Bayer giftet gegen Politmagazine der ARD

Am heutigen Donnerstagabend widmet sich das ARD-Magazin „Monitor“ wieder einmal der Agrarchemie. Es soll um „hochgiftige Pestizide“ gehen, die in Europa verboten seien, aber von den Konzernen „in die Welt exportiert“ würden. „Wie groß das Ausmaß dieser Exporte ist, zeigen nun Recherchen zweier NGOs“, kündigt „Monitor“ seinen Beitrag an.

Ausschnitte aus den ARD-Politmagazinen Monitor und Plusminus
Screenshots: „Monitor“ (WDR), „Plusminus“ (SR)

Christian Maertin wird sich den Beitrag angucken. Es ist nicht davon auszugehen, dass er ihm gefallen wird. Er dürfte viel mehr weiteren Stoff für seine These bieten, dass die großen Politmagazine im Fernsehen, NGOs nicht genug hinterfragen, sondern – ganz im Gegenteil – mit diesen Gruppen kooperien würden.

„Viele Magazin-Journalisten kennen offenbar nur ein Bild der Wirtschaft: gierig bis korrupt, nur auf den eigenen Vorteil aus – und zwar um jeden Preis. In den vergangenen Jahren ganz besonders schlimm: Unternehmen der Chemie-Industrie. Noch viel schlimmer: die der Agrarchemie.“

Christian Maertin ist der Leiter der Unternehmenskommunikation von Bayer, dem seit der Übernahme von Monsanto größten Agrarchemiekonzern der Welt. Und er fühlt sich ungerecht behandelt von den Politmagazinen der Öffentlich-Rechtlichen: von „Monitor“, von „Plusminus“, von diesen Magazin-Journalisten.

Bayer-Sprecher Christian Maertin
Christian Maertin

Darum hat er bei LinkedIn einen Beitrag veröffentlicht, aus dem auch das Zitat oben stammt. Es liest sich wie eine Mischung aus Frustabbau, Sarkasmus und Verteidigung. Seine Vorwürfe: Die Nachrichtenmagazine stehen auf der Seite von NGOs, übernehmen unkritisch deren Recherchen und O-Töne – und haben kein ehrliches Interesse an den Entgegnungen von Bayer.

„Wenn man uns nach traditioneller journalistischer Manier kritisch hinterfragt, dies bei anderen Akteuren und Positionen aber nicht oder kaum tut, dann habe ich damit ein Problem“, sagt Maertin im Telefonat mit Übermedien.

Die naheliegendsten Fragen würden nicht gestellt

Als vor Kurzem das Umweltinstitut eine Studie zur Verbreitung von Pestiziden über die Luft auf weit entfernte Äcker und Landschaften veröffentlichte und das MDR-Magazin „Fakt“ mit einem vorbereiteten Beitrag am Tag des Erscheinens der Studie über das Thema berichtete, sah Maertin sich wieder einmal bestätigt: Hier die guten NGOs, dort die bösen Konzerne, alles vorab geschrieben, keine Äquidistanz zu allen Seiten. „Redaktionen arbeiten über Wochen mit dem Verein zusammen, stellen aber nicht mal die naheliegendste aller Fragen“, ärgert er sich, „nämlich die, welche Mengen an Pestiziden das Umweltinstitut München überhaupt gefunden hat.“

Also stellte Maertin die Frage selbst und veröffentlichte einen Beitrag auf der Bayer-Seite, verfasst von Peter Müller, dem Geschäftsführer Crop Sciene bei Bayer in Deutschland. Sein Ergebnis: Alle gefundenen Pestizidmengen lägen weit unter den Grenzwerten.

Warum Journalist*innen diese Frage nicht gestellt haben? Folgt man Maertin, dann liegt das daran, dass sie sich mit den Pestizidgegnern gemein machten.

„Es ist bei den Investigativmagazinen immer das gleiche Muster“, sagt Maertin: „Die Geschichte wird in der Redaktion besprochen, vielleicht schon angeregt durch Aktivisten, dann wird eine Linie festgelegt und der ganze Beitrag abgedreht. Wir kriegen dann kurz vor Redaktionsschluss noch einen umfangreichen Fragenkatalog vorgelegt, die Antworten darauf werden aber im redaktionellen Beitrag nur mit einem Halbsatz gewürdigt.“

Die Magazine wehren sich

Georg Restle von „Monitor“ sieht das anders. Er ist Moderator und Chef des WDR-Politmagazins und eines der bekanntesten Gesichter der TV-Investigativmagazine. Jede Recherche sei ergebnisoffen, sagt Restle. Jedes Gespräch mit Bayer diene dem Erkenntnisgewinn und einer Überprüfung der Recherchen. Die Story sei bis zur Klärung der letzten Fakten offen. Und: „Wir sind genauso wenig ein Sprachrohr von NGOs wie wir ein Sprachrohr von Unternehmen oder sonst jemandem sind.“

Georg Restle
Georg Restle, „Monitor“-Redaktionsleiter und -Moderator Foto: Herby Sachs/WDR

Natürlich gebe es in den NGOs Leute, die recherchierten und seine Redaktion auf Themen hinwiesen. „Und wenn es Organisationen vor Ort gibt, die Gesundheitsschäden nachweisen, nutzen wir die als Quelle“, sagt er. „Aber wir prüfen das natürlich sehr genau.“

Doch eben an dieser kritischen Prüfung hat Maertin – zurückhaltend formuliert – Zweifel. Maertin war mal beim „Focus“, beim Verlag Gruner+Jahr, beim „Handelsblatt“, bei der „Wirtschaftswoche“. Das ist alles schon etwas her. 2002 ging er zum Finanzdienstleister MLP. Seit 2016 ist er Head of Corporate Communications bei Bayer. Er verstehe sich aber bis heute als „Dienstleister für den Journalismus“, sagt er. Und darum gehe es ihm: um den Journalismus.

„In meiner Brust schlagen zwei Herzen: Einerseits bin ich ein leidenschaftlicher Anhänger von gutem, kritischem, unabhängigem Journalismus, andererseits ist es mein tägliches Erleben, dass viele Redaktionen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen sehr unterschiedlich hinterfragen.“

„‚Monitor‘ kooperiert ja regelrecht mit verschiedenen NGOs“, sagt Maertin.

Lange Briefe, aber keine Antworten auf die Fragen

Laut Restle ist das Gegenteil der Fall. Wenn eine NGO sich mit einem Thema an die Redaktion wende, „löst das bei uns in den Konferenzen häufig besonders kritische Reflexe aus“:

„Wir übernehmen doch keine Vorwürfe von NGOs eins zu eins. Wir haben nicht die Kapazitäten überall dort vor Ort zu sein, wo die sind, oder jede Studie auch selbst durchzuführen, aber wir haben die Kapazitäten, all das kritisch zu hinterfragen und zu überprüfen.“

Als „Monitor“ im Frühjahr Bayer Fragen zum Verkauf und Einsatz von – in Europa teilweise nicht zugelassenen – Pestiziden in ärmeren Ländern stellte, antwortete Maertins Abteilung mit einer „detaillierten, rund sechs Seiten umfassenden Stellungnahme“, so steht es in Maertins LinkedIn-Beitrag:

„Sie wollen wissen, wieviel Monitor daraus zitiert hat? Einen halben Satz. Keinen Ganzen. Einen Halben.“

Für Maertin ist das nicht nur ein Beleg für die Voreingenommenheit bei der Recherche, denn die Antworten scheinen ja nicht wirklich zu interessieren, sondern auch dafür, dass diese Anfragen von „Monitor“ nur noch pro forma gestellt würden, um sich juristisch abzusichern.

„Das ist Quatsch“, sagt Restle. Er gibt zu, dass seine Redaktion von Bayer sehr ausführliche Antworten bekomme, „meistens aber nicht auf unsere Fragen“. Bei dem Pestizid-Beitrag sei ebenjener zitierte Satz die „Kernantwort“ gewesen, so Restle.

Kein Interview vor der Kamera

Ähnliches Spiel im Spätsommer: Eine Anfrage der „Plusminus“-Redaktion vom Saarländischen Rundfunk (SR) zum Thema Saatgut, wieder eine lange Antwort, wieder wenig davon im Beitrag. „Sieben Minuten-Beitrag, fünf Interviews mit Kritikern, kurz vor dem Abspann noch zwei kurze Sätze von Bayer“, schreibt Maertin.

Wolfgang Wirtz-Nentwig – beim SR der Programmgruppenleiter Wirtschaft, Soziales, Umwelt – hält dagegen:

„Im Zentrum stand nicht die Bayer AG, sondern die Situation der privaten Hobbyzüchter und der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland und den Entwicklungsländern. Wir haben die wachsende Kritik aufgegriffen, dass Saatgut vom Allgemeinbesitz immer stärker zu einem monopol- bzw. oligopolartig vermarkteten Wirtschaftsgut wird. Dazu hatten wir mehrere Gesprächspartner+innen aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen im Film.“

Und Wirtz-Nentwig verweist darauf, dass Bayers Antwort komplett im Internet veröffentlicht wurde (was laut Maertin aber nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“ ist), und dass Bayer auch ein Interview vor der Kamera angeboten worden sei, „was aber von einem Kollegen von Herrn Maertin am Telefon nicht aufgegriffen wurde“.

Warum nicht? „Unternehmensthemen sind häufig sehr komplex“, sagt Maertin, „das können Sie nicht in ein 15-sekündiges Statement packen.“ Und zudem habe er das Gefühl, „dass viele Redaktionen es sich ohnehin zurechtschneiden, wie es in ihre Geschichte passt“.

Abmahnung von Bayer

Bayers Umgang mit Medien ist allerdings auch wenig zimperlich. Die taz persiflierte vor gut zwei Jahren eine Werbeanzeige auf ihrer Titelseite mit der Zeile: „Das Krebs-Rundumpaket“. Zu sehen: Bayers Glyphosat-haltiges Pestizid „Roundup“ hier, Bayers Krebs-Medikament „Aliqopa“ dort – und auf der einen Seite „Super: macht Krebs“, auf der anderen „Super: heilt Krebs“.

Bayer mahnte die taz damals ab. Die Zeitung sollte das „Super: macht Krebs“ nicht mehr behaupten dürfen, was zur Folge gehabt hätte, dass die Titelseite nicht mehr hätte verbreitet werden dürfen.

Die taz konterte mit einer so genannten Negativen Feststellungsklage. Ein Gericht hätte feststellen sollen, dass die taz die Titelseite explizit weiter verbreiten und Bayer ihnen das nicht verbieten dürfte. Bayer gab klein bei, verzichtete auf einen Prozess und bestätigte dem Anwalt der taz gar „gerichtlich nicht gegen die von Ihrer Mandantin als Satire eingeordnete Berichterstattung auf dem Titelblatt der taz vom 24. 10. 2018 vorzugehen“, wie die Zeitung berichtete.

Bayers Abmahnung blieb so eine Drohgebärde.

„Aggressive Pressearbeit“

Dass Bayer eher Angriff denn Abwehr spielt, wenn es mit Journalist*innen zu tun hat, bestätigt auch Restle. „Bayer ist ein gutes Beispiel für eine offensive, wenn nicht gar aggressive Pressearbeit von deutschen Unternehmen“, sagt er. Bei Veranstaltungen, die sich „Hintergrundgespräche“ nennen, würde man dann als Redaktion schlecht gemacht. Für ihn ist die Kritik deswegen in erster Linie „gespielte Empörung“.

Bayer wolle halt, dass seine Botschaften eins zu eins unters Volk gebracht würden. „Das ist sein Job“, sagt Restle über Maertin. Aber dafür stünde man nicht zur Verfügung. „Die DNA von ‚Monitor‘ ist die, dass wir den Mächtigen auf die Finger schauen – aus der Politik und aus der Wirtschaft. Das müssen beide Seiten aushalten.“

Maertins Beitrag bei LinkedIn hat dort viel Zustimmung erhalten. Presseverantwortliche von allen möglichen Unternehmen likten ihn. Mehr als 150 gereckte Daumen sammelte er, 14 Personen applaudierten dem Text. Bei dem Karrierenetzwerk, wo man mit Klarnamen und unter Nennung des Arbeitgebers agiert, ist das recht viel.

Für Maertin zeigt das, dass auch die PR mehr Haltung einnehmen müsste.

Für Georg Restle zeigt das, dass bei zu vielen ein falsches Verständnis von Ausgewogenheit herrsche:

„Ausgewogenheit heißt nicht, dass wir Dinge, die wir als Unsinn recherchiert haben, genauso groß darstellen wie das, was wir als richtig recherchiert haben.“

19 Kommentare

  1. “ Es soll um „hochgiftige Pestizide“ gehen, die in Europa verboten seien, aber von den Konzernen „in die Welt exportiert“ würden. “

    Mit anderen Worten also: um etwas völlig Legales.

  2. @Galaktika:
    Helfen Sie mir mal: Wenn etwas legal ist, dann ist es deshalb gut und man sollte nicht mehr kritisch darüber berichten?
    Ich lese nirgendwo die Behauptung, es sei illegal, was Beyer da tut. Sind legale Waffenlieferungen bspw. genauso sakrosankt?

  3. Ich kann die Kritik an tendenziöser und einseitiger Berichterstattung gut verstehen. Gerade der Agrarsektor steht medial doch sehr im negativen Licht, sodass Landwirte auch von Bauernbashing reden. Die positiven Berichte zur Landwirtschaft (wie die Doku Abenteuer Ernte) sind dann meist auch einseitig und blenden Kritik aus.

    Aber muss Journalismus stets alle Seiten beleuchten? Kann nicht ein Beitrag die eine Seite zeigen und ein anderer die andere? Muss immer alles vorgekaut und eingeordnet werden – am besten alles zugleich?

    Darf ich bei der positiven Doku nicht auch selbst erkennen, wie ausbeuterisch der Umgang mit den Erntehelfern ist? Wenn eine Bauer beklagt, dass dank Corona die billigen Erntehelfer ausbleiben, muss der Beitrag diesen Aspekt aufgreifen und explizit sagen, dass da Ausbeutung stattfindet?

    Ich kenne viele, die sich durch das Weglassen einer solchen Einordnung auf den Schlips getreten fühlen und eine Agenda wittern. Traut keiner mehr anderen Zuschauern zu, das ebenso kritisch zu sehen wie man selbst? Stecken da vielleicht Hochmut und Ressentiments gegenüber einer angeblich dummen Mehrheit hinter (zum Beispiel: Netflix-Schafe).

    Offenbar gibt es verschiedene Erwartungen, was Journalistmus zu leisten hat. Es gibt da viele Forderungen, die sich schlecht zusammenbringen lassen. An der einen Speerspize steht die oft geforderte Objektivität und an der anderen mehr Haltung.

  4. Ich beobachte die Kommunikation von Hr. Maertin schon länger, besonders auf Twitter. Als 1. PR-Mensch, 2. im Dienst eines Großkonzerns und 3. auch noch mit Vergangenheit bei MLP genießt er bei mir ganz sicher keinerlei Vertrauensvorschuss. Inhaltlich kann ich seine Kritik gegen Fernsehmagazine, die skandalisierenden NGOs und unseriösen Quellen wie „Testbiotech“ immer wieder viel Raum bieten, aber absolut nachvollziehen.

    Hr. Kruse (der das Sprachbild „Bayer giftet“ wohl kaum unbedacht in die Überschrift gepackt haben wird) vermag mich mit diesem Artikel auch nicht umzustimmen. Was an Maertins Einwänden dran ist, lässt sich stets am Endprodukt von Monitor & Co. ablesen. Dagegen hält Restle nur „nein nein, wir prüfen das alles immer sehr genau und arbeiten total ergebnisoffen“. Nicht überzeugend, sorry.

    Vorwerfen lassen muss sich Bayer in diesem Fall aus meiner Sicht in der Tat, das Angebot eines Interviews vor der Kamera nicht angenommen zu haben. Dass das gekürzt und aus dem Zusammenhang gerissen werden könnte, ist zwar richtig (und auch diese Befürchtung durchaus naheliegend) – aber das gilt für schriftliche Stellungnahmen genauso, die Maertin hingegen gerne liefert.

    Schwach finde ich umgekehrt den Verweis auf die taz-Geschichte. Dass sich Bayer gegen die – wissenschaftlich nicht haltbare! – Unterstellung wehrt, Glyphosat würde Krebs verursachen, und Bayer würde daher obendrein bewusst doppelt verdienen am Krebsverursachen und Krebsbehandeln (Brunnenvergifter-Assoziation, anyone?), ist absolut gerechtfertigt.

  5. „Das ist sein Job“ – Exakt.

    „Unternehmensthemen sind häufig sehr komplex“
    Meh. Ein PR-Mensch hat u. A. die Aufgabe, die Komplexität in einfach nachzuvollziehende Aussagen herunterzubrechen.
    Eine Frechheit, mit 16 Seiten zu antworten und dann dem Journalisten vorzuwerfen, er würde nur einen Halbsatz zitieren, wenn doch die 16 Seiten nur rumgeeiere um den einen Halbsatz sind.

    Säbelrasseln gehört zum Geschäft.

  6. (von #3): „Ich kann die Kritik an tendenziöser und einseitiger Berichterstattung gut verstehen. Gerade der Agrarsektor steht medial doch sehr im negativen Licht, sodass Landwirte auch von Bauernbashing reden.“
    Betrifft das denn nur den Agrarsektor? Wird nicht vielmehr immer und überall deutlich mehr über negative Aspekte als über positive Aspekte berichtet? Letztendlich liegt das in der Natur der Sache: Keine Meldung ist keine Meldung, und dass etwas so läuft, wie es soll, ist eben keine Meldung.

    Nehmen wir den Einzelhandel: Es gibt viele tausend Einzelhändler mit hunderttausenden Beschäftigten. Die meisten davon machen ihre Arbeit gut, bezahlen ihre Angestellen ordentlich, halten Hygienregeln ein usw. Berichtet wird aber ganz überwiegend über Skandale: das Ausspionieren von Mitarbeitern, umdeklarierte Lebensmittel oder Verstöße gegen Arbeitszeitgesetze machen einen wesentlichen Teil der Berichterstattung aus. Berichte wie „Apothekerin XY hat heute ihre Kunden wieder gut beraten“ oder „Supermarkt YZ hat sich in den letzten Monaten an alle Regeln zur Lagerung von Lebensmitteln gehalten“ sind halt nichts, wofür jemand bezahlen will.

  7. Ich fürchte, ich habe da auch mal ausnahmsweise eher die Position der Gegenseite und Verständnis für Bayer. Die Politmagazine haben schon eine Tendenz zur Skandalisierung.
    Aus meinem Metier, wo ich mich sehr gut auskenne, könnte ich die InterestRateSwaps anführen, die manche Kämmerer genutzt haben. Die wurden denen als üble Zockerei ausgelegt. Dabei war es in den Jahren 2003-2006 und dann wieder ab 2010 durchaus eine sinnvolle Sache, sich die langfristigen Zinsen auf lange Zeit zu sichern gegen Aufpreis. (das ist ja in etwa das, was ein Häuslebauer mit einem Hypothekenkredit auch tut)
    2010 wusste ja niemand, dass die Leitzinsen noch weiter runter krachen würde. Dass eine an sich vorsichtige Maßnahme („Eine Stadt sichert sichert sich relativ niedrige Zinsen für eine lange Zeit und spekuliert nicht darauf, dass diese weiter so niedrig bleiben.“) dann als Zockerei ausgelegt wird, war nicht redlich und diese Sichtweise wurde auch nicht beleuchtet. Dass die Zinsen dann fielen und die Städte ihre Kredite ab 2013 quasi zu Nulltarifzinsen hätten haben können, konnte man damals einfach noch nicht wissen. Die Behauptung, dass hier „Steuergelder“ dann verzockt wurden, verdrehte aus meiner Sicht das Bild.
    Ich verlinke hier mal als Beispiel einen Artikel von der FR. Die Politmagazine hatten das damals aber ähnlich und sogar schärfer aufgegriffen. Aus meiner Sicht wurden da keine „Milliarden versenkt“ (und das wird man ohnehin erst nach den 40 Jahren wissen, denn wer weiß, ob die Zinsen nicht doch noch stark steigen werden in den nächsten 20 Jahren)
    https://www.fr.de/wirtschaft/milliarden-versenkt-13508318.html
    Davon sauber zu trennen wären die Fälle gewesen, wo die verkaufenden Banken die Kämmerer über den Tisch gezogen haben mit absurden Nebenklauseln auf ausländische Währungen, z.B. Schweizer Franken oder Japanische Yen. Diese Vorgänge standen zurecht im kritischen Fokus und es wurden ja sogar entsprechende Urteile gefällt.

  8. Herr Restle sollte sich mal fragen, warum die Anfragen seiner Redaktion bei vielen Unternehmen mittlerweile die Reaktion auslösen „Schotten dicht und Anwalt anrufen.”
    Sind das alles Bösewichte, die nahe an der organisierten Kriminalität operieren, wie seine Berichte immer wieder nahelegen?

  9. @3″Dass sich Bayer gegen die – wissenschaftlich nicht haltbare! – Unterstellung wehrt, Glyphosat würde Krebs verursachen“

    Ist durchaus wissenschaftlich haltbar, siehe https://www.greenfacts.org/de/glyphosat-krebs/index.htm#1 (und insbesondere die Quellen dort). Nur gibt es unterschiedliche Meinungen dazu: ESFA sagt, die Rezeptur macht es erst „giftig“ und die normale empfohlene Anwendung wäre ungefährdend. Die IARC kommt zum Schluss, dass zumindest bei Testtieren auch das reine Glyphosphat zu Genschäden führte.

    @8

    Wohl so gut wie jede große Firma arbeitet an manchen Stellen am Rande der Legalität/des öffentlich Akzeptablen. Dies kann auch nur ein kleiner Teil des Unternehmens sein. Der Fokus des Monitors liegt aber genau auf diesen Ungereimtheiten und nicht auf dem gut laufenden Teil des Geschäfts, an dem nichts auszusetzen wäre.

  10. @10: Er sollte sich fragen, ob er es gut findet, dass die Redaktionen der öffentlich-rechtlichen TV-Magazine von vielen Kommunikatoren in Unternehmen inzwischen als ausgelagerte Pressestellen von NGOs gesehen werden.
    Das gilt eben nicht nur für Bayer, sondern auch für Mittelständler, die weder Agrochemie noch sonstige kritische Produkte herstellen.

  11. @11: Für wen gilt das denn konkret? Der PR-Agentur Ecco scheint da mehr Infos zu haben, als die breite Öffentlichkeit.

    Wäre ich Journalist, wäre es für mich eine krasse Bestätigung, wenn die PR-Abteilungen von Unternehmen Angst vor meiner Recherche haben. Dünnhäutig werden die nämlich nur, wenn es anfängt wehzutun.

  12. @12: Das sind Erfahrungen aus jahrelanger Praxis. Angst vor Recherche haben gute PR-Abteilungen in den seltensten Fällen. Auch wenn in einem Unternehmen mal was schiefläuft, ist eine saubere Stellungnahme möglich und angesagt. Wenn man aber die Erfahrung macht, dass das Ergebnis der Recherche schon feststeht, bevor die Fragen gestellt werden, reagieren Kommunikativen mit Recht dünnhäutig.
    Schon während meines Volontariats gab es den Spruch: „Durch Recherche kann man sich die schönste Geschichte kaputtmachen.” Der ist nach wie vor aktuell.

  13. @13: Meinen Sie nicht, dass die Behauptung „Das Ergebnis steht vor der Recherche schon fest“ nicht evtl. auch nur eine PR-Spielart des jeweiligen Unternehmens ist?
    Man muss die inhaltliche Debatte ja nicht gewinnen, es reicht, wenn der Gegenüber verliert. (Thank you for Smoking)
    Das ist natürlich am einfachsten, wenn man gar nicht erst über die recherchierten Inhalte redet, sondern auf der Recherche-Metaebene bleibt, so wie Maertin es in diesem Interview perfekt durchexerziert.

    „Bayer wolle halt, dass seine Botschaften eins zu eins unters Volk gebracht würden. „Das ist sein Job“, sagt Restle über Maertin.“
    Das gilt auch nicht nur für Monitor-Recherchen, sondern auch für übermedien-Interviews.

    (Ich mache mal noch einen Disclaimer: Ich halte viele Monitor / Panorama etc, Beiträge auch für tendenziös. Aber jetzt dem Bayer-Kommunikationschef deshalb einen Persilschein zum Rumnölen auszustellen … nein.)

  14. Die Kritik an den Magazinen mag ja durchaus gerechtfertig sein und alles, aber…

    „…gierig bis korrupt, nur auf den eigenen Vorteil aus – und zwar um jeden Preis“

    Ist das nicht per se die Definition eines Unternehmens? Man zeige mir ein gewinnorientiertes Unternehmen wo das nicht genau so läuft…

  15. @9 Chris
    „Ist durchaus wissenschaftlich haltbar“

    Ich habe grade eine lange Antwort hierauf gelöscht, weil eine detaillierte Diskussion über Glyphosat hier letztlich fehl am Platz ist und den Rahmen sprengt – ich hab das schon ein paarmal versucht und es wird erfahrungsgemäß uferlos.

    Also bleiben wir mal näher am Ausgangsthema: Basierend auf dem, was in deinem Link steht (der ja immerhin recht differenziert ist), findest du, Bayer hätte sich das hier gefallen lassen müssen:

    „eine Werbeanzeige auf ihrer Titelseite mit der Zeile: „Das Krebs-Rundumpaket“. Zu sehen: Bayers Glyphosat-haltiges Pestizid „Roundup“ hier, Bayers Krebs-Medikament „Aliqopa“ dort – und auf der einen Seite „Super: macht Krebs“, auf der anderen „Super: heilt Krebs“.“

  16. @5 AndererMax
    „Ein PR-Mensch hat u. A. die Aufgabe, die Komplexität in einfach nachzuvollziehende Aussagen herunterzubrechen.
    Eine Frechheit, mit 16 Seiten zu antworten und dann dem Journalisten vorzuwerfen, er würde nur einen Halbsatz zitieren, wenn doch die 16 Seiten nur rumgeeiere um den einen Halbsatz sind.“

    Auch wenn Letzteres zunächst mal eine Behauptung/Unterstellung ist, würde ich dem Grundgedanken hier zustimmen (habe ja bereits angedeutet, dass ich wenig Sympathien für PR-Geschwurbel hege).
    Interessant ist, dass Christian Maertin brandaktuell (grade heute auf Twitter verlinkt) nun einen Strategiewechsel hin zu prägnanteren Kurzaussagen vollzieht:
    https://www.pressesprecher.com/nachrichten/kein-interesse-der-gegenthese-1571386776
    Zitat: „Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben mich gelehrt: Es macht in solchen Fällen keinen Sinn, tagelangen Aufwand in die Beantwortung umfangreicher Fragenkataloge zu investieren, wenn wir am Ende sowieso nur mit einem oder zwei Sätzen zitiert werden. Unser Prinzip heißt daher: Eine Antwort gibt es immer – immer häufiger allerdings kurz zusammengefasst in wenigen Sätzen, mit denen wir gerne zitiert werden wollen.“

    zu @12:
    „Wäre ich Journalist, wäre es für mich eine krasse Bestätigung, wenn die PR-Abteilungen von Unternehmen Angst vor meiner Recherche haben.“

    Dem kann ich hingegen nun gar nicht zustimmen (zumal ich nicht denke, dass „Angst“ die treffende Umschreibung ist). Ich zumindest finde unlauteres Verhalten auch dann nicht gut oder löblich, wenn es vermeintlich „die richtigen trifft“.

  17. Sorry, es geht ein wenig vom Thema weg, aber es juckt mich doch zu sehr, auf Peter Sievert (#7) zu antworten – nicht zuletzt, weil ich auch immer mal zu diesem Thema geschrieben habe. Den Kommunen wurde damals nicht grundlos Zockerei unterstellt. Wenn sie sich so verhalten hätte, wie Sie es beschrieben haben (2003 bis 2006, ab 2010, nur Euro), hätte es ja gereicht.

    Verstanden habe ich nicht, warum so viele blickige Kämmerer dabei auch Verträge unterschrieben haben mit „absurden Nebenklauseln auf ausländische Währungen, z.B. Schweizer Franken oder Japanische Yen“. Ich persönlich habe solche Verträge nie unterschrieben. Ich spekuliere auch privat nicht auf Währungen. Warum Kämmerer dies taten – Risikoaufklärung hin oder her – blieb mir immer ein Rätsel. Vielleicht, weil es nicht ihr Geld war?

  18. @17: Hatte ihre Antwort ganz übersehen… Das „unlautere Verhalten“ unterstellen Sie jetzt wiederum – bzw. übernehmen da das Bayer-Narrativ.
    Für mich gehört das wie gesagt zum Säbelrasseln, wenn ein Unternehmen mit X Millionen Marketingbudget über „unfaire Verkürzungen“ seitens eines Journalisten spricht.
    Vielleicht noch ganz kurze Ergänzung: Ein Journalist beschäftigt sich mit zig Unternehmen / Themen die Woche, während ein PR sich nur um seinen Kosmos kümmern muss. Dass da Antworten auch mal länger ausfallen können, da habe ich durchaus Verständnis für – Aber halt nicht für das Wehklagen über Verkürzungen. Wie soll man 16 Seiten Antwort in einen 8-Minuten Monitor-Beitrag packen? Da muss der PR Mann auch Verständnis für haben, finde ich.
    Danke für das Posten des Statements von Herrn Maertin!

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