Öffentlich-rechtliche Pressekonferenzen

Live aus Sendeanstalten der ARD streamen? Oh, das ist schwierig

Die „Tagesschau“ regt sich in einem Artikel darüber auf, dass das Berliner Bezirksamt Mitte das Live-Streaming von einer gemeinsamen Pressekonferenz des Robert-Koch-Instituts (RKI) und des Bezirksamts untersagt hat. Juliane Leopold, Chefredakteurin Digitales von ARD aktuell, schreibt dazu:

„Die Corona-Pandemie betrifft alle Lebensbereiche. Wir wollen und müssen die Menschen darüber so gut wie möglich informieren und sie dabei unterstützen, sich selbst ein Bild zu machen.“

Damit hat sie hat natürlich vollkommen recht. Aber wie wäre es, wenn ich die beiden Sätze mal ein wenig umformuliere:

Der Rundfunkbeitrag wird von allen Bürgerinnen und Bürgern bezahlt. Wir wollen und müssen die Menschen so gut wie möglich über ARD und ZDF informieren und sie dabei unterstützen, sich selbst ein Bild zu machen.

Denn damit tun sich ARD und ZDF selbst häufig schwer.

Dazu an dieser Stelle ein paar Beobachtungen und Erfahrungen, positive wie negative, die ich in den vergangenen Jahren bei Pressekonferenzen der Öffentlich-Rechtlichen gemacht habe.

Bei der ARD konnte man bisher vier- bis fünfmal pro Jahr den ARD-Vorsitzenden auf Pressekonferenzen Fragen stellen; einige davon habe ich auf „Planet Interview“ dokumentiert. 2020 gab es noch drei solcher Presse-Termine (einen analogen, zwei digitale) mit dem aktuellen ARD-Vorsitzenden Tom Buhrow.

Das ZDF hat früher drei- bis fünfmal im Jahr Pressekonferenzen mit Senderverantwortlichen angeboten, 2020 stand Intendant Thomas Bellut der Presse nur noch bei einem Termin zur Verfügung.


2. Dezember 2020

Bei einer digitalen Jahrespressekonferenz von Das Erste versuche ich über ein Chatfenster zwei Fragen zu stellen, eine an Jörg Schönenborn vom WDR, eine an die zukünftige Programmdirektorin des Ersten: Christine Strobl. Doch nur die an Schönenborn wird vorgelesen.

Ich hatte meine zweite Frage schon längst abgeschickt, da schaut Noch-Programmdirektor Volker Herres auf sein Tablet und kommentiert: „Weitere Fragen sehe ich nicht.“

Seltsam.

Aber immerhin besser als bei der „Jahrespressekonferenz“ von Das Erste ein Jahr zuvor in Hamburg, bei der so illustre Personen wie Florian Silbereisen, Ferdinand von Schirach oder Kai Pflaume auf dem Podium standen, Fragen von Journalistinnen und Journalisten aber erst gar nicht vorgesehen waren.


18. September 2019

ARD-Pressekonferenz 2019 in Stuttgart
ARD-Pressekonferenz beim SWR in Stuttgart mit Pressesprecher Ralf Borchard, dem damaligen ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm, dem Programmdirektor des Ersten Volker Herres und dem damaligen funk-Chef Florian Hager (v.l.). Foto: Alexander Kluge/SWR

Bevor ich zur ARD-PK nach Stuttgart fahre, frage ich ein Kurz-Interview mit dem ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm an. Antwort von Pressesprecher Markus Huber: „Leider gibt es nach der PK kein Zeitfenster für individuelle Gespräche, da Herr Wilhelm sofort einen Anschlusstermin hat.“

Vor Ort in Stuttgart begrüßt mich Ulrich Wilhelm im Anschluss an die PK, um mir dann persönlich mitzuteilen, worum es sich bei diesem „Anschlusstermin“ handelt: Ein Interview (man könnte auch sagen „individuelles Gespräch“) mit Das Erste, also dem eigenen Sender.


27. November 2019

Ich bin in der Zentrale des Bayerischen Rundfunks zur ARD-Pressekonferenz. Sie dauert 82 Minuten, die analog und digital anwesenden Journalistinnen und Journalisten können insgesamt neun Fragen stellen. Zum Vergleich: Die Bundespressekonferenz schafft am gleichen Tag in der Hälfte der Zeit fünf mal so viele Fragen.

Obwohl von Journalisten-Seite noch Fragen bestehen, beendet Pressesprecher Markus Huber die PK mit den Worten: „Es gibt ein bis zwei Anschlusstermine, die wir mit Blick auf den Live-Stream wahrnehmen müssen.“ Ich habe ihn per Mail gefragt, was er damit meinte – und bekam diese Antwort:

„Sowohl Herr Wilhelm als auch Herr Dr. Wolf hatten Anschlusstermine. Die Technik für den Livestream war, unabhängig davon, zeitlich befristet gebucht. Daher meine Ankündigung, dass wir zum Ende kommen müssen.“

Kein Witz, der ARD-Pressesprecher begründet das Beenden einer PK damit, dass „die Technik zeitlich befristet gebucht“ war. Ich hätte ja gedacht, dass diese Technik dem BR-Chef im eigenen Haus zur Verfügung steht. Tja.


November 2018

Ich erhalte folgende Einladung:

Mit anderen Worten: Man macht aus einer öffentlichen Pressekonferenz ein „Pressegespräch“ – ohne Live-Stream. Ein paar Monate später frage ich den Pressesprecher in Hamburg, warum man in der BR-Zentrale auf einen Live-Stream verzichtet habe. Seine Antwort: Es war in einem „kleinen Rahmen“, bei dem „technisch gesehen die Möglichkeit eines Streams nicht gegeben war“.

Mir tut der BR fast ein bisschen leid, dass er so große technische Probleme hat, in seiner Zentrale einen Live-Stream anzubieten.


Sommer 2019

Die Situation wiederholt sich ein gutes halbes Jahr später in Berlin: Die ARD lädt ein zum „Pressegespräch“, aber ohne Live-Stream. Also frage ich im Anschluss Markus Huber, warum für Kolleginnen und Kollegen, die nicht in Berlin sind, kein Live-Stream angeboten wird. Diesmal lautet seine Begründung anders, aber nicht minder absurd:

 

Der Pressesprecher der ARD sagt, die „Raumbelegung“ im ARD-Hauptstadtstudio sei Grund dafür, dass man beim Pressegespräch mit dem ARD-Vorsitzenden keinen Live-Stream anbieten könne.

Ich kann nur hoffen, dass das Bezirksamt Berlin-Mitte hier nicht mitliest.


22. Januar 2020

Das ZDF lädt in sein Hauptstadtstudio zu einem Pressegespräch mit Thomas Bellut und der Fernsehratsvorsitzenden Marlehn Thieme. Kurz bevor das Gespräch beginnt, kommt Pressesprecher Alexander Stock auf mich zu und bittet höflich darum, dass ich meine Fragen nicht am Anfang stelle, sondern gerne etwas später. Ich halte mich artig dran und kann später alle Fragen loswerden, die ich auf dem Zettel habe.

Allerdings hat das ZDF die PK, anders als früher, nicht gefilmt und somit auch nicht auf seiner Website verfügbar gemacht. Ich weiß nicht, warum der Sender das nicht mehr macht. Dass es im Hauptstadtstudio dafür nicht an Technik mangelt, muss ich wohl nicht erwähnen.


Februar 2020

Für seine letzte analoge PK vor der Corona-Pandemie hat sich der aktuelle ARD-Vorsitzende Tom Buhrow vermutlich gefragt, wie man Spardruck nicht nur in Worten, sondern auch in Räumen ausdrücken kann. Das Ergebnis: Als die Journalisten im Februar 2020 den Kleinen Sendesaal im WDR-Funkhaus am Wallrafplatz betreten, gibt es keine Stühle mehr – also findet die gesamte Konferenz im Stehen statt.


Januar 2018

Als 2017/2018 der ARD-Vorsitz vom MDR zum BR wechselt, verschwindet meine Mailadresse aus dem Presseverteiler der ARD, weshalb ich keine Einladungen mehr zu den Pressekonferenzen erhalte. Manchen Kolleginnen geht es genauso …

… und ich empfehle daher jedem Interessierten, nach jedem Wechsel des ARD-Voristzes die neue Presse-Abteilung mit den eigenen Daten zu versorgen. Sicher ist sicher.


Was gut läuft …

Natürlich darf auch die Haben-Seite nicht fehlen:

Ich konnte von diversen Pressekonferenzen berichten, konnte im Anschluss auch gelegentlich Kurz-Interviews führen, von den meisten PKs gab es Live-Streams, viele sind auch noch online abrufbar.

Dann verfügen alle neun ARD-Anstalten und das ZDF über Pressestellen, die meines Erachtens alles andere als unterbesetzt sind, in der Regel antworten diese auch relativ zeitnah auf E-Mails oder rufen sogar zurück. Nicht immer ist man dann schlauer als vorher, aber einmal half mir zum Beispiel die ARD-Pressestelle, eine Aussage von Programmchef Volker Herres (Das Erste übertrage „regelmäßig Rock- und Pop-Konzerte“) mit sehr konkreten Daten zu untermauern bzw. zu widerlegen.

Und der frühere ARD-Pressechef Markus Huber hat mir gegenüber Interview-Absagen oder das Abblocken von Fragen auf Pressekonferenzen immer sehr freundlich und mit einem Lächeln formuliert, egal wie viel Verärgerung ich meinerseits gezeigt habe. Ich selbst beherrsche diesen freundlichen Ton leider nicht immer, artikuliere mich hier und da etwas schroff – und gelobe in diesem Punkt Besserung.

… und was besser laufen könnte

Aber es könnte eben vieles viel besser gemacht werden.

Man könnte ein größeres Spektrum von Medienvertreter*innen einladen, mehr Raum für Fragen geben, anstatt sie abzuwürgen. Eine anderthalbstündige PK einzuberufen und dann lediglich neun Fragen zuzulassen, ist wenig effizient und gegenüber Journalist*innen, die aus weiter Entfernung anreisen, nicht gerade charmant.

Sparen oder zumindest verkürzen könnte man dafür den Selbstlobhudelei-Part zu Beginn, der oft die Hälfte der Konferenzdauer einnimmt. Im Gegenzug könnten wir Journalist*innen übrigens auf das Buffet verzichten (ich persönlich hab das eh nie angerührt).

Die Sender sollten meiner Meinung nach auch dem Beitragszahler anbieten, sich die Pressekonferenzen live anzuschauen, die Infrastruktur dafür ist schließlich vorhanden.

Auch sollte sich der ZDF-Intendant nicht wegducken mit einem Pressegespräch pro Jahr, das obendrein nirgends dokumentiert wird, schon gar nicht in Zeiten, in denen in der Öffentlichkeit immer lauter über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk diskutiert wird.

Und, liebe ARD, bitte erfindet keine komischen Begründungen mehr, wenn ihr in euren hochmodernen Sendehäusern keinen Live-Stream für Pressevertreter*innen anbieten wollt. Danke!


Meine Frage an Christine Strobl, die Volker Herres nicht auf seinem Tablet entdecken konnte, war übrigens, ob das Gehalt der Programmdirektorin von Das Erste zukünftig transparent gemacht würde.

Ich habe sie der Pressestelle von Das Erste im Anschluss per Mail gestellt und sie wurde postwendend beantwortet:

Sehr geehrter Herr Buhre,

Frau Strobl möchte sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht dazu äußern.

Mit freundlichem Gruß

Ein Kommentar

  1. Für ÖR steuartige Beiträge abdrücken zu müssen, das können die meisten gerade noch ertragen. Wie sie eben Steuern ertragen. Aber für die ungefilterte Arroganz der ÖR zahlen zu müssen, die sie nur haben können, weil sie nichts erwirtschaften müssen und also keinem Konkurrenzdruck ausgesetzt sind, d a s ist das Ärgernis. Und natürlich die Doppelstandards: Dass man seelenruhig eben das macht, wofür man jedes Ministerium an die Wand nageln würde. Aber man ist ja systemgrundrelevant wie die Luft zum Atmen.

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