Wochenschau (103)

Der erste Film über das Internet: Bo Burnhams One-Man-Musical „Inside“

Exklusiv für Übonnenten

„Das ganze Unglück der Menschen rührt aus einem einzigen Umstand, nämlich, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“

(Blaise Pascal)

„Das Kino ist ein Zimmer, da es abstrakt und physisch seine Koordinaten entsprechend der Optik und des Körper-Subjekts rekonstruiert, wobei sich eben dieses Körper-Subjekt dort verliert. Ein schwarzes Zimmer, durch das ständig Licht streift, in dem sich alles von der Welt von einem Standpunkt aus zeigt, der völlig abhängig ist vom Verhältnis zum fixierten Blick des Auges, in das es fällt. Da aber jenseits von dessen, was es zeigt, seine Berufung zum Zimmer so stark ist, passiert es dem Kino, dass es sich so dicht wie möglich an sich selbst hält, sobald wirkliche Zimmer oder jede andere Art geschlossener Räume, die an Zimmer erinnern, auftauchen, denn in ihnen wird die Kinosituation selbst mir seiner Verführung und seiner Beklemmung evoziert, die das Schaudern dessen, was dort geschieht oder geschehen könnte, spüren lässt.“

(Raymond Bellour, „Das Zimmer“)

Allen Menschen, die mir etwas bedeuten, erzähle ich gerade begeistert von Bo Burnhams Netflix-Special „Inside“ – und allen anderen Menschen auch.

Es ist durchaus denkbar, dass Sie noch nie von ihm gehört haben, denn obwohl der dreißigjährige US-Amerikaner schon einige Jahre als Comedian, Musiker, Filmemacher („Eighth Grade“, 2018) und Schauspieler („Promising Young Woman“, 2020) präsent ist, ist er vermutlich immer noch eher Comedy-Insidern bekannt, die etwas mit seiner musikalischen Komik beziehungsweise seinen komischen Musikdarbietungen anfangen können und auch den sprachlichen Zugang zu dieser Art von zumeist gesungener Wortgewandtheit finden, die sich kaum untertiteln und schon gar nicht synchronisieren lässt.

Netflix bietet nun jedoch allen Burnham-Neulingen eine grandiose Einstiegsmöglichkeit in sein Schaffen, denn in „Inside“ verdichtet es sich auf selbstbezügliche Weise wie in einem geschliffenen Diamanten. Wobei aktuell auch noch sein letztes Special aus dem Jahr 2016 gestreamt werden kann, das den Namen „Make Happy“ trägt und ebenfalls sehenswert ist – allerdings konnte man damals noch live vor Publikum auftreten, das nun programmatisch keine Rolle spielt. Denn in „Inside“ ist Burnham allein zu Haus.

Bo Burnham sitzt in seinem Zimmer und wird von der Discokugel bestrahlt
Bo Burnahm hat ein bisschen „Content“ für uns produziert – mit Taschenlampe und Discokugel. Screenshot: Netflix

Der Film wird als Comedy-Programm verkauft, aber es ist mehr als das; also mehr als gewöhnliche Stand-up-Comedy, auch wenn Burnham stellenweise als Stand-up-Comedian auftritt. Aber: Wie bereits im Falle seiner vorherigen Bühnenprogramme, ist auch diese Show durch Songs strukturiert, die zwar thematisch zusammenhängen, aber auch für sich stehen und wie Musikvideos betrachtet werden können, sodass man in der Aneinanderreihung auch von einem One-Man-Musical oder einem Meta-Musikvideo sprechen könnte. Und klar hat das alles auch mit Comedy und Humor zu tun, die sich bei ihm durch eine bittersüße, schlaue wie vielschichtige Selbstreflexion auszeichnen.

Inside und Inside

Durch den Titel „Inside“ sowie durch den Ort, an dem sich seine Performance abspielt, wird ein inhaltlicher wie räumlicher Rahmen gesetzt. Zum einen ist mit „Inside“ zunächst schlicht „drinnen“ gemeint. Nach fünf Jahren ohne Live-Auftritte (Grund dafür waren regelmäßige Panikatta…

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