Öffentlich-rechtlich in Polen: Eine Woche echtes Staatsfernsehen

Mein erster Gedanke an diesem Montag vor drei Wochen, um 19.30 Uhr, als der Gong ertönt und mein Experiment beginnt: Diese Frau sieht doch nett aus! Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Einen strengen Dutt ohne Lächeln? Ein dunkles, unheimliches Studio? Sieht so Staatsfernsehen aus?

Sieht doch nett aus: Moderatorin bei TVP1 Screenshot: TVP1

Die Moderatorin beim polnischen Sender TVP jedenfalls grüßt freundlich, sie trägt ihre langen, braunen Haare offen und eine weiße Bluse mit rotem Blazer. Das hochglanzblaue Studio hat etwas Positives, Hoffnungsvolles.

Die Abendnachrichten beginnen an diesem Tag nicht mit Polen, sondern mit dem Ausland. Die Moderatorin berichtet, der israelische Außenminister Israel Katz habe den Polen strukturellen Antisemitismus unterstellt und behauptet, sie hätten den Judenhass „mit der Muttermilch aufgesogen“. Mehrmals wird der Ausschnitt aus dem israelischen Fernsehen gezeigt, in dem er das sagt.

Das ist die erste und demnach wichtigste Meldung des Tages, jedenfalls bei TVP1. Was in anderen Ländern an diesem Abend als Top-Meldung gilt, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Daraufhin werden polnische Politiker und Historiker gebeten, die Aussage zu kommentieren. Es sind ausschließlich Männer der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), die die Regierung stellt; oder Männer von Instituten, Zeitungen und Universitäten, die der Regierung nahestehen.

Sie sagen unisono: Stimmt nicht! Polen seien nicht antisemitisch, ganz im Gegenteil. Statt Juden zu ermorden oder zu verraten, hätten die Polen sie in erster Linie: gerettet. Man müsse doch wohl eher nach Frankreich oder Deutschland schauen, wolle man Antisemitismus sehen, sagt die Moderatorin. In Berlin seien „Attacken auf Juden Alltag“. Es folgen unter anderem Bilder von Demonstrationen in Deutschland und von dem jungen Mann, der in Berlin einen Juden mit einem Gürtel attackierte, alles schnell geschnitten.

Rund 200 JournalistInnen wurden ausgetauscht – oder gingen selbst

Das Wort „Staatsfernsehen“ wird mittlerweile auf der ganzen Welt so oft verwendet, dass es sich bereits abgenutzt hat. Der Vorwurf lautet immer: Journalisten und Journalistinnen würden nicht mehr objektiv berichten, sondern sich „von oben“ etwas diktieren lassen, der Regierung nach dem Mund reden. Auch ARD und ZDF werden regelmäßig mit diesem Label versehen.

Nun hat sich aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Polen in den vergangenen Jahren tatsächlich verändert. Seit die PiS im Oktober 2015 die Wahlen gewann und TVP einen neuen, PiS-nahen Chef bekam, wurde fast die komplette Belegschaft ausgetauscht. Rund 200 Journalisten und Journalistinnen wurden bis heute entlassen – oder sie verließen selbst den Sender, bevor es so weit kommen konnte. An ihre Stelle traten regierungstreue KollegInnen.

„Wiadomosci“ – die Abendnachrichten auf TVP1

Was hat das mit den Abendnachrichten gemacht, dem Herzstück jedes öffentlich-rechtlichen Senders? Wie viel Staat steckt in TVP, und wie einseitig berichten die „Wiadomosci“, wie die Nachrichten in Polen heißen? Was für einen Ausschnitt von der Welt bekomme ich also präsentiert, wenn ich eine Woche lang ausschließlich diese Sendung schaue, um mich über die Lage in Polen und der Welt zu informieren? Jeden Abend um 19.30 Uhr.

Nach dem Skandal aus Israel erfahre ich, dass die polnische Regierung sehr erfolgreich sei. Vorgestellt werden zwei kleine Firmen, die – PiS sei Dank – Steuern sparen. Eine vierfache Mutter erzählt, wie sie – PiS sei Dank – nun mehr Geld für die Erziehung ihrer Kinder habe. Die Arbeitslosigkeit sinkt, sagt TVP, die Menschen hätten mehr Geld.

Und ich dachte immer, die Arbeitslosigkeit sei gesunken, weil es seit Jahrzehnten immer mehr befristete Arbeitsverträge gibt und Geringverdiener, aber ich mag mich irren. Und, ja: Es gibt Familien, die dank des Kindergeldes zum ersten Mal in den Urlaub fahren konnten. Gerade Frauen, die drei oder mehr Kinder haben, bleiben aber nun zu Hause. 100.000 von sieben Millionen arbeitsfähigen Frauen sollen bereits ihre Arbeit aufgegeben haben.

Anders als erwartet, kommt bei TVP hier sogar die Opposition zu Wort. Die Mitarbeiter der Nachrichten haben sich sogar die Mühe gemacht, Schnipsel aus den Beiträgen zu schneiden, die oppositionelle Politiker auf Facebook oder Twitter gepostet haben. Diese kritischen Ausschnitte klingen manchmal etwas aus dem Zusammenhang gerissen und sind nicht so wohlformuliert wie vor einer Fernsehkamera, aber: immerhin – sie sind da!

Dass Oppositionspolitiker direkt in eine TVP-Kamera sprechen, kommt eher selten vor. Auch deshalb, weil die meisten von ihnen TVP mittlerweile boykottieren. Sind sie doch einmal zu sehen, dann in Ausschnitten, in denen sie sich verhaspeln, in denen sie emotional wirken und unsouverän. Die PiS-Leute hingegen sprechen bei TVP immer ruhig, besonnen, rational.

Die Nachrichten enden an diesem Montag mit einer guten Nachricht: TVP habe für die kommenden Jahre die Rechte ergattert, alle Spiele der polnischen Nationalmannschaft zu zeigen. Es werden Bilder von polnischen Fußballern gezeigt, die Tore schießen, ein Tor, zwei Tore, drei Tore; ein Junge strahlt vor Freude, und ein alter Mann mit Schnurrbart sagt: „Das hat es früher im polnischen Fernsehen nicht gegeben.“ Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber er sieht so glücklich aus, also freue ich mich mit ihm.

Gespaltenes Land – gespaltene Medien

Die Menschen schauen doch gar kein Fernsehen, heißt es immer. Es gibt doch das Internet! Da ist was dran – auch in Polen. 2016 erreichten TVP 1 und TVP 2, der erste und zweite Sender, zusammen nur noch einen Marktanteil von 14 Prozent, der tiefste Wert seit Beginn der Quotenmessungen. Und viele Polen, bis zu zwei Drittel, zahlen ihren Rundfunkbeitrag nicht, was aber auch in Zeiten vor der PiS so war – und obwohl er im europäischen Vergleich niedrig ist. Das einst erfolgreiche duale Finanzierungskonzept funktioniert nicht mehr.

Und doch kenne ich viele Menschen, die sich noch ganz klassisch informieren. Unsere Babysitterin in Danzig etwa. Sie erzählt immer wieder, sie habe diese und jene Information aus den Abendnachrichten. Sie sind noch immer eine feste Größe in vielen Haushalten. Jedenfalls für den einen Teil der Polen.

Das Land ist so gespalten wie noch nie seit der Wende. Jede Seite hat ihre Medien, ihre Erzählungen, ihre Vorbilder. Während die einen der Ansicht sind, ihr Land solle sich auf das Nationale besinnen und abschotten, glauben die anderen weiterhin an ein liberales, weltoffenes Polen. Letztere schauen Privatsender wie TVN und lesen linksliberale Zeitungen wie die „Gazeta Wyborcza“.

Im hochglanzblauen TVP-Studio Screenshot: TVP1

Am Dienstag sitzt wieder eine Brünette im Fernsehstudio, aber diesmal eine mit kurzen Haaren, sie bringt eine Eilmeldung: Die PiS hat ihre Kandidaten und Kandidatinnen für die Europawahl bekannt gegeben. Live-Schalte zu einem Mann, der irgendwo in Warschau in einer dunklen Straße steht. Der Korrespondent nennt alle 13 Namen, das war’s. Dann wird die Ex-Premierministerin Beata Szydlo eingeblendet: Sie glaube an ein tolles Ergebnis der PiS.

Auslandsnachrichten haben immer einen Polen-Bezug

Am Mittwoch: ein Mann! Dunkelblauer Blazer, weinrot-gemusterte Krawatte. Wieder geht es um die PiS-Truppe, die sich siegessicher der Europawahl stellt.

Was sonst so in der Welt passiert, erfahre ich nicht. Erst nach meiner Woche mit TVP weiß ich, was ich international so alles verpasst habe. Die US-Bundesstaaten haben gegen den nationalen Notstand geklagt. Die EU hat sich auf Schadstoff-Grenzwerte bei LKW und Bussen geeinigt. Karl Lagerfeld ist gestorben. Putin hat in seiner Rede zur Lage der Nation vor einem neuen Wettrüsten mit dem Westen gewarnt. Der Machtkampf in Venezuela ist eskaliert, es gab Tote. Und: Nigeria hat einen neuen Präsidenten gewählt.

Bei TVP finden diese Themen nicht statt. Auslandsnachrichten sind immer Nachrichten, die unmittelbar mit Polen zu tun haben. An diesem Abend geht es wieder um die Aussage des israelischen Politikers: Polen, Antisemitismus, Muttermilch. Schalte zum Korrespondenten in Tel Aviv: Er sagt, dass Ministerpräsident Netanjahu nichts sagt – und damit zurück nach Warschau.

Trachten, Zöpfe, jaulendes Geschrei: die Band Tulia Screenshot: TVP1

Am Ende: die polnische Band Tulia. Vier junge Frauen, die Trachten, roten Lippenstift und dicke Flechtzöpfe tragen, und in diesem Jahr beim Eurovision Song Contest für Polen antreten. Sie mischen polnische Volksmusik mit modernem Pop, sie singen auf diese typisch osteuropäische Art, die man auch als jaulendes Geschrei bezeichnen könnte. Ich mag das, es erinnert mich an die polnischen Berglieder, die meine Oma mir manchmal vorspielte.

Jede Ausgabe der Nachrichten folgt einem immer gleichen Aufbau: Innerhalb von durchschnittlich dreißig Minuten wendet sich das Böse, meist aus dem Ausland, zum Guten, immer im Inland, und am Ende gibt es ein kleines Zuckerstück, eine polnische Band, einen Fußballer, was für die Massen.

Bei „Wiadomosci“ durchläuft das Volk eine Katharsis

Die Zuschauerin, in dem Fall ich, macht eine Wandlung durch. Wenn da draußen alles schlecht und chaotisch ist, wieso schließen wir nicht einfach die Tür und machen es uns drinnen gemütlich? Wir brauchen die anderen nicht, wir haben doch uns – und so tolle Musiker, historische Helden, Fußballer! Wie sehr wurden wir von anderen geschunden, nun dürfen wir endlich wir selbst sein und Polen lieben. Bei „Wiadomosci“ durchläuft das Volk eine Katharsis.

Die „Wiadomosci“ sind traditionell gesehen die wichtigste Nachrichtensendung im polnischen Fernsehen. Fast alle der durchschnittlich zehn Beiträge werden von Männern gemacht. Manchmal, bei leichteren Themen, zum Beispiel Kultur, dürfen auch Frauen mal ran. Weiblich sind die Nachrichten vor allem da, wo es etwas zu gucken gibt: Meist führen die beiden Brünetten durchs Programm, seltener ihr männlicher Kollege.

Nach der bösen ersten Nachricht folgen weitere politische, dann meist eine Lokalposse, etwa dass in irgendeinem Dorf Schriftstücke aus dem 16. Jahrhundert gefunden wurden – oder aber auch: Dass irgendwo kein Bus mehr fährt. Was meist die Nachricht nach sich zieht, nun werde sich aber die PiS darum kümmern.

Ebenfalls am Ende der Sendung: TV-Tipps. Selbstverständlich aus dem eigenen Programm: historische Filme oder Serien, meist polnische Helden-Epen, Fernsehshows – immer mit dem Hinweis, dass die Zuschauerzahlen auf TVP derzeit alle Rekorde brechen. Vielleicht zählen sie anders?

„Schnella, schnella“ und „Feuerrrrr!“

Es war das polnische Fernsehen, gegründet 1952, dass die Polen vom Trauma des Zweiten Weltkriegs befreien wollte. Stundenlang liefen Bilder von Auschwitz und der Zerstörung durch Nazideutschland über die Bildschirme. Dokumentarfilme, Spielfilme, Serien: Hauptsache Zweiter Weltkrieg.

Die ersten deutschen Worte, die meine Eltern als Kinder in Polen lernten, waren „schnella, schnella“ und „Feuerrrrr!“. Sie hatten sie im Fernsehen aufgeschnappt. Erst nach 1990 änderte sich die Sendeanstalt. Das Ziel: eine polnische BBC werden. Nach dem Vorbild der Aufsichtsratsgremien in Großbritannien wurde in Polen ein Landesrundfunkrat gegründet, der das Fernsehen kontrollieren sollte. Bereits zwei Jahre zuvor war zum ersten Mal in der Geschichte Nachkriegs-Polens eine westdeutsche Serie ausgestrahlt worden: „Derrick“. Ein sympathisches Gesicht der Bundesrepublik, und Millionen Polen schauten zu. Das war revolutionär.

TVP-Chef Jacek Kurski Foto: Adrian Grycuk / Wikipedia / CC BY-SA 3.0 PL

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, darunter Sender wie TVP 1 bis 3, TVP Info, TVP Sport, TVP Historia, TVP Kultura und TVP Seriale, wird heute von Jacek Kurski geleitet, 53 Jahre, PiS-Mitglied, und so etwas wie der polnische Roger Stone: ein Meister politischer Manipulation.

Vor den Wahlen 2005 hatte Kurski sehr erfolgreich das falsche Gerücht gestreut, der Großvater des damaligen Präsidentschaftkandidaten der Opposition, Donald Tusk, sei freiwillig der Wehrmacht beigetreten. Drei Jahre später wurde Kurski wegen Verleumdung verurteilt, aber da war sein Spiel schon aufgegangen: Präsident war Lech Kaczynski geworden, der Zwillingsbruder von PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski. Der vergaß ihm das nicht und setzte Kurski, drei Monate nachdem die PiS an die Macht gekommen war, als TVP-Chef ein. Zudem sorgte Kaczynski dafür, dass die fünf neuen Mitglieder des Landesrundfunkrats, die vom Sejm, vom Senat und vom Präsidenten ernannt werden, alle PiS-nah sind.

Am Donnerstag: Bischofskonferenz im Vatikan. Diesmal also ein wirklich wichtiges Thema. Die Bischöfe wollen das Thema Pädophilie in der Kirche besprechen. „Die Gläubigen erwarten von uns, dass wir uns der Sache annehmen“, sagt Papst Franziskus in die Kamera. Es ist das erste Mal, wie ich später feststellen werde, dass die Abendnachrichten in Polen und Deutschland dasselbe Thema behandeln.

Dabei, erfahre ich, kümmere sich das polnische Episkopat, also die Gesamtheit der Bischöfe, schon längst um pädophile Priester, zehn Jahren schon laufe die Strategie der „null Toleranz“. Interessant, denke ich, das wusste ich gar nicht. Kurz wird gezeigt, wie ein paar Männer in der Nacht zuvor das Danziger Denkmal des berühmten Priesters Henryk Jankowski stürzen. Gegen Jankowski, der 2010 starb, steht bis heute der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs im Raum. Er soll sich an Ministranten, Jungen wie Mädchen, vergangen haben. Ein Sprecher der Katholischen Presseagentur aber sagt, das seien alles Einzelfälle, die eben passieren, kein strukturelles Problem – „null Toleranz“ eben.

Seit die PiS regiert: alles im Grünen! Screenshot: TVP1

Ein wiederkehrendes Element der „Wiadomosci“ sind die Diagramme: Statistiken, die die Entwicklung des Landes zeigen. Eine Frage lautet etwa: Wie effektiv arbeiten die Gerichte? Die Antwort: Bis einschließlich 2015 arbeiten sie sehr schlecht, schlossen nur wenige Prozesse ab. Die Kurve ist rot. In den Jahren danach, also seit die PiS regiert, steigt die Kurve an. Jetzt ist sie grün.

Die Erzählung ist stets einfach, fast wie beim Karneval. Die immerselbe Pointe: Wer ist schuld? Das Ausland, die Opposition, die Postkommunisten! Alaaf!

Am Freitag sehe ich mir zum ersten Mal bewusst den Vorspann an. Ein Kameraflug über Warschau, an der Weichsel vorbei, am Fußballstadion, ich sehe Hochhäuser, Fabriktürme, viele Wolken, aber da vorne, am Horizont, ist Sonne. Geht sie gerade auf, geht sie unter? Vielleicht letzteres, es ist ja Abend.

Am Ende macht die Kamera beim Warschauer Königsschloss Halt. Streicher ertönen, Bläser-Fanfaren, nun ist die Sicht klar, direkt auf das Gebäude mit der roten Fassade und dem Turm in der Mitte. Es ist das Schloss, in dem 1791 die erste moderne Verfassung Europas verabschiedet wurde. Das Schloss, das von den Nazis gesprengt und in den Siebzigern wieder aufgebaut worden war. Das Schloss, das die Größe Polens zeigt, aber auch das Leid seines Volkes.

Die Top-Meldung an diesem Tag: Die USA schalten sich in den israelisch-polnischen Streit um Antisemitismus ein. US-Außenminister Mike Pompeo habe Verständnis für die polnische Reaktion, heißt es. Eine Quelle, ein Video einer Rede oder ein Zitat in einer Zeitung, wird nicht genannt. Erst später werde ich in „The Times of Israel“ lesen, dass es in dieser Sache wohl ein Telefonat gegeben haben soll zwischen dem polnischen und dem US-Außenminister.

Und wer ist wieder schuld? Die Opposition!

Weiter geht es mit den neuesten Umfragen: Welchen Politikern vertrauen die Bürger am wenigsten? Politikern der Opposition.

Alaaf!

Einer dieser Politiker ist nun Bürgermeister in Warschau. Seit er die Stadt regiere, drifte sie nach links. Er kümmere sich vor allem darum, irgendwelche LGBT-Papiere zu unterschreiben. Die versprochene Lohnerhöhung für Lehrer und den Ausbau kostenloser Krippenplätze habe er wieder vergessen. Und nun sollen auch noch Grundschüler in Sexualkunde unterrichtet werden!

Samstag. Kaczynski stellt sein neues Programm für das Wahljahr 2019 vor: Es heißt „Die Fünf von Kaczynski“. Das Kindergeld 500+ wird nun ab dem ersten Kind gezahlt. Es wird eine 13. Rente geben, jeder Rentner bekommt ein Mal im Jahr einen Zuschuss im Wert von umgerechnet etwa 255 Euro. Die lokalen Busverbindungen sollen verbessert werden. Arbeitnehmer bis 26 Jahre müssen keine Einkommenssteuer zahlen. Und die Arbeitskosten werden gemindert. „Ich bin begeistert“, sagt eine ältere Dame bei einer Straßenumfrage.

Wieder der Papst und die Pädophilen, aber nichts Neues. Wieder die schwachen Oppositionsparteien für die EU-Wahl. Wieder die fehlende Buslinie. Es wird überhaupt viel wiederholt.

Ministerpräsident Morawiecki im TVP-Interview Screenshot: TVP1

Dann ist Mateusz Morawiecki zu Gast, der amtierende Ministerpräsident. Im Studio saß eigentlich die kurzhaarige Brünette, und wer moderiert, darf normalerweise auch den Studiogast interviewen. Der erste Mann im Staat aber wird befragt von einem Mann.

Sieben Minuten sprechen er und der Moderator miteinander, in einem anderen Studio, im Hintergrund die polnische und EU-Flaggen. Welches Versprechen wird zuerst realisiert? Der Bustransport, ab April. Im Mai dann die zusätzliche Rente, und pünktlich zum Ferienbeginn: das Kindergeld. Und dann traue ich meinen Ohren kaum, der Moderator stellt eine vorsichtig kritische Frage: „Warum haben Sie das Kindergeld ab dem ersten Kind nicht schon früher eingeführt?“ Morawiecki entgegnet: „Wir handeln verantwortungsvoll. Wir mussten zunächst die Fehler der Vorgängerregierung ausbügeln.“

Alaaf!

Am nächsten Tag, bei der Sonntagsfrage, lautet das Ergebnis: PiS: 41,1%, PO: 26,2%, Wiosna, die neue Partei von Robert Biedron: 9,2%. „PiS würde also weiterhin absolut und allein regieren“, informiert TVP1. Ich fürchte, sie hat Recht. Andere Umfragen sind im Ergebnis ähnlich.

Ein Treffen der EU und der Arabischen Liga in Scharm asch-Schaich. Morawiecki erwartet Lösungen bei den Themen Terror und Geflüchteten. In den meisten Gebieten Syriens herrsche wieder Frieden, erfahre ich, also müsse man sich überlegen, „wie die Flüchtlinge aus Europa zurückkehren können“, sagt Morawiecki.

In diesem Moment frage ich mich, was wohl unsere Babysitterin denkt, wenn sie das sieht. In den vergangenen Jahren hörte sie immer wieder, wie gefährlich Geflüchtete seien, dass sie „unsere“ Frauen vergewaltigen und „ihre“ Frauen unterdrücken, selbst der Chef der Partei, die sie gewählt hatte, sprach davon, Geflüchtete könnten „alle Arten von Parasiten und Bakterien“ ins Land schleppen.

Im polnischen Fernsehen ist Deutschland ein Land, in dem man sich seines Lebens nicht mehr sicher sein kann. Bewohnt entweder von Islamisten, die ein landesweites Kalifat errichten – und Deutschen, die einem „Gender-Wahn“ verfallen seien, was fast so klingt, als hätten sie Tollwut. Neulich fragte mich die Babysitterin schüchtern, ob ich ihr wirklich empfehlen könne, nach Berlin zu reisen. Sie plant ein Wochenende mit Freundinnen dort, schon seit einem Jahr. Aber sie hat Angst. Jetzt verstehe ich auch warum.

In Danzig, sagt unsere Babysitterin, fühle sie sich sicher. Interessant, sage ich, dabei wurde doch ausgerechnet hier der Bürgermeister in aller Öffentlichkeit niedergestochen. Stimmt, sagt sie. Aber trotzdem.

Keine Differenzierungen: nur Gut und Böse, Schwarz und Weiß

Die Sprache im polnischen Fernsehen ist hart, zum Teil brutal, sie macht Angst, und sie ist immer etwas militärisch. Sie ist zur Hassrede verkommen, zu einem probaten Mittel im polnischen Kulturkampf. Ständig ist von einem Feind die Rede, den man „beseitigen“, „eliminieren“ oder „fertigmachen“ muss. Wer anderer Meinung ist, ist automatisch ein Verräter Polens, ein Agent des Feindes. Es gibt keine Kritik, nur Verrat.

Der Historiker Piotr Osęka hat die Abendnachrichten im Sommer 2018 analysiert. Sein Fazit: Sie erinnerten immer mehr an die Propaganda des Kommunismus. Es gebe keine Differenzierungen, nur Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Die Journalisten seien zu Regierungssprechern geworden, sie würden sich nicht einmal mehr Mühe geben, objektiv zu wirken, oft wisse man schon beim ersten Satz Bescheid: Wird der Beitrag die Erfolge der Regierung oder die Misserfolge der Opposition thematisieren? Es sei wie zu Zeiten der Volksrepublik Polen: Was nicht zur Weltanschauung passt, wird ausgeblendet.

Nachdem der Danziger Bürgermeister vor knapp zwei Monaten ermordet worden war, begannen regierungskritische Medien, die Hassrede im öffentlich-rechtlichen Fernsehen genauer unter die Lupe zu nehmen. Sie stellten fest, dass kaum ein Politiker in den Abendnachrichten so angegriffen worden war wie Pawel Adamowicz – oft ohne, dass er selbst zu Wort kam. Ein rechter Journalist bezeichnete ihn in einem Beitrag als „Krebs der polnischen Demokratie“. Sein Mörder hatte bis kurz vor der Tat im Gefängnis gesessen. Im Gefängnis läuft im Fernsehen ausschließlich: TVP.

„Te kaczory“, diese Enteriche!

In dieser Woche ist mir einmal mehr klargeworden, wie wichtig es ist, zu differenzieren, wenn es um Medienkritik geht. Journalisten und Journalistinnen machen Fehler, und wie schnell greift da bei Zuschauern und Leserinnen der Reflex, über „die Medien“ im Allgemeinen zu schimpfen. Zu sagen, da werde etwas „von oben“ vorgegeben. Ich weiß jetzt und kann empfehlen: Wer glaubt, ARD und ZDF seien Staatsfernsehen und davon ausgeht, Sendungen wie „Tagesschau“ oder „heute journal“ seien bis ins letzte Eck ideologisch gefärbt, soll mal eine Woche Nachrichten auf TVP in Polen gucken.

Der Wert von gutem, seriösem Journalismus wird dann klar, wenn er fehlt. Dann erinnert man sich daran, dass es früher anders war. Früher, als ich noch ein Kind war und meiner Oma dabei zusah, wie sie Nachrichten schaute. Für sie waren die „Wiadomosci“, neben ihrer Lieblings-Telenovela, der Höhepunkt des Tages. Sie saß dann pünktlich in ihrem Sessel, einen schwarzen Tee mit Zitrone neben sich, und wenn sie sich nach hinten stemmte, kippte der Sessel in eine Liegeposition, und die Pantoffeln fielen ihr von den Füßen.

Meine Oma, die in den 1980er Jahren in der Solidarnosc gewesen war, verfolgte die Nachrichten sehr genau. Erschienen die Kaczynski-Brüder auf der Bildfläche, machte sie ein Geräusch, das sich fast so anhörte, als würde sie ausspucken. „Te kaczory“, diese Enteriche – mehr brachte sie nicht hervor. Schon damals war die Rede davon, wie machtversessen die Kaczynskis waren, wie prinzipienlos vor allem der eine. Ich bin fast froh, dass meine Oma starb, bevor dieser ihr verhasste Enterich an die Macht kommen konnte.

Nachtrag, 27.3.2019. Wir hatten geschrieben, dass „Derrick“ nach der Wende in Polen ausgestrahlt wurde, es war aber bereits 1988. Vielen Dank an die Hinweisgeber! Wir haben es korrigiert und präzisiert, dass es sich um eine westdeutsche Serie handelt.

23 Kommentare

  1. Das polnische Staatsfernsehen betreibt Propaganda im Sinne der polnischen Machthaber?
    Also das ist ja, aber wirklich, ich meine, das ist doch.

  2. „Wer glaubt, ARD und ZDF seien Staatsfernsehen und davon ausgeht, Sendungen wie „Tagesschau“ oder „heute journal“ seien bis ins letzte Eck ideologisch gefärbt, soll mal eine Woche Nachrichten auf TVP in Polen gucken.“

    Ich glaube hier liegt ein Fehlschluss vor. Die Leute, die“ Lügenpresse“rufen und vom „staatsfunk“ fabulieren wollen ja genau so einen Rundfunk wie in Polen. Die sind ja nicht ernsthaft an freien Medien interessiert sondern wollen eigentlich, dass nur noch ihre Sicht berichtet wird. Das ist ja genau das, was in Polen passiert. Nicht ohne Grund finden das die ganzen „Alternativen Medien“ toll und verteidigen die PIS (oder Ungarn, wo ja dasselbe passiert ist) wo es nur geht.

  3. „Derrick“ aka Horst Tappert hatte ein sympathisches Gesicht? Über diese Einschätzung platzen mir vor Verwunderung fast die Tränensäcke und mein Toupet fliegt weg!

  4. „Die sind ja nicht ernsthaft an freien Medien interessiert sondern wollen eigentlich, dass nur noch ihre Sicht berichtet wird.“

    Vielen Dank, @ichbinich. Sie haben mir die Augen geöffnet.

  5. Staatsfernsehen ist immer ein Übel.
    Aber selbstverständlich gibt es das auch in Deutschland. Natürlich nicht so plump wie es der Artikel Glauben machen möchte, dass Journalisten sich „von oben etwas diktieren lassen“ .
    Nein „unsere“ Staatsjournalisten sind Überzeugungstäter.
    Sie rahmen ihre Beiträge in ihre Sichtweise (pro mehr-EU, pro Macron, contra Russland, contra Trumpp, etc) geschickt ein. Und in diesem Framing wird der Sachverhalt aus ihrer Perpektive mit entsprechender Sichtweise und Wertung wiedergegeben, oder besser gesagt verzerrt.
    Und Journalisten, Moderatoren oder Ansager die anders gepolt sind, die wurden und werden entsorgt.
    Beispiele gibt es genug.

  6. Jetzt regiert in Polen die Partei „Recht und Gerechtigkeit“. Also übt sie auch Einfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus.
    Als sie noch nicht regierte, war die heutige Opposition an den Hebeln der Macht, auch beim Hörfunk und Fernsehen.
    Ist das bei uns in Deutschland wirklich anders?

  7. Und deshalb sollte man Ihrer Meinung nach was tun, um alles zum besseren zu wenden? Welches „Medienmodell“ kommt Ihrem Idealbild am nächsten? Beispiele dafür, wo es Ihrer Meinung nach gut läuft, haben Sie ja sicher auch genug!?

  8. @Nr. 2 ICHBINICH
    „Die Leute, die“ Lügenpresse“rufen und vom „staatsfunk“ fabulieren wollen ja genau so einen Rundfunk wie in Polen.“

    Nein.
    Sie „Experte“.

  9. @blinse:

    „Nein.
    Sie „Experte“.“

    Doch.

    „Habe gerade „Frontal21“ hinter mir. Na wenn das kein Staatsfunk ist, dann weiß ich’s auch nicht.“

    Sehen Sie, das ist genau was ich meine. Sie schreien „Staatsfunk“ bei einer Sendung, die quasi permanent die Regierung kritisiert. Und das nur, weil sie eher „linke“ Themen adressiert und nicht die Themen, die Sie gerne hätten.
    Sie wollen, dass permanent nur noch Ihre Themen berichtet werden, alles andere ist „Staatsfunk“.
    Qed.

  10. „Sie schreien „Staatsfunk“ bei einer Sendung, die quasi permanent die Regierung kritisiert“

    Frontal21 kritisiert die Regierung?
    Guter Witz, ich habe sehr gelacht.

    Bitte mehr davon!

  11. @Klaus:

    Eins muss man Ihnen lassen. Sie argumentieren sehr schlüssig und immer mit den entsprechenden Belegen. Weiter so!

    (ehe wieder jemand fragt: Ja, das war Ironie)

  12. Mit größter Wahrscheinlichkeit ist der Vorname Klaus eine Kurzform von Nikolaus
    und nicht die eingedeutschte Version von Claudius. Nikolaus ist aus den griechischen Wörtern νίκη für Sieg und λαός für Volk abgeleitet.
    Aus Wikipedia
    sollte man mal drüber nachdenken!
    aber keine geistigen suggestiven polemischen Kurzschlüsse
    so von wegen Sieg des Volkes durch Klaus aka Volkes Stimme…
    das mir sowas nicht passiert ;-)

  13. Im Unterschied zu Polen ist D. im Staatsfunkgeschäft schon weiter. Man weist die Sendeanstalten an, 90% regierungskritische Sendungen zu machen, damit niemand merkt, dass die restlichen 10% der allg. Gleichschaltung dienen.
    Und der Erfolg gibt ihm Recht – min. 10% aller Menschen sind voll auf Linie.

  14. Hehe, danke für das Aufdecken dieser Verschwörung übelster Sorte! Ich hoffe, YouTube-Video dazu ist in der Mache!?

  15. Sehr interessanter Artikel voller Unwahrheiten und unangemessener Überspitzungen. Die Solidarność-Enkelin hat hier Journalismus mit Aktivismus verwechselt, was zum Glück etwas ist, mit dem sie – im Gegensatz zum besten Deutschland aller Zeiten – in patriotischen Polen keine Karriere machen kann.

    An Derrick und Polizeiruf 110 erinnere ich mich noch aus der Zeit vor der Wende, 1987 liefen diese Serien bei uns im TVP, da war ich 5 Jahre alt. Ich kann mich nicht an die Jahre davor erinnern, jedenfalls ist es aber eine Lüge, dass deutsche Serien erst nach 1990 ausgestrahlt wurden. Wir haben das Land im Mai 1989 verlassen, und da gehörten Westserien schon seit Jahren zum normalen Abendprogramm.

  16. @Michal

    Ich war jetzt mehrere Wochen zu Besuch in Polen und kann dem Bericht von Frau Smechowski im Großen und Ganzen zustimmen. So etwas wie neutrale Berichterstattung gibt es bei „Wiadomosci“ nicht. Jeden Tag laufen die Nachrichten nach dem gleichen Schema ab: PiS und Polen sind wunderbar und die Opposition so wie das Ausland sind Abschaum. Zu Wort kommen nur PiS Politiker und die können in aller Ausführlichkeit berichten wie toll sie doch seien, aber Oppositionelle werden so zusammengeschnitten, dass sie negativ dargestellt werden.

    Ich fand es erschreckend wie einseitig die „Wiadomosci“ bei TVP1 sind und ich bin froh, dass unsere Tagesschau bei ARD nicht mal ansatzweise so ist, auch wenn die Menschen bei uns im Land gerne „Lügenpresse“ schreien. Diesen Menschen empfehle ich mal wirkliche Lügenpresse im polnischen TVP1 aka „PiS-TV“ zu schauen.

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