rbb‑Marketing behindert Arbeit von rbb‑Reportern

Am Donnerstag vorvergangener Woche sind in Berlin-Friedrichsfelde ein junger Mann und sein kleines Kind auf dramatische Weise ums Leben gekommen. Als ein Team der „Abendschau“ des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) vor Ort eintraf, rastete die Mutter aus. Was ihnen einfallen würde, schrie sie, ihr Mann und ihr Sohn seien gestorben, ob das ihre Vorstellung von Unterhaltung sei. Die Mitarbeiter des Senders fuhren unverrichteter Dinge wieder ab.

Auf ihrem Auto stand in großen Buchstaben: „BLOSS NICHT LANGWEILEN“.

Alle Fotos: Jörg Wagner

Der Vorfall macht gerade die Runde im Sender. Aber er ist nur ein besonders dramatisches Beispiel für die Probleme, die Reporter des Senders immer wieder haben, seit er vor gut einem Jahr eine neue Marketingkampagne begonnen hat. Zu der gehören provokante Sprüche, die auch auf allen Dienstwagen kleben. „Offensiv, frech und prägnant wollen wir zeigen, dass wir der Sender der Hauptstadt und ihrer Region sind“, sagte die Marketingchefin Pia Stein damals. „Das machen wir unangepasst und unbescheiden, mit einem Schuss Selbstironie.“

Es stellt sich allerdings heraus, dass ein Satz wie „Bloß nicht langweilen“ seine Witzigkeit verliert, wenn man mit ihm zum Beispiel zu einem Unfall fährt, wo gerade wieder eine Radfahrerin überfahren wurde. Und dass sich Menschen, wenn die Stimmung ohnehin schon schlecht ist, von provokanten Sätzen tatsächlich provoziert fühlen. Insbesondere, wenn die öffentlich-rechtlichen Berichterstatter in Brandenburg unterwegs sind, wo sie ohnehin für einige ein Feindbild sind, entfalten Sätze wie: „Was gucken Sie denn so?“ oder: „Machen Sie mich etwa an?“ mit ihrer gewollten Doppeldeutigkeit eine ungute Wirkung. Es sei „eher ein Verhinderer von Kommunikation“ als ein Gesprächsauftakt, erzählt eine Reporterin.

Sie sagt, sie kenne keinen Kollegen, der glücklich sei über die Sprüche auf den Autos. In alltäglichen Drehsituationen sorgten sie immer wieder für Irritationen. In einer internen Mail der Abteilung, die für die Disposition der Reporterteams zuständig ist, ist von „Problemen und teilweise Konflikten aufgrund der rbb-Claims“ die Rede. Die Brisanz des Problems sei offenbar größer als bislang angenommen.

Besonders unglücklich ist auch die Beschriftung des Übertragungswagens. Der Satz „Alter, was hier heute wieder los war“ kann bei negativen Anlässen für eine Berichterstattung sehr unpassend wirken – man stelle ihn sich vor, wie er am Rande eines Terroranschlags oder auch nur einer Gedenkveranstaltung geparkt ist. In einzelnen Fällen sei er bereits im Einsatz mit Molton abgehängt worden, berichtet ein rbb-Mitarbeiter.

„Es ist schon ein großes Problem“, sagt er über die Beschriftung des kompletten Fuhrparks. „Kameraleute werden beschimpft. Die Sprüche machen schlechte Stimmung.“

Seit Monaten schon sollen sich Mitarbeiter über die Probleme mit den Slogans auf den Dienstwagen beklagen. Doch das Marketing habe erst gar nicht reagiert – und dann eigenmächtig untaugliche Lösungen angeordnet haben, heißt es. So seien für mehrere tausend Euro magnetische Metallplatten angeschafft worden, mit denen sich die Slogans abdecken ließen. Das Problem ist nur, dass man mit solchen Magnettafeln eigentlich nicht fahren darf. Im Zweifel müssten die Berichterstatter in der Nähe des Geschehens, aber außer Sichtweite, anhalten, die Platten befestigen, und den Rest des Weges dann in Schrittgeschwindigkeit zurücklegen.

Als einen anderen Vorschlag brachte das Marketing die Möglichkeit ins Spiel, vier Wagen als sogenannte „Pietäts-Fahrzeuge“ zu designieren. Auf denen würden die polarisierenden Slogans durch den schlichteren Aufdruck „Watch Local“ ersetzt. Doch auch das ist nach Ansicht der Betroffenen keine Lösung: Gerade die tragischen, dramatischen Einsätze lassen sich meistens nicht vorher planen. Die Reporter werden, wenn etwas passiert, mit ihren Wagen von harmlosen Terminen abberufen, wo sie nicht unbedingt mit einem „Pietäts-Fahrzeug“ hingefahren sind.

rbb-Sprecher Justus Demmer sagt: „Uns war beim Start der Kampagne klar, dass es Einsätze gibt, bei denen ‚kesse Sprüche‘ nicht angemessen oder sogar schädlich sind. Deshalb haben wir neutrale Wagen vorgesehen. Wir sehen allerdings, das es immer wieder Situationen gibt, in denen das nicht ausreicht. Damit werden wir uns auseinandersetzen und Lösungen finden.“

14 Kommentare

  1. BLOSS? Nicht BLOß?
    Ich weiß gerade nicht mehr, welche Novelle der letzten Rechtschreibreform noch oder schon gültig ist, sorry.

  2. Das Zitat der Marketingchefin deutet insgesamt auf eine generelle Ignoranz, deutliche Abgehobenheit und Realitätsverlust hin, sofern ich das nicht falsch interpretiere.
    Aber den rbb zum Sender „der Hauptstadt und ihrer Region“ zu erklären, ist bemerkenswert, schließlich stellt der Sender das ÖR-Länderprogramm für Berlin und Brandenburg dar. Die Menschen in Potsdam sehen sich wahrscheinlich nicht als Bewohner der Hauptstadtregion, die Menschen aus Senftennerg oder Lauchhammer garantiert nicht.

  3. Erst seit letztem Jahr gehört das „große/grosse SZ“ offiziell zum amtlichen Regelwerk der deutschen Rechtschreibung (vgl. Pressemitteilung auf rechtschreibrat . com, 29.6.2017).

  4. Die Kampagne selbst ist ja eigentlich nicht schlecht, aber…

    Vielleicht hätte sich das rbb-Marketing vorher ein paar Sendungen „Abendschau“, „Brandenburg aktuell“ und „RBB Aktuell“ anschauen sollen und überlegen, bei wie vielen der Beiträgen es angemessen wäre, wenn die RBB-Reporter im Marketingwagen anreisen. Und ob es überhaupt eines journalistischen, zumal öffentlich-rechtlichen Mediums angemessen ist, die eigenen Journalisten zur Marketinglitfasssäule zu machen.

  5. Es gibt in den meisten öffentlich-rechtlichen Sendern zwei Abteilungen, die wirklich jeder halbwegs vernünftige Mitarbeiter auf den Mond schießen möchte: die Marktforschung – und das Marketing.

  6. Was soll denn bitte so schwer daran sein, die Aufschriften entfernen zu lassen und zwei, drei Wagen für organisierte Fröhlichkeit so zu belassen?
    Ja klar, kostet Geld… das sollte man dem Marketing in Rechnung stellen, das wohl nicht von der Wand bis zur Tapete denken kann.

  7. Was so schwer daran ist, Daarin? Über den eigenen Schatten springen; sich schämen müssen (als Werbe-Strategin, und auch als diejenigen, die das so abgesegnet haben); das nächste Mal nicht so’n mächtigen und völlig am Wesentlichen vorbei gehenden Etat flächendeckend verblasen können (und auf der Website der ausführenden Agentur macht sich der Fuhrpark schließlich prächtig!!).

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