Wie Medien aus Yves R. einen potentiellen Terroristen machten

Seit mehreren Tagen hält ein Mann im Schwarzwald Polizei und Medien in Atem. Er war im Wald mit Tarnanzug, Pfeil und Bogen aufgefallen. Bei einer Kontrolle bedrohte er dann vier Polizisten mit einer Pistole und nahm ihre Waffen mit.

Seitdem versuchen Hunderte Polizisten Yves R. aufzuspüren. Medien – allen voran die „Bild“-Zeitung – nennen ihn „Wald-Rambo“. Doch am Mittwochmorgen stand plötzlich ein noch dramatischerer Verdacht im Raum. Der Nachrichtensender ntv etwa fragte: „Ist ein Terrorist sein Vorbild?“

Die Vermutung geht auf „Bild“ zurück. Das Blatt hat in einem Livestream und in der Zeitung über ein Schreiben berichtet, das von R. stammen und in einer Kneipe gefunden worden sein soll. Die „Bild“-Zeitung sagt, es sei ihr „zugespielt“ worden, und nennt es „Manifest“.

Ausriss: „Bild“

Bei der Interpretation des Textes verlässt sie sich auf die Expertise eines aus dem Fernsehen bekannten Kriminalanalysten: dem Profiler Mark Thorben Hofmann. Im „Bild Live“-Stream beschreibt er eingangs seine Gefühle: „Als ich den ersten Satz des Schreibens oder Manifestes gelesen habe, lief es mir eiskalt den Rücken rüber.“ Man erkenne eine extreme Übereinstimmung mit dem Una-Bomber-Manifest, die kein Zufall sein könne. „Stil, Inhalt und Zeichensetzung sind gerade in den ersten Sätzen fast identisch.“

Als Una-Bomber wurde der Terrorist Theodore Kaczynski bekannt. Mit einer Serie von 16 Briefbomben tötete er zwischen 1978 und 1995 drei Menschen und verletzte weitere 23. Auch Kaczynski lebte, wie anscheinend R., im Wald.

Ein Terrorist im Schwarzwald mit einem tödlichen Manifest? Es spricht fast alles dagegen.

„Ruf der Wildnis“

Die Analogie zum Una-Bomber wurde trotzdem von zahlreichen Medien aufgegriffen und mit Spekulationen angereichert, was es mit dem wahlweise „wirren“ oder „mysteriösen“ Brief aus sich habe. Auf watson.de ist nach 27 Zeilen Spekulation immerhin zu lesen:

„Eine sehr viel unspektakulärere Erklärung für die Briefüberschrift könnte allerdings sein, dass ihm das Internetforum ruf-der-wildnis.de bekannt war und er sich schlicht von dessen Namen inspirieren ließ. Immerhin ist ein Teil des diskutierten Textes in eben diesem Forum zu finden.“

Tatsächlich finden sich nicht nur Teile des Textes auf ruf-der-wildnis.de. Das von „Bild“ gezeigte angebliche Manifest besteht aus drei Texten der Website, die spätestens 2003 veröffentlicht wurden. Von da an finden sich die Texte im Web-Archiv. Ein Jahr zuvor hatten sich die Seitenmacher von Paramilitärs und rechten Gruppen abgegrenzt; sie bezeichneten das Leben im Wald schlichtweg als ihr Hobby.

Die Seite existiert bereits seit dem 12. Oktober 2001, möglicherweise gibt es die Texte also schon zwei Jahre länger. Die gesamte Seite ist ein Relikt: Sie sieht noch aus wie im Jahr 2001, viele Links funktionieren nicht mehr, das ursprüngliche Forum ist offline. Auch ein Impressum gibt es nicht. Über ihre Mail-Adressen kann man die Betreiber nicht erreichen.

Das angebliche Manifest von Yves R. unterscheidet sich nur geringfügig von den drei „Ruf der Wildnis“-Ausgangstexten, aus denen es offenbar zusammengesetzt wurde. Die Rechtschreibung wurde weitgehend an die heutige Norm angepasst; abwertende Abkürzungen wie „Kultis“ und „Konsumis“ wurden ausgeschrieben zu „kultivierte Menschen“ und „Konsummensch“; „Wasserhahn“ wurde zu „Hahn“. Mehrere Stellen sind im jetzt aufgetauchten Text vorsichtiger formuliert, im Konjunktiv.

Die einzige größere Änderung findet sich zu Beginn des dritten Absatzes. Im Original steht: „Merkwürdig ist das Gefühl, wieder zurück in der ‚Zivilisation‘ zu sein.“ Beim mutmaßlich von Yves R. stammenden Text wird daraus: „Wer mal genau darüber nachdenkt, wird erkennen dass es ein merkwürdiges Gefühl ist, in der Zivilisation zu sein.“

Laut SWR hat sich mittlerweile einer der Betreiber von ruf-der-wildnis.de dazu bekannt, den Text geschrieben zu haben. Auch der ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt sieht keine Ähnlichkeit zum Pamphlet des US-Terroristen Kaczynski.

Yannik Hilger von der Polizei Offenburg sagt gegenüber Übermedien: „Für unsere weiteren Maßnahmen hat das Schreiben derzeit keine Bedeutung“.

„Halte Yves R. nicht für einen Terroristen oder Amokläufer“

Was sagt der von „Bild“ interviewte Profiler Mark T. Hofmann zur ganzen Geschichte? Am Telefon sagt er zu Übermedien:

„Ich habe zwei zehnminütige Interviews im Studio gegeben. Beides live und mündlich. Daraus werden dann oft mehrere geschnittene Clips, Onlineartikel und eine Schlagzeile. Zehn Minuten werden dann zu einem Satz. Und das ist meist nicht der Satz, den ich als Titel ausgewählt hätte. Ich mag Live-Situationen mit Zeit und Kontext, aber nicht immer die Schlagzeilen und Zitate die daraus entnommen werden. Ich halte Yves R. nicht für einen Terroristen oder Amokläufer und habe das sehr deutlich gemacht.“

Zum angeblichen Manifest selbst sagt Hofmann, dass er den Titel des Schreibens und Textbausteine geprüft habe. Ihm sei sofort klar gewesen, dass es sich unter anderem auf ein bekanntes Buch beziehe.

Dass der Grundstock des Schreiben bereits seit mindestens 2003 im Netz kursiert, habe er erst nach dem Interview bei „Bild“ erfahren. Doch die Ursprungs-Website hätte man einfach finden können, indem man einzelne Sätze des Schreibens in einer Suchmaschine eingibt.

„Bild“ hat den Interview-Partner über den Ursprung des Textes nicht informiert. Vielleicht hat das Blatt selbst nicht danach gesucht. Auch in der „Bild“-Berichterstattung wurde der Ursprung des Textes lange nicht erwähnt – erst heute verweist das Blatt auf die SWR-Recherchen.

Für die psychologische Analyse der Motive oder Ideologie sei es unerheblich, ob R. der Verfasser des Textes sei, sagt der Profiler Hofmann.

„Wichtig ist, dass er sich damit identifiziert. Er sieht sich als Waldläufer. Menschen sind ja auch Christen und identifizieren sich mit den Werten, ohne die Bibel selbst geschrieben zu haben. Es geht darum, ob politische Motive sichtbar werden und ob dies strafrechtlich relevant ist.“

Die Parallele zum Una-Bomber relativiert Hofmann:

„Es ist mir ganz wichtig, den wesentlichen Unterschied hervorzugeben, und das habe ich immer gesagt: Der Una-Bomber hat explizit gedroht und war hasserfüllt und hat gesagt, deshalb müsse er das jetzt selber in die Hand nehmen. Das Schreiben des Yves R. enthält keine Drohungen, es enthält keine Wut. Und deshalb halte ich ihn auch nicht für gefährlich. Er ist kein Terrorist oder Amokläufer und ich denke auch nicht, dass er es plant zu werden. Trotzdem muss man auch mögliche Risiken klar benennen: Ein Vorbestrafter, waffen- und sprengstoffaffiner Mann hat vier Polizisten bedroht und ist immer noch auf der Flucht.“

Trotzdem war es Hofmann, der die angeblich besondere Nähe zum Una-Bomber-Manifest in die Welt gesetzt hatte. „Bild“ titelte daraufhin: „Sein Vorbild ist der ‚UNABOMBER'“, was von andere Medien weiter verbreitet wurde.

Hofmann hält das Schreiben inhaltlich für unproblematisch. Man sehe das Bild eines sensiblen Mannes, der in Ruhe im Wald leben wolle und der den technologischen Fortschritt kritisiere. Nur zwei Dinge machten ihm Bauchschmerzen: Dass überhaupt eine Art Manifest existiere und dass es offenbar deponiert wurde. „Das ist ja wie eine Art Abschiedsbrief“, sagt Hofmann. Dass er R. nicht als Terroristen sehe, habe er sehr deutlich gemacht.

Inzwischen hat Hofmann nach eigenen Angaben viele Hassmails und sogar zwei Morddrohungen bekommen. Auf seine Bitte habe „Bild“ die zusammengeschnittenen Videos auf YouTube gelöscht. Auch ntv hat den darauf beruhenden Artikel mit der Zeile „Ist ein Terrorist sein Vorbild?“ gelöscht.

17 Kommentare

  1. Der UNA-Bomber
    – War ein intelligenter Sprengstoff- und Waffenfreak
    – Eigenbrödler und lebte im Wald
    – hat ein Manifest geschrieben
    – kritisierte die Technologie und Ignoranz der Menschen

    Alle Aspekte treffen auch hier zu…
    die Polizei hat ja nicht zum Spaß Kindergärten und Schulen geschlossen, wenn es kein Risiko gäbe. Verstehe nicht, warum „Rambo“ so gefeiert wird und die Bild zum Täter gemacht wird

  2. Es ist immer das gleiche!
    Da legen sich die Leute mit „Bild“ ins Bett und wundern sich dann, wenn sie als Opfer eines Beischlafdiebstahls aufwachen.

  3. Die BILD macht, was die BILD hat macht.

    Trotzdem muss man aus jemandem, der sich bereits der Volksverhetzung schuldig gemacht hat und der bewaffnet ist und Polizisten unter Waffengewalt die Waffen abnimmt, nicht erst einen „potenziellen Terroristen“ machen.

    Anders gefragt: Was ist er sonst? Ein dummer Junge? Hätte BILD das geäußert, wäre vermutlich der Vorwurf aufgekommen, bei Rechtsterrorismus dieses Wort zu vermeiden.

  4. Jede Woche muss ein neuer Wannabe-Rambo durch den (Blätter)Wald getrieben werden…
    Alte deutsche Weisheit zeitgemäss umgetextet

  5. @Rainerzufall: Punkt 3 („hat ein Manifest geschrieben“) trifft ja gerade nicht zu.

    @Bazooka Joe: Sie meinen, zwischen „dummer Junge“ und „potenzieller Terrorist“ gibt es gar keine Abstufungsmöglichkeiten?

  6. Abstufungsmöglichkeiten gibt es immer, aber Zuspitzung ist eben auch eine durchaus etablierte rhetorische Figur.

    Ich find die Medienkritik im Text angebracht. Ich finde nur die Überschrift misslungen. Weil schon die Formulierung „potenzieller Terrorist“ schwierig ist. Wer wäre das nicht, wenn man nicht davon ausgeht, das selbige schon böse geboren wurden?

    Dass jemand, der als Waffennarr bewaffnet weitere Waffen erbeutet und Hassideologien anhängt, auf dem Weg zu Terroristen ein Stück weiter gekommen ist als Sie, als ich und als Herr Müller, ist ja aber doch unstrittig oder?

    Einen guten Musikgeschmack hat er aber, Ensiferum waren live echt stark, als noch live Musik gemacht und gehört werden konnte.

  7. Verkehrte Welt?

    „Rambo“: Vorbestraft wegen Totschlags (!) besonders schweren Diebstahls, Brandstiftung, Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz und Volksverhetzung. Die Staatsanwaltschaft hat auch bestätigt Kinderpornos auf dem Handy gefunden zu haben, dies aber wegen der schwere der anderen Taten nicht angeklagt. Bedroht Polizisten.
    Fazit: „Rambo“ wird als Held gefeiert.

    Polizei & Profiler: Machen ihre Arbeit und warnen vor möglichen Risiken
    Fazit: Spott über die Polizei, Hass gegen Beamte, Hassmails, Morddrohungen und kritische Artikel

    Es kommt mir vor wie Satire.

  8. @Stefan Niggemeier

    Habe den Fall auf Twitter und in den sozialen Medien und YouTube verfolgt und die Reaktionen und Kommentare gelesen. Gibt auch einen Yves-Fanclub auf Facebook.

    Ihr feiert ihn nicht als Helden, aber nennt auch die Vortrafen mit keinem Wort. Die Kritik und Titel klingen so, als hätte Bild hier“Otto Normal“ aus dem Nichts und völlig unbegründet zur gefährlichen Person erklärt. Damit hat der Artikel schon eine Richtung.

    Wenn die Infos zum Hintergrund enthalten wären, würde ich ja nichts sagen. jeder aknn sich dann eine Meinung bilden…:

    „Yves R. ist vorbestraft wegen Totschlags , besonders schweren Diebstahls, Brandstiftung, Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz und Volksverhetzung. SS-Symbole und Hakenkreuze führten zu einer Jugendstrafe. Er bedrohte vier Polizisten und nahm die Waffen mit. Gesucht wird er nun wegen schwerer räuberischer Erpressung wofür ihm 5-15 Jahre Haft drohen.“

    Wäre das nicht objektiv(er) auch diese Seite zu benennen?

  9. @ Hans Peter W:

    Wobei nun SS-Symbolik und Volksverhetzung auch nicht gerade zu der Bild-These passen, das Vorbild sei der Unabomber. Kaczynski sah sich ja eher in der Tradition einer Technik- und Zivilisationskritik vom Schlage Emersons und Thoreaus – er war/ist ein Öko-Anarchist, der die Gesellschaft „zurück zur Natur“ bomben wollte. Ein Nazi war er nicht.

  10. Aus Wikipedia:

    Unter Terrorismus (von lateinisch terror ‚Furcht‘, ‚Schrecken‘) versteht man kriminelle Gewaltaktionen gegen Menschen oder Sachen (wie Morde, Entführungen, Attentate und Sprengstoffanschläge), mit denen politische, religiöse oder ideologische Ziele erreicht werden sollen. Terrorismus ist das Ausüben und Verbreiten von Terror. Er dient als Druckmittel und soll vor allem Unsicherheit und Schrecken verbreiten oder Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen bzw. erzwingen.[1] Es gibt keine allgemein akzeptierte wissenschaftliche Definition von Terrorismus. Die verschiedenen juristischen Definitionen des Begriffs, ob im nationalen Strafrecht oder im internationalen Recht, sind häufig aus ähnlichen Gründen umstritten.

    Dieser Typ, egal ob psychisch krank, rechts, gewalttätig oder was auch immer, versteckt sich im Wald und will in Ruhe gelassen werden. Er hat keine Ziele, er will keinen Schrecken verbreiten, er ist für die politische Ordnung und das Leben aller Leute außer in dem Wald dort keine Gefahr, und wer weiß ob er das für normale Leute, die nicht staatsgewalt sind, ist.

    Ich plädiere für Begriffsschärfe. Es ist völlig egal wie durchgeknallt der ist, solange er nicht Angst verbreitet zur Durchsetzung politischer Ziele ist er kein Terrorist. Ein gewaltbereiter Nazi macht noch keinen Terroristen.

  11. Genau, die paar Bullen, die er mit der Waffe bedroht hat, sollen sich mal nicht so haben, hätten ihn ja in Ruhe lassen können, nur das will er schließlich.

    Und die werden dafür ja auch schließlich bezahlt.

    Wie sehr mich diese Verharmloserei anwidert.

    Aber wehe, jemand hinterfragt bei anderen Themen die Gefährlichkeit. Da ist man dann direkt Verharmloser oder noch eher Leugner.

  12. Blasiertheit ist aber ganz Ihr Ding, nicht wahr?

    Ich habe deutlich geschrieben, dass mich die ÜBERSCHRIFT stört. Dass es eben nicht Medien waren, die aus Yves R. einen potenziellen Terroristen gemacht haben, sondern Yves R. es selbst war. Oder natürlich die Gesellschaft, die ja immer noch am Versagen jedes Individuums die Schuld trägt.

  13. @Bazooka Joe

    Wen meinten Sie denn mit Verharmlosung? Die anderen Kommentare waren noch weiter davon entfernt, von daher habe ich das auf meinen Kommentar bezogen.

    Ich habe deutlich geschrieben, dass er kein Terrorist ist, weil ich die Definition für sinnvoll halte, dass Terrorismus das Durchsetzen politischer Ziele mittels Verbreiten von Angst durch Gewalt ist. Und das trifft hier nicht zu, wenn man sich an die bisher bekannten Fakten hält. Einige Medien versuchen, dem Typen das psychologische Profil eines bekannten Terroristen anzudichten, eben um seine Taten als Terrorismus darzustellen.

    Das ist auch nicht nur meine Meinung oder die des Autors, sondern eben der Profiler, der zitiert wird, um den angeblichen Terroristen als Terroristen darzustellen, sagt selbst, dass er den nicht für einen Terroristen hält.

    Wieso bitte schön soll diese Klarstellung eine Verharmlosung sein? Ist nicht eher das inflationäre Verwenden des Wortes Terrorist eine Verharmlosung tatsächlicher Terroristen?

  14. Hier wird ein Verdächtigter in Schutz genommen. Im Fall Franco A. war den Medien aber jeder kleinste Hinweis Ursache genug, um aus dem Verdächtigten einen Terroristen und Rechtsextremen zu machen. Sogar der Generalbundesanwalt (Zitat Wikipedia: „Als weisungsgebundener politischer Beamter hat er mit den politischen Zielen der Bundesregierung übereinzustimmen“) musste eingreifen, damit es zu einer Hauptverhandlung vor dem OLG kommt…

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