Schrödingers Enten

Ich kann es nicht diplomatischer sagen: Ich hasse den 1. April.

Ja, ich gehöre zu den vergnügungsfaulen Spaßverweigerern, die Ihnen auch den Valentins- und den Muttertag kaputt nörgeln. Aber als Zeitungs- und Internetbeobachterin und als Kommunikationswissenschaftlerin triggert mich der 1. April auf eine ganz besondere Weise. Alle Informationen, Meldungen und Anekdoten, die Sie und ich heute hören werden, müssen wir auf einer Glaubwürdigkeits-Skala von 1 bis Münchhausen bewerten, um zu erraten, wie fake sie sein könnten. Das nervt.

Die liebste Nun-sei-mal-nicht-so-Schutzbehauptung der journalistischen April-Jecken ist natürlich, dass die Streiche ja so albern und überzogen seien, dass jeder halbwegs medienkompetente Bürger sie als solche erkennen würde. Damit stellt sich für mich dann die Frage, was der ganze Quatsch überhaupt soll. Warum wollen Sender und Zeitungen unbedingt einen Tag haben, an dem sie genau das Gegenteil von dem machen, wofür sie sonst eintreten? Wahrhaftigkeit und Richtigkeit sind die Währung mit der Journalisten handeln, warum sollte man sich freiwillig einem Tag hingeben, bei welchem man absichtlich mit Falschgeld operiert?

Der Soziologe Jonathan Wynn erklärt die Bedeutung der einmal pro Jahr gestatteten Streiche als Ausbruch aus den starren Konventionen und vor allem als Umkehrung der Hierarchien, die eine ritualisierte Pause der Normen der gesellschaftlichen Ordnung darstellt.

Nur: warum sollten Medien- und Verlagshäuser unbedingt Rezipienten in die Pfanne hauen wollen? Warum das Bedürfnis den Leser oder Zuschauer mal so richtig reinzulegen? Sind wir so schlimm, dass Medien dieses Narren-Ventil brauchen?

Januar, Januar!

Die Geschichte medialer Aprilscherze hat einige amüsante und auch selbstironische Stunts hervorgebracht, die ihre Lustigkeit aber genau dadurch verlieren, dass sie durch ihre kalendarische Vorhersagbarkeit mehr wie ein verordnetes Schmunzeln anmuten. Denn als ein medialer Versuch, aus der Form zu fallen oder gar anarchisch zu sein, sind Aprilscherze so überraschend und lustig wie „Dinner for One“.

Selbst die Geschichte des 1. Aprils ist laut des „Museum of Hoaxes“ eine einzige Ente. Gemeinhin führen Forscher die Tradition auf einen Kalender-Wechsel im Mittelalter zurück: Der Jahresbeginn wurde von Ostern oder dem 1. April auf den 1. Januar verlegt. Diesen Wechsel hätten Menschen entweder nicht mitbekommen – im 16. Jahrhundert verbreiteten sich Informationen offenbar nicht ganz so schnell – oder sie verweigerten sich der Kalenderreform an sich. Wer den Jahresbeginn also laut neuer Rechnung drei Monate zu spät beging, wurde verspottet.

Diese Theorie halten aber viele für Quatsch, da bereits 1392 in den „Canterbury Tales“ von Geoffrey Chaucer der 1. April als Tag der Albernheiten erwähnt wird. Die Geschichte des 1. April ist also im Geiste des Tages selbst eine faux histoire.

In der Mediengeschichte gibt es eine lange Tradition medial vermittelter Aprilscherze. Ein Klassiker ist die Spaghetti-Baum-Ernte der BBC. Am 1. April 1957 sendete der britische Sender einen Beitrag über die Spaghetti-Bäume in der Schweiz, in dem Erntehelferinnen porträtiert wurden, die einzelne gekochte Spaghetti vom Baum pflücken, um sie in ihre Weidenkörbchen zu legen. Nicht wenige Zuschauer riefen beim Sender an, um solch ein Pasta-Bäumchen zu erwerben.

Ein anderer, ebenfalls von der BBC produzierte Prank waren die fliegenden Pinguine:

Wie groß der Aufwand war, der dafür betrieben wurde, zeigte das Making-of:

Im deutschsprachigen Raum haben die „Tagesthemen“ eine stattliche Sammlung alljährlicher Scherz-Enten, wie zum Beispiel die Sammlung aller „Brennpunkte“ auf DVD:

Den Anfang macht die Sonderserie „Vier Jahreszeiten“ mit den DVDs „Kälte im Winter“, „Pollen im Frühjahr“, „Hitze im Sommer“ und „Sturm im Herbst“. Sukzessive sollen dann die Highlights der letzten Jahrzehnte folgen.“

(Ok, hier hab ich wirklich gelacht.)

Für heftige Publikumsreaktionen sorgte auch die Meldung, dass die „Tagesthemen“-Melodie nicht mehr vor jeder Ausgabe des Nachrichtenformats live vom behaupteten Orchester, sondern fortan vom Band eingespielt werde. Das hat Zuschauer besonders entrüstet, denen die gefeuerten Musiker leid taten.

Und gar nicht mal so abwegig ist die erfundene Nachricht, dass David Hasselhoff sich in diplomatischer Mission in Nordkorea befindet:

Hasselhoff habe die Mission selbst vorgeschlagen, nachdem er erfahren hatte, dass Nordkoreas Machthaber Kim Jong-Un Fan seiner Fernsehserie „Baywatch“ sei.

Der neue mediale Teich

Foto: Manfred Richter

Um fair zu bleiben: Meine Aversion gegen die lustig gemeinten Enten liegt nicht nur an den Enten selbst, die ja offensichtlich mit einigem Aufwand hergestellt werden; sie ist gekoppelt an ein Unbehagen über den medialen Teich, in dem diese heute baden werden: In einem Umfeld, das von Angst und Unsicherheit in Bezug auf Fake News geprägt ist und von einem generellen Glaubwürdigkeitsverlust der etablierten Medien, ist es vielleicht nicht das Sinnvollste, sich einen Partyhut aufzusetzen und laut „APRIL APRIL alles ERFUNDEN!“ in die Medienlandschaft zu tröten. Zumal die Realität an und für sich schon ohne Ausgedachtes wie ein Aprilscherz anmutet *hust* Trump *hust* *hust* Bolsonaro *hust*.

Jede Konfusion, die durch einen Hoax hervorgerufen wird, wird durch die Netzwerkdynamik wie mit einer Vuvuzela verstärkt. Das erlebte die „Neue Osnabrücker Zeitung“, die traditionell immer zum Jahreswechsel (so als wollten sie dem gregorianischen Kalender zuvorkommen) Scherzartikel veröffentlicht – ein Umstand, der spätestens jenseits der Auslieferungs-Grenzen der Printausgabe unbekannt ist. Als sie also Silvester behauptete, nun sollten die Autos im Karussell abgeschafft werden, um ein Zeichen für mehr Nachhaltigkeit zu setzen, war der Sturm im digitalen Ententeich programmiert.

Futter für die Fake-Forschung

Für eines sind Aprilscherze aber dennoch gut: Sie helfen Forschern, Fake News zu erkennen. Edward Dearden und Alistair Baron von der Lancaster University haben auf Grundlage der Falschmeldungen ein Raster entwickelt, das ihnen erlaubte, böswillige Enten als solche zu enttarnen. In ihrer Veröffentlichung „Fool’s Errand: Looking at April Fools Hoaxes as Desinformation through the Lens of Deception and Humour“ erklären sie:

April-Scherze sind hilfreich, weil sie eine überprüfbare Stichprobe betrügerischer Texte liefern, die uns erlauben, die sprachlichen Techniken auszumachen, die ein Autor benutzt, wenn er Fiktives als echte Fakten tarnen will. Durch den Vergleich der April-Scherze und der Fake-News-Stories bekommen wir ein besseres Bild von der Sprache, die benutzt wird, wenn man Desinformationen verbreiten will.

Der auf den April-Witzen basierende Algorithmus kommt auf einen Trefferquote von 65 Prozent beim Erkennen von Fehlinformationen.

Ich verstehe, dass es verlockend sein muss, eine Ausrede zu haben, um mit dem noch so absurdesten und frechsten Clickbait davon zu kommen, weil „hey ist doch nur Spaß“. Aber wenn die Scherze nicht schon vorher albern waren, so sind sie spätestens seit der Möglichkeit digitaler Eskalation mindestens problematisch. Die nachrichtliche Wirklichkeit hört am 1. April nicht auf zu existieren, weshalb auch zutreffende Meldungen sich dem Verdacht ausgesetzt sehen, erfunden zu sein – bis sie am 2. April nicht dementiert werden. Lohnt sich der Lacher für diesen Zustand informationeller Schrödingers Ente?

Genauso wenig wie sich ein Chirurg einmal pro Jahr ironisch einen Kunstfehler erlauben sollte, nur um sich mal ein Späßchen zu gönnen, sollten Nachrichtenproduzenten das absichtliche Verbreiten von Quatsch anstreben. Dafür gibt es doch den „Postillon“, den „Gazetteur“ und Roland Tichy.

6 Kommentare

  1. Postillon macht doch schon seit 147 Jahren keine Aprilscherze mehr, die doofen Spaßbremsen. Aber schön, dass Übermedien in die Bresche springt.

  2. Vielen Dank für den Artikel, kann ich nur so unterschreiben. Teilweise sind Aprilscherze ja ganz lustig (auch wenn sie mir sicher nicht fehlen würden) – aber bei journalistischen Medien ist es, gerade heutzutage, wirklich problematisch, und einfach keine gute Idee. Es gibt doch wirklich schon genug Verwirrung, welche Nachrichten jetzt vertrauenswürdig, bzw. welche Quellen seriös sind, ohne da noch weiter Öl ins Feuer zu gießen.

  3. Über allem steht nämlich in Deutschland die Volkspädagogik. So ein dahergelaufener Normalbürger ist nämlich leider nicht der mündigste. Das ist nur der Journalist, wenn er das richtige Weltbild hat und ethisch wertvoll intuitiv von toxisch gefaked unterscheiden kann. Der Mann/Die Frau/Das Transgender dagegen sind sorgsam mit erzieherisch wertvollem Grundwissen zu hegende Problembärchen, die schon vom eventuellen Grübeln darüber, ob Spaghetti wirklich irgendwo auf Bäumen wachsen, dazu gebracht werden könnten, der Tagesschau noch mehr zu mißtrauen als ohnehin. Wobei sie auch bitte, als intellektuell eher zierliche Problembärinnentransgendergeschöpfchen, nicht etwa selber erforschen sollten, ob sie in den Weiten des Internets auf Falsches gestoßen sind, sondern das den journalistischen Aufräumern überlassen sollten, die ihnen jeden Abend ihren täglichen und bitter nötigen Frontalunterricht zum Weltgeschehen erteilen. Und da mediale Aprilscherze leider ebenso seriös daherzukommen trachten wie wichtige und völlig wahre Dekrete zu Klimawandel oder Genderpaygap („21 %!!!, und nur Faschisten haben hier noch Fragen!) , soll man sie nicht einmal an e i n e m von 365 Nachrichtentagen auf die irre Idee bringen, etwa j e d e Meldung auf ihren möglichen Wahrheitsgehalt hin selber abzuklopfen. Sie sollen denen und nur denen glauben, denen sie vor 20 Jahren, vor dem Großen Dunklen Internet, in dem so viele Verwirrendes geschieht wie in der Welt, doch auch schon ihr Denken anvertrauten. Und ihr kleines zierliches ProblembärInnenhöhlchen weiterhin nur von Ard, Zdf und vielleicht auch mal Taz erleuchten lassen. Wenn die mal einen Bock schießen, oder gar ein Framingpapier durchgestochen wird, das dem Ungeübten als Anleitung zu ungehemmter Propaganda via Moralinüberzuckerung erscheinen könnte, dann kümmert sich @Übermedien schon um die richtige Einordnung. Doch Frau Doktor Sommer – Ouassil warnt dringend davor, die mühsam flackernde Laterne des Selberdenkens etwa an Aprilscherzen entzünden zu wollen. Laßt das mal die Profis machen, die haben ja die Welt bis hierher schon ganz gut hingekriegt.
    @LucianoCali_2 , Übonennt

  4. Ich finde aus Psychologischer Sicht Aprilscherze in Nachrichten ein Problem. Mir ist mehr als einmal passiert einen Aprilscherz gelesen und bis kurz vor dem Ende nicht als Scherz erkannt zu haben.

    Tage später kommt in einer Diskussion ein passendes Thema und ich überlege krampfhaft ob das woran ich mich erinnere jetzt eine echte Meldung oder ein Scherz war. Gleichzeitig sorge ich mich Nachrichten nicht als Scherz erkannt zu haben. Mit ein wenig zeitlichem Abstand weiss ich nicht mehr: War eine Meldung am 1. April? Vielleicht? Dann besser nicht glauben.

  5. Wegen Lügenpresse-Vorwürfen keine Aprilscherze mehr? Will mir nicht einleuchten und kommt mir mehr als Einknicken vor: ein Zugeständnis, dass die Trennung zw. 364 Tage wahrheitsgemäß sein, aber 1 Tag zu einem Thema nicht, ohnehin nicht so ganz stimmt.
    Außerdem: Aprilscherze sind kein Vorrecht der Medien, sie finden untereinander statt. Wenn Medien sich da herausnehmen, ergibt das eine Pseudoseriosität, die noch verlogener wirkt.
    Und ganz nebenbei: So doof sind nur wenige Konsumenten, dass sie Aprilscherze nicht erkennen, und wenn doch, sind es halt fools am fools’ day. Scherze, auf die niemand reinfällt, sind keine.

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