Wochenschau (109)

Gewogen und für falsch befunden? Böhmermann, Lanz und das False-Balance-Dilemma

Der pensionierte amerikanische Journalist und Dozent Jonathan Foster hat einen Auftrag an Journalisten formuliert: „Wenn jemand sagt, dass es regnet, und ein anderer, dass es trocken ist, ist es nicht Ihre Aufgabe, beide zu zitieren. Es ist Ihre Aufgabe, aus dem Fenster zu schauen und herauszufinden, was wahr ist.“

Diese Sätze werden viel zitiert, weil sie vermutlich am besten zusammenfassen, was das grundsätzliche Problem an der sogenannten false balance ist, also an falscher Ausgewogenheit- ein Vorwurf, den Jan Böhmermann bei einer Podiumsdebatte der Wochenzeitung „Die Zeit“ Markus Lanz machte. Der ZDF-Late-Night-Moderator warf dem anderen ZDF-Late-Night-Moderatoren vor, Menschen in seine Talkshow einzuladen, die fachlich ungeeignet seien.

Markus Lanz und Jan Böhmermann
Die ZDF-Moderatoren Markus Lanz (links) und Jan Böhmermann bei der „Langen Nacht der Zeit“ Screenshot: zeit.de

Böhmermann sagte, er finde „es schwierig, wenn man Leuten eine Bühne gibt, die eine Meinung vertreten, die man nur deswegen veröffentlicht, weil man sagt, man muss auch die andere Seite sehen.“ Er sprach von Meinungen, die „so durchtränkt von Menschenfeindlichkeit“ seien, dass er sich manchmal frage, warum einige Leute bei Lanz sitzen dürften.

Lanz verteidigte sich gegen den Vorwurf und stellte die sehr richtige Frage: „Wer legt fest, was ein guter Gast ist?“

Die rhetorische Quintessenz des Gesprächs zwischen Giovanni di Lorenzo, Jan Böhmermann und Markus Lanz ist vielleicht, dass alle aus ihrer Position heraus ein bisschen recht haben, man diese Ausgewogenheit jedoch erst nach ihrem Gespräch herausarbeiten kann, während sie im Moment der Debatte die Aussagen ihres Gegenübers aus professioneller Perspektive nicht für zutreffend halten konnten. Sprich, die drei haben genau das Problem, über das sie sprachen, zugleich unwillentlich veranschaulicht. Denn erst in der Synthese ihrer Positionen erhält man letztlich das, was Markus Lanz etwas später im Gespräch sehr vereinfacht als „Dialektik“ bezeichnete.

Erstmal das Faktische: False balancing in der Berichterstattung is a thing – also tatsächlich ein Problem. Genügend kommunikationswissenschaftliche Studien über Berichterstattung zur Klimakrise zeigen beispielsweise, dass solch eine „falsche Ausgewogenheit“ zur Verschleppung des Problembewusstseins beigetragen hat.

Lange wurde jeder Wissenschaftlerin, die auf die Risiken des menschengemachten Klimawandels hinwies, ein Experte gegenübergestellt, der das Problem verharmlost oder sogar negiert hat; die Gegenstimme wurde somit dramaturgisch als eine gleich valide Einschätzung inszeniert, obwohl die wissenschaftliche Evidenz nicht für sie sprach.

Standards bei der BBC

False balance wird bei wissenschaftlichen Aussagen dann zu einem Problem, wenn sie eine Position legitimiert, die schlicht falsch ist, einer Grundlage entbehrt oder aber sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich ist. Um dem entgegenzuwirken, hat beispielsweise die BBC Standards definiert – in einer internen Nachricht hieß es:

„Seien Sie sich der false balance bewusst: Da der Klimawandel als Tatsache anerkannt ist, brauchen Sie keinen ‚Leugner‘, um die Debatte auszugleichen. Obwohl es Menschen gibt, die mit der Position des IPCC nicht einverstanden sind, gehen nur sehr wenige von ihnen soweit, den Klimawandel zu leugnen. Um Unparteilichkeit zu erreichen, braucht man in der BBC-Berichterstattung keine absoluten Leugner des Klimawandels, so wie man auch niemanden hat, der bestreitet, dass Manchester United letzten Samstag 2:0 gewonnen hat. Der Schiedsrichter hat gesprochen. Die BBC schließt jedoch keine Meinungsfarbe von ihrer Berichterstattung aus, und bei einem sachkundigen Interviewer kann es durchaus vorkommen, dass auch ein Leugner zu Wort kommt.“

Ein falsche Ausgewogenheit dieser Art führt zu keinem Erkenntnisgewinn, sondern nur dazu, dass Falschinformationen verbreitet und Wissenschaftsfeindlichkeit normalisiert werden. Das zu kritisieren ist also legitim.

Fakten, Einschätzungen, Meinungen

Jetzt kommt ein ozonlochgroßes ABER: Bei Meinungen und Haltungen zu einem bestimmten Thema verhält es sich anders. Ein Grund für den Dissens zwischen Di Lorenzo, Böhmermann und Lanz ist ein Kategorienfehler: der Unterschied zwischen wissenschaftlicher Aussage, wissenschaftlicher Einschätzung und gesellschaftspolitischer Meinung.

In einer Demokratie ist es elementar, die Meinungen von Minderheiten zu schützen; im Geiste einer freien Debattenkultur müssen unterschiedliche Haltungen stattfinden können und dürfen. Sie machen erst die eingangs erwähnte Synthese überhaupt möglich.

Das heisst, eine vermeintlich falsche Ausgewogenheit in der Abbildung von Anschauungen gehört zum Design einer Mediendemokratie. Dadurch, dass man zum Schutz der demokratischen Meinungsbildungsprozesse auch Einstellungen sichtbar macht, die nicht von einer Mehrheit vertreten werden, erzeugt man zwangsläufig eine false balance, die jedoch gewissermaßen beabsichtigt ist.

Wenn es einem Journalisten darum geht, alle Perspektiven zu einem Thema einzufangen, dann steht es ihm gerade in öffentlich-rechtlichen Medien nicht zu, die Legitimität einer Meinung durch Ausschluss zu entwerten. Während man also bei faktenbasierten Positionen anhand eines wissenschaftlichen Sachverhaltes sinnvoll entscheiden kann, welche Positionen diskursiv notwendig sind, wer eingeladen wird und wer nicht – ist das bei einer Gästeauswahl, die nach Haltung und Meinungen kuratiert wird, willkürlicher, subjektiver – also: unjournalistischer – und lässt sich nicht eindeutig reglementieren. Wir sind hier wieder bei der Frage von Lanz: „Wer legt fest, was ein guter Gast ist?“

Die Grenzen der Meinungsfreiheit

Jetzt kommt allerdings das zweite große ABER: Das alles gilt nur, solange eine Positionierung nicht derart demokratierzersetzend ist, dass sie den Debattenraum, in dem sie stattfinden soll, sabotieren würde. In diesem Fall wäre ein Ausschließen dieser Position Ausdruck einer wehrhaften Demokratie – und mit einer publizistischen Verantwortung durchaus vereinbar.

Der Journalismus hat nicht nur die Aufgabe, die Wirklichkeit abzubilden, sondern auch die Meinungsfreiheit zu schützen. Meinungen, welche die Würde anderer verletzen – menschenverachtende Aussagen, die sexistisch, rassistisch, antisemitisch oder queerfeindlich sind, oder extremistische Positionen, welche die Meinungsfreiheit unterbinden wollen, wie die von Verschwörungstheoeretikern oder Terroristen – brauchen nicht hofiert zu werden, da ihre Repräsentation zugleich die Stimmen der Menschen einschränkt, die von diesen Diskriminierungen betroffen sind.

Es kann nicht im Namen der Meinungsfreiheit verteidigt werden, demokratiefeindliche Positionen zu präsentieren – wir erinnern uns an das Toleranz-Paradoxon von Karl Popper. Hier findet also sehr wohl ein Gewichten und Kuratieren statt, allerdings erfolgt dies nicht willkürlich, sondern mit dem Wertekompass unserer Ethik und demokratischen Prinzipien.

Interpretativer Journalismus

Was machen wir aber, wenn es sich nicht um demokratiezersetzende, extremistische, aber inhaltlich falsche Aussagen handelt? Dazu lohnt ein Blick auf die journalistische Entwicklung der Klimaberichterstattung: Es gibt eine messbare Verschiebung von der Objektivität und Ausgewogenheit hin zum Ansatz des „Interpretativen Journalismus“.

Dieser bietet ergänzend zum faktenbasierten Anspruch journalistischer Berichterstattung eine erweiternde Dimension von Einordnung und – wie es der Name schon erahnen lässt: Interpretation. Die Idee des interpretativen Journalismus darf nicht mit einem Meinungsjournalismus verwechselt werden, da der Versuch einer objektiven Abbildung seine Grundlage bleibt; nur sieht er seine Aufgabe eben zudem in der Einordnung und im Versuch, Einschätzungen anzubieten.

Teil des interpretativen Journalismus wäre in dieser professionellen Selbstwahrnehmung nicht nur die Bewertung der Personen, die man zu Wort kommen lässt, sondern auch die qualitative und inhaltliche Analyse ihrer Aussagen. Womit wir wieder beim Aus-dem-Fenster-Schauen und dem Regen wären.

Im „Zeit“-Gespräch wurden hier tatsächlich unterschiedliche Herangehensweisen an die publizistische Durchdringung der Wirklichkeit sichtbar – und damit vielleicht eine generelle Verschiebung des journalistischen Selbstbildes und seiner Aufgaben.

Eine gewisse Rollenkonfusion

Den Kommunikationswissenschaftlern Michael Brüggemann und Sven Engesser zufolge ist bei Online-Wissenschaftsjournalisten und im politischen Journalismus bei erfahrenen Klimajournalisten ein neuartiges Verständnis von Objektivität festzustellen, das über eine „ausgewogene Berichterstattung“ hinausgeht. Sie erklären in ihrer Publikation „Beyond false balance: How interpretive journalism shapes media coverage of climate change“, dass diese Fachjournalisten zwar immer noch versuchen würden, ihre Voreingenommenheit nicht in ihre Berichterstattung einfließen zu lassen, aber sie würden auch das verfolgen, was die Studie “weight-of-evidence reporting” nennt. Sie zitieren eine Interviewstudie mit amerikanischen Wissenschaftsjournalisten. Diese erklärten, sie strebten „mehr als nur Ausgewogenheit“ an und ignorierten wissentlich konträre Stimmen.

Ein weiterer Aspekt, der in der Klimakrise aber auch während der Pandemie deutlich wurde: Die Bewertung der Interviewpartner ist nicht mehr so trennscharf möglich, weil sich die Funktion der Experten und Expertinnen rapide weiterentwickelt hat. Ihre Arbeit geht über das Aufklären und Informieren hinaus; die Forscher werden nach Meinungen und Einschätzungen gefragt, positionieren sich zu Medizinethik, Leben, Tod und bewerten auch das politische Geschehen. Wissenschaftlerinnen treten also auch als Opinion-Leader und aufmerksamkeitsökonomisch agierende Akteure auf, was vielleicht auch eine gewisse Rollenkonfusion bedingt, die den Eindruck der falschen Ausgewogenheit verstärkt: Man dürfte journalistisch berechtigterweise zum Beispiel sagen, dass man einen Hendrik Streeck (es ist nur ein Beispiel, zerhacken sie bitte nicht die Tastatur, ich hätte auch Alexander Kekulé oder Christian Drosten schreiben können) aufgrund seiner Fehler nicht mehr einladen möchte, man dürfte sich aber journalistisch nicht entschließen, Streeck aufgrund seiner Meinung zur Pandemie nicht mehr einzuladen.

Diese Überlegungen erfolgen dann auch noch vor dem Hintergrund von Informationssituationen, die so neu und vorläufig sind, dass sie noch keine Eindeutigkeiten zulassen. Beispielhaft sei hier die Entwicklung bei Corona genannt: Lange galt der Laborursprung des Virus als verschwörungstheoretisch raunend, nun wird diese These jedoch seriös reevaluiert.

Während bei wissenschaftlichen Statements in der Tradition des interpretativen Journalismus natürlich eine Qualitätskontrolle erfolgen muss, die zu einem Ausschluss führen kann, muss eine „Qualitätskontrolle“ bei einer kontroversen Haltung oder einer unpopulären Meinung argumentativ erfolgen. Mit Rhetorik und Dialektik wird die Stärke und Sinnhaftigkeit einer Positionierung geprüft – das aber eben genau im Gespräch und durch die Auseinandersetzung. Hier muss man gemeinsam aus dem Fenster schauen und dann darüber streiten, ob es regnet – wie gesehen bei Böhmermann, Di Lorenzo und Lanz.

22 Kommentare

  1. Was wäre denn „true balancing“?
    Ich finde ja, dass das generell ein Dilemma ist, aber Böhmermann hat in dem Fall und mit den Beispielen, die er nennt, einfach Unrecht.

    Erstens ist der Vergleich schief, was bspw. die Corona-Entwicklung betrifft. Wenn der eine Meteorologe sagt: „Morgen wird die Sonne scheinen.“ und der andere: „Morgen wird es regnen.“, kann der Journalist es nicht selbst vor Redaktionsschluss herausfinden.

    Zweitens geht es in Talkshows ja selten um die Fakten an sich, sondern darum, wie man auf sie reagiert.

    Drittens kommen in Talkshows _immer_ Leute mit unterschiedlichen Ansichten vor. Wenn von 5 Gästen einer für einen harten Lockdown ist und die anderen dagegen, wird das Publikum schon nicht denken, dass das exakt die Allgemeinheit abbildet, bei der demnach 20% für und 80% dagegen seien. (Wenn Lanz einen Ufologen eingeladen hätte, der Corona mit Paläoastronautik erklären will, wäre das was anderes.) Welcher Mindestprozentsatz an Zustimmung müsste eine Meinung für eine Talkshow haben? 10%? 5%?

    Viertens, wenn Lanz zu Corona Til Schweiger einladen würde, der zwar eine Meinung hat, aber keine Expertise, könnte eine gescheite Moderation die schlimmsten Fehleinschätzungen ja trotzdem ausschließen. Man könnte ja einfach _sagen_, dass der jeweilige Gast eine sehr extreme oder abwegige oder weitgehend abgelehnte Meinung hat. (Ok, vllt. hält Böhmermann Lanz auch einfach für einen schlechten Moderator und will das nicht so direkt sagen…)

  2. @Mycroft
    Sie klingen, als wäre der Text voll daneben, aber stimmen doch eigentlich mit Ihrer Argumentation absolut zu.
    „True balancing“ wäre ein etwas seltsamer Begriff, sinnvoller wäre „correct/right/good balancing“ . Und wie es sich aus dem Artikel ergibt, gibt es eindeutige Fälle, wo es trivial ist, die richtige Balance zu finden (Kanzlerduell Scholz vs Baerbock ohne Laschet wäre seltsam), eine Grauzone (meinetwegen AfD und gerne auch noch Schweiger) und Fälle, wo es keine Balance braucht (mal ganz extrem: Parteichef vom Dritten Weg im Kanzler-Duell)
    Und eben, wie auch der Text argumentiert: Bei der Einsortierung von Person x,y,z in diese Kategorien kann und muss man eben streiten.

  3. „Sie klingen, als wäre der Text voll daneben, aber stimmen doch eigentlich mit Ihrer Argumentation absolut zu“
    Das geht jetzt hauptsächlich gegen Böhmermann, und ein bisschen gegen den Wettervergleich, aber gut, kommt wohl schlecht rüber.

    Den Wettervergleich halte ich für schlecht, weil in einer Situation, in der ein Journalist einen Sachverhalt aus eigener Kraft, Expertise oder sonstiger Fähigkeit überprüfen kann, gar keine externen Experten nötig sind.

    Mein Rest geht sehr gegen Böhmermann. Wieso nimmt der Streeck als Beispiel? Ist Streeck jetzt ein schlechter Wissenschaftler oder ein schlechter Mensch? Ist Streeck einzuladen, ihn mit gegensätzlichen Meinungen zu konfrontieren und das journalistisch einzuordnen, ähnlich schlimm wie auf einem lauschigen Waldspaziergang ein gefühliges Interview mit A. Hildmann zu haben? Der arme Käfer?
    Oder ist das ironisch? „Um ‚false balancing‘ satirisch zu überspitzen, nehme ich kein besonders extremes Beispiel, sondern ein besonders harmloses! Sartiere dürfen das!“ Man weiset nicht.

    Und, was mir recht wichtig vorkommt, man kann die Balance auch dadurch erzeugen, dass man einfach sagt, wenn eine bestimmte Position als Außenseitermeinung gilt. Das ist dieses „Einordnen“.
    Bei Böhmermann (und ein bisschen bei Ouassil) kommt es mir so vor, als wäre das Publikum dem „false balancing“ hilflos ausgeliefert und die Redaktion hätte keine Wahl, als nur bestimmte Leute einzuladen.

  4. Ich finde, leider kein starker Artikel von El Ouassil. Zum ersten Mal.
    Zum einen, weil sie an der Streeck-Stelle schon darauf hätte verweise müssen, dass Streeck ja nicht nur als Meinungshaber bei Lanz sitzt, sondern – Lanz sagt das ja auch – als Experte, weltbekannt, prominent. Seine „Meinung“ ist da schon anders konnotiert als nur als Meinung. Lustigerweise hatte mich die Autorin auf dieses Argument gebracht, mit ihrem Interview mit Holger zu den Allesdichtmachen-Videos.
    Zum anderen, weil zu Böhmermanns Argument dazugehört, dass er glaubt, Lanz lade Streeck nicht wegen dessen Expertise ein. Sondern, damit es „knallt“. Böhmermann unterstellt Lanz also nicht „false Balance“ im Namen der Balance. Sondern als Mittel um Unterhaltung zu machen. Was die Diskussion meiner Ansicht nach auf eine andere Ebene hebt, denn der Anspruch an Lanz als Unterhaltungssendung mit Politik wäre ein anderer als an Lanz als Politik-Talk mit Unterhaltungswert.
    Und ich finde es schade, dass Lanz Quatsch mit dem Gegenargument nicht thematisiert wird. Aber das ist kein Vorwurf an die Autorin, eher an den Diskurs, der die Quatschidee von „es gibt immer *2* Seiten“ weiterverbreitet.

  5. Diese Website ist gelb mit grüner Schrift.
    Wer was anderes behauptet, untergräbt mein Recht auf Meinungsfreiheit.

    Wollen wir echt eine gesellschaftliche Diskussion darüber führen, ob man mich für so was ernst nehmen muss? Ist das Meinung, Fakt? Wenn der Fakt nicht stimmt, darf ich trotzdem der Meinung sein, dass der Fakt stimmt? Ist diese Meinung gleichwertig mit dem Fakt?
    Liegt’s an meinen lokalen Browsereinstellungen und ich kann da gar nichts für, weil ich ja nicht weiß, dass es bei anderen anders aussieht?
    Kann Bullshit nicht einfach mal als Bullshit ignoriert werden? Das ging doch früher™ auch.
    (Außer wenn irgendein Durchgeknallter was bei linksunten hochgeladen hat und dann die Linke Bundestagsfraktion sich dafür rechtfertigen musste)

  6. @Daniel: Da sitzt aber nicht nur Streeck, der Experte, weltbekannt und prominent. Denn mit ihm sitzt da auch „Bild“, die PR Agentur Storymachine, die Heinsberg Studie und anderer maximal aufmerksamkeitsökonomischer Quatsch, der durch Medien außerhalb des Springer Imperiums reingewaschen werden soll, damit die „Welt“ zitieren kann, was Streeck im seriösen ZDF gesagt hat. Der ÖR hat eine Satzung und (immer noch) eine Reputation zu verlieren. Sie sollten sich besser überlegen, wie sie mit solchen Kapermanövern umgehen.

  7. Ich bin der Meinung, dass sich die Talk-Moderatoren und so manche/r Journalist/in sich selbst das Leben schwer machen. Oder anders gesagt, zentrales Element dieser Sendungen ist es eben, Meinungen und Fakten zu vermischen. Darum sitzen immer die gleiche Politiker drin, die ihre Meinung(!) zu wesentlichen Themen (Wie können wir dem Klimawandel begegnen?) kundtun. Denen gegenüber setzt man dann (hoffentlich seriöse) Wissenschaftler.

    Das Problem beginnt dann im Gespräch: Der Politiker erzählt irgendwas von Autofahren muss billig bleiben, denkt an die Armen, Wirtschaft, blaaaaa. Dazu kann der Wissenschaftler gar nix sagen, weil seine Expertise darin liegt, zu erforschen, unter welchen Bedidungen sich Variable x gegenüber Variable y ändert. Dennoch wird er gefragt, ob wir denn jetzt alle auf Autofahren verzichten müssten. Und der Politiker wird gefragt, ob man denn mit seinem Konzept wirklich den Klimawandel verhindern könne.

    Heraus kommt dann ein Meinungsfaktenkuddelmuddel, bei dem niemand mehr sagen kann, was jetzt eigentlich Fakt und was Interpretation ist. Folglich lässt sich da auch keine Balance hergestellen.

  8. @#6:
    Dann sind Talkshows eigentlich überflüssig.

    Welchen Sinn haben Diskussionen im Fernsehen, wenn nur Leute eingeladen werden, die Recht haben?

  9. @#9: Genau! Talkshows sind überflüssig. Das liegt allerdings weniger an der Unmöglichkeit, eine Meinungsbalance herzustellen, sondern in deren Inhaltsleere und deren lächerlicher Anhäufung von Wichtigtuerei auf den Stühlen/Sesseln.

  10. #9:
    „Welchen Sinn haben Diskussionen im Fernsehen, wenn nur Leute eingeladen werden, die Recht haben?“

    Hatten wir es nicht vor kurzem mit der „Ambiguität“? Aufzeigen, dass es wenige exklusive Wahrheiten gibt, bedeutet nicht, dass erkennbar falsches einen Raum haben muss. Es kann zwei Wahrheiten nebeneinander geben. Wenn auch nicht im philosophischen Sinne.

    Mir ginge es da auch um eine weitere Ebene:
    Was machen wir mit vorsätzlichen Lügen?
    Warum haben die so wenig Konsequenzen? Ich weiss, der Nachweis ist schwer erbracht, aber manchmal eben doch möglich. Wenn also erwiesen ist, dass, sagen wir mal, vorsätzlich falsch behauptet wird, eine Maßnahme erfolge aus Brandschutzgründen…
    Oder wenn eine wackelige Studie extra schnell zusammengeklatscht wird. Und wenn dann ohne pre-print und die all bewährten wissenschaftlichen Prozesse mit der Studie eine windige PR-Firma versucht, dem Ministerpräsidenten eines Bundeslandes einen wichtigen politischen Erfolg zuzuschustern, sollte so etwas nicht mal Folgen haben, wenn es rauskommt?
    Wenn eine Zeitung nachgewiesen vorsätzlich etwas Falsches veröffentlicht, um eine Agenda zu verfolgen?

    Keine Peanuts, aber mitunter sterben Menschen wegen so etwas.
    Meinungsfreiheit, ja, unbedingt. Aber muss das bedeuten, dass die Meinung keine Konsequenzen mehr haben darf?
    Ohne böse Absicht etwas falsches zu sagen, darf kein Konsequenzen haben. Die Hürden für einen Nachweis müssen extrem hoch sein.

    Aber wenn eine Absicht einwandfrei erwiesen ist, dann muss. das Lügen doch eine Konsequenz haben. Ich glaube, es bliebe uns eine Menge komplett Sinn befreiter Diskurs erspart, wenn diese Konsequenzen, dem Thema angemessen, deutlich spürbar wären.

    Es gilt ja auch teilweise für Journalisten in ihrem Arbeitsverhältnis.
    Wenn aber das gesamte Medium mitspielt, gibt es irgendeine komplett wirkungslose Geste und das wars.

  11. Hatten wir es nicht vor kurzem mit der „Ambiguität“? Aufzeigen, dass es wenige exklusive Wahrheiten gibt, bedeutet nicht, dass erkennbar falsches einen Raum haben muss.

    Dunkel ist mir Ihrer Worte Sinn.
    Was wäre denn eine inklusive Wahrheit?

    Ist der Vorwurf von Böhmermann jetzt, dass Streeck erkennbar lügt (oder meinetwegen erkannbar Unwahrheiten verbreitet, an die er selbst fälschlicherweise glaubt), und Lanz ihn deshalb nicht einladen darf?
    Mein Argument gegen Streeck in Talkshows wäre, dass seine Expertise nicht so gut den Test der Zeit bestanden hat. Also, um im Bild zu bleiben, der Meteorologe, der das Wetter seit Monaten am häufigsten falsch vorhergesagt hat, wird nicht mehr gefragt. Ist aber mehr aus dem Nachhinein.

  12. „Man dürfte journalistisch berechtigterweise zum Beispiel sagen, dass man einen Hendrik Streeck (….) aufgrund seiner Fehler nicht mehr einladen möchte, man dürfte sich aber journalistisch nicht entschließen, Streeck aufgrund seiner Meinung zur Pandemie nicht mehr einzuladen.“

    Wenn man sich das Gespräch von Böhmermann, Lanz und di Lorenzo nochmals anschaut, dann ist die Sache doch so abgelaufen:

    Böhmermann: Streeck einzuladen ist falsch, er vertritt eine Randposition und erzählt dummes Zeug (= angebliche Fakten).

    Lanz: Aber der Bürgermeister von Rostock hat ihn sehr gelobt.

    Böhmermann: wiederholt seine Aussage.

    di Lorenzo: Alle Leute zu Wort kommen lassen (verwechselt reflexhaft fehlerhafte Aussagen mit Meinungen).

    Lanz: Nenn mir doch mal Argumente von Streeck, die falsch waren.

    Es geht also Lanz nicht darum, dass Streeck bloß seine Meinungen äußert. Lanz wirft erst eine Nebelkerze (Bürgermeister Rostock) und behauptet dann ziemlich frech, Streeck mache keine Fehler (was schon verrückt ist, weil darüber viel berichtet worden ist).

    Das ist dann nicht einmal mehr „false balance“. Da ist so ziemlich alles aus dem Lot geraten.

  13. #12 Ich mache es mir mal leicht: Sie könnten niemals irgendeinen Theologen einladen, wenn Sie quasi nur axiomatische, exklusive Wahrheit akzeptierten. Es würden auch sehr langweilige Zeiten anbrechen.
    Zu Streeck:
    Ich bin da sehr argwöhnisch, was die Motive der Hopplahopp Präsentation seiner Studie angeht. Hätte er ein Pre-Print vorab online gestellt, wäre sie für die Ministerpräsidenten Runde untauglich gewesen.
    Die handwerklichen Mängel waren doch riesig.
    Die Gruppe bildete nicht die Altersstruktur der deutschen Bevölkerung ab, es gab keine Pflegefälle und in der Gruppe gab es reichlich Familien ( deshalb ist die Ansteckungsquote in der Gruppe nicht repräsentativ ).
    Später hat Streeck sich noch geweigert, Nachmeldungen von weiteren Verstorbenen, die schon während der Studie auf die Intensiv gekommen waren, mit aufzunehmen und seine Zahlen anzupassen.
    Irgendwie schade, denn die Studie hat durchaus auch Erkenntnisgewinn gebracht ( Geschmacks- und Geruchsverlust als Symptom wurde erstmals dokumentiert ).
    Ich kann es nicht beweisen, aber es wäre sicher eine dankbare Aufgabe, das storymachine/Laschet/Streeck Geflecht mal zu untersuchen.
    Fest steht, dass Streeck 2020 permanent mit irgendwelchen Behauptungen um die Ecke kam, immer „zufällig“ sehr wohl terminiert und immer mit überschaubarer Halbwertzeit.
    Da fällt es mir schwer zu glauben, dass er einfach ein soo schlechter Wissenschaftler ist.

  14. „Sie könnten niemals irgendeinen Theologen einladen, wenn Sie quasi nur axiomatische, exklusive Wahrheit akzeptierten.“
    Ich weiß immer noch nicht, was Sie mit ‚exklusiv‘ meinen, aber ja, wenn ich nur Axiome akzeptierte, wäre das die Konsequenz.
    Bzw., Böhmermann hat mWn auch noch keinen Theologen eingeladen, das ist dann ja konsequent.

    Es ging mir darum, dass das ein generelles Problem von Talkshows ist: wenn alle darin dieselbe Meinung hätten, ist keine Diskussion möglich, also muss man Leute mit unterschiedlichen Meinungen einladen. Und zumindest einige von denen werden sich spätestens im Nachhinein als falsch erweisen. Insofern ist entweder der Vorwurf sinnlos oder Talkshows generell.

    Dass Streeck nicht ganz die „Lichtgestalt“ ist, für die Lanz ihn hält, habe ich nicht bestritten, aber das ist jetzt eher der Charakterfehler von Lanz. „pro-Streeck“ ist es aber so, dass dessen Meinung (mit dem Virus leben) nicht sooo abwegig oder selten ist, dass sie nicht abgebildet werden müsste. Man müsste dabei bloß kritischer sein als Lanz.

  15. #15:
    “ dass dessen Meinung (mit dem Virus leben) nicht sooo abwegig oder selten ist, dass sie nicht abgebildet werden “

    Natürlich, solange man ehrlich erklärt, was das bedeutet und nicht an den Zahlen dreht.
    Wenn ein Sozialdarwinist die Karten auf den Tisch legt, kann man in den Diskurs eintreten.
    Wenn ein Virologe aber an den Zahlen dreht, um seine eher „robusten“ Ansichten damit zu unterstützen, dann ist das ein ganz anderer Schnack.

    Es ist dies ein grundsätzliches Problem und das geht schon ein Stück weit in Richtung Toleranzparadoxon nach Popper:
    Die Meinungsfreiheit der Unaufrichtigen verdient keine Aufmerksamkeit.

  16. „Natürlich, solange man ehrlich erklärt, was das bedeutet und nicht an den Zahlen dreht.“
    Ja.
    Ein guter Moderator würde natürlich unehrliche Aussagen und Zahlen hinterfragen. Die „Toleranz“, wenn Sie das so nennen wollen, ist dann aber nicht, dass man Streecks Positionen aus falsch verstandener Ausgewogenheit abbildet, sondern, dass man sie _unkritisch_ abbildet.
    Wie schon gesagt, kann sein, dass Böhmermann das meinte: Lanz sei ein zu unkritischer Moderator/Journalist, was Streeck betrifft.
    Aber das hätte er eigentlich anders formulieren sollen.

  17. Sehr guter Artikel, Vielen Dank. Hat mir als Wissenschaftler nochmal die Schwierigkeit objektiver Berichterstattung deutlich gemacht.

    Meiner Meinung nach wäre ein transparenter, interpretierender Journalismus wünschenswert.

    z.B in Bezug auf Corona oder Klimawandel wäre dies eine Einschätzung der Datenlage und eine bestmögliche Information des Lesers. Was sind die wahrscheinlichsten Interpretationsmöglichkeiten in beide Richtungen und wie ordnet sie der (hoffentlich) kompetente Journalist ein.

    Wenn man dies als Grundlage nimmt und es transparent kommuniziert (vielleicht auch hin und wieder sagt, was man als zu abstrus und unrealistisch für eine genauere Ausführung abgelehnt hat) ergibt sich relativ natürlich, welche Talkshowgäste man am ehesten einladen würde.

    Unabhängig von der Diskussion im Artikel über das Böhmermann/Lanz Gespräch ist mein Gefühl, dass immer noch unter dem Deckmantel der Meinungspluralität bei vielen Talkshows nicht die inhaltliche Diskussion , sondern die Konfliktmaximierung für Quote im Vordergrund steht. Hier machen viele Journalisten einfach einen lausigen Job, bewusst oder unbewusst.

  18. „ Deshalb geht es in Talkshows ja eigentlich auch nicht um Fakten und Infos, sondern um Meinungen und Argumente.“

    Interessant, das wäre doch mal ein Thema für Samira El Ouassil.

    Jetzt dreht sich der Kreis durch.

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