Mehr Spaß mit Hass: Die grausame Logik der „Hater-Interviews“ auf Funk

Die halbe Welt sucht nach Möglichkeiten, etwas gegen Hass zu tun. Bei Funk, dem Jugendangebot von ARD und ZDF, haben sie die Lösung gefunden. Stellt sich raus: Es ist ganz einfach. Hass lässt sich unwirksam machen, indem man souverän oder selbstironisch mit ihm umgeht. Man setzt Probanden einer Überdosis Hass aus, zeigt, dass denen das gar nichts ausmacht, und schon stehen die Hater schön blöd da. Ihre Macht wird weggelacht.

Ungefähr so haben die Verantwortlichen ein Funk-Format gerechtfertigt, in dem Youtuber, Influencer und andere Gäste vor der Kamera heftigsten Beschimpfungen ausgesetzt werden. Sie werden als „fress-süchtige Fast-Fehlgeburten“ bezeichnet, als „kinnlose Kackbratze“ oder als „moppeliger Mongo“; sie werden für ihr Aussehen angegriffen, für ihr Übergewicht, für ihr Verhalten. Die Hass-Show, sie soll in Wahrheit eine Anti-Hass-Show sein.

Das ist natürlich Unsinn.

„Ich hate da mal eine Frage“

Die 27-jährigen Zwillinge Dennis und Benni Wolter betreiben seit Jahren einen Youtube-Kanal, der inzwischen „World Wide Wohnzimmer“ heißt und knapp 800.000 Abonnenten hat. Seit Anfang 2017 gehört er zum öffentlich-rechtlichen Netzwerk Funk. Zu den regelmäßigen Formaten gehört das „Hater-Interview“. Unter dem Titel „Ich hate da mal eine Frage“ werden die Gäste in einem Keller mit „bösen Fragen“ aus der Community konfrontiert, die von einer weiblichen Roboterstimme vorgelesen werden.

Das läuft seit fast zwei Jahren und 50 Folgen so, aber die jüngste Ausgabe hat größere Aufmerksamkeit erregt. Zu Gast war der Youtuber Tobias Eckmeier, der sich Exsl95 nennt und als „fettesten Streamer Deutschlands“ bezeichnet. In seinen Videos zelebriert er immer wieder übermäßiges Essen und Trinken. Er tritt gerne betrunken vor die Kamera und wurde deshalb bereits von der Streaming-Plattform Twitch wegen der Gefahr der Selbstverletzung verbannt.

Bei „World Wide Wohnzimmer“ wird er neun Minuten lang beschimpft, vor allem für sein Übergewicht, aber nicht nur. Er wird unter anderem gefragt:

„Von was bist du fresssüchtige Fast-Fehlgeburt weiter entfernt: einem geordneten Leben oder Unterhosen, die kleiner sind als ein Zwölfmannzelt?“

„Was hat zuerst den Boden erreicht: deine Würde oder deine Wampe?“

„In Afrika sterben Kinder und du erstickst fast an überbackenem Käse. Schämst du atemloser Adipositas-Eimer dich denn kein bisschen?“

„Fühlt es sich geil an, dass dir deine Mutter live dabei zuschauen kann, wie du kinnlose Kackbratze Stück für Stück zum hoffnungslosen Alkoholiker ohne Chance auf ein geregeltes Leben mutierst?“

„Wie traurig macht es dich, dass dich nie eine Frau auf dieselbe Weise anschauen wird, wie du cremigen Gorgonzola anschaust?“

Die Fragen sind Ergebnis eines Aufrufes, in dem die öffentlich-rechtlichen Wohnzimmer-Zwillinge ihre Fans baten, „böse, beleidigende, provozierende und blöde Fragen an Exsl95“ zu stellen.

„Ein Fingerzeig auf die Hater“

Die „Neue Westfälische“ berichtete über das Video unter der Überschrift: „Neun Minuten ‚Body Shaming‘ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk“. Die Wohnzimmer-Zwillinge warfen dem Autoren des Artikels daraufhin vor, die Show nicht verstanden zu haben: „Es ist kein Format für, sondern GEGEN den Hass im Netz. Bei uns sind die mutigen Befragten der Star. Nicht der Hass.“

Ähnlich hatte sich die Pressestelle von Funk gegenüber der Zeitung geäußert. Sie sprach von „Satire“, die darauf ziele, Hass unwirksam zu machen, „indem den Betroffenen die Möglichkeit gegeben wird, auf die Kommentare zu reagieren“:

„Die Fragen kommen von ‚echten‘ Hatern und werden absichtlich überspitzt gestellt. Wer sich dem Interview stellt, dreht an dieser Stelle den Spieß um. Wie der Name schon suggeriert, wird es ein Fingerzeig auf die Hater und den Hate im Netz. Der Befragte führt die Ansichten seiner Hater ad absurdum.“

Es wäre schön, wenn es so einfach ginge. Aber das tut es nicht. Dass jemand eine Strategie gefunden hat, mit Hass umzugehen – ihn demonstrativ an sich abtropfen zu lassen, ihn wegzulachen, ihn kreativ und selbstbewusst zu kontern – bedeutet nicht, dass er oder sie unverwundbar ist. Es mag richtig sein, Hatern zu zeigen, dass sie nichts erreichen mit ihrem Hass. Aber das bedeutet nicht, dass sie nichts erreichen mit ihrem Hass.

Selbsthass als Antwort auf Hass

Tobias Eckmeier alias Exsl95 wird dafür gelobt, wie „selbstironisch“ er auf die Beschimpfungen reagiere. Das ist aber nur eine andere Formulierung dafür, dass der Betroffene auf die Angriffe reagiert, indem er sich selbst angreift. So antwortet er auf den Vorhalt, es werde ihn ohnehin nie eine Frau attraktiv finden:

„Ich hab ab und zu Geschlechtsverkehr mit meiner Hand, und das reicht mir.“

Damit hat er die Lacher auf seiner Seite, aber es sind trotzdem Lacher auf seine Kosten. Der Angreifer macht sich darüber lustig, dass er nie eine Frau abbekommen wird, und der Angegriffene macht sich darüber lustig, dass er nie eine Frau abbekommen wird. Die Antwort auf den Hass ist Selbsthass.

Der Umgang mit Hass, der hier propagiert wird, ist der, ihn zu umarmen und sich gut gelaunt zu eigen zu machen.

Man muss an dieser Stelle wieder auf den sensationellen Stand-Up „Nanette“ der australischen Komikerin Hannah Gadsby verweisen, in dem sie erzählt, wie sie irgendwann gemerkt hat, wie ungesund die Lesbenwitze für sie sind, die sie über sich gemacht hat, dieser self-deprecating humour, der so gut ankommt:

„Ich habe meine gesamte Karriere auf Humor aufgebaut, der mich selbst herabwürdigte. Aber wisst ihr, was das für jemanden bedeutet, der bereits nur am Rand der Gesellschaft existiert? Das ist keine Demut. Es ist Demütigung.“

In einigen Hater-Interviews von „World Wide Wohnzimmer“ wird die Sache noch furchtbarer, weil die Selbstironie nicht einmal gekonnt ist – wie auch. „Die Selbstironie/Schlagfertigkeit von @Exsl95 ist vorbildlich“, attestieren die Wohnzimmer-Zwillinge ihrem Gast, und das kann sich, wenn man das Video anguckt, nicht auf die Qualität der Antworten beziehen, die meistens hilflos, überfordert, unlustig sind. Wenn überhaupt kann es sich nur auf die Haltung beziehen; darauf, dass Eckmeier das böse Spiel akzeptiert.

Die Behauptung von Funk, „der Befragte führt die Ansichten seiner Hater ad absurdum“, ist grotesk falsch. Das Gegenteil ist richtig: Der Befragte bestätigt sie. Die Hater halten ihn für eine monströs übergewichtige Witzfigur und er gibt für sie die monströs übergewichtige Witzfigur.

Anstatt die Wirkungslosigkeit von unfairen Angriffen zu demonstrieren, tut das Format immer wieder das Gegenteil. Die Youtuberin Mirellativegal wird gefragt: „Immer wenn ich dein Gesicht seh‘, krieg‘ ich Hunger auf Pfannkuchen. Zufall?“ Sie antwortet darauf, etwas zögerlich: „Nee, meine Mutter hat auch immer schon gesagt, dass ich ausseh wie ein runder Pfannkuchen.“

Irrwitzig übertriebener Hass?

Eine Verteidigungslinie des Formats betont, dass die Hass-Fragen erkennbar ins Irrwitzige übertrieben seien, so dass klar sei, dass sie nicht ernst gemeint sein können. Jeder, der mal einige Hasskommentare gesehen hat, die zum Beispiel Frauen bekommen, weiß, dass das nicht stimmt – weil es nicht stimmen kann. Die Mord- und Vergewaltigungsfantasien, die da mitgeteilt werden, sind von grenzenloser Grausamkeit.

Der Gedanke, dass sich der reale Hass durch Übertreibung zu einem offensichtlich künstlichen Hass verfremden lässt, ist völlig abwegig. Die Hetze, mit der Gäste wie Eckmeier konfrontiert werden, ist nicht zu extrem, um echt zu sein. Sie ist so extrem wie echte Hetze.

Die Youtuberin Hatice Schmidt wird gefragt: „Geschminkt würde ich dich knallen; ungeschminkt würde ich dir lieber eine knallen. Klingt fair, oder?“

Die Grenzen zwischen Kritik und Hetze verwischen

Es wäre problematisch genug, wenn das Format sich darauf beschränkte, die Gäste mit grotesk übertriebenem Hass zu konfrontieren, um zu zeigen, wie lächerlich er ist, wenn er ins Leere läuft. Aber das tut es nicht. Die Gäste werden mit extremen, indiskutablen Beschimpfungen konfrontiert – und mit sehr diskutabler harter Kritik. Die Vermischung zeigt sich schon darin, dass die Verantwortlichen selbst mal von „Hatern“ reden, die angeblich bewusst übertreiben, und mal von „harten Kritikern“.

In der Praxis ist beides regelmäßig untrennbar miteinander verbunden, am vielleicht eindrucksvollsten demonstriert in dieser Frage an den Youtuber Jonas:

„Findet es deine durchaus fickbare Freundin eigentlich geil, dass du sie sexualisierst, nur damit überhaupt noch jemand deine Videos anblickt?“

Theoretisch kann man die Kunstfertigkeit bewundern, mit der in dieser Frage eine indiskutable Sexualisierung mit dem Vorwurf einer Sexualisierung verknotet wird. Praktisch bedeutet das aber, dass die öffentlich-rechtlichen Wohnzimmer-Zwillinge in diesem Format die Grenzen zwischen Kritik und Hetze konsequent verwischen.

Eine Frage an Exsl95 lautet:

„Wann vertehst du sahneschlürfender Schandfleck in der Größe einer Mehrzweckarena endlich, dass dir deine Zuschauer nur deswegen Geld ins meterhohe Maul schmeißen, damit sie sich weiter an deinem körperlichen Verfall aufgeilen können?“

Das ist, verpackt in wüste Beleidigungen, eine leider überaus berechtigte Frage, die sich in schmerzhafter Weise stellt, wenn man sich ein bisschen mit Exsl95 beschäftigt und der Art, wie er seinen Kontrollverlust zur Belustigung seiner Zuschauer zur Schau stellt. Wenn man sich auf den Beleidigungsteil dieser Frage konzentriert und darauf „lustig“ antwortet, muss man die Berechtigung des Kerns der Frage ignorieren. Und wenn man den ernsten Kern der Frage beantwortet, legitimiert man den Hass in der Verpackung.

Der RTL-Komiker Chris Tall wird gefragt, ob es ihm gefällt, dass er viele seiner Lacher „von rassistischen Kackspaten“ kassiert. Das ist keine schlechte Frage. Sie wird allerdings eingeleitet mit dem auf sein Äußeres bezogenen Satz: „Gar nicht mal so schlecht für jemanden, der wie ein Gummibärchen aussieht, das über eine Woche im Wasserglas lag.“

Der Hass ist der Star

Es mag absurd erscheinen, sich in dieser Detailliertheit mit den Abgründen der Fragen eines um Aufmerksamkeit bettelnden Youtube-Formates zu beschäftigen, das doch nichts mehr tun will, als seine Zuschauer auf krasse Art zu unterhalten. Es ist aber nötig, um die Rechtfertigung, diese öffentlich-rechtliche Sendung sei ein Anti-Hass-Format, als Bullshit zu entlarven.

In Wahrheit ist es sehr banal: Die Beschimpfungen, die Beleidigungen, die Grenzüberschreitungen machen den Reiz dieser Show aus. Der Hass ist der Star.

Die Wohnzimmer-Zwillinge haben in der Verteidigung der Exsl95-Folge immer wieder darauf verwiesen, dass er sich – wie alle anderen auch – diesem Hass freiwillig ausgesetzt habe und wusste, was ihn erwartet. Das taugt aber nicht als Rechtfertigung für die Grenzüberschreitungen, denn betroffen ist hier nicht nur der Gast (der behauptet, er hätte den Spaß seines Lebens gehabt, aber vielleicht, angesichts seines öffentlichen Wirkens, wirklich nicht der beste Experte dafür ist, was gut für ihn ist). Betroffen sind auch die Zuschauer. Es geht nicht nur um Exsl95, es geht auch um andere, die aus dem hier gezeigten Umgang mit Hass lernen – Täter, Opfer, Schaulustige.

Das Format tut so, als wäre Hass – in der Exsl95-Folge konkret in Form von Body Shaming – unproblematisch, wenn das Opfer bloß souverän und selbstironisch mit ihm umgeht. Es verlagert die Verantwortung für Verletzungen von den Tätern auf die Opfer.

Dass die Hater bloßgestellt werden können, wird dabei schon dadurch verhindert, dass sie gar nicht sichtbar sind: Ihre Hetze wird anonym und verfremdet durch die Roboterstimme vorgetragen. Irgendwelche Gegenangriffe der Opfer führen ins Leere. Und im Zweifel können die, die die Hetze formuliert haben, sogar so tun, als hätten sie es gar nicht so gemeint, weil sie ja nur einem Aufruf gefolgt sind.

Das ganze Elend dieses Aufrufs zu angeblich nicht einmal ernst gemeintem Hass, zeigt sich beispielhaft in diesem Twitter-Dialog:

Eine Frau spielt das Spiel der Auftrags-Hetze mit, muss sich aber vorwerfen lassen, dass sie aufgrund ihres Aussehens nun wirklich niemandem sein Aussehen vorwerfen dürfe.

Ein bisschen Selbstkritik

Immerhin: Die öffentliche Kritik der vergangenen Tage scheint auf die Verantwortlichen von Funk Eindruck gemacht zu haben. Sie räumten ein, dass man das Format anders sehen könne als es angeblich beabsichtigt ist. Auch Dennis und Benni Wolter änderten ihre Strategie im Umgang mit der medialen Kritik, und veröffentlichten eine Stellungnahme:

Aber das Statement zeigt auch, dass sie das Problem nicht wirklich verstanden haben. Dass das Hass-Format nicht als Positiv-Format gesehen wird, liegt demnach vor allem daran, dass man sie oder das Format nicht kennt. Immerhin:

„Wir müssen zugeben, dass wir bei der Folge mit ‚Exsl95‘ einfach zu viele Fragen zuließen, die sich ausschließlich mit seiner Optik beschäftigten. Dabei soll ‚Ich hate da mal eine Frage‘ vorrangig Content-kritisch sein.“

In der vergangenen Woche hatte es an gleicher Stelle noch geheißen, man greife „stets die Achillesverse [sic] des jeweiligen Gastes“ an. „Egal ob ‚fett‘ oder ‚dumm‘.“ (Tweet inzwischen gelöscht.)

Und zur Erinnerung nochmal – mit der Formulierung „Fragen, die sich mit seiner Optik beschäftigen“ in dem Statement sind Sätze gemeint wie diese:

„In Afrika sterben Kinder und du erstickst fast an überbackenem Käse. Schämst du atemloser Adipositas-Eimer dich denn kein bisschen?“.

Die Zwillinge wollen das Format nun „weiterentwickeln und besser machen“.

Nachtrag. In einem Video haben sich die beiden noch einmal verteidigt und angekündigt, in der Reihe „Hater-Interview“ die Gesprächspartner nicht mehr mit Beleidigungen, sondern mit harten inhaltlichen Fragen zu konfrontieren.

39 Kommentare

  1. Humorkritik scheint das neue Steckenpferd von Übermedien zu sein.

    In dem Fall sollte man aber nicht ausser acht lassen, dass auf YT dieser „Hass“ eine weit verbreitete Umgangsform ist, die wir Älteren vielleicht nicht mehr nachvollziehen können, aber dort mit einer grossen Inbrunst gepflegt wird und meiner Ansicht ein Teil der YT-Kultur ist.

    Ein weitere Faktor in diesem speziellen Fall ist, dass Typen wie Exsl95 nur aufgrund dieser Gruppen überhaupt solche Aufmerksamkeit erlangen konnten. Dank YT kann er davon leben und das hat viel damit zu tun, dass er diesen vermeintlichen Hass auf sich kanalsiert und damit in relativ kurzer Zeit hundertausende Follower aufbauen konnte.

    Es ist im Grunde eine sich selbst erhaltene Medienwelt die völlig ausserhalb aller anderer liegt. Auch WWW gehört mehr oder weniger dazu. Deren Beiträge sind immer sarkastisch egal ob gegen andere oder sich selbst.

    Nun damit zu kommen, dass wir deren Kommunikationsform nicht mögen und andere gesagt haben sie mögen das auch nicht, mag moralisch toll klingen ist aber erstmal nur Überheblichkeit, die es aber schon immer gab.

    Früher haben sich die Sittenwächter z.b. über das MAD Magazin aufgeregt, die mit ähnlichen Humor angefangen haben. Viele vergessen offensichtlich diesen speziellen Humor, den viele Menschen in jungen Jahren haben und der oft etwas merkwürdig wirkt. Aber im Grunde nicht wirklich gegen andere Menschen geht, sondern es ist – wie auch hier – ein sich lustig machen, über die Moralwächter und die Freude darüber wie diese reagieren.

    Damit habt ihr die Anwärterschaft als „Sittenwächter 2020“ eingereicht, die „Pennäler“ wird es freuen. Ich schau derweil ein wenig Tanzverbot, KuchenTV, MontanaBlack, HeyMoritz, Simon Desue, usw.

    Übrigens euer Lieblingscomedian war da auch schon
    https://www.youtube.com/watch?v=fm-rKPg6bDw

  2. Vielen Dank für den Beitrag! Wenn ich mir das Video ohne Ton anschaue, dann drängt sich mir der Eindruck auf, der Typ findet diesen Auftritt ungefähr so lustig wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Ich bin sicher zu alt für die Zielgruppe, aber ich sitze davor und frage mich: Warum tut sich jemand das an? Das frage ich mich bei vielen anderen Formaten auch, und natürlich ist das nicht besonders zielführend. Ich denke, die Frage muss eher lauten: Warum akzeptieren wir so etwas als Unterhaltung, und was macht das mit den Zuschauern, wie es auch Stefan Niggemeier tut? Natürlich sind die Leute alle über 18 und für sich selbst verantwortlich, und natürlich ufert der Gedanke, man müsse jemanden vor sich selbst schützen rasch aus. Wo zieht man hier eine Grenze? Bei Formaten, die die eigene Selbstachtung untergraben? Bei Formaten, die nicht nur die eigene Würde, sondern auch die der Zuschauer beschädigen? Hate und Beleidigungen lassen sich nicht durch ständige Wiederholung abstumpfen. Das führt nur dazu, dass noch krassere Geschütze aufgefahren werden.

  3. Etwas erschütternd finde ich die Art der Reaktionen, die die Kritik unter den Artikeln und z.B. auf Twitter anzieht. Auseinandersetzung mit der Kritik oder überhaupt dem Problem findet so gut wie nicht statt, kaum Reflektion oder Selbstreflektion, weitgehend wird sich reduziert auf latent beleidigendes Schmähgeprolle, hilflose wie vorhersehbare Zynismusversuche („sogenannte Journalisten“) und die ebenso gute alte wie blödsinnige Flucht in die wohlige-debile Vereinfachung „die alten Leute verstehen die Jugend nicht, und das war schon immer so, also egal“. Vieles davon gerade aus der Youtuber-Konsumentenecke (wo differenzierte Reflektion, sagen wie mal nett, nicht direkt zuhause ist) und der Gaming-nahen Szene (die inzwischen getrost als toxisch verseucht einzuschätzen ist). Internet halt.

    Liebe „Jugendliche“,

    Wenn „Ältere“ das was ihr tut oder sagt, und wie ihr es tut oder sagt, manchmal kritisieren oder sonstwie geringschätzen, dann soll es auch schonmal vorkommen, dass sie das nicht machen weil sie euch und eure Kultur nicht verstünden, sondern weil das was ihr tut und sagt, und wie ihr es tut und sagt, tatsächlich, also so wirklich und ganz in echt, kritikwürdig und einfach voll Scheisse sein könnte.

    Herzlichst,
    Früher war mehr Lametta

  4. Da kommen aber noch paar Faktoren zu, oder?
    Erstens verkauft der seine Merkmalsausprägung ja auch entsprechend (freiwillig) und verdient damit Geld.
    Zweitens ist Kontroverse gut für’s Geschäft.
    Drittens ist es keineswegs bewiesen, dass man sich den Hass dadurch zu eigen macht und daraus Selbsthass werden muss.
    Wenn ein korpulenter Schauspieler eine Rolle spielt, in welcher der Charakter, den er spielt, beleidigt wird für seine Körperfülle; wird sich der Schauspieler diese Beleidigungen zu eigen machen und seinen Selbsthass schüren? Die Merkmalsausprägung haben Charakter und Schauspieler ja gemeinsam.

    Der ist doch nicht blöd, der Milennial-Youtuber. Ich glaube tatsächlich, dass die Babyboomer immer noch nicht ganz kapiert haben, was „da im Internet“ so los ist.
    Da verdienen Typen, die jeden Tag 10 Stunden Counter-Strike („Killerspiel“) über Twitch streamen, pro Tag vier-fünfstellige Summen durch Spenden und Subscriptions allein.
    Gewöhnt euch dran: Man gibt heutzutage seinem Lieblings-Streamer 3€ am Tag. Und ein Monatsbudget von 20€ für Waffenskins bei CS:GO sind einkalkuliert.
    Ich glaube die Dimensionen, in wlechen man mit geringem Aufwand viel Geld verdienen kann, sind den Allermeisten hier gar nicht klar.

    Ich will dem Jungen da auch nichts unterstellen, aber ich glaube nicht, dass der nicht wüsste, wie er seinen Kanal bestmöglich und ohne viel Aufwand vermarktet.

  5. Ach ja, was hält man hier eigentlich von der Show „The Roast of …“?
    Ist dat nu Ironie oder wie? Darf man dat? Sollte man?

  6. Hab ich das richtig verstanden: Die „Community“ wird erst dazu aufgefordert, Hassfragen zu formulieren und einzusenden, und die werden dann an den betreffenden Youtuber gestellt? Man kratzt also nicht etwa schon existierende Hasskommentare zusammen, sondern lässt quasi extra welche aufsetzen und zuliefern? Weil so Recherche und so ist echt voll 20. Jahrhundert, oder wie? Gut, dann ist hier wohl der Punkt, wo ich mich zu den nörgelnden Rentnern gesellen muss … die Jugend heutzutage …

  7. @nona – #3

    „Etwas erschütternd finde ich die Art der Reaktionen, […] beleidigendes Schmähgeprolle[…]“

    Finde den Fehler!

    Kleiner Hinweis: Beleidigendes Schmähelaborieren klingt nur klüger als Schmähgeprolle, ist es aber in aller Regel nicht, schon gar nicht, wenn man sich selbst damit aufwertet, dass man ganze Personengruppen (Proleten/Unterschichtler) pauschal abwertet.

  8. Wenn dieses Format tatsächlich einen „Erziehungsauftrag“ zu erfüllen in Anspruch nimmt, dann ist das Lernziel doch höchstens:

    „Wer bei YT o.ä. Fame farmen will, braucht ein dickes Fell.“

    Joah, ne, wär hätte däs gearnt?

    Das hilft aber weder weiter bei der Fragestellung: „Wie kritisiere ich Menschen, ohne sie zu beleidigen?“ noch bei der Fragestellung: „Wie gehe ich mit Beleidigungen, Mobbing und ähnlichem um, falls ich leider kein dickes Fell habe?“
    Die fortgeschrittene Fragestellung: „Ist es eigentlich ok, sachliche Kritik an Inhalten und beleidigende Werturteile über Äußerlichkeiten zu vermischen, und wenn ja, darf ich das auch bei dem eher molligen Mädel in meiner Parallelklasse machen, da der YT-Typ xy ja doppelt so dick ist, und anscheinend auch kein Problem damit hat?“ wird natürlich auch irgendwie ausgeklammert.

    Und ja, wenn die „Geroasteten“ schlagfertige, witzige oder sogar _gute_ Antworten haben, finde ich das persönlich gut, aber mir ist klar, dass das auch ein ganz anderes Publikum anziehen kann.

  9. @Mycroft: Es gibt aber noch mehr Deutungsmöglichkeiten.

    Dadurch das diese Art der Beleidigungen lächerlich gemacht werden, in dem sie so überzogen benutzt wird und von dem vermeintlichen Opfer ebenfalls aufgebauscht wird, ist diese Beleidigung irgendwann keine Beleidigung mehr.

    Ich habe vorhin mit zwei 15 jährigen Mädchen an einem Tisch gesessen. Die haben sich ständig mit „eh du fotze, biste dumm?“ angeredet, „du Bitch“ ist eine Kosename, „Der Kananke, der xxx, ist voll süß“ anbaggern, usw. usf. – das sind beste Freundinnen und die reden so, ob mir das gefällt oder nicht. Wenn die jemanden beleidigen wollen, benutzen die andere Begriffe als wir.

    und wie ich schon sagte, vor 50 Jahren waren es die MAD Heftchen. In meiner Jugend vor 30 Jahren, waren es die Texte der Ärzte, die uns angeblich verrohten und gegen die Zucht und Ordnung verstießen.

    Exakt das Gleiche läuft auch hier ab. Nur das die heutigen Kritiker, dieser angeblichen Verrohung der Jugend, z.T. selbst noch relativ jung sind. Früher waren das nur die alten Säcke und Streber die niemand mochten, die versuchten die Jugend zu unterdrücken. Heute stecken sie unter einer Decke.. Schöne neue Zeiten – nach den Hippies kamen die Punks!

  10. Ich finde die Beleidigungen nicht ins Lächerliche überzogen – sie sind nicht krasser als reale Beleidigungen. Und machmal treffen sie auf ihre beleidigende Art leider total den Kern. (Das steht auch alles im Text. Vielleicht doch einfach abonnieren? Oder erst nach dem Lesen kommentieren?)

  11. Am Anfang des Textes steht eine Auflistung verschiedener Beleidungen, unter anderem die Betitelung „moppeliger Mongo“. Es wird aber leider nicht gefragt, wie das „Weglachen“ dieser vermeintlichen Beleidigung auf diejenigen Menschen wirken soll, deren Leben als beleidigender Begriff herangezogen wird. Wie soll es jemand empfinden, der mit dem Down-Syndrom lebt, wenn eine andere Person, die selbst nicht das Down-Syndrom hat, öffentlich darüber „weglacht“, daß sie als „moppeliger Mongo“ bezeichnet wird?

    Statt dessen bezeichnet Stefan Niggemeier diese Formulierung als Beispiel für eine Beleidung für Aussehen, Übergewicht oder Verhalten. Hä? Was soll das?

  12. #5 Anderer Max: Ich denke auch, dass der Youtuber das mit der erklärten Absicht macht Geld zu verdienen, und Aufmerksamkeit zu erzielen, und möglicherweise verdient er auch gut damit. Aber das ändert doch nichts am Setting. Der Schauspieler, den Sie anführen, der ist nach der Rolle wieder er selbst. Der Youtuber ist immer er selbst – es ist nicht seine Rolle, die er hier den Beleidigungen aussetzt, sondern das, was sein Leben ausmacht. Natürlich bin ich zu alt, um Social Media zu verstehen, aber die Menschen, die Social Media nutzen sind doch jetzt keine andere Spezies. Wenn ich beleidigt werde, werde ich beleidigt, und natürlich macht das was mit mir. Und wie möchte ich jemanden, der für sich und sein Publikum Beleidigungen und Hate als den Normalfall akzeptiert, klar machen, dass es andererseits überhaupt nicht geht, zu mobben und zum Beispiel mit dem N-Wort eine ganze Bevölkerungsgruppe zu diskriminieren?

  13. Ob man seinen guten Freund/gute Freundin „Vollspacken“ nennt oder jemand völlig anderes, macht schon einen Unterschied.

    „Überspitzt“ würde ich das auch nicht nennen, höchstens mit der Einschränkung, dass hier keine „original“ Hater-Kommentare aus den I-Net-Auftritten der jeweiligen „Opfer“ genommen werden (die diese vllt. schon gelesen haben), sondern dass hier explizit nach Hate-Kommentaren gefragt wurde. Wenn ich bspw. Chris Tall eher so semi-kritisch sehe, aber nicht hasse, bin ich trotzdem in der Lage, einen gemeinen Spruch zu formulieren. Diese Hatespeech kommt also nicht notwendigerweise von echten Hatern.

    Ich glaube auch nicht, dass das Hating überzogen werden muss, damit das Format „funktioniert“. Krieg in einem Kriegsfilm wird ja auch nicht unbedingt überzogen dargestellt. Nicht jeder Kriegsfilm ist pro-Krieg. Und ich bin durchaus der Ansicht, dass die Intention der Macher relevant ist, wenn man das moralisch einordnen will.

    (Im Fall des moppeliger abwertendes-Wort-für-Menschen-mit-Down-Syndrom hätte man das aber auch vorher aussortieren können, da gebe ich Herrn Rehbein recht.)

  14. Wieder mal ein sehr interessanter Text, danke dafür.

    Ich sehe das aber ähnlich wie Anderer Max. Natürlich ist für bekannte Youtuber auch das alles „seine Arbeit“ und die Beleidigungen gehören zum Geschäft (bzw. wissen die meisten auch, wie man damit umgeht bzw. sogar noch mehr Reichweite bekommt). Das ist ja auch an der Replik des Youtubers selbst zu sehen.

    Ich habe aber noch eine andere Ergänzung: Im Artikel sagst du:
    „Das Format tut so, als wäre Hass – in der Exsl95-Folge konkret in Form von Body Shaming – unproblematisch, wenn das Opfer bloß souverän und selbstironisch mit ihm umgeht. Es verlagert die Verantwortung für Verletzungen von den Tätern auf die Opfer.“

    Das ist vielleicht etwas starkt formuliert, es trifft aber mMn am Ende sehr wohl teilweise den Kern. Denn wenn man Beleidigungen ignoriert, sind sie — zumindest für einen selbst — unproblematisch. Natürlich entbindet das „den Hater“ nicht von einer Verantwortung, aber ich denke tatsächlich dass es meistens sinnvoller ist, den Leuten ein Selbstbewusstsein mitzugeben, als zu versuchen, alle Beleidigungen zu löschen/stigmatisieren. Denn das zweite wird — vor allem für Personen des öffentlichen Rechts — nicht möglich sein.
    Oder etwas philosophischer mit Viktor Frankl:
    „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

  15. Das mit dem lesen kann ich zurück geben. Ich hatte nicht geschrieben, dass die Beleidigungen lächerlich wären, sondern die Art der Beleidigung wird in’s lächerliche gezogen. Ein mir auch aus der Jugend bekanntes Muster. Man macht sich über die Dummheit der anderen lustig, in dem man deren Verhalten völlig überzogen selbst anwendet.

    Das in dem Format auch reale Punkte hinterfragt werden ist ein Sideeffekt, der es positiv von anderen abhebt. Wer die interviewte Person kennt, weiss worum es geht und freut sich aus deren Mund eine Stellungsnahme zu hören.

    D.h. diese Interviews sind für YT (in diesen Kreisen) eigentlich relativ anspruchsvoll. Da dort zum einen mit den Klischee – die für die Youtuber und deren Reichweite wichtig sind – gespielt wird und zum anderen auch Sachen hinterfragt. In dem Interview kommen z.b. das problematische Trinkverhalten, das Verhältnis zur Mutter oder andere interna wie z.b. der Beef mit Tanzverbot zur Sprache.

    Es gibt übrigens das Format „dislike“ das echte hater zu Wort kommen läßt. Ist aber weniger lustig, weil das überzogene fehlt.

  16. Ich finde die “Ich hate da mal eine Frage“-Reihe ziemlich witzig. Die Fragen sind oft sehr kreativ und haben unvermutete Wendungen. Außerdem wird den Befragten wirklich Zeit gegeben, etwas darauf zu antworten, was sie normalerweise vielleicht nicht tuen würden. Ich denke es hilft doch, zu zeigen, dass die Empfänger solcher Nachrichten echte Menschen mit Gefühlen sind und keine Kunstfiguren bei denen man allen angesammelten Frust abladen kann.
    Die YouTuber kommen eigentlich alle sehr sympathisch rüber. Der Selbsthass war, wenn überhaupt, schon vorher da und wurde bestimmt nicht durch die Fragen ausgelöst. Die Folge mit Exsl95 hat vielleicht deswegen soviel Aufmerksamkeit erregt, weil seine selbstzerstörerische Art so schwer zu ertragen ist, das ist aber in seinen anderen Videos ähnlich. Ich kann verstehen, wenn man als emphatischer Mensch der Ansicht ist, dass da dann wenigstens nicht noch weiter drauf gehauen werden sollte.
    Die Kritik z.B. bei Chris Tall wird trotzdem beantwortet und nicht wegen der Fragestellung übergangen.
    Mongo hätte aber nicht zugelassen werden sollen, rassistische Beleidigungen hätte World Wide Wohnzimmer wahrscheinlich auch nicht genommen.
    Wenn durch solche Sendungen eine Diskussion angestoßen wird hilft es der Sache wahrscheinlich mehr, als es ein einzelnes Format je könnte.

  17. Der Unterschied zu Formaten wie Disslike oder „Celebrities Read Mean Tweets“ von Jimmy Kimmel ist, dass die Adressaten dort die Kontrolle behalten. Sie lesen die Kommentare selbst vor und bestimmen selbst, wie viel sie von ihrer Verletzbarkeit preisgeben. Auch gibt es keine Vermischung zwischen Hetze und legitimer Kritik. Dadurch zeigen diese Formate, dass auch berühmte Personen Menschen sind, und dass Hass trifft. Und, wie man damit souverän und selbstbestimmt umgehen kann, wenn man es kann.
    Bei WWW liegt der Fokus auf dem Spaß an der Herabwürdigung, egal, was die Macher behaupten. Die Probanden werden schön in Nahaufnahme präsentiert, damit auch ja jede Schweißperle, jedes verräterische Zucken zu sehen ist. Es scheint manchen Menschen ein Grundbedürfnis zu sein, auf anderen herum zu hacken. Interessant, wie manche das verteidigen, weil es ja schon immer so gewesen sei, dass die älteren nix verstehen und moralisierend auf die Jugend herabsehen. Das mag ja sein, aber könnte das vielleicht einfach daran liegen, dass die älteren durch ihre Lebenserfahrung besser beurteilen können, was so ein Verhalten bewirkt? Und dass es einfach Scheiße ist?

  18. Bei disslike werden echte Kommentare vorgelesen. Die von www sind ausgedachte Fragen, die von den Zuschauern formuliert wurden. Die haben das Format verstanden. Exsl95 aus dem hier besprochen Video im übrigen auch. Er hat ein Video (das bereits in den Kommentaren verlinkt wurde) hochgeladen wo er seine Sicht der Dinge sagt und die ist ziemlich konträr zu denen der Moralapostel.

    Genau darum geht es, dass für manche Menschen es ein „Grundbedürfniss“ (oder besser gesagt sie sind Arschlöcher) andere zu erniedrigen. Mit genau solchen Videos wird denen ihre Mittel der Beleidigung genommen, weil gezeigt wird das ist völliger Unsinn so zu reden und es gibt antworten darauf.

    Das Problem ist, heute denken viele man müsste immer Opfer schützen, vor jedem und alles. das ist aber falsch, man muss Opfer stark machen und Täter schwach. Das wird genau so erreicht, in dem deren hohle Phrasen überzogen benutzt werden.

    Und das mit den Schweißperlen ist ein Stilmittel davon. So wie der dunkle Keller, die S/W Optik und die Sprache. Allein die Verabschiedung „.. und jetzt verpiß dich“ zeigt: das ist die „Hurensohnsprache“ der Jugend und nicht Ernst gemeint (Sie war es noch nie. Ich bin Ü50 und wir haben früher auch so miteinander geredet, wenn wir uns über Spießer/Moralisten oder Rechte lustig gemacht haben.)

    Das ist im übrigen nichts anderes wenn vermeintliche Ghetto- oder Babysprache (i bims) benutzt wird. Deshalb sollte man nicht gleich eine ganze Generation für dumm erklären.

  19. @Struppi: Das heißt, der Vorhalt, der in der Frage steckt:

    „Wann vertehst du sahneschlürfender Schandfleck in der Größe einer Mehrzweckarena endlich, dass dir deine Zuschauer nur deswegen Geld ins meterhohe Maul schmeißen, damit sie sich weiter an deinem körperlichen Verfall aufgeilen können?“

    … der ist auch gar nicht ernst gemeint? Ich finde das aber eine sehr bedenkenswerte Kritik, verpackt in eine völlig indiskutable Form.

    Und inwiefern ist jemand „stark“, wenn er auf den Hass dadurch reagiert, dass er ihn sich zu eigen macht?

    Haben Sie mal in die Kommentare unter diesen Videos oder in die Antworten auf die Twitter-Aufrufe geguckt? Ich finde da keinen Hinweis darauf, dass Hatern „das Mittel der Beleidigung genommen“ wird, im Gegenteil. Alle haben großen Spaß am Mitbeleidigen.

  20. Ich habe das Format auch verstanden, so komplex ist es ja nun wieder nicht. Und ich kann trotzdem nicht erkennen, dass es die behauptete Aufklärungsarbeit zu leisten in der Lage ist. Ich nehme den Machern nicht mal ab, dass das ihre Intention ist.
    Zu meiner Jugendzeit gab es übrigens das Format „Der heiße Stuhl“. Das fand ich damals auch daneben, also liegt meine Ablehnung von krawalligen Sendungen vielleicht gar nicht am Alter?

  21. @23: Leider wird das durch die Frage in @22 deutlich. Die indiskutable Form ist genau das, was nicht Ernst gemeint ist. Dadurch das auch ernstgemeinte Frage in diese Form gepackt wird, entsteht erst dieser Spin das die Beleidigungen nicht mehr ankommen.

    Du „Hurensohn“ oder „Fotze“ sind für Jugendliche keine echten Beleidigungen bzw. ein Teil ihrer alltäglichen Ausdrucksform untereinander. Und ich muss sagen, dass auch ich (als Ü50) überrascht war, als die schon mal erwähnte Jugendliche mit 13 anfing SXTN Texte in ihre Umgangssprache einzubauen.

    Dazu gehört auch das maßlose aufbauschen von Beleidigungen – das sind für die einfach Floskeln, wie wir sie in einem schönen Gedciht wahrnehmen.

    Ich kenne die Kommentare und ich folge einigen solchen Accounts bei Twitter. Die haben grossen Spaß. Es gibt aber auch welche, die sich damit inhaltlich auseinandersetzen. Das ist alles im Rahmen dessen, wie dieser Teil der Jugendlichen kommuniziert. Niemand muss das lesen und das WWW verbaut das in ihrem Format. Jugend war schon immer schwierig.

    @Inga: „Aufklärungsarbeit“ wäre ist ein grosses Wort. Sagen das die Macher?
    Ich hab deren Antwort gesehen und es ist natürlich nicht einfach solche Generationsprobleme zu kommunizieren, aber ich finde es auch problematisch alles zu pathologisieren was Jugendliche tun und mit dem pädagogischen Hammer zu kommen. Es ist ihre Welt, die sie brauchen. Wir waren damals in den 80’ern auch genervt wenn Erwachsene versucht haben unsere Welt nach ihren Regeln ändern zu wollen. Und ja, es sind nicht alle so. Zu meiner Zeit gab es für jeden Typ Mensch eine Jugendbewegung – ich war Punk und liebe noch heute das überschreiten von Grenzen (des Denken, des „guten“ Geschmack) und Überraschungen in der Kunst. Für mich ist diese Diskussion um die Inhalte dieser Videos, wie der Würgegriff der Spießer in den 80’ern.

  22. Ach und eine Sache muss ich noch los werden.

    Das Format ist ja nicht gerade neu und fast alle Gäste (bis auf Coldmirror) wurden in ähnlicher Art und Weise interviewt. Urplötzlich wird das Format kritisiert, warum jetzt? warum gab es diese vermeintliche „größere Aufmerksamkeit“?
    (was auch merkwürdig klingt. Es gibt etliche Folgen aus der Reihe mit deutlich mehr „Aufmerksamkeit“. Da gab es aber keine Kritik. „Super Hupen, sind die echt?“, „Bist du der Fetteste bei Pielemann“, …)

    Das absurde dabei ist ja, dass Exsl95 nur diesen Bekantsheitsgrad hat, weil er sich als der dickste YT Deutschland aufgebaut hat.

    Der „content“ von ihm ist mehr oder weniger von „Tanzverbot“ geklaut (mittlerweile sind sie dicke Freunde). Bei dem ich mich auch schon gefragt habe, wie man fast 1Mio Abos bekommt nur damit das man sein „Fastfood fressen“ und „über Sexfantasien reden“ zeigt – der Punkt ist, diese Leute wirken auf viele Menschen authentisch.

    Nicht wie Sie und ich, sondern wie Millionen Kids da draussen die nicht so sozialisiert wurden wie wir und andere „Kultur“ Vorstellungen haben.
    Die beiden sind dabei eine ganz spezielle Sache, die durch ihren Umgang mit sich und ihrer vermeintlichen Dummheit von dem sonstigen SchickiMicki Content auf YT abheben und durch ihren Umgang mit ihren Defiziten zeigen, dass man auch als dicker, dummer Aso beliebt sein kann.

    Es ist eben nicht so, dass die „selbstironisch“ sind, wie es im Artikel behauptet wird. Nein, sie sind wie sie sind und kümmern sich einen Scheiß darum, dass andere sie abstempeln wollen. Das ist das Selbstbewußt das sie zeigen. Aber solche Artikel wie dieser und der in Vice, drücken in meinen Augen eher Verachtung für solche Menschen aus und wollen diese wieder zurück in die Wüste schicken oder höchstens als bedauenswerte Kreaturen im RTL II Programm übrig lassen. YT war eine Chance für solche Leute bevor die Medien darauf aufmerksam wurden und jetzt werden diese Inhalte langsam abgeräumt. YT verweigert immer häufiger die Werbetauglichkeit und das weglöschen wird auch mehr.

    Mich macht so was wütend. Weil ich solche Entwicklungen von früher kenne, wo Schlaumeier und Besserwisser irgendwann alles übernehmen und am Schluss nichts mehr davon bleibt, was die Guten und Ehrlichen sich am Anfang aufgebaut haben.

    Leider kann ich nicht so schön wie ein Herr Nigemeier formulieren um diese Wut auszudrücken. Aber ich finde Sie glaubwürdiger, wenn Sie sich an Grossen abarbeiten.

    Schade wäre es, wenn bei dem Format WWW nur eine weichgespülte Form übrig bleibt, dann könnte ich auch LeFloid gucken oder eines der anderen Drecksfunkkanäle, die jeden YT’er, der sie kritisiert auf der Plattform sperren läßt oder öffentlich diffamiert, wenn sie zu erfolgreich damit sind.

  23. Ich bin da auch im Wesentlichen bei struppi.
    Ich verstehe ebenfalls nicht, wie man einfach die Antwort von Exsl mit seiner Sicht der Dinge ignorieren kann und trotzdem behauptet er würdige sich mit diesem Format von www selbst herab.
    Wie kommt es, dass einige immer glauben, sie wissen alles besser als die jeweiligen „Opfer“?
    Das mag ja bei „Nanette“ etc. alles so zugetroffen haben, aber heißt das automatisch, dass es allen Menschen, die sich selbst „auf die Schippe nehmen“ so geht? Warum sollte das so sein?

  24. @Stefan Niggemeier

    Ich bin wirklich ernsthaft interessiert, wie Sie das hier Kritisierte von Böhmermann und Zini* formal abgrenzen wollen. Ich habe die Verbiegung im Kopf nicht hinbekommen, kann es beides aber auch dann nicht als Missbrauch der oder Übergriff aus der satirischen Form ablegen.

    *nur echt mit „Mongokopf“ und „Mösenmann“

  25. @27: Leseschwäche? Oder habe ich mich irgendwo fehlerhaft ausgedrückt?

    Ü50 bin ich – aber ich erinnere mich gut an meine Jugend und bin in der Lage wenn ich mich mit jungen Leuten (U20 + U30) unterhalte oder mir auf öffentlichen Kanäle Inhalte aus dieser Generation betrachte, deren Intention und Probleme zu verstehen. Auch bin nach wie vor begeistert davon, wenn junge Leute sich von alten Leuten (Ü50) abgrenzen wollen und dazu zu Mitteln greifen (müssen) die diese befremdlich finden oder verstören.

    Das ist aber nichts neues und schon seit vielen tausend Jahren so. Wir kennen ja alle das (vermeintliche) Zitat von Sokrates, daher verwundert mich diese Frage. Diese Abgrenzung ist ein Teil der menschlichen Sozialisation.

  26. (Also begeistert bin ich nicht von der Abgrenzung an sich, sondern von dem was dabei rauskommt. Kulturell und Sozial – wir diskutieren hier gerade über soziale Mechanismusen, die meiner Ansicht von den Jugendlichen erfolgreicher behandelt werden, als von den Erwachsenen gewünscht wird. )

  27. @29: Oder was von einem TV Beitrag zur Hauptsendezeit zu halten ist, in dem ein Mensch gezeigt wird der ein extrem massives Mobbingopfer ist und davon auch immer wieder spricht und damals explizit gebeten hat, dass er nicht gezeigt wird.
    Das Video ist das 5 meist gesehene auf deren YT Kanal. Gut für die ARD, aber gut für den Mensch?
    https://www.youtube.com/playlist?list=PLmdw78dzzcvDqcpVOebqF-oZUEuU0mJMS

    Hier dazu ein paar Gedanken von ihm, die ich beeindruckend finde für jemand, der sicher nie soviel Bildung geniessen dürfte wie all die Leute die sich lustig über ihn machen und ihm glauben helfen zu müssen.
    https://draches-block.blogspot.com/2018/09/2082018-mein-tag-in-der-holle.html

    Ich kann es nicht anders sehen, der Umgang des world wide wohnzimmer mit diesem Thema ist deutlich ehrlicher und mit Sicherheit auch erfolgreicher, als diese vermeintlich aufklärerische in Wirklichkeit reiserische Video.

  28. @Stefan Niggemeier

    Wenn Sie beides gleich verurteilenswert finden, müssen Sie das natürlich keinesfalls. Ich habe aus Ihren Worten irgendwie die Kritik an einem Machtgefälle gelesen, so nach der Art: Sie haben sich zwar alle in professioneller Funktion einem bekannten Prozess unterworfen, aber sie werden so hart angegangen, dass sich die persönliche Verletzung nicht von dem Spiel mit der öffentlichen Person trennen lässt.

    Ich sehe das nicht so, hätte in diesem Fall allerdings den Unterschied zu einer Spielszene, in der ein Autorenteam einen Late-Night-Talker gegen eine Bildschirmanimation antreten lässt, verstanden.

  29. @Struppi: Nicht jede Kritik an Jüngeren durch Ältere ist ein Generationenkonflikt. Abgesehen davon würde ich als U-50 auch noch nach meinem Übertritt über die magische Grenze in die Ü-50-Gruppe gerne noch mitreden dürfen, was wir uns als Gesellschaft für Werte geben wollen. Danke.

  30. @tina: tun Sie doch.

    Aber dieser Satz sagt auch viel aus. Sie wollen der Gesellschaft „Werte“ geben, wenn Sie meinen nicht erkenen zu können, was Sie von einem YT Video erwarten oder erhoffen. Das ist eine Haltung von Erzkonservativen oder des „Alters“ gegen junge Menschen, die es seit Jahrtausenden gibt.

    Sie beklagen verlorene Werte oder Moral und erkennen nicht, dass es genau um diesen Konflikt geht und den jungen Menschen darum neue Werte zu finden. Was sie tun, in dem sie die, die sie für unglaubwürdig halten über Bord werfen.

    Das könnten Sie auch Wissen wenn sie sich damit beschäftigen würden, was diese Leute machen und worüber sie reden. Das was Sie als Hass und Beschimpfung empfinden sind Stilmittel, die auch aus dieser Ablehnung der Gesellschaft entstehen. „Ihr nehmt uns nicht Ernst, wir euch auch nicht“

    Insofern ist es aber anderseits gut, wenn es diese solche Menschen wie Sie gibt. Druck von Aussen formt Subkulturen und bringt Veränderungen.

    Zu meiner Zeit – in den 80’ern – kamen die kämpferischten Freigeister auch aus Bayern oder Baden Württemberg, wo Konservative regierten.

  31. Ich hätte tatsächlich gerne gewusst, warum bei der Aufzählung der Beispiele für Beleidigungen ausgerechnet die Formulierung „moppeliger Mongo“ aufgelistet wird, obwohl der Artikel mit keinem Wort auf die Problematik eingeht, das mit einer Beleidigung gleich eine ganze Personengruppe (die sich eben nicht bewusst diesem Sendeformat ausgesetzt hat) mitbeleidigt wird.

    Da ist zu Anfang dieses Beispiel einer behindertenfeindlichen Beleidigung, und dann tut der ganze Artikel aber so, als ginge es bloß um Einzelpersonen, die sich dem Haß stellen und dabei in Selbsthass abrutschen. Dann hätte man in dem zweiten Absatz als drittes Beispiel doch eine andere (nicht behindertenfeindliche) Beleidigung wählen sollen.

    Gerade dieses Beispiel finde ich besonders extrem, weil Menschen mit Down-Syndrom heutzutage immer noch als lebensunwert angesehen, d.h. nach pränataler Dignostik abgetrieben werden. In den 70ern hat man das sogar als zu erstebende Zukunftsvision angesehen:
    https://twitter.com/bilderbein/status/1042148684572647424

  32. @Daniel Rehbein: Ich habe das Beispiel gewählt, weil ich es nicht fassen kann, dass jemand eine solche behindertenfeindliche Beleidigung benutzt, noch dazu in einem öffentlich-rechtlichen Format. Ich hatte nicht das Gefühl, dass man das überhaupt noch erklären muss. Aber um ganze Gruppen und nicht nur Einzelpersonen geht es natürlich auch danach. Es geht natürlich nicht nur um den einzelnen dicken Youtuber, sondern die Beleidigung von Dicken überhaupt (Stichwort Bodyshaming).

  33. „Zweitens ist Kontroverse gut für’s Geschäft.“

    Wenn Exsl95 also ein Video hochlädt, auf dem er sich erhängt, gehen die Viewerzahlen durch die Decke. Verstehe. /sarcasm

    Manchmal müssen Personen auch vor sich selbst geschützt werden.
    Gerade das Beispiel Tanzverbot führt es doch vor: Er hatte riesige Probleme, als seine ehemalige Wohnadresse rauskam. Auf seinen Namen wurde Pizza bestellt, sein Haus wurde mit Schmutz beworfen, seine Nachbarn drangsaliert, seine Wohnung wurde der Feuerwehr gemeldet, so dass diese sich genötigt sah, dort reinzugehen, während Tanzverbot selbst gar nicht zu Hause war, sein Konto auf Paypal wurde gesperrt usw. Er hat das Ruder rumgerissen bekommen, es hätte aber auch übel ausgehen können!

    Und der Hate is real! Das hat nichts mit Abgrenzung der Jugendkultur zu tun. Was dem Freiburger OB passiert ist, erfahren YTer auch. Ohne die geistige Reife zu haben, das verarbeiten oder entsprechend richtig reagieren zu können. Und Mobbingopfer leiden unter Mobbing, das ist nun wahrlich nicht neu!
    Hass und Beschimpfungen werden tatsächlich schon mit Meinungsäußerung gleichgesetzt, Bsp. ein Video von Coldmirror: https://www.youtube.com/watch?v=2VyV7B-2kTA
    Das ist weder gesund für den Angegriffenen noch für eine demokratische Diskussionskultur! Beschimpfungen sind keine Meinung (Argumente gibts sowieso nicht), einige stehen nicht umsonst im StGB.

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