Ambitioniertes ARD-Projekt

Sophie Scholl als Insta-Freundin: Das heikle Spiel mit einer historischen Figur

Exklusiv für Übonnenten
Screenshots: Instagram/@ichbinsophiescholl

Es ist ein gigantisches Projekt, das BR und SWR da für die ARD stemmen. Am 100. Geburtstag von Sophie Scholl tritt diese leibhaftig in unser Leben. Auf Instagram. Tag für Tag erscheinen dort Posts und Stories, in denen uns die spät berufene Widerstandskämpferin ihr Leben erzählt.

Die echte Sophie Scholl wurde am 22. Februar 1943 vom NS-Regime hingerichtet. Gemeinsam mit ihrem Bruder Hans und vielen weiteren Mitgliedern der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“. Unter @ichbinsophiescholl erwecken Schauspielerinnen und Schauspieler sie, ihre Familie und Freunde zum Leben. Die Einstellungen sind nah, häufig wirkt es, als würden die Schauspieler:innen selbst filmen. Mit einem Smartphone, das 1942 selbstverständlich noch nicht erfunden war. Fiktion eben.

Das Projekt ist enorm ambitioniert und wirklich innovativ. Sein Ziel ist es, die Widerstandskämpferin aus den Geschichtsbüchern ins Hier und Jetzt zu holen. Die User:innen sollen „emotional, radikal subjektiv und in nachempfundener Echtzeit an den letzten zehn Monaten ihres Lebens teilhaben.“

Das Projekt nutzt dafür alle Möglichkeiten der Plattform Instagram. Grundlage sind die Aufzeichnungen und Tagebücher von Sophie Scholl ab 1937. Die Geschichte wird fragmentiert und soll über einen Zeitraum von zehn Monaten erzählt werden, mehrdimensional, über Feedposts, über Stories und Bewegtbild. Interaktion mit Nutzer:innen ist wesentlicher Bestandteil. Die können „Sophie Scholl“ zum Beispiel Fragen stellen – oder sie per Abstimmung in Liebesdingen beraten.

Gerichtet ist das Projekt vor allem an junge Frauen, sagt Redaktionsleiter Ulrich Hermann vom SWR. Junge Frauen, die er sich als sogenannte Persona im Vorfeld ausgedacht hat, basierend auf seinem privaten Umfeld. Das heißt, es werden mögliche Nutzerinnen imaginiert, und auf dieser Grundlage entstehen dann Storyboard und Nutzungsszenarien.

Problematische Rolle

Darüber, welche Rolle Sophie Scholl in der Erzählung über den deutschen Widerstand spielt und warum das durchaus problematisch ist, hat sich der Autor Max Czollek bereits ausführlich auf Twitter geäußert – und in einem Artikel für die WOZ.

Hier soll es deshalb darum gehen, welche Fallstricke durch das gewählte Medium auftreten. Und in der Art und Weise, wie hier Sophie Scholl „gespielt“ wird.

„Ungefilterter Blick“

„Wir möchten eine ehrliche und intime Perspektive auf ihren Alltag, ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken ermöglichen, mit denen sich auch unsere Nutzer:innen identifizieren können. So bekommen wir einen ungefilterten Blick in die komplexe, vielseitige (Innen-)Welt von Sophie. Es handelt sich um eine fiktionale Interpretation einer historischen Figur.“

Das schreibt #teamsoffer – der Hashtag, unter dem die Redaktion auf Instagram kommuniziert – unter einen der Kommentare, die sich kritisch mit den Inhalten des Accounts auseinandersetzen. Schon dieser Antwort liegen mehrere Fehlannahmen zugrunde. Der größte Widerspruch: Einen ungefilterten Blick zu bekommen in eine fiktionalisierte Figur. Über die Plattform Instagram, die quasi von Filtern lebt.

Auf diesem Account sind mindestens vier am Werk: Der erste Filter ist die Quelle selbst. Denn Sophie Scholl hat ihren Alltag nicht minutiös dokumentiert, sondern das niedergeschrieben, was sie beschäftigte. Sie zen…

6 Kommentare

  1. Solche an die Jugend anbiedernden Projekte finde ich immer schwierig, um nicht zu sagen ätzend. Denn letztlich begnügen sich die Macher damit, das Niveau so weit abzusenken, dass möglichst viele einen Zugang zum Thema finden. Der Verzicht auf eigentlich selbverständliche Quellenangaben ist da nur einer von vielen Belegen. Letztlich wird auf diese Weise das ganze Projekt zu Unsinn.

    Auch solche Äußerungen von Redaktionsleiter Ulrich Hermann, dem Kritik „Schnuppe“ ist, ist erstmal arrogant. Sie zeigen aber auch, wie wenig ernst die Macher das Ganze eigentlich nehmen – und zwar sowohl die Vermittlung geschichtlicher Tatsachen als auch die Zielgruppe.

    Ich habe den Eindruck, es lief hier wie ich es schon oft beobachtet habe: Eine im ersten Moment ganz witzig klingende Idee wird schludrig umgesetzt. Und wenn Kritik kommt, moderiert man sie halt weg oder kanzelt auch mal einen Kritiker ab.

  2. Für mich ein super recherchierte Artikel, durch den ich selbst noch vieles lernen konnte,. Von Theo Hespers und den Projekten um ihn erfahre ich zum ersten Mal. Interessant, werde ich mir mal anschauen und – hören.

  3. Wenn es „off-character“ für sie war, Schwärmereien über einen Mann im Tagebuch zu lassen, wären solche Zeichnungen das wohl erst recht. Hinzu kommt der unhistorische Spruch.
    Das ist sehr weit von dem weg, was man für einen historischen Roman akzeptieren würde, erst recht für eine Doku. Und das Projekt soll ja im Graubereich dazwischen liegen, wenn ich es richtig verstehe. (Und zwar ungeachtet von der Frage, ob man in der Zeit überhaupt hätte Sex haben sollen. Oder Rauchen, Alkohol und Fleisch.)

    Andererseits muss ich die Macher auch verteidigen – egal, wie man heute auf die damalige Kindererziehung sieht, eine damalige junge Frau, die sich über die Bevormundung ihres älteren Bruders ärgert, wird auf die 10 Säuglinge verweisen, die ihr jemand anvertraut hat.

    Aber am dämlichsten ist der Spruch, sie habe von „nichts gewusst“. Wogegen hat sie dann Widerstand geleistet?

  4. Sehr gut und informativ – aber müssen Wortungetüme wie „gescreenshottet“ wirklich sein?

  5. @5 Anderer Max
    Danke für den Link, eine gute Ergänzung.

    Ich halte dieses Projekt, also #ichbinsophiescholl für ganz ganz schrecklich, nach dem was ich hier im Artikel gelesen habe. Bin selbst nicht bei Instagram.

    Ganz allgemein habe ich Probleme damit, wenn historische Personen und Geschehnisse z.B. in Spielfilmen mehr oder weniger dokumentarisch nachgestellt werden. Ich habe mir beispielsweise nie „Der Untergang“ angesehen und werde das auch nicht tun. Weil ich dort immer nur Dinge sehen werde, die Filmschaffende sich so zurecht projizieren. Um daraus irgendwie Kunst zu machen. Ich habe mit großem Interesse „Im Toten Winkel“ gesehen, das Interview mit Traudl Junge, auf dem „Der Untergang“ wohl weitgehend beruht. Ein Augenzeuginnenbericht. Bei dem man selbst entscheiden kann, was man der Frau Junge so glaubt. Warum muss man das dann unbedingt noch inszenieren?

    Im taz-Artikel werden die drei großen deutschen Sophie-Scholl-Filme erwähnt, die wohl auch alle auf einem falschen, idealisierten Bild basieren und damit historisch weitgehend unsinnig sein dürften. Und trotzdem dieses falsche Bild in die Köpfe vieler Menschen gebracht haben. Geschichtsklitterung.

    Aber nun auf Instagram eine angebliche Sophie Scholl zu präsentieren, die anscheinend auch gerade so ist, wie die Macher sich das wünschen, das finde ich regelrecht ekelhaft. Einmal, weil wir Deutschen ja immer groß waren, unsere angeblichen Helden hochzustilisieren (und könnten wir nicht bitte mal damit aufhören?), zum Anderen aber auch, weil diese Menschen instrumentalisiert und damit posthum missbraucht werden.

    Außerdem: Für wie blöd halten die Macher eigentlich ihr Publikum?

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