Neue Sparpläne bei Funke? „Von Euphorie in den Redaktionen kann keine Rede sein“

Im April wurde Andreas Schoo Geschäftsführer der Funke Mediengruppe, und vor zwei Wochen hat er sich richtig Freunde in der Belegschaft gemacht.

Schoo kommt vom Hamburger Klatschblatt-Verlag Bauer, wo er viele Jahre tätig war, zuletzt als Konzerngeschäftsführer. Bei Funke soll er sich nun um das Zeitschriftengeschäft kümmern – und vor allem ums Digitale.

Andreas Schoo: „Biss-chen überspitzt!“

Ende November gab Schoo dem Branchenmagazin „Werben & Verkaufen“ Einblick, wie er, der Manager, Journalisten sieht. Unter anderem lässt er wissen:

„Heute ist es ja so, dass ein Tageszeitungsjournalist [um] zehn Uhr ankommt, dann vielleicht einen Kaffee trinkt, um zwölf Uhr [ist] die erste Konferenz, und dann wird der Tag angegangen.“

Während der Funke-Geschäftsführer das sagt, dämmert ihm kurz, was er da gerade über seine angeblich bisschen faulen Mitarbeiter sagt, und er schiebt eilig hinterher: „Bisschen überspitzt! Biss-chen überspitzt dargestellt.“

Aber da ist es schon zu spät.

Bei den Redakteuren des Hauses, vor allem denen, die täglich diese so genannten Zeitungen herstellen, ist seither richtig gute Stimmung. In einem Brief an Schoo, der Übermedien vorliegt, schreiben nun mehrere Funke-Betriebsräte, darunter auch die von Funke Online:

„Wir haben Ihre ‚überspitzt‘ formulierte Video-Botschaft mit Befremden und Enttäuschung zur Kenntnis genommen. Tageszeitungsredakteure kommen also erst um 10 Uhr, trinken zwei Stunden Kaffee bis zur ersten Konferenz und gehen dann den Tag an. Wie kommen Sie eigentlich zu dieser Erkenntnis? Wann waren Sie zum letzten Mal in einer Lokalredaktion oder überhaupt in einer Zeitungsredaktion, die tagesaktuell produziert?“

Keine schlechte Frage. Zumal Schoo in dem Interview auch erklärt, wie es nun „in dem neuen Modell“ sei, das sich die Funke-Mediengruppe verordnet habe:

„Es geht morgens um sechs Uhr los! Und wir werden noch gravierender: Wir schreiben am Abend vorab schon, bereiten die Artikel vor. Morgens um sechs Uhr ist da eine Schicht, dann arbeiten wir in zwei Schichten. Die Leute publizieren den ganzen Tag.“

Auch das kam ganz gut an bei der Belegschaft. Die Betriebsräte schreiben, „schon jetzt“ würden sie „abends Themen und Artikel für den nächsten Tag“ vorbereiten, „weil der Arbeitsaufwand anders gar nicht mehr zu stemmen wäre“. „Wir stellen online, posten Facebook-Beiträge und sind bereits jetzt schon im Dialog mit den Lesern auf allen verfügbaren Kanälen.“

Funke-Mediengruppe: Clickbait aus Leidenschaft

Aber für den Funke-Geschäftsführer sind das offenbar weiterhin getrennte Welten: die verschlafenen Zeitungsleute auf der einen, die 24 Stunden blitzwachen, dauerpostenden Onliner auf der anderen Seite. Und wie so ein Produkt aussieht, das man bei Funke für Qualität hält, kann jeder auf „Der Westen“ besichtigen, dem Clickbait-Portal des Hauses. Das ist vermutlich der „Journalismus aus Leidenschaft“, den der Verlag für sich reklamiert.

Schoos Worte sind nur ein Indiz dafür, welchen Stellenwert Zeitungen bei Funke noch haben, dem einstigen Traditions-Zeitungshaus, seinerzeit noch nach dem Mutterblatt WAZ benannt. Viel ist davon nicht mehr übrig. Die Essener Mediengruppe hat ihr Print-Angebot über die Jahre immer weiter eingestampft, Schritt für Schritt, vor allem im heimischen Ruhrgebiet. Sie hat Redaktionen geschlossen und viele Mitarbeiter entlassen.

Im Jahr 2014 dann erleichterte Funke den Springer-Konzern überraschend um etwas Altpapier, für rund 920 Millionen Euro, um sich mit alten Marken zu schmücken: unter anderem mit dem „Hamburger Abendblatt“, der altehrwürdigen „Hörzu“ – und natürlich mit der angedockten „Goldenen Kamera“, dem Fernseh-Event im ZDF, bei dem jeder einen Preis bekommt, der gerade in der Stadt ist. Sich so zu präsentieren, als Teil der prominenten Gesellschaft, ist dem Verlag offensichtlich wichtig. Im Unternehmensporträt heißt es:

„Die FUNKE MEDIENGRUPPE ist auf dem Weg, das beste nationale Medienhaus in Deutschland zu werden.“

Wo auf diesem Weg sich der Verlag gerade befindet, und wann ungefähr er endlich „das beste nationale Medienhaus“ sein wird, steht dort leider nicht. Aber Schoo gibt im Interview Auskunft, was der Weg sein wird:

„Wir haben für uns als Unternehmen festgelegt, dass unsere User in den Mittelpunkt gestellt werden. Der Slogan ist: User first. Das war im Übrigen ein Produkt von allen Chefredakteuren. Wir haben mit allen Chefredakteuren im Tageszeitungsbereich zusammen gesessen: Wie wollen wir die Zukunft gestalten? Wo sehen wir uns in 10, 20 Jahren? Und alle haben gesagt: Es gibt verschiedene Kanäle, Print, Digital, Podcast, was auch immer. Wir möchten, dass wir das aber machen. Es soll keine neue Einheit geben, sondern unsere Leute machen das, äh, und das hat aber dann zur Folge, dass wir alle Abläufe komplett auf den Kopf stellen müssen.“

Der User im Mittelpunkt. Oder eben: User first. So nennt der Verlag seine „Digitaloffensive“, die er im Oktober vorgestellt hat. So soll die „die Arbeitsweise in den Redaktionen“ neu ausgerichtet werden, und zwar „konsequent auf die Interessen, Bedürfnisse und vor allem die veränderten Nutzungsgewohnheiten der Leserinnen und Leser“, wie es heißt. Die „aktuellen Produktionsworkflows“ passten „nicht immer ideal zur Mediennutzung“ der Kunden.

User first: „Was lesen die Nutzer gern? Wovon wollen sie mehr?“

User first ist dabei ganz schlicht: Online first, was andernorts längst umgesetzt wird. Bei Funke sollen sich Reporter auf „Recherche und Schreiben“ konzentrieren, die „Editoren“ konfektionieren das Geschriebene dann für alle Titel und Kanäle des Verlags. Die Pläne, wie das konkret umgesetzt werden soll, sind aber offenbar noch nicht ganz ausgereift. Bis Mitte 2019 jedenfalls soll die Produktion auf ein einheitliches Redaktionssystem umgestellt werden.

Auch der Rest der Offensive ist kein Wunderwerk. Die Redaktionen sollen sich „noch stärker an den Interessen und dem Verhalten der Leser und Nutzer“ orientieren, was natürlich voraussetzt, dass das technisch genau beobachtet wird: „Was lesen die Nutzer gern? Wovon wollen sie mehr? Was interessiert sie nicht so sehr?“ Und die andere Frage ist: Wo bleiben die Redakteurinnen und Redakteure dabei – und wie viele oder wenige sind es künftig?

Funke-Werbung, Funke-Klatschblätter Quelle: Funke Mediengruppe

Aus dem Verlag ist zu hören, dass Funke weiter Verlust macht. Gestern hätte in der „Zentralredaktion Berlin“ (ZRB) eine Betriebsversammlung stattfinden sollen, doch der Betriebsrat hat sie „verschoben“: „Wir erwarten im Laufe des Monats gruppenweit Sparpläne, die vermutlich auch die ZRB betreffen“, heißt es in einer Mitteilung. Und dass die Chefredaktion „noch nicht sprechfähig“ sei. Deshalb sei eine Versammlung „unter diesen Umständen“ sinnlos.

In Essen tagen heute offenbar die Gesellschafter der Mediengruppe. Möglicherweise beschließen sie dort die befürchteten „Sparpläne“, vielleicht aber auch erst nächstes Jahr. Es gibt reichlich Gerüchte in den Redaktionen, wen es dieses Mal treffen könnte. Die „Neue Ruhr-/Rhein-Zeitung“ (NRZ), über deren Zukunft schon länger spekuliert wird? Die „Berliner Morgenpost“? Oder gar die Zentralredaktion? Sicher ist nur: Die Lage ist angespannt, und die Mitarbeiter sind, wie eigentlich ständig im Hause Funke – verunsichert.

„Noch weniger Menschen noch mehr Qualität abverlangen“

„So, wie wir vor 20 Jahren unser Geschäft gemacht haben, funktioniert es nicht mehr“, sagt Schoo. Was auch außer Frage steht. Die Mitarbeiter der Mediengruppe sind sich, wie die Betriebsräte in ihrem Brief schreiben, durchaus bewusst, dass Tageszeitungen „kein Nachrichtenmonopol mehr haben“ und Verluste bescheren, auch wegen sinkender Werbeeinnahmen. Deshalb muss sich auch Funke „neu aufstellen“, wie Schoo sagt. Nur um welchen Preis?

Die Betriebsräte schreiben:

„Wir sehen User first als Perspektive und als Mittel, durch mehr digitale Abos die Verluste der Printausgaben zu stützen. Wir stellen uns dieser neuen Herausforderung, so wie wir es in den letzten zehn Jahren immer gemacht haben. Und das, obwohl die Redaktionen kontinuierlich personell ausgedünnt wurden und immer mehr Aufgaben dazu bekommen haben. Die Folge: Arbeitsverdichtung, Überstunden, steigende, zum Teil gesundheitsgefährdende Belastungen.“

Das sollten Nachrichten sein, die eine Geschäftsführung alarmieren. Aber Geschäftsführer Schoo erkennt die Stimmung nicht, im Gegenteil: „Was wir festgestellt haben“, sagt er über das Konzept User First, „dass wir eine richtige Euphorie innerhalb der Print-Redaktionen leben. Die Leute sagen: Ja, super! Ist ja eine Perspektive für uns, macht total Spaß, wir werden geschult, wir erleben eine richtige Interaktion mit den Usern. Also für alle eine Top-Situation, die wir allerdings auch wirklich sehr kompromisslos angehen müssen.“

Euphorie? Top-Situation?

„Von Euphorie in den Redaktionen kann keine Rede sein“, schreiben die Betriebsräte. Diese Euphorie „könnte vielleicht entstehen, wenn wir nicht ständig in der Angst leben müssten, dass User first nicht doch ein Sparmodell ist und es eigentlich darum geht, noch weniger Menschen noch mehr Qualität abzuverlangen.“

Mitarbeit: Frank Biermann

Nachtrag, 20.12.2018. Bisher ist nicht bekannt, um was es bei der Gesellschafterversammlung ging. Die nächste soll im Januar stattfinden. Die Redakteure sollen unterdessen einen Brief von Geschäftsführer Andreas Schoo erhalten haben, in dem er sich und das kritisierte Interview erklärt.

14 Kommentare

  1. Endlich sagt es mal einer klar heraus: Zeitschriften sind nichts weiter als bunte Werbeprospekte mit Werbeartikel dazwischen.

  2. Man hört ja immer wieder, daß die Macht in den Händen des Kunden liegt. Aber bei diesen Fragen zu Pressethemen bin ich immer wieder ziemlich ratlos und frage mich: Was kann ich als Kunde denn tun?

    Ich wohne in Dortmund, und ich bin seit fast 30 Jahren Abonnent der Westfälischen Rundschau. In meinem Elternhaus wurde die Ruhr-Nachrichten gelesen, und so habe ich mit meinem Auszug (damals als Student) die Westfälische Rundschau abonniert. Ich habe also jeden Tag die Westfälische Rundschau im Briefkasten, und wenn ich meine Mutter besuche, liegt da die Ruhr-Nachrichten auf dem Tisch.

    Als vor einigen Jahren die Dortmunder Redaktion der Westfälischen Rundschau geschlossen wurde, habe ich mich gefragt: Was mache ich nun als Abonnent, also als Kunde? Soll ich kündigen? Soll ich zu den Ruhr-Nachrichten wechseln? Was würde ich damit bewirken?

    Für die überregionalen Themen fühle ich mich mit Online-Publikationen gut informiert. Die gedruckte Zeitung lese ich wegen des Lokalteils. Da ist jetzt egal, ob ich Ruhr-Nachrichten oder Westfälische Rundschau lese, in beiden Zeitungen stehen wortgetreu die Texte aus dem Verlagshaus Lensing. Und nachdem die Konkurrenz weggefallen war, haben die auch nachgelassen. In den ersten Monaten hat man noch deutlich gesehen, daß die Zwischenräume zwischen den Artikeln größer waren, es wirkte insgesamt viel leerer. Das Layout wurde dann geändert, jetzt merkt man das nicht mehr so deutlich. Aber ich habe doch immer noch den Eindruck, daß die Aktualität und die Informationsbreite fehlt.

    Einige Zeit vorher hatte die Stadt Dortmund schon die Publikation der „Dortmunder Bekanntmachungen“ eingestellt. Das war ein wöchentliches DIN-A4-Heft mit Berichten aus dem Rathaus (z.B. Besuch von Partnerstädten, Ehrungen von Bürgern), den Ausschreibungen der städtischen Ämter, den aktuellen Bebauungsplänen bzw. deren Änderungen und den Tagesordnungen des Rates und der Bezirksvertretungen. Diese Informationen könnte ich mir jetzt online zusammensuchen, aber es wäre eben ein „Suchen“, es ist nicht so schön als Heft aufbereitet. Das Abonnement war durchaus nicht billig, aber es war mir seinen Preis wert. Ich habe aber als Kunde gar nicht die Möglichkeit zu sagen „Ich möchte das weiterhin so haben wie bisher, ich bezahle das doch auch“.

    Welche Möglichkeiten habe ich als Kunde, wenn mir die Gebahren von Funke nicht gefallen? Ich bekomme meine Lokalnachrichten ohnehin aus dem Verlagshaus Lensing.

    Ein Kollege riet mir vor einiger Zeit, ich solle mich doch mehr online informieren, z.B. bei den Ruhrbaronen. Da finde ich hauptsächlich Kultur und Informationen über Naziaufmärsche. Aber die kommunale Politik? Neubaugebiete? Nahverkehr? Radwege? Ehrungen?

    Ich bin bezüglich der Lokalnachrichten gefangen beim Medienhaus Lensing. Ich bin davon abhängig, was dort als berichtenswert eingestuft wird. Was kann ich sonst tun? Wo ist meine Macht als Kunde?

  3. Die einzige Macht des Kunden ist zu entscheinden, wo er sein Geld lässt.
    Das war aber auch zu Printmedien-Hochzeiten so und ist auch sicher nicht auf die Branche beschränkt.
    Das Problem ist mittlerweile doch, dass das Angebot nicht besteht, auf eine Alternative auszuweichen, und so dem unliebsamen Medienproduzenten die eigene Unzufriedenheit zu signalisieren.
    Der Markt hat es nicht geregelt. Kann man auch einfach mal so festhalten.
    Bzw. was dabei rauskommt, wenn der Markt es regelt, sieht man ja jetzt: Polypolisierung, survival of the kaufkräftigst and reichweitenstärkest, mehr Reichweite für Fake-News, etc.

    Ich mache mal einen Vorschlag:
    Öffentlich-rechtliche Lokalredaktionen, finanziert durch eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags.
    ( •_•)
    ( •_•)>⌐■-■
    (⌐■_■)

  4. @4: Andere Stadt, selbes Problem. Komme allerdings ursprünglich auch aus Dortmund und kenne deshalb die dortige Lage ebenfalls, mit dem selben Dilemma. Jetzt bin ich fürs Studium in eine andere Großstadt außerhalb des Ruhrpotts gezogen. Hier gibt es eine Lokalzeitung, die ich auch probeweise mal abonniert hatte, hauptsächlich wegen des Lokalteils, denn der Mantel kommt logischerweise (?) nicht an die überregionalen Publikationen heran.

    Es gäbe theoretisch eine Menge zu berichten, recherchieren und hinterfragen, aber meistens bestand der Lokalteil primär aus mittelmäßig interessanten Feel-Good-Geschichten und „Nachrichten“ aus den örtlichen Vereinen, garniert von fast wörtlich übernommen Polizei-Pressemitteilungen. Das kombiniert mit einem Schreibstil, der teilweise an Bräsigkeit nicht zu übertreffen war, Lokaljournalismus aus der Hölle wie man ihn sich vorstellt. Eine Phrase jagte die Nächste. Konsequenz: ich habe das Probe-Abo nach vier Wochen beendet und keine echte alternative Quelle für Lokalnachrichten.

    Ich bekam einen netten Anruf von der Kundenbetreuung des Verlags, weswegen ich denn das Abo nicht fortsetzen würde und habe meine Eindrücke wahrheitsgemäß geschildert. Antwort: „Die Leute wollen das so!“. Ja? Dann sollte sich die Zeitung nicht über sinkende Leserzahlen beschweren. Ich will das nicht so und wäre durchaus bereit, für eine vernünftig recherchierte und geschriebene Lokalzeitung zu bezahlen. Ich zahle auch für Übermedien, die New York Times, den Economist und andere Publikationen, weil sie einen Mehrwert bieten. Den Mantelteil könnte man sich meinetwegen sparen, überregionale Nachrichten kriege ich anderswo besser. Leider gibt es so ein Angebot nicht und ich als potentieller Kunde blicke in die Röhre.

    Kleine Anekdote noch am Rand: die angesprochene Lokalzeitung hat eine Website mit Paywall. Ab und an gibt es dort interessante Teaser zu Artikeln, die mich interessieren würden. Es gibt aber keine Möglichkeit, pro Artikel zu bezahlen, was ich wahrscheinlich alle paar Wochen mal machen würde, wenn doch mal Relevantes berichtet wird. Auf einer Party traf ich zufällig eine junge Redakteurin dieser Zeitung und habe mich länger über diese ganze Problematik unterhalten. Naturgemäß sah sie vieles anders, hatte vor allem aber keine Ahnung, dass es Publikationen gibt, bei denen man pro Artikel bezahlen kann, dass es sowas wie Blendle gibt und dass man so wahrscheinlich zusätzliche Einnahmen generieren könnte. Fand sie aber auch augenscheinlich weder interessant noch relevant und konnte mir auch keinen Tipp geben, wem ich das im Verlag den vielleicht mal schreiben könnte. Die Kundenbetreuung hat darauf nämlich auch nicht reagiert.

  5. @7: MV?
    „Ich will das nicht so und wäre durchaus bereit, für eine vernünftig recherchierte und geschriebene Lokalzeitung zu bezahlen.“
    Ich auch!

    @6:
    Stimmt! Qualitativer Journalismus kostet Geld, gut dass Sie das nun auch merken! Also ca. 50€ / Monat, dafür gibt’s die Lokalzeitung obendrauf. Ich wäre dabei!

  6. Das ist ein schöner Gedanke, mit seiner höheren Haushaltsabgabe nicht nur den öffentlich-rechlichen Rundfunk, sondern auch einen öffentlich-rechtlichen Lokaljournalismus zu finanzieren.

    Der WDR versucht so etwas ja seit etlichen Jahren in seinem Dritten Programm mit den beiden Stadtfernseh-Fensterprogrammen wdrPunktKöln und wdrPunktDortmund. Leider ist das täglich nur eine halbe Stunde, und es ist zu einer Zeit, wo der gewöhnliche Arbeitnehmer noch nicht zu Hause ist. Außerdem kann so eine halbe Stunde Fernsehen nicht die Themenbreite abdecken, die ich vom Lokalteil einer Zeitung erwarte.

    Was ich nach dem Wegfall der Rundschau-Redaktion in Dortmund auch sehe: Es braucht Konkurrenz im Lokaljournalismus. Ich habe immer mehr den Eindruck, im Lokaljournalismus wird „Dienst nach Vorschrift“ gemacht.

    An einem Dienstag um 13 Uhr passiert ein Unfall mit einer Straßenbahn. Ein Redakteur fährt sofort hin, kurz darauf liest kann man in der Online-Ausgabe der Zeitung ein genaues Minutenprotokoll der Ereignisse nachlesen. Es ist genau vermerkt, wann der Unfall passiert ist, zu welcher Minute der Redakteur eingetroffen ist, wann der erste Bus im Schienenersatzverkehr gekommen ist, zu welcher Minute welcher Polizist in welcher Tonhöhe gefurzt hat, wann der Reparaturtrupp der Verkehrsbetriebe die Oberleitung auf Schäden untersucht hat, zu welcher genauen Zeit die Strecke wieder freigegeben wurde, am Ende verabschiedet sich der Redakteur mit blumigen Grüßen und natürlich auch mit exakte Uhrzeit. Und weil viele Bilder dabei entstanden sind, steht am nächsten Tag auch ein ausführlicher Bericht in der gedruckten Zeitung. Online bleibt dagegen das ursprüngliche Minutenprotokoll stehen.

    An einem Dienstag um 22 Uhr passiert ein Unfall mit einer Straßenbahn. Man erfährt davon in der Online-Ausgabe der Zeitung: Nichts. An nächsten Tag steht in der gedruckten Zeitung: Nichts.

    An einem Samstag um 13 Uhr passiert ein Unfall mit einer Straßenbahn. Man erfährt davon in der Online-Ausgabe der Zeitung: Nichts. An nächsten Tag steht in der gedruckten Zeitung: Nichts.

    Das ist generell meine Wahrnehmung von der Lokalberichterstattung in den vergangenen Jahren: Ereignisse haben nicht mehr einen Nachrichtenwert, weil sie interessant sind. Sondern Ereignisse haben einen Nachrichtenwert, weil sie während der Bürozeit passieren. Davon kommt man meines Erachtens nur weg, wenn es im Lokaljournalismus wieder eine Konkurrenz gibt – leider sehe ich derzeit keinen Weg, wie das passieren sollte.

  7. @9: Ja, Ihr Eindruck stimmt. Es streifen nicht permanent Bürgerreporter durch die Städte und warten auf Unfälle. Journalisten bekommen mehr mit, weil sie sich darauf konzentrieren, Dinge mitzubekommen, aber vieles geht an ihnen vorbei.
    Tageszeitungsjournalisten müssen an jedem Tag mit einem Produkt fertig werden. An jedem Tag, es soll interessant, schön, fehlerfrei sein. Keine weißen Flecken. Das gibt es in wenigen Berufen. Vielleicht Chirurgen. Alle anderen können am nächsten Tag weiterarbeiten, ohne dass man sieht, dass sie nicht fertig geworden sind. Da sind sie auch froh, wenn im normalen Leben etwas an ihnen vorbei geht.
    Deshalb der Vorschlag: wenn die primär zur Information Verpflichteten (Polizei, verkehrsverbund) nicht informieren, machen Sie es doch mal. Machen Sie ein Foto, schicken Sie es an die im Impressum des Online-Auftritts angegebene Mail-Adresse, hoffen Sie darauf, dass die Redaktion es nachrecherchiert. Wenn Zeit ist, machen sie das auch. :-)

  8. @10: Die meisten Dinge, die nicht in der Tageszeitung stehen, werde ich selbst ja auch gar nicht mitbekommen. Auch besondere Ereignisse im öffentlichen Nahverkehr, wovon mein Beispiel handelt, bekomme ich in der Regel nicht dadurch mit, daß ich zufällig vor Ort bin, sondern dadurch, daß ich zu dem Zeitpunkt gerade mit einem anderen Verkehrsmittel unterwegs bin und dabei als Fahrgast den Sprechfunkverkehr der Verkehrsbetriebe mitbekomme, daß im Rahmen eines anderen Ereignisses (z.B. im Rahmen einer Werksführung) ein Mitarbeiter der verkehrsbetriebe davon erzählt, oder daß in Webforen von Eisenbahninteressierten darüber berichtet wird.

    Ich bin kein Journalist. Ich habe einen anderen Beruf. Es ist auch nicht mein Ziel, selbst Journalist zu werden und mir meine eigene Tageszeitung zu basteln.

    Sondern ich bezahle einen monatlichen Preis dafür, daß ich täglich eine Tageszeitung mit Dortmunder Regionalteil erhalte. Ich deshalb erwarte ich, darin über die Ereignisse gut informiert zu werden. Wenn ich dann aber merke, daß der Nachrichtenwert eines Ereignisses ganz entscheidend davon abhängt, ob dieses Ereignisse während der Bürozeit passiert oder außerhalb der Bürozeit, dann fühle ich mich nicht gut informiert.

    Ich gehe in den Supermarkt und bezahle Geld zum Beispiel für Butter. Wenn ich mit dem Marktangebot für Butter unzufrieden wäre, würde ich dies auch äußern. Es heißt aber nicht, daß ich selbst in der Lage wäre, bessere Butter herzustellen. Ich wäre zeitlich und organisatorisch gar nicht in der Lage, mit eine eigene Kuh zu halten, diese regelmäßig zu melken und ihre Milch zu Butter zu verarbeiten. Sondern ich bringe Geld in den Supermarkt und erwarte, daß andere Menschen für mich Butter hergestellt haben, die mir gefällt.

    Es ist das Prinzip der arbeitsteiligen Gesellschaft, daß wir nicht alles selbst machen, sondern Menschen sich für bestimmte Berufe entscheiden und sich explizit dafür ausbilden lassen. Mit dem Tauschmittel „Geld“ haben wir ein bewährtes Verfahren, um diese Arbeitsteilung innerhalb unserer Gesellschaft zu ermöglichen.

    Ich bezahle auch monatlich einen Teil meines Gehalts an meine Krankenkasse. Ich erwarte dafür, daß ich bei Unfall oder Krankheit zu einem Arzt gehen kann und dieser mich fachkundig diagnostiziert und behandelt. Wenn die ärztliche Versorgung nicht mehr richtig funktioniert, kann nicht die Alternative sein, mich aufzufordern, mich selbst zu diagnostizieren und zu behandeln. Sondern dann muß das System der ärztlichen Versorgung verbessert werden.

    Bezüglich des Systems der Versorgung mit journalistischen Informationnen, speziell des Lokaljournalismus, habe ich den Eindruck, daß dieses bei Konkurrenz mehrerer Zeitungen besser funktioniert hat. Aktuell bin ich mit dem Lokaljournalismus unzufrieden. Und es wäre traurig, wenn der einzige Ausweg daraus wäre, selbst mit 24 Stunden am Tag mein eigener Journalist zu sein. Das ist nicht der Sinn, warum ich ein Zeitungsabonnement bezahle.

  9. @ 11: Das alles kann ich gut nachvollziehen, vor allem den Konkurrenzgedanken. Ich kenne Zeitungsgegenden mit und welche ohne Konkurrenz, die Unterschiede in Umfang, Qualität und Aktualität sind frappierend.
    Noch nicht ganz klar geworden ist mir, warum von Journalisten ein anderer (Arbeits-)Alltag erwartet wird als in anderen Berufen üblich. Andererseits: Wenn man es nur vom Ergebnis her betrachtet, kann man natürlich sagen: Für 35 Euro Monatsabo will ich einen vollständigen Lokalteil haben. Oder auch für 55 Euro.
    Leider heißt Marktwirtschaft nicht, dass der Kunde bekommt, was er will, wenn er es nur bezahlt. Das gibt es im Massengeschäft überhaupt nicht. Was nicht in Mode ist, ist schwer in den Kleiderverkaufsstellen erhältlich. Oder: Ich hätte zum Beispiel gern dieses Wasser mir Geschmack, aber ohne Zucker, wie es LIDL in England anbietet, aber nicht in Deutschland.
    Gern würde ich einen höheren Beitrag in der gesetzlichen Pflegeversicherung zahlen, wenn es dann auch Pflegeplätze gibt, die komplett von der Versicherung bezahlt werden — die PV ist bisher nur eine Teil-Zwangsversicherung. Leider gibt es diese Idee im politischen Raum nicht, weshalb ich weder dafür bezahlen noch jemanden dafür wählen könnte.
    Worauf ich hinauswill: So, wie Sie es wollen, können Sie es nur selbst hinbekommen. Wenn Sie es andere machen lassen, fast egal, wie viel Geld Sie ihnen geben, bekommen Sie das Maximum fast nie.

  10. Erwarte ich bei Journalisten einen grundsätzlich anderen Arbeitsalltag als in anderen Berufen? Die Straßenbahn in meinem Beispiel fährt ja auch nicht nur während der Bürozeiten. Der Betriebsverantwortliche muß für seine Mitarbeiter Schichtpläne aufstellen, muß ungeplante Ereignisse, Störungen und Krankheit einkalkulieren. Wo ist da der grundsätzliche Unterschied zum Arbeitsalltag in einer Zeitungsredaktion?

    Ja, die Marktwirtschaft versagt leider in einigen Dingen. Ich bin aufgewachsen in der Zeit der deutschen Teilung. Damals hat man uns in der Schule noch erzählt, im Kapitalismus könnte man alles kaufen, während man im Sozialismus das nehmen müsste, was gerade hergestellt wird. Nun steht ich da im Kapitalismus und kann mir die einfachsten Dinge nicht kaufen – wie zum Beispiel einen funktionierenden Lokaljournalismus.

  11. @13: Ich verstehe gut, was Sie meinen. Hier in Berlin kostet das Schichtdienst-Verkehrsangebot pro Tag 7 Euro oder etwa 80, wenn ich mir eine Monatskarte kaufe. Lokalzeitungen, die etwas Ähnliches verlangen, kenne ich nicht.
    Aktuell versuchen viele Zeitungsmanager, den Auflagenrückgang zu managen, also möglichst kein abruptes Ende, aber ein langsames Zurückfahren von Umfang und Qualität, das dann wieder zu einem langsamen Rückgang der Abozahlen führt — und bei all dem den Vertriebskanal Lokalzeitung/Anzeigenblatt aufrecht zu erhalten.
    Ich bin übrigens auch zu Zeiten der Teilung aufgewachsen, habe allerdings gelernt, dass im Westen Ausbeutung herrscht, während im Osten alles allen gehört. Der Zwischenstand der Geschichte nach der Wende ist, dass erst Vieles im Osten an Wenige verkauft wurde und (tageszeitungsmäßig) fast jeder große West-Verlag eine ostdeutsche Gelddruckmaschine mit Quasi-Monopol bekam. Dann kam (für alle) die Ausbeutung für Hartz-IV-Bezieher, zur Vermeidung von Sanktionen zu Niedrigstlöhnen arbeiten zu müssen. Insofern scheint mir die Ost-Schulbildung bisschen näher an der Realität *Smiley*

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