Die Berichterstattung über behinderte Menschen braucht Perspektivwechsel

Es geht hart los: In der Einstiegsszene des Deutschlandfunk-Features „Pflege lebenslänglich – Über die Liebe zu einem behinderten Kind“ beschreiben Mütter, dass sie schon über einen erweiterten Suizid mit ihrem behinderten Kind nachgedacht hätten.

Ein Kind mit Behinderung ist eine Lebensbelastung, die nicht aufhört – diese Botschaft blieb bei mir, einer jungen Frau mit Behinderung, hängen.

Drei Mütter erzählen über ihren Alltag mit der Pflege ihrer erwachsenen behinderten Kindern, ihre Überlastung, Leben am Burnout, finanziellen Problemen und den Kampf mit den Ämtern. Sämtliche medizinischen Details der erwachsenen behinderten Kinder und der Diagnosesuche werden preisgegeben.

Das Problem ist das behinderte Kind?

Für manche Aktivist*innen, Journalist*innen mit Behinderung und auch pflegende Eltern sagte der Beitrag vor allem eines aus: Das behinderte Kind ist das Problem. Am besten wäre es, erst gar kein behindertes Kind zu bekommen.

Insbesondere die Einstiegsszene lässt Ängste über die Behinderten- und Krankenmorde in der deutschen Geschichte hochkommen.

Diese Ängste sind nicht unbegründet. Während der Corona-Pandemie wird offen diskutiert, ob im Fall eines Notstands im Krankenhaus Menschen mit Behinderung durch die Triage schlechter gestellt werden dürften als nichtbehinderte Menschen. Die AfD findet, dass Inklusion in der Schule nicht stattfinden soll. Das bedeutet, dass behinderte Kinder, wie einst ich, nicht gemeinsam mit anderen Kindern in Regelschulen unterrichtet werden sollen.

Die Rechte von behinderten Menschen werden real bedroht.

Viele Probleme, keine Lösungen

Auf der anderen Seite freuten sich einige pflegende Eltern über das Feature und die Aufmerksamkeit für ihre nicht immer einfache Lebenssituation; dass auf ihre Überlastung und ihren Kampf mit Behörden und für ihre Rechte geschaut wurde. Es entstand eine Diskussion unter pflegenden Eltern, bei der allerdings die Frage offen blieb, ob in dem Beitrag nicht eine große Chance vertan wurde, da Lösungswege gegen die Erschöpfung von pflegenden Eltern kaum gezeigt wurden, sondern vor allem die Probleme.

Dennoch finde ich – auch nach mehrmaligem Hören –, dass das Feature problematisch bleibt und auf zwei noch viel größere Probleme in der Medienbranche hinweist: das Fehlen von Journalist*innen mit Behinderung in den Redaktionen und den weit verbeiteten Ableismus.

Ableismus bezeichnet die Wahrnehmungs- und Erwartungshaltung von nichtbehinderten Menschen gegenüber der Lebenswelt behinderter Menschen. Diese Erwartungen und Wahrnehmungen werden geformt durch fehlende oder subjektive Erfahrungen, Unwissenheit und Falschinformationen, wie sie auch durch diesen Beitrag entstehen können. Die Perspektive entscheidet, welche Protagonist*innen ausgewählt und welche Fragen ihnen gestellt werden.

Ein Ausschnitt der Seite des Deutschlandfunk zum Feature: Pflege lebenslänglich
Screenshot: DLF

Zusätzlich entscheidet die Perspektive, welche Hintergrundmusik ich für einen Radiobeitrag wähle – in diesem Fall ist sie ganz dramatisch und traurig. Das Pressefoto von Pflegeutensilien auf der Website des DLF objektiviert die jungen Menschen mit Behinderung obendrein.

Stereotype der Mehrheitsgesellschaft

Die Botschaft des Beitrags bezieht sich ganz auf Stereotype der nichtbehinderten Mehrheitsgesellschaft. Das Leben der behinderten Kinder wird auf sehr intime medizinische Details reduziert. Vor allem wird beschrieben, was die jungen behinderten Menschen nicht können. Nur in einer Familie kommt die erwachsene Tochter mit Körperbehinderung, welche bei ihren Eltern wohnt, selbst zu Wort. Aber nur zu medizinischen Details wie Therapien gegen Schmerzen. Es werden nur Hobbies angesprochen, die sie nicht mehr machen kann. Über ihr Sozialleben und ihre Freund*innen erfahren die Hörer*innen nichts. Auch nicht, welchen beruflichen Weg die junge Frau mit ihrem Fachoberschulabschluss nehmen möchte.

Leider kein Einzelfall in der Berichterstattung über behinderte Menschen.

Dies empfindet auch Rebecca Maskos, Initiatorin der Debatte um das DLF-Feature und selbst Journalistin mit Behinderung, so:

„Das deckt sich mit dem gesellschaftlich dominanten Narrativ von Behinderung. Sie wird in den meisten medialen Erzählungen dargestellt als individuelles Schicksal, das man selbst bewältigen muss. Meistens fehlt die Perspektive des sozialen Modells von Behinderung, das Behinderung auch gesellschaftlich erklärt.“

Das soziale Modell von Behinderung sagt aus, dass die Gesellschaft behinderte Menschen daran hindert, gleichberechtigt am Alltag teilzuhaben.

Wie so häufig nur eine Perspektive

Ergibt sich die Problematik einiger Szenen auch durch die journalistische Form selbst? In einem Feature wird anhand von Szenen wie in einer Reportage und Fakten durch Expert*innen eine Geschichte erzählt. Der oder die Journalist*in wählt aus: Welche Perspektiven erzähle ich und welche nicht? Wie steige ich in das Feature ein? Welcher Schlusssatz bleibt als Gesamteindruck?

Völlig unkommentiert lässt die Eingangsszene den erweiterten Suizid mit einem behinderten Kind als Handlungsmöglichkeit offen. Kann man nicht einen weniger reißerischen Einstieg wählen?

Denn gleichzeitig bleibt unbeantwortet, wie die Mutter zu diesen Gedanken kam – sowohl damals als auch heute, wenn sie darüber spricht. Was hat sie motiviert, das zu erzählen? Die Lebenswelt von pflegenden Müttern, deren Überlastung und Behördenkämpfe existieren und fanden auch in den Twitter-Diskussion Zustimmung. Trotzdem bleiben alle beschriebenen drei Pflegesituationen Extremfälle. Subjektive Eindrücke von Familien, bei denen die Pflege des Kindes gut klappt, und Alternativen wie persönliche Assistenz fehlen als Perspektive komplett.

Der Autor hat sich für diese Perspektive entschieden. Und so bleiben im Beitrag wichtige Lebenswelten unbeachtet. Themen, die Journalist*innen mit Behinderung einbringen würden, fehlen. Das ist zum Beispiel die Frage, ob ein Leben mit persönlicher Assistenz nicht nur die Eltern entlasten würde, sondern vielmehr behinderten Erwachsenen die Möglichkeit gibt, aus dem Elternhaus auszuziehen. Doch der Betrachtungswechsel – weg vom Problem der Mutter, hin zur Chance für das erwachsene Kind – kommt nicht vor. Auf diese Weise schafft der journalistische Beitrag Ableismus, auch wenn die Lebenswelt von pflegenden Eltern sehr wichtig ist.

Zu wenige behinderte Menschen in Redaktionen

Das Feature ist ein Ausdruck dessen, dass zu wenige behinderte Menschen in deutschen Medienredaktionen arbeiten. Beim Deutschlandfunk haben nach Angaben des Senders 6,23 Prozent der Angestellten eine Behinderung – etwas mehr also als die gesetzliche 5-Prozent-Quote. Die Zahl sagt aber nicht aus, ob diese auch an der Medienproduktion beteiligt sind. Wieviele Beschäftige mit Behinderung in den Redaktionen des Deutschlandfunks arbeiten, wird nicht extra erfasst.

Laut Leidmedien, einem Medienprojekt des Sozialhelden e.V., welches die Darstellung von Behinderung in der Medienwelt verbessern möchte, gibt es generell keine Statistiken darüber, wie viele behinderte Menschen in deutschen Redaktionen arbeiten. Im Jahr 2018 gab Leidmedien in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Journalisten-Verband eine Broschüre über Journalist*innen mit Behinderung heraus und wies darauf hin, dass deutsche Medienhäuser immer mehr auf Diversität achten, dabei allerdings behinderte Menschen meistens ausgeschlossen werden.

Gäbe es mehr Journalst*innen mit Behinderung, würden sie aus ihrer Lebenswelt selbst berichten können und Kolleg*innen auf ihre Ableismen hinweisen und das problematische Framing in einigen Medienberichten über behinderte Menschen deutlich vermindern.

Und: Nichtbehinderte Journalist*innen sollten sich bei der Recherche über die Lebenswelt behinderter Menschen immer vor Augen halten, dass die eigene Lebenswelt nicht die ihrer Protagonist*innen sein muss – und dass aus dieser Ungleichheit nicht folgt, dass das Leben von behinderten Menschen deshalb ein defizitäres sein muss.

Nichtbehinderte müssen sich hinterfragen

Nichtbehinderte Journalist*innen müssen also anfangen, ihre eigene Realität zu hinterfragen, ob diese die „einzig Gute“ sei und lernen, was Ableismus bedeutet und welche Rolle ihre Einstellungen selbst hier einnehmen. Die Tweets der Social-Media-Aktion #AbleismTellsMe, wo auch das Feature erwähnt wurde, wären ein guter Anfang.

Außerdem muss es eine Förderung für die Ausbildung behinderter Menschen in Medienberufen geben und behinderte Journalist*innen müssen in ihrer Eigenperspektive ernst genommen werden.

Das taten der Deutschlandfunk und der Autor des Features leider nicht bei Rebeccas Maskos Tweet. Statt auf ihr Feedback einzugeben, erklärte der Deutschlandfunk der Journalistin wie ein Feature funktioniert und produzierte weitere sprachliche Ableismen über ein Leben mit Behinderung:

Auf weitere Kommentare ging der Deutschlandfunk nicht ein, der Autor meldete sich gar nicht zu den Tweets. Auf eine Presseanfrage zu dem kritisierten Feature antwortete ein Deutschlandfunk-Sprecher, dass die Reaktionen auf den Beitrag überwiegend positiv gewesen seien: „Gefreut haben wir uns über Spenden an die Betroffenen nach der Sendung.“

Was sicherlich gut gemeint ist, aber auch ein Problem des Features offenbart, das pflegende Eltern ja schon angesprochen und kritisiert hatten: Dass in dem DLF-Beitrag eben keine Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt werden.

Auf die Frage, warum nicht auch Vertreter*innen von Organisationen für persönliche Assistenz interviewt wurden, um mehr die Perspektive behinderter Menschen auf Pflege einzubringen, erklärte der Sprecher wie ein Feature funktioniert und teilte mit: „Wir haben den Fällen dieser Sendung zwar eine Expertin zur Seite gestellt, die viele der gestellten Fragen beantwortet, aber im Grunde stehen diese Einzelfälle für sich und bilden ab, was dem Autor bei seiner Recherche begegnet ist.“

Womit wir wieder bei der eigenen Lebenswelt nichtbehinderter Menschen wären, bei der Wahrnehmung von behinderten Menschen – und beim Ableismus.

Rebeccas Maskos sagt:

„Obwohl der Deutschlandfunk derzeit viel über Rassismus und Sexismus berichtet, fällt ihm das diskriminierende Potential dieses Features gar nicht erst auf – vielleicht weil die Redakteur*innen sich nicht vorstellen können oder wollen, dass sie auch behinderte Hörer*innen haben?“

4 Kommentare

  1. Der Artikel hat mir einiges klargemacht, vielen Dank dafür. Die große Schwester meines Vaters ist aufgrund einer Hirnhautentzündung seit ihrer Kindheit geistig behindert. Ich habe meine Gr0ßeltern immer dafür bewundert, mit welcher Hingabe sie sich meiner Tante gewidmet haben, immerhin stammten beide nicht nur aus der letzten Kriegsgeneration sondern zudem aus ehemals deutschen Siedlungsgebieten in Rumänien. Entsprechend schockiert war ich, als meine Mutter in Frage gestellt hat, ob das eigentlich gut für meine Tante sei. Inzwischen sind meine Großeltern tot und meine Tante im Heim und mir ist klargeworden, dass meine Tante womöglich eine Chance auf ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben gehabt haben könnte, wenn man sie mal gefragt hätte, anstatt nur meine Großeltern für ihre fraglos große Hingabe zu preisen.

  2. @Mathias

    Bei mir eine ähnliche Konstellation (Bruder meiner Mutter) mit ähnlichem Fazit: Beide meine Großeltern gaben praktisch ihr komplettes Leben hin für die Pflege – fast 50 Jahre lang. Auf der einen Seite steht die Bewunderung für ihre Hingabe. Auf der anderen: Mit mehr professioneller Betreuung und Förderung, hätte er vermutlich einige Fähigkeiten behalten (einzelne Wörter sprechen, Gehen), die er inzwischen längst verloren hat.
    Letztlich hat die Aufopferung allen dreien – Eltern und Kind – geschadet. Und meiner Mutter als fünftes Rad am Wagen in der „Aufopferungsgemeinschaft“. Bitter.
    Danke für das Teilen Ihrer persönlichen Geschichte.

  3. Mathias und Florian:
    D’accord, ich habe sehr ähnliche Erfahrungen mit einer geistig behinderten Tante (Schwester meiner Mutter), die ein Leben lang zu Hause wohnen blieb. Interessanterweise hat sie sich NACH dem Tod meiner Großmutter immens entwickelt und mit über 40 noch riesige Fortschritte gemacht. Ich denke oft: Meine Oma hat sich kaputt gemacht – und meiner Tante nicht geholfen. Tragisch!

  4. Im weitesten (wirklich sehr weiten) Sinne thematisch passend:

    @Stefan Niggemeier & Boris Rosenkranz

    Ich habe gelesen, dass Screenreader ein Pause machen, wenn Doppelpunkte anstelle von Gendersternchen verwendet werden. Das würde dann auch der Aussprache entsprechen, wie z.B. Anatol Stefanowitsch sie für die Gendersternchen empfiehlt. Wäre das dann nicht eine Überlegung wert, Doppelpunkte statt Gendersternchen zu verwenden?

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.