Darf’s ein bisschen rechtsextremer sein?

„Mitte Studie“. So nennt die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) ihre Studien-Reihe, in der sie seit 2006 alle zwei Jahre die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in Deutschland untersuchen lässt. In der vergangenen Woche wurde die aktuelle Ausgabe vorgestellt. Sie diente erst als Beispiel, was in der Gesellschaft alles falsch läuft – und dann als Beispiel, was mit solchen Studien und der Berichterstattung alles falsch läuft.

Eine Rekonstruktion in drei Akten.

Akt 1: Die Studie

Verlorene Mitte - Feindselige Zustände

Knapp 330 Seiten umfasst die aktuelle Studie im Original. 1.890 Menschen mit deutschem Pass wurden dafür telefonisch befragt. Sie mussten zu einem Katalog von Aussagen Stellung nehmen und den Grad ihrer Zustimmung ausdrücken, von „stimme überhaupt nicht zu“ bis „stimme voll und ganz zu“. Angeboten wurden ihnen Standpunkte wie: „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“, „Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen“ oder „Die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit“.

Aus dieser Vielzahl an Haltungen zu unterschiedlichen Themen wurde eine Meinungslage im Land kondensiert. Einige zentrale Punkte finden sich auf der Website der FES zusammengefasst:

„Eindeutig und offen rechtsextreme Einstellungen werden vom Großteil der Bevölkerung abgelehnt. Lediglich 2 bis 3 % der Befragten äußern sich klar rechtsextrem – im Osten nicht mehr als im Westen.“

„Die Studie zeigt, dass (…) rund 86 % es für unerlässlich halten, dass Deutschland demokratisch regiert wird und 93 % der Ansicht sind, die Würde und Gleichheit aller sollte an erster Stelle stehen.“

Aber auch:

„Jede fünfte befragte Person (21 %) neigt ganz deutlich zu rechtspopulistischen Einstellungen, bei 42 % lässt sich eine Tendenz dazu feststellen.“

„Über die Hälfte der Befragten neigt zur Abwertung von Asylsuchenden.“

Die Demokratie in Deutschland gefestigt. Rechtsextremismus wird von einer überwältigenden Mehrheit abgelehnt, und zwar in Ost wie West. Das kann man aus den Ergebnisse herauslesen. Doch die Autor:innen der Studie setzten den Schwerpunkt anders. Die Projekt-Verantwortliche Franziska Schröter von der FES schreibt in der Einleitung:

„Leider müssen wir anhand dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit rechtsextremen und menschenfeindlichen Einstellungen in unserer Gesellschaft auch festhalten, dass rechtsextreme, -populistische und demokratiefeindliche Einstellungen und Tendenzen in der Mitte tief verwurzelt sind und die Normalisierung rechter Einstellungen sich immer mehr in der Mitte festschreibt und verfestigt.“

Dieser alarmistische Tonfall hat in der Studien-Geschichte Tradition. Das lässt sich schon an deren Titeln ablesen. Die erste Ausgabe aus dem Jahr 2006 war mit „Vom Rand zur Mitte“ überschrieben. 2012 hieß es „Die Mitte im Umbruch“, 2014 „Fragile Mitte“; zudem kam der seitdem verwendete Untertitel „Feindselige Zustände“ hinzu. 2016 war es die „Gespaltete Mitte“, aus der in der aktuellen Ausgabe die „Verlorene Mitte“ wurde.

Im Laufe der Jahre wurde die Mitte damit pulverisiert.

Die FES steht der SPD nahe. Sie muss sich Sorgen um die gesellschaftliche Mitte machen. Schließlich findet sie dort ihre Wähler:innen – bzw. eben nicht mehr. Aus Sicht der SPD ist dieser Umstand vielleicht angenehmer mit dem Verschwinden der gesellschaftlichen Mitte zu erklären, als die Fehler bei sich selbst und im Parteiprogramm zu suchen.

Eine wissenschaftliche Studie muss ergebnisoffen angegangen werden. Die Mitte-Studie vermittelt nicht den Eindruck, als ob das der Fall gewesen wäre. Stattdessen scheint sie ganz auf Alarmbereitschaft eingestellt.

Hinzu kommt ein weiteres Problem, und zwar im Verfahren. Dass die Hälfte der Deutschen kritisch gegenüber Asylsuchenden eingestellt sein soll, wurde über zwei Aussagen abgefragt:

  • „Bei der Prüfung von Asylanträgen sollte der Staat großzügig sein.“
  • „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt.“

Beide Formulierungen sind unglücklich. Schließlich muss man nicht fremdenfeindlich sein, um zu fordern, dass Asylanträge nicht mit besonderem Wohlwollen bearbeitet werden sollen, sondern nach geltendem Recht. Zudem ergibt sich aus den Entscheidungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), dass das deutsche Asylsystem die Anträge mehrheitlich tatsächlich für nicht gerechtfertigt hält. Laut BAMF wurden in diesem Jahr bislang über 60 Prozent der Asylanträge abgelehnt.

Flapsiger ausdrückt: Die Antragsteller:innen werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt.

Auf Nachfrage von Übermedien erklärt Franziska Schröter von der FES, es sei nicht allein aufgrund der Reaktion auf diese zwei Fragen festgestellt worden, ob jemand politisch eher rechts einzuordnen sei oder nicht. Die Fragebögen seien komplex, und viele Faktoren flössen in die finale Bewertung der politischen Einstellung mit ein. Für sie ist wichtiger: „Die Fragen sind seit sechs Jahren so. Damals waren die Werte niedriger.“ Die gesellschaftliche Haltung zum Thema Asyl habe sich also verändert.

Aber hat die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass die Antworten von mehr Ressentiments geprägt sind? Oder basieren sie auf mehr Informationen?

Zudem stimmt es zwar, dass die Studie niemanden als rechtsextrem einschätzt, nur weil er zu beiden Aussagen extreme Meinungen vertrat. Aber der reine Rechenprozess, der ermittelte, dass 54 Prozent und damit über die Hälfte der Deutschen kritisch gegenüber Asylsuchenden seien, berücksichtige tatsächlich nur diese beiden Faktoren.

All diese Probleme waren in der Studie angelegt, bevor sie am vergangenen Donnerstag um 11 Uhr bei einer Pressekonferenz vorgestellt wurde.

Akt 2: Die Journalisten

Bis dahin sollten sich Journalist:innen an eine Sperrfrist halten, also nicht berichten. Doch bereits bereits am Donnerstagmorgen um 06.07 Uhr titelte „Spiegel Online“ „Jeder zweite Deutsche hat Ressentiments gegen Asylsuchende“. Die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) verbreitete das mit dem Verweis auf die Quelle „Spiegel“ als „Magazin: Studie zeigt negative Einstellungen zu Asylbewerbern“ weiter. Um 8.02 Uhr folgte tagesschau.de mit „Verlust demokratischer Orientierung: Laut einer Studie glaubt fast die Hälfte der Deutschen, geheime Organisationen würden die Politik beeinflussen. Eine Mehrheit wertet Asylsuchende ab.“

Die Deutsche Presseagentur (dpa) veröffentliche daraufhin noch am Morgen mit Hinweis auf die bereits gebrochene Sperrfrist die Meldung „Mehr als jede Zweite hat Vorbehalte gegen Asylsuchende“. Anders als etwa die Berichte des Evangelischen Pressedienstes (epd) enthält weder diese Meldung noch spätere, ausführlichere den Hinweis auf die anderen Ergebnisse, etwa die Wertschätzung für die Demokratie.

Die FES hatte sich zwar die Sperrfrist ausgedacht, aber einigen ausgewählten Medien ihr Werk vorab zur Verfügung gestellt. Eine frühzeitige Veröffentlichung war abgesegnet, wie Philipp Wittrock, Ressortleiter Politik bei Spiegel Online, per Mail klarstellt. (In einer ursprünglichen Fassung dieses Textes hatte es geheißen, Spiegel Online hätte die Sperrfrist selbständig gebrochen. Das bitte ich zu entschuldigen.) Damit sorgte die Stiftung selbst dafür, dass die Studie ihren Weg an die Öffentlichkeit fand, bevor sie vielen Medien überhaupt vorlag.

„Mehr als jeder Zweite hat Vorbehalte gegen Asylsuchende“ („Kölner Stadt-Anzeiger“)

„Umfrage Abneigung gegen Asylsuchende nimmt zu – Jeder zweite Deutsche hat Vorbehalte“ („Handelsblatt“)

„Vorbehalte gegen Asylbewerber in Deutschland so hoch wie nie“ („Hannoversche Allgemeine“)

Dieser Tenor war gesetzt. Zwar fanden sich Berichten und Kommentaren, die nach der Pressekonferenz erschienen, auch Hinweise auf andere Ergebnisse der Studie. Doch die überwiegende Mehrheit folgte als Rudel der Lesart von „Spiegel Online“, tagesschau.de und dpa.

„Tagesthemen“ und „Nachtmagazin“ präsentierten die vermeintlich gemessene „Menschenfeindlichkeit“ groß als Tatsache, ohne sie zu hinterfragen.

Ironischerweise berichteten die Medien mit ihrer Konzentration auf die angeblich stark ausgeprägten Abneigungen gegen Asylbewerber:innen damit auch ganz im Sinne der AfD, die das als Beweis dafür interpretierte, die Sorgen der Mitte zu artikulieren.

Akt 3: Der Backlash

Nicht alle Journalist:innen hatten es so eilig, ohne eigene Recherche die eine Interpretation der Studie zu rekapitulieren. Intensiver mit ihr setzte sich etwa Claus Kleber auseinander, der am Donnerstagabend das „Heute Journal“ moderierte. Er interviewte die Psychologin und Studien-Mitautorin Beate Küpper und befragte sie kritisch – auch zu den unglücklichen zwei Aussagen, aus denen die vermeintlich kritische Haltung der Deutschen zu Asylsuchenden abgeleitet wurde (zur Erinnerung: „Bei der Prüfung von Asylanträgen sollte der Staat großzügig sein“ und „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt.“).

Das Interview wurde im Vorfeld aufgezeichnet und dauerte über fünf Minuten. Zu lang für die Sendung am Abend. Der Kürzung fiel die konkrete Nachfrage zu den beiden Aussagen zum Opfer. In der zeitgleich mit der Ausstrahlung online gestellten Langfassung sind sie aber zu sehen.

Die „Bild“-Zeitung machte daraus für ihre Samstags-Ausgabe die Titel-Schlagzeile „ZDF-Kleber entlarvt Asyl-Studie“, um dann im Bericht auf Seite 2 die Frage aufzuwerfen: „Warum kürzte das ZDF Klebers kritische Fragen?“. Dazu fällt der Begriff „Zensur.“

Klebers Kommentar bei Twitter:

„heute journal“-Chef Wulf Schmiese kritisierte die Berichterstattung von „Bild“. Sie habe „in Form von Überschriften Vorwürfe suggeriert, die im Text widerlegt wurden. Die alte Masche: Wenn es zum Ausrufungszeichen nicht reicht, wird das Fragezeichen gesetzt hinter eine Headline, die eigentlich unhaltbar ist. Ehrlich gesagt mussten wir alle ziemlich lachen über das, was die Bild-Kollegen da unterstellen: Als springe hier ein Zensor aus der Tapetentür und schneidet mal eben alles raus, was nicht passt.“ Er verwahrte sich auch gegen die Instrumentalisierung von Kleber im Kampf gegen die Studie.

Am Sonntag erschien im „Tagesspiegel“ ein Beitrag von Ex-SPD-Chef und Holtzbrinck-Autor Sigmar Gabriel. Er störte sich ebenfalls am Unterschlagen der positiven Ergebnisse, etwa dem Zuspruch zu Demokratie und offener Gesellschaft. Alarmierend seien an der Studie „weniger ihre Ergebnisse als der Umgang damit“.

Damit hatte die „Bild“ Gelegenheit, das Thema auch in ihrer Montags-Ausgabe noch einmal zu spielen und Gabriel („rechnet mit Asyl-Studie ab“) zu interviewen.


Eine Studie, die voreingenommen an ihr Thema herangeht und ihren Fragebogen unglücklich formuliert. Medien, die aus anderen Medien abschreiben, statt die Original-Quelle selbständig auszuwerten, und die bereitwillig den Alarmismus der Autor:innen übernehmen. Eine Reaktion, die dann wiederum übertrieben die deutsche Bevölkerung vor jedem Vorwurf des Ressentiments in Schutz nimmt.

Am Ende können sich alle in ihren Vorurteilen bestätigt sehen. Und niemand ist schlauer geworden. Blöd gelaufen. Blöder ist nur, dass es zu oft so läuft.

67 Kommentare

  1. „Fragebogen unglücklich formuliert“
    Unglücklich ist nicht ganz das richtige Wort. Da steckt eine Systematik dahinter.
    „alle in ihren Vorurteilen bestätigt“
    Auch diese Symmetrie gibt der Fall nicht her. Der Hauptfehler liegt klar auf der Seite der Macher und zustimmenden Verbreiter dieser „Studie“, die eher ein Pamphlet ist.
    Respekt für Sigmar Gabriels ebenso klaren wie moderaten Verriss des Vorgangs. Es wäre schade gewesen, wenn wieder jemand anders, etwa ein rechter ‚Rechter‘, den Ruhm eingeheimst hätte.

  2. „Flapsiger ausdrückt: Die Antragsteller werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt.“

    Tja, das bezeichne ich mal flapsig als sehr naiv:

    „Immer weniger Flüchtlinge erhalten den GFK-Status. Syrische Asylsuchende beispielsweise erhielten zwar auch in 2017 zu nahezu 100 Prozent Schutz – allerdings bekamen nur etwa 38 Prozent von ihnen den GFK-Flüchtlingsstatus, 61 Prozent hingegen subsidiären Schutz. Die gleiche Entwicklung lässt sich bei eritreischen Asylsuchenden beobachten: Erhielten 2015 noch über 95 Prozent von ihnen den GFK-Flüchtlingsschutz, waren es 2016 noch 81 Prozent und 2017 nur etwa 54 Prozent. Die Quote der eritreischen Flüchtlinge, die den GFK-Status erhalten, hat sich in zwei Jahren also fast halbiert, ohne dass sich die Situation in Eritrea verbessert hätte..“
    https://www.proasyl.de/thema/fakten-zahlen-argumente/

  3. Die Studie schien mir auch ziemlich tendenziös.
    „Noch stärker geteilt sind negative Vorurteile, wenn es um Asylsuchende geht. Zwischen 44,2–28,2 % stimmen zu, dass »die meisten Asylbewerber in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt werden«“
    „Gut ein Drittel der Befragten ist in 2018/19 der Ansicht, »Die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit«, …“
    Da glaubt also eine Mehrheit, dass Asylsuchende zumeist im Heimatland verfolgt werden und die Regierung die Wahrheit sagt. Obwohl 60 % der Asylsuchenden abgelehnt werden und die Regierung an den Regeln zum Asylrecht nicht unbeteiligt ist. Würde daraus folgern: ein Großteil interessiert sich nicht dafür, glaubt aber, dass es schon so passt wie die Regierung sagt. Ist das die Mitte?

  4. Diese nicht repräsentative Studie hat einen entscheidenden Fehler: man vermißt hier das Zugeständnis einer eigenen Meinung zu bestimmten Themen ohne dass die Demokratie gleich in Flammen aufgeht. Stattdessen wird die Rechtskeule rausgeholt. Dass sich bei der Mitte (und nicht nur da) eine steigendeTendenz zum kritischen Umgang mit Asylbewerbern abzeichnet ist nicht zuletzt der stümperhafte Umgang der Herrschenden (wo sind noch Dienende) mit diesem Thema. Ich kenne viele Menschen, die aus tiefsten Herzen gegen rechtes Gedankengut sind und auch kritische Ansichten zum Thema Asylbewerber haben… Danke, das Wir jetzt auch Rechtspopulisten sind. Stümperhafter Umgang eben. Selber die faulen Eier legen und dann jammern, dass die Demokratie gefährdet ist.

  5. Danke, kluge Analyse. Bei der Frage: „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt“, hätte auch ich wahrscheinlich mit „Eher richtig“ geantwortet – das Problem dabei aber in der Migrationspolitik gesehen, ohne das aufgrund der Fragestellung bennenen zu können.

    Wer aus Aleppo abhaut, weil er Angst vor Bomben hat, ist nicht „verfolgt“ im Sinne des Asylrechts. Trotzdem muss er hierzulande erstmal Asyl beantragen (und darf dann auf subsidiären Schutz als Kriegsflüchtling hoffen). Auch wer aus dem Kongo wegmacht, weil er kein Minenschufter werden will und sich in Europa ein besseres Leben erhofft, muss erst einmal Asyl beantragen (obwohl er eigentlich Armutsmigrant ist).

    Interessant wird es erst, wenn man diese Formen der Migration in einen politischen Kontext setzt. Ändert man etwas an der globalen Ungleichheit, indem man Massenmigration von Süd nach Nord unterstützt? Ist dem Kongo damit geholfen, dass die bestausgebildeten Leute ihr Heil in Europa suchen? Hat aber andererseits nicht auch jeder ein Recht darauf, sein Glück in einer Umgebung zu suchen, die ihm Chancen zur persönlichen Entfaltung bietet? Und ist es nicht kompletter Humbug, jede Form von Einwanderung durch das Nadelöhr des Asylrechts zu führen, sofern es um Leute aus armen, nicht-westlichen Staaten geht?

    Fragen, die ich mir stelle. Weil die Studie diese Fragen nicht stellt, lande ich qua vorgegebener Antwortmöglichkeit in einem Topf mit Leuten, die aus „gar nicht verfolgt werden“ „Ausländer raus“ machen. Das ist schon eine ziemlich manipulative Methode (obwohl die Urheber sich dessen wahrscheinlich gar nicht bewusst sind).

  6. Schauen wir uns doch den Asylgeschäftsbericht 2018 vom BAMF an:
    http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Asyl/201812-statistik-anlage-asyl-geschaeftsbericht.pdf?__blob=publicationFile

    Im Jahr 2018 insgesamt entschiedene Asylanträge: 216.873
    …davon positiv beschieden, Rechtsstellung Flüchtling nach Genfer Flüchtlingskonvention oder im engeren Sinne (also aus persönlichen Gründen) politisch Verfolgter nach Artikel 16a: 41.368
    …subsidiärer Schutz: 25.055
    …kein Asyl/Flüchtlingsstatus aber Abschiebungsverbot: 9.548
    …Abgelehnte Asylanträge: 75.395
    …Sonstige Verfahrenserledigungen: 65.507

    Positiv beschieden wurden in 2018 also 35 Prozent der Asylanträge, über die in dem Jahr insgesamt entschieden wurde – und da sind die verhängten Abschiebungsverbote trotz Ablehnung der Anträge in der Sache (laut Gesetz zum Beispiel wegen „lebensbedrohlichen oder schwerwiegenden Erkrankungen, die sich durch die Abschiebung wesentlich verschlechtern würden“) schon bei den positiven Bescheiden mitgezählt.

    Für die Asylbewerber, über deren Anträge 2018 entschieden wurde, war es tatsächlich so: „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt.“ Das mag einer SPD-nahen Stiftung nicht gefallen, aber es ist die Realität.

  7. Danke für die Analyse!
    Mit Studien und Umfragen lässt sich so viel Schindluder treiben, dass ich diese mittlerweile nahezu komplett ignoriere. So viel kommt auf die Fragestellung und ähnliche technische Details an, dass jegliche Aussagen dann in kaum mehr Genauigkeit als Teesudlesen haben.

    In dem Zusammenhang denke ich noch immer jedes Mal an die damalige Aufregung (in Österreich) um die Zustimmung zur Aussage „Unter Hitler war nicht alles schlecht“. Man muss beileibe kein verkappter Nazi sein, um einer derart absoluten Aussage nicht zustimmen zu wollen. Man hätte da mMn genauso gut titeln können: „57% lassen sich aus Angst, als Nazi zu gelten, zu rational unhaltbarer Aussage hinreißen“. Aber viel schöner ist es doch, die Demokratie untergehen zu sehen! (Bringt auch mehr Auflage.)
    https://www.sueddeutsche.de/politik/umfrage-fast-die-haelfte-der-oesterreicher-fand-unter-hitler-nicht-alles-schlecht-1.1620183

  8. Ich denke, die erste Aussage „die Mehrheit …nicht verfolgt“ ist als Tatsachenfrage überhaupt nicht geeignet, Einstellungen abzufragen. Im Prinzip ist da auch die „zeitliche Komponente“ keine Ausrede, weil die Anerkennungszahlen von Jahr zu Jahr schwanken. Es ist jedenfalls klar, dass die Zustimmung zu einer wahren Aussage kaum geeignet ist, eine politische Einstellung zu messen. Ob etwas richtig oder falsch ist, sollte eigentlich unabhängig von der politische Einstellung anhand von Fakten festzustellen sein – in diesem Fall ist die Aussage richtig. Selbst Flüchtlinge nach der GFK müsse nicht „politisch verfolgt“ sein.

  9. Schon erstaunlich, wie viele Menschen einen Fakt (Mehrheit ohne Verfolgung) negieren und erstaunlich, dass solche Frage überhaupt gestellt wird. Zur Ausländerfeindlichkeit sagt sie nix aus.
    Telefoninterviews erscheinen mir ohnehin sehr altmodisch, so dass ich an der Repräsentativität solcher „Studien“ Zweifel hege.

  10. Leder verhält es sich offenbar häufig so, dass Studien, die (bewusst) schlecht gemacht sind oder (bewusst) in fragwürdiger Weise interpretiert werden, als Mittel für den politischen Meinungskampf missbraucht werden. Und leider machen Medien dabei oft mit – oft fehlt eine kritische Analyse.
    Daran wird sich auch nichts ändern, sofern nicht systematisch-strukturelle Änderungen stattfinden.

    Eine Frage noch: Wieso verwendet die Autorin teilweise einen Gender-Doppelpunkt (scheint die neueste Variante des Genderns zu sein?), teilweise aber das generische Maskulinum?
    Ich zähle mal die jeweiligen Ausdrücke auf (Ausdrücke aus Zitaten von Dritt-Texten bleiben natürlich unberücksichtigt):

    “ Autor:innen“
    „Wähler:innen“

    Aber:

    „Antragsteller“
    „Journalisten“
    „Asylbewerber“

  11. Noch erschreckender wird das Fazit eigentlich, wenn man sich den gesamten Block „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ ansieht: Die (angebliche) „Abwertung von Asylbewerbern“ ist das einzige, was da signifikant zugenommen hat, während 9 der 14 Gruppen rückläufig sind.
    Bei „Abwertung“ würde ich eher „Die meisten Asylbewerber kommen nur, um vom deutschen Staat zu leben“ oder „Asylbewerber sind oft Kriminelle“ verstehen; Thesen, die von Rechten stetig wiederholt werden. Übrigens fehlt mit auch bei der Ablehnung von Muslimen der Punkt „alles Terroristen“.

    Zwei Bereiche fallen mir da besonders auf:
    * Die Ablehnung von Behinderten ist bei gerade einmal noch 0,8% und die Fragen sind noch relativ weich formuliert.
    * Das andere ist der Sexismus, wo die Werte seit der ersten Studie auf nur noch 1/4 gesunken sind. Da finde ich die Fragen allerdings sehr hart („Frauen an den Herd“); eine weichere Form („Frauen können manche Berufe nicht“) hätten vermutlich deutlich höhere Zustimmungswerte.

  12. Bei Fragen wie „Die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit“, „Man muss sich gegen die aktuelle Politik wehren“ und „Es ist Zeit, mehr Widerstand gegen die aktuelle Politik zu zeigen“ (S. 164 der Studie) frage ich mich, was daran wissenschaftlich sein soll. Der Begriff „Wahrheit“ bedeutet doch für jeden Menschen etwas anderes. Verscheigt die Regierung ihr Wissen zu Chemtrails und Umvolkung oder zu Glyophosat, NSU und Stammheim? Welche „aktuelle Politik“ ist gemeint? Es gibt 14 Bundesministerien und das Kanzleramt. Und nach welchem „Widerstand“ wird hier gefragt, Widerstand gegen Veränderungen oder Widerstand gegen die Beibehaltung bisheriger politischer Positionen? Wer uneindeutige Fragen stellt bekommt Antworten ohne Aussagekraft. Ist die Festellung, dass ein Drittel der Befragten eine Anti-Establishment-Haltung/Elitenkritik vertreten (S. 166) jetzt eine negative oder eine positive Aussage. Will diese Drittel zugespitzt gesagt die Demokratie abschaffen oder sie gegen eine Elite, die die Demokratie unterminiert, verteidigen?

    @Lars: An der Verwendung von Telefoninterviews habe ich mich zuerst auch gestoßen (Frage der Repräsentativität der Studie), das RDD-Verfahren (S. 42/43) scheint mir aber akzeptabel, zumal so auch Mobilfunknummern mit einbezogen werden.

  13. Wenn man sich ansieht, wie kürzlich über Dieter Köhlers Thesen zu Feinstaub/NOx oder aktuell zur Impfpflicht berichtet wurde, kann man dem letzten Satz nur zustimmen: „Blöd gelaufen. Blöder ist nur, dass es zu oft so läuft.“ Etwas mehr Sorgfalt im Wissenschaftsjournalismus würde manchmal nicht schaden.

    Man sollte allerdings auch aufpassen, dass die Kritik an schwachen Studien und schwacher Berichterstattung nicht das verbreitete Vorurteil füttert, dass Wissenschaft und Medien insgesamt nichts taugen.

  14. @LLL
    Danke für den Hinweis! Da sind mir einige Begriffe im Laufe mehrerer Revisions-Schleifen einfach durchgegangen. Nun sollte es einheitlich gegendert sein.

  15. @LLL
    Die Behauptung ist ja: Frauen müssten immer erst nachdenken, ob sie mitgemeint seien.

    Wenn es wirklich so wäre, dürften solche „Fehler“ – das Unterlassen der Genderschreibweise – einer feministischen Autorin eigentlich nicht passieren.

    Ich kenne niemanden, der durchgehend gendert. Die vermeintlich gerechtere Ausdrucksweise ist nach wie vor ein Stolperstein. Und damit das so bleibt, werden die Schreibweisen regelmäßig upgedatet.

    Dass es im Mündlichen diese „Updates“ nicht gibt, zeigt ganz gut, dass die Gendersprache hier eine geringere Rolle spielt. (Ein noch wichtigeres Kriterium für die Frage, wie konsequent oder wie markant gegendert wird, dürfte sein: Kommuniziere ich privat oder öffentlich?)

  16. Gibt’s auf uebermedien eigentlich eine „Drucken“ Funktion, die den Content optimiert zum Ausdrucken? Ich nehme bald an einer Veranstaltung der FES teil und möchte diesen Artikel gerne dorthin mitnehmen.

  17. Daß sich Sigmar Gabriel so schnell dazu geäußert hat ist nicht verwunderlich, da der Friedrich-Ebert-Stiftung e. V. ein SPD-naher Verein (der FES ist *keine* Stiftung!) unter dem Vorsitz von Kurt Beck ist!

    Zum Inhalt der Studie: Bei der Fragestellung frage ich mich, wer denn hierfür verantwortlich ist. Es ist eindeutig klar, daß man bei solchen Fragen zu solch einem ziemlich AfD-nahen Ergebnis kommen muß! Es scheint mir langsam so, als ob niemand mehr in der Lage wäre eine neutrale Studie zu erstellen.

  18. @Juilane Wiedemeier u.a.:
    Tachchen,

    ich sehe da vieles etwas anders, vor allem hinsichtlich der Frage, wie gut die Studie ihre Ergebnisse absichert. Man kann soz.-wiss. Fragestellungen selbstverständlich kritisieren (habe ich hier ja auch kürzlich). Man muss sich das Studiendesign aber schon genau anschauen.

    Im Gegensaztz zu kuriosen Interpretationen auf ein paar PDF-Seiten, die anderweitig auch schon mal als „Studie“ firmieren, wird hier auf über 300 Seiten doch relativ detailiert erklärt, was man da macht, v.a., wenn man sich die zahlreichen Vorläufer-Studien dazu mit ins geistige Regal holt. Die ausgewiesenen Korrelationen bestimmter Einstellungsmuster sprechen eine deutliche Sprache und sind deshlab nicht einfach mit dem Verweis auf einzelne Fragestellungen auszukontern:

    „Die Mitte-Studie erzielt bei Konsistenzberechnungen nach Angaben der Forscher Werte, die eine hohe Güte der verwendeten Fragebögen ausweisen. Mit anderen Worten: Auch, wenn der laienhafte Blick auf einzelne Fragen diese als unzureichend erscheinen lässt, messen diese im Gesamtzusammenhang aller abgefragten Einstellungen durchaus das, was sie behaupten.

    Wer der Aussage „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt“ zustimmt, stimmt demzufolge in aller Regel auch abwertenden Aussagen über Juden, Sinti und Roma und Muslimen zu. Oder: Wer findet, „Die Juden haben etwas Eigentümliches und passen nicht so Recht zu uns“, stimmt meistens auch der Aussage „Es gibt unwertes und wertvolles Leben“ zu.

    Die Kritik an einzelnen, angeblich missverständlichen Fragestellungen greift daher zu kurz.“
    http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/mitte-studien-105.html

    Darauf haben die beteiligten Wissenschaftler der Leipziger „Mitte-Studie“ (also nicht der Bielefelder, aber mit großteils identischen Fragen+Kritik) i.Ü. bei früheren Gelegenheiten schon geantwortet:
    http://home.uni-leipzig.de/decker/Leipziger%20%E2%80%9EMitte%22-Studie_Stellungnahme.pdf

    Wenn man dennoch anderer Auffassung ist, müsste man auf diese Antwort auf die Kritik aber imho zumindest eingehen – und begründen, warum man das dennoch für voreingenommen und/oder wissenschaftlich unzureichend hält.

    Zudem finde ich es defizitär, mit der Gesamtanerkennungsquote des BAMF zu arbeiten, ohne zu erläutern, das rund 1/3 der Fälle ohne inhaltliche Prüfung „aus formellen Gründen“ entschieden werden, ohne auf die Kritik von NGOs am immer restriktiveren Entscheidungswesen einzugehen.

    (Afghanen werden bspw. von Jahr zu Jahr weniger anerkannt, obwohl sich die Situation im Land eher verschlechtert als verbessert, die Taliban immer stärker werden, die Totenzahlen stiegen. Die sinkende Quote hat innenpolitische Gründe, aber absolut nichts mit der realen Verfolgung zu tun.)

    Wer meint, die gestiegene Zustimmung zum Satz „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt“, sage nichts über eine Vorurteilsstruktur aus, sondern könne auch auf „besseren Informationen“ beruhen, wählt diese „Informationen“ daher reichlich selektiv aus. Der Satz bildet selbstredend ein empirisch gut abgesichertes Vorurteil ab, das früher mal „Wirtschaftsflüchtlinge“ hieß. Dass dieses gar nicht mehr als solches gelten soll, spiegelt imho daher eher genau die Diskursverschiebung, die die Forscher thematisieren.

  19. @Andrej Reisin

    Meine Kritik an der Studie hat sich hiermit bestätigt!

    „Wer der Aussage „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt“ zustimmt, stimmt demzufolge in aller Regel auch abwertenden Aussagen über Juden, Sinti und Roma und Muslimen zu.“

    Tatsächlich kenne ich diese Aussage sogar von Asylbewerbern, da wird also schon was wahres dran sein! Falsch ist jedoch, daß die selben Leute auch gegen Juden, Sinti, Roma, Muslime oder auch Jenische sind. Ich bin u. A. selbst jüdischer Abstammung, kann dem also absolut nicht zustimmen!

    „Oder: Wer findet, „Die Juden haben etwas Eigentümliches und passen nicht so Recht zu uns“, stimmt meistens auch der Aussage „Es gibt unwertes und wertvolles Leben“ zu.“

    Das „unwerte“ Leben bescheinige ich hiermit endgültig den Entwicklern der Studie, sie haben es nicht besser verdient. Als rk getaufter Jude mit norwegisch-keltischer Glaubensrichtung kann ich solchen Leuten nur jede Intelligenz absprechen!

    Bei solchen Umfragen sollten auch mal die Leute befragt werden, die mittelbar und unmittelbar davon betroffen sind. Treue Parteigenossen (SPD) und Vereinsmitglieder (FES) gehören hier eindeutig ausgeschlossen, sie verfälschen das Ergebnis.

  20. Hallo @Niggi!

    Es wäre interessant, wenn Du dazu auf deinem eigenen Blog oder auch hier selbst was schreiben würdest. In letzter Zeit lese ich von dir leider etwas wenig, das solltest Du vielleicht wieder ändern! ;-)

    Bloggende Grüße aus TmoWizard’s Castle zu Augusta Vindelicorum

    Mike, TmoWizard

  21. @ Stephan Fleischhauer:

    Ich stimme Ihnen zu, dass es augenscheinlich schwer ist, konsequent zu gendern. Darauf weisen in der Tat auch andere Texte hin, in denen das nicht konsequent gemacht wird.

    Persönlich habe ich auch große Zweifel, dass die Argumente derjenigen, die das („exzessivere“) Gendern befürworten, stichhaltig sind, oder dass ein ausgeprägteres Gendern den Frauen oder der Sprache gut tun würde. Eher halte ich negative Effekte für plausibel.
    Dieses ganze Projekt scheint mir als ein Teil einer durch „sprachmagisches“ Denken motivierten Symbolpolitik zu sein, die Sachprobleme in einer oftmals unangemessenen Weise zu Sprachproblemen erklärt, glaubt, auf der Sprachebene etwas Wesentliches zur Lösung der Probleme beitragen zu können, dabei in vielen Fällen jedoch höchstwahrscheinlich nicht nur nichts nützt, sondern sogar eher noch schadet.

    In diesem Zusammenhang würde ich etwa auf das Buch „Genug gegendert!“ von Tomas Kubelik hinweisen. Mit dem „politischen“ Teil des Buches verbindet mich sehr wenig; den „linguistischen“ (zweiten) Teil des Buches finde ich jedoch in den allermeisten Punkten sehr stichhaltig.

    Ich würde mir wünschen, dass eine intensive Auseinandersetzung mit solchen kritischen Argumenten erfolgt, bevor sich das Gendern – und damit doch eine nicht unerhebliche Umgestaltung von Sprache – durchsetzt (oder bevor „man“ das Gendern durchsetzt). Vor allem, wenn diejenigen, die von der Neuerung profitieren sollen, diese (jedenfalls in ihren radikaleren Formen) mehrheitlich ablehnen und bei einer ausgewogenen Information, die die wichtigsten Argumente aller Seite nennt, sehr wahrscheinlich auch in Zukunft ablehnen werden.

    Soweit ich das ersehe, erfolgt eine solche kritische Diskussion jedoch leider kaum. Persönlich habe ich den deprimierenden Eindruck, dass zahlreiche „linke“ oder „progressive“ Personen sich allzu rasch Zielen anschließen, die PRIMA FACIE „fortschrittlich“ wirken – ohne zuvor eine genaue, kritische, sorgfältige Analyse vorzunehmen oder gar in eine kontroverse Diskussion einzusteigen.

    Aber dies soll keine Kritik an der Autorin sein; es bleibt natürlich ihr überlassen, wie sie schreiben möchte.

  22. @ Andrej Reisin (#19)

    Ich finde Ihr Argument überzeugend, dass die Studie eben nicht nur nach einzelnen Gesinnungsbröckchen fragt, sondern quasi Clusterbildung betreibt. Dadurch gewinnt sie tatsächlich Aussagekraft. Allerdings widersprechen Sie sich danach selbst:

    Wer meint, die gestiegene Zustimmung zum Satz „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt“, sage nichts über eine Vorurteilsstruktur aus, sondern könne auch auf „besseren Informationen“ beruhen, wählt diese „Informationen“ daher reichlich selektiv aus. Der Satz bildet selbstredend ein empirisch gut abgesichertes Vorurteil ab, das früher mal „Wirtschaftsflüchtlinge“ hieß. Dass dieses gar nicht mehr als solches gelten soll, spiegelt imho daher eher genau die Diskursverschiebung, die die Forscher thematisieren.

    Ist es also doch wieder die Einzelfrage, die dem Profi alles verrät? Nein, denn hier sitzen Sie selbst einem Vorurteil auf: Wer der Meinung sei, dass viele Asylbewerber gar nicht im einschlägigen Sinne verfolgt sind, halte diese für „Wirtschaftsflüchtlinge“. Für ein Gros der Leute mag das zutreffen, für viele andere – mich eingeschlossen – aber nicht.

    Hinter Ihrem Argument (und vermutlich auch der Frage in der Studie) steckt nämlich der Kurzschluss, dass nur politische Verfolgung ein legitimer Migrationsgrund sei. Ich halte aber auch Armut und Perspektivlosigkeit für legitim. Der unterstellte Zusammenhang von Verfolgung und Legitimität gilt dann nicht. (Andererseits ist es fraglich, ob das Verständnis für den Fluchtgrund „Armut“ als Grundlage für eine tragfähige Migrationspolitik taugt, aber das gehört in einen anderen Kontext.)

    Die Frage ist jedenfalls missverständlich, weil sie unterschiedliche Ebenen vermischt – und außerdem anfällig für statistische Verzerrung: Das halbwegs aufgeweckte Studienobjekt kann sich nämlich denken, dass es in die Schublade „migrationsfeindlich“ gerät, wenn es die Verfolgungsfrage entsprechend beantwortet. Also wird es vielleicht gegen seine Überzeugung antworten.

  23. @ Kritischer Kritiker:

    „Das halbwegs aufgeweckte Studienobjekt kann sich nämlich denken, dass es in die Schublade ‚migrationsfeindlich‘ gerät, wenn es die Verfolgungsfrage entsprechend beantwortet. Also wird es vielleicht gegen seine Überzeugung antworten.“

    Das Problem sehe ich auch. Manche Leute werden hier und bei ähnlichen Fragen ihre Antwort nicht unter dem Gesichtspunkt wählen, was sie für inhaltlich richtig halten, sondern unter dem, was für ein politisches Selbstbild sie vermitteln wollen. Das ist nicht nur in sich widersinnig, sondern bringt auch Missverständnisse und Ambiguität ins Spiel. Dieses Problem scheint leider nicht wenige Studien auszuzeichnen.

    Besonders schlimm ist das mit der von Thomas Seidl erwähnten Umfrage. Die Süddeutsche (siehe Herrn Seidls Link) schreibt:

    „Die Ergebnisse der Studie des Linzer Market-Instituts, die am Samstag veröffentlicht wurde, sind erschreckend. 42 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass ‚Unter Hitler war nicht alles schlecht‘ war, wie die Zeitung schreibt. Immerhin 57 Prozent vertreten die Gegenthese: ‚Es gab an der Hitler-Zeit keine guten Aspekte.'“

    Wer also als „rechtschaffen“ gelten wollte, durfte einer unzweifelhaft wahren Aussage nicht zustimmen, sondern musste sich einer Behauptung anschließen, die inhaltlich offensichtlich falsch und absurd ist. (Im Übrigen dürfte unter realistischen Bedingungen eine Regierung, unter der es GAR nichts Gutes gibt, unvorstellbar sein.)

    Natürlich: Leute, die VON SICH AUS und ohne speziellen Anlass sagen, dass unter Hitler nicht alles schlecht war, werden diese Aussage oftmals nicht in ihrem banalen und unbestreitbar wahren Wortsinne meinen. Sie werden damit häufig viel eher sagen wollen, dass Hitler insgesamt deutlich positiver zu sehen sei, als dies gemeinhin geschieht.
    Das heißt aber nicht, dass eine Umfrage der Logik folgen sollte, dass etwas anderes gemeint ist als gesagt wird. Jemanden, der einer Verharmlosung Hitlers nicht beipflichten möchte, in die Lage zu bringen, sich mit einer unbestreitbar abwegigen Antwort lächerlich machen zu müssen, ist wohl ziemlich indiskutabel.

    Vielleicht überinterpretiere ich das, aber ich frage mich, ob die Macher solcher Studien durch eine solche Art der Befragung nicht auch enthüllen, dass die „politische Absicht“ für sie womöglich wichtiger ist als Wahrheit und sachliche Überzeugung.

  24. @19, Andrej Reisin

    „Zudem finde ich es defizitär, mit der Gesamtanerkennungsquote des BAMF zu arbeiten, ohne zu erläutern, das rund 1/3 der Fälle ohne inhaltliche Prüfung „aus formellen Gründen“ entschieden werden, ohne auf die Kritik von NGOs am immer restriktiveren Entscheidungswesen einzugehen.“

    Wenn Asylantragsverfahren in Deutschland aus formellen Gründen erledigt werden, dann passiert das, weil es schlichtweg keine rechtliche Grundlage (mehr) für die Fortführung des Verfahrens beim BAMF gibt.

    Das BAMF beschreibt die 2 Möglichkeiten wie das passieren kann:
    http://www.bamf.de/DE/Fluechtlingsschutz/AblaufAsylv/Entscheidung/entscheidung-node.html

    „Als unzulässig wird ein Asylantrag erklärt, wenn ein anderer Mitgliedsstaat zuständig ist (siehe Prüfung des Dublin-Verfahrens).
    Ein Asylverfahren kann auch eingestellt werden. Dies ist der Fall, wenn
    der Asylantrag zurückgezogen wird oder
    die betroffene Person das Verfahren nicht betreibt, d.h. zur persönlichen Anhörung nicht erscheint, unauffindbar ist oder während des Asylverfahrens in ihr Herkunftsland gereist ist.“

    Mindestens der Teil der Asylantragssteller, der seinen Asylantrag zurückzieht oder sein Verfahren nicht mehr weiterbetreibt, ist nicht in der Lage, zu belegen, dass er in seinem Heimatland verfolgt wird. Ich kann nicht erkennen, was daran eine „restriktive Entscheidungsweise“ sein soll.

    Selbst wenn wir höchst großzügig sämtliche formalen Verfahrenserledigungen herausrechnen, ist das Verhältnis von positiven zu negativen Asylantragsentscheidungen des BAMF 2018 bei ungefähr 75000 zu 75000 – aber bei den rund 75000 „positiven“ Entscheidungen sind die über 9000 Antagssteller mit eingerechnet, die keinen Asyl- oder Flüchtlingsstatus bekamen (die also nicht im Heimatland verfolgt werden), aber für die eine Abschiebung aus gesundheitlichen oder anderen Gründen eine außergewöhnliche Härte darstellen würde.

    Egal wie sehr Sie die Zahlen verbiegen und massieren wollen, Sie kommen an der Wahrheit nicht herum, dass, laut der Auffassung des BAMF, bei über der Hälfte der 2018 entschiedenen Asylanträge tatsächlich keine Verfolgung im Heimatland der Antragssteller gegeben war. Sie können natürlich behaupten, dass ein wesentlicher Teil der BAMF-Entscheidungen falsch war – aber die Belege dafür müssen Sie selbst bringen, damit diese Behauptung überzeugend wird. Die Kritik von Asyl-NGOs, denen die Entscheidungen grundsätzlich immer „zu restriktiv“ sind, reicht mir dabei nicht.

  25. Die Beobachtung, dass bestimmte, eher harmlose Einstellungen stark mit bestimmten anderen, weit weniger harmlosen Einstellungen korrelieren, stammt aber selbst von früheren soziologischen Umfragen, oder?
    Müsste man diese Korrelation nicht regelmäßig neu eichen?

    Davon abgesehen, wenn einige Fragen messbare Dinge wie der Anteil der bewilligten Asylanträge an der Gesamtheit abfragen, dann ist das keine „gefühlte Wahrheit“; bzw., die Frage misst, ob ich auswendig weiß, ob das mehr als die Hälfte oder weniger sind.
    Ob ich der Ansicht bin, dass _mehr_ Anträge bewilligt werden sollten, oder _weniger_, hat damit ja nur indirekt zu tun.

  26. ich muss schon sagen, dass mich die Antwort des Faktenfinders erschreckt. Man gibt eine wahrheitsgemäße Antwort und wird dadurch zumindest rassismusverdächtig, weil Rassisten diese Antwort auch geben? Was ist denn das für eine Argumentation.
    Zudem wird dann auch noch unterstellt, dass die meisten Leute Lügen – ich habe selbst mit Tests auf anderem Bereich zu tun, da wird tatsächlich GEPRÜFT (durch Kontrollfragen, so dass sich in der Summe ein stimmiges Bild ergeben muss), ob Leute ihre Antworten „schönen“. Aber schlicht Lüge unterstellen und daher harmlose Fragen zu stellen und dann die Antwort zu zu deuten, dass man nur deshalb harmlos geantwortet hat, weil man seinen Rassismus verbergen wollte – das ist für mich nicht seriös.

    Dass die Antwort „die meisten werden nicht verfolgt“ zudem zutrifft, haben andere hier schon belegt.

    Das gleiche gilt für die zweite Frage: die Demokratie in Verbindung mit Gewaltenteilung beruht gerade darauf, dass Gesetze konsequent angewendet werden und dies von Gerichten überprüft wird. Wer also fordert, die Sachbearbeiter sollten „großzügig“ sein, hat aus meiner Sicht das problematischere Verhältnis zu Demokratie und Rechtsstaat als der, der erwartet, dass das Gesetz so umgesetzt wird, wie es beschlossen wurde.

    Da dies die beiden einzigen Fragen waren, die konkret die Aussage „wachsende Ressentiments“ begründen sollten, halte ich die Schlussfolgerung für grob falsch.

  27. @ LLL (#25)

    Wer also als „rechtschaffen“ gelten wollte, durfte einer unzweifelhaft wahren Aussage nicht zustimmen, sondern musste sich einer Behauptung anschließen, die inhaltlich offensichtlich falsch und absurd ist.

    Dem würde ich widersprechen. Die Aussage „Unter Hitler war nicht alles schlecht“ ist ja beinahe sprichwörtlich. Ich kenne sie – ganz unironisch gemeint – vom inzwischen verstorbenen Altnazi-Teil meiner Verwandschaft, und denen ging es nie darum, dass man selbst unter Hitler im Privaten einen netten Grillabend verbringen konnte. Es ging immer um vermeintliche „Leistungen“ des Regimes – die Autobahnen, die Arbeitsbeschaffung, die grandiosen Gebäude, etc. Nicht selten auch darum, dass „Asoziale“ wie Punks, Obdachlose, „Zigeuner“, etc. „damals“ nicht hätten auf der Straße herumlaufen dürfen, denn der Hitler habe ja immerhin für Ordnung gesorgt.

    Nee, alles was zwischen 1933 und 1945 „nicht schlecht“ war, war trotz Hitler so, nicht wegen oder unter ihm. Die vermeintlichen Leistungen zielten allein auf bevorstehende Verbrechen ab. Und das kann jeder wissen, der heute dazu befragt wird. Wer also sagt, dass „unter Hitler“ nicht alles schlecht gewesen sei, meint auch, dass die Sache doch irgendwie vielversprechende Ansätze gehabt habe. Das ist ein Spiel mit der Barbarei, und das spiele ich nicht mit.

  28. Die beiden erwähnten Fragen:

    – „Bei der Prüfung von Asylanträgen sollte der Staat großzügig sein.“
    – „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt.“

    lassen leider gar keine Aussagen über irgendetwas zu, den die wichtigste Frage fehlt. Nämlich warum die Frage positiv oder negativ beantwortet wird.
    Bei Fragen aus diesem Themenbereich wird das wahrscheinlich eher weniger der Fall sein, aber grundsätzlich ist es durchaus möglich das zwei Personen die völlig konträren politischen Lagern angehören die selbe Frage mit ja beantworten bzw. zustimmend antworten, aus völlig verschiedenen Gründen. Und wenn dann nicht nach dem Grund für Zustimmung oder Ablehnung gefragt wird lässt sich kein Rückschluss auf die politische Einstellung der Person ziehen.

  29. @ Andrej Reisin (#19): Sie sprechen die Methoden an – ich erinnere mich noch, dass ich nach meinem Jura-Studium auch noch wissen wollte, wie andere Wissenschaften/Studienrichtungen so ihre Ergebnisse ermitteln und habe nach Methodenlehre-Vorlesungen gesucht. Denn Jura, das hatte sich für mich herausgestellt, bietet nur einen Weg, die „Wahrheit“ zu ermitteln. Oder eine „Wahrheit“, auch wenn es im Rechtsstaat eine entscheidende ist.
    Andere Studienrichtungen, andere Wege – also hörte ich interessehalber noch Mikro1 (Betriebswirtschaftslehre) und eben eine soziologischen Methodenlehre parallel – ohne Nacharbeiten, nur als Hörgenuss. Bei der Soziologie ist mir in Erinnerung geblieben, dass es viel um Mathematik und nicht näher begründete Annahmen, was gilt, wenn ein bestimmter mathematischer Wert erreicht wird, geht. Bei den Fragen/Fragebögen erinnere ich mich noch daran, wie man versucht, Fehlantworten auszuschließen, weil Befragte die Frage nicht richtig verstehen, es gesellschaftlich adäquater ist, zuzustimmen als Nein zu sagen, oder weil sie Antworten geben, die sie glauben man von ihnen zu geben erwartet. Ganz schön viel zu filtern haben die Soziologen da, dachte ich mir damals.

    Dann wird – rein hypothetisch – mir im Jahr 2018 am Telefon also eine These genannt, nach einigen anderen im Rahmen des Interviews, ich versuche mich zu konzentrieren, um sie in ihrer Gesamtheit zu erfassen: „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt“. Es wird, das muss ich realisieren, nicht danach gefragt, ob sie sich verfolgt fühlen, ob sie bedroht werden oder sich bedroht fühlen, sondern ob sie verfolgt werden (oder nur: wurden?). (Die Formulierung „Unter Hitler…“ wurde das in #29 aufgeschlüsselt und abgegrenzt, die mir in der Kürze einer Antwortzeit niemals eingefallen wäre … danke dafür :-))

    Und ich soll eine Antwort geben, die gleichzeitig in Abgrenzung zu den drei anderen eben erwähnten denkbaren Konstellationen geben, derer ich mir aber in der Kürze der Zeit gewahr werden muss. Das ist die Versuchsanordnung, die ich aus Artikel und Kommentar extrahiere. Und es kommt leise die Frage auf: Muss ich Wissenschaftlern jetzt glauben, dass es so alles seine Ordnung hat, oder darf ich auch meinen, dass mich das nicht überzeugt.

    Was Sie, Herr Reisin, ansprechen, nämlich die wissenschaftliche Bestätigung der Experten, das es methodisch richtig ist, die aber auf Überzeugungskraft nach außen gänzlich zu verzichten können glaubt, die gibt es in jeder Filterblase. Wer anfängt, die Kollegen wegen methodischer Mängel zu kritisieren, dürfte auch bald kritischer betrachtet werden – das scheint mir die gesellschaftliche Realität zu sein. Zur Vermeidung der unschönen Situation wird geclustert. Dass die Methoden – wo sind sie kodifiziert? – selbst gemacht und damit weitgehend selbstreferentiell sind, will ich nur am Rande erwähnen.

    Natürlich kann man so zu Ergebnissen kommen. Ich hätte als wissenschafts-interne Kritik so etwas erwartet wie: Wenn man über Jahre immer wieder dieselbe Frage stellt – wie kann ich sicherstellen, dass sich aus den Worten der Frage und dem Gesamtzusammenhang immer noch die gleiche Grundannahme ergibt. Wenn sich die Grundannahme verändert – zum Beispiel, weil plötzlich mehr Asylbewerber kommen und davon auch plötzlich viel mehr tatsächlich nicht verfolgt sind – warum sind die Ergebnisse dann vergleichbar? Könnte das Ergebnis der Studie dann nicht lauten: Die Mehrheit der Befragten erfasst den Umstand, dass immer mehr Nicht-Verfolgte Asyl beantragen, richtig? Und was bedeutet das dann für die Korrelation mit anderen Fragen

    Als eine Fallgestaltung, bei der sich alle im inneren Kreis der Richtigkeit ihres Ergebnisses versichern, muss ich immer an den Monsanto-Kauf durch Bayer denken. In Studien und Rechtsgutachten kann man sich der Richtigkeit des Ergebnisses versichern, das Gift Glyphosat zu kaufen, auch wenn viel über Krebsursachen und so geschrieben wird. Am Ende aber sackt der Aktienkurs ab, weiterhin und kontinuierlich. Und von außen betrachtet, frage ich mich, wie gut begründet die sicher auch wissenschaftlichen Gutachten zum Kauf gewesen sein müssen, dass man die Geräusche von außen sich auszublenden traut.

    Im Studium hatte ich damals einen sehr guten juristischen Methoden-Professor, von dem ich mich angehalten fühlte, über den Unterschied zwischen Grund und Begründung nachzudenken und mir zu überlegen, ob mit den – nicht kodifizierten – juristischen Methoden das rechtlich richtige Ergebnis gefunden oder das gewollte Ergebnis gut begründet werden soll. Diesen Zugang wünsche ich auch anderen Methoden.

  30. Lieber kritischer Denker, Sie haben meines Erachtens den Beitrag von LLL nur zur Hälfte verstanden. Denn alles, was Sie schreiben, sagt er auch – für einen Teil der Antwortenden. Er sagt aber auch, dass „eigentlich“, also im Wortsinne, eine Frage gestellt wird, die man nur mit „stimme zu“ beantworten kann, oder vielleicht mit „stimme eher zu“.

    Denn in der Zeit von 1933 bis 1945 gab es sicher auch Gutes, es soll einen fantastischen Sommer gegeben haben, es haben Leute geheiratet und Kinder bekommen usw. – man kann allerdings sagen, dass dies nicht auf Hitler zurückzuführen ist. Man kann auch andere Gesichtspunkte nennen – Arbeit, Autobahnen usw – die dann eher mit Hitler zu tun haben, dafür aber einen hohen Preis hatten, so dass man im Endeffekt zu nichts Gutem kommt (Arbeitslosigkeit durch Vertreibung und später Ermordung von Juden zu bekämpfen und mit Kriegswirtschaft ist eben in der Summe alles andere als gut).
    Wenn man aber isoliert „Angebote für die Jugend“ – wie auch in der DDR die FDJ betrachtet, die natürlich mit dem Willen zur Indoktrination gemacht wurden – war das „nur“ schlecht?

    Mit anderen Worten: man kann das 3. Reich ablehnen und verurteilen (was ich selbstverständlich) tue – und dennoch kann man einzelen „gute“ punkte finden, die die Antwort schwierig macht: „stimme überhaupt nicht zu“.

    Wenn man die mit der Frage einhergehenden Implikationen „endlich sagt das mal einer“ oder „genau, langsam wäre es mal an der Zeit, sich auch damit zu beschäftigen und nicht alles so kritisch zu sehen“ vermeiden will, wird man kaum „stimme voll und ganz zu“ sagen. Aber dazwischen weiß man nicht, welche Variante wer warum gewählt hat. So verstehe ich Beitrag 25 (m.e. richtig).

    Und genau so ist es hier: es wird ein richtiger Satz und ein mehrdeutiger Satz nicht nach seinem eigentlichen Aussagegehalt ausgewertet – bzw. die Antworten – sondern es werden irgendwelche Implikationen bewertet, von denen man überhaupt nicht weiß, ob sie vorhanden waren – weil es überhaupt keine Kontrollfragen dazu gegeben hat.

  31. @ Christopher (#31)

    Lieber kritischer Denker, Sie haben meines Erachtens den Beitrag von LLL nur zur Hälfte verstanden. Denn alles, was Sie schreiben, sagt er auch – für einen Teil der Antwortenden. Er sagt aber auch, dass „eigentlich“, also im Wortsinne, eine Frage gestellt wird, die man nur mit „stimme zu“ beantworten kann, oder vielleicht mit „stimme eher zu“.

    Naa, ich hatte das schon verstanden, und ich wollte LLL bestimmt keine Nähe zum NS unterstellen. Ich wollte nur darauf hinaus, dass die „harmlose“ Interpretation des Satzes nicht funktioniert, weil er zu einer Chiffre geworden ist, die die wortwörtliche Interpretation überformt. Sie steht eben nicht für „Auch unter Hitler hat Spargel lecker geschmeckt“ oder „Im Sommer 1938 verlebten wir einen wunderbaren Sommer an der Ostsee“, sondern für „Hitler hat auch Gutes getan“. Und das hat er nicht.

    Wenn man aber isoliert „Angebote für die Jugend“ […] betrachtet, die natürlich mit dem Willen zur Indoktrination gemacht wurden – war das „nur“ schlecht?

    Man kann sie eben nicht isoliert betrachten – da reicht es, sich eine von Hitlers jugendpolitischen Reden anzuhören („Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben!“) oder einen HJ-Liedtext zu lesen („Wir sind der Zukunft Soldaten/Träger der kommenden Taten/Ja, durch unsre Fäuste fällt/Wer sich uns entgegenstellt“) – dann weiß man, wo es langgeht.

  32. Ja, man kann im Endeffekt nichts isoliert betrachten,was historisch passiert ist. Aber das weiß nicht jeder und ich weiß auch nicht, ob jeder die Implikationen so auffasst wie wir beide. Daher kann man ohne die Hintergründe eines Menschen zu kennen, nicht wissen, warum er die Frage mit „Stimme eher zu“ oder neutral beantwortet.

    Noch viel mehr gilt das für die beiden Fragen aus der Studie.

  33. Die Diskussion hier bringt mich auf eine Frage zu einer anderen deutschen Diktatur:

    „War in der DDR alles schlecht?“

    Besonders die Antwort von hippen Berliner Linksbloggern würde mich sehr interessieren.

  34. Die Besprechung der Studie berücksichtigt leider nicht, dass sich seit der letzten Erhebung auch methodische Unterschiede ergeben haben. Erstmals wurde nämlich eine neue Antwortkategorie “teils/teils” eingeführt. Die Befragten müssen sich so also nicht mehr offen zu bestimmten Aussagen bekennen.

    Die Autoren haben dann konservativ angenommen, dass beispielsweise die Antwort “teils/teils” auf die antisemitische Aussage “Die Juden haben etwas Eigentümliches und passen nicht so Recht zu uns” nicht als Zustimmung gewertet wird.

    Offenbar “flüchten” sich etliche Befragten in diese “teils/teils”-Antworten. Aus der Studie:

    “Die Zustimmung nach Parteienpräferenz sieht (mit der zusammengespielten Variable aus dem 4- und 5-stufigem Antwortformat) deutlich anders aus, als es noch in 2016 der Fall war, wo nur ein 4-stufiges Antwortformat verwendet wurde. Dies liegt an der neuen Mittekategorie »teils/teils«, die auffallend viele Befragte wählen, die ihre Wahlpräferenz für die AfD angeben. Mit dem alten 4-stufigen Antwortformat bzw. wenn »teils/ teils« in Zustimmung gerechnet wird, sind die Befunde denen in 2016 recht ähnlich. Hier könnte sich die Debatte um Antisemitismus in der AfD abzeichnen, die dazu führen könnte, dass ihre potenziellen Wähler_innen hier besonders vorsichtig geworden sind und besonders häufig mit »teils/teils« antworten. Klar ist: Je eher Befragte die »Argumente der AfD überzeugend« finden, desto eher neigen sie zum Antisemitismus. Dies zeigt sich besonders ausgeprägt beim sekundären Antisemitismus, der Jüd_innen eine Mitschuld an der Verfolgung zuweist, schwächer auch beim klassischen Antisemitismus, hingegen nicht beim israelbezogenen Antisemitismus, weil dort auch Befragte, die sich für die Antwort »teils/teils« entschieden haben, hohe Zustimmungswerte haben.(30) Die insgesamt etwas höheren Werte bei Gewerkschaftsangehörigen, die sich in der Tendenz in der Erhebung 2016 (in 2014 aber noch nicht) abzeichneten, deuten sich beim Antisemitismus zwar auch an, sind aber nicht signifikant.”

    Zum Vergleich eine Allensbach-Studie aus dem vergangenen Jahr:

    “Insofern ist das meiste, was das Institut für Demoskopie Allensbach in seiner jüngsten Studie über Antisemitismus herausgefunden hat, auch mit wenig Erkenntnisgewinn verbunden: In fast allen Parteien finden sich antisemitische Einstellungen bei etwa 15 bis 20 Prozent von deren Anhängern. (…) Eine Erkenntnis der Allensbach‐Studie ist aber dennoch hervorhebenswert – und bedrohlich, für Jüdinnen und Juden wie für die gesamte Demokratie: Denn jenseits dieser 15 bis 20 Prozent Antisemitismus unter den Anhängern der demokratischen Parteien liegt die Zustimmung bei den Anhängern der AfD bei 55 Prozent – und das zu dem völlig unmissverständlichen antisemitischen Satz: »Juden haben auf der Welt zu viel Einfluss.«”

    (https://www.juedische-allgemeine.de/politik/afd-bei-ueber-50-prozent/)

  35. @ Kritischer Kritiker:

    Dass viele Leute die Aussage, dass unter Hitler nicht alles schlecht war, als Chiffre missbrauchen, um das Nazi-Regime zu verharmlosen, hatte ich ja bereits (wie Christopher auch andeutet) geschrieben.

    Das ändert aber nichts daran, dass diese Aussage für sich genommen und wörtlich verstanden wahr ist. Deshalb bringt es auch nichts, diese wörtliche Aussage anzugreifen; angreifen muss man das, was mit ihr suggeriert werden soll.

    Daher ist es auch absurd, wenn in einer Studie gefragt wird, ob man einer solchen Aussage zustimmt. Man kann rationalerweise nicht anders, als der Aussage als solcher zuzustimmen – aber man will der Suggestion, die oftmals mit ihr verbunden wird, nicht zustimmen. Eine Umfrage, die einen mit solch einer Aussage konfrontiert, bringt einen daher in ein absurdes Dilemma.

    Sie schreiben:

    „Nee, alles was zwischen 1933 und 1945 ’nicht schlecht‘ war, war trotz Hitler so, nicht wegen oder unter ihm. Die vermeintlichen Leistungen zielten allein auf bevorstehende Verbrechen ab. Und das kann jeder wissen, der heute dazu befragt wird.“

    Dazu dies:

    1. Wenn jemand etwas Gutes tut, um etwas Böses zu erreichen, dann bedeutet das nicht, dass das Gute schlecht wäre. Vielmehr bleibt das Gute gut, wird aber in den Dienst des Bösen gestellt. Wenn ein Regime also beispielsweise die Kindersterblichkeit reduziert, um später mehr Soldaten für einen Angriffskrieg zu haben, dann ist die Absicht hinter der Reduzierung der Kindersterblichkeit zwar schlecht und kann auch bestimmte negative Folgen haben; das ändert aber nichts daran, dass die Reduzierung der Kindersterblichkeit PER SE etwas Gutes ist, und nicht etwas Schlechtes. Deshalb würde man einem solchen Regime vernünftigerweise auch seine bösen Hintergedanken, seine bösen Absichten und seine Kriege vorwerfen; aber kein vernünftiger Mensch würde es für die Absenkung der Kindersterblichkeit ALS SOLCHE anklagen. Im Gegenteil würde man es dem Regime vorhalten, wenn es sich nicht um Menschenleben kümmert, die medizinische Versorgung von Kindern daher vernachlässigt, und wenn es daher zu einer erhöhten Kindersterblichkeit kommt.

    2. Es erscheint schon a priori als völlig ausgeschlossen, dass es ein Regime geben könnte, das mehrere Jahre an der Macht ist, unzählige Handlungen durchführt, viele Gesetze und Verordnungen auf den Weg bringt, aber dabei NUR Böses und rein gar nichts Gutes tut. Thomas Fischer gibt dann auch für einige Gesetze aus der Nazi-Zeit, die überwiegend vernünftig klingen, im Zeit-Artikel „Von Abtreibung und Menschenrecht“ folgende Beispiele:
    „Als weitere – und anders als Paragraf 219a überaus häufig angewandte – Straftatbestände aus der Rubrik ‚Nazi-Relikte‘ könnte man anbieten: Paragraf 225 (Misshandlung von Schutzbefohlenen), Paragraf 228 (Sittenwidrige Einwilligung in Körperverletzung), Paragraf 323a (Vollrausch), Paragraf 323b (Gefährdung einer Entziehungskur) oder Paragraf 316a (Räuberischer Angriff auf Kraftfahrer). Auch Paragraf 17 Tierschutzgesetz (Tierquälerei) ist im Mai 1933 (!) als Paragraf 145b ins Strafgesetzbuch eingefügt worden.“
    Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass alle diese Gesetze letztlich durch böse Absichten oder ideologische Verkennungen motiviert gewesen sein sollten, würde dies nichts daran ändern, dass einige von ihnen in sich selbst als vernünftig und positiv zu werten sein werden (siehe Punkt 1).

    3. Abgesehen davon scheint es aber doch schon arg konstruiert, dass jedes einzelne der vorgenannten Gesetze nur – oder zumindest vorwiegend – einen bösartigen Zweck hatte oder vor einem bösartigen Hintergrund gemacht wurde. Auch die Leute, die eine verbrecherische Diktatur führen, haben nicht in jedem einzelnen Punkt immer nur böse und destruktive Absichten. Wer den räuberischen Angriff auf Kraftfahrer regelt, der muss das weder aus Menschenfeindlichkeit tun noch dabei primär an Vorteile für den nächsten großen Krieg denken. Er kann auch aus vernünftigen Überlegungen handeln.

    Das Nazi-Reich war abgrundtief böse und verbrecherisch; das vergleichsweise wenige Gute, das es gab, verblasst gegen das Böse; und das Gute wurde oft noch aus bösen Motiven getan und/oder in den Dienst des Bösen gestellt. Das ist völlig klar und unbestritten.
    Das kann man ruhig anerkennen; aber welchen Sinn hat es, in extreme und unhaltbare Behauptungen zu verfallen, wie die, dass schlichtweg und im Wortsinne ALLES, was die Nazis je getan haben, böse war?

    Die Behauptung, dass es unter Hitler auch Gutes gab, ist offensichtlich richtig (wie sollte es auch anders sein?); problematisch ist die suggestive Verharmlosung der Nazi-Zeit, die hier gewöhnlich mitschwingt. Gegen diese Suggestion sollte man sich verwahren; aber man muss dazu nicht der unterliegenden und in ihrem wörtlichen Sinne wahren Behauptung widersprechen…

    Stellen Sie sich vor, jemand sagt über ihre Nachbarin, dass sie „auch nicht gerade die netteste Person der Welt“ sei. Gemeint ist dabei natürlich, dass sie ziemlich unfreundlich sie. Vielleicht sehen Sie das anders und meinen, dass die Nachbarin doch recht nett sei. Dann werden Sie das so sagen, aber doch kaum ernsthaft behaupten, dass sie in Wahrheit eben doch die netteste Person der Welt sei…

  36. @ Kritischer Kritiker:

    Ich schrieb:

    „Stellen Sie sich vor, jemand sagt über ihre Nachbarin, dass sie ‚auch nicht gerade die netteste Person der Welt‘ sei. Gemeint ist dabei natürlich, dass sie ziemlich unfreundlich sie. Vielleicht sehen Sie das anders und meinen, dass die Nachbarin doch recht nett sei. Dann werden Sie das so sagen, aber doch kaum ernsthaft behaupten, dass sie in Wahrheit eben doch die netteste Person der Welt sei…“

    Und jetzt stellen Sie sich vor, dass ein Institut Ihnen folgende Fragen stellt:
    „Stimmen Sie der Aussage zu, dass Ihre Nachbarin nicht die netteste Person der Welt sei? Oder behaupten Sie, dass sie doch die netteste Person der Welt sei?“

    Nicht gerade intelligent gefragt, oder?

  37. Und wie immer lenkt diese Studie und die Diskussion darüber von den Fluchtursachen ab. Denn darüber will niemand reden. Schon gar nicht die Mitte. Schon gar nicht die (neo)liberale progressive Mitte. Die Mitte, die so lange liberal, progressiv und polyglott (sowie asylantenfreundlich) ist, solange nicht die eigenen Privilegien und das eigene Vermögen gefährdet sind. Andernfalls legt sich die „Mitte“ notfalls mit dem Faschismus ins Bett.

  38. Ähm, dazu weiß ich was:

    Stellen Sie sich vor, jemand sagt über ihre Nachbarin, dass sie „auch nicht gerade die netteste Person der Welt“ sei. Gemeint ist dabei natürlich, dass sie ziemlich unfreundlich sie.

    Ja, aber „auch“ bedeutet, jemand anderer im selben Zusammenhang sei höchstens genauso nett oder eher (noch) weniger.
    Zu „es war nicht alles schlecht“: wenn man die Zustimmung zu so einer Parole abfragt, werden die Leute, die die Parole kennen, doch eher nein sagen, weil das genau deren Parole ist. Und Leute, deren Parole das nicht ist, werden vllt. trotzdem „ja“ sagen, aus Trotz oder Naivität oder beidem.
    Tierschutzgesetz gab’s nur deshalb, weil den Nazis manche Tiere wichtiger waren als _die_ meisten Menschen. Prioritäten und so.

  39. Dank dieser Debatte haben wir alle erfahren, dass man solche Studien bestellt, durchführt, auswertet. Im Endeffekt gibt es die Marktwirtschaft und diese politisch-nahe künstliche Branche, die indirekt auf Staatskosten lebt.

    Man konstruiert die Studie so, damit man es später günstig auslegen kann. Die Medien machen mit und generienren weiteren Hype.

    Im Endeffekt schafft hier keiner den wirtschaftlichen Mehrwert. Man verbrennt die Budgets und Steuergelder.

  40. Dass die Studie mit diesen suggestiven Fragen eventuell methodische Mängel aufweist kann ja sein, aber soweit wir bekannt arbeiten sämtliche Meinungsforschungsumfragen auf diese Weise oder nutzen ähnliche Elemente. Der Punkt, dass die SPD von ihren eigenen Versagen ablenken will mag auch Teil dessen sein. Dennoch bringt es nichts, den zunehmenden Rechtsruck, die Verrohung der Sprache – vor allem vorangetrieben durch die AfD – und den weitgehend ausbleibenden Widerspruch zu leugnen oder zu relativieren, denn er ist da und nicht nur in Deutschland.
    Aber das naivste ist zu glauben, wer vom BAMF und seinen angeblich so gut geschulten Mitarbeiter*innen abgelehnt wird sei gar nicht verfolgt. Es haben sich schon genügend Menschen umgebracht, die die Ablehnung erhielten oder abgeschoben wurden. Der prominenteste Fall war einer der 69 Abgeschobenen – über die sich Seehofer zu seinem 69. „freuen“ durfte – erhängte sich kurz danach. Hinzu kommen jede Menge Menschen die Suizidversuche begehen, sich selbst verletzen – bevorzugt mit Rasierklingen im Mund – wenn das Abschiebekommando vor der Tür steht. Das tut wohl niemand, der nicht wirklich verfolgt und dessen Leben bedroht wird.
    Das ist nämlich der eigentliche Skandal, den kein Medium großartig berücksichtigt.
    Zudem gibt es weiterhin Übergriffe, Anschläge auf Unterkünfte oder tätliche Angriffe auf Schutzsuchende. Aber hinterher will´s ja wieder keiner gewesen sein. Auch die AfD behauptet sie sei nicht rassistisch oder antidemokratisch – der Witz des Jahrhunderts

  41. @ Ephraim Tollkühn (#43): Es geht nicht darum, die Verrohung der Sprache etc. pp. zu leugnen oder zu relativieren, sondern sie methodisch sauber zu ermitteln und zu belegen. Das will die Studie (unter anderem). Und jetzt wird hier analysiert, ob das gelungen ist. Eine der Fragen, um die es geht, ist: „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt.“
    Dass auch Asylbewerber, nachdem sie zu Recht ALS ASYLBEWERBER abgelehnt wurden, weil sie (zB) nicht verfolgt werden, als Menschen, denen subsidiärer Schutz zuerkannt wurde, nicht in ihre Heimat zurückkönnen – weil sie vielleicht JETZT verfolgt wären – ist durchaus möglich und passiert ja auch, tausendfach. Aber es war in der Frage oben nach dieser Gruppe gar nicht gefragt.

  42. …….generell ärgert mich die Differenzierung von rechts und links in gut und böse. Rechts ist kapitalistisch und links ist sozialistisch. Man erhält den Eindruck, dass sozialistisch für gut stehen soll und je weiter nach rechts ein Böse daraus wird. Auch demokratisch scheint man nach links zu schieben und je weiter rechts wird dann ein undemokratisch daraus. Mir kommt es so vor, dass die wenigsten wissen von was sie schwätzen. Und nur weil ich in Teilen von unserem Grundgesetz nicht überzeugt bin, wird aus mir kein Nazi. Und anders als die meisten Undemokraten meinen, ist es mein demokratisches Recht zu meinen, dass wir keine weitere Ausländer im Land brauchen. Lasst doch einfach über dieses Thema das Volk abstimmen. Aber das wäre ja rechts, gegen unser Grundgesetz und das Ergebnis vielleicht böse. Alleine die Fragestellung in diesem Artikel ist nicht in Ordnung.

  43. @43, Ephraim Tollkühn

    „Aber das naivste ist zu glauben, wer vom BAMF und seinen angeblich so gut geschulten Mitarbeiter*innen abgelehnt wird sei gar nicht verfolgt. Es haben sich schon genügend Menschen umgebracht, die die Ablehnung erhielten oder abgeschoben wurden. Der prominenteste Fall war einer der 69 Abgeschobenen – über die sich Seehofer zu seinem 69. „freuen“ durfte – erhängte sich kurz danach.“

    Wenn ein Asylbewerber Selbstmord begeht weil er abgeschoben werden soll, oder abgeschoben wurde, ist das ein zweifelsfreier Beleg dafür, dass er im Herkunftsland politisch verfolgt wird? Das überzeugt mich überhaupt nicht.

    Der erwähnte Afghane aus „der Gruppe der 69“ war übrigens ein naher Verwandter eines afghanischen Provinzgouverneurs, der wurde sicherlich nicht politisch verfolgt sondern kam aus rein wirtschaflichen Gründen nach Deutschland. Offenbar beging er Selbstmord, weil er in Deutschland drogensüchtig und kriminell wurde und sich dann nach der Abschiebung für so einen großen Versager hielt dass er seiner Familie nicht mehr unter die Augen treten wollte. Individuell sehr tragisch, aber mit politischer Verfolgung hat die ganze Geschichte absolut nichts zu tun.

    „Hinzu kommen jede Menge Menschen die Suizidversuche begehen, sich selbst verletzen – bevorzugt mit Rasierklingen im Mund – wenn das Abschiebekommando vor der Tür steht. Das tut wohl niemand, der nicht wirklich verfolgt und dessen Leben bedroht wird.“

    Könnte eine alternative Erklärung für dieses Verhalten bei tatsächlich nicht politisch Verfolgten vielleicht sein, dass bei einem solchen Verhalten der Abschiebeversuch abgebrochen wird und damit einstweilen weiter Sozialleistungen vom deutschen Staat bezogen werden können, die viel höher sind als das Durchschnittseinkommen bei Erwerbsarbeit im Herkunftsland?

  44. @44, Nocheinjurist2

    „Dass auch Asylbewerber, nachdem sie zu Recht ALS ASYLBEWERBER abgelehnt wurden, weil sie (zB) nicht verfolgt werden, als Menschen, denen subsidiärer Schutz zuerkannt wurde, nicht in ihre Heimat zurückkönnen – weil sie vielleicht JETZT verfolgt wären – ist durchaus möglich und passiert ja auch, tausendfach.“

    Sind Sie wirklich Jurist? Die Zuerkennung von subsidiärem Schutz gilt als positive Entscheidung über den Asylantrag und ist auch entsprechend in den BAMF-Statistiken, über die wir hier sprechen, erfasst.

  45. Ob man „politisch“ verfolgt wird oder ob man in der Gefahr schwebt, als Kollateralschaden einer Bombardierung zu sterben, ist eigentlich auch nicht dasselbe.
    Die „Frage“ hätte evt. besser heißen sollen: „Den meisten Asylsuchenden droht in ihren Heimatländern keine Gefahr für Leib und Leben.“

    Oder, wenn man der Ansicht ist, die aktuelle Zulassungspraxis bei Asylanträgen sei zu restriktiv, um davon auf die reale Bedrohung zurückzuschließen, warum nicht einfach fragen, ob jemand die aktuelle Zulassungspraxis für zu restriktiv hält? Die Frage nach: „Sollte großzügig verfahren.“ geht ja nur in die andere Richtung.

  46. @ 46: Ja, bin ich, (kurzer Einschub: Der Nickname ist ein ganz alter, den ich in einigen Foren verwende, die „2“ kommt dazu, weil ich eine neue E-Mail-Adresse habe und ich ohne „2“ nicht durch die automatische Sicherheitskontrolle komme.).

    Ich bin aber kein Asylspezialist. Dennoch habe ich verstanden, dass es Asylberechtigte, Flüchtlinge und Menschen mit subsidiärem Schutz gibt. Ob das BAMF das in einem Verfahren feststellt – mag sein. Mein Fehler war, die Worte „Als Asylbewerber“ groß zu schreiben, richtigerweise muss es heißen „Als Asylberechtigter“. Es bleiben ja noch andere Anerkennungen möglich. Ob statistisch etwas zusammengerechnet wird – ja, mag sein, Statistiker bin ich nicht. :-)

    Wer also Interviewter also weiß, dass es mehr subsidiär Schutzberechtigte (keine Verfolgung, aber Flüchtling) gibt als Asylberechtigte (Verfolgung), der kann bei der Ausgangsfrage „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt“ ganz beruhigt mit JA antworten und wird doch etwas in die rechte Ecke gestellt. Aber – das sehe ich als Hauptproblem – wer erfasst diese Frage denn mit all seinen Abgrenzungen (von mir #31 und #44), wenn er vorher schon einige ähnliche, ähnlich schwer abzugrenzende Fragen gestellt bekommen hat?

  47. @49, Nocheinjurist

    Ach ja, iudex non calculat – und bei Anwälten und Staatsanwälten ist es auch nicht viel besser. Ich wiederum bin zwar kein Jurist, kann aber dafür gut Zahlen und Statistiken auseinandernehmen. ;)

    Vielleicht hilft es Ihnen ja, das ganze aus folgender Perspektive zu betrachten: Je nachdem, wie sehr und wie direkt jemand „verfolgt“ wird (und was konkret dazu zählt, ist genau definiert), ergeben sich unterschiedliche Rechtsstellungen nach Entscheidung über den Asylantrag im Jahr 2018:

    Asylberechtigte nach Art. 16a GG („politisch Verfolgte“): 2.841
    keine Asylgewährung nach Art. 16a GG, aber Flüchtlingsstatus nach Genfer Flüchtlingskonvention: 38.527
    subsidiärer Schutz (kein Flüchtlingsstatus nach GFK, aber es droht ernsthafter Schaden, wenn Person in Herkunftsland zurückkehren würde; und ernsthafter Schaden kann sein Todesstrafe, Folter oder ernsthafte individuelle Bedrohung als Zivilist im Rahmen eines bewaffneten Konflikts): 25.055
    auch kein subsidiärer Schutz aber Abschiebeverbot nach § 60 Abs. 5/7
    AufenthG: 9.548
    abgelehnte Anträge („unbegründet“ oder „offensichtlich unbegründet“): 75,395

    Üblicherweise werden diese subsidiär Schutzberechtigten mit zu den, schwammig formuliert, „angenommenen Asylanträgen“ beziehungsweise „positiven Entscheidungen“ gezählt. Wenn Sie die auch noch abziehen (was der Artikel nicht tut und ich in meiner Aufdröselung der BAMF-Statistiken bis jetzt auch noch nie getan habe), dann sind Sie bei noch knapp 40.000 „echten“ politisch Verfolgten oder GFK-Flüchtlingen und einer „Verfolgtenquote“ die für 2018 nicht mehr bei 35% sondern nur noch bei unter 20% aller Antragssteller läge.

    Ihr Einwand ist also etwas, das in den Auswertungen der Statistiken ohnehin schon übliche Praxis ist.

  48. @ Mycroft:

    „Ja, aber ‚auch‘ bedeutet, jemand anderer im selben Zusammenhang sei höchstens genauso nett oder eher (noch) weniger.“

    Wie dem auch sei: Die Aussage, dass die Nachbarin „auch nicht gerade die netteste Person der Welt“ sei, lässt jedenfalls nahezu völlig offen, wie nett sie ist. Sie könnte beispielsweise furchtbar nett sein, etwa die zweitnetteste Person der Welt. Gemeint ist das aber natürlich nicht; gemeint ist, dass sie unfreundlich ist.
    Es kommt oft vor, dass man etwas sagt, was dem Wortsinn nach A bedeutet, aber in Wahrheit offenkundig B meint. Im Fall der Ironie behauptet man sogar das Gegenteil dessen, was man meint.

    Nur macht es dann halt wenig Sinn, jemandem die Alternative zu geben, einer Formulierung, die ihrem Wortsinn nach A behautet, aber tatsächlich B suggeriert, entweder zuzustimmen oder sie abzulehnen.
    Wenn ich zustimme, dass meine Nachbarin nicht die netteste Person der Welt sei, dann kann man das so verstehen, dass ich sagen möchte, dass sie unfreundlich sei. Ich werde aber auch nicht ernsthaft der Negation zustimmen können – dass sie nämlich die netteste Person der Welt sei.

    „Zu ‚es war nicht alles schlecht‘: wenn man die Zustimmung zu so einer Parole abfragt, werden die Leute, die die Parole kennen, doch eher nein sagen, weil das genau deren Parole ist. Und Leute, deren Parole das nicht ist, werden vllt. trotzdem ‚ja‘ sagen, aus Trotz oder Naivität oder beidem.“

    Mit anderen Worten: Wir wissen nicht, warum jemand so oder so antwortet. Ich weiß auch nicht, wie ich antworten würde. Ich würde nicht suggerieren wollen, dass der „Addi“ doch eigentlich ganz okay war, aber es wäre mir auch zu doof zu sagen, dass es absolut gar nichts Gutes an der Hitler-Zeit gegeben haben könne, nicht einmal die kleinste Bagatelle. Vermutlich würde ich die Antwort verweigern – was man dann so interpretieren würde, dass ich mich nicht getrauen würde, meine braune Gesinnung zu zeigen.

    „Tierschutzgesetz gab’s nur deshalb, weil den Nazis manche Tiere wichtiger waren als _die_ meisten Menschen. Prioritäten und so.“

    Wenn sie Tiere so verachtet hätten wie viele Menschen, hätten sie Tiere vermutlich nicht geschützt. Trotzdem hat der Tierschutz wohl nicht direkt mit der Verachtung für viele Menschen per se zu tun. Wenn die Nazis die Menschen höher geschätzt hätten, als sie das getan haben, hätten sie ihre Wertschätzung für Tiere dennoch aufrecht erhalten können. Ihre „Tierleibe“ wäre dann zwar „in Relation“ zu ihrer „Menschenliebe“ gesunken, aber nicht „absolut“.

    Dass das Nazi-Reich abgründig böse war, steht völlig außer frage; nur wie immer im Leben wird man auch hier irgendetwas Gutes finden können, wenn man sucht, und sei es noch so winzig. Nur ist das Gute halt so klein, dass es völlig untergeht im Meer des Bösen…

    „Die ‚Frage‘ hätte evt. besser heißen sollen: ‚Den meisten Asylsuchenden droht in ihren Heimatländern keine Gefahr für Leib und Leben.‘

    Oder, wenn man der Ansicht ist, die aktuelle Zulassungspraxis bei Asylanträgen sei zu restriktiv, um davon auf die reale Bedrohung zurückzuschließen, warum nicht einfach fragen, ob jemand die aktuelle Zulassungspraxis für zu restriktiv hält? Die Frage nach: ‚Sollte großzügig verfahren.‘ geht ja nur in die andere Richtung.“

    Sehr richtig: Klare und kluge Fragen erlauben Antworten (bzw. würden sie erlauben), die man sinnvoll interpretieren kann.

  49. „Nur ist das Gute halt so klein, dass es völlig untergeht im Meer des Bösen…“

    Wobei diese meine Formulierung ja eigentlich auch doof ist. Erstens ist beispielsweise der Tierschutz so klein ja auch nicht. Und zweitens: Selbst wenn die Nazis noch viel mehr gutes getan hätten, blieben sie Menschheitsverbrecher.
    Ein Mann mag ein toller Familienvater und guter Chef und Nachbar sein; das ist nicht nichts. Wenn er aber zugleich ein Massenmörder ist, dann ist er trotzdem kein „guter“ Mensch, auch kein „Mittelguter“.

  50. Nur um nicht missverstanden zu werden:
    Ich bestreite natürlich nicht, dass mögliche „Verdienste“ der Nazis sehr klein sind im Verhältnis zu ihren Verbrechen; ich halte es nur für den falschen Ansatz, in einem solchen Fall „Verdienste“ und „Verbrechen“ überhaupt vergleichend genüberzustellen bzw. das Gesamturteil über Nazis in bedeutsamer Weise davon abhängig zu machen, wie klein genau die „positiven“ Aspekte ihrer Herrschaft ausfallen. Die negativen Aspekte sind hier so überragend, dass sie in jedem Fall ein absolut vernichtendes Urteil rechtfertigen – egal ob die „Verdienste“ der Nazis nun als „winzig“, „sehr klein“ oder „klein“ zu klassifizieren wären.

  51. @ Lutz Schaarschmidt (#50). Ich denke, wir sind bei der Frage, wie wir die Zahlen lesen, gar nicht weit auseinander. Ausgangspunkt meiner „Nicht-Zusammenzählung“ war ja eine relevante Frage aus der Umfrage. Die lautet: „Die meisten Asylbewerber werden in ihrem Heimatland gar nicht verfolgt.“

    Sie lautet also (unter anderem) nicht: „Die meisten Asylbewerber können derzeit nicht mehr in ihr Heimatland zurück. “ Sondern sie fragt nach AsylBEWERBERN und einer VERFOLGUNG. Juristen haben leider die Unart, Worte wörtlich zu nehmen, sie zu definieren und sie damit gegen andere Worte abzugrenzen. Andere „Wissenschaften“ glauben manchmal, sie nehmen einfach ein Wort, das alle benutzen, und dann werden schon alle wissen, was gemeint ist. Auf diesem Umgang mit Sprache auf die Zuordnung von Gedankengut zu schließen, finde ich schwierig.

    Zu den Zahlen: Die BAMF-Zahl zur VERFOLGUNG liegt bei unter 3.000. Auch wenn man unterstellt, das BAMF habe sich bei allen Flüchtlingen nach der Genfer Konvention geirrt, alle Fälle werden durch die Verwaltungsgerichte korrigiert, und man zählt ALLE dazu, dann sind die so ermittelten rund 31.000 immer noch eine Minderheit im Vergleich zur Gesamt-Antragszahl, und zwar keine Minderheit von 49 Prozent, sondern weit darunter.

    Deshalb finde ich es schwierig, Leuten, die die Frage wörtlich nehmen und sie anhand von öffentlich zugänglichen Zahlen zutreffend beantworten, irgendeine Art von Gedankengut zu unterstellen.

    Mir wäre eine andere Betrachtung des Asylthemas eigentlich lieber. Mir wäre es lieber gewesen, dass die deutsche Regierung (damals) sagt: Wir verdienen mit den Waffen, die wir exportieren, Geld, wir mischen uns in den Konflikt ein, und deshalb sind wir auch verantwortlich für die Menschen, die davon betroffen sind. DESHALB müssen wir sie auch aufnehmen. Dann könnte man nämlich politisch vor einem ganz anderen Hintergrund darüber diskutieren, ob es Waffenlieferungen weiter geben soll, in welchem Maß man bei Nato-Aktionen mitmischt, und warum die Gewinne privatisiert werden (bei den Unternehmen ebenso wie den Angestellten), die Kosten aber sozialisiert werden. Als damals die vielen Flüchtlinge kamen, hätte es mir gefallen, wenn sie vor allem in den Orten untergebracht werden, wo die Waffen auch produziert werden, damit die Angestellten einen unmittelbaren Eindruck vom Erfolg ihrer Arbeit bekommen. Und vielleicht braucht man dort ja noch Arbeitskräfte… ? :-/

    Das aber zu benennen, scheint extrem schwierig. Und auch bei einfachen Fragen (s.o.) scheint es schwieriger zu werden, zu sagen, wie es ist, ohne gelabelt zu werden – warum eigentlich?

  52. Danke an Übermedien! Ich hatte mir schon immer gedacht, dass Übermedien ein rechtes Hetzmedium ist. Danke für den Beleg!

  53. @55, Elvenpath

    Ach Gott, dann lesen Sie doch weiter Bento – da sind die Sätze auch einfacher und es gibt mehr Ess-Themen.

  54. @ Elevenpath, 55:

    Wenn Sie jetzt vielleicht noch im Detail begründen würden, welche Aussagen des Artikels konkret für falsch halten und warum: Dann kämen wir von der Gefühlsebene weg zur Sachebene.

  55. @Andrej Reisen
    hat hier definitiv einige Punkte gemacht, die aus sozialwissenschaftlicher Praxis heraus zutreffend sind. Natürlich werden Fragebögen einer Prüfung auf Konsistenz unterzogen. Genauso werden Fragen üblicherweise extern validiert, in dem Korrelationen mit ähnlichen Einstellungen berechnet werden. Und auch wenn einige Kommentatoren aus anekdotischer Evidenz heraus bestreiten werden, dass Menschen, die negative Einstellungen gegenüber Geflüchteten berichten, auch tendenziell negativer gegenüber Juden eingestellt sind, ist das Fakt und in der Wissenschaft durchaus gut erforscht. Auch sollte nicht vergessen werden, dass die gestellten Fragen keine „ja“/“nein“-Fragen sind, sondern Abstufungen zulassen. Gerade dadurch ist es möglich, Tendenzen auszumachen und zu differenzieren.
    Allerdings habe auch ich etwas an den gestellten Fragen zu kritisieren. Mir unverständlich ist, dass sich selbst Fragen ausgedacht wurden, anstatt für die Messung rechtsextremer Einstellungen bewährte und in anderen Umfragestudien vielfach eingesetzte Konstrukte (Zusammenfassung mehrerer Fragen) zu verwenden. Beispielsweise hätte die Rechtsextremismusskala nach Falter und Klein verwendet werden können. Diese wurde auch in der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) verwendet.

  56. Ich hatte mir schon den Artikel auf Spiegel Online durchgelesen, und da kam mir schon der Gedanke, daß die Antworten auf die Fragen doch gar nichts über Fremdenfeindlichkeit aussagen.

    Zum Beispiel wird die Aussage zitiert „Es leben zu viele Ausländer in Deutschland“.

    Dieser Aussage stimme ich zu. Denn ich bin der Meinung, daß das Erlangen der deutschen Staatsbürgerschaft leichter möglich sein sollte. Insbesondere sollte es nicht erforderlich sein, für die deutsche Staatsbürgerschaft eine andere Staatsbürgerschaft aufzugeben. Ich bin der Meinung, daß zu viele Menschen in Deutschland leben, die rechtlich noch Ausländer sind, obwohl sie die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten sollten, also keine Ausländer mehr sein sollten. Also Zustimmung.

    Jemand, der alle Ausländer abschieben will, wird dieser Aussage vermutlich ebenfalls zustimmen. Aber er hat ganz andere Gründe dafür. Was also sagt die Zustimmung zu der Aussage über die Einstellung zu Ausländern aus?

    Dann steht da die Aussage „Die Regierung verschweigt der Bevölkerung die Wahrheit“.

    Auch da muß ich natürlich zustimmen – als rein logischen Gründen. Eine absolute Wahrheit, also „Die Wahrheit“ gibt es nicht. Es gibt Statistiken und Abschätzungen, es gibt Meinungen und Erwartungen. Kein Mensch hat „Die Wahrheit“, auch die Mitglieder der Regierung nicht, das sind ja keine Götter. Also kann „Die Wahrheit“ nur verschwiegen werden, etwas anderes ist gar nicht möglich.

    Was also soll eine Zustimmung zu solchen Sätzen über die politische Einstellung aussagen?

  57. Nun habe ich im Web ein wenig nach anderen Studien gesucht, unter anderem nach der von „EinPolitologe“ angesprochenen Skala von Falter und Klein. Dabei ist mir in Fragelisten ein Punkt aufgefallen, der je nach Quelle in leicht unterschiedlichen Formulierungen wiedergegeben wird:

    – Ohne die Judenverfolgung wäre Adolf Hitler ein großer Staatsmann gewesen.
    – Ohne die Judenverfolgung würde man Adolf Hitler für einen großen Staatsmann halten.

    In beiden Fällen wird eine Zustimmung zu dieser Aussage als eine Verharmlosung des Nationalsozialismus gewertet. Dabei gibt ja nur eine Zustimmung oder Ablehnung zu der ersten Aussage eine die Meinung des Befragten wider, bei der zweiten Aussage geht es um die Einschätzung der Meinung der Bevölkerung.

    Ich hatte vor einigen Jahren mit Geschäftspartnern als Kairo zu tun. Das waren ja durchaus gebildete Leute. Aber sie verbanden mit Deutschland genau zwei Namen: Beckenbauer und Hitler. Und sie waren tatsächlich der Meinung, daß Hitler ein großer Staatsmann gewesen sei.

    Ich habe mich seitdem über dieses Thema auch mit Menschen unterhalten, die öfter man nach Nordafrika oder nach Asien reisen. Und diese bestätigten mir immer wieder, daß der Name „Hitler“ durchaus bekannt und mit Deutschland verbunden sei, man aber ansonsten nichts über Adolf Hitler wisse und deswegen der Meinung sei, dies müsse wohl ein großer Staatsmann gewesen sein.

    Deshalb komme ich zu dem Schluß, daß der überwiegende Teil der Menschen auf diesem Planeten bereits jetzt (also mit Judenverfolgung) glaubt, Adolf Hitler sei ein großer Staatsmann gewesen. Dann wäre dieser Glaube ohne die Judenverfolgung wohl erst recht so. Der zweite Aussage muß ich also objektiv zustimmen, der ersten Aussage dagegen überhaupt nicht.

    Bei der Betrachtung der Fragenkataloge wirkt es aber so, als könnte man die beiden Formulierungen beliebig gegeneinander austauschen – und als wären beide gleichermaßen ein Beleg für eine rechtsradikale Einstellung.

  58. @Daniel Rehbein
    erstmal schön, dass du meinen Kommentar gelesen und dann auch noch nach der Skala gesucht hast. Tatsächlich ist es so, dass beide Frageformulierungen in etwa das selbe messen. Zeigen lässt sich dies beispielsweise dadurch, dass beide Fragen in etwa gleich stark mit der Selbstverortung eines Individuums auf einer Links-Rechts-Skala korrelieren. Schlussendlich ist es für die Bewertung der Frageformulierung ziemlich egal, was der Rest der Welt über Hitler denkt. Diese Frageformulierungen werden speziell so in Deutschland gefragt, wo ein gewisser Kenntnisstand bezüglich Hitler vorhanden ist. Deswegen werden in anderen Ländern auch andere Fragen gestellt.

  59. @ einpolitologe (#59). Was passiert eigentlich genau, wenn es heißt „Natürlich werden Fragebögen einer Prüfung auf Konsistenz unterzogen.“ und später: „Genauso werden Fragen üblicherweise extern validiert, in dem Korrelationen mit ähnlichen Einstellungen berechnet werden.“

    Was meint Konsistenz? Wer entscheidet über Konsistenz? Gibt es eine zweite Instanz, die das Ergebnis der ersten überprüft? Kann ich mich als Befragter an diese zweite Instanz wenden?

  60. @Nocheinjurist2,
    Im Prinzip wird vor der eigentlichen Befragung mit vielen Personen, eine Befragung mit wenigen durchgeführt. Hierbei wird dann auf etliche Faktoren geachtet. Beispielsweise die Verständlichkeit der Fragen oder die Aufmerksamkeit der befragten Person. Insgesamt ist dieser Test im Vorfeld (Pretest) als auch die gesamte Erstellung des Fragebogens ein Forschungsgebiet für sich. Wenn dich die Verfahren zu dem Pretest interessieren, habe ich hier einen Link mit einem ganz guten Text. Ab Seite 35 beginnt der Pretest.

  61. @einpolitologe: Danke. Lade ich mir gern herunter. Muss mir nur noch die Zeit zum Lesen organisieren, gerade stöbere ich im Mueller Report :-). Ich hatte weiter oben schon beschrieben, was ich aus einer soziologischen Methodelehren-Vorlesung vor rund 15 Jahren mitgenommen habe. Da klang das zum Them Fragebogenerstellung ähnlich. Das Wort Pretest in dem Zusammenhang war mir bisher noch nicht geläufig.

  62. @EinPolitologe

    Ich bin jemand, der in Deutschland lebt. Deshalb würden mir also solche Formulierungen vorgelegt, wenn ich an einem derartigen Test teilnähme.

    Ich habe beschrieben, daß ich die beiden Aussagen

    – Ohne die Judenverfolgung wäre Adolf Hitler ein großer Staatsmann gewesen.
    – Ohne die Judenverfolgung würde man Adolf Hitler für einen großen Staatsmann halten.

    ganz unterschiedlich bewerten würde und auch erklärt, warum. Daher können diese Aussagen doch nicht dieselbe Meinung messen.

    Du schreibst „Diese Frageformulierungen werden speziell so in Deutschland gefragt, wo ein gewisser Kenntnisstand bezüglich Hitler vorhanden ist“. In der zweiten Aussagen geht es aber nicht um den in Deutschland vorhandenen Kenntnisstand über die Person Adolf Hitler, sondern um den in Deutschland vorhandenen Kenntnisstand darüber, was Menschen (ohne Einschränkung) über die Person Adolf Hitler denken. In der Formulierung steht einfach nur „man“, das sind alle Menschen, die es überhaupt gibt.

    Ich lebe in Deutschland. Aber ich sehe die Grenze Deutschlands nicht als das Ende der Welt an. Sondern ich sehe Staatsgrenzen als reine Verwaltungsgrenzen. Es sind Verwaltungsgrenzen, die man braucht, um das Zusammenleben von 7 Milliarden Menschen zu organisieren, mehr nicht. Schon alleine deshalb würde ich Fragen, in denen ich beurteilen soll, wie andere Menschen denken, stets auf alle Menschen beziehen und nicht nur auf die Menschen, die zufällig innerhalb derselben Staatsgrenzen wie ich leben.

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