Waffen für die Leser

Es gibt ja viele irre Zeitungen in Österreich, vor allem auf dem Boulevard, aber das hier ist mit die irrste. Wer’s nicht glaubt, muss sich nur ansehen, was der „Wochenblick“ den Lesern als Abo-Prämie verspricht. Bei anderen Zeitungen gibt es Staubsauger oder iPads – hier gibt es Pfefferspray!

Gefährliche Abo-Prämie: Pfefferspray für alle!
Gefährliche Abo-Prämie: Pfefferspray für alle! Screenshot: wochenblick.at

Schon in seiner ersten Ausgabe Ende März beschwor der „Wochenblick“, „immer mehr Bürger“ wollten „nicht mehr länger das Opfer sein“ und „15 Prozent der Oberösterreicher würden sich gerne bewaffnen“. Wieso? Klar: Wegen all der bösen Ausländer, die marodierend über die Berge ziehen.

Die passende Geschichte zur Abo-Prämie hatte der „Wochenblick“ neulich im Blatt: eine Lokalreportage, die in Österreich „Lokalaugenschein“ heißt. In der Reportage geht es darum, dass es im tschechischen Grenzort Studanky „jede Menge (erlaubte und unerlaubte) Waffen“ zu kaufen gebe. Schlimm? Naja, geht wohl so. Die Überschrift klingt, als handle es sich um eine Empfehlung:

Waffen-Shopping mit dem „Wochenblick“
Waffen-Shopping mit dem „Wochenblick“ Ausriss: „Wochenblick“ 9.6.2016

Ein „Einkaufsbummel“, bei dem sich der (anonyme) Autor angeblich sorgt, „dieses Zeugs“ könne „in falsche Hände“ geraten, sich aber auch nur mäßig Mühe gibt, seine Begeisterung zu verbergen: über Pfeffersprays für „smarte fünf Euro“, „Profi-Schleudern mit 8-mm-Stahlkugeln: Saugefährlich und mit einer Reichweite von bis zu 300 Metern“ oder die „formidable Auswahl“ an „aus Jacky-Chan-Filmen [sic] bekannten ‚Nunchakos'“.

Der „Wochenblick“ ist im schlechtesten Sinne ein Revolverblatt.

Super-Symbolfoto: Tasche und Waffe
Super-Symbolfoto: Tasche und Waffe Screenshot: wochenblick.at

Seit Ende März erscheint die „neue Zeitung für Oberösterreich“, immer donnerstags, vor allem in Linz und Umgebung. Die Auflage liegt bei derzeit 35.000 Stück, heißt es, und anfangs wurden die Exemplare, je 24 Seiten, auf der Straße verteilt und an Haushalte verschickt. Die Zielgruppe: auf welche Art auch immer besorgte Bürger, denen der „Wochenblick“ all jene Themen bieten will, die angeblich – man ahnt es: „andere Medien verschweigen“:

Egal ob Kriminalität, Politikversagen oder Asyl – wir packen die wirklich heißen Eisen an. Wenn Sie eine unabhängige Berichterstattung, neue Blickwinkel und Meinungen, die anderswo unterdrückt werden mögen, dann abonnieren Sie noch heute den Wochenblick! [sic]

Die ersten "Wochenblick"-Titelseiten
Die ersten „Wochenblick“-Titelseiten Quelle: Wochenblick

Der „Wochenblick“ enthält keine „neuen Blickwinkel und Meinungen“, er ist voll mit üblichen neurechten Phrasen und Begriffen: Asylbewerber heißen hier immer noch „Asylanten“, und sie werden von der „Gutmenschen-Szene“ begrüßt, von diesen „abgehobenen Willkommensklatschern“, die allesamt dem „Diktat der politischen Korrektheit“ frönen. Das Vokabular der Neuen Rechten ist inzwischen so erwartbar, dass man beim Lesen ganz müde wird.

Die warmen Heimat-Geschichten, Spinatschmarren-Rezepte, Volksmusik-Kolumnen und Frauen mit oder ganz ohne Dirndl sind nur folkloristisches Beiwerk in einer Zeitung, die vor allem Angst schürt vor der „Migrantenflut“ und einem Staat, der seine Bürger belügt und betrügt. Der „Wochenblick“ ist ein dünnes Blättchen für stattliche drei Euro. Und um Fakten geht es hier nur am Rande. Reicht schon, wenn „Experten“ damit „rechnen“, dass es in der Freibad-Saison zu „zunehmenden Sex-Attacken“ durch Ausländer komme.

Chefredakteur des „Wochenblicks“ ist Kurt Guggenbichler, der angeblich zehn Jahre lang in Deutschland als Journalist gearbeitet hat, bevor er lange Jahre Redakteur der „Oberösterreichischen Nachrichten“ war und Chefredakteur des Gratis-Blattes „Neue“, das aber dann schnell wieder eingestellt wurde. Danach soll Guggenbichler für den Verleger Helmut Moser tätig gewesen sein, in dessen Verlag auch schon der bekannte Rechtsextremist Andreas Thierry, früher Mitglied der NPD, als Chef vom Dienst wirkte.

Die „Angst vor einer Explosion“ sei „berechtigterweise groß“, schreibt Guggenbichler nun; sein Blatt richte sich deshalb an, Zitat: „Frau und Herr Oberösterreich“, denen der „Wochenblick“ eine „geistige Wohlfühlheimat“ sein wolle. Dabei ist der „Wochenblick“ eher ein geistloses Gruselkabinett, in dem Gestalten wie der neurechte türkische Migrant Akif Pirinçci oder Verschwörungstheoretiker Udo Ulfkotte („So zockt die Asyl-Lobby ab“) auftreten – und viele aus der FPÖ.

Das ist kein Wunder. Denn der „Wochenblick“ rühmt sich zwar seiner „Unabhängigkeit“, weil er keine (oder besser: kaum) Inserate abdrucken will. Politisch unabhängig ist er aber nicht. Er wird gemacht von Leuten, die teilweise nah dran sind an der FPÖ und dort Pöstchen hatten oder haben.

"Wochenblick"-Kolumne von Nicole di Bernardo
Screenshot: wochenblick.at

Redakteurin Nicole di Bernardo etwa ist im Kärtner Vorstand des FPÖ-Vorfeldorganisation „Ring Freiheitlicher Jugend“ aktiv und beim „Wochenblick“ unter anderem dafür zuständig, einen „Dschihad im Kinderzimmer“ zu bejodeln und, frisch gestylt, dafür zu kämpfen, dass Frauen anziehen können, „was uns gefällt“ – was übrigens auch andersrum gilt: Auf den Seiten 2 und 3 im „Wochenblick“ dürfen Frauen sogar ausziehen, was ihnen gefällt, am besten viel.

In einer seiner Kolumnen beklagte Guggenbichler neulich den „Geifer“ und die „Kluft zwischen den beiden gesellschaftlichen Lagern“, die vermindert werden müsse. Das ist lustig. Denn gerade seine Redaktion ist munter dabei, den Graben zwischen den Lagern weiter auszuheben, um dann von der einen Seite rüberzugeifern, das Pfefferspray einsatzbereit in der Hand.

Wie man so ein neues Blatt am besten bewirbt? Na, man wählt einfach ein treffendes Symbolbild für „kritischen“ Journalismus aus. Noch Fragen?

Eine kritische Journalistin – aus der Werbung
Eine kritische Journalistin – aus der Werbung Quelle: Wochenblick

28 Kommentare

  1. „einen Pfeffersrpay“
    „Jacky Chan“ (der heißt Jackie)
    „Aboschein“

    Geht das mit dieser kruden Grammatik immer so weiter?

  2. In der Pfalz werden Frauen auch gerne mit dem Neutrum betitelt. In der Lautsprachte. („Das Inge“) Schreibt aber niemand mit Verstand.

  3. Nein, er berichtet im mehrfachen Konjunktiv darüber, dass „scheinbar“ eventuell etwas bei einem „geheimen Einsatz“ gefunden wurde.
    Und ob ein Gemüsehändler in der Nähe einer Moschee automatisch zu deren Umfeld gehört ist auch zweifelhaft. Ich wohne auch in relativer Nähe zu einer Kirche, gehöre aber sicher nicht zu deren Umfeld. Aber dann klingt es natürlich nicht mehr so dramatisch…

  4. Wenn der Herr „scheinbar“ schreibt, können wir ja alle beruhigt sein, denn hat das Ereignis nicht stattgefunden. Für Herrn Tipi hier der signifikante Unterschied zwischen „scheinbar“ und „anscheinend“:

    Anscheinend oder scheinbar? Mit anscheinend wird die Vermutung zum Ausdruck gebracht, dass etwas so ist, wie es erscheint.

    Herr Maier ist anscheinend krank.

    Dies bedeutet also: Es sieht so aus/hat den Anschein, als ob Herr Maier krank wäre; vermutlich ist er es tatsächlich. Das Adjektiv scheinbar besagt, dass etwas nur dem Schein nach, nicht aber in Wirklichkeit so ist, wie es sich darstellt. Dieses Wort steht im Gegensatz zu »wirklich«, »wahr«, »tatsächlich«:

    Quelle: Duden, Bedeutungswörterbuch

  5. Wenn Ulfkotte, aber nicht die BILD darüber schreibt, darf man den Wahrheitsgehalt des von Herrn Tipi (einzige Quelle) berichteten Waffenfundes bei einem Gemüsehändler nahe einer Moschee in NRW ernsthaft bezweifeln. Aber vielleicht verschweigt die Lügenpresse den Vorfall, weil der Gemüsehändler Deutscher ist? ;-)

  6. @WONKO: Beweise legt Herr Tipi nicht auf den Tisch. Wenn jedoch ein deutscher Staatsbürger türkischer Herkunft, aktiv in der Regierungspartei CDU, gut vernetzt, sich bekennend zum Islam, und Vorsitzender des Landesfachausschusses „Integration und Migration“ der CDU in Hessen so etwas von sich gibt, dann sollte man das ernst nehmen.
    @Frank Reichelt: Danke für den Deutschkurs. Sind Sie etwas Rassist, dass Sie dem Türken mangelnde Deutschkenntnisse vorwerfen? (Das ist kein ernst gemeinter Vorwurf).

  7. Ich lese auch gerne beim Sprachlog, aber die bisherige Kommentarspalte hätte ich eher dort verortet als hier. ;)

    Aber wo wir schon dabei sind, noch ein österreichisches Schmankerl für JMK: Bei Preisangaben ist die übliche Formulierung dort „um [Preis]“ anstatt „für [Preis]“, so wie oben die „Springmesser und Totschläger um 6 Euro“. Damit ist nicht gemeint, dass es „ungefähr 6 Euro“ sind, sondern das ist in Österreich einfach die gängige Wendung, wird auch ständig in der Werbung so verwendet.

    BHK hat mit Austriazismus ja schon das richtige Schlagwort dazu genannt, darüber gibt’s sogar einen informativen Wikipedia-Artikel. ;) Vor allem sind Austriazismen eben nicht nur Dialekt oder rein umgangssprachlich, sondern oftmals Teil einer Varietät von Standarddeutsch.

    The more you know!

  8. @ Harry:
    Der Herr Tipi ist ja ehemaliger Journalist.

    Bei Ihnen und Ihrem Dunstkreis müssten da doch die Alarmglocken schrillen, oder?
    Ein muslimischer ehemaliger Journalist, der für die Hürriyet arbeitete und seit 2010 im Landesparlament sitzt – Das riecht doch schon nach islamistischer Unterwanderung, nach Umvolkung und Lügenpresse und überhaupt, oder nicht?
    Oder kann man ihm jetzt trauen, weil der nach eigenem Statement „gegen Salafismus“ ist?

    Ich vermute, das ist eher was Temporäres:
    So lange seine Meinung (okay, in diesem Fall „Enthüllung“) in den Kram passt, ist er cool. Wenn er irgendeine linksgrünversiffte Gutmenschenblödelei wie „Integration“ oder „Friedliches Miteinander“ fordert, dann ist er wieder persona non grata.

    Ist das so ungefähr richtig, Harry?

    Und nun die eigentliche Frage:
    Was hat das mit dem Thema zu tun?
    Achja, nichts.
    War nur Derailing, da hilft dann auch kein Pfefferspray (oder ein anderer flotter Spruch) mehr.

  9. Worum geht es? Um die Berichterstattung eines neues Boulevardblatt in Österreich. Herr Rosenkranz macht sich über Österreicher lustig, die das Vertrauen, das der Staat ausreichend für ihre persönliche Sicherheit sorgt, verloren haben, und erzählt uns karikierend von
    „bösen Ausländer, die marodierend über die Berge ziehen“ Haha! Da schlagen wir uns auf die Schenkel. Nur ist Tatsache, das sich Terroranschläge in Belgien und Frankreich häufen, in Deutschland zufällig Kalaschnikows auf der A8 aus einem Kleinwagen gezogen wurden, eine 15jährige Salafisten eine Polizisten fast abgestochen hätte, ein Terror-Anschlag auf ein Fußballspiel in Hannover in letzen Sekunde verhindert wurde, Vergewaltigungen und Ladendiebstähle ansteigen. Und Herr Tipi Informationen aus NRW hat, die genau in dieses Bild passen, und absolut nicht dazu geeignet sind, ein Gefühl von Sicherheit wiederherzustellen. Wer sollte vor diesem Hintergrund Bürgern in Österreich oder Deutschland verdenken, dass sie sich mit Pfefferspray eindecken. Wochenblick ist ein Boulevard-Blatt und arbeiten mit den Mitteln des Boulevard: Sensationsorientierte Aufmachung, großflächige Fotos, plakative Schlagzeilen und formulierungen, polarisierende Berichterstattung ohne Zwischentöne. Das Ding ist nur: Uebermedien ist nach diesen Kriterien ebenso reiner Boulevard und schreibt sich ebenso „Kritischer Journalismus“ auf die Fahne.

  10. „[..]Vergewaltigungen und Ladendiebstähle ansteigen.“

    Wo? In welchem Zeitraum? Haben Sie eine belastbare Quelle zu Ihrer Behauptung?

  11. Harry, ich wusste bislang nicht, dass Pfefferspray gegen Terroristen hilft. Danke für den Hinweis, ich geh gleich einkaufen.

    PS: funktioniert bunter Pfeffer auch?

  12. Schön finde ich die Homepage. Auf Kontratse wird verzichtet. Weiße Schrift auf weißem Grund. Großartig.

  13. „ein Terror-Anschlag auf ein Fußballspiel in Hannover in letzen Sekunde verhindert wurde“

    Ähem. Nein.

  14. @22
    Aber Herr Ubbelohde war doch gefühlt im Stadion und ist gefühlt fast in die Luft geflogen! Und dann darf er nicht mal Pfefferspray mit in das Stadion nehmen!

  15. Ja, das Blättchen hat man meinen Eltern auch zugeschickt (mir seltsamerweise nicht, obwohl im selben Bundesland). In der Aufmachung eines der Gratis-Bezirksblätter, nur dünner. Wir haben sehr gelacht, als wir gesehen haben, dass sie für den Mist 3 € haben wollen. Da wünsche ich aber viel Glück, selbst die 30 % Österreicher (leider!) die auf solche Rechtsauslegerinhalte abfahren werden da dankend ablehnen. Die 15 Minuten Ausländerhass/Angst vorm bösen Südländer kriegt man für lau bei den div. Gratiszeitungen oder mit 60 Seiten für weniger Geld bei der Krone.

  16. Info aus deutschem Landleben:
    Der Raiffeisen-Markt („Aus Liebe zu Pflanze und Tier“)
    in 5363 Königswinter hat an der Kasse Pfefferspray zum Sonderangebot.

  17. @ JMK (zu „Das Inge“ in der Pfalz):

    Genau daran erkennt man, dass Österreich ein anderes Land ist – Abweichungen von der (bundes-) deutschen Standardsprache werden verschriftlicht, während sich in Deutschland Dialekte zumeist aufs Mündliche beschränken (Ausnahmen bestätigen in beiden Fällen die Regel). Das betrifft u.a. auch „das E-Mail“ und „das Cola“.

    Das grammatikalische Geschlecht ist allerdings noch harmlos im Vergleich zur Da-Hier-Problematik und dem Unterschied zwischen „gehen“ und „laufen“. Österreicher sagen nämlich „da“, wenn Deutsche „hier“ sagen würden. Und sie trennen konsequent „laufen“ (= joggen) und „gehen“ (was eigentlich sinnvoll ist, ich könnte nicht erklären, wieso ich manchmal „laufen“ und manchmal „gehen“ sage).

    In meiner ersten Woche im Büro in Wien entspann sich dieser Dialog:

    Kollege: „Wie bist Du ins Büro gekommen?“
    Ich (Deutscher): „Ich bin gelaufen.“
    Kollege: „Du schwitzt ja gar nicht?!“
    Ich: „Wieso auch, sind ja nur 15 min?“

    (Wir haben es beide nicht verstanden, erst Wochen später ist bei ihm in einer ähnlichen Situation der Groschen gefallen.)

  18. @ Dennis. Können Sie selbst nachlesen. Einfach „Presseportal“, „Polizei“ und das Stichwort googeln.
    Um den Münchner Bahnhof hat sich eine große neue Dealer-Szene entwickelt. 500 Mann, alles Flüchtlinge. Schreibt die migrationsfreundliche SZ. „Innere Sicherheit“ war immer eine der Kernthemen der CSU, die in München mitregiert. Das war einmal.
    http://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-am-hauptbahnhof-etabliert-sich-eine-neue-drogenszene-1.3050239

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