Hashtaghaters gonna hate: Die Debatte um das Megaphon von #unten

In der Musik erhöht ein # den Ton, im Internet erhöht ein # die Lautstärke. Es ist das digitale Megaphon gesellschaftspolitischer Kommunikation, die durch Aufmerksamkeit ein bisheriges Schweigen durchbrechen möchte.

So ein Hashtag bringt Dinge in einen Sinnzusammenhang. 2007 bereits schlug Google-Entwickler Chris Messina vor, Themengruppen auf Twitter zu markieren. Er fragte: „How do you feel about using # for groups. As in #barcamp.“ Es war das erste Hashtag, und es entstand ein Verschlagwortungssystem, wie wir es aus Zettelkästen oder aus Glossaren kennen. Es ordnete Twitter in unzählige Gruppen und gab Aktivismus fortan eine ganz neue Form.

Der Hashtag entfaltet seine Kraft durch das nicht-lineare Akkumulieren, er vereint verstreute Stimmen zu einem Chor des Protests und macht das Konnektiv zum Kollektiv. Durch das Nebeneinanderstellen eines Wortes und einer Raute wird ein Begriff zum Syntagma des Vernetzungsprinzips, es ist ein typographisierter Link. Und die Art, wie Aussagen organisiert und hierarchisiert werden, bestimmt, ob sie in der Twitter-Kakophonie als #Aufschrei so viel Gehör finden, um eine gesellschaftspolitische Mobilisierung zu bewirken.

Wichtige Debatten: #metoo, #metwo und #unten

Zwei Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:

Unter #metoo wurden Erfahrungen von Missbrauch, Belästigung und sexueller Gewalt gebündelt. Gerade die Akkumulation dieser Erfahrungen machte auf einen systematischen Zusammenhang von Machtbeziehungen und sexueller Belästigung aufmerksam – und ihn sichtbar für alle, die es nicht betrifft.

Unter #metwo wurden dann Erfahrungen von Diskriminierung und Rassismus zusammengefasst. So geballt demonstrierten sie, wie sich Ausgrenzung aufgrund von Herkunft systematisch im Alltag ausgestalten kann. Die Akkumulation machte sie erkennbar für Menschen, die es nicht kennen können.

Und nun hat der Journalist Christian Baron einen neuen Hashtag ins Leben gerufen, um jenen Menschen, die unter sozialer Ungerechtigkeit leiden, Gehör zu verschaffen. Er schreibt zum Auftakt vor ein paar Tagen:

„Wir sind viele, aber wir sind bislang kaum zu hören. Denn nicht wenige von uns schämen sich ihrer Herkunft wegen. Wenn diese Gesellschaft wieder zusammenwachsen will, dann muss sich das ändern. Kein Diversity-Konzept ist vollständig ohne die Dimension der sozialen Klasse. Wir müssen über die feinen Unterschiede reden. Und wir müssen über die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich sprechen. Dann entdecken wir vielleicht sogar Gemeinsamkeiten, wo wir sie derzeit nicht vermuten. Denn die Auswirkungen der Klassengesellschaft betreffen Frauen, Männer und Menschen mit Migrationsgeschichte gleichermaßen.

Die Betroffenen müssen sich zu Wort melden. Darum starten wir #unten.“

Die Geschichten, die unter dem Hashtag gebündelt werden, sind beschämend, und jeder sollte sie unbedingt lesen, denn sie entfalten ihre Eindrücklichkeit als Cluster eines sozioökonomischen Problems und entrücken einen von der eigenen Zivilgesellschaft. Entwürdigung und Kränkung erfolgen hier offensichtlich nicht nur strukturell, sie scheinen ein Teil des Funktionsprinzips gesellschaftlichen Zusammenlebens zu sein, der so hingenommen wird.

Was die Kritik zum Vorschein bringt

Bemerkenswert und symptomatisch sind die Reaktionen auf den Hashtag, gerade die kritischen, die verdeutlichen, an welchem Punkt wir derzeit stehen.

Es hieß etwa, mit Hilfe des Hashtags werde versucht, die Diskriminierung einer Person in prekärer Lebenslage mit Geschlechts- oder Herkunfts-Diskriminierung gleichzusetzen. Werde jemand aufgrund von Ethnie oder Geschlecht diskriminiert, so die Argumentation, wiege das schwerer. Diskriminierung aufgrund des sozialen Status lasse sich ja durch Arbeit verändern. Die Kritiker wollen also Einkommen als identitätspolitische Kategorie nicht gelten lassen.

Gerade dies aber macht den Hashtag #unten umso wertvoller, da dieser Vorwurf von einem überraschenden Optimismus in Bezug auf die gesellschaftliche Mobilität und Durchlässigkeit ausgeht. Es verkennt, dass das Perfide einer prekären Situation ist, dass diese Situation selbst bedingt, wie schwer es ist, sie zu verändern.

Interessant ist auch, dass dieser Vorwurf von allen Seiten des politischen Spektrums kam: von Debattenteilnehmern, die die Gegenseite gerne in mit Nelken und Moral verzierte Elfenbeintürme setzen, und von solchen, die sich ihre Diskursfeinde als Porsche fahrende, neoliberal-egozentrische Herren am Stammtisch vorstellen.

Anekdoten von früher – wieso nicht?

Ein anderer Kritikpunkt: Es überwögen rückblickende Schilderungen, meist von Leuten, die ihre prekäre Situation längst überwunden hätten. Was die Kritiker wiederum als Beleg für die Überwindbarkeit von Klassengrenzen halten. Sie ignorieren dabei, wie stigmatisiert und schambehaftet Sozialleistungs-Abhängigkeit bis heute ist.

Diskriminierungen, diese ätzenden kleinen und großen Verletzungen, sind etwas, das erst verarbeitet werden will, bevor man den Schmerz, den Zorn oder das Lachen darüber teilen möchte – und kann. Soziale Ungerechtigkeit kann erst rückblickend genügend ertragen werden, um es in ein Narrativ zu gießen, und auch bei #metoo und #metwo war es oft ein anekdotischer Nachhall von Kindheits- und Jugenderfahrungen – warum also nicht auch hier?

Der Hashtag als Solidaritätslabel setzt demnach, aufgrund der negativen Reaktionen, eine harsche Realität über die Wahrnehmung Armer frei: Wer unter #unten berichtet, dass er oder sie gegenwärtig arm ist, wird belehrt; wer berichtet, dass er oder sie einmal arm war, wird umarmt.

Ein politischer Hashtag ist nicht nur dafür da, Aufmerksamkeit zu generieren und die kollektive Sensibilität zu erhöhen in der Hoffnung, dass sich etwas ändert. Der stille Wunsch ist, dass das Bewusstsein über diese Diskriminierung die Achtsamkeit und Empathie erhöht, sich im großen Diskurs niederschlägt und ins Realpolitische übersetzt. Einige Kritiker aber scheinen zu befürchten, dass dies wieder nur so ein Hashtag-Aktivismus sei, der für einen Moment das kollektive Mitgefühl erhöhe, im Endeffekt aber nichts ändere.

Der emblematische Wert eines Hashtags

Die Befürchtung ist einerseits berechtigt, denn mehr Empathie löst das strukturelle Problem von Ungerechtigkeit in einer einkommenshierarisch aufgebauten Gesellschaft nicht auf. Verkannt wird dabei aber die Bedeutung jeder politischen Mobilisierung, ob digital oder auf der Straße, der emblematische Wert einer Demo, eines Protest-Konzerts oder eben einer Reihe von Äußerungen, geteilt unter einem Hashtag. Es unterminiert die Bedeutung, die ein #wirdsindmehr, #jesuischarlie oder #unfollowme politisch und medial nun mal hat. Die Bildung von Kollektiven kann einen Diskurs prägen, weil sie sich mit Wahrheiten ins Sichtfeld abgeklärter Lethargiker und Zyniker stellen.

Ein weiterer, typischerweise mit der Kritik an Hashtag-Aktivismus verbundener Vorwurf: Das alles sei ein Befindlichkeit-Exhibitionismus, ein „Prekariats-Porno“ mit dem manipulativen Zweck, Moral und Affekt als politische Größen in die Debatte hineinzuweinen. Die Beschreibung ihrer Situation wird den Erzählenden als Lamento ausgelegt und ihnen, in zweiter Instanz, eine nicht energisch genug überwundene, selbstgewählte Unmündigkeit vorgeworfen. Was absurderweise die Notwendigkeit diese Hashtags wieder belegt.

Das ist das nach wie vor beherrschende Dispositiv, selbst oder vor allem in einer liberalen Gesellschaft: Wer arm ist, ist selbst schuld. Genau deshalb haben Menschen Herkunftsscham. Deshalb wollen sie lieber nicht darüber reden. Deshalb bleiben sie unsichtbar, genieren sich für ihr Schicksal und verstummen. So denken alle, dass es den meisten gut geht, und deshalb denken sie, wer arm ist, muss selbst schuld sein. Deshalb ist der Hashtag so wichtig.

Die angebliche Angst vor der Nivellierung

Einige sehen Hashtags auch grundsätzlich skeptisch, weil digitale Wortmeldungen gegen Diskriminierung oder finanzielles Ungleichgewicht dieselben Instrumente nutzten, mit denen auch Eigendarstellung, PR und Selbstvermarktung betrieben würden. Es ist eine absurde Missgunst: Die Armen sollen ihre Armut nicht so rausposaunen, sie stören die neoliberale Party hier.

Und es stimmt ja: Ein Hashtag zielt auf möglichst große Reichweite und sehnt sich nach dem symbolischen Kapital der Aufmerksamkeit. Man beschwert sich bei den Demonstranten, dass sie ein Megaphon benutzen.

Das ewige Dilemma des Hashtags ist das zwischen Ermächtigung und Undifferenziertheit. Hashtags sind erfolgreich, weil sie die Welt vereindeutigen, und das ist gleichzeitig der größte Kritikpunkt an ihnen. Ohne diese #-Vernetzung würden die einzelnen Stimmen im Nichts verhalten, und in der Vernetzung verhallten die Stimmen manchmal im klangvollen Cluster.

Die Raute macht laut, aber eben auch gleich laut, es gibt keine Zwischentöne. So war eine Folgedebatte, nachdem #metoo die Sensibilität für sexualisierte Gewalt und #metwo die Wahrnehmung für Herkunfts-Diskriminierung erhöht hat, ob es nicht der Debatte schade, ganz unterschiedliche Formen von Übergriffen durch eine Verschlagwortung zu nivellieren.

Ganz ähnlich verhält es sich in den Diskussionen um #unten: Ab wann ist arm arm? Ab wann ist eine Diskriminierung aufgrund der eigenen Einkommensschwäche eine Diskriminierung? Und wirst du nicht vielleicht zu recht diskriminiert, weil deine Armut eh deine Verantwortung ist?

Die angebliche Angst vor der Nivellierung der Nuancen lässt Kritiker das Ganze grundsätzlich in Frage stellen. Noch mehr als der Hashtag selbst, der Ungerechtigkeit hörbar machen will, demonstriert das Echo darauf, dass wir so selbst- wie ungerecht sind.

8 Kommentare

  1. Eine häufige Kritik am Hashtag-Aktivismus, die hier nicht erwähnt wird, ist der Vorwurf, diese Art von Diskursen sei zu elitär, weil der noch immer nicht allzu großen Twitter-Welt vorbehalten. Exemplarisch z.B. hier: http://www.taz.de/!5524188/
    Diese Sichtweise/Kritik sollte man gerade auch bei #unten zumindest mitdenken. Ich bezweifle zum Beispiel, dass das Thema Altersarmut unter diesem Hashtag das angemessene Gewicht bekommt. Weiß man, wie verbreitet Twitter und #unten gerade in den mittlerweile vollkommen abgehängten Schichten ist?

  2. Klassenkampf ist eben kein Teil eines „Diversitykonzepts“, sondern das Resultat der Erkenntnis, dass Lohnarbeit ein schlechtes Mittel zum Lebensunterhalt ist.

    Das hat nichts damit zu tun, dass sich „Arbeiterkinder“ für ihr Bemühen in der Konkurrenz Anerkennung erheischen oder sich für ihren (vorerst) erfolgreich erlangten elitären Status selbst auf die Schulter klopfen (aber immer auf dem Teppich geblieben, gell).

    Oder mit irgendwelchen Leuten, die „Klassismus“ als x-te Dimension in ihren dummen, „intersektionalen“ Theoriemüll einführen wollen oder dem Widerstand derselben Sorte Leute gegen dieses Ansinnen (weil der eigene, vermeintliche Opferstatus dann mit anderen geteilt und damit weniger wert sein könnte).

    Das erinnert mich daran, wie irgendwelche dummen Studenten auf twitterdotcom einforderten, man solle immer freundlich zu seiner Putzfrau sein.

  3. Dass verschiedene Grade von „schlimm“ unter jeweils einem Hashtag zusammengefasst werden, ist sicher nicht so gut, aber als halbwegs intelligenter Mensch kann man das ja auch selber einordnen.
    Alternative wäre, man führt Rangstufen ein #unten, #ganzunten und #ganzganzunten.
    Ich sähe dann schon furchtbare Diskussionen, wer welches Hashtag benutzen darf und wer nicht, den Horizont verdunkeln.

  4. lookistisches derailing, die zweite.
    vor einigen wochen stellte ich hier unter einem anderen beitrag von samira el ouassil die bis heute unbeantwortete frage, warum wir von keinem der anderen autoren auf übermedien deren schönheit im bild präsentiert bekommen, nur von ihr. so daß wir eben nie erführen, wie schön niggemeier, rosenkranz oder pantelouris sind.
    und nun ist sie weg.
    einfach so.
    kein bild mehr, nirgends.
    und ich kann nicht aufhören zu weinen.
    vielleicht war es ja so, daß @niggi und @der_rosenkranz auf meine nachfrage hin a u c h nicht wußten, warum samira el ouassil die große wunderbare ausnahme vom übermedischen bilderverbot für autoren gebildet hat und so haben sie uns also kommentarlos einfach ihres anblicks beraubt und ich begehre, nicht schuld daran zu sein.
    denn ich habe ja n i e gesagt, daß ich sie nicht sehen will.
    wer würde das denn je sagen.
    schluchz.
    ich wollte doch nur wissen, warum ich die anderen nicht sehe. ich wollte doch nur alle sehen.
    doch wird es vielleicht auch so gewesen sein, daß samira el ouassil zu ihnen gesagt hat: ich will wissen, ob ich noch so viel geklickt werde ohne das bild.
    das kann ich gut verstehen, ihre texte, auf die ich ja in meiner lookistischen hymne hier noch gar nicht eingegangen bin, sind ja großartig, differenziert und weitausgreifend, mit einem max-goldtschen übermut an der entlegenen metapher.
    nur, warum schweigen niggi und rosenkranz zu diesem thema so hartnäckig und nehmen einfach nur kommentarlos das schöne bild wieder raus? als ob sie der SPIEGEL wären, der kürzlich den ganzen georg diez aus sich rausnahm und keinem sagte, warum oder auch nur, daß.
    übermedien, übermedien, macht das bild wieder rein und sagt, daß es nur ein versehen war, diesmal. und nichts mit meiner frage zu tun hatte. ich will es nämlich nicht gewesen sein.
    ich will doch nur hier sitzen und samira el ouassil beim lesen auch anschauen.
    vielen dank, @lucianocali_2, übonnent

  5. Wie jeder Hashtag-Aktionismus ist auch dieser eine natürlich elitäre Veranstaltung. Es werde nur Stimmen gehört die eben, logisch auf Twitter sind. Das sind eben nicht die Armen, die Alten, die ohne Internet, die Nicht-Netzaffinen.
    Twitter ist immer noch ein Verstärkermedium, das durch den Überhang von Medienmenschen die sich dort tummeln verstärkt wird.
    Aber in Zeiten, in denen es schon eine Meldung ist, wenn sich Journalisten mit großen Ankündigungen, aufmachen in die Provinz, wo eben 80 Prozent der Menschen in Deutschland leben, passt das natürlich ins Bild.

  6. @ gianno chiaro/#4: Sehr schöner Text, vielen Dank! (Ohne jetzt groß dafür oder dagegen zu sein.)
    Rosenkranz und Niggemeier können Sie aber jedenfalls hier bewundern (falls das ein Trost ist):
    https://uebermedien.de/ueber-uns/

    Der eigentliche Artikel ist natürlich auch wieder sehr interessant.

  7. @5
    zur Ergänzung:
    Es fehlen unter #unten : Obdachlose, die aufgrund ihrer Situation aus dem Anspruch auf Grundsicherung fallen, unter amtsgerichtlicher Betreuung Stehende, die häufig keine Entscheidung über ihr Geld haben, Behinderte in Wohnheimen, die für ihre Werkstättenarbeit z.B. 1 € täglich angerechnet bekommen, machen 30€ im Monat, womit ihr „Taschengeld“ auf 70 € monatlich erhöht wird, u.s.w.

  8. Von mir als Unterschichtler herzlichen Dank für diesen Text.

    Ob #unten irgendwas ändern wird? Keine Ahnung, vermutlich nicht. Für mich jedenfalls ist es wohltuend, dass es solche Aktionen gibt und auch, dass Medien (auch dadurch) wenigstens ab und an mal soziale Themen bringen.

    Aber machen wir uns nichts vor, dass soziale Themen bei SPD und GRÜNE wieder mehr in den Mittepunkt rücken, ist weitgehend der AfD geschuldet und der nun endlich auch damit einhergehenden Einsicht, dass deren Erfolg auch etwas mit Existenz- und Abstiegsängten zu tun hat. Ich hoffe, diese Einsicht kam nicht zu spät.

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