„Tagesthemen“-Kommentar zu Corona

Dann lieber den wütenden Rezo als die eiernde Birgitta

Ey, ihr Dullys, hat die Scheiße im Kopf? Wieso workt die im Fernsehen?!

Oh, Moment, ich komm nochmal rein.

Ich möchte nämlich nicht über Rezo reden, der sich gerade wieder in seiner unverwechselbaren Art über die Corona-Politik der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten ausgekotzt hat, was für viel Applaus und Abscheu gesorgt hat.

Ich möchte über Birgitta Weber sprechen, die Inlandsfernsehchefin des SWR und Leiterin von „Report Mainz“. Die hat gestern Abend im Ersten auch die Corona-Politik der Bundesregierung und der Ministerpräsidenten kommentiert, aber ohne diese „platte Wutsprache“ von Rezo.

Birgitta Weber vom Südwestfunk spricht den "Tagesthemen"-Kommentar
Screenshot: tagesschau.de

Birgitta Weber begann ihren Kommentar, wie es vermutlich Pflicht ist für den ersten „Tagesthemen“-Kommentar nach dem Osterfest, mit einer Eier-Metapher. Sie sagte also:

„Da hat uns Armin Laschet ein schönes Ei ins Nest gelegt.“

Damit ist der Ton für die nächsten knapp zwei Minuten gesetzt. Hier gibt es keine Wut, keine Empörung, keine Verzweiflung. Aber auch keine scharfe intellektuelle Auseinandersetzung. Hier gibt es, in aller Betulichkeit, eine kleine Beschwerde über eine Unannehmlichkeit.

Gezänk und Gezerre statt Radeln und Testen

Die Politikjournalistin Frau Weber hätte nämlich das Osterwochenende gerne frei gehabt. Frei von Politik und Politikern. Wenigstens mal das Osterwochenende!

Es hätte so schön sein können, sie hat sich das schon ausgemalt:

„Ich habe mich auf vier Tage gefreut ohne politisches Gezänk und Gezerre. Klar, mit Maske, Abstand, Ausgangssperre, wenn die Inzidenz über 100 liegt, Spazierengehen, Radeln, Testen, ein, zwei Leute draußen treffen – ging alles.“

Ging alles. Man kann es sich ja schon halbwegs gemütlich einrichten in diesem merkwürdigen Zustand, der kein Lockdown ist und kein Nicht-Lockdown. Tut gar nicht so weh. Hilft natürlich, sich dabei nicht zu viel mit der Frage zu beschäftigen, ob dieser Geht-so-Zustand wirklich so ideal ist, ob die Einschränkungen des Lebens helfen im Kampf gegen die Pandemie, ob sie ausreichen.

Aber wer will den Menschen, selbst den Politikjournalisten, das Bedürfnis absprechen, einfach mal ein paar Tage ungestört das zu genießen, was man gerade genießen kann. Pause von der Pandemie. Die Pandemie kann ja vielleicht auch mal freundlicherweise eine Pause einlegen.

Aber nein, da muss natürlich der Laschet mit seinem Ei reinplatzen und seinem „Brückenlockdown“. „Öffentliches Leben herunterfahren, eine Brücke zu mehr Geimpften, alles sehr wolkig“, wie Weber es zusammenfasst.

Nun scheint Weber nicht so sehr der Inhalt von Laschets Vorstoß zu stören – jedenfalls hält sie sich nicht damit auf, dessen Für und Wider zu diskutieren. Sie stört der Lärm. Denn das ins Nest gelegte Ei löste natürlich gleich ein heftiges Gegacker aus, oder wie die Kommentatorin es jetzt zum zweiten Mal nennt: „Gezänk und Gezerre“. Und nun hat sie Fragen.

„Und ich frage mich: Was hat den Mann eigentlich geritten? Wollte er nur in die Schlagzeilen? Nein, ein CDU-Bundesvorsitzender, der Kanzlerkandidat werden will, dem traut man sowas nicht zu, dazu ist das Thema viel zu ernst. Wollte er die anderen 15 MPs überzeugen durch überrumpeln? Nein, das hat ja im letzten Jahr kein einziges Mal geklappt; was wäre das denn für eine Strategie?! Wollte er den Menschen zeigen, wie sehr ihn das Thema umtreibt? Nein, da hätte es doch glaubwürdigere Initiativen gegeben.“

Die Inlandspolitikchefin des SWR traut dem Möchtegern-Kanzlerkandidaten Armin Laschet, der mit seiner Corona-Politik zuletzt ziemlich in die Defensive geraten ist, nicht zu, nur in die Schlagzeilen zu wollen, noch dazu mit einem so wichtigen Thema. Das ist ein bisschen niedlich. Sie glaubt nicht, dass er auf die Idee käme, eine Strategie zu verfolgen, die in der Vergangenheit schon nicht funktioniert hat. Das ist beinahe grotesk naiv.

Was sie weiß und was sie nicht weiß

Aber gut, nachdem sie uns so ausführlich durchdekliniert hat, was nicht die Motivation für Laschet war, wird sie uns ja bestimmt im nächsten Satz verraten, was ihn da geritten hat. Frau Weber?

„Tja, ich weiß nicht, was Armin Laschet wollte.“

Lassen Sie es mich so sagen:

facepalm

Wenn Frau Weber nicht weiß, was Laschet wollte, warum spricht sie diesen Kommentar in den „Tagesthemen“? Weiß sie denn irgendwas? Leider ja:

„Aber ich weiß, was ich will. Dass sich 16 Ministerpräsidenten ohne Öffentlichkeit zusammenraufen. Und dass sie dann gemeinsam mit der Kanzlerin einen Plan präsentieren, an den sich alle mindestens vier Wochen halten. Das wäre ein Überraschungsei. Darüber würde ich mich sogar an Pfingsten freuen.“

Auch der Ringschluss, also am Ende eines Kommentars, der mit einem Ei beginnt, auch mit einem Ei aufzuhören, steht vermutlich im Pflichtenheft der feierlichen „Tagesthemen“-Kommentare, und für den abschließenden Aufruf eines weiteren Fests gibt es vermutlich Bonuspunkte im internen ARD-aktuell-Kommentar-Sammelheftchen.

Macht das mal lieber schön ohne uns

Aber von der Form abgesehen: Das ist der sehnlichste Wunsch der „Tagesthemen“-Kommentatorin? Dass die Ministerpräsidenten irgendetwas beschließen, egal was? Und sich dann vier Wochen daran halten, egal unter welchen Umständen? Und dass es dazu währenddessen nicht wieder Gezänk und Gezerre gibt, sondern das schön unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet?

Ja, auch das Bedürfnis kann ich nachvollziehen, dass die ohnehin schwierige Entscheidungsfindung in diesem problematischen Gremium der Ministerpräsidentenkonferenz nicht durch ununterbrochene Leaks, teilweise live aus der Besprechung, noch zusätzlich erschwert wird. Aber die Alternative kann doch nicht sein, sich zu wünschen, dass der, ja: anstrengende Prozess der Entscheidungsfindung nur noch heimlich stattfindet? Das kann doch nicht im Interesse der Öffentlichkeit sein, und schon gar nicht im Interesse von Journalisten, deren Aufgabe es ist, die Öffentlichkeit über solche Dinge zu informieren?

Ja, ich wünschte mir auch, dass nicht immer morgen alles schon wieder anders ist als heute, aber die Antwort kann doch nicht sein zu sagen: Jetzt halten wir mal starr an unseren alten Beschlüssen fest, ohne sie kontinuierlich zu hinterfragen?

Wir ergeben uns

Und was ist das für eine furchtbare Kapitulation angesichts der schrecklich ermüdenden Debatten darüber, was der richtige Weg ist, zu sagen: Kommt, lasst uns irgendeinen nehmen und dann darauf bleiben? Wir können gerne darüber diskutieren, inwieweit Rezo es sich zu einfach macht mit seinen Wutanfällen. Aber immerhin hat er sich noch nicht aufgegeben – im Gegensatz zur „Tagesthemen“-Kommentatorin.

Die sich nur noch eines wünscht: Ruhe.

Man kann wirklich viel sagen gegen Laschets „Brückenlockdown“ (und auch einiges dafür). Aber der eine Vorwurf, der wirklich zu dumm sein sollte für eine öffentliche Debatte und sogar einen „Tagesthemen“-Kommentar, ist der der öffentlichen Ruhestörung.

Birgitta Webers Kommentar wirkt wie ein Aufruf, die Menschen weniger mit Politik zu behelligen, mit weniger Politikjournalismus zu nerven. Am erträglichsten finde ich ihn, wenn ich ihn als Aufruf zur Abschaffung des täglichen „Tagesthemen“-Kommentars verbuche.

9 Kommentare

  1. Rainald Becker, Fritz Frey, Birgitta Weber. Es ist schon erstaunlich, wer im SWR hochkommen darf, um in der ARD die Bundespolitik einzuordnen. Wer den schläfrigsten Eindruck macht und die größten Platitüden mit den geringsten inhaltlichen Gewinn verkündet, hat gewonnen.

  2. Ich muss zugeben, dass ich mich beim Lesen von „ging alles“ ertappt gefühlt hatte unter #checkyourprivileges . Ostereier suchen mit den Kindern im Garten, Mittagsschmaus mit der Familie bei der bereits doppelt geimpften Mutter, Drachensteigen am Strand bei Wind und Wellen. Muss schlicht und einfach zugeben: Privat habe ich unter den Maßnahmen fast gar nicht zu leiden und hier in Rostock und Landkreis sind ja auch glücklicherweise (im doppelten Wortsinn) eher wenige Opfer zu beklagen, so dass auch da im persönlichen Umfeld niemand schwerer betroffen war.
    So richtig wütend konnte ich vom Unsinnswort „Brückenlockdown“ deshalb gar nicht mehr werden, Augenrollen und was solls, hauptsache sie machen das dann auch. Und Rezos Video hat mich sogar eher amüsiert, wie er die Union auseinandernimmt, muss ich zugeben. Fehlende persönliche Betroffenheit kann einem schon den Blick nehmen für das große Ganze.
    Aber dann: ich bin ja auch nicht Inlandsfernsehchef des NDR (Sender an meinen Wohnort angepasst), sonst sollte mir das bewusster sein, dass die falschen Entscheidungen der MPK viele Menschenleben gekostet und Langzeitschäden verursacht haben in Deutschland, was sich in der der jetzigen dritten Welle ja noch weiter weiter manifestieren wird.
    Naja, morgen gehts wieder los mit dem Unterrichten mit ner halben Klasse vor Ort und der anderen Hälfte zu Hause. Dann kommt der persönliche Frust mit den Umständen allerdings auch von ganz alleine wieder.

  3. Bewege mich mal bewusst auf etwas dünneres Eis:

    Natürlich lautet die Antwort auf aktuelle Probleme nicht, dass irgendwas, heimlich und dann für x Wochen starr beschlossen wird.
    Auf der anderen Seite lässt es sich kaum leugnen, dass die in „normalen“ Zeiten üblichen Vorgehensweisen in Politik und Journalismus (war ja hier auch oft genug Thema) der deutschen Antwort auf die Pandemie nicht gerade zuträglich waren und sind.
    Andererseits wissen wir ja eigentlich von der wissenschaftlichen Seite, was zu tun wäre.
    Wenn ich den Tagesthemen-Kommentar bewusst ein bisschen missverstehe höre ich da einen Aufruf für einen (realistischerweise eher zwei bis drei, aber egal) Monat(e) Technokratie. Eine wissenschaftlich fundierte Entscheidung, die durchgesetzt wird und nicht politisch oder nach gesellschaftlichem Befinden zerredet, sonst währenddessen nur wissenschaftlich reevaluiert und verändert wird. Das wäre doch mal ein Ei.

  4. #4 mal einen Kommentar auf einen Kommentar auf einen Kommentar kommentieren:
    Wenn die Politik mal eine Weile tatsächlich auf die Wissenschaft hörte, dann machte das die Republik NICHT zu einer Technokratie.
    Es bliebe in der Verantwortung der Politik, die Umsetzung zu gestalten und Rahmen zu setzen.
    Ansonsten müßte ja die Politik IMMER grundsätzlich der Wissenschaft entgegen handeln, um nicht mit einer Technokratie verwechselt zu werden, was ziemlich blöd wäre.

  5. @Stefan Niggemeier: Volle Zustimmung zum Kommentar von Frau Weber und zum Wunsch nach Abschaffung des Tagesthemenkommentars. Mein Eindruck ist ohnehin schon immer, dass dieses Format nur existiert, damit ein paar Journalisten der ARD, die sonst selten oder nie vor der Kamera stehen, wenigstens ein paar Fernsehminuten abgreifen können.

    Zur Coronapolitik: Meiner Ansicht nach sollten die MPKs abgeschafft werden. Da hocken eh nur 18 Leute (MPs + Merkel + Spahn), denen es mehrheitlich nicht ums ganze Land geht, sondern um Publicity für den eigenen Landstrich. Das Ergebnis jeder dieser Konferenzen lässt sich also leicht voraussehen: Alle stellen sich als den wichtigsten Macker hin, und sobald es opportun erscheint, wird das Ruder rumgerissen. Völlig egal was beschlossen wurde oder die Wissenschaft sagt.
    Die Süddeutsche hat mal einen schönen Artikel dazu gebracht, dass der Bund in solchen Situationen auch einfach über die Köpfe der MPs hinweg entscheiden könnte. Sollte sie doch mal. Was hat sie denn zu verlieren? Das ganze Land könnte aber was gewinnen.
    Hier der Artikel: https://www.sueddeutsche.de/politik/corona-politik-bund-laender-merkel-infektionsschutzgesetz-1.5250686?reduced=true

  6. Nachtrag: Im letzten Absatz meines Kommentars bezieht sich „sie“ auf Angela Merkel. Hatte den vorangehenden Satz kurzfristig geändert…

  7. #5 Das stimmt natürlich, war vielleicht ein bisschen polemisch. Trotzdem ist zumindest in der Krise der Mittelweg zwischen Evidenz und Befindlichkeit einfach kein guter Ansatz.
    Leider gibt es außerdem ja wirklich einige Bereiche, wo politisch wegen Partikularinteressen gegen „die Wissenschaft“ entschieden wird. Der größte Elefant in diesem Raum ist natürlich das Klima, Kohle, Verbrenner, Tempolimit (nicht nur wegen des Klimas).

    Generell: Kurzfristig unbequeme Entscheidungen, die langfrsitig nötig sind. Spannend ist, dass sich bei Corona zeigt, dass dafür teilweise Tage (der Öffnungen) schon gegen Perspektiven von einigen Monaten gewinnen.

    Spontan fällt mir dann noch Altmaier für ewige Sommerzeit ein, weil’s netter klingt als Winterzeit, keine Ahnung. Aber das ist natürlich nur eine Randnotiz

  8. Wenn diese Pandemie irgendwann einmal vorbei sein wird, müssten wir uns eigentlich sofort an die Neustrukturierung des Staatsaufbaus, der Bund-Länder-Kompetenzen und des Föderalismus im allgemeinen machen, angefangen mit meinem Lieblingsthema, der Neugliederung der Bundesländer. Diese Chance wurde schon 1990 bei der Wiedervereinigung vertan, als es nur um den schnellen und geräuschlosen Beitritt der neuen Länder ging. Zuständiger Innenminister war damals ein gewisser Wolfgang Schäuble.
    Die nächste Krise kommt bestimmt, welcher Art sie auch immer sein mag. Dann müssen wir schneller, unbürokratischer und effizienter reagieren und dadurch hoffentlich Menschenleben retten. Als erstes sollten wir alle Faxgeräte in den Behörden konfiszieren und verschrotten!
    Leider wird das wegen der Partikularinteressen und des kleinlichen Parteiengezänks nicht passieren.
    Soweit mein Rant zum Donnerstag!
    Weniger Reichweite und mediale Aufmerksamkeit als Rezo, dafür mehr Substanz!

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