Müssen Bahnhofs-Buchhandlungen ein Magazin anbieten, das Nazis huldigt?

Es ist nicht notwendig, bei der SS gewesen zu sein, um auf den Titel der Zeitschrift „Schwerterträger“ zu kommen – aber schaden tut es auch nicht.

Trotz Aufdruck „Januar-März 2018“: die aktuelle Ausgabe des „Schwerterträgers“ Foto: Lesen und Schenken

Die aktuelle Ausgabe, zum Beispiel, ist einem Mann namens Hermann Prieß gewidmet. Er war Kommandeur der SS-Division „Totenkopf“, und das Bild auf dem „Schwerterträger“ zeigt ihn in Uniform, mit einer der höchsten Auszeichnungen am Revers, die die Nazis zu vergeben hatten. Damit löst Prieß den Wehrmachts-Offizier Heinz-Georg Lemm ab. Er war auf der vorigen Ausgabe zu sehen. Auf seinem Orden zu erkennen: ein Hakenkreuz.

Ein Leipzigerin störte sich kürzlich daran, dass die örtliche Bahnhofsbuchhandlung Ludwig, die zur Unternehmensgruppe Eckert gehört, eine Ausgabe des „Schwerterträgers“ im Sortiment hat: „Nicht zu glauben!“, schrieb sie auf Facebook. „Wie können Sie so etwas in Ihrer Buchhandlung auslegen?“

Die Buchhandlung antwortete, dass der Bahnhofsbuchhandel „besonderen Qualitätskriterien“ unterliege und „eine herausgehobene Verpflichtung zur Neutralität und Pressevielfalt“ habe. Dazu gehört auch eine „weitgehende Angebotsverpflichtung“. Und weiter:

„Wir als Einzelhandelsunternehmen mit dem Schwerpunkt Presse und Buch im Bahnhof unterliegen einem Diskriminierungsverbot im Sinne des Grundgesetzparagrafen 5 Abs. 1. Der Bahnhofsbuchhandel empfindet sich geradezu als Garant von Pressefreiheit und Meinungsvielfalt. Und obliegt es nicht, eine Zeitung oder Zeitschrift einzustufen, egal welcher politischer Ausrichtung, soweit sie nicht auf dem Index stehen.“

Diskriminierungsverbot, okay. Nur – wer wird eigentlich diskriminiert, wenn man ein Heft, das Nazis und deren Taten huldigt, nicht anböte? Eine Frage, die uns die Bahnhofsbuchhandlung leider nicht beantwortet.

Das Magazin ist weder verboten noch indiziert. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sagt auf Nachfrage, der Titel stehe nicht auf ihren Listen. Er darf also frei vertrieben werden. Die Frage ist bloß: Muss man das wirklich auch tun? Liegt die Buchhandlung richtig?

Waffentaten würdigen? Von SS-Leuten?

Der „Schwerterträger“ erscheint im Verlag Deutsche Militärzeitschrift (VDMZ), der zur Unternehmensgruppe Lesen & Schenken gehört. Klingt harmlos, ist aber ein strammrechtes Haus: Dort erscheint auch der revanchistische „Schlesier“ und das rechtsextreme Magazin „Zuerst!“. Der „Schwerterträger“ widme sich vierteljährlich je einem der „hochdekorierten Soldaten in einer umfangreichen Biographie“ und würdige „seine Waffentaten ausführlich“. So ist es im „Netzladen“ genannten Webshop des Verlags nachzulesen.

Waffentaten würdigen? Von SS-Leuten? Das ist kein Gruselgeschichtsfernsehen über Schäferhunde und Panzer, wie man es aus der History-Sparte von „Welt“ oder „n-tv“ kennt – der „Schwerterträger“ macht vielmehr einen Kniefall vor den Leistungen hochrangiger Nazi-Militärs: „Vergessen werden dabei nicht die unermeßlichen Anstrengungen und Qualen, der Wagemut und die Entbehrungen, die damalige Soldaten der Wehrmacht ertragen mußten.“

Noch mal: Muss man so etwas anbieten? Peter Brummund sagt: Nein, muss man nicht. Brummund hat bereits 2005 in der Reihe „Dortmunder Beiträge zur Zeitungswissenschaft“ über den Bahnhofsbuchhandel geschrieben und sich auch danach wissenschaftlich mit dem Presse-Vertrieb beschäftigt. Es sei die Entscheidung jedes einzelnen Bahnhofsbuchhändlers, einen Titel anzubieten oder nicht, so Brummund.

Mindestens 1.000 Titel müssen sichtbar sein

Für den Bahnhofsbuchhandel gelten besondere Bedingungen, die nicht für jeden Presse-Einzelhändler gelten. Er wird etwa nicht von Grossisten beliefert. Das Presse-Grosso ist die größte Vertriebssparte in Deutschland. 49 Grossisten versorgen nach eigener Darstellung täglich mehr als 110.000 Presseverkaufsstellen. Der Vertrieb folgt Regeln, die sicherstellen sollen, dass legale Titel auch tatsächlich im Handel zu bekommen sind.

Bei Bahnhofsbuchhandlungen ist das anders: Sie werden direkt von Verlagen beliefert. Diese Sonderstellung hat eine lange Geschichte. Ziel ist es, den Bedürfnissen von Reisenden gerecht zu werden. Heute ist das in einer Vereinbarung festgeschrieben, die zwischen dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) und dem Verband Deutscher Bahnhofsbuchhändler (VDBB) ausgehandelt wurde.

2017 gab es laut VDBB rund 490 Verkaufsstellen des Bahnhofsbuchhandels an 340 Standorten. Um zu ihnen zu zählen, müssen sie sich – so die Kriterien, die etwa im Geschäftsbericht des VDBB nachzulesen sind – nicht nur im Bahnhof oder an einem Flughafen befinden, sie müssen zum Beispiel auch an allen Feiertagen und mindestens 90 Stunden pro Woche geöffnet haben.

Zu den Kriterien zählt zudem die grundsätzliche Verpflichtung, „jedem neuen Presseerzeugnis den Zugang zum Markt zu öffnen“. Es muss, so die Regel, ein „ZZ-Vollsortiment“, also ein Vollsortiment von Zeitungen und Zeitschriften, angeboten werden. „Vollsortiment“ heißt allerdings nicht, dass alle verfügbaren Titel gehandelt werden müssen – dann müsste mancher Bahnhof anbauen. Es geht um ein weitreichendes Angebot: Mindestens müssen 1.000 Titel „sichtbar“ sein, häufig sind es viel mehr. Deshalb sind im Bahnhofsbuchhandel auch Zeitschriften zu Spezial-Themen finden, die es anderswo nicht gibt.

„Der Bahnhofsbuchhandel gewährleistet grundsätzlich den Marktzutritt für Presseobjekte, wenn diese verkäuflich sind und nicht gegen gesetzliche Vorschriften verstoßen“, heißt es beim Verband Deutscher Bahnhofsbuchhändler. Ganz ähnlich die Formulierung des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger: „Der Bahnhofsbuchhandel gewährleistet wie das Pressegrosso und der Einzelhandel den aus der Pressefreiheit folgenden diskriminierungsfreien Zugang legaler Presseprodukte zum Lesermarkt.“

Bahnhofsbuchhandel muss nicht jeden Titel anbieten

Nur: Das ist keine kartellrechtliche Vorschrift, da der Bahnhofsbuchhandel keine marktbeherrschende Stellung hat. Es ist gelebte Praxis. Peter Brummund sagt: „Wenn ein Bahnhofsbuchhändler keine Bedenken hat, einen Titel auszulegen, wird er es tun.“ Habe er allerdings Bedenken, könne er Titel sehr wohl aus dem Angebot entfernen.

Genau das ist nun in Leipzig passiert, nachdem es Kritik gab. Die Bahnhofsbuchhandlung Ludwig und ihr Mutterunternehmen Eckert beantworten die Frage nicht, wie und warum der „Schwerterträger“ mit seinen Nazi-Coverboys ins Angebot kam. Sie verweisen stattdessen auf die Stellungnahme des Verbands Deutscher Bahnhofsbuchhändler, in der es heißt:

„Die Entscheidung, Objekte, die in rechtlichen Grenzbereichen liegen, in das Angebot aufzunehmen und zu präsentieren, obliegt dem Bahnhofsbuchhandel.“

Grundsätzlich entscheide dieser „im Zweifel für die Pressefreiheit“. Allerdings: „Unabhängig von Indizierungen ist auch der Bahnhofsbuchhandel verpflichtet, Presseobjekte dahingehend zu überprüfen, ob rechtliche Bedenken gegen das Angebot bestehen.“

Was man von Eckert selbst erfährt, ist dies: „Dank des Hinweises unserer Leipziger Kundin schauen wir uns die betreffende Zeitschrift gerade noch einmal gründlich an. Solange wird sie im Regal nicht zu finden sein.“ Das gelte auch für die anderen Filialen des Unternehmens.

31 Kommentare

  1. Müssen Bahnhofsbuchhandlungen ein Magazin anbieten, das Fleischfressern huldigt? Ich denke da an „Beef“.

  2. Dass Heinz Schnabel ans Essen denkt, wenn er etwas über Nazi-Zeitschriften liest, ist vermutlich ein Pawlow´scher Reflex.

  3. Sorry, aber diese Diskussion halte ich für kontraproduktiv.
    Lasst das Magazin doch da liegen, kauft vermutlich sowieso fast niemand. Und Gent doch den Rechten nicht noch mehr Gründe sich als Opfer zu fühlen. Es schadet am Ende mehr als es nutzt…

  4. Werden in dem Heft auch die Kriegsverbrechen des überzeugten Nationalsozialisten und seiner ihm unterstellten Kampfverbände „gewürdigt“?

    Denn – wie uns ein Heinz Schnabel lehrt – ist Zivilisten zu ermorden ja nicht schlimmer als Fleisch zu essen.

  5. @6: Ich bin nicht „ein“ Heinz Schnabel, sondern „der“ Heinz Schnabel.
    Sind Sie denn „ein“ Kleitos oder „der“ Kleitos?
    Im übrigen: Die Leser von „Beef“ essen gerne Fleisch und bereiten es auch zu. Dafür werden Tiere getötet.
    Die Leser der Zeitschrift „Schwerterträger“ töten keine Zivilisten. Jedenfalls ist mir das nicht bekannt. Längst verstorbene Kriegsverbrecher heutzutage noch als Helden zu verehren, halte ich für falsch.

  6. @30 Heinz Schnabel

    Ihnen ist nicht bekannt, ob die Leser von »Beef « gerne Fleisch essen und zubereiten. Ebensowenig ist Ihnen bekannt, onb die Leser von »Schwertträger« nicht doch Zivilisten töten.

    Wenn Sie es für falsch halten, Kriegsverbecher zu adeln, warum realtivieren Sie dann die Kritik daran?

    Irgendwas passt da nicht zusammen …

    btw – Sie sind in der Tat nur „ein“ Heinz Schnabel: https://www.dastelefonbuch.de/Suche/Heinz%20Schnabel

    ich hingegen: https://www.google.com/search?q=kleitos&ie=utf-8&oe=utf-8&client=firefox-b-ab

  7. @4
    Ganz recht, Tucholsky hat es bereits geschrieben:
    „Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
    erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
    Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,
    getreulich ihrer Eigenart!
    Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:
    Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!“

  8. Erstmal ein herzliches Willkommen, Herr Raab!

    Zum Thema kann ich mir keine Meinung bilden, da m.E. etwas zu wenig Inhalt des Heftes transportiert wird. Und kaufen werde ich mir das Heft nicht, ist so‘n Individualgedanke von mir. Generell finde ich die beschriebene Praxis – jeder Bahnhofsbuchhändler entscheidet selbst, hat dafür aber auch Spielraum – jedenfalls in Ordnung.

  9. Wie muss ich den Titel verstehen: Schwerter-Träger (also eine Person, die mehrere Schwerter trägt – im Unterschied zum einfachen Schwertträger, den ich als Knappe eines Ritters identifiziere) oder Schwert-Erträger (jemand, der ein Schwert erträgt oder ertragen muss – da gibt’s hier im Kommentarbereich nicht allzu viele) oder gar Schwer-Terträger (irgendwas aus dem Hoch- und Tiefbau, so wie Querträger, Längsträger, Schwerträger, Leichtträger?)?

  10. Letzlich ist der Verkauf dieses Magazins nicht rechtswidrig. Es ist aber dann nicht nur eine Entscheidung des Händlers, ob er es anbietet, sondern auch eine Entscheidung des Kunden, ob er es mitnimmt.
    Mir persönlich gefällt eine Welt, in der solche Magazine angeboten werden und dann einfach liegenbleiben, viel besser, als eine, in der man sie aufgrund öffentlichen Drucks aus dem Verkauf nimmt und damit die Neugier potentieller Kunden erst recht weckt.
    Außerdem: Das allein schon der Name Heinz Schnabel mittlerweile einen Reflex bei einigen auslöst, hat diese Plattform hier auch nicht verdient.
    Wenn man sich seinen Kommentar ansieht, dann gibt es s zwei Möglichkeiten: Er will Reaktionen provozieren. In dem Fall hat er aber auch maximalen Erfolg. Oder er ist ernsthaft der Ansicht, dass Journalismus, der ungesunde Ernährung begünstigt und womöglich auch nicht artgerechte Tierhaltung fördert, genauso schlimm ist, wir Journalismus, der die Biografien von Kriegsverbrechern verklärt. Das ist dann eine Ansicht, die man diskutieren kann. Will man das tun, wäre die erste Frage an ihn, warum er das so sieht.

  11. @16 Obwohl das Trollen offensichtlich ist, soll man darauf eingehen? Die Würdelosigkeit des Vergleichs „Verherrlichung der Esskultur Fleisch“ zu „Verherrlichung der Kriegsverbrecher des zweiten Weltkrieg“ wertet einzig die Schandtaten der Nazis ab, da hier etwas Normales mit menschlichen Abgründen soweit auf eine Stufe gestellt werden soll, dass es vergleichbar erscheint. Für mich ist dies nur einer der unendlichen Troll-Versuche, die Taten der Nazis zu relativieren, anders kann ich dieses niveaulose Statement leider nicht verstehen.

  12. Es sollten in Deutschland zukünftig nur politisch korrekte Zeitungen öffentlich ausgelegt und angeboten werden.
    Diese Regel funktioniert in vielen Ländern wie China, Eritrea u.a. bestens.

  13. Der Kampf gegen den Nationalsozialismus wird nicht in einer Leipziger Bahnhofsbuchhandlung entschieden. Besiegt wurde er von den demokratischen Angelsachsen und der kommunistischen Sowjet-Union.
    Eine Leipzigerin ist nicht der Hüter der Pressefreiheit, das ist unsere demokratische Verfassung und die Justiz. Ein Veganer muss „Beef“ nicht kaufen, aber er darf den Vertrieb dieser Zeitschrift nicht behindern.
    99,99 Prozent der Deutschen kaufen keine „Schwerterträger“, 99,9 Prozent kennen das Machwerk nicht einmal. Es ist nicht die Aufgabe von Nichtlesern bestimmter Zeitschriften, den Lesern dieser Zeitschriften den Zugang zu erschweren. Diese Leipzigerin sollte erst einmal einen Nachhilfekurs in Demokratie belegen. In der DDR wurde diese Zeitschrift nicht vertrieben. Warum wurde sie abgeschafft?
    Was macht die Bahnhofsbuchhandlung, wenn sich demnächst jemand an der „Jungen Welt“ und am „Neuen Deutschland“ stört? Und danach an der „taz“, der „FR“ und der „SZ“. Ach, und „Spiegel“, „stern“ und „Zeit“ gefallen auch manchen nicht.

  14. Die übliche Verharmlosung rechtsextremer Schriften, indem man sie in eine Reihe mit nicht-rechtsextremen Schriften stellt: „Seht, die verkaufen Äpfel, Banenen und Orangen, warum sollten sie also keine Kothaufen verkaufen?“

    Die Struktur des Argumentes (die in diesem Fall Faschismusverharmlosend ist), ist, so zu tun, als sei das wirklich im Grunde das gleiche.

  15. @Stefan Pannor: Nun wird die Zeitschrift nicht mehr ausgelegt. Welche Blätter wollen Sie noch aus dem Sortiment nehmen? Aber im Internet kann sie noch immer bestellt werden.

  16. @17 P Skizzle
    Ich habe geschrieben: „Will man das tun…“, also diskutieren. Sie verstehen, dass Sie darauf eingehen sollen. Natürlich sollen Sie das nicht, es liegt mir fern, irgendwem vorzuschreiben, wie er sich verhalten soll.
    Ich halte es für das Beste, gar nicht auf solche Kommentare zu reagieren, gerade weil nicht erkennbar ist, ob Provokation oder eine ernsthafte Ansicht den Kern der Aussage bilden. Wenn ich aber meine, darauf reagieren zu müssen, würde ich zunächst immer fragen, was mir unklar ist. Ob das als Grundbaustein einer zielführende Kommunikation schon eine „darauf eingehen“ darstellt, ist Ansichtssache. Am Ende können Sie reagieren, wie Sie wollen.

  17. Das strukturelle Argument gegen solche moralischen Reglementierungsversuche ist, dass eine Kultur, die das Angebot medialer Erzeugnisse nicht nur vom gemeinsamen Nenner der Rechtswidrigkeit abhängig machen will (was schwer genug ist), sondern von sonstigen moralischen Kategorien, noch nie in der Geschichte dabei stehen geblieben ist, nur den einen Fall hier, der doch so klar und eindeutig ist zu reglementieren. Es gibt immer Aktivisten, die bereits das nächste Beispiel zur Hand haben, und sich gegenseitig in der Zurschaustellung moralischer Awareness überbieten.

    Die Grenze ist entweder das Gesetz, das bei aller systematischer Problematik von einem demokratisch legitimierten Gesetzgeber stammt, oder es ist die Willkür der lautesten Interessengruppe bzw des empörtesten Twitter-Mobs.

    Denn, wer hätte das gedacht, es gibt in einer Gesellschaft unterschiedliche moralische Vorstellungen darüber, was erlaubt und was verboten sein sollte. Was dem einen sein Schwerterträger-Nazi, ist eben wirklich dem anderen sein Beef-Tiermassenmörder. Wenn man erst einmal davon überzeugt ist, dass Tierrechte Menschenrechten nicht nachstehen sollten, dann gibt es moralisch keinen Unterschied mehr, außer, dass man selbst die Moral eben nicht teilt und die moralischen Konsequenzen ablehnt, und wie die meisten einen moralischen Unterschied sieht zwischen Tierschlachtung und Weltkriegstoten. Aber den Rückzug auf rationale Argumente hat man sich dann bereits selbst verbaut, denn im Falle der Schwerterträger war Moral noch gerade recht als Argument.

    Ist Schwerterträger ein krudes Machwerk für Wehrmachtsfetischisten? Ja. Gibt es auch nur einen Nazi weniger, wenn der Vertrieb boykottiert wird? Nein. Wird überhaupt irgendjemand zum Nazi, weil er Schwerterträger liest? Nein. Sollte man sich deshalb lieber mit tatsächlichen Ursachen rechtsextremer Einstellungen beschäftigen, statt sich auf völlig belanglose Nischenprodukte moralisch selbst zu befriedigen? Ich denke ja.

    Es ist zB kein Zufall, dass das einzige europäische Land, das keinen Rechtsruck erlebt, Portugal ist, unter einer linken Regierung, die sich der Austerität verweigert und eine Politik betrieben hat, die auf die Stärkung des gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalts abziehlt. Das ist bei aller sonstigen berechtigten Kritik an Portugal doch eine Tatsache, über die man sich viel produktiver empören könnte. Ist nur nicht so griffig und einfach wie ein dämliches Wehrmachtmagazin.

  18. Soweit ich sehe, ist übermedien nicht auf den Fall der linken Zeitschrift konkret eingegangen, als deren Oktober-Ausgabe vom Presse-Grosso „zensiert“ wurde. Dort stieß sich der Verband durchaus am „Gebrauch des Kennzeichens einer verfassungswidrigen Organisation“. Konkret hatte sich den Spaß gemacht, und die berühmte Gauland-Krawatte auf dem Titelblatt mit Hakenkreuzen versehen. Diese rechtlich nicht haltbare, klar gegen links gerichtete Zensur setzte der Zeitschrift schwer zu:

    https://www.konkret-magazin.de/aktuelles/aus-aktuellem-anlass/aus-aktuellem-anlass-beitrag/items/pressegrosso-behindert-auslieferung-von-konkret.html

  19. @Illen: Ich hätte mein Anliegen gerne so gut dargestellt wie Sie. Ich kann alles unterschreiben, bis auf Portugal, weil ich darüber zu wenig weiß.

  20. @ Illen, 24

    Ich gebe Ihnen mit jedem Satzzeichen recht und finde Ihren Beitrag wichtig und exakt auf den Punkt gebracht. Nur in einem Punkt muss ich wiedersprechen: Ich kann mir leider durchaus vorstellen, dass es ein paar Nazis mehr gibt durch dieses Magazin. 15-jährige Jungen, die von der Ritterlichkeit und dem Heldenmut der völlig zu Unrecht von der Siegerjustiz verleumdeten tapferen Männer der Waffen-SS lesen, die auch noch wie ich Deutsche waren und für Deutschland gekämpft haben. Wow! Tolle Kerle, echte Männer. So will ich auch sein. (Das mit diesem Malmedy-Massaker, naja, war ja Krieg, was soll man denn machen, wenn irgendwelche Unteroffiziere Befehle falsch verstehen?)
    Die Antwort kann nur nicht Verbot oder auch nur Verdrängung sein, als hielte man sich zugleich Augen und Ohren zu. Eine Demokratie muss das, wenn es legal ist, aushalten. Denn sonst ist es wirklich nur eine Frage der Zeit, bis es auch „Beef!“ an den Kragen geht. Die Antwort muss sein, seine Kinder so zu erziehen, dass sie bei Geschichten von tollen SS-Männern vielleicht einfach mal bei Wikipedia nachgucken (schon das reicht), um zu sehen, wie weit es her war mit Ritterlichkeit und edlem Soldatentum.
    Ansonsten gebe ich Ihnen komplett recht, Illen.

  21. „Sollte man sich deshalb lieber mit tatsächlichen Ursachen rechtsextremer Einstellungen beschäftigen, statt sich auf völlig belanglose Nischenprodukte moralisch selbst zu befriedigen? “

    Wer macht sich schon die Plag‘ und rüttelt an seinen Scheuklappen den ganzen Tag?
    Das Symbol-Scheingefecht-Resistance-Gehabe bietet schnelle Kicks bei minimalem Aufwand. Und wer merkt schon gerne, dass er selbst den wirksamsten Dünger für die braune Blüte ist, vor allem wenn er dann seine natürliche politische Grundeinstellung und die dazugehörigen Befriedigungsrituale in Frage stellen müsste?

    Dann doch lieber den Schnabels weiter Steilvorlagen liefern.

  22. Ich habe mich jetzt nicht durch alle Kommentare gelesen, aber der Kommentar @24 beschreibt auch meine Empfindung sehr gut (zu Portugal kann ich aber auch nichts sagen) (Klasse Beschreibung Herr Illen!). Mir ist diese „Empörungs-Kultur“ suspekt und teilweise auch unheimlich. Unabhängig davon ist absolut legitim die Frage dieses Artikels zu stellen. Meine Antwort: „Man muss nicht, aber man kann!“ (Solange es nicht rechtswidrig ist)

  23. Wenn man arschig ist: wie viele Menschen sterben jährlich im Straßenverkehr oder werden darin schwer verletzt? Wie viele Menschen sterben an den Folgen von Alkohol? Nicht nur im Straßenverkehr, sondern weil das Zeug eine Droge mit hohem Suchtfaktor ist?
    Sind Zeitschriften über Autos und Wein daher denn nicht insgesamt auch schädlich, und wäre es daher nicht zumindest gerechtfertigt, solche Zeitschriften nicht frei verkäuflich zu halten?

    Der Unterschied ist, dass Wein und Autos unsere Demokratie nicht bekämpfen, Nazis schon. Aber das muss ja nicht das einzige Kriterium sein.

  24. Jau, ein Medium, das von einem ehemaligem taz-Redakteur gegründet wurde, sabbert wegen Ritterkreuzträgern im Bahnhof.

    Es ist nicht widerwärtig, die Politik, Ideologie und Verbrechen des Dritten Reiches abzulehner, nein, das begrüße ich sogar.

    Ja, die Wehrmacht hat Kriegsverbrechen in großer Zahl begangen. Die SS hat Auschwitz betrieben

    Es war wie in jeder Diktatur. Es gab eine Anzahl Massenmörder und Verbrecher, es gab Unterstützer der Nazis, Mitläufer, Neutrale und Leute im Widerstand.

    Mir gehen die Hypermoralisten auf den Zeiger, die umso eifiger gegen Nazis sind, je weniger Nazis noch leben.

    Man ereifert sich wegen der ermordeten Juden und tut nichts gegen den wachsenden Antisemitismus der Gegenwart.

    Mal zum Nachdenken:

    Ritterkreuzträger waren hochgeachtet am Aufbau der Bundeswhr beteiligt. Hohe Wehrmachtsoffiziere (Speidel) wurden Oberbefehlshaber der NATO Landstreitkräfte Europa.

    In den Nürnberger Kriegsverbrecherprozeßen wurde die Wehrmacht ausdrücklich nicht als verbrecherische Organisation verurteilt, die SS hingegen schon.

    US General Eisenhower im Januar 1951:
    „Ich habe damals in solchen Gedanken gehandelt, denn ein Soldat muß ja für seinen Glauben kämpfen. Inzwischen habe ich eingesehen, daß meine damalige Beurteilung der Haltung des deutschen Offizierskorps und der Wehrmacht nicht den Tatsachen entspricht, und ich stehe daher nicht an, mich wegen meiner damaligen Auffassungen — sie sind ja auch in meinem Buch ersichtlich — zu entschuldigen. Der deutsche Soldat hat für seine Heimat tapfer gekämpft. Wir wollen alle für die Erhaltung des Friedens in Europa, das uns allen ja die Kultur geschenkt hat, gemeinsam eintreten.“

    Kanzler Adenauer im Dezember 1952 vor dem Bundestag:
    „Wir möchten heute vor diesem Hohen Haus im Namen der Regierungen erklären, daß wir alle Waffenträger unseres Volkes, die im Rahmen der hohen soldatischen Überlieferungen ehrenhaft zu Lande, zu Wasser und in der Luft gekämpft haben, anerkennen. Wir sind überzeugt, daß der gute Ruf und die große Leistung des deutschen Soldaten trotz aller Schmähungen während der vergangenen Jahre in unserem Volk noch lebendig geblieben sind und auch bleiben werden. Es muß auch gemeinsame Aufgabe sein, und ich bin sicher, wir werden sie lösen, die sittlichen Werte des deutschen Soldatentums mit der Demokratie zu verschmelzen.“

    Erstaunlicherweise äußerte sich Adenauer brieflich gegenüber SS- Oberstgruppenführer Hauser ebenfalls im Dezember 1952:
    „„Sehr geehrter Herr Generaloberst! Einer Anregung nachkommend, teile ich mit, daß die von mir in meiner Rede am 3. Dezember 1952 vor dem Deutschen Bundestag abgegebene Erklärung für Soldaten der früheren deutschen Wehrmacht auch die Angehörigen der Waffen-SS umfasst, soweit sie ausschließlich als Soldaten ehrenvoll für Deutschland gekämpft haben.

    Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung bin ich Ihr
    gez. Adenauer.“

    Es gab wohl alles.:

    Ritterkreuzträger, die eingefleischte Nazis waren und die sich ohne moralische Hemmungen an Kriegsverbrechen beteiligten.

    Ritterkeuzträger, die sich nur als Soldaten sahen und die die verbrecherischen Ziele der Nazi-Politik nicht sehen wollten.

    Ritterkreuträger, die glaubten für ihr Vaterland zu kämpfen und die durchaus persönlich tapfer waren.

    Meine Meinung: Eine Zeitung, die kritiklos und ohne zu differenzieren Ordensträger des Dritten Reiches ausschließlich postiv darstellt, zusammen mit Bildmaterial wie aus Goebbels Propagandaministeriums, ist kein Vorbild für uns heute.

    Aber, die Zeitung ist nicht verboten.

    So manches Mal wünschte ich mir die taz würde verboten werden wegen ihrer alles Deutsche verachtetenden Texte („Bomber Harris, do it again!“ „Yücel „Das Aussterben der Deutschen ist Volkstod in seiner schönsten Form.“). Die taz ist für mich abartig, moralisch verkommen, leidet unter moralischer Hybris.

    Aber, ich würde immer für das Recht eintreten sie überall zu verkaufen.

    Deswegen lehne ich diese Bevormundung strikt ab.

    PS: „Damit löst Prieß den Wehrmachts-Offizier Heinz-Georg Lemm ab. Er war auf der vorigen Ausgabe zu sehen. Auf seinem Orden zu erkennen: ein Hakenkreuz.“

    Ein Hakenkreuz. Gott sei bei uns. Das ist völlig belanglos, denn Hakenkreuze klebten damals überall drauf.

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