Herzblut

Als meine lokale Sparkasse vor etlichen Jahren damit begann, ihren ziemlich blutleer anmutenden Angestellten eine besondere Affinität zu „Herzblut“ zu unterstellen, habe ich erst einmal nachgeschlagen, ob damit nicht doch etwas Medizinisches gemeint sein könnte. Aber nein.

Es ist ja schlicht so, dass alles Blut das Herz passiert, sei es nun das arterielle oder das venöse; und auch für das zeitweise im Herzen befindliche Blut gibt es keinen Fachterminus. Vielmehr ist Herzblut ein ähnlich fantastisches Fluidum wie das sogleich als ironisch erkennbare Hirnschmalz. Nur, dass Herzblut nie ironisch verwendet wird. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: nie!

Irgendwas mit Engagement

Mein Problem mit dem Herzblut besteht nicht allein in der seit gut zehn Jahren ungehemmten Verwendung dieses Wortes, das besonders von provinziell situierten oder ebenso denkenden Werbeagenturen bevorzugt wird, die damit „irgendwas mit Engagement“ zum Ausdruck bringen möchten, sondern vor allem in den Wortfeldern, die es eröffnet, sowie in den Konnotationen, die mitschwingen. Ob gewollt oder ungewollt. Die Empirie ist hier unbestechlich.

Doch zunächst zu dem Problem des Stils, welches beim Herzblut ins Auge – oder sollte man sagen: ins Herz? – sticht. Man fragt sich überhaupt, wie ein solches Wort entstehen konnte. Der schroffe Gegensatz von sympathischem Vitalorgan und genau dem Körpersaft, der besser im Inneren bleiben sollte, stellt fast schon ein Oxymoron dar.

Bemerkenswerterweise sind es häufig furztrockene Bürokraten, die sich dem Herzbluten verschrieben haben: Martin Schulz wollte es 2016 gleich doppelt „Mit Herzblut und Leidenschaft” treiben (zu letzterer weiter unten) – zwei Floskeln in nur einer Überschrift dürften selbst hartgesottene SPD-Fans verstört haben; würde jedenfalls nicht wundern, wenn das zum Entgleisen des Schulz-Zugs beigetragen hätte.

Der Tiroler Fremdenverkehrsverband, vollends schmerzbefreit in seiner Sprache, vermarktet „Herzblut-Hotels“ – und man hofft, dass wenigstens die Laken sauber sind. Nahe an der Leichenfledderei bewegt sich indes ein Ratgeber zum „Erbschaftsfundraising“, also zum Einwerben von Erbschaften. Er trägt den Untertitel „Mit Herzblut und Fingerspitzengefühl“. Man ahnt: Wer nach „mit Herzblut“ googelt, darf sicher sein, nicht nur auf hohle Phrasen, sondern auch auf Sprachbilder zu stoßen, die einen erschaudern lassen. Doch es wird noch unappetitlicher.

Helmut Kohl „mit Herz“

Wo heute von Herzblut gesprochen wird, genügte in der Werbung und den Selbstbekenntnissen der Helmut-Kohl-Ära noch das schlichte „mit Herz“, wenn großes Engagement, besondere Hingabe oder auch irgendeine Form von Herzlichkeit zum Ausdruck gebracht werden musste. Auch das führte bereits damals zu absurden Personifizierungen wie der „Bäckerei mit Herz“ und dämlichen Claims wie „Ideen mit Herz“. Aber es klang doch noch einigermaßen freundlich, um nicht zu sagen: menschlich.

In den Nullerjahren dann – wohl nicht zufällig zeitgleich mit der Einführung von Hartz-IV – avancierte die „Leidenschaft“ zu einer Vorzugsvokabel, um ein besonders großes berufliches Engagement, eine starke Kundenorientierung oder sonstige Formen der Aufopferung auszudrücken. Damit wurde in der Sprache quasi die Passionszeit eingeläutet: Es begann die Zeit des Leidens, ohne zu klagen. Ganz im Einklang mit der neu anbrechenden Epoche der verschärften Marktwirtschaft à la Schröder.

Herzblut: Epoche der prekären Beschäftigungsverhältnisse

Heute, wo die Kapitalverwertung auf immer mehr Geschäftsfeldern an ihre Grenzen stößt, wo Umsatzrenditen von drei, vier, fünf Prozent oft nur noch durch plumpeste, erpresserische Ausbeutung in- und ausländischer Lohnarbeiter unter gleichzeitiger Vernutzung natürlicher Ressourcen zu haben sind, kommt naturgemäß das Blut dazu. Denn nur mit Blut, Schweiß und Tränen ist die Wirtschaft am Laufen zu halten. Und zwar nicht von denen, die die Arbeit organisieren, sondern durch die Mühsal derer, die den Mehrwert tatsächlich erarbeiten, die an der Kasse sitzen, zwischen glühender Mittagssonne und dampfendem Asphalt malochen, ihre zweijährige Ausbildung selbst finanzieren oder eben gleich dauerhaft ohne Bezahlung tätig sind. Die Beispiele von Lohnabhängigen, die gute Miene zum Verwertetwerden machen und dabei zu fröhlichen Herzblutern werden, sind Legion.

Etwas eklig und schwülstig war das herzebluot schon immer gewesen, wie der Blick in den Grimm beweist. Doch wem ist diese aktuelle Sprachmalaise zu verdanken, die zugleich eine gesellschaftliche ist?

Vermutlich dem Miteinander von Sportler-Sprech und dem zugehörigen Pressezweig, der sich der unkritischen Feier des Leistungs- und Leidensprinzips verschrieben hat. Jedenfalls ist – wenn man reine Werbetexte ausblendet – im Sportjournalismus besonders häufig die Rede von Herzblut.

Es tritt ein letztes Bedeutungsfeld hinzu, das das Herzblut vollends zum Unwort macht. Tilman Kuban, der Chef der Jungen Union, nannte im vergangenen Jahr sein unfreiwillig komisches Image-Video: „Fußball. Heimat. Herzblut.“ Herzblut ist das ideale Komplement in einem Werbeumfeld, das von Haarschnitten über Pizzas bis hin zu völkischem Gedankengut einfach alles als „Heimat“ vermarktet.

Auch mit dem jüngst von der Werbebranche wiederbelebten und fast ausschließlich für prekäre Jobs verwendeten Modewort „Helden“ harmoniert Herzblut bestens. So nimmt es auch nicht wunder, wenn die Suchwortkombination „Helden mit Herzblut“ bei Google schnurstracks zu allerlei Jobangeboten führt, bei denen nur eines sicher ist: Dass man nicht zu viel verdient. Hier werden herzblutende Baggerfahrer, Lageristen und Maurer gesucht, denen die Werbetreibenden gegen eine nicht zu knapp bemessene Provision befristete Lohnarbeit vermitteln möchten. Das ist wenig heroisch, und mit Leidenschaft hat diese Form der Ausbeutung auch nichts zu tun. Aber immerhin: „mit Herzblut“.

Und ohne Herzblut?

„Ohne Herzblut“ ist aber auch doof, stellte der Deutschlandfunk bereits im Jahr 2010 fest, als er fürchtete, Italien könnte 2011 seine „nationale Einheit“ „ohne großen Enthusiasmus“ begehen. Derlei könnte dem Herzblut-Weltmeister Deutschland freilich nie widerfahren.

Zum Schluss noch ein ganz kurzer Blick über den nationalen Tellerrand: Das englische Pendant zu unserem blutrünstigen Hasswort ist das freundlich-leichte „with heart and soul“. „Mit Herz und Seele“ vs. „Herzblut“: Warum nur muss das Deutsche immer gleich so grausam, so direkt und stillos sein? Weil es den deutschen Geist eben so treffend widerspiegelt.

8 Kommentare

  1. Genau, faschistoide Wortungetüme wie Gemütlichkeit, Sehnsucht, Heimweh und eben das oben beschriebene Herzblut gehören aus allen Werken der deutschen Literatur und der Alltagssprache getilgt, sie müssen im wahrsten Sinne des Wortes ausradiert werden.
    An die Arbeit, Genossen!

  2. @2
    Der Text stellt bei seinen m.E. gelungenen Beispielen in denen die Anwendung des Wortes „Herzblut“ verspottet wird keinen Kontext zu faschistoider Sprache her, es kommt kein Hinweis zu nationaler Deutschtümelei im Hinblick auf die Verwendung des Wortes.
    Er findet das Wort einfach blöd, und begründet seine Sicht nachvollziehbar.
    Ebensowenig kann ich erkennen, wieso der Autor etwas gegen Bezeichnungen wie Heimweh, Sehnsucht oder Gemütlichkeit haben sollte. Womöglich haben Sie schon andere Texte dieses Autors gelesen, die ich nicht kenne.
    Dieser Text assoziier keine Abneigung gegen die von Ihenen aufgeführten Beispiele.

  3. Gedanken wie der Autor sie hat, irrlichtern auch mal gelegentlich durch mein Hirn. Bezeichnungen, geflügelte Worte etc. sind manchmal seltsam …
    Doch hat es wenig bis eigentlich gar keinen Wert, seine Befindlichkeiten zu mehr oder weniger gewachsener Sprache über die Öffentlichkeit zu ergießen. Das hat etwas von Selbstbefriedigung.
    Auch merkt man (bzw. Mancher) selten bist gar nicht, wenn man (er) sich da in etwas völlig unerwähnenswertes verrannt hat.
    Schade – es gibt so viele Beispiele aktueller Fehlentwicklungen in der deutschen Sprache, die tatsächlich einer Erwähnung und Analyse wert wären.

  4. Na ja, es handelt sich nun einmal um eine Kolumne, da darf sich ein Autor/eine Autorin auch mal texterisch selbstbefriedigen.

    Und es soll ja auch Leute geben, die einen Reiz daraus beziehen, anderen bei der Selbstbefriedigung zuzuschauen ;-)

    Das Wort ist ja nicht an sich übel, es leidet halt wie jede Metapher unter allzu häufiger Verwendung.

  5. „Der schroffe Gegensatz von sympathischem Vitalorgan und genau dem Körpersaft, der besser im Inneren bleiben sollte, stellt fast schon ein Oxymoron dar.“ Äh… was? Weil Blut nicht lebenswichtig ist? Oder weil das Herz gerne extrakorporale Spaziergänge unternehmen darf? Wo genau ist der Widerspruch? Bleibt ja nur noch als potentieller Widerspruch, dass Blut unsympathisch wäre. Das mag Ihnen so ergehen. Würde auch Ihre Assoziation „Blut“ – „unsaubere Bettlaken“ erklären. Das sagt aber mehr über Sie als über Blut oder den Begriff „Herzblut“ aus.

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