demokratische System. Aber eben auch nur dann.

    Ansonsten nährt sich die ganze Sache von dem Gesetz der großen Zahlen: Bei tausenden von ZDF-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern, die unzählige Sendungen mit variierendem Niveau produzieren, passieren mitunter große und kleine Fehler, die echt nicht hätten sein müssen.

    Und wenn man dann schon mit so konkreten Messgrößen wie „halb Polit-Twitter“ kommen muss oder Aussagen wie „Es gibt keinen Gewinner, es gibt keinen Verlierer“ mit dem Wahlergebnis abgleichen muss, damit wenigstens irgendwas nach Argument riecht, ist doch eigentlich alles gesagt. Sturm im Wasserglas.

  7. Was wäre jetzt die Konsequenz?
    Keine Leute mit Mjöllnir mehr interviewen, oder beim Schneiden alle rausschneiden, die eine eigene politische Agenda haben? Aka Bilderkennung nach Kritischer Kritiker?

  8. @Mycroft #9
    Ich mag mich irren, aber erfolgt bei solchen Befragungen nicht die schriftliche Zustimmung zur Veröffentlichung? Ich bin bisher nur einmal in so ein Mikro gelaufen und musste unterschreiben, dass man das verwenden darf.
    Nur das der Name nicht eingeblendet war, heißt also nicht das der Sender diesen nicht hatte. Es ist also nicht so, dass man die Typen am Gesicht hätte erkennen müssen – Namen googeln hätte gereicht. Und das ist bei 3-4 O-Tönen für einen Beitrag wohl kaum in unzumutbarer Mehraufwand. Es geht ja nicht nur ums Nazi filtern, auch andere Leute sind schlicht ungeeignet als Quelle für den ’normalen Menschen von der Straße‘.

  9. Es ist doch egal, was er diesmal gesagt hat.
    Er drängt in die Kameras und man muss schon extrem naiv sein, wenn man dahinter keine Agenda vermutet.
    Der Mann läuft da nicht zufällig vorbei und wird gefragt, sondern will sein Gesicht in die Kamera halten.

    Es geht hier also darum, die Vorbereitung der Teams zu verbessern, diese teilweise bedauernswert schlechte Medienkompetenz ( wann hört es eigentlich auf, dass es auch noch wohlwollend aufgenommen wird, mit der eigenen Inkompetenz die neuen Medien betreffend zu prahlen?) der „Fachleute“ mal zu verbessern?

    Oder man hört auf den Menschen vorzumachen, irgendeins dieser Formate hätte noch irgendetwas Zufälliges zu bieten.

  10. @Frank Gemein (#11):

    Herrje, ein mediengeiler Rechter, der gerne vor Kameras steht, drängt sich vor eine Kamera und sagt banales Zeugs. Das als „Agenda“ zu bezeichnen, ist schon ziemlich dick aufgetragen. Klingt aber sehr bedeutungsvoll.

    Was heißt „die Vorbereitung des Teams verbessern“? Sämtliche Umfrage-Frekel, die sowas machen müssen, vorher Bilddateien mit rechten Ex-Youtubern auswendig lernen lassen, falls einer von denen auftaucht?

    „Oder man hört auf den Menschen vorzumachen, irgendeins dieser Formate hätte noch irgendetwas Zufälliges zu bieten.“

    Das geht schon in Richtung Verschwörungstheorie: Wer ist „man“, wer macht „den Menschen“ etwas vor? Was ist hier das Gegenteil von Zufall – Planung? Hat das ZDF-Kamerateam etwa mit Absicht einen blasen-bekannten Rechten befragt, um von ihm zu hören, dass er RRG nicht toll findet?

    Fragen über Fragen…

  11. #13
    „Ein mediengeiler Rechter“, verharmlosender und unterkomplexer kann man Nerling kaum beschreiben.
    https://uebermedien.de/53680/berliner-polizei-kann-echten-presseausweis-nicht-erkennen/
    https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/nazis-im-netz-so-koedern-extremisten-jugendliche-im-internet-16441414/nikolai-nerling-bei-youtube-16442398.html
    Das sind nur 2 Beispiele von DUTZENDEN, wo der sog. „Volkslehrer“ in die Öffentlichkeit drängt.
    Aber klar, wer das feststellt, der ist VT verdächtig.
    Mag ja sein, dass es noch Dinosaurier gibt, die meinen, für eine Tätigkeit in den Medien reichte es im dritten Jahrtausend immer noch, die Listen der B- und C Promis der Yellow Press zu kennen.
    Holocaust leugnende Videoblogger, die es in den letzten Jahren auf Dutzende Erwähnungen und Bilder in ALLEN größeren deutschen Medien gebracht haben, die muss man doch nicht kennen.

    Nee ist klar, Kritikerchen. Hab schon kapiert.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.