Youtube ist ’ne Shopping Mall: Eine Kritiker-Kritik-Kritik

marie_kritik

Lange hat Youtube-Deutschland die Chancen gefeiert; Youtube als öffentlichen Raum gesehen, der im Gegenteil zu klassischen Medien ohne Gatekeeper scheinbar jedem die Möglichkeit gibt, diesen öffentlichen Raum zu bespielen, zu gestalten und – anders als bei den „Einbahnstraßen“-Medien – auch zu kommentieren.

Doch das ist eine Illusion. Youtube ist kein öffentlicher Park. Kein öffentlicher Raum. Youtube ist vielmehr eine Shopping-Mall. Der Ort Youtube ist gewinnorientiert. Google hält sich hier kein Museum, welches Youtuber mit ihren Bewegtbildern schmücken. Oder einen für alle zugänglichen Park, den hippe Onlinekinder mit urban gardening bepflanzen können. Sondern eine Firma.

Und bei der geht es – um bei der Shopping-Mall zu bleiben – viel mehr um das Shopping als Erlebnis, als Event, als um das Produkt, das geshoppt wird. Man trifft sich samstags in der Mall, flaniert durch den Konsumtempel und vergisst, dass man eben nicht in einem öffentlichen Raum unterwegs ist, sondern in einem privaten. Dessen Spielregeln bestimmt der Eigentümer. Und kein öffentlicher Diskurs. So wie bei Youtube auch.

Also – könnte man argumentieren – ist die Kritik an dieser Youtube-Shopping-Mall und an den anderen Youtube-Kollegen (Ladenbesitzern) völlig unangebracht. Solang jeder die Spielregeln befolgt, die Youtube vorgibt, dürfen sich alle frei in ihrem Geschäft entfalten und tun, was sie wollen.

Soll doch jeder verkaufen, was sich verkaufen lässt. „Gut ist, was gut läuft!“ Und damit es läuft, darf jeder tun, was er für richtig hält. Wem das Geschäftsmodell des Nachbargeschäfts nicht passt, der soll es doch erstmal selbst besser machen. Oder ist neidisch auf dessen Erfolg. Oder soll sich besser auf sich konzentrieren. Oder einfach mal Urlaub machen, reisen und sich auf das Wesentliche besinnen. Einfach nicht so kritisch sein, sich nicht so anstellen und seinen Kollegen so asozial in den Rücken fallen.

Wen kümmert es, wenn der Ladennachbar schwule Kunden beleidigt?

Wen kümmert die sexistische Werbung der Kollegen?

Wen kümmert es, wenn Kunden belogen werden?

Mich.

Denn noch steht die Youtube-Shopping-Mall in unserer Stadt. Ist Teil unserer Gesellschaft, und diese mitzugestalten – auch durch Kritik – ist nicht asozial. Sondern das Gegenteil. Der Feind sozialer Gesellschaften ist nicht der Kritiker, sondern der Egozentriker, der sich nur mit seinem eigenen Scheiß beschäftigen will. Und der all jene, die mit Biss, Ironie oder einfach nur klaren Worten Missstände ansprechen, für eine lästige, nervige und hassgetriebene Zicke hält. Für mich ist jede Form der Öffentlichkeit auch immer ein Raum für Meinungsbildung, Meinungsäußerung und für Debatten über gesellschaftliche Probleme. Dies zu tun und damit auch immer wieder gesellschaftliche Werte der Szene zu verhandeln, ist für mich eine absolute Selbstverständlichkeit.

Zum Glück bin ich damit nicht alleine.

Derzeit wird über vieles von vielen auf viele Arten diskutiert.

Und doch scheint ausgerechnet die Szene, die sich selbst auf die Fahnen schreibt, keine Einbahnstraße zu sein und die alten Medien für ihren mangelnden Austausch mit den Zuschauern und deren Kritik belächelt, besonders schlecht im Umgang mit kritischen Kommentaren und inhaltlichem Feedback zu sein.

Und so wird er zur Farce. Der wohl meist gesagte Satz der Plattform über all die Jahre:

„Schreibt es in die Kommentare!“

Wie diese Läden, die einen neuerdings alle bitten, ihnen online eine Bewertung dazulassen. So ein Quatsch. Als ob die irgendeine Bewertung haben möchten. Was sie wollen, ist eine gute Bewertung. Und das ist auch voll in Ordnung. Wir alle wollen unterm Strich für das, was wir tun, Anerkennung, Aufmerksamkeit und Lob.

Aber wer immerzu auf Knopfdruck gelobt wird.

Auf Zuruf geliked.

Der vergisst, dass er im Neonlicht einer Shopping Mall steht.

Und nicht im Museum.

9 Kommentare

  1. Wenn physische Läden nach Bewertungen fragen, bin ich immer eher besorgt, dass sie das nur zur Überwachung ihrer Mitarbeiter nutzen und in Disziplinargesprächen die Wutanfälle von leicht reizbaren Leuten aus den Onlineumfragen als Beleg anwenden wollen – das fühlt sich nochmal wie eine andere Anwendungsform von Kritik an. Als ob man als Kunde von den HR-Verantwortlichen gegen das Kassenpersonal ausgespielt wird.

  2. Der Kommentarbereich unter Youtube Videos ist Gesetzloser Raum. Was da teilweise an Shitstorms, Beleidigungen, Trolling abgeht, das glaubt Ihr garnicht. Es gibt zahlreiche Youtuber welche diesen Bereich komplett gesperrt haben, weil sie kein Bock mehr auf das gehate haben. Und Ihr nennt es freundlich „Kritik“ ?

  3. Wie auch in einer Shopping Mall gibt es es bei Youtube ebenfalls Geschäfte, die ich scheiße finde. Weder mag ich Gucci noch Sami Slimani. Ich bin kein Freund von Primark und auch keiner von LeFloid. An „Oh Angie!“-Fressketten gehe ich genauso vorbei, wie ich es vermeide, Videos von Monami Frost anzuklicken. Einfach weil es mich nicht interessiert. Und es ist eigentlich ganz einfach, dem zu entgehen.

    Wenn mich jemand dauernd auffordert, ihn bei Facebook zu liken, damit ich mit etwas überhaupt ansehen kann – dann schaue ich da künftig nicht mehr rein. Wenn jemand jedes Video mit „dann gebt mir einen Daumen hoch“ abschließt, dann entscheide ich mich unabhängig davon, ob mir das Video gefallen hat. Und wenn Marsimoto auf einem Konzert alle zwei Sätze sagt „Ich will eure Hände sehen“, dann gibt es genau eine Sache, die ich nicht tun werde.

    Ganz unabhängig davon bietet youtube aber – ebenso wie eine Shopping Mall – tolle Dinge: Ich kann mir ganz zwanglos so ziemlich alle Folgen von „How it’s made“ anschauen, es gibt den herrlichen Angry Video Game Nerd und das lustige Juliens Blog, durch dessen Rapanalyse ich auf den genialen Alligatoah aufmerksam geworden bin. Und für ein Jahr gab es auch das herausragende TriggerTV – aber davon hast du sicher schon gehört.

  4. WTF?, nur um den passenden Terminus zu verwenden.

    Youtube soll angeblich kein öffentlicher Raum sein, Youtuber wollen angeblich kein Feedback sondern nur „eine gute Bewertung in den Kommentaren“, und überhaupt haben alle dort einen schlechten Umgang mit kritischen Kommentaren und inhaltlichem Feedback. Im Vergleich zu den Mainstreammedien … Srsly? I call bs.

    Kein Wort über shitstorms, paid reviews und den hundert andern Dingen die bei youtube im Moment falsch laufen. Oder die zur Abwechslung mal was Positives, wie die enormen Vorteile, z.B. OCW, die wir zu einem großen Teil dem Phänomen Youtube zu verdanken haben.

    Mehr solcher sinnbefreiter Kolumnen und ich werde mein Abo enttäuscht beenden.

  5. Wer, wann, wo, warum will angeblich keine Kritik. Ich weiß Belege sind eher gestrig, dennoch wären genau diese schön, so bleibt der Text eine Anekdote ohne Mehrwert

  6. Ich verstehe diesen Artikel nicht. Was hat die Tatsache, daß Google eine gewinnorientierte Firma ist, damit zu tun, wie die Menschen, die bei der Google-Platform Youtube ihre selbstgedrehten Videos publizieren, mit Kritik umgehen?

    Wäre der Umgang mit Kritik ein anderer, wenn die Menschen ihre selbstgedrehten Videos statt dessen über Filesharing (z.B. mit dem Edonkey2000-Protokoll) verbreiten würden? Oder wenn jeder seine Videos auf seinem eigenen Server hosten würde? Oder wenn die Videos in Binary-Groups im Usenet publiziert würden?

    Das Usenet ist nicht gewinnorientiert, das Usenet ist keine Shopping-Mall. Das Usenet ist ein öffentlicher Raum. Es ist ein öffentlicher Park, der von seinen Benutzern nach Belieben bespielt werden kann, um mal in den Analogien der Autorin zu bleiben. Wird deswegen im Usenet besser miteinander umgegangen? Finden im Usenet keine Beleidigungen von Lesben und Schwulen statt?

    Man muß doch nur mal in Newsgroups wie z.B. de.alt.soc.lesbischwul, de.talk.liebesakt oder de.soc.subkultur.bdsm hineinsehen, um zu sehen, was in dieser völligen Freiheit des öffentlichen Raums an kruden Inhalten, Beleidungen und Verleumdungen geschrieben wird. Die Welt wird doch nicht dadurch besser, daß eine Platform einfach nur frei und nicht-kommerziell ist!

    Ich stand lange Zeit Youtube sehr kritisch gegenüber, weil die Benutzung von Youtube zwingend ein Plugin für das prorietäre Flash-Format erforderte, was gar nicht zu dem Grundgedanken des Internet als offenes System mit dokumentierten Protokollen und Dateiformaten passt. Aber mittlerweile kann man Videos auch mit HTML5 ansehen, und es gibt Youtube-Apps für Smartphones.

    Noch 2014 habe ich Videoschnipsel in AVI-Dateicontainern auf der eigenen Homepage selbst eingebunden. Da bekam ich aber einige Rückmeldungen, daß Menschen die Videos nicht sehen konnten. 2015 habe ich dann angefangen, Videos bei Youtube hochzuladen, damit ich mich nicht mehr um Dateiformate kümmern muß, und damit ich die Videos recht einfach auf meinen Webseiten einbinden kann.

    Gehe ich jetzt anders mit Kritik um, weil ich mich nicht selbst darum kümmere, meine Videos in den für die Anwender passenden Formaten auszuliefern, sondern ich diese Aufgabe an den gewinnorientierten Anbieter Google ausgelagert habe? Daß die Videos auf meiner Homepage bei Youtube gehostet werden, sieht man ja lediglich an dem kleinen Youtube-Logo unten rechts, am Inhalt ändert sich doch überhaupt nichts. Wieso stehe ich jetzt „im Neonlicht einer Shopping-Mall“?

  7. Der Kommentar über mir….

    Da haben wir einen Intellektuellen ohne Leben gefunden.
    Krass wie viel Zeit er sich für sowas genommen hat…
    sowas nenne ich “überkritik“, man muss es doch nicht so übertreiben.

  8. @ 7 Alex Torano: Stimmt. Es ist doch so viel einfacher, Kommentarspalten mit Plattitüden zuzumüllen. Erstaunlich, daß das nicht jeder macht, gell?

  9. Ist das Übertreibung, wenn ich zu einem Artikel, dessen Argumentation sich mir nicht erschließt, Fragen stelle? Soll ich mir nicht die Zeit nehmen, Fragen zu stellen, Fragen zu formulieren? Es gilt doch immer noch der alte Grundsatz „Wer nicht fragt, bleibt dumm“.

    Ich haben den Artikel aufmerksam gelesen, aber seine Sinnhaftigkeit erschließt sich mir nicht. Deshalb stelle ich in meinem Beitrag ja eine ganze Reihe von Fragen. Und ich erkläre, warum sich mir diese Fragen aufdrängen. Ich veröffentliche ja selbst auch auf Youtube, deshalb bin ich von diesem Artikel ja auch irgendwie mitgemeint. Gerade deswegen möchte ich gerne verstehen, was der Artikel mir nun eigentlich sagen soll. Deshalb stelle ich Fragen.

    Bin ich denn der einzige, der bei diesem Artikel Verständnissschwierigkeiten hat? Haben alle anderen den Artikel verstanden? Dann müsste es doch für jeden der anderen Mitleser ein leichtes sein, die verschiedenen Fragen, die ich in meinem Kommentar stelle, zu beantworten.

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