Mediale Herausforderung

Die Klimakrise ist nicht ein weiteres Problem auf der Bühne. Sie bedroht die ganze Bühne.

Die Hauptstraße in Mayschoss liegt nach der Hochwasserkatastrophe meterhoch unter Trümmern.
Die Hauptstraße in Mayschoß (Rheinland-Pfalz) nach der Hochwasserkatastrophe. Foto: Imago / Reichwein

Die Zeit ist knapp, die Aufgabe überwältigend groß – so ließ sich schon der Sonderbericht über 1,5 Grad globale Erwärmung des Weltklimarates (IPCC) der Vereinten Nationen kurz zusammenfassen. Mit seiner Veröffentlichung 2018 machte er klar: Die Staaten müssen erhebliche Maßnahmen ergreifen, um die Emissionen zu senken, und sich gleichzeitig intensiv auf die Auswirkungen unvermeidlicher Veränderungen des globalen Klimas vorbereiten. Und dennoch ist in den Jahren danach kaum etwas passiert, um angemessen auf diese Bedrohung zu reagieren. Der aktuelle IPCC-Bericht bekräftigt die Dringlichkeit daher erneut.

Doch die wissenschaftlichen Erkenntnisse, wie akut und existenziell die Klima- und Biodiversitätskrise ist, spiegeln sich kaum in der täglichen Medienberichterstattung wider.

Ein Grund dafür sind psychologische Hemmnisse, von denen in diesem Artikel einige exemplarisch besprochen werden sollen. Er bietet somit eine Grundlage, die aktuelle Berichterstattung zur Klima- und Biodiversitätskrise zu reflektieren und zu optimieren – da Massenmedien stark einflussreiche Instrumente sind, die die Öffentlichkeit für Umweltfragen sensibilisieren und die Problemwahrnehmung in der breiten Bevölkerung prägen.

Die mediale Berichterstattung ist wichtiger Teil eines „sozialen Konstrukts“ der Klimakrise und prägt dieses entscheidend mit: Das „soziale Konstrukt“ meint hier die permanente öffentliche Debatte zum Thema, immer wieder aufs Neue geprägt von zum Beispiel politischen, ökonomischen oder kulturellen Äußerungen unterschiedlichster Akteur:innen.

Oft deutlich anders stellt sich das „wissenschaftliche Konstrukt“ der Klimakrise dar, bestehend aus langjähriger Datensammlung, Forschung und Meta-Analysen, woraus sich zusammengenommen ein sogenannter „wissenschaftlicher Konsens“ abbildet: das Fundament der wissenschaftlichen Debatte.

Das soziale und das wissenschaftliche Konstrukt der Klimakrise unterscheiden sich erheblich – und bei der Berichterstattung zur öffentlichen Debatte, das heißt zum sozialen Konstrukt, bleibt eine entsprechende wissenschaftliche Einordnung seitens des Journalismus noch zu oft aus.

Um es gleich zu sagen: Es gibt sie, die der Dringlichkeit angemessenen Medienbeiträge, es sind gar nicht mal so wenige. Zu selten jedoch erscheinen diese Beiträge auf Titelseiten oder Hauptsendeplätzen.

Das ist erstens erstaunlich, da die Klima- und Biodiversitätskrise als im Wortsinn existenzielle Krise jede einzelne Person auf diesem Planeten betrifft. Es ist zweitens ein Problem, da die Priorität, die dieser Berichterstattung eingeräumt wird, unsere Wahrnehmung der Krisenhaftigkeit erheblich mitbeeinflusst: Das gilt nicht nur für Bürger:innen und damit Wähler:innen, sondern auch für Politiker:innen, Wirtschaftslenker:innen und auch Medienschaffende. Auch deren journalistisches Interesse und ihr Klimabewusstsein wird von der (Nicht-)Abbildung mitgeprägt, denn: Kann die Klimakrise wirklich schlimmer sein, als die Titelseiten es spiegeln?

1. Die Klimakrise – ein Größenvergleich

Ein stabiles Klima ist die Grundlage des Lebens auf der Erde und der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen. Die Klima- und Biodiversitätskrise lassen sich daher nur schwer in einer Reihe mit anderen Themen des Tagesgeschehens journalistisch abbilden.

Um diese Dimension begreifbar zu machen, kann man auf den psychoanalytischen Bühnen-Vergleich zurückgreifen: Handelt es sich um ein Problem auf der Bühne? Oder um ein Problem der Bühne selbst?

Bei der Berichterstattung zur Klimapolitik entsteht oft der Eindruck, die Klimakrise sei ein weiteres Thema auf der Weltbühne – neben etwa Kriegen und Wirtschaftskrisen. Gleichzeitig konkurriert sie aber auch mit Sport- und Kulturthemen um Aufmerksamkeit – und unterliegt dabei oft. Tatsächlich aber bedroht die Erderhitzung die Weltbühne an sich, das Fundament unseres Lebens. Und dies ist keine abstrakte, ferne Gefahr – um sie abzuwenden, müssen innerhalb der nächsten zehn Jahre massive Transformationen umgesetzt werden.

Was das bedeutet, scheint lange nicht allen wirklich bewusst zu sein. Und das führt oft zu Missverständnissen im Dialog über die Klimakrise und erklärt teilweise die unzureichende mediale Priorisierung. Krisen, die die Bühne selbst betreffen, müssen auch in ihrer journalistischen Abbildung prioritär behandelt, ihr Einfluss in allen anderen Bereichen mitgedacht werden.

Die Klima- und Biodiversitätskrise bedroht uns in unserer Existenz und kann daher nicht mit anderen Themen „auf der Bühne“ verglichen werden. Solange dies jedoch geschieht, ist es für Leser:innen, Zuhörer:innen und Zuschauer:innen wiederum schwer, das Ausmaß des Problems wirklich zu durchdringen. Es macht es für sie schwer, sich die Widersprüche zwischen der Wissenschaftsberichterstattung, in denen die Krisen als große Bedrohung aufgezeigt werden, und großen Teilen der Politik- und Wirtschaftsberichterstattung, die den Einfluss politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen auf diese Krise allzuoft ausblendet, selbst zu erschließen. Zumal das Vertrauen in Qualitätsmedien in Deutschland zwar Schwankungen unterliegt, aber als vergleichsweise hoch bezeichnet werden kann. Es vertrauen somit viele Menschen darauf, dass die Themenauswahl deren Dringlichkeit im Wesentlichen entspricht.

Denn das ist eine der zentralen Aufgaben des Journalismus: das Weltgeschehen einzuordnen, nach den Gesichtspunkten sozialer Relevanz, dem Neuigkeitswert und Faktenbezug. Mit Blick auf die Klimakrise bieten Extremwetterereignisse am ehesten den ansonsten oft fehlenden Neuigkeitsbezug. Sie werden jedoch als Themen „auf der Bühne“ vermittelt, die Verbindung zur Klimakrise oft gar nicht aufgezeigt – auch, aber sicher nicht nur, weil sie sich in der Regel nur schwer wissenschaftlich eindeutig auf diese zurückführen lassen.

2. Die Klimakrise betrifft alles und alle

Um die existenzielle, historische und zivilisatorische Dimension der Klima- und Biodiversitätskrise journalistisch abzubilden, müsste diese in den Redaktionen in allen Ressorts mitgedacht werden, auch und vor allem in den Politik- und Wirtschaftsressorts. Ihre inhaltliche Verbindung zu den übrigen Medieninhalten muss konsequent aufgezeigt werden. Das erfordert auch eine entsprechende Besetzung der Redaktionen und Aus-, Fort- und Weiterbildungen für Redakteur:innen.

Welchen Effekt das haben kann, zeigte sich etwa in der Corona-Krise: Innerhalb kürzester Zeit mussten sich Journalist:innen zumindest in die Grundlagen des neuartigen Problems einarbeiten, und zwar mehr oder weniger alle. Denn selbst die Sportredakteur:innen spüren die Auswirkungen der Pandemie auf ihren Themenbereich direkt. Das befähigt die Redaktionen wiederum dazu a) die Relevanz von Themen und neuen Entwicklungen und b) Aussagen von Politiker:innen entsprechend einzuordnen und untereinander informiert zu diskutieren.

Versucht hingegen ein:e einzige:r Klimaredakteur:in in einer Redaktionskonferenz, einem Thema entsprechende Aufmerksamkeit zu verschaffen, konkurriert es „auf der Bühne“ erfahrungsgemäß gegen andere Themen. Und setzt sich oft nicht gegen Entscheidungen der Chefredaktion durch.

Neue Klima-Formate und -Rubriken, wie etwa der 2020 bei Spiegel.de eingeführte „Klimabericht – Daten zur Lage des Planeten“, sind eine Möglichkeit, der Krise mehr Aufmerksamkeit und damit Bewusstsein zu verschaffen. Gleichzeitig reihen sie die Klima- und Biodiversitätskrise damit fälschlich als ein weiteres optionales Thema „auf der Bühne“ ein, neben zum Beispiel Sport, Panorama oder Politik. Eine derartige Fehleinschätzung im Größenvergleich zeigte zum Beispiel auch der FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff, als er die Ankündigung des neuen Instagram-Kanals des WDR, „klima.neutral“, als Wahlkampfhilfe für die Grünen kritisiert und fragt: „Wo sind Kanäle zur #Wirtschaftskrise, zur #Bildungskrise, zur #Digitalkrise usw.?“

Eigene Rubriken oder selbst Redaktionen können als Übergangslösung dennoch hilfreich sein, um das Thema und damit breiteres Wissen dazu in der Redaktion zu etablieren. Sie sollten aber einen entsprechenden Stellenwert im Medium zugesprochen bekommen.

Um die Klimakrise einem größeren Publikum zu vermitteln, wird unter anderem nach Narrativen geforscht, wie die Komplexität und Dringlichkeit begreifbar gemacht und Menschen zum Handeln animiert werden können. Das ist auf jeden Fall wichtig. Voraussetzung für eine adäquate Vermittlung wäre aber zuallererst ein entsprechendes Krisenverständnis und -bewusstsein aufseiten einer Mehrheit von Medienschaffenden.

Doch auch Journalist:innen sind Menschen und unterliegen bekannten psychischen Hemmnissen, die es erschweren, das Ausmaß der Klimakrise zu begreifen.

3. Krisenbewusstsein und Verarbeitungstiefe

Inwieweit sich das Verständnis der Klima- und Biodiversitätskrise zwischen uns Menschen unterscheidet, kann anhand bewusstseinspsychologischer Modelle dargestellt werden. In Deutschland scheint in der Bevölkerung grundsätzlich eine breite sachliche Kenntnis vorhanden zu sein, allerdings führt diese bisher nur zu unzureichenden Maßnahmen.

Klimabewusstes Handeln verharrt häufig auf der Ebene einzelner, individueller Verhaltensänderungen (Verzicht auf Plastiktüten, Reduktion des eigenen Fleischkonsums, …), was der Dimension des Problems nicht gerecht wird. Der zugrunde liegende systemische Rahmen, der ein emissionsarmes Leben unmöglich macht, wird deutlich seltener infrage gestellt. Auch die Bereitschaft, selbst Konsum-Einschränkungen hinzunehmen oder nötige Klimaschutzmaßnahmen im eigenen beruflichen und privaten Lebensalltag umzusetzen, ist oft nur eingeschränkt vorhanden.

Auch an dieser Stelle finden sich Journalist:innen in einer Doppelrolle wieder: Einerseits sind sie als Menschen in ihrer eigenen Bewusstseinsbildung, -aufrechterhaltung und Handlungskonsequenz störanfällig. Andererseits gehört es zu ihrer Rolle als Journalist:innen, unterschiedliche Zusammenhänge und vielfältige Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Womit sie dazu beitragen, ein entsprechendes Bewusstsein überhaupt erst zu ermöglichen – und damit auch ein der Dimension des Problems gerechteres, klimaschützendes Verhalten.

Um zu einem tieferen Problembewusstsein zu gelangen, muss das Faktenwissen in der Regel mit Emotionen verknüpft werden, was die Wahrscheinlichkeit eines inneren Handlungs- und Leidensdrucks deutlich erhöht. Persönliche Verbindungen zur Klimakrise können wir zum Beispiel herstellen, indem wir uns damit auseinandersetzen, was sie für unseren Alltag, unsere Kinder und Enkel:innen oder Menschen im globalen Süden bedeutet, für einzelne Berufsgruppen, den eigenen Versicherungsschutz oder die Finanzplanung. Gelingt uns das, nimmt die Verarbeitungstiefe zu, und die Wahrscheinlichkeit einer emotionalen Reaktion und damit der Handlungsbereitschaft erhöht sich.

Grundsätzlich ist es so: Jede einzelne mentale Operation lässt die Verarbeitungstiefe eines komplexen Sachverhaltes zunehmen, konkret: lesen, darüber nachdenken, Bezüge herstellen, Prognosen wagen oder Gespräche führen. Bezogen auf die Klima- und Biodiversitätskrise bedeutet das: Insbesondere Beiträge, die uns zum Weiterdenken anregen oder über persönliche Bezüge emotionale Reaktionen in uns hervorrufen (s. o.), sind besonders geeignet, unser Problembewusstsein und damit auch die Handlungsbereitschaft wachsen zu lassen. Dieses psychologische Wissen zur Verarbeitungstiefe macht deutlich, warum es für die Entwicklung eines gesellschaftlichen Krisenbewusstseins enorm wichtig ist, die Klima- und Biodiversitätskrise in der medialen Berichterstattung täglich breit, das heißt mit Blick auf verschiedene Zielgruppen, abzubilden und mit deren speziellen Alltagsthemen zu verknüpfen.

Da potenziell Angst erzeugende Medienbeiträge jedoch immer auch zu Reaktanz, Resignation oder verschiedenen inneren Abwehrmechanismen führen können, ist es wichtig, in der Klimaberichterstattung so oft wie möglich auch konkrete, über die individuelle Ebene hinausgehende Handlungsmöglichkeiten zu nennen. Andernfalls könnten die Beiträge gar dazu führen, eine falsche defätistische Grundhaltung („es ist eh nichts mehr zu retten“) zu verstärken.

4. Probleme der Klimakommunikation

Grundsätzlich finden sich in der Berichterstattung zur Klima- und Biodiversitätskrise sämtliche Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation bzw. des Wissenschaftsjournalismus: abstrakte Zahlen und Daten verständlich zu machen, eine Brücke zum Publikum zu finden oder wissenschaftliche Unsicherheiten entsprechend einzuordnen. Aus dieser Perspektive heraus wird verständlich, dass es heute vor allem die Wissensredaktionen sind, in denen eine IPCC-konforme Klimaberichterstattung stattfindet.

Außerhalb des Wissenschaftsjournalismus kommt es ressortübergreifend hingegen immer wieder zu einer verwässerten Darstellung der Dringlichkeit der Krisen. Das hat unterschiedliche Ursachen:

Klimapolitik wird oft mit klassischem Politikjournalismus begegnet. Dieser geht im Wesentlichen davon aus, dass es zu einem Thema mehrere legitime politische Meinungen gibt. Diese einander gegenüberzustellen, soll nach gängiger journalistischer Praxis Ausgewogenheit in der Berichterstattung gewährleisten. Diese klassische Form des Politikjournalismus blendet hinsichtlich der Klimakrise jedoch zu oft zugrunde liegende klimawissenschaftliche Fakten aus. Wissenschaftliche Einschätzungen werden zwar im Laufe eines Beitrags oft kurz angerissen, erscheinen aufgrund der geringen Priorisierung dann häufig jedoch selbst wie eine Meinung.

Außerdem gibt es die Sorge, als alarmistisch oder aktivistisch zu gelten oder die Leser:innenschaft zu verschrecken. Dies erstaunt nicht, ist doch der derzeitige politische Diskurs zur Klimakrise so weit von der realen Bedrohung und dem wissenschaftlichen Konsens entfernt, dass die Fakten fast surreal wirken können. Insbesondere Redaktionsleitungen stehen hier in der Verantwortung, relativierende Phrasen im Faktencheck kritisch zu hinterfragen. Doch gerade ihnen fehlt erfahrungsgemäß oft die entsprechende Expertise. Teils verlangen gerade sie die Ergänzung einer zusätzlichen, relativierenden Perspektive, wenn ihnen Berichte zu extrem oder alarmistisch erscheinen, weil sie nicht mit den Fakten vertraut sind. Dies befördert ein öffentliches Kleinreden der Krisen und die Fehleinschätzung, wir hätten die Lage im Griff.

Ein Erklärungsmuster dafür bietet die Sozialpsychologie mit dem „Bystander Effekt“: Er beschreibt das Phänomen, dass je mehr Menschen bei einer Notlage Zeug:innen sind, desto weniger von ihnen bezüglich dieser Notlage aktiv werden. Wir fühlen uns nicht verantwortlich, deswegen helfen wir nicht – oder berichten Medien eben nicht ausreichend prominent.

Der Bystander Effekt ist in der Form wirksam, dass uns die Ruhe der anderen in falscher Sicherheit wiegt: Denn würden Journalist:innen und Politiker:innen nicht deutlich Alarm schlagen, wenn es wirklich so ernst wäre? Ein derart breites kollektives Verdrängen der Klima- und Biodiversitätskrise wird oft nicht für möglich gehalten. Wir bleiben somit auch ruhig, weil alle ruhig bleiben.

Auf den Journalismus übertragen: Solange Konkurrenzmedien die Dringlichkeit der Klimakrise nicht prominent und klar auf die Titelseiten heben, tun es andere Medien auch nicht.

5. Hyper-Komplexität als Hindernis

Bei der Klima- und Biodiversitätskrise handelt es sich um ein sogenanntes „(super-)wicked problem“: Es ist einzigartig und ohne klare Problemdefinition, sämtliche Faktoren hängen in komplexen Wechselwirkungen miteinander zusammen. Diese Krise ist zu komplex, als dass unser menschliches Gehirn sie vollständig verstehen und durchdringen könnte.

Im Zusammenhang mit der Klima- und Biodiversitätskrise müssen wir daher immer auch interdisziplinär denken, uns auf die Forschungsergebnisse anderer Wissenschaften verlassen und bestenfalls die soziale Intelligenz („Schwarmintelligenz“) nutzen. Konkret kann dies bedeuten, zu den eigenen Ideen immer wieder die Expertise anderer Menschen und Fachdisziplinen abzufragen, diese einzubeziehen und unsere persönliche Herangehensweise auf diese Weise ständig flexibel zu halten und zu überarbeiten. Ein kollektives Zusammenarbeiten, das in unserer individualisierten Kultur zunächst neu und ungewohnt erscheinen mag. Klimajournalismus (und auch Klimaaktivismus) erfordert jedoch genau diesen Mut, neue Wege zu erproben, und birgt somit immer die Notwendigkeit einer gewissen Fehlertoleranz und Unvollständigkeit.

Zudem ist es mitunter schwer zu unterscheiden, wer überhaupt Expert:in ist. Dies beanspruchen die verschiedensten Menschen für sich, außerdem gibt bis heute wirksame Vertuschungs- und Greenwashing-Kampagnen etwa der fossilen Lobbyverbände, von deren Einfluss sich auch Journalist:innen oder Politiker:innen kaum frei machen können. So investierte zum Beispiel das American Petroleum Institute mehr als zehn Millionen Dollar in die Werbung für „saubere“ fossile Brennstoffe – ein Narrativ, das sich jahrzehntelang auch in der Argumentation von Bundestagsabgeordneten wiederfindet – und bemühte sich gezielt, die eigenen Produkte in Verbindung mit Alltag und Wohlbefinden darzustellen.

Eine derart unzureichende journalistische Einordnung konnte zum Beispiel in der Berichterstattung rund um die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union beobachtet werden: Mit vergleichsweise geringem medialem Echo wurden hier Ende 2020 mehrere Hundert Milliarden Euro in einer mit dem Pariser Klimaschutzabkommen nicht kompatiblen Agrarreform festgeschrieben, die auch das Artensterben nicht stoppen wird.

Entsprechende wissenschaftliche Stellungnahmen standen rechtzeitig zur Verfügung: So hatte zum Beispiel die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina eine Einordnung vorgenommen. Auch Guy Pe’er und andere hatten in einem Open-Access-Artikel bereits Monate vor den entscheidenden Abstimmungen vor einem Fehltritt gewarnt und zehn konkrete notwendige Handlungsschritte benannt. Eine prominente und ausführliche mediale Einordnung der EU-Beschlüsse im Vergleich mit den Stellungnahmen etablierter Wissenschaftler:innen blieb oft jedoch aus. Stattdessen übernahmen diverse Beiträge dazu die Einordnung von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, wonach die Reform ein „fundamentaler Schritt hin zu mehr Nachhaltigkeit“ und ein „Systemwechsel“ sei.

Angesichts dessen, wie weitreichend die Folgen dieser Entscheidung sind, war die Berichterstattung zu spät, zu wenig – und oft nicht ansatzweise ausreichend eingeordnet. Obwohl das Problem aufgrund seiner Auswirkungen auf das Leben aller Menschen in der EU, und sogar weltweit, Stoff für wochenlange mediale Debatten bieten würde, war das Thema nach ein paar Tagen wieder verschwunden.

6. Die Katastrophe wird nicht greifbar

Zahlen, Fakten und Zusammenhänge so aufzubereiten, dass sich ihre Bedeutung einem breiten Publikum erschließt, bleibt eine fortwährende Herausforderung. So ist es medial bisher nicht gelungen, einer breiten Öffentlichkeit klar zu machen, was die Nicht-Einhaltung des 1,5-Grad-Limits für ihr eigenes Leben bedeutet – auch weil dies vielen Journalist:innen selbst nicht bewusst zu sein scheint.

Die kostenfrei verfügbare und lesenswerte Übersichtspublikation der Columbia University The Psychology of Climate Change Communication beschreibt weitere zentrale Fehlerquellen der Klimaberichterstattung: Oft fehlt eine Brücke zum jeweiligen Publikum, was dazu führt, dass bestimmte Informationen nicht wahrgenommen oder verarbeitet werden. Um diese Brücken zu schlagen, helfen Verbindungen zum Alltag der Leser:innen und eine konsequente Kombination aus „Prevention-“ und „Promotion-Fokus“: Im Prevention-Fokus richtet sich die Aufmerksamkeit auf schwierige oder fatale Folgen, die es zu verhindern gilt; im Promotion-Fokus wird ein attraktives Ziel dargestellt, das uns als Menschen anzieht.

Hier wird eine weitere Schwachstelle der derzeitigen Klimaberichterstattung deutlich: Fokussiert sich diese zu sehr auf die Darstellung naturwissenschaftlicher Sachverhalte, wie es häufig gerade in den gut recherchierten Wissenschaftsberichten der Fall ist, kann für die Zielgruppe die Relevanz für das eigene Leben verborgen bleiben. Verknüpft man die in entsprechenden wissenschaftlichen Publikationen zum Beispiel des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) genannten, zunächst vielleicht abstrakt anmutenden Werte zu Temperaturschwankungen oder Treibhausgas-Konzentrationen mit der erwartbaren Weizenernte oder drohenden Wasserknappheit in einzelnen Regionen des Landes, werden die Auswirkungen auf das eigene Leben erlebbarer. Diese können allerdings so beängstigend sein, dass es nötig wird, konstruktiv Handlungsmöglichkeiten und Verantwortlichkeiten aufzuzeigen, um purer Ablehnung vorzubeugen und politische Entscheidungen einzuordnen.

7. Ausblick

Die Klima- und Biodiversitätskrise ist eine planetare Krise unvergleichlichen Ausmaßes, die auch von vielen Journalist:innen noch nicht ausreichend verstanden wurde. Sie erfordert daher nicht nur eine Reform der bisherigen etablierten Medienberichterstattung, sondern auch einen brancheninternen Diskurs zu bisherigen Problemen und Fehlern und die Vermittlung grundlegender Klimafakten in mehr oder weniger allen Redaktionen. Aufgrund des nur eingeschränkten Neuigkeiten- und Schlagzeilencharakters und der Unmöglichkeit, sie in die bisherige Agenda einzureihen, ist aktuell die Berufserfahrung, interdisziplinäre Fortbildungsbereitschaft und Flexibilität von Journalist:innen von besonderer Bedeutung. Unter Berücksichtigung der folgenden Empfehlungen kann es gelingen, die psychische Verarbeitung der Krise auf beiden Seiten, das heißt bei Medienschaffenden und -rezipient:innen, schrittweise und „verdaulich“ voranzubringen:

  • Um die Dringlichkeit angemessen abzubilden, sollten Medienbeiträge zur Klima- und Biodiversitätskrise zeitnah und in zunehmender Häufigkeit auf Hauptsendeplätzen und Titelseiten Platz finden.
  • Die Redaktionen sollten ressortübergreifend und beharrlich inhaltliche Verbindungen zu anderen Themenfeldern aufzeigen. Um dies zu ermöglichen, sollte die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Journalist:innen hier fortlaufend erweitert werden.
  • Bei potenziell Angst auslösenden Medienbeiträgen sollten stets individuelle, aber auch kollektive Handlungsmöglichkeiten genannt werden.
  • Politische und wirtschaftliche Entwicklungen sollten konsequent journalistisch mit Blick auf deren Auswirkungen auf die Klima- und Biodiversitätskrise eingeordnet werden.

Inwieweit dies in den kommenden Jahren gelingt, kann den Fortbestand unserer Zivilisation erheblich beeinflussen und ist daher als historische Verantwortung anzusehen.

In einfachen Worten:

Wenn das Klima sich verändert, wird die Erde zu heiß. Dann können nur noch wenige Menschen und Tiere gut auf der Erde leben. Deswegen müssen wir alle verstehen, wie wichtig Klimaschutz ist. Klimaschutz ist damit wichtiger als alle anderen Themen. Wenn Menschen viel und oft von der Klimakrise lesen, können sie das Problem besser verstehen. Dafür müssen alle Medien ganz oft darüber berichten. Das Problem muss auch immer wieder als erstes in den Nachrichten kommen. Um die Klimakrise gut zu verstehen, ist es wichtig, sie zu fühlen. Zeitungen, Radio- und Fernsehsender können uns dabei helfen. Sie können zeigen, dass Klimaschutz für jeden Menschen wichtig ist und wir sonst in großer Gefahr sind. Solche Berichte können Angst machen, deswegen soll immer dazugeschrieben werden, was wir tun können.
Journalist:innen können jetzt zeigen, wie wichtig sie sind und was sie können.

5 Kommentare

  1. Danke für den komplexen, tollen Artikel!

    Um mal bei der Metaphorik des Artikels zu bleiben: Der Klimawandel mag die Bühne bedrohen, aber nicht zerstören. Zumindest nicht komplett und nicht in einem Zug. Wenn Teile der Bühne zerstört werden, muss ja nicht Klima dran Schuld sein („Wetter war immer schon“) und sie können auch wieder aufgebaut werden. Woanders oder als schwimmende Bühne mit Pontons.
    Was ich sagen will: So lange sich Geld auf dieser Bühne verdienen lässt, werden die Bühnenbetreiber alles daran setzen, die Bühne intakt zu halten.

    Kurzfristige Firmengewinne (und Steuerabgaben) werden niemals durch langfristig nachhaltiges Handeln ersetzt werden (können), solange wir ein kapitalistisches System haben. Und die Systemfrage wird nicht gestellt werden, bis es zu spät ist. Die Profiteure haben sich und ihre Familien bis dahin in Sicherheit gebracht.
    Das System ändern zu wollen wäre Grundvoraussetzung im asymmetrischen Klassenkampf. Aber wer will das schon, also kämpfen.
    Langfristig nachhaltiges Handeln bedeutet Einschränkungen für alle, vom armen Arbeiter bis zum reichen DAX-Unternehmen. Und Einschränkungen (FDP: „Verbote“) lassen sich politisch nicht verkaufen, wenn sie keinen kurzfristig (Legislaturperiode) messbaren positiven Effekt haben, der sich politisch verkaufen lässt. Und ein anderes, nicht-kapitalistisches System ist 30 Jahre nach dem Mauerfall sowieso nicht mehr vorstellbar.
    („Der Kapitalismus hat den Sieg davon getragen. Fragt sich nur, wohin.“ – Volker Pispers)

    Es gibt ja die Theorie, dass Kapitalismus „der menschlichen Natur am ähnlichsten“ sei. Vor einige Jahren hätte ich noch vehement dagegen gekeilt, mittlerweile bin ich so gut wie davon überzeugt, dass es stimmt.
    Aber auch da: Kein Vorwurf an „den Menschen“ – Tiere wären auch Kapitalisten, denn es geht ums eigene Überleben, (zur Not) auf Kosten anderer.
    Ein kollektives Verantwortungsgefühl haben wir nicht. Spätestens beim so genannten „Trolley-Problem“ entscheiden wir uns für das Weiterleben der einen Person, wenn wir sie kennen.
    Oder zynisch: Was interessiert es den VW Vorstand, wenn da ein paar Inder absaufen. Muss man halt die Minderung der Kaufkraft in die Prognose für nächstes Jahr einkalkulieren, damit man weiter die volle Prämie kriegt.
    Wenn die Familie des DAX-Vorstandes absäuft und er dann „etwas ändern“ möchte, wird halt der Vorstand ausgetauscht gegen jemanden, dessen Familie noch nicht abgesoffen ist. Abfindung wie vertraglich vereinbart.
    Es wird so lange weitergehen, bis keiner mehr da ist, der davon profitieren kann. Was wir aber auch schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts wissen.

    In meiner Schlussfolgerung bin ich mir noch nicht sicher. Würde ich anders handeln? Oder sage ich das jetzt nur, weil ich eh kein Geld auf dem Konto habe? Moralisiere ich, weil ich nichts anderes habe? Würde ich auf eine Prämie verzichten, z. B. als Dieselgate-Verantwortlicher? Oder sage ich mir dann: Hilft der abgesoffenen Familie auch nicht, wenn ich 6 Millionen weniger habe.
    Ich weiß es nicht.

    Noch mal der Bogen zum Text: Hilft es denn überhaupt, über die Konsequenzen des eigenen und fremden Handelns bescheid zu wissen? Sprich, ändert sich irgendwas, wenn zukünftig „für die Zielgruppe die Relevanz für das eigene Leben verborgen bleibt“ nicht mehr gölte?
    Wäre dann die Bereitschaft größer, gesamtgesellschaftlich an einem Strang zu ziehen? Wie sähe dieses Ziehen aus? Wer zieht auf der anderen Seite?

    Aus PR Sicht möchte ich noch hinzufügen, dass alle Wörter mit „Klima“, „grün“, etc. eher kontraproduktiv sind.
    Man müsste es „Heimatschutz“ oder „Kapitalbewahrung“ nennen. Das Ganze darf nicht als „grünes“ Thema betrachtet werden, da sofort der konservative / wirtschaftsliberale Beißreflex einsetzen wird.
    Solange wir Klimaschutz als Umweltthema betrachten, wird es nicht voran gehen.

    Wer sich von der Wortanzahl a priori angegriffen fühlt, darf meinen Kommentar gerne einfach nicht lesen, statt sich über die Wortanzahl zu beschweren!

  2. „Wenn das Klima sich verändert, wird die Erde zu heiß“
    Faktencheck: die Aussage ist logisch falsch, weil Veränderung an sich keine Richtung hat.
    Wenn sich das Klima verändert, kann die Erde also auch kälter werden. Die Atmosphäre hat sich so in den letzten 1,5 Jahren im globalen Schnitt markant abgekühlt. Verschiedene Messmethoden weisen Abkühlungen um bis zu 0,4 °C aus. Damit liegen die globalen Durchschnittstemperaturen aktuell deutlich unter den etwa gleich hohen Spitzen von 1998, 2016 und Anfang 2020 – trotz weiter unbeeindruckt steigenden CO2-Gehalts der Atmosphäre.
    Ein Zusammenhang zwischen einer menschengemachten Klimaerwärmung und dem Starkregen-Desaster von Juli, das sich so ähnlich schon einmal vor ca. 200 Jahren ereignet hat, wird dadurch noch zweifelhafter, als er ohnehin ist.
    Allerdings ist es physikalisch schlüssig bis trivial, dass eine markante Abkühlung nach langer Erwärmung zu verstärktem Niederschlag führt.
    Dass Klimaaktivistinnen wie Sara Schurmann (zB im ‚Stern‘ am 24.9.2020) bis zu den Fluten dieses Jahres hauptsächlich über drohende Dürren geschrieben haben, ist dann schon fast Nebensache.
    Die temporär bis 2020 aufgebaute Dürre konnte gar nicht anders ausgeglichen werden als durch besonders starke Regenfälle. Das wusste quantitativ bereits dieser Artikel im Spektrum der Wissenschaft von Ende 2018: Die dort genannten „1200 Liter Regen pro Quadratmeter“ wurden meist nicht einmal in den Katastrophengebieten in den 7 Monaten von Januar bis Juli 2021 erreicht.
    Es gibt historisch keine Normal-Niederschlagsmenge. Der durchschnittliche Niederschlag war schon immer das Ergebnis sehr starker Schwankungen, die von jahrelanger Dürre bis zu extrem nassen Jahren und „Sintflut“-Ereignissen reichten.

  3. Erstmal vielen Dank für diesen tollen Artikel!

    Und zu #1
    Ihre Selbstreflexion finde ich sehr positiv und lässt mich hoffen!

    Aber ich sehe ein großes Problem in der „Vermarktung“ der Klimakrise.
    Mittlerweile gab es schon so viele „Extremberichte“ (oder auch aufrüttelnde Berichte) und es wird bei diesen und auch bei den meisten anderen Nachrichten mit Superlativen nur so um sich geschmissen.
    Der Mensch kann doch kaum noch richtig getriggert werden für solch umfassende exentielle Probleme.
    Man sieht es ja schon bei Corona im kleineren Maßstab. Unglaublich viele nehmen das erst Ernst wenn sie oder jemand aus dem direkten Umfeld betroffen sind. Und ansonsten hört man meistens nur das die Leute müde sind die ganze Zeit von Corona zu hören.

    Ich habe das ungute Gefühl so wird es dann auch werden.

    Meiner Meinung nach wurde die Gesellschaft schon zu arg verkorkst. Der Großteil der Menschen verhält sich ja schon wie zb die BILD: Geht es um Verzicht oder umdenken in irgendeiner Art, wird da nicht darüber nachgedacht. Es wird sofort Zetermordio geschrien.

    Auch haben viele Medien die letzten Jahre über nicht unbedingt geglänzt wenn es um nüchterne, faktenbasierte Nachrichten geht (zb Relotius)
    Was ja zu einem merklichen Vertrauensverlust in der Bevölkerung geführt hat.

    Ich hoffe das beste aber denke, es wird erst gehandelt wenn die Akteure selbst betroffen sind (Ihnen das sprichwörtliche Wasser diesmal wortwörtlich bis zum Hals steht).

    Umso mehr bin ich dankbar für Kommentare wie #1

  4. Auch interessant:
    https://www.tagesschau.de/inland/studie-starkregen-101.html

    „Wir sehen ganz klar, dass der Klimawandel die Eintrittswahrscheinlichkeit deutlich erhöht hat und dass er die Intensität erhöht hat.“

    Eigentlich liegen ja alle Fakten auf dem Tisch … Ist also tatsächlich eine Frage des Wollens.
    Und ob man die „Wetter war immer schon“ Fraktion als potentielle Wähler sehen möchte.

  5. Wenn Häuser, die seit Jahrhunderten stehen, nach einem Starkregenereignis plötzlich nicht mehr stehen oder stark einsturzgefährdet sind, war das das stärkste Starkregenereignis der letzten paarhundert Jahre.
    Wenn mehrere solcher Starkregenereignisse gleichzeitig stattfinden, wäre das schon ein komische Zufall.
    Und nein, die Versiegelung ist zumindest in einigen Fällen unmöglich der Grund gewesen.

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