Im Diskursgemetzel: Wieso der Streit um eine Fernsehkritik so eskalierte

An diesem Oster-Wochenende gab es zwei historische Konfrontationen: zum einen die Debatte zwischen dem Philosophen Slavoj Žižek und dem Psychologen Jordan Peterson, zum anderen die Kontroverse zwischen der „Spiegel Online“-Autorin Anja Rützel und der Standupperin Enissa Amani.

Während die beiden Männer in Toronto nach langer Planung in einem sehr sehenswerten Gespräch über identitätspolitische Grabenkämpfe diskutierten, trafen die beiden Frauen eher unfreiwillig aufeinander. Dennoch war ihr Duell nicht weniger vielschichtig, denn zwischen „Spiegel Online“-Artikel, Instastorys und Twitter-Threads entwickelte sich eine gesellschaftspolitische und mediale Kollision, die viel über gegenwärtige Netzwerkdynamiken und digitalen Tribalismus in Zeiten von Entertainment-Blasen verrät.

Plötzlich formierte sich im Kampf einer Künstlerin gegen eine als unfair empfundene Kritik eine Armee, und es stiegen tausende buchstabenspuckende Like-Post-Destroy-Drachen empor, die ihre Königin auf der einen Flanke gegen kopfschüttelnde Kultur-Kolumnen-LeserInnen verteidigten, während die eigentliche entscheidende Schlacht gegen eine hasserfüllte Horde von blau-rechten AfD-Untoten bestritten werden musste. Selbst im Auge des Shitstorms war es schwierig, alle Genrekonventionen dieses Diskursgemetzels zu dechiffrieren.

Die Ausgangssituation

Enissa Amani ist Standupperin. Sie hat einen Migrationshintergrund. Das erwähne ich, weil es für den folgenden Konflikt relevant ist. Über 500.000 Menschen folgen ihr auf Instagram, auch das ist wichtig. Als ehemalige Moderatorin einer Late-Night-Show auf ProSieben und erfolgreiche Comedienne auf Netflix kann man sagen: Sie ist eine Person des öffentlichen Lebens. Derzeit ficht sie außerdem einen Rechtsstreit gegen den AfD-Abgeordneten Andreas Winhart aus, darauf komme ich auch gleich zu sprechen.

Anja Rützel ist Journalistin. Sie ist freie Autorin bei „Spiegel Online“ und schreibt dort bissige Fernsehkritiken, vor allem über Unterhaltungsformate, die als seicht gelten. In der Branche ist sie bekannt und beliebt, aber sie wird sich selbst nicht direkt als Person des öffentlichen Lebens wahrnehmen. In der Netzwelt steht sie, so wie die meisten Journalisten, deren Namen man ab und zu in einem Online-Medium unter oder über Artikeln liest, auf der Schwelle zwischen Öffentlichkeit und Privatheit – auch das ist ist relevant für die gleich folgende situative Gleichung.

Solche Fernsehkritiken über Trash-TV werden gerne gelesen, um das dreistündige Endgame von „Germany’s Next Topmodel“ oder die emotionale Achterbahn von „Temptation Island“ nicht selber rezipieren zu müssen. Durch den im besten Fall unterhaltsamen Kommentar lassen sich diese Formate interpassiv konsumieren, wie der österreichische Philosoph Robert Pfaller sagen würde: durch die Augen eines Vorkosters.

Ein berechtigter Vorwurf an dieser Form ist, dass der Spott nicht nur auf Kosten der Produktion geht, sondern auch die Protagonisten verhöhnt, die dadurch ein zweites Mal vorgeführt werden. Diese Kritik mag bei Casting- oder Reality-Shows berechtigt sein, in denen minderjährige Models oder bildungsferne Alpha-Kerle ein einfaches Humor-Futter sind; kühl kalkulierende Macher wie Heidi Klum oder Dieter Bohlen müssen meiner Ansicht nach auch kritischere Rezensionen über sich aushalten. Die klügeren dieser Kritiken richten sich jedoch in der Regel eher gegen die mediale Anordnung und mindestens gegen den ökonomischen Utilitarismus der Sender.

About who?

Enissa Amani war eine der Laudatorinnen der am Donnerstag ausgestrahlten „About You Awards“, einer von ProSieben ausgerichteten Preisverleihung, die Influencer prämiert. Und auch wenn Ihnen die diesjährigen Gewinner wie Sandra Lambeck, Natasha Kimberly, Sarah Harrison nichts sagen mögen, so ist das für die Branche, die für Sender und Sponsoren einen riesigen Markt darstellt, ein relevantes Event.

Ihre Fernsehkritik über die Preisverleihung verfasste Anja Rützel als Liste der acht unangenehmsten Momente. Punkt fünf:

Jurymitglied Enissa Amani hält einen sehr langen, extrem sonderbaren Vortrag darüber, dass sie sich als Stand-upperin diskriminiert fühlt, wenn man sie „Komikerin“ nennt (und dass sie sich „Nutten“ für ihre Bühnenshow wünscht). Ja, sie kündigt gar an, nach Nicaragua auswandern zu wollen, um dort fürderhin Papayas zu züchten, sollte sie von der Presse noch einmal als „Komikerin“ bezeichnet werden, sofort wolle sie ihre Bühnenkarriere beenden, müsste sie den unsachgemäßen Begriff „Komikerin“ noch einmal über sich lesen, „ich schwöre, ich schmeiß alles hin“, weshalb man sie wirklich auf keinen Fall mehr „Komikerin“ nennen sollte, denn spätestens nach dieser Rede kann einfach keiner wollen, dass wir diese Komikerin an die Fruchtproduktionsbranche verlieren. (Nur nochmal zur Sicherheit: Komikerin.)

Amanis Auftritt beginnt hier ab 41:40:

Also, halten wir fest: eine ironisch schreibende TV-Kolumnistin macht sich über das Stand-up einer Komikerin lustig. Das ist die Ausgangssituation.

Schnuffi und der Feedback-Loop

Diese Kritik hat die Künstlerin Amani offenbar persönlich getroffen. In einer Instastory kritisierte sie deren Unsachlichkeit und machte sie sich zugleich darüber lustig, das Rützel auf ihrem eigenen Instagram-Account vor allem Hundebilder postet, was Amani mit #schnuffischnuff verschlagwortete. Das mag nun alles furchtbar nichtig klingen, aber ich erwähne das nur, weil diese Banalität in einem belästigenden Irrsinn mündete, als Amani-Fans damit begannen, Rützels Posteingang zu fluten – um ihren Hund zu beleidigen.

Amani hatte ihre Fans nicht direkt aufgefordert, Rützels Posteingang zu stürmen oder sie auf ihrem Instagram-Account zu bepöbeln. Allerdings hat ihren Fans empfohlen, ihn sich anzuschauen, hat Fan-Chats dazu veröffentlicht und ihre Follower gelobt, als Rützel ihren Account auf privat stellen musste.

Solch ein bestätigendes Feedback schafft – gerade bei einem Medium wie Instagram – das Gefühl einer Verbundenheit der Fans mit ihrem Idol; eine Atmosphäre, in der Follower aus Solidarität ihren Star verteidigen. Man trägt als Künstler in der Kommunikation mit seiner Fanbase mit dazu bei, wie sich diese verhalten. Wer reposted, wie die Fans einen selbst durch Lob oder Zuspruch validieren, schafft einen Feedback-Loop. Der vermittelt, dass man als Fan durch Treue und Devotismus mehr Aufmerksamkeit erlangen kann, was das Gruppengefühl und die Identitätsstiftung intensiviert.

Solch eine Dynamik ist natürlich die Basis jeder Fankultur. Durch die Form des kommentierten Reposts wird sie allerdings netzwerkdynamisch verstärkt, beschleunigt und buchstäblich visuell sichtbar.

Wie eingangs erwähnt, kämpft Amani aktuell mit dem AfD-Landtagsabgeordneten Andreas Winhart, der durch rassistische Äußerungen auffällt. Der hat Rützels Artikel begeistert geteilt und sich bei ihr bedankt, weshalb Amani „Spiegel Online“ und Rützel aufforderte, sich von Winhart zu distanzieren. Das tat Rützel auch. Jedoch blieb sie beim Inhalt ihrer veröffentlichten Kritik.

Amani forderte eine Entschuldigung für die von ihr so interpretierte Aufforderung, das Land zu verlassen. Weil die ausblieb, beschimpften Fans von Amani Rützel sie als „AfD-Nutte“.

Diskursiver Clusterfuck

Wir erinnern uns an die Ausgangssituation: Eine ironisch schreibende TV-Kolumnistin macht sich über das Stand-up einer Komikerin lustig.

Dank Netzwerkdynamiken und verstärkt durch den Streit mit einem AfD-Funktionär wurde daraus: Diskriminierende, antifeministische TV-Kolumnistin eines verkalkten, klassistischen Mediums, die in ihrem Instagram-Account nur Hunde hat, also offenbar gar keinen Sinn für urbane Popkultur haben kann, fordert eine täglich um Anerkennung kämpfende, sich mit der AfD im Rechtsstreit befindende Stand-upperin mit Migrationshintergrund auf, das Land zu verlassen und macht sich so zum Steigbügelhalter der AfD.

Ergebnis: ein diskursiver Clusterfuck.

Es handelt sich um identitätspolitische Stellvertreter-Konflikte, in denen sich jeder Teilnehmer und Zuschauer mit verschiedenen identitätsstiftenden Aspekten identifizieren kann: Menschen mit und ohne Migrationshintergrund; Menschen, die neue Medien und deren Künstlerinnen feiern, und die, die sie albern finden oder Influencer allgemein kulturpessimistisch betrachten; Menschen, die etablierte Medien vertrauenswürdig finden oder dort arbeiten, und die sie für gelenkt und manipulativ halten.

Medial betrachtet lauten die Fronten zwischen Instagram und Twitter. In beiden Plattformen führen die Lagerbildungen zum Austarieren der Zugehörigkeiten, die sich in einem Knäuel an Solidaritätsbekundungen manifestieren. Es geht um Feminismus und Antirassismus, Journalisten und Humoristen verteidigen ihre Redefreiheit, sogar Hundefans fühlen sich angegriffen – dazwischen loyale Follower und toxische Hater auf beiden Seiten.

Digitaler Tribalismus

Der französische Soziologe Michel Maffesoli argumentiert, dass die gegenwärtige Massenkultur fragmentarisch zerfallen sei. Die Gesellschaftsordnung formiere sich aus verstreuten Stammesgruppen, die unter anderem als Fankulturen um Idole, Marken, Ästhetiken und Sounds organisiert sind. Die neuen und sozialen Medien ermöglichen es, die Risse der Desintegration innerhalb der Gesellschaft sowie tribalistische Dynamiken deutlicher wahrzunehmen.

Der italienische Soziologe und Psychotherapeut Alberto Melucci war der erste, der den Begriff „kollektive Identität“ einführte – und damit den Neotribalismus im Gegensatz zum klassischen Tribalismus, um die Entwicklung neuer sozialer Bewegungen zu verstehen. Bei seiner Definition einer kollektiven Identität sind emotionale Investitionen erforderlich, da sie es dem Einzelnen ermöglichen, sich als Teil einer gemeinsamen Einheit zu fühlen.

Deshalb führen Teilnehmer diese Debatten auch so emotionalisiert: Sie sind mehr als nur professionell oder formal involviert. Diskutanten empfinden es als bedrohlich, wenn Leute etwas blöd finden, was sie gut finden: Weil es die Gruppe, der sie angehören und die Sicherheit bietet, in Frage stellt.

Netzwerke haben zu beispiellosen Möglichkeiten der kulturellen und sozialen Querbeeinflussung und Zugehörigkeiten geführt. Wir bewegen uns in subkulturellen Räumen und hören endlos auf Echos dessen, was wir bereits akzeptieren. So entstehen Online-Tribes, die um eine kollektive Identität organisiert sind. Sie respektieren unsere Individualität und bieten uns einen Schutz durch Zugehörigkeiten, die wir dort für uns selbst geschaffen haben.

Diese neue Form des Tribalismus basiert nicht, wie früher, auf ethnischen, religiösen, ideologischen, geschlechtlichen oder geografischen Kategorien, sondern auch auf Emotionen, auf bestimmten Lebensstilen, Hobbys, Marken, auf Humorgeschmack und Popkultur.

Nutzer sozialer Medien fühlen sich aufgrund unterschiedlicher Lesarten und Vorgeschichten von verschiedenen Dingen angegriffen und nehmen die Dinge persönlich, eben weil sie für sie identitätsstiftend sind. Die Kränkung, die man empfindet, ist gekoppelt mit der Sehnsucht nach kognitiver Kohärenz, Zugehörigkeit und ethischer Orientierung. Das Verteidigen der eigenen Mitgliedschaft wird so zum Ausdruck einer wiederum identitätsstiftenden Selbstbehauptung, die sich aus dem kollektiven Gefühl eines imaginierten „Wirs“ ergibt. Es reicht für das eigene Selbstverständnis nicht mehr nur aus, Teil einer Fanbase, einer Berufsgruppe oder einer Subkultur zu sein. Erst durch das Verteidigen dieser Gruppenzugehörigkeit definiert sich die Zugehörigkeit und das „Ich“ – und das in den sozialen Netzwerken mehr als zuvor.

Wenn Diskussionsebenen kollidieren

Dabei sind mindestens drei diskursive Kollisionen relevant:

1.“Migrationshintergrund“ versus „Unterschiedliche Humorbewertungen Standupperin/Kolumnistin“

In ihrem Stand-up auf den „About You“-Awards meinte Amani: Ein Grund, warum sie keine Comedy mehr machen wolle, sei die Bezeichnung „Komikerin“, welche gerne „von der alteingesessenen deutschen Presse“ verwendet werde. Ihr öffentlicher Aufruf: Wenn man sie erneut so bezeichnet, werde sie alles hinschmeißen, nach Nicaragua gehen und Papayas züchten.

Dieses komische Segment, ein sogenanntes Bit, ist mit dem Stilmittel des Pressing und durch Wiederholungen aufgebaut. Sie regt sich komödiantisch über die deutsche Sprache auf, die den Dingen ihre kosmopolitische Sexyness nimmt. Ihr Ruf: „Alter, es heißt ‚Standupper! Standupper! Standupper!'“ sorgt für eine Dringlichkeit, die dann am Ende durch eine absurde Übertreibung, das Auswandern in irgendein entferntes Land und die dortige Papayazucht, aufgelöst werden und zum erlösenden Lachen führen. Die Pointe ist: Alles ist besser als nochmals mit dem uncoolen und halbkorrekten Begriff „Komikerin“ gelabelt zu werden, selbst Obstanbau in einem tropischen Schwellenland.

Als Anja Rützel die von Amani gebotene Steilvorlage übernahm und sie in ihrem Text dementsprechend ironisch mehrmals „Komikerin“ nannte, war das ein Gag auf Kosten des Gags. Rützel sagte damit eindeutig nicht, dass sie Amani nach Nicaragua abschieben möchte. Nicaragua hat nichts mit Amani zu tun und Papayas sind hier kein Code für irgendwas.

Vielleicht erkannte Amani den genretypischen Sound von Rützel nicht, vielleicht machte sie auch der ständige Kampf mit AfD-Trollen misstrauisch (was ich aus eigener Erfahrung nachvollziehen kann, man wird argwöhnischer). Man könnte aber auch argumentieren, dass Rützel die Genrekonventionen von Amanis Comedy-Bit, urbaner Stand-up mit Egde-Elementen, nicht gelten ließ, indem sie kritisierte, dass Amani das Wort „Nutten“ benutzte, um Tänzerinnen zu bezeichnen. So bedienen sich beide bestimmter Genrekonventionen ihm Rahmen ihrer Arbeit, die die andere nicht dechiffrierte – oder aber dechiffriert hat, aber nicht anerkennen wollte.

Aber hier schrieb eben nicht eine Frau ohne Mirationshintergrund über eine mit, sondern eine Humorkritikerin über eine Humorproduzentin, ohne dass ein strukturelles Machtgefälle zu erkennen wäre.

2. Kollision der Medienzugehörigkeiten: Legacy Media versus New Media

In den USA werden Medien wie die „New York Times“ oder der „Spiegel“ auch als legacy press bezeichnet – als „Vermächtnispresse“. Das klingt, als würden sie heute nur noch als Erinnerung an ein großes Erbe leben. So stellen sich für Digital Natives und Digital Citizens die meisten etablierten Medien dar.

Enissa Amani fungiert hier, insbesondere als Laudatorin der „About You Awards“, als Verteidigerin der neuen Medien. Sie identifiziert sich mit ihnen und bezieht den Spott von Rützel über Influencer auch auf sich. Sie öffnet das Gegensatzpaar Neue Medien / Alte Medien selbst in ihrer Instastory:

„Spiegel Online ist eine Plattform. Um das für die jüngeren zu erklären: Der Spiegel war mal ein Magazin mit einem anspruchsvollen Ruf und ist inzwischen. da sind sich alle Intellektuellen Deutschlands einig, quasi ein Schrott Klatschblatt mit ein paar politischen Alibithemen.“ (sic)

„Aber dann wiederum die Frage, wer außer mir, setzt sich noch routiniert, mit dieser Art von undifferenziertem Geschreibsel auseinander und ist nicht aus der Vorkriegsgenereation.“

Das Narrativ ist gesetzt: Auf der einen Seite der alte, elitäre „Spiegel“, der sich über alles nicht Altgediegene publizistisch lustig macht; das verkalkte Feuilleton, die arrogante Kunstkritikerin, die immer despektierlich ist, sich gerne über bildungsferne Leute mokiert. Auf der anderen Seite die sozialen Netzwerke, die bildlich arbeiten und mit niedrigschwelligen Einstiegsmöglichkeiten Menschen unterschiedlichster Herkunft und Status den Aufstieg ermöglichen – auch und gerade durch Körperlichkeit, ohne dass dies dort abgewertet wird.

Ich verstehe das: Sich über die stereotypisch oberflächlichen Influencer lustig machen, ist ein Privileg, das sich Leute leisten können, die Optionen im Leben hatten und haben; die nicht das Gefühl haben müssen, darauf angewiesen zu sein, durch Schönheit, Sportlichkeit oder Jugendlichkeit oder irgendwie anders am Klassensystem vorbei erfolgreich zu werden. Die neuen Medien vermitteln es, demokratischer und gerechter zu sein. Deshalb sind YouTube, Instagram, TikTok für professionelle wie private Nutzer so identitatsstiftend.

Nur macht das Rützel weder zum Feind, noch zum Vertreter einer elitaristischen Kaste, noch zur Urheberin eines Systems, das es weniger privilegierten Menschen schwer macht, sich hochzuarbeiten.

Rützel behandelt Influencer als ein Ergebnis, nicht als Begründer eines durchkommerzialisierten, durchkalkulierten Preisverleihungsevents eines börsennotierten Unternehmens, dem der gesellschaftliche Aufstieg der einzelnen Jugendlichen herzlich egal ist. In erster Linie handelt es sich bei ihrer TV-Kritik erstmal um die Kritik einer Fernsehsendung und ihrer Oberflächlichkeit.

Die Konfrontation dieser Sphären, der vermeintlichen Kopfmedien und der vermeintlichen Körpermedien, der angeblichen U- und E-Unterhaltung setzt sich nach der Veröffentlichung der Instastory und des Artikels in den sozialen Netzwerken sichtbar fort. Am Ostersonntag und -Montag ist es ein Instagram versus Twitter: Die Fans der Standupperin im Kampf gegen die Autorin mit privatem Hundeaccount, die Journalisten-Kollegen und Presse-Blase auf Twitter im Disput mit der Komikerin.

3. Kollision „Privatperson, die sich in den sozialen Netzwerken privat bewegt, deren Arbeit aber in den sozialen Netzwerken öffentlich ist“ versus „Prominente Person des öffentlichen Lebens, die sich in den sozialen Netzwerken öffentlich bewegt“ und berufskategorischer Konflikt: Künstler versus Kunstkritikerin

Es muss unterschieden werden zwischen einer Kritik einer Kulturkritikerin, die in einem Medium den Rezipienten des Mediums mitteilt: „Diese Arbeit dieser in der Öffentlichkeit stehenden Künstlerin fand ich nicht gelungen“, und einer in der öffentlich stehenden Künstlerin, die ihren Fans sagt: „Diese Person ist blöd/peinlich/gemein“. Gerade wenn man das Medium kennt, gerade aufgrund der vermeintlichen Authentizität und der engen Bindung zu den Followern, muss man sich als prominenter Künstler in den sozialen Netzwerken mit großer Reichweite darüber bewusst sein, welche Netzwerkeeffekte man erzeugt, welche Impulse der Solidaritätsbekundung man freisetzt, wenn man eine semiprivate Person ins Fadenkreuz einer persönlichen Kritik nimmt.

Solche Dynamiken sind toxisch für die Freiheit der Kritik und auch die Freiheit der Kunst. Muss jeder Kunstkritiker jetzt damit rechnen, einen Shitstorm zu ernten, wenn er ein reichweitenstarken Künstler kritisiert, der sich bei seinen Fans darüber beschwert? Andererseits: Müssen Künstler für Ihre Arbeit Kritik von der Journaille ertragen?

Kurze Antwort: Ja. Man kann sein eigenes Schaffen natürlich selbst begeistert loben, wenn man kritisiert wird, aber es bewirkt zumeist das Gegenteil, was die Bewertung der komischen Arbeit angeht. Und mit den Fans zusammen die Dichotomie zwischen gelenkter Presse und neuen Medien aufzubauen, weil die Presse kritisch schreibt, schafft ebenfalls falsche Feindbilder.

Die richtigen Gegner

Letzten Endes – um ein versöhnliches zu finden – sollte man sich bei allen Befindlichkeiten und vergänglichen Streitigkeiten über alte und neue Medien, über jegliche Form von Influencer und Freelancer hinweg, aber doch vielleicht ein Beispiel an der derzeit erfolgreichsten Fantasy-Saga nehmen, die Generationen, Zielgruppen und Schnittmengen vereint. Denn wenn wir eines von „Game of Thrones“ lernen können, dann doch, dass man seine Energie und Kraft vor allem gegen die hellblauen Untoten einsetzen sollte, also gegen die, die tatsächlich wollen, dass eine kritische Presse und Standupperinnen mit Migrationshintergrund aus „ihrem“ Land verschwinden.

44 Kommentare

  1. Sorgfältig zusammengetragen und brillant analysiert. Hier stehen sich Bewohner verschiedener Blasen unversöhnlich gegenüber und verstehen einander nicht. Sie sprechen nicht die gleiche Sprache, obwohl sie die selben Worte benutzen. Sie spielen nicht nach den gleichen Regeln, ohne es zu merken. Und sie teilen sich auch keine gemeinsame Realität, was offenbar auch nicht nötig ist, weil sich das Drama im virtuellen Social-Media-Biotop abspielt.
    Und leider kommt noch das Problem hinzu, dass Protagonisten wie Frau Amani den Unterschied zwischen Bericht, Kommentar, Glosse oder Satire nicht (er)kennen. Das lässt sich auch sehr schön in Amanis Instagram-Story als Entgegnung auf die neueste Micky Beisenherz-Kolumne erkennen, wo dann noch das Phänomen „Autor“ bzw. „Gagschreiber“ zur gänzlichen Verwirrung besagter Komikerin führt.
    Man schaut sich das an, steht kopfschüttelnd und voller Fremdscham daneben und wünscht sich, dass jemand der Komikerin mal das Smartphone wegnimmt und ihr ganz grundsätzlich ein paar Dinge erklärt, die in ihrer (Medien)bildung offenbar zu kurz gekommen sind. Leider haben diese Leute offenbar niemanden, der sie vor sich selbst beschützt.

  2. Ich finde es gut, dass in der heutigen Zeit der sozialen Medien das Verhältnis Journalisten – Personen des öffentlichen Lebens keine Einbahnstraße mehr ist. Man ist als Politiker/Künstler/Sportler nicht mehr verpflichtet von dem Kakao durch den man besonders von den Boulevardmedien gezogen wird auch noch zu trinken.
    Und wenn man starke Batallione aka Follower hinter sich hat, warum soll man die nicht nutzen?
    Natürlich kann Frau Rützel auch weiterhin scharfzüngige TV-Kritiken schreiben. Sie muss allerdings damit rechnen und leben, dass die angegriffenen nicht mehr schulterzuckend zur Tagesordnung übergehen, sondern den Spieß umdrehen. Das halte ich grundsätzlich für legitim. „Was kümmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt“ muss nicht mehr die ratsame Einstellung in solchen Fällen sein. Über die konkrete Ausgestaltung des „Widerstands“ kann man in diesem Fall natürlich streiten, trotzdem bin ich in Team Amani.
    Mein Mitgefühl mit Frau Rützel ob des Shitstorms ist daher nur äußerst rudimentär ausgebildet.

  3. Habe nichts davon mitbekommen, aber konnte die Story dank diesem starken Artikel nicht nur interpassiv (danke für das Wort), sondern ebenfalls relativ objektiv nachvollziehen. Manchmal geht das Temperament mit jedem durch, manchmal sieht man Feinde wo gar keine sind. Frau Amanis Arbeit kann ich sonst gut leiden, nur würde ich mir wünschen, dass Sie den Schaden, den sie mit ihrer Aktion ausgelöst hat, mindestens einsieht und wenn möglich irgendwie versucht, es wieder gut zu machen, sonst bleibt ein drittklassiger Beigeschmack. Einschüchterung, selbst wenn sie ungewollt von der Kette gelassen wurde, ist verletzend und letzten Endes immer ein Gewissenskonflikt.

    Loriot könnte aus Frau Amani, Frau Rützel und dem Winhart eine Szene zaubern, über die man noch ewig lacht.

    Humor ist doch sehr gut, ich lache bei Frau Amanis Witzen wie bei Frau Rützels. Sogar dass der Winhart sofort Kapital daraus schlagen möchte, wie ein vertrocknender Fisch, der dringend eine Ladung Wasser braucht, finde ich noch entsprechend witzig. Bin optimistisch, dass die Meisten das durchschauen. Aber mir vergeht das Lachen, wenn blind um sich geschlagen wird. Zivilisation bedeutet auch zu bestimmen, was geht und was nicht.

    Solange man lacht hat man genügend Distanz. Digitaler Tribalismus (danke für das Wort) bliebe Trivialismus, wenn die Bezugspersonen die Fehde nicht unnötig emotionalisieren. Kalkhofe nennt AKK seit ihrem Karnevalsdilemma beispielsweise Annegret Kampf-Kalauer, das ist lustig.

    Frau Rützel AfD-Nutte zu nennen ist nicht lustig.

    Ich bitte oft um Mäßigung. Mir hat mal ein sehr kluger Freund erklärt, solange man keine fundierte Meinung hat, sollte man lieber neutral bleiben und wenn man wüten will, sollte man lieber kurz an die frische Luft gehen und nachdenken. Differenzierung braucht oft die notwendige Zeit.

    Noch mal Danke für den Artikel, werde meinen Beitrag für Übermedien verdoppeln, hier kommen echt nur lesenswerte Beiträge.

  4. Ich kann mich dem Applaus über diesen Artikel nicht anschließen. Es riecht mir zu sehr nach Positionierung.

    In den letzten Jahren habe ich in Werbeagenturen und Verlagen kaum KollegeInnen getroffen, die irgendetwas Positives über Influencer zu sagen hatten. Man macht sich hingegen lustig über sie oder schüttelt den Kopf zwecks Unverständnis. Die Angst ist greifbar, dass hier ein Berufsstand entsteht, der an den Medien und seinen Angestellten vorbeizieht. Dieser bunte Haufen an Influencern, auch noch meist ohne Abitur oder Hochschulabschluss wird als Bedrohung empfunden. Während Werbeagenturen täglich am rumtricksen sind was Werbebudgets und Kunden anbelangt, lachen diese Influencer mit ihren rasant steigenden Followerzahlen sie aus und sprechen mehr Verbraucher an. Dadurch werden Agenturen und Verlage immer abhängiger gerade von diesen Influencern. Und das tut ihnen weh. Man hat derweilen den Eindruck, das Bildungsbürgertum wolle sich diese Leute auf Distanz halten. Man tritt nach unten.

    Worin der Kick von spiegel.de liegt, sich über Influencer lustig zu machen, die Antwort liegt wohl beim Zielpublikum.

    Ich mag die Texte von Anja Rützel. Aber sie hat schon bessere geschrieben als diesen letzten. Freue mich schon auf ihren nächsten.

  5. Was, bitte, spricht denn gegen „Komikerin“? „Standupperin“ ist jedenfalls ein echter Sprachkrampf.

    Und das hier:

    Sich über die stereotypisch oberflächlichen Influencer lustig machen, ist ein Privileg, das sich Leute leisten können, die Optionen im Leben hatten und haben; die nicht das Gefühl haben müssen, darauf angewiesen zu sein, durch Schönheit, Sportlichkeit oder Jugendlichkeit oder irgendwie anders am Klassensystem vorbei erfolgreich zu werden.

    … halte ich für Sozialkitsch: Der Influencer als heroischer Underdog, der „keine Chance“ habe und dennoch so erfolgreich sei, dass er den als Spott verkleideten Neid der „Privilegierten“ auf sich ziehe. Ich fürchte, das ist eine Folge der verbreiteten Einstellung, auf Analyse und Kritik der Klassengesellschaft zu verzichten und sie stattdessen als „Klassismus“ zu einem Diskriminierungsphänomen zu erklären.

  6. Diese unsouveräne Reaktion auf eine Kritik/Rezension geht gar nicht. Über ein Mindestmaß an Humor sollte man schon verfügen, wenn man als Comedian durch die Lande zieht.

  7. Ach, das ist doch interessant. Da unterhalten sich zwei alte, heterosexuelle weiße Männer, und es scheint eine interessante Diskussion mit größerer Aufmerksamkeit zu werden.
    Aber werden dann endlich mal die Akteure jünger, weiblicher und diverser, beschmiert sich plötzlich das halbe deutsche Twitter gegenseitig mit Kacke. Sagt doch auch was aus – über alle beteiligten.

    Aber wir sollten auch dankbar sein, dass uns wachsame Antifaschisten mal wieder die Augen geöffnet haben, und uns vor einer „AfD-Nutte“ warnen konnten – ein schöner Wiederholungserfolg, nachdem bereits vor kurzem der „AfD-Kuschler“ aufgeflogen ist.

  8. Nachtrag zum Thema „Keine Option außer Influencer werden“: Laut Wikipedia stammt Enissa Amani aus einem gebildeten, linken Elternhaus (Vater Schriftsteller, Mutter Ärztin), hat Abitur, ein Jurastudium begonnen und später Literaturwissenschaften studiert. Ist Ihre These, Amani hätte jenseits von YouTube keine Chancen gehabt, da nicht ein ziemliches Klischee, Frau El Ouassil?

  9. Danke für den Artikel, so langsam scheinen die besonnenen Stimmen wieder durch den Sturm hindurch zu dringen.
    Was ich an der ganzen Sache zumindest ironisch fand, war die Tatsache dass Frau Amani am Ostermontag auf Facebook folgendes gepostet hatte:
    „Papa hat heute Geburtstag und ich möchte ihm einen Geburtstagwunsch erfüllen nämlich immer integer bleiben und den „Mächtigen“ die Stirn bieten.“
    Und sie dabei nicht erkannt hat, dass sobald Frau Rützel privat von ihren Follower attackiert wurde, sie selbst in die Rolle der Mächtigen befördert wurde. Und genau deswegen hätte sie zumindest einmal innehalten müssen, und sich halbwegs kritisch mit ihrer Reaktion auseinandersetzen müssen.
    So what, auch dieser Sturm wird bald vorrübergezogen sein.

  10. Wie es so schön heißt, the internet was a mistake.
    In dem Sinne, keine comedy gold mine für instagrammerin Amani oder sponlerin Rützel.

  11. Amani ist zunächst keine typische Influencerin, sie ist Komikerin (um ganz sicher zu gehen: Komikerin). So, wie sie neulich – ohne Gamerin oder Computerspielautorin zu sein – als Laudatorin beim Computerspielepreis auftrat, so trat sie hier bei einem Influencer-Award auf, hier immerhin in einer Rubrik, mit der sie etwas zu tun hat: Comedy.
    Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sich Amani gegen Verrisse ihrer Arbeit wehrt. Es stimmt ja nicht, dass Künstler und insbes. Komiker da keine Möglichkeiten haben. Welches Medium wäre idealer als der Standup, ein paar treffende Pointen auf Kosten der ach so bösen Presse? Aber Amani sieht diese Möglichkeit offenbar nicht, vermutlich zurecht: Denn sie ist leider nicht besonders witzig. Nutten und Nikaragua waren fast die einzigen Pointen ihres ja ziemlich wortreichen „Standups“ auf der Preisverleihung (immerhin: ich konnte darüber lächeln). Stattdessen nutzt sie den Mob und gibt dabei keine gute Figur ab.

  12. Frank Reichelt – #3

    „Über die konkrete Ausgestaltung des „Widerstands“ kann man in diesem Fall natürlich streiten, trotzdem bin ich in Team Amani.
    Mein Mitgefühl mit Frau Rützel ob des Shitstorms ist daher nur äußerst rudimentär ausgebildet.“

    Zugegeben, ich würde beides irgendwie schräg finden, aber heißt das jetzt, dass sich Ihr Mitgefühl in Grenzen hält, weil man bezüglich der Ausgestaltung des Widerstands geteilter Meinung (und ein Shitstorm auch okay) sein kann oder weil Sie trotzdem (obwohl ein Shitstorm durchaus problematische Aspekte hat) im Team Amani sind?

    Haben Sie sich eigentlich auch nur ein einziges Mal gefragt, was denn NicaraguanerInnen dazu sagen würden, dass deren Menschenrechtssituation dadurch negiert wird, dass Frau Amani witzelt, wegen einer vermeintlich falsch verwendeten Berufsbezeichnung in freien Medien lieber in eine Diktatur leben zu wollen und zudem die dortige Armut damit verhöhnt, dass sie meint, ihren gut bezahlten Job gegen den auf einer Papaya-Plantage einzutauschen?

    Deshalb: #teamfreiheitundgerechtigkeitfürnicaragua

    Und falls Sie sich jetzt fragen, ob das wirklich ernst gemeint ist: Genau das frage ich mich spätestens bei so Sachen wie #teamamani und #teamrützel auch.

  13. Die einzelnen Fraktionen der Identitätspolitik brauchen offensichtlich auch ihre jeweiligen „Influencer“. Wird das genau so gut bezahlt wie Werbung für Coca-Cola?

  14. Wieder ein wunderbarer, interessanter Artikel. Vielen Dank!
    Insgesamt eine sehr gelungene, ausgewogene Analyse, und vor allem mit wichtiger Conclusio. Es wäre zu wünschen, dass sich das Leute öfter vor Augen halten, bevor sie wieder aus nichtigen Gründen im Internet aneinander geraten.

  15. Comedienne regt sich über Begriff „Komikerin“ auf.
    So weit, so unspektakulär, oder?
    Ob man diesen Wunsch nun respektiert oder nicht, ist dann wohl eine Charakterfrage und muss individuell beantwortet werden.

    Weshalb muss man da jetzt einen „etablierte Medien vs. Influencer ohne Abitur“ Konflikt draus machen?

    Mahnung an alle Influencer mit großer Fanbase:
    Eure Worte lösen Taten aus. Denkt darüber nach, was ihr in die Tasten haut, euer Publikum ist radikal auf eurer Seite und hat natürlich immer recht. Das werden andere zu spüren bekommen, auch wenn das vllt. gar nicht eure Intention war. Verantwortung und so.

    @6: Was Sie als Sprachkrampf empfinden, ist hier eher unwichtig, denke ich. Bei sowas steht einem immer nur das eigene Ego im Weg. Mein Standpunkt: Was ist so schlimm daran, auf eine Bezeichnung, die jamend nicht mag zu verzichten? (Anstand, Respekt, etc.). Also zumindest unter Privatleuten sollte das doch wohl möglich sein. Das Wording von Instutionen zu übernehmen halte ich selbstverständlich auch für falsch (in der Migrationsfrage z. B. „Rückführung“, „Ausreisezentrum“, etc.)
    Ihre Kritik zum „Klassismus“ („Is‘ halt so“-Einstellung) wiederum halte ich für absolut richtig. So wird der Status Quo zu ebenjenem.

    Als Fan heftiger Metal-Musik bin ich jedoch guter Dinge: Eine neue Welle sozialkritischen Thrash-Metals steht vor Tür! :)

  16. @10
    Unter „halbes deutsches Twitter“ geht es wohl nicht, wenn ein paar hundert in eine Bubble über irgendeinen ziemlich unbedeutenden Unfug Tweets austauschen.
    Ich würde mal behaupten, der überwältigende Teil der Menschen, die aus Deutschland bei Twitter unterwegs sind, hat von dem Geschehen weder etwas mitbekommen, noch interessiert es ihn. Der wird, so wie ich, nur durch Sekundärberichterstattung wie diese hier, auf solche Nichtigkeiten aufmerksam. Diese Hysterie, die jeden Furz den mehr als 100 Leute teilen, als Netz-Ereignis verkaufen will, ist mir unerklärlich.
    Gut das die Presse noch nicht „drin“ war, wenn wir früher mit hunderten Leuten Flamewars im Usenet führten und keiner eine Newsgroup-Blase auf 80 Millionen hochrechnete und „Ganz Schland zankt sich um Emacs oder Vi“ in jeder Gazette zu lesen war.
    Und Amani ist auch nur eine mäßig begabte Komikerin fürs RTL-Publikum. Who cares.

  17. @ Anderer Max:

    Was Sie als Sprachkrampf empfinden, ist hier eher unwichtig, denke ich. Bei sowas steht einem immer nur das eigene Ego im Weg.

    Eher das Sprachempfinden: Schon die Verkürzung von Stand Up Comedian zu „Stand Upper“ klingt holprig. Mit der deutschen, weiblichen Endung kommt dann noch eine klanglich missglückte Vermischung zweier Sprachen hinzu – vgl. „downgeloadet“.

    Was ist so schlimm daran, auf eine Bezeichnung, die jamend nicht mag zu verzichten? (Anstand, Respekt, etc.). Also zumindest unter Privatleuten sollte das doch wohl möglich sein.

    Im privaten Rahmen: Ja. Aber darum geht es hier nicht, wir sind in der Öffentlichkeit, und da hat Sprache objektiven Charakter. „Komiker“ ist nun mal die gängige (evtl. leicht altbackene) Bezeichnung für Leute, die ihren Lebensunterhalt mit Spaßmacherei verdienen. Nichts Abschätziges ist dabei.

    Ich finde, es zeugt von großer Eitelkeit und Egozentrik, eine für sein Tun gängige Bezeichnung als Beleidigung zurückzuweisen. Um das Argument von Frau El Ouassil umzudrehen: Es ist ein Privileg von Leuten aus dem Show Biz, einen derartigen Umstand um solch eine Lappalie zu machen. Keine Trambahnfahrerin käme auf die Idee, sich lieber urban vehicle transportation managerin zu nennen – und niemand anderes käme auf die Idee, die Bezeichnung „Trambahnfahrerin“ wäre ein Ausdruck von Respektlosigkeit. Es ist schlicht die gängige Berufsbezeichnung.

    Auf meiner Visitenkarte steht übrigens reichlich umständlich „Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Internetpräsentation“. Sie dürfen mich aber auch gerne PR-Fuzzi nennen.

  18. Ich halte ja „Straßenbahnfahrerin“ für die gängige Berufsbezeichnung und „Trambahnfahrerin“ für einen regionalen Sprachkrampf!

  19. Ohne mir den ganzen Krampf selbst durchzulesen, kriege ich hier eine tolle Zusammenfassung. Und ich lege mich mal fest: Wer das eigene Auswandern ankündigt, ironisch oder nicht, darf sich nicht wundern, wenn jemand „Dann mach doch!“ sagt. Und selbst, wenn jemand kein* Komiker* ist, kann etwas Humor nicht schaden.

    *sonstige Geschlechter wie immer mitgemeint.

  20. es wird ständig Respekt von den „Zugewanderten “ gefordert ,leider habe ich noch nicht erlebt das es Respekt gegenüber deutschen und Deutschland gibt Es wird beleidigt und dann soll es Spaß gewesen sein oder der deutsche versteht es falsch.

  21. „Wer das eigene Auswandern ankündigt, ironisch oder nicht, darf sich nicht wundern, wenn jemand „Dann mach doch!“ sagt.“

    Das wurde ja nicht gesagt. Die AfD hat Amanis Ball in eine Stinkbombe verwandelt, Rützel hat einfach nur denselben Ball zurückgespielt. Da hätte man ein charmantes Dribbel draus machen können …

    Und der Denkansatz ist falsch. Wenn beispielsweise jemand sagt „Wenn die AfD hier mal reagiert, wander ich aus.“, dann ist „Geh doch!“ eher die falsche Antwort. Leider muss man mit der Antwort rechnen, aber im Kern ist sie falsch. Da darf man dann auch sagen „Ich find deine Antwort falsch/ verletzend/ enttäuschend.“ Darum ist Kritik an der AfD in diesem Fall (wie eigentlich in jedem) statthaft, an Rützel aber nicht.

  22. Ok, vllt. habe ich doch nicht alles mitgekriegt – der Rützel-Kritik-Ball wurde von der AfD aufgenommen, nicht umgekehrt, oder?
    Jedenfalls:
    Wenn ich wegen der AfD auswandern würde, würde ich das nicht ankündigen, weil ich genau so eine Reaktion erwarte, von AfD-Wählern hauptsächlich.
    Ich kann nicht von etwas enttäuscht werden, mit dem ich gerechnet habe.
    Und wenn mir die AfD „dann geh doch“ sagt, meint die das so, wenn Rützel das tut, wohl eher nicht.
    Klar kann das immer noch verletzend sein, aber wenn ich mit einem Thema anfange, das einen wunden Punkt von mir betrifft, woran könnte das ein durchschnittlicher Mensch dann noch erkennen? Und wenn der das nicht erkennen kann, woher nehme ich das Recht, ihm das zum Vorwurf zu machen?

  23. Wird nicht inzwischen nicht ne andere Sau durchs Dorf gejagt…
    Bei der Bravo: Was macht beliebt?
    Bei Gecko: Denti fühlt sich duselig (ohne Werbung!)
    Bei der Chip wissen: die Geheime Quantenwelt
    bei Phillip die Maus: juhu Frühling

  24. @11:

    Am lächerlichsten finde ich ja, dass die Amani, aus dem besseren Bürgertum kommend, „authentisch urban“ ihre Interpretation des Straßenkanackenslang LARPed und wg. dieser „Positionierung“ nun auch noch gegen angeblich „privilegierte“ Kritiker zu verteidigen wäre.

    Da waren ja Erkan & Stefan authentischer. Und komischer.

    Ich will ihr ja auch nicht völlige Talentlosigkeit vorwerfen; evtl. ist an ihr ja eine Traktoristin, Ärztin oder Datenbankadministratorin verlorengegangen; es gibt ja keinen Anspruch darauf in „irgendwas mit Medien“ für Personality & Labern sehr gut bezahlt zu werden, aber gewisse höhere Töchter scheinen davon überzeugt (worden) zu sein.

  25. Den AfD-Typen absichtlich grob zu beleidigen (komplett mit nachgereichtem „Disstrack“) und mit großer öffenlicher Teilnahme einen Prozeß führen zu wollen, könnte man auch als Promomove sehen (und ist komplett mainstreamkompatibel und beifallerheischend).

  26. „Wenn ich wegen der AfD auswandern würde, würde ich das nicht ankündigen, weil ich genau so eine Reaktion erwarte, von AfD-Wählern hauptsächlich.“

    Vielleicht würde ich mir ja Solidarität von denen wünschen, die keinen Wahlsieg der AfD wollen? Vielleicht würde ich es als Hilferuf verstanden wissen wollen, als Ausdruck von Hilflosigkeit? Vielleicht würde ich es in einen gewissen historischen Kontext setzen, ohne das direkt auszusprechen?

    Ich neige ja auch dazu, Sachen nicht groß anzukündigen, sondern halt zu machen. Aber ich kann in diesem Fall verstehen, dass eine solche Ankündigung (und ähnliche) sinnvoll wäre. Und dass die Reaktion „Dann geh doch!“ darauf eben vor allem FALSCH wäre, ganz egal und absolut unabhängig davon, ob die Ankündigung selbst richtig ist.

    Und nochmal: Rützel hat nie eine Art von „Dann geh doch!“ gesagt, auch wenn du das jetzt schon zweimal impliziert hast. Können wir uns erstmal grundlegend auf Fakten als Basis der Diskussion einigen, bevor wir debattieren?

  27. Rützel hat nicht „Dann geh doch!“ gesagt. Das ist bloß die implizierte Bedeutung von „Wenn noch einmal jemand Komiker zu mir sagt, gehe ich!“ „Komiker!“ Ich betone aber gerne, dass Rützel das – nach allem, was wir wissen – nicht als ernsthaft als Aufforderung meinte.
    Ja, die ganzen Leute, die keinen AfD-Sieg wollen, werden gleich doppelt so wenig AfD-Siege wollen, wenn sie hören, dass ich auswandern würde, weil ich ja so beliebt bin, aber im Prinzip ok. Die Anspielung würden auch die verstehen, die darauf vorher nie gekommen wären.
    Trotzdem würden AfDler „Dann geh doch“ sagen, und ich würde damit rechnen. Das wäre ggfs. ein ungewünschter Nebeneffekt. Und die AfD würde das GENAU so meinen. Und das wäre natürlich FALSCH von ihr.

    Ok, anders. Wenn Rützel etwas sagt, was man leicht als „geh doch“ und mit viel bösem Willen als ernst gemeint interpretieren kann, ist sie auf demselben ethischen Level wie die AfD, die man gar nicht erst zu fragen braucht? Ich denke, nicht.

  28. @20: Nicht jeder findet Anglizismen doof , ich z. B.
    Ich halte diese Forderungen nach Sprachreinheit für groben Unfug – Inwiefern erfüllt „heruntergeladen“ besser den deskriptiven Zweck, als gedownloadet / downgeloadet? Für mich ist das Alles ein und dasselbe. Sprache ist nun mal dynamisch, so what!
    Comedienne oder Stand-Upper ist für mich sogar eher greifbar als „Stand-Up Comedian“ oder „Komiker“. Echt jetzt.
    Und nur das meine ich: Jeder wird da eine individuelle Meinung zu haben, die nicht zwangsläufig mit der Vokabel „Sprachkrampf“ einger gehen muss.
    /unpopularopinion

    Daher bin ich der Meinung, dass man bei sowas generell sein Ego mal runterschrauben könnte (und vielleicht nicht provokativ kommentiert, siehe #14, weil man meint, man ist „im Recht“ und darf das ja, hähä) und einer solchen „Bitte“ einfach nachkommt. (Andere populäre Beispiele: Sinti/Roma, Dunkelhäutige, Muslime).
    Ich will den Scheißesturm den Frau Amani angezettelt hat hier nicht verteidigen, um Jottes Willen und halte die TV Kritik von Frau Rützel für sehr amüsant und zutreffend.

    Um das Thema mal etwas zu abstrahieren:
    „Geflüchtete“ ist m. E. ein viel deskriptiverer Ausdruck für geflüchtete Menschen, als „Flüchtling“ (Denotation „geflüchtet“ ist klar, „Flüchtling“ hingegen müsste erst mal definiert werden) – Dennoch wird „Geflüchtete“ als linkes Ideologiewort verschmäht. Das sind so Konventionen, da kann man durchaus noch mal drüber anchdenken, find‘ ich. Auch was das Thema „Respekt“ angeht, denn „Flüchtling“ will sich von den Geflüchteten keiner gerne nennen lassen (Individuen haben Namen).
    Und wenn Frau Amani sich nicht Fips-Asmussen-like als „Komiker“ bezeichnen lassen will, habe ich da durchaus für Verständnis, auch wenn mein initialer Gedanke ebenfalls war „Mein Gott, wat kann man sich über Quatsch aufregen“.
    Thema Egozentrik: Wer ist egozentrisch, der, der seine Berufssparte genauer definiert sehen will (weil sich da in den letzten Jahren einges getan hat – Von der Babyboomer-Generation gerne über einen Kamm geschoren als „Youtuber“ bezeichnet – Das TV Äquivalent aus den 60ern wäre dann wohl „Fernsehstar“ [ein alter Anglizismus], denn es scheint ja ums Medium zu gehen), oder der, der sich darüber aufregt, ein neues Wort in seinen Wortschatz aufnehmen zu müssen?

    Älter werden sucks, vor Allem weil man die Verhaltensweisen seiner Eltern mittlerweile an sich selbst erkennen kann; z. B. wenn einen „sucks“ im Satz vorher stört.
    Statt sich dem Alters-Hybris, mehr oder gar alles besser zu wissen, als jemand der jünger ist, schaffen wir doch lieber eine ehrliche, respektvolle Kultur des Umgangs mit dem Alter. Jüngere, die von Älteren hören „Kannst du mir mal helfen“ finden ihren Platz in der Gesellschaft sicher leichter, als Jugendliche, die von Älteren darüber belehrt werden, Komiker zu sein, auch wenn sie sich selbst nicht so sehen. Dazu ghehört natürlich die Aufrichtigkeit zuzugeben, dass man nicht mehr bei Allem mitkommt, wenn man älter wird, evtl. gar Hilfe benötigt. Und etwas mehr Besonnenheit gegenüber Jugendlichen, die sich vielleicht nicht bewusst sind, wieviel reale Macht sie mit ihren Followern ausüben können.
    Mein Gott, wir waren alle mal 17 und haben uns über Dinge aufgeregt, über die wir heute lachen. Ich finde es eher besorgniserregend, dass die älteren Generationen da mittlerweile mitmachen, statt einmal müde aus dem Hintergrund zu lächeln. Das wiederum kreide ich der AfD-Empörungskultur an, wonach es en vogue ist, dass jedes noch so kleine Problem zu „weirwerdenallesterben“ hochgejazzt wird – Was außerdem noch zur Folge hat, dass man nicht mehr konstruktiv an einer Lösung arbeitet, sondern den den Status Quo feststellt und die Schuld dafür an den jeweils jüngeren / älteren outsourct.
    Auf Misstände hinzuweisen, statt sie (mit evtl. unbeliebten Konsequenzen) zu lösen, wird nicht reichen.
    So sehr ich die Bertelsmann-Politik des Gerhard Schröder auch gehasst habe: Reformen waren zu diesem Zeitpunkt bitter nötig, er hat sie angegenagen und wurde dafür bestraft.
    Daraus hat die CDU gelernt, einfach so weiter zu machen, wie unter Kohl, da die Sozen es ja eh ausbaden werden und die SPD hat gelernt, dass GroKos sicherer sind, als Reformpolitik.

    Das war ein viel zu langer und unsachlicher Rundumschlag, der nur entstanden ist, weil mein Internet für eine Stunde weg war. Man verzeihe mir bitte.

  29. @ Anderer Max (#32)

    Nicht jeder findet Anglizismen doof , ich z. B. Ich halte diese Forderungen nach Sprachreinheit für groben Unfug – Inwiefern erfüllt „heruntergeladen“ besser den deskriptiven Zweck, als gedownloadet / downgeloadet?

    Für manche hat Sprache nicht nur eine deskriptive, sondern auch eine ästhetische Dimension. Reinheit liegt mir fern, und ich finde Lehnwörter gar nicht grundsätzlich „doof“ – sofern sie nicht um ihrer selbst Willen verwendet werden (wie im Werbe- oder Management-Jargon) und solange sie sich halbwegs in die grammatische Struktur des Deutschen einfügen lassen. Bei „Internet“ oder „Computer“ ist das z.B. der Fall, bei „gedownloadet“ nicht.

    „Geflüchtete“ ist m. E. ein viel deskriptiverer Ausdruck für geflüchtete Menschen, als „Flüchtling“ (Denotation „geflüchtet“ ist klar, „Flüchtling“ hingegen müsste erst mal definiert werden) – Dennoch wird „Geflüchtete“ als linkes Ideologiewort verschmäht.

    Ideologisch ist nicht das Wort selbst, sein Gebrauch kann es aber sein – wenn man es nämlich verwendet, um sich als wahnsinnig kritischer und reflektierter Mensch hinzustellen, während man in Leuten, die weiterhin „Flüchtling“ sagen, schon halb-AfDler oder wenigstens unreflektierte Stumpfköppe sieht. Ich bleibe bei „Flüchtling“, weil ich „Geflüchteter“ für prätentiös und in der postmodern-sprachmagischen Herleitung („starke Subjektposition verleihen“, usw.) für falsch halte.

    Jüngere, die von Älteren hören „Kannst du mir mal helfen“ finden ihren Platz in der Gesellschaft sicher leichter, als Jugendliche, die von Älteren darüber belehrt werden, Komiker zu sein, auch wenn sie sich selbst nicht so sehen. Dazu ghehört natürlich die Aufrichtigkeit zuzugeben, dass man nicht mehr bei Allem mitkommt, wenn man älter wird, evtl. gar Hilfe benötigt. Und etwas mehr Besonnenheit gegenüber Jugendlichen, die sich vielleicht nicht bewusst sind, wieviel reale Macht sie mit ihren Followern ausüben können.

    Schöne Predigt. Kleiner Haken: Enissa Amani ist nicht 17, sondern 33. Und ich bin nicht 70, sondern 43. Altersmäßig also eher großer Bruder als Großvater. Und auch Anja Rützel ist mit 46 zu jung, um Enissas Mama zu sein – es haut schlicht nicht hin, die Sache als Generationenkonflikt zu inszenieren (auch wenn „Die-Alten-verstehen-die-Welt-halt-nicht-mehr“ natürlich ein hübsches Narrativ ist, mit dem sich noch der größte Schmonzes verteidigen lässt, wenn er von jungen Leuten kommt).

    Ich kann mit dieser ganzen Sprechort-Nummer nichts anfangen. Öffentliche Kommunikation kann nur funktionieren, wenn alle Beteiligten auf den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ setzen. Wenn jung und alt, männlich und weiblich, migrantisch und bio-deutsch jeweils derartige Unterschiede beinhalten würden, dass eine Verständigung mittels Argument nicht mehr möglich wäre – ja, dann könnte man das Projekt befreite Gesellschaft aufgeben.

    Zum Glück ist das nicht der Fall. Als Beispiel hier eine Kolumne mit dem schönen Titel „Empörio Amani“ von Mely Kiyak (ich kann jedes Wort darin unterschreiben): https://www.zeit.de/kultur/2019-04/enissa-amani-influencerin-anja-ruetzel-kritik-deutschstunde

  30. Das Problem dieses „Shitstorms“ ist nicht nur der Amani-Fan-Mob oder ihn nutzende Anti-Amani-AfD-Trittbrettfahrer, sondern eine pseudolinke Radikalen-Szene, die mit Inbrust jeden zum Rassisten und Nazi ernennen will: hier nicht nur Rützel, sondern auch noch den Komiker Ruthe und jeden weiteren, der nicht strikt auf ihrer Linie ist. Leute, die in einer seltsamen Sprache mit seltsamen ideologischen Buzzwords hantieren, die Argumente offenbar völlig überflüssig machen.
    Ihr Antirassismus besteht darin, dass man als „privilegierter“ Weißer „Marginalisierte“ natürlich anders behandeln soll, keines falls gleich, wie man einander behandelt. Diesen Widerspruch kapieren sie nicht mal.
    Es wäre kaum minder (als bei der AfD) unerfreulich , wenn diese totalitären Typen mal in Machtpositionen kommen. Da graust mir vor.

  31. Zitat: „Geflüchtete“ ist m. E. ein viel deskriptiverer Ausdruck für geflüchtete Menschen, als „Flüchtling“ (Denotation „geflüchtet“ ist klar, „Flüchtling“ hingegen müsste erst mal definiert werden) – Dennoch wird „Geflüchtete“ als linkes Ideologiewort verschmäht. … „Flüchtling“ will sich von den Geflüchteten keiner gerne nennen lassen.“

    Sie irren gleich zweimal. Jeder Flüchtling lässt sich sehr gern so nennen, weil es nämlich sehr wohl eine Definition für Flüchtling gibt und die ist völkerrechtlich seit 1951 klar festgehalten – mit allen Rechten, die die fast 150 Unterzeichnerstaaten Flüchtlingen zugestehen. Deshalb ist der Status als Flüchtling (nicht als Geflüchteter oder anderen Unsinn) so extrem wichtig. Wer das Wort „Geflüchteter“ benutzt, hat nicht nur wenig Ahnung von der deutschen Sprache, sondern offensichtlich auch nicht vom Völkerrecht – oder er will den Flüchtlingen etwas nehmen, was für sie extrem wichtig ist. Ich arbeite für den Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge und wir bei UNHCR würden nicht einmal im Traum darauf kommen, den Menschen, für deren Schutz wir verantwortlich sind und täglich arbeiten, den schützenden Rechtsstatus als Flüchtling abzuerkennen.

  32. @ 35
    Ihre Ausführungen sind interessant und sicher auch lehrreich, Ihre Schlussfolgerung hingegen ist eher eindimensional und deutet auf wenig ausgeprägte Empathie.
    Die Konnotationen diverser Begriffe ändern sich heute grundsätzlich schneller. Auch Begriffe die in der Gesetzgebung verwendet werden, haben oft im gesellschaftlichen Miteinander eine andere Bedeutung als in der Sprache der Rechtsanwendung.
    So wird heute einerseits im SGB 9 von Menschen mit Behinderung gesprochen, die Versorgungsämter legen den Grad der Behinderung fest, und teilen Ausweise für Schwerbehinderte aus, während andere Gruppen unserer Gesellschaft sich gegenseitig als „behindert“ beschimpfen.
    Deswegen würde ich niemals einen Menschen mit körperlichen Einschränkungen bzw. funktionalen Störungen als „Behinderten“ anreden, obgleich der Gesetzgeber diese Wortwahl verwendet.
    Obwohl ich dieses Wort nicht benutze, käme ich dennoch nie auf die Idee den Betroffenen deswegen ihre Teilhabeleistungen abzusprechen.
    Sie aber werten in einer vergleichbaren Situation den Kommentator ab, indem Sie unterstellen, er würde die deutsche Sprache nicht kennen oder wolle Geflüchteten ihre Rechte aberkennen.
    Wenn ich in ähnliche Klischees gehen wollte, müsste ich jetzt fragen:
    Sie sind dort bestimmt Beamter? Oder zumindest praxisferner Sesself…?
    Ist rethorisch, sie müssen das nicht beantworten.

  33. Nein, ich bin nicht Beamter, sondern arbeite in Kutupalong, dem mit 640.000 Flüchtlingen größten Camp der Erde. Und ja, Flüchtling ist ein Status. „Geflüchteter“ ist nicht nur sprachlich, sondern eben auch rechtlich falsch – auch wenn einige glauben, per Gutsprech anderen Begriffe vorschreiben zu können.

  34. @ JUB 68:

    „…während andere Gruppen unserer Gesellschaft sich gegenseitig als ‚behindert‘ beschimpfen.
    Deswegen würde ich niemals einen Menschen mit körperlichen Einschränkungen bzw. funktionalen Störungen als ‚Behinderten‘ anreden, obgleich der Gesetzgeber diese Wortwahl verwendet.“

    Dass irgendwelche Leute in irgendwelchen Kontexten ein Wort abwertend gebrauchen, bedeutet noch nicht, dass es allgemein eine negative Konnotation hätte.
    Manche Rechtsextremem mögen die Bezeichnung „Jude“ beleidigend verwenden („Du Jude!“) – aber das heißt nicht, dass der Ausdruck „Jude“ deswegen zu meiden wäre.

    Zu fragen wäre in solchen Fällen doch wohl eher, was die Betroffenen selbst und das allgemeine Sprachverständnis sagen!
    Ansonsten gibt man jedem beliebigen vereinzelten Hansel, der sich dazu entschließt, ein Wort in einem bestimmten Kontext herabsetzend zu gebrauchen, die Definitionsmacht über Sprache. Und man ist dann immer getrieben: Denn was ist, wenn nun der nächste Hansel das neue Wort (das Ersatzwort) ebenfalls negativ verwendet? Soll man das dann wieder durch ein neues ersetzen? Und so weiter, während der Hansel sich schlapp lacht?

    „Flüchtling“ ist eine Bezeichnung mit (auch juristisch) etablierter Bedeutung. „Geflüchteter“ weit weniger. Vom wörtlichen Sprachsinn her könnte ein „Geflüchteter“ jeder sein, der mal irgendwann vor irgendwas geflohen ist (auch wenn er inzwischen zurückgekehrt ist oder keinen Flüchtlingsstatus mehr besitzt, etwa weil er in ein anderes Land emigriert ist).
    „Flüchtling“ im Sinne der Genfer Konvention genießen einen besonderen Schutz, „Geflüchtete“ erst einmal nicht. Dies festzustellen ist sicherlich kein Ausdruck mangelnder Empathie.

    Natürlich könnte man den Begriff „Geflüchtete“ im Deutschen etablieren und mit „Flüchtlingen“ gleichsetzen, und vielleicht geschieht das ja auch gerade. Was das allerdings bringen sollte, bleibt rätselhaft. Dass die leicht veränderte sprachliche Form in diesem Fall irgendwelche nennenswerten Vorteile hätte, glaubt wohl nur derjenige, der ein nachgerade magisches Verständnis der Funktionsweise von Sprache besitzt und Sachprobleme selbst dort zu Sprachproblemen stilisiert, wo sie es ganz offensichtlich nicht sind.

    „Die Konnotationen diverser Begriffe ändern sich heute grundsätzlich schneller.“

    Oder sie WERDEN geändert – die Änderung erwächst manchmal nicht spontan aus dem allgemeinen Gebrauch der Sprache, sondern wird von kleinen Gruppen propagiert – ohne dass darin irgendein rationaler Sinn oder wenigstens der genuine Wunsch etwa einer nun neu zu bezeichnenden Gruppierung erkennbar wäre.

    Sonderbar ist auch, dass Sie New Yorker wegen seiner etwas hart formulierte Kritik an Anderer Max schelten, New Yorker selbst jedoch noch stärker angreifen.

  35. Vielen Dank, Samira El Ouassil, für diese sehr sorgfältige und kluge Analyse. Ich mache gerade eine Social Media-Pause, habe die besprochenen Ereignisse diesmal nur – dank Ihres Artikels – „interpassiv“ rezipiert, und bedaure das nach der Lektüre keineswegs: Diese (unvermeidlichen?) Grabenkämpfe im Netz frustrieren mich wahnsinnig.

  36. Damit, dass Frau Amani normale Kritik als rechtsextrem und Migrationsfeindlich bezeichnet hat sie der Sache auch einen Bärendienst erwiesen.

  37. @35: Äh, ja schon klar, dass Flüchtling ein rechtlicher Status ist. Mir ging es ja nur um die Semantik und die Deskriptivität des Wortes an sich.

    @37:
    „„Geflüchteter“ ist nicht nur sprachlich, sondern eben auch rechtlich falsch (…)“
    Rechtlich ja, klar. Sprachlich gibt es kein richtig oder falsch, was ich ja auch mit meinen Aussagen in #32 zu Anglizismen recht deutlich gemacht habe.

  38. @ Anderer Max:

    „Sprachlich gibt es kein richtig oder falsch…“

    Das werden wohl die meisten Deutsch-Lehrer ein wenig anders sehen…

    Allerdings kann Sprache sich natürlich wandeln, und damit auch, was als richtig und falsch gilt.
    Dessen ungeachtet kann etwas der inneren Struktur und Logik der Sprache entsprechen – oder eben nicht. Und ob man irgendjemandem einen Gefallen tut, wenn man statt „Flüchtling“ „Geflüchtete(r)“ sagt – sei es den Menschen oder der Sprache -, erscheint eben als höchst zweifelhaft:
    https://vom-fluechtling-zum-buerger.org/2017/10/warum-wir-fluechtlinge-schreiben-und-nicht-gefluechtete/

    Was ich traurig finde ist, dass offenbar viele Leute auf jeden Zug aufspringen, wenn er nur ein „gutes“ Etikett abbekommt. Eine ernsthafte Prüfung, ob es vernünftig ist, auf den Zug aufzuspringen, findet dann offenbar nicht mehr statt.

  39. Man kann als „Biodeutscher“ vielleicht nicht immer nachvollziehen, dass dieses Thema von wegen das Land verlassen usw. bei Menschen mit Migrationshintergrund einen wunden Punkt trifft, oder alte Wunden wieder öffnet.

    Wahrscheinlich hat Frau Amani schon des Öfteren Diskriminierung in ihrem Leben als Kind oder wann auch immer und Fremdenfeindlichkeit erfahren müssen.

    Denn es gibt ja durchaus fiese Attacken auf Sie auch heute noch da bin ich mir sicher. Daher hat sie den Artikel evtl. darauf bezogen, ich denke die beiden sollten sich mal treffen dann könnten Sie es bestimmt klären, ich denke beide sind doch sehr kluge Frauen und ich kann jede Position verstehen.

    Denn im Streit der beiden klugen freut sich doch nur ein Andi, wenn man jetzt auch noch die tollen Künstler, Journalisten usw. dieses Landes gegeneinander aufhetzt. Es reicht doch wenn sich Künstler, Journalisten etc. mit den Andis dieses Landes streiten…

    Den obigen Artikel finde ich super aber auch echt lang :)

  40. Einfach nur großartig in jeder Beziehung. Und man würde sich wirklich wünschen, dass Frau Amani und Frau Rützel mal zum Heißgetränk treffen, am Besten unter Moderation von Frau El Ouassil

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