Wo das Unwichtige brisant erscheint, weil andere nicht darüber berichten

Was ist eigentlich die Kernkompetenz von Journalisten? Gibt es noch etwas, das sie regelmäßig besser können als alle anderen, obwohl jeder Blogger heute schneller öffentlich zu lesen ist als es Tageszeitungen je waren? Wo die schiere Masse dessen, was jeden Tag geschrieben wird dafür sorgt, dass jeden Tag genug Lesenswertes dabei ist, selbst wenn man nur Texte von nichtprofessionellen Autoren auswählt?

Eine große Stärke der Produkte großer Verlage (und gleichzeitig eine Schwäche) ist sicher die Themenauswahl: Immer noch entscheiden Journalisten wesentlich darüber, welche Themen wichtig sind und welche nicht. Wer auf „Spiegel Online“ surft, auf bild.de oder zeit.de, der kann in kürzester Zeit mit einiger Sicherheit erkennen, welches die bestimmenden Themen des Augenblicks sind. Das ist die Stärke: Die vermittelte Gewissheit, nichts Wichtiges zu verpassen. Und gleichzeitig ist es im heutigen Klima die größte Schwäche, dass Profis sich in vielen Dingen einig sind, in denen sie es nicht so oft sein sollten: Weil alle diese Angebote von Journalisten gemacht werden, die sich im Großen und Ganzen ähnlich sind und aufeinander schielen, sind die großen Themen der „Mainstream“-Nachrichtenseiten einigermaßen gleichförmig. Sie setzen dieselben Themen in ähnlicher Gewichtung.

dwn

Auftritt „Deutsche Wirtschafts Nachrichten“ (DWN): Eine Art Blog-Zeitung, in der jede Menge Themen stehen, die man sonst kaum findet – obwohl sie wirken, als wären sie wichtig. Sie sind eine Erfindung des im Netz schon seit fast 15 Jahren umtriebigen österreichischen Journalisten Michael Maier, der vorher unter anderem Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ war und als das wahrscheinlich größte Missverständnis in der an Missverständnissen nicht armen Geschichte der „Stern“-Chefredakteure bekannt wurde.

„Problem für junge Familien – EU: Kredite für Wohn-Immobilien werden drastisch eingeschränkt“ war ein DWN-Aufmacher dieser Tage, der sich nirgendwo sonst auf einer Nachrichtenseite fand, und knapp darunter „Teheran ist aufgebracht – US-Gericht verurteilt Iran zu Milliarden-Schadenersatz wegen 9/11“. Um es vorweg zu sagen: Beide Geschichten halten nicht, was sie versprechen. Die Kreditvergabe wird insofern eingeschränkt, als die Kreditnehmer besser geprüft werden (mit etwas anderem Blick hätte man dieselbe Geschichte mit „Banken müssen vor Kreditvergabe bald sorgfältiger prüfen“ überschreiben können), und das Urteil in der zweiten Geschichte ist das eines sonderbaren New Yorker Richters, der offensichtlich in schöner Regelmäßigkeit den Iran für den 11. September verantwortlich macht und verurteilt, weil der seine Beteiligung nicht wirksam widerlegen würde – was offenbar wesentlich daran liegt, dass der Iran die Prozesse ignoriert und gar nicht teilnimmt. Beweise für eine Beteiligung des Iran gibt es keine, was sogar in dem Text steht, und es gibt offenbar auch keine Experten, die eine Unterstützung des schiitischen Iran für die sunnitische Al-Kaida für wahrscheinlich halten. Das amerikanische Außenministerium jedenfalls sieht keine Verbindung. Auf Mainstream-Nachrichtenseiten tauchte die aktuelle (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in den Deutschen Wirtschafts Nachrichten allerdings schon mindestens vier Tage alte) Meldung dementsprechend gar nicht auf.

Man könnte sagen, im Mainstream hat die journalistische Kernkompetenz des Trennens von Wichtigem und Unwichtigem obsiegt. Im Ergebnis heißt es aber auch: Ohne die „Deutschen Wirtschafts Nachrichten“ wäre diese Nachricht, die ja nicht falsch ist, sondern nur unspannend, der deutschen Öffentlichkeit ganz einfach verschwiegen worden. In diesem Fall wäre das wahrscheinlich kein Problem gewesen, aber es zeigt doch eine Entwicklung, die Menschen auch diesseits der „Lügenpresse“-Schreier Kopfschmerzen bereitet: Es gibt eben Nachrichten, die es nicht in jene quasi-offizielle Öffentlichkeit schaffen, die große Medien in großer Übereinstimmung beschreiben. Und wenn so viele Journalisten sich so ähnlich sind und sich auf so wenige gleiche Themen einigen, wer garantiert dann, dass nicht auch wichtige Nachrichten unter den nie erschienenen sind, weil die vielen ähnlich denkenden Journalisten sie gleichzeitig zu unrecht für nicht wichtig genug halten?

Die DWN haben sich eine Nische geschaffen in der Zwischenwelt jener Ereignisse, die eine Aura daraus generieren, dass die anderen nicht über sie berichten, besonders natürlich aus dem Bereich der Wirtschaft und der Wirtschaftspolitik. Das ist eine Marktlücke, schafft allein aber noch keinen Erfolg: Die zweite Reihe der Nachrichten abzuarbeiten ist entweder echte Schwarzbrotarbeit von und für Experten und ernsthaft Interessierte (ein sensationell gutes Beispiel ist der Blog querschuesse.de, der makroökonomische Daten sammelt und einordnet), oder aber man wählt den Weg der DWN und bläst das wenig Aufregende mit überzogenen Überschriften zu einem Dauerfeuer von Sensationen auf. Und das bewusst und erklärtermaßen (im Video).

Wenn man fair und ehrlich ist, muss man sagen: Das ist ein virtuoser Umgang mit den handwerklichen Möglichkeiten und Kompetenzen des Journalismus. Es ist offensichtlich auch ein Geschäftsmodell. Und es wirft auch die Frage auf: Warum lesen Menschen so etwas?

Zwei Beobachtungen: Die Kommentarfunktion unter den Artikeln der DWN scheint regelmäßig geschlossen zu sein, Leserkontakt gibt es auf Facebook, wo eine Lesern von Online-Kommentaren vertraut klingende Gruppe eine AfD konstituiert – eine Alternative für Debatten. Sie wissen schon: Merkels Ziel ist die Islamisierung Deutschlands, Flüchtlinge raus, Putin ist besser als die „Wall Street Agenten“ (a.k.a. Amerikaner) und am Ende zahlt alles der Kleine Mann – gemischt mit der gelegentlichen Verschwörungstheorie. Die DWN wirkt, erste Beobachtung, wie eine Hundepfeife: Diejenigen, die Verschwörung wittern, verstehen offenbar ganz gut, dass sie hier am richtigen Platz sind, nämlich jenseits der „Mainstream-Medien“ (obwohl sich deren Nachrichten durchaus auch bei DWN finden, nicht alles, was hier steht, ist abseitig. Nicht einmal das meiste. Nur genug davon). Das ist heute die Normalität bei alternativen Medien.

Die zweite Beobachtung ist ein bisschen komplexer, denn es gibt Momente beim medialen Sau-durchs-Dorf-Jagen, in denen tatsächlich wichtige Aspekte eines Themas in großen Medien kaum oder gar nicht zur Sprache kommen. Als Beispiel, weil ich in dem Thema sehr drinsteckte: In der Griechenlandkrise brachten die DWN häufig Meldungen, die relevant waren, aber in den meisten deutschen Medien kaum oder gar nicht vorkamen. Anders als einschlägige Verschwörungsportale wie Kopp-Online halten die DWN den Kontakt zur realen Welt – und haben damit zum Beispiel mehr Facebook-Follower (DWN: 86.000, Kopp: 60.000), obwohl sie weniger amüsant sind. Allerdings verzichten die Redakteure der DWN – neben dem Hang zum österreichischen Idiom – nicht auf die größte Waffe der Verschwörungstheoretiker, die anekdotische Evidenz, bei der das Allgemeine am Einzelfall bewiesen wird. Zum Beispiel unter der Überschrift „Nervöse Bank-Kunden: Verstärkte Nachfrage nach Schließfächern“:

Die Niedrigzinsen hätten sich bereits aufs Verhalten der Bank-Kunden ausgewirkt. „Die Kunden fragen verstärkt nach Schließfächern“, so Fahrenschon [Präsident des deutschen Sparkassen- und Giroverbands]. „Stellenweise sind diese in einzelnen Gebieten bereits ausgebucht.“ Auch einige Sparkassen in Bayern haben bereits durchrechnen lassen, ob es Sinn macht, Geld in eigenen Tresoren zu bunkern statt es zur EZB zu tragen. Das lohne sich bei einem negativen Einlagezinssatz von aktuell 0,4 Prozent allerdings noch nicht, sagte Fahreschon [sic]

Stellenweise in einzelnen Gebieten passiert etwas, und einige haben über etwas nachgedacht, das sie dann doch nicht gemacht haben. Es ist also fast nichts passiert, vor allem nichts, was nicht seit Jahren schon als Trend behauptet wird. Das Problem ist nicht, dass die DWN mehr direkt Falsches schreiben würden als die anderen Medien. Allerdings nutzen sie die mediale Selbstverständlichkeit, dass etwas wichtig scheint, einfach weil es zum Thema gemacht wird – das Alternativmedium nutzt die Wirkung der gelernten Medien, um sie auszuhebeln. Eigentlich ist das auf den ersten Blick eine Karikatur von Medien, eine Überzeichnung. Auf den zweiten Blick aber nicht einmal mehr das: Eine Karikatur vergrößert regelmäßig besonders prägnante Details. Die DWN vergrößern regelmäßig Unwichtiges, das dann bemerkenswert erscheint. Die gelegentliche Perle reicht hier zum Nachweis der Qualität, während der gelegentliche Fehler in „Mainstream“-Medien vielen als Nachweis für den „Lügenpresse“-Vorwurf gilt.

Es ist ein komfortabler Raum, den sich die DWN geschaffen haben, seriös genug, um vermarktbar zu sein, und verschwörerisch genug, um von den Alternativ-Debattlern gepostet und geteilt zu werden.

Deshalb glaube ich, die DWN sind zuallererst einfach nur das, was passiert, wenn man kein anderes Ziel mehr hat als Vermarktung und Verbreitung. Keine reine Clickbait-Maschine wie „Focus Online“, sondern ein Nischenprodukt, das seine Nische maximal ausnutzt. Das Problem ist, wie leicht man sie dabei – dem bloßen Anschein nach – mit einem jener Medien verwechseln kann, die bei allem schwindenden Einfluss immer noch konstituierend sind für die Herrschaft des mündigen Bürgers.

5 Kommentare

  1. Vielen Dank für diese differenzierte Analyse.

    Ein winziger Tippfehler (DWM statt DWN) hat sich im Absatz unter dem Niedrigzinsen-Zitat eingeschlichen.

    Ein bisschen weniger stringent wird die Analyse m.E. bei „der zweiten Beobachtung“: Zum einen berichten die DWN also durchaus tatsächlich relevante Nachrichten, die im „Mainstream“ untergehen, zum anderen blasen sie aber auch (mittels anekdotischer Evidenz) Nichtigkeiten zu vermeintlichen Nachrichten auf. Okay – zwischen beidem ist aber hier kein Zusammenhang erkennbar. Handelt es sich da nicht eher um eine „zweite und dritte Beobachtung“ zu den DWN – oder hat da irgendwie nur mein Leseverständnis ausgesetzt?

  2. Ich habe mir noch kein eigenes Bild von den DWN gemacht, doch finde ich die hier als Negativbeispiele genannten Themen alles andere als unbedeutend oder nicht spannend. Im Gegenteil. In Zeiten immer mehr „gleichgeschalteter“ Mainstream-Medien verdienen Seiten wie DWN durchaus ihren Platz im Medienmix eines mündigen Bürgers.

    Nur der hier verlinkte, 2 Jahre alte, Bericht von netzpolitik.org war mehr Herabwürdigung eines Konkurrenten als objektive Kritik. Einwenig mehr Distanz hätte diesem Artikel hier, oder besser gesagt dieser Kolumne, auch gutgetan.

  3. @Michalis Pantelouris

    „Ganz viel verschwiegen“ wird wohl nicht, nicht von den Journalisten. Das ginge in der heutigen Medienwelt auch kaum noch. Agitprop, und sei es der des Chefredakteurs, besteht aber nie nur aus Verschweigen. Reißerische, irreführende Headlines, wilde Mutmaßungen, Halbwahrheiten und ja, gelegentlich auch Lügen gehören dazu. Alles aufblasen, was den eigenen Standpunkt stützt. Alles kleinreden, was ihn gefährden könnte.

    Eine Art Kunst ist das schon. Aber das Publikum lernt langsam dazu.

  4. Ja, die DWN sind tatsächlich sowas wie das scheinbar seriöse Medium für VT-Fans. Was dort berichtet wird, ist zum Teil das, was sich in den Leserforen der „Mainstream-Presse“, also bei SpOn oder Welt-Online so findet. Dass es dafür also ein Publikum gibt, wundert mich nicht. Obwohl ich immer gegen die Artikel argumentiert habe, muss ich gestehen, machen die DWN durchaus einen deutlich seriöseren Eindruck als etwa Kopp, Geolitico, Hartgeld und was es sonst so alles gibt. Leider wurde die Kommentarfunktion praktisch komplett eingestellt. Dort ging es dann übrigens so zu, wie kopp & Co. schreiben, während die (ebenfalls eingestellten) Kommentare bei kopp oder nun Geolitico wohl nicht publizierbar wären.

    Aber nochmal zurück zu den DWN: Ich denke nicht, dass die Themen alle irrelevant sind, sie werden aber fast immer von einer bestimmten Seite beleuchtet. Es gibt kein Abwägen, kein Differenzieren (oder allenfalls bei Michael Bernegger, einem der wenigen, der dort seinen Namen angibt), sondern klare Fronten: Die EZB, die von der Einheitspartei CDUSPDGrüneFDPLinke untestütze Bundesregierung, die Fed, die USA auf der Gegnerseite und Putin, die AfD und alle, die gegen erstgenannte sind auf der richtigen Seite.

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