Machtmissbrauch

„Kann dir die Zukunft in der ganzen ARD versauen“: Neue alte Probleme beim WDR

„Wir gehen im WDR respektvoll miteinander um. Übergriffe und Machtmissbrauch – in welcher Form auch immer – dulde ich nicht.“

Tom Buhrow (Mail an die WDR-Mitarbeiter*innen, April 2018 )


Als WDR-Intendant Tom Buhrow Anfang 2018 mahnende Worte an die Belegschaft richtete, begann sein Laden gerade zu brennen. „Stern“ und „Correctiv“ hatten über einen WDR-Korrespondenten berichtet, dem zwei Frauen sexuelle Belästigung vorwarfen. In den folgenden Wochen wurden weitere Fälle bekannt. Es brannte nun lichterloh.

Was #metoo zunächst in den USA ausgelöst hatte, traf damals mit Wucht den großen Westdeutschen Rundfunk in Köln und ließ auch den Intendanten, damals gerade frisch wiedergewählt, schlecht aussehen.

Einer der Vorwürfe: Der Sender habe zu wenig getan, um Mitarbeiter*innen ausreichend zu schützen. Personalratschefin Christiane Seitz kritisierte in einer internen Mail, dass Vorschläge für eine „wirklich umfassende, strukturelle Kontrolle und Ahndung“ von Machtmissbrauch „teils ins Lächerliche gezogen, teils als überflüssig oder ‚zu aufwändig‘ erklärt“ worden seien. Es müsse deshalb „grundlegende Änderungen im Umgang mit den Beschäftigten“ geben. Was Buhrow dann auch versprach. Alles sollte anders werden.


Nun, fast drei Jahre später, ist die Frage, ob sich die Situation überhaupt verbessert hat. Einiges deutet darauf hin, dass dem eher nicht so ist.

Neben neuen Beschwerden wegen Machtmissbrauchs und Kritik am Beschwerdeverfahren, das der WDR nach #metoo festgelegt hatte, wurden voriges Jahr wieder zwei Vorwürfe sexueller Belästigung aktenkundig, sagt der Sender auf Anfrage von Übermedien. Einem Mitarbeiter sei „unmissverständlich deutlich gemacht worden, dass dieses Verhalten nicht geduldet wird und in Zukunft nicht mehr vorkommen darf“; es seien „Präventivmaßnahmen“ getroffen worden. Der zweite Fall werde noch geprüft. Worum es genau geht bei den beiden Vorfällen, dazu äußert sich der WDR nicht.

Immer noch tief liegende Probleme

Als 2018 klar wurde, wie viel schiefläuft in Köln, bat Buhrow die Gewerkschafterin und ehemalige EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies, das Innenleben des Senders zu untersuchen.

Krisen-Konferenz: Buhrow und Wulf-Mathies 2018 in Köln Foto: Übermedien

In ihrem ausführlichen und weithin respektierten Abschlussbericht, den sie im September 2018 vorlegte, stellte sie dem WDR ein miserables Zeugnis aus. Ihre Untersuchung habe gezeigt, schrieb sie,

„dass sexuelle Belästigung beim WDR nur die Spitze des Eisbergs ist, hinter dem sich Machtmissbrauch und vielfältige Diskriminierungserfahrungen, aber auch eine generelle Unzufriedenheit mit dem Betriebsklima verbergen“.

Wulf-Mathies regte deshalb unter anderem an, eine neue Dienstvereinbarung (DV) abzuschließen, ein „verbindliches Regelwerk für alle“, das festlegt, wo sich Mitarbeiter*innen beschweren können – und wie mit sexueller Belästigung, Diskriminierung und Machtmissbrauch umzugehen ist.

Fazit: verheerend

Im März 2019 trat diese DV in Kraft. Doch bereits im ersten Jahr gab es erhebliche Kritik, die dazu führte, dass der Personalrat die DV Ende vorigen Jahres wieder gekündigt hat. Sie wirkt zwar fort, bis es eine neue gibt, aber von einem geregelten Verfahren kann im Moment nicht die Rede sein.

Die interne Beschwerdestelle, zum Beispiel, die damals neu eingerichtet wurde, existiert nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form. Besetzt war sie unter anderem mit der Gleichstellungsbeauftragten, einer Person aus dem Personalrat, dem Betriebsarzt und zwei externen Personen.

Eine davon, eine ehemalige Richterin, ist voriges Jahr wieder ausgeschieden. Zu den Gründen möchte sie sich nicht äußern. Der WDR beteuert auf Anfrage, dass es aber natürlich weiterhin Stellen gebe, bei denen sich Betroffene beschweren könnten, auch extern. Wulf-Mathies hatte solche externe Kontaktstellen gefordert, als „wichtige vertrauensbildende Maßnahme“.

Aufgabe der internen Beschwerdestelle war es nicht, Vorwürfe juristisch zu prüfen, sondern alles zu den Anliegen zu sammeln, um dann Vorschläge zu machen, wie das Problem gelöst werden könnte, etwa mit moderierten Gesprächen. Am Ende sollte dann eine Clearingstelle alles regeln. Angesiedelt war sie in der Intendanz, unter Verantwortung der stellvertretenden Intendantin Eva-Maria Michel, die sich eng mit Intendant Buhrow über die Beschwerden und mögliche Folgen abstimmte.

In Wulf-Mathies‘ Vorstellung sollte die Clearingstelle als „Garant für zügiges Handeln“ funktionieren, um die „bisherigen Kommunikationsprobleme zwischen unterschiedlichen Akteuren im Beschwerdeverfahren“ zu beseitigen.

Aber das ist in verschiedener Hinsicht gescheitert.

Mobbing und Bossing

Der Jahresbericht der Beschwerdestelle, der Übermedien vorliegt, listet für die Zeit von März 2019, als die DV in Kraft trat, bis Februar 2020 insgesamt 52 Anliegen auf, bei denen Mitarbeiter*innen um Hilfe baten. Die meisten Fälle kamen aus der Hörfunk- und Fernsehdirektion, jeweils ungefähr gleich viele (15/14), andere aus der Produktion und der Verwaltungsdirektion. Zwei Fälle spielten auch ganz oben: in der Intendanz.

Bei keinem der Anliegen soll es um sexuelle Belästigung gegangen sein, sondern insbesondere um Machtmissbrauch und Mobbing bzw. Bossing, wenn es von Vorgesetzten ausging. Zwölf der Fälle stammten noch aus der Zeit vor der DV; auch Anliegen, „die aus Sicht des WDR bereits abschließend behandelt worden waren“. Das deute darauf hin, heißt es im Bericht, dass die Aufarbeitung des WDR in diesen Fällen „nicht zu einer wirklichen Entlastung aller Betroffenen geführt hat“, jedenfalls in der Vergangenheit.

Aber auch aktuelle Beschwerden wurden offenbar nicht so geklärt, dass sich etwas gebessert hätte – ganz im Gegenteil, schreibt die Beschwerdestelle:

„Bei manchen Beschwerdeführer*innen entstand der Eindruck, dass der Konflikt eskaliert wurde, anstatt ihn durch geeignete Maßnahmen zu deeskalieren. Ebenfalls zogen Kolleg*innen für sich das Fazit, dass sie sich mit dem Verfahren selbst geschadet haben.“

Ein Verfahren, das Vertrauen schaffen soll und Abhilfe, aber dann auf diese Weise endet, schafft weder Abhilfe noch Vertrauen. Es wird Mitarbeiter*innen eher abschrecken, sich ebenfalls zu beschweren. Was ohnehin etliche derer, die um Hilfe baten, ablehnten: ihr Anliegen in ein formales Verfahren zu bringen, mit Klarnamen und möglicherweise Konsequenzen.

Lediglich 6 der 52 Anliegen wurden deshalb der Clearingstelle vorgelegt. In den meisten Fällen hätten die Beschwerdeführer*innen nur „niedrigschwellige Unterstützung“ gewollt. Einige erbaten laut Bericht auch Bedenkzeit und meldeten sich dann nicht wieder. Und wenn zunächst doch ein Verfahren angestrebt wurde, hätte manche Beschwerdeführer*innen entschieden, nicht bis zur Clearingstelle zu gehen. Das sei dreimal der Fall gewesen.

„Du bist zu blöd“

Ein besonderes Problem: das „starke Machtgefälle zwischen fest angestellten und freien Mitarbeiterinnen“, das Wulf-Mathies bescheinigt hatte. Die Beschwerdestelle schreibt in ihrem Bericht:

„Mit Blick auf freie Mitarbeiter*innen, Volontär*innen, Praktikant*innen, Student*innen und andere Externe rät die Beschwerdestelle der Geschäftsleitung, die für den Schutz dieser Beschäftigungsgruppen im Rahmen des Kulturwandels angedachten Maßnahmen auszuweiten.“

Knapp ein Drittel der Anliegen sei von freien Mitarbeiter*innen und Volontär*innen gekommen – und alle hätten darauf bestanden, anonym zu bleiben. Deshalb wurde daraus auch keine offizielle Beschwerde. Der Grund dafür lässt tief blicken: Die betroffenen Personen hätten „berufliche und finanzielle Nachteile“ befürchtet „bis hin zum Verlust ihrer Existenzgrundlage“.

In all diesen Fällen sei es um Machtmissbrauch gegangen, und es habe einen „gravierenden Unterschied“ gegeben zu dem, was Festangestellte schilderten. Die Freien und Volontär*innen hätten „übereinstimmend“ berichtet, das Verhalten ihnen gegenüber sei „unbeherrscht, willkürlich und brutal“ gewesen. Sie sagten aus, dass sie „bei Nachfragen zu Arbeitsinhalten oder Meinungsäußerungen angeschrieen und beschimpft“ worden seien.

Als beispielhafte Äußerungen wurden genannt: „Du bist zu blöd“, „Hör auf zu heulen“ und „Ich kann dir die Zukunft in der ganzen ARD versauen“. Überwiegend sei das von Redakteur*innen der Abteilung Information, Fiktion und Unterhaltung bzw. der Fernseh-Direktion ausgegangen.

„Dissens“ nach Vertrauensbruch

Die Beschwerdestelle übt auch an der Clearingstelle erhebliche Kritik. Weil sie sich unter anderem über eine Vereinbarung hinweggesetzt habe, was Misstrauen in das ganze Verfahren auslöste.

So ging die Beschwerdestelle eigentlich davon aus, „dass die Clearingstelle keine weitere Ermittlungen durchführt, wenn die Hinweisgeber anonym bleiben wollen“, da dies das Risiko berge, dass doch Rückschlüsse auf Mitarbeiter*innen gezogen werden könnten, die sich beschwert haben. „Allerdings stellte sich heraus, dass die Clearingstelle dennoch hinsichtlich einzelner Sachverhalte Nachforschungen vorgenommen hat“, was zu einem „Dissens“ geführt habe, schreibt die Beschwerdestelle.

Außerdem: Bei den sechs Beschwerden, die an die Clearingstelle gingen, hatte die Beschwerdestelle Vorschläge zur Deeskalation gemacht. Doch:

„Die Clearingstelle folgte diesen Vorschlägen nicht. Sie nahm in einigen Fällen eine eigene juristische Prüfung der eingegangenen Beschwerden vor und kam zu dem Schluss, dass die Beschwerden nicht die Kriterien der DV erfüllten.“

Anders gesagt: Die Beschwerdestelle sah einen Verstoß gegen die DV, schlug zum Beispiel einen runden Tisch vor, aber die Clearingstelle in der Intendanz befand, das sei (juristisch) nicht notwendig. Das nüchterne, aber deutliche Resümee der Beschwerdestelle:

„Es hat sich gezeigt, dass es zwischen Beschwerdestelle und Intendanz (Clearingstelle) unterschiedliche Vorstellungen über die Ausgestaltung der Arbeit und über die Bewertung von Beschwerden gibt.“

Aus Sicht der Mitarbeiter*innen ist das ein herber Schlag: Das Bedürfnis nach Vertrauen und Anonymität sei „sehr hoch“, schreibt die Beschwerdestelle, und es gebe die Sorge, dass sich das Beschwerdeverfahren „nachteilig für die Betroffenen auswirken könne bzw. schon ausgewirkt habe“. Ohnehin sei das Verfahren mit den vielen Stellen, an die sich Betroffene wenden können, „in seiner Komplexität verwirrend“ und habe so „bei vielen Betroffenen ausführliche Nachfragen und Unsicherheiten“ ausgelöst.

Zur „Chefsache“ machen

Es brauche „ein starkes Engagement der WDR-Spitze“, wenn geplante Verbesserungen „nicht, wie manchmal in der Vergangenheit, in Ansätzen stecken bleiben sollen“, schrieb Wulf-Mathies. Aus Sicht der Prüferin solle der WDR die Verbesserung des Betriebsklimas deshalb „zur Chefsache machen“, sprich: zum Anliegen des Intendanten. „Mit den ersten Veränderungen, die durch die WDR-Spitze eingeleitet wurden, sind hohe Erwartungen geweckt worden, die man nicht enttäuschen darf.“ Und nun wurden sie es doch.

Eva-Maria Michel, die stellvertretende Intendantin, möchte das so nicht stehenlassen: „Ich würde dieses erste Jahr gar nicht so negativ sehen“, sagt sie im Gespräch mit Übermedien. „Wir haben aus #metoo heraus ein viel zu komplexes Konstrukt geschaffen und am Ende steht die Erkenntnis, dass diese Struktur nicht gut war.“ Der WDR wolle daraus lernen. „Im Nachhinein muss man kritisch sagen: Da wollten wir es besonders gut machen, aber das hat im Alltag nicht im Sinne der Mitarbeiter*innen funktioniert.“

Zur Angst mancher Betroffener, offen in ein Beschwerdeverfahren zu gehen, sagt Michel: „Wenn sich Mitarbeiter*innen nicht aus der Anonymität raustrauen, können wir das leider nicht immer ändern. Auch wenn wir das durch unsere Anlaufstellen versuchen.“ Nur mit anonymen Vorwürfen könne man „keine arbeitsrechtlichen Maßnahmen treffen“. Und was das Gefühl mancher Mitarbeiter*innen betrifft, dass ihnen ihre Beschwerde Nachteile einbracht hat, findet Michel: „Es mag sein, dass sich manche benachteiligt fühlen im Nachgang ihrer Beschwerden“, auch wenn es Ziel des WDR sei, das zu verhindern. Es sei jedoch „schwer, zwischen persönlichem Empfinden und dem, was Realität ist, zu unterscheiden. So ein Konflikt hat ja oft auch die Wahrnehmung so geprägt, dass alles auf den Konflikt zurückgeführt wird.“

Also alles nur ein Wahrnehmungsproblem?

Zu den sechs Beschwerden, die in der Clearingstelle ankamen, sagt Michel, darunter seien keine Verstöße gewesen, „derentwegen nach dem AGG juristische Schritte hätten eingeleitet werden müssen“. In lediglich einem Fall habe es außerdem „ein Missverständnis wegen der Wahrung der Vertraulichkeit“ gegeben. „Da ist ein Fehler passiert, daraus haben wir dann auch Konsequenzen gezogen.“ Welche genau, sagt Michel nicht.

Zwölf Maßnahmen für einen „Kulturwandel im WDR“

Auch das Thema Freie habe man im Blick: „Es gibt sicher einiges in der Zusammenarbeit zwischen Freien und Festen im WDR, das wir verbessern wollen“, sagt Michel. „Wir haben das Thema erkannt und deshalb ja auch einen Kulturwandelprozess eingeleitet, der sich ebenfalls damit befasst, wie wir mit freien Mitarbeiter*innen umgehen und wie wir sie besser informieren und einbinden können.“ Der WDR verweist hier auch auf das Präventionsprogramm, das der Sender aufgelegt hat, und zwölf Maßnahmen für einen „Kulturwandel im WDR“. (Wir dokumentieren das Schreiben der Pressestelle auf dieser separaten Seite.)

Aber was hilft es? „Verspieltes Vertrauen“, titelte kürzlich der „Kölner-Stadtanzeiger“ und listete fünf Gründe auf, „weshalb der WDR nicht zur Ruhe kommt“. Das Klima im Haus sei schlecht. Entscheidungen würden nur noch verkündet, nicht diskutiert, die Hierarchisierung nehme zu – also auch das Machtgefälle. Zudem werde das Programm „weichgespült, beliebiger, austauschbarer“, und der Rundfunkrat, das Aufsichtsgremium, winke zu schlechter Letzt alles durch, was die WDR-Geschäftsleitung so plane.

Zugleich nimmt die Kritik von außen zu. Zum Beispiel, wenn der WDR beschließt, Kultur-Sendungen abzusetzen; wenn er Sendungen ausstrahlt wie „Die letzte Instanz“, in der weiße Promis über die Probleme diskriminierter Menschen abstimmen; oder neulich, als bekannt wurde, dass der WDR einen kritischen Beitrag über NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) unter dubiosen Umständen wieder vom Sender genommen hatte und dafür dem Autor des Beitrags, einem langjährigen Redakteur, die Schuld zuschob. Bis heute ist das nicht restlos geklärt.

Diese Woche Gespräche

Personalratschefin Christiane Seitz, intern gerne deutlich in ihrer Kritik, möchte sich zur gekündigten Dienstvereinbarung und den Problemen, die damit zusammenhängen, nicht äußern. Auf unsere Mail mit mehreren Fragen antwortet Sie mit einem Satz: „Ich äußere mich grundsätzlich nicht gegenüber Medienvertretern über interne Angelegenheiten des WDR.“

Eva-Maria Michel sagt, die Intendanz habe im Spätherbst Gespräche mit dem Personalrat aufgenommen. Ziel sei eine neue Dienstvereinbarung. Die Beschwerdestelle solle dann voraussichtlich nur noch mit zwei Personen besetzt werden: eine aus dem WDR, eine von außen; ein Mann und eine Frau. Außerdem, sagt Michel, solle es die Clearingstelle „so nicht mehr geben“.

Wann die neue DV fertig sein wird, ist unklar. Die Gespräche gerieten zwischendurch ins Stocken, laut Michel „unter anderem durch die Wahl eines neuen Personalsrats“. Aber diese Woche solle es weitergehen. Es ist schließlich auch keine Zeit zu verlieren. Tom Buhrows Laden brennt schon wieder.

5 Kommentare

  1. Die Beschwerden der freien Mitarbeiter*innen verstehe ich nicht ganz. Ich schwenke in meiner Berufslaufbahn ja unter anderem deshalb von fest auf frei um, um eben nicht mehr mit Arschlöchern zusammenarbeiten zu müssen.

    Herabwürdigendes Verhalten macht sensible Kreative denk-, schöpfungs- und arbeitsunfähig. Bevor es soweit kommt: Rechnung in die Post, Arschtritt, tschüss. Alles andere lohnt den emotionalen Aufwand nicht und gefährdet meine Schaffenskraft.

    Oder denke ich jetzt falsch, weil nur in meinen Agenturzusammenhängen, und in den Medien ist es ganz anders? Aber auch da hast du doch mehrere Auftraggeber*innnen, um nicht als scheinselbständig eingestuft zu werden, kannst dir gute Jobs aussuchen, schlechte ablehnen oder neue akquirieren? Nein?

  2. Ich vermute – aber ganz vorsichtig formuliert – dass diese freien Mitarbeiter nicht so frei sind. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von möglichen Arbeitgebern in D., für die Fernsehjournalisten arbeiten können. Weiterhin gab es vor ein paar Jahren den Fall einer „festen Freien“, die beim ZDF weniger bezahlt wurde als ihre männlichen festen Festen Kollegen, weil die regelmäßige Gehaltserhöhungen bekamen, iirc.
    D.h., einmal haben die eine finanzielle Benachteiligung und somit weniger Reserven, und dann können die nicht so leicht „Tschüss“ sagen, weil die Suche nach einer neuen Stelle bei einem anderen Sender wegen des begrenzen Angebotes nicht so erfolgversprechend ist wie in einer Branche, wo es dutzende potentielle Arbeitgeber gibt alleine in einer Entfernung, für die man nicht umziehen muss. Hinzu kommt: Festangestellte kriegen auch dann noch Geld, wenn man ihnen keine Arbeit gibt. Freie hören dann auf, beschäftigt zu sein.

    Daher vermute ich, dass freie Beschäftigte in einer schlechteren Position sind als die festen und sich deshalb zweimal überlegen, wieviel Streit sie anfangen.

  3. Freie beim WDR kann man tatsächlich nicht mit „normalen“ freien Autorinnen vergleichen. Wenn man nicht herausragend bekannt ist (wie etwa Thorsten Schorn oder Marco Schreyl), macht der WDR schon Stunk, falls jemand auch für kommerzielle Sender arbeiten will. Redaktionen wie Aktuelle Stunde möchten sogar, dass Freie ausschließlich für diese Redaktion tätig sein sollten.

    Ja, man kann sich dem natürlich verweigern. Dann ist man halt nicht im Geschäft.

    Tatsächlich wird der größte Teil des WDR-Programms von Freien hergestellt, aber die daraus resultierende Macht wird von Freien nicht ausgeübt. Wenn alle Altenpfleger zeitgleich streiken würden, könnten sie auch höhere Gehälter erwirken. Aber das ist und bleibt nur ein theoretischer Aspekt.

    Danke an Boris Rosenkranz für den Artikel. Was die Freien betrifft und das Klima der vielfachen Einschüchterung: Gäbe es so etwas in ähnlicher Form in anderen Unternehmen, der WDR würde gewiss darüber berichten. Und ganz bestimmt würde ein festangestellter Redakteur einen flammenden Kommentar dazu sprechen.

    Im Haus WDR herrscht eine Art von Feudalismus. Buhrow und vor allem seine Direktorin Valerie Weber haben die Macht auf sich konzentriert, unterhalb dieser Ebene herrschen Abteilungsleiterinnen und Leitende Redakteure wie kleine Fürsten. Sie sind schließlich wesentliche Stützpfeiler der Herrschaftspyramide und außerdem auch unkündbar. Sie verwalten das Programm, was bedeutet: Sie verwalten sich selbst.

    Das eigene Standing im Sender ist das A und O. Es geht um Einfluss und Macht, das Gerede von programmlichen Grundsätzen ist längst Blabla und wird nur noch aus taktischen Gründen angewendet. Wo sich noch in den 1990ern Redakteurinnen heftig mit dem Führungspersonal gestritten haben, weil es ums Programm, um Inhalte ging, herrscht nun Friedhofsruhe. Es wird längst durchregiert. Ausnahmen („Monitor“) bestätigen die Regel. Die vom Gesetz her vorgesehenen Kontrollgremien sind ohne Bedeutung.

  4. Wir sind so frei, vor allem Freie zu beschäftigten. Das nimmt ihnen die Freiheit, sich wirksam zu beschweren und gibt uns dafür die, sie erst recht mobben und schliesslich zu feuern, wenn sie sich über die Bedrohung ihrer persönlichen oder sexuellen Freiheit und Würde zu hartnäckig zu beklagen, die Freiheit nehmen. Und der Buhrow macht den Woelki zu alledem.

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