Diskurs

Einen Diskurs zu fordern ist einfach. Positionen werden nicht mehr bezogen, sondern in „Diskursräume eingebracht“. Es wird nicht mehr gestritten oder debattiert, sondern diskursiert. Dadurch schweben die Debatten nicht nur sprachlich über tatsächlichen Missständen, sie werden häufig nur noch unter Gleichgesinnten geführt.

Besonders gilt das für Filterblasen, die sich als progressiv oder links empfinden. Vielleicht stört mich das Wort gerade deshalb, weil ich mich dort bewege? Vielleicht geht mir der Dünkel, der mit der Benutzung einhergeht, gerade aufgrund der Nähe zu den vertretenen Standpunkten besonders auf die Nerven?

„Diskurs“ ist ein Metabegriff, der gebraucht wird, um über das „Wie?“ gesellschaftlicher Diskussionen zu sprechen. Doch wer permanent auf die Metaebene wechselt, nimmt jeder Diskussion das Fleisch und führt sie in die luftigen Höhen des Gelehrtengesprächs. Wer „Diskurs“ einfach synonym für „Diskussion“, „Debatte“ oder gar „Bewegung“ nutzt, intellektualisiert das Gespräch so weit, dass am Ende gar nicht mehr klar ist, über welche Missstände gesprochen wird und wie man ihnen konkret abhelfen könnte.

Machen Sie doch mal den Test: Als Diskussion verstanden, geht es bei #MeToo darum, die Folgen von alltäglichem Sexismus und sexuellem Missbrauch zu diskutieren. Viele #Me-Too-Protagonistinnen verstehen sich demgegenüber als Akteurinnen einer Bewegung und das Erzählen ihrer Geschichten als widerständige Aktion. Es geht ihnen gerade darum, die gängigen Mechanismen gesellschaftlicher Debatten anzugreifen. Nicht Täter*innen und insbesondere Männer sollen die Diskussion bestimmen, sondern die betroffenen Frauen.

Wenn ich #MeToo stattdessen zum „Diskurs“ erkläre, dann kann ich über die Bedingungen dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung sprechen. Zum Beispiel über die unterschiedliche Wertigkeit, die den Geschichten der Betroffenen zugesprochen wird: Gelten sie als Diskussionsbeiträge oder konstituiert ihre Weitergabe für sich genommen schon den erhofften gesellschaftlichen Wandel? Wie sollte ich je nachdem mit den Geschichten der Betroffenen umgehen. Das ist doch für sich genommen auch eine wichtige Frage. Aber ich spreche über die Form der Diskussion, nicht mehr über ihren Inhalt. Ich gerate auf die Metaebene.

Nach Jürgen Habermas ist ein Diskurs „Schauplatz kommunikativer Rationalität“. Wer heute etwas „endlich in den Diskurs einbringen“ möchte, handelt häufig allerdings nicht rational, sondern emotional. Nämlich aus dem Zorn darüber heraus, dass bestimmte Positionen bisher in der gesellschaftlichen Debatte marginalisiert werden. Dieser Zorn kann ja durchaus gerechtfertigt sein, aber: Als vernünftig gilt nach Habermas, was von allen Teilnehmern einer Gemeinschaft als Wahrheit anerkannt wird. Dem steht heute ein populäres Diskursverständnis gegenüber, das mit der absichtsvollen Unterdrückung von abweichenden Positionen rechnet. Skandalös ist demnach nicht, dass bestimmte Positionen bisher keine Rolle spielen, sondern ein vermutetes oder real existierendes Tabu oder Verbot, diese überhaupt zu formulieren.

Schon die Einbringung einer Position in die Debatte kann als mutiger Akt des Widerstands gegen eben solche (versteckten) Mächte inszeniert werden. Nun mögen diese Mächte und Gewalten ja wirklich am Werk sein, allerdings immunisiert das revolutionäre Pathos die eingebrachten Meinungen auch gegen vernünftige Kritik. So werden schon Differenzierungsbemühungen als „Verrat an der guten Sache“ diffamiert.

Mutige Kämpfer gegen Tabus?

Dass wer „Diskurs“ sagt, auch über Macht nachdenken muss, ist der entscheidende Beitrag von Michel Foucault, dem Säulenheiligen der heutigen Diskursjünger*innen. Mit Foucault im Gepäck kann sich jede*r als mutiger Kämpfer gegen Tabus und blinde Flecken der Gesellschaft fühlen. Jeder Diskurs aber erschafft neue Wahrheiten, neue Sprechgebote und -Verbote. Diese Janusköpfigkeit ist doch bedenkenswert: Weder ist es per se gut, alles Mögliche diskursiv zu erörtern, noch sind neue Argumente und Positionen automatisch älteren überlegen.

Man könnte auch fragen, wer eigentlich wo Diskurse inszeniert? Gibt es überhaupt noch eine Öffentlichkeit, die sich über sich selbst verständigt? Heute haben wir es mit unterschiedlichen Gesellschaften, Echokammern, Diskussionsrunden zu tun. Jede mit ihrer eigenen Diskussionskultur und – wenn man so will – Diskursethik. Eine Position kann also durchaus in einzelnen Diskursräumen marginalisiert sein und in anderen Räumen längst hegemonialen Status erlangt haben. Daran kann man sich doch erinnern, wenn man sich an die eigene Echokammer wendet: Durch den Pathos des vermeintlichen Tabubruchs wird die Überzeugung genährt, die eigene Peergroup wüsste als einzige Bescheid. Wo ist da noch ein Unterschied zum wutbürgerlichen Verschwörungsglauben?

Ich wünsche mir, dass wir statt „Diskurs“ andere Wörter verwenden, um klar zu machen, was eigentlich läuft – weil Worte nun einmal leitend sind für die Art und Weise, in der wir Konflikte austragen.

Zum Beispiel das Wort „Debatte“: Statt Meinungen und Positionen in Diskursräume „einzubringen“, werden Diskussionsbeiträge in einer Debatte aufeinander bezogen und stehen nicht in einem ausfransenden Raum nebeneinander herum. Im Parlament entwickelt sich eine gute Debatte, wenn in einer Rede nicht nur die eigene Position erläutert, sondern auch die des politischen Gegners attackiert wird. Dazu muss ich die gegnerische Position zur Kenntnis nehmen, analysieren und argumentativ einbeziehen. Das macht mehr Mühe, aber auch mehr Spaß. Und ist für bisher unbeteiligte Beobachter*innen interessanter. Wenn ich schon meine Gegner*in nicht überzeugen kann, dann vielleicht diese?

Oder das schöne Wort „Streit“: Streit führen ist keine intellektuelle Fingerübung. Im Streit verwende ich mich als ganze Person. Ich zeige mich als ganzer Mensch, der nicht nur einen Geist, sondern auch einen Körper und ein Herz hat. Linke Bewegungen kranken daran, dass sie die Verletzlichkeit und Leiblichkeit ihrer Protagonist*innen als Nachteil empfinden. Das liegt natürlich an konkreten Gewalterfahrungen, die nicht negiert werden sollten. Es gilt aber, die eigene Körperlichkeit und Leidensfähigkeit als Stärke zu entdecken und das heißt die eigene Verwundbarkeit zu bejahen und offensiv einzusetzen. Streit führen heißt nicht nur die Fäuste zu recken, sondern die eigenen Wunden vorzuzeigen. Das eröffnet nicht zuletzt Wege zu anderen Streitformen als dem ewig zirkulierenden Gelehrtengespräch.

Das ist das stärkste Argument gegen die (übermäßige) Verwendung der Diskurs-Vokabel: Ihre Verwendung soll wohl ein Marker für akademische Bildung sein. Seht her, ich bin theoriemäßig up to date! Wenn sie aber alle benutzen, nutzt sich dieser Effekt ab. Was in jeden Feuilleton-Text eingestreut wird, ist nur noch beliebig. Übrig bleibt ein Standesdünkel der Besserwisser*innen, der andere von der Diskussion ausschließt. Vermutlich gerade diejenigen, für die man zu streiten meint.

15 Kommentare

  1. Die Disko-tanten? traffen auf diskutable Diskurse in ihren Diskussionen und diakutierten desperabelle Parrallellen in die dellige Diele,ganz unterschwellig!
    Na wenn das mal nicht geschüttelt und nicht gereimt ist…
    Deutsch Sprack mackt Spaß!
    Es gibt Worte (z.B Diskurs) da fehlen einem die sinnvollsten Worte.
    Da brauchts (un)brauchbarsten Blödsinn!

  2. „Diskurs: Wahrscheinlich von J. Habermas zum Start der 80er Jahre erfundener, eher trübsinniger aber höchst folgenreicher Schnickschnack: Diskursethik, Diskurs über soziale Ungleichheit, Diskurs des Radikalen, Diskurstheorie des Rechts usw. usf. Der Quatsch der 80er Jahre. Erscheint deshalb meist bei Suhrkamp. Ab 1990 in jedem zweiten Buchtitel oder Untertitel […]. Vorsicht: Es gibt einen Projekt-Diskurs, aber auch ein Diskursprojekt! Ohne Bindestrich!“
    (aus: Eckhard Henscheid: Dummdeutsch; Stuttgart 1993; S. 61)
    Der Begriff war schon vor 30 Jahren nichts für die Allgemeinheit. Seitdem ist sie auch nicht klüger geworden.

  3. #MeToo ist mMn ein sowieso schlechtes Beispiel für eine Debatte, deshalb ist es allerdings auch ein schlechtes Beispiel für einen „Diskurs“, den man besser „Debatte“, „Diskussion“ oder „Streit“ nennen sollte, weil es da keine zwei Seiten gibt.
    Bei #MeToo geht es nämlich nicht um die pros und contras von Sexueller Belästigung und Sexueller Diskriminierung (und wenn, wer würde sich öffentlich pro Belästigung und Diskriminierung aussprechen?), sondern darum, dass man solche Vorfälle anspricht, und zwar möglichst zeitnah, wenn man nicht will, dass das weitergeht.
    Wenn alle, die sich zu einer Sache äußern, aber einer Meinung sind, ist das keine Debatte. Es gibt ja auch keine „Debatte“ über Einbrüche, weil die einzigen, die Einbrüche gut finden, die Einbrecher sind. (Welche Diskussion ist eigentlich je von Täter*innen bestimmt worden? Ob Soldaten Mörder sind?)

    Aber ansonsten stimme ich zu – Diskurs klingt sehr nach Angeberwort.

  4. „Wenn alle, die sich zu einer Sache äußern, aber einer Meinung sind, ist das keine Debatte.“
    Eben das sagt der Autor ja: „Wenn ich #MeToo stattdessen zum „Diskurs“ erkläre, dann kann ich über die Bedingungen dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung sprechen. (…) ich spreche über die Form der Diskussion, nicht mehr über ihren Inhalt. Ich gerate auf die Metaebene.“

    #metoo ist kein Diskurs und soll / muss auch keiner sein.
    Dass sexuelle Belästigung so generell doof ist, und dass es da (eigentlich) völlig egal ist, wer wen belästigt, (Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Einkommen) da sind wir uns ja hoffentlich alle einig?

  5. @Anderer Max:
    Ja, und deshalb ist #MeToo keine Debatte, ob sexuelle Belästigung doof ist: niemand vertritt die „Sexuelle Belästigung ist toll“-Position.
    Das heißt nicht, dass „Diskurs“ tatsächlich das bessere Wort ist, sondern, dass das Beispiel schlecht gewählt ist. Irgendeine Debatte, die die Bezeichnung auch verdient hat, wäre besser.
    (Und jetzt bin ich tatsächlich auf der Meta-Ebene angelangt, aber das ist jetzt Absicht. So.)

  6. Ohne #Metoo genauer verfolgt zu haben, scheint es da doch eine Debatte gegeben zu haben – sonst hätte es nicht dieses Echo gehabt. Da waren die Menschen sicher nicht einer Meinung, aber die Debatte ging wahrscheinlich nicht um die Frage ‚Sexuelle Belästigung? JA/ NEIN‘, sondern mutmaßlich ‚Ab wann gilt uns etwas als sexuelle Belästigung?‘ Was sind angemessene Formen des Umgangs damit, was vielleicht unangemessene?‘ und natürlich: ‚Was ist der angemessene Umgang mit dem Vorwurf der sexuellen Belästigung?‘

    Zum Begriff ‚Diskurs‘:
    Wenn er als Synonym für Gespräch/Diskussion/ etc. herhalten soll, dann sollte man ihn nicht benutzen, da es nur Missverständnisse produziert und es außerdem bereits passende Begriffe gibt (Gespräch, Diskussion,…).
    Meine private Diskurserklärung: Unsere Erfahrung, unsere Biographie, unsere Sprache und Denkmuster legen uns im Problemfall Lösungswege nahe, WIE wir überhaupt dieses Problem erfassen, WIE wir es beschreiben, WELCHE Lösungen uns dazu einfallen und WIE wir dafür oder gegen argumentieren würden. Und der ganze Kladderadatsch im gesellschaftlichen Plural: Das ist dann ein Diskurs.
    Zum Beispiel #metoo: In dieser Debatte zeigt sich der gesellschaftliche Diskurs zum Thema Sexuelle Selbstbestimmung/ Bedürfnisbefriedigung/Rollenverstädnisse/ etc.
    Darüber zu reden, bedeutet immer, auf der Metaebene zu sein.
    Aber das schreibe ich ohne substantielle Habermas oder Foucault-Lektüre.

  7. Die #metoo Debatte drehte sich nach meinem Empfinden eigentlich nur um gekränkte, alte, weiße Männer, die es doof fanden, dass #metoo nur für Frauen sei, weil es ja auch sexuelle Gewlt gegen Männer gibt.
    Wie gesagt: Was will man über Erfahrungsberichte debattieren? Die Erfahrung wird sich nicht ändern, egal wie toll sie wegdebattiert wurde.

  8. „Welche Diskussion ist eigentlich je von Täter*innen bestimmt worden? Ob Soldaten Mörder sind?“

    … Keine selektive Genderdiskriminierung anhand überkommener Rollengestlegungen und beschränkungen bitte, also:

    Ob Soldaten*innen Mörder*innen sind?

    Im Unterschied zu dem, was man im aktuellen politischen Klima mit „Diskussion“, „Streit“ oder „Debatte“ verbindet, kann es einen „Diskurs“ nur da geben, wo sich beide Seiten gegenseitig aktiv zuhören. Was den, wie auch immer gelabelten, „Austausch“ in keiner Weise automatisch in eine inhaltsbefreite Metaebene entrückt. Die man sich wiederum sowohl mit „Diskurs“- Label oder ohne strukturell ansehen kann.

    Wurde das vom Autor hinter der Paywall angesprochen oder bleibt dieser Zwangssprung (Label „Diskurs“ beraubt Debatte um den inhaltlichen Streit) einfach so stehen?

  9. Da Tucholski keine Soldatinnen kennengelernt hatte, kann das Zitat nur für männliche Soldaten gelten. Soldatinnen sind selbstverständlich keine Mörderinnen, sondern starke und emanzipierte Frauen.

  10. Schön daß der kleine MaskuCroftel mit dem letzten Satz endlich mal seine mysoginistische Agenda darstellen durfte, sonst versucht er das ja immer hinter Schwafelwänden zu verstecken.

  11. @schnellinger
    Ich nehme mal an, sie meinen das “misogynistisch“ trotz des Wortspiels ernst.
    Da würde ich mal intervenieren wollen und einen kleinen Schritt in Richtung “zurück zum Thema“ machen.
    Nicht jede feminismuskritische Meinung ist gleich antifeministisch oder misogyn.
    Ich finde es schon wichtig zwischen Kritikern und Hatern zu unterscheiden. Also, zwischen jenen, denen grundsätzlich was an der Diskussion liegt und jenen, die sich nur einmischen um Andersmeinende einzuschüchtern.
    Leider gibt es auch bei den Kritikern einige, die die Diskussion einfach gern dominieren wollen, warum auch immer. Da muss man dann halt sehen, wie weit man sich dafür vereinnahmen lässt, v.a. um es für Mitlesende im erträglichen Rahmen zu halten.

  12. Ohhh, soll etwa das heißen, ich wäre Ihnen zu subtil? Ich Böser.
    Und es heißt, wenn schon, misogynistisch, nicht mysoginistisch, womit ich mich natürlich als Frauenhasser oute, weil Frauennichthasser natürlich nicht einmal wissen, wie man das schreibt…

    ODER, ich bin einfach nur satirisch. Satire darf das. Suchen Sie sich’s aus.

  13. @#10:

    Der Gefahr, sich in einen Diskurs verstricken zu lassen, hat sich der kleine Schnellfinger aber wirklich elegant entzogen.
    Frage an den Vorschnellinger: Ist diese Aggro-Schmäh-Namensattacke möglicherweise ein typisch maskulin-miysogyines Territorial-Dominanzverhalten?

    Oder gibt es bei diesem Delikt auch Täterinnen?

    „Ich finde es schon wichtig zwischen Kritikern und Hatern zu unterscheiden. “

    Achtung Meta: Wer keinen Diskurs führen sondern sich selbst als sakrosankten Missionar der unverhandelbar heiligen Wahrheit inszenieren will, wird genau das scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Generell, nicht nur bei diesem Thema. Die Wagenburg muss geschlossen bleiben. Differenzierung ist Schwäche.

    Früher nannte man das in bestimmten ideologisierten Zirkeln einen „gefestigten Standpunkt“.

  14. Vielen Dank für die Freischaltung.

    Leider kann ich im Bezug auf Habermas nicht virtuos mit Markern für die standesgemäße akademische Bildung glänzen. Deshalb nur mal dumm nachgefragt:

    „Als vernünftig gilt nach Habermas, was von allen Teilnehmern einer Gemeinschaft als Wahrheit anerkannt wird.“

    Was bleibt denn da übrig? Dass eine Bundesrepublik existiert und die Erde eine Kugel ist jedenfalls nicht, oder?

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