World Wide Geisterwald

„@youtube please help!!!!“, postet Kim Kardashian am vorigen Dienstag auf ihrem Instagram-Account, dem 129 Millionen Menschen folgen. Mit ihrem Hilferuf teilte sie eine Warnung, die ihr von besorgten Eltern weitergeleitet worden war, und die über eine Bedrohung im Internet informierte: das Fratzenwesen Momo, das angeblich in harmlos wirkenden Web-Videos auftaucht und „unsere Kinder“ zum Suizid animiert.

Spätestens ab diesem Zeitpunkt, als eine der weltweit einflussreichsten Influencerinnen das Videoportal anflehte, doch etwas zu tun, war der glubschäugige Geist endgültig aus der Flasche und konnte auch mit Ratio leider nicht wieder reingestopft werden. Seit der Adelung durch die dreifache Promi-Mutter steht Momo auf der langen Liste der Dinge, die Eltern Angst machen – und auf der mindestens ebenso langen Liste der Dinge, die erfunden sind.

Youtube antwortete Kim Kardashian prompt via Instastory, dass sie dem Phänomen nachgehen würden und teilte dann nach einer Evaluation am vergangenen Mittwoch mit, dass es keine Hinweise auf Videos gebe, in denen die so genannte Momo-Challenge gezeigt oder beworben werde. Zudem würden solche Videos gegen die Richtlinien der Plattform verstoßen.

„Bild“ über Momo: Bitte fürchten Sie sich – jetzt! Screenshot: Bild.de

Am Donnerstag und Freitag allerdings berichteten dann etliche Medien über die Sache. „Die brandgefährliche Momo-Challenge“ sei wieder da, schrieb beispielsweise „Bild“, und sie nehme „jetzt offenbar gezielt Kleinkinder ins Visier!“ Die „Horror-Figur“ fordere „auf perfide Weise zum Selbstmord auf“!

Die Frauenzeitschrift „Brigitte“ informierte ihre Leserinnen, dass auch die Polizei in Deutschland bereits Warnungen ausgesprochen habe und rät, wem im Internet „eine gruselige Frau mit Glubschaugen (oder etwas anderes Verdächtiges) auffällt, der sollte nicht zögern, die Polizei darüber in Kenntnis zu setzen.” Von Fällen, in denen Momo in deutschsprachigen Videos auftaucht, sei zwar nichts bekannt, berichten andere, aber ein bisschen Panik, pardon, „erhöhte Alarmbereitschaft“ kann ja nicht schaden.

Hysterie statt Mystery

Ich denke, dass mir niemand wegen dieses Spoiler böse ist, aber ich möchte verraten, dass es sich bei Momo um eine von zahlreichen digitalen Mythen handelt. Um ein aufgekochtes Meme, wiederbelebte Internet-Gruselfolklore, die durch die gefährlich Wechselseitigkeit aus Medien-Alarmismus und geschürten Eltern-Ängsten sowie durch die Netzwerkeffekte verstärkt wird.

Momo hat es geschafft, gewissermaßen zu einem modernen Rattenfänger von Hameln mit der Spreadability eines ansteckenden Virus zu werden, den Menschen, die nicht bloß ins Internet gehen, um nachzuschauen, was ihre Kinder dort machen, bereits kannten. Weil schon im vergangenen Sommer die Nachricht von einem bösen Momo-Kettenbrief durch die Lande spukte, der dann aber eben nicht mehr war als das: ein alberner Kettenbrief.

Die scheinbar erschreckend gefährlichere neue Momo-Challenge, die Kinder nun vermeintlich auch über Zeichentrickserien oder Games heimsucht, ist ein neuer Hoax mit altem Gesicht. Er wurde durch Headlines viral und durch Boulevardmedien, die davon profitieren. Als Multiplikatoren melken sie die Sorgen der Eltern nicht nur, sie haben sie selbst mit heraufbeschworen.

Wenn etwas an der Momo-Fratze gefährlich erscheint, ist es dieser schnell zirkulierende Feedback-Loop einer hirnlosen medialen Mythen-Bildung: Erst ist da ein Scherz, ein Gerücht, ein digitaler „urbaner“ Mythos.

Dann ist da eine besorgte Social-Media-Mutter, die zur warnenden Berichterstattung über irgendetwas mit Kindern im Internet inspiriert – was zu immer mehr ängstlichen Eltern führt, die aufgebracht „Warum tut denn keiner was?“ rufen. Was dann noch mehr Mitteilungen bewirkt.

Und plötzlich ist die fiktive Folklore als reale Bedrohung medial und gesellschaftlich etabliert, was zu mehr Warnungen und Berichten führt, was dann wieder Eltern panisch werden lässt usw.

Memes wie Momo sind wie dafür gemacht, die Furcht vor diesen schwer fassbaren, schier übernatürlichen Bedrohungen in diesem undurchdringlichen digitalen Wald zu bedienen, in dem Kinder verschleppt, traumatisiert und mutmaßlich sogar getötet werden.

Die Panik über Momo folgte einem bekannten Muster, das zuvor schon durch andere vermeintliche Teenager-Challenges festgelegt wurde. So zum Beispiel die Kondom-Mutprobe oder die „Tide Pod Herausforderung“, die viel Buzz verursachten, aber nur wenige dokumentierte Verletzungen, wenn überhaupt.

Die virale Verbreitung solcher Geschichten sagt zumeist weniger über die realen Gefahren aus, die diese Herausforderungen für junge Menschen darstellen, sondern mehr über die Ängste, die das Internet bei Eltern weckt.

Geschichte der Gemütsbewegungen

Es lohnt sich, diese Spirale noch mal in einer Kurz-Chronik nachzuvollziehen:

Am 17. Februar berichtet eine Mutter in einer geschlossenen Facebook-Gruppe, dass ihr Sohn andere Kinder zum Weinen gebracht habe, weil ihn – wie er seiner Mutter später erzählte – Momo beauftragt habe, dies zu tun, da sie ihn sonst umbringen werde. Das war die angebliche Challenge, die Mutprobe. In ihrem Post wollte die Mutter die anderen Eltern vor Leuten warnen, die den Momo-Avatar benutzen, um Kinder online zu bedrohen.

Daraus wurde dann eine Meldung in den britischen Lokalmedien, die wiederum vom „Daily Mail“ und „Daily Star“ aufgegriffen wurde und sich in Großbritannien verbreitete, mit den effizienten Schlagwörtern:

Internet, Kinder, Suizid.

Nach den ersten Warnungen brachte „The Mail“ Empfehlungen, wie Eltern damit umgehen sollten. Die irische und die englische Polizei mahnte, die BBC berichtete – und so erreichte der Momo-Virus allmählich die USA und deren Nachrichtenredaktionen, und schließlich auch Kim Kardashian.

Das Bild von Momo, um das es geht, ist übrigens ein illegitim entwendetes Foto einer Vogelfraufigur der japanischen Künstlerin Keisuka Aisawa. Es hat selbst nicht aktiv zur ganzen Sichtbarkeit im Netz, zu den Kettenbriefen und den angeblich zahlreichen Videos beigetragen – und zudem sind diese auch nicht viral gegangen. Was viral ging, war vielmehr die Angst davor, dass Momo viral gehen könnte, und durch diese Angst schaffte das Meme-Monster erst das, vor dem eigentlich gewarnt wurde.

Das ist der gefährliche und gruselige Teil der Geschichte, weil die Eskalation dieses unterkomplexen Schauermärchens von den komplexen Problemen ablenkt, mit denen es Eltern in Anbetracht der schwierigen Überwachbarkeit des Internets zu tun haben.

Diese Sorgen sind ja keineswegs unbegründet oder irrational. Das Internet birgt reale Gefahren für Kinder, zum Beispiel Mobbing, Pädophile, Doxxer, extreme Pornographie oder schlicht, wie im richtigen Leben auch, Soziopathen, die versuchen, sich über das Netz Zugang zu Kindern zu verschaffen. Es wird bloß noch unübersichtlicher, wenn zu realen Gefahren noch frei erfundene hinzukommen, inklusive medialer Panikmache.

Die Angst vor der eigenen Angst

Momo ist die zur Fratze erstarrte Angst der Eltern vor dem unmoderierten Raum einer digitalen Öffentlichkeit. Es ist damit das perfekte Maskottchen für die Ohnmacht, die man manchmal in Anbetracht der grotesken Aspekte des Internets empfindet. Wenn das Private und die Unversehrtheit der eigenen Kinder jederzeit geradezu invasiv, ohne Vorankündigung, gewissermaßen via Jumpscare über PCs und mobile Geräte bedroht werden kann.

Die unkritische Verbreitung des Momo-Challenge-Hoax ist der exemplarische Ausdruck einer gesellschaftlichen, kulturpessimistischen Angst vor diesem Internet, das „unsere Kinder“ verderben oder töten will, mit seiner bedrohlichen Internethaftigkeit. Diese Angst sitzt tief.

Doch Eltern dürfen ihre parentalen Urängste nicht von Berichterstattern im Daueralarmismus ausnutzen lassen. Anderseits, klar, wenn sogar die Polizei warnt – was soll man als Eltern auch machen? Die Aufgabe von Medien darf aber nicht sein, zum Zwecke der Reichweitensteigerung diese elterliche Urangst zu missbrauchen, indem sie in den Panikmodus schalten.

Bevor das nächste Mal voreilig über mordlustige Gespenster im World Wide Geisterwald berichtet wird, sollten sich seriöse Journalisten und Medien den Namen des wahrscheinlich bekanntesten Wikis für Internetphänomene zu Herzen nehmen. Denn dieser kann als ein warnender Imperativ gelesen werden: Know Your Meme – Kenne dein Meme!

4 Kommentare

  1. Ich bin weder überzeugt, dass es sich bei der Momo Challenge um einen Hoax handelt noch davon das es keiner ist. Dieser Essay setzt das einfach voraus, ohne deutlich zu machen, woher die Erkenntnis stammt und beschäftigt sich eigentlich nur mit der Interpretation und Einordnung von Memes und Hoaxes.

    Das einzige nachvollziehbare Argument ist eigentlich, dass Youtube solche Videos mit der versteckten Horrorpuppe nicht gefunden habe, was einerseits die Frage nahe legt, ob eine solche Suche technisch überhaupt möglich ist und zweitens warum es zu dem Zeitpunkt, zu dem das Thema bekannt war, tatsächlich kein solches Video gab. Zumindest irgendwelche Spaßvögel hätten, auch wenn es zu Beginn nur ein Hoax war, doch sicher flott eines erstellt oder eine Art Parodie davon (und Parodien werden ja technisch nicht zuverlässig erkennt wie wir aus der Art.13 Debatte wissen).

    Gleichzeitig ruft Voutube dazu auf, dass Nutzer solche Videos melden sollen, wenn sie auf sie stoßen (da sie gegen die Richtlinien verstoßen). Ja, was denn jetzt: Wenn Youtube durch welche Maßnahmen auch immer ausschließen kann, dass es solche Videos gibt, warum soll man die dann überhaupt melden? Ist es also doch nicht ausgeschlossen.

    Und werden gegen die Richtlinien verstoßende Inhalte, also etwa solche die Jugendgefährdend sind, nicht ohnehin abgesucht und entfernt, insbesondere auf diesem Kinder Youtube? Oder nur auf Aufforderung von Kim Kardashian?

    Also die ganze Sache wirft tatsächlich mehr Fragen auf, als die beantwortet, die Eltern sind ganz zurecht besorgt. Auch wenn die Autorin den Eltern nicht die Schuld gibt, so stellt sie diese doch in einer Art Unfähigkeit zwischen realen und falschen Bedrohungen zu differenzieren dar. Das gefällt mir nicht.

    Und übrigens auch die Tatsache nur „extreme Pornographie“ unter die wirklich realen Gefahren einzuordnen, finde ich etwas seltsam, zumal es bei der Momo-Challenge um sehr kleine Kinder geht. Jedwede Pornographie sollte von Kindern ferngehalten werden.

  2. Die Erkenntnisquellen sind alle benannt und teilweise auch verlinkt. Im Übrigen liegt es in der Natur der Sache, dass es keine Belege/Beweise für etwas geben kann, was es nun einmal nicht gibt. Wenn der Betreiber einer Plattform, auf der sich das Meme angeblich verbreiten soll, nach mehrtägiger Prüfung mitteilt, dass es keine Hinweise darauf gibt, und das Phänomen auf einer dafür bekannten Seite auch als Hoax/Meme bereits bekannt und eingeordnet ist, könnte das vielleicht ein klein wenig gewichtiger sein als irgendein Post in einer geschlossenen Facebook-Gruppe, Kim Kardashian und das daran alarmistisch anknüpfende Rauschen im Blätterwald. Dass die Autorin nicht über Einblicke in interne Prüfungen/Prüfmechanismen und -werkzeuge von YouTube verfügen und insoweit im Rahmen einer Wochenkolumne weder investigativen Journalismus betreiben noch einen Essay zu technischen Standards sowie Umfang automatisiert ablaufender Inhaltsprüfungen bei YouTube abliefern kann, dürfte nachvollziehbar sein, erst recht auf einer Seite über Medien.

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